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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 14
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Neben dieser Berechnung des äussern Daseins geht aber jene fortlaufende Schilderung des politischen Lebens einher, von welcher oben die Rede war. Florenz durchlebt nicht nur mehr politische Formen und Schattierungen, sondern es gibt auch unverhältnismässig mehr Rechenschaft davon als andere freie Staaten Italiens und des Abendlandes überhaupt. Es ist der vollständigste Spiegel des Verhältnisses von Menschenklassen und einzelnen Menschen zu einem wandelbaren Allgemeinen. Die Bilder der grossen bürgerlichen Demagogien in Frankreich und Flandern, wie sie Froissart entwirft, die Erzählungen unserer deutschen Chroniken des 14. Jahrhunderts sind wahrlich bedeutungsvoll genug, allein an geistiger Vollständigkeit, an vielseitiger Begründung des Herganges sind die Florentiner allen unendlich überlegen. Adelsherrschaft, Tyrannis, Kämpfe des Mittelstandes mit dem Proletariat, volle, halbe und Scheindemokratie, Primat eines Hauses, Theokratie (mit Savonarola), bis auf jene Mischformen, welche das mediceische Gewaltfürstentum vorbereiteten, alles wird so beschrieben, dass die innersten Beweggründe der Beteiligten dem Lichte bloss liegtWas Cosimo (1433-1465) und seinen Enkel Lorenzo magnifico (+ 1492) betrifft, so verzichtet der Verfasser auf jedes Urteil über die innere Politik derselben. Eine anklagende Stimme von Gewicht (Gino Capponi) s. im Archiv. stor. I, p. 315, s. Die Lobpreisung Lorenzos bei Roscoe scheint es hauptsächlich gewesen zu sein, welche eine Reaktion hervorrief. (Sismondi, Hist. des rép. it. u. a. m.). Endlich fasst Macchiavelli in seinen florentinischen Geschichten (bis 1492) seine Vaterstadt vollkommen als ein lebendiges Wesen und ihren Entwicklungsgang als einen individuell naturgemässen auf; der erste unter den Modernen, der dieses so vermocht hat. Es liegt ausser unserm Bereich, zu untersuchen, ob und in welchen Punkten Macchiavell willkürlich verfahren sein mag, wie er im Leben des Castruccio Castracane – einem von ihm eigenmächtig kolorierten Tyrannentypus – notorischer Weise getan hat. Es könnte in den Storie fiorentine gegen jede Zeile irgend etwas einzuwenden sein und ihr hoher, ja einziger Wert im ganzen bliebe dennoch bestehen. Und seine Zeitgenossen und Fortsetzer: Jacopo Pitti, Guicciardini, Segni, Varchi, Vettori, welch ein Kranz von erlauchten Namen! Und welche Geschichte ist es, die diese Meister schildern! Die letzten Jahrzehnde der florentinischen Republik, ein unvergesslich grosses Schauspiel, sind uns hier vollständig überliefert. In dieser massenhaften Tradition über den Untergang des höchsten, eigentümlichsten Lebens der damaligen Welt mag der eine nichts erkennen als eine Sammlung von Kuriositäten ersten Ranges, der andere mit teuflischer Freude den Bankerott des Edeln und Erhabenen konstatieren, ein Dritter die Sache als einen grossen gerichtlichen Prozess auseinanderlegen – jedenfalls wird sie ein Gegenstand nachdenklicher Betrachtung bleiben bis ans Ende der Tage. Das Grundunglück, welches die Sachlage stets von neuem trübte, war die Herrschaft von Florenz über unterworfene, ehemals mächtige Feinde wie die Pisaner, was einen beständigen Gewaltzustand zur notwendigen Folge hatte. Das einzige, freilich sehr heroische Mittel, das nur Savonarola hätte durchführen können und auch nur mit Hülfe besonders glücklicher Umstände, wäre die rechtzeitige Auflösung Toskanas in eine Föderation freier Städte gewesen; ein Gedanke, der erst als weit verspäteter Fiebertraum einen patriotischen LucchesenFranc. Burlamacchi, den Vater des Hauptes der lucchesischen Protestanten Michele B. Vgl. Archiv. stor. Append. Tom. II, p. 176. – Wie Mailand durch seine Härte gegen die Schwesterstädte im 11. bis 13. Jahrhundert die Bildung eines grossen Despotenstaates erleichterte, ist bekannt genug. Noch beim Aussterben der Visconti 1447 verscherzte Mailand die Freiheit Oberitaliens hauptsächlich dadurch, dass es von einer Föderation gleichberechtigter Städte nichts wissen wollte. Vgl. Corio, fol. 358 s. (1548) auf das Schafott bringt. Von diesem Unheil und von der unglücklichen Guelfensympathie der Florentiner für einen fremden Fürsten und der daherigen Gewöhnung an fremde Interventionen hängt alles weitere ab. Aber wer muss nicht dieses Volk bewundern, das unter der Leitung seines heiligen Mönches in einer dauernd erhöhten Stimmung das erste italienische Beispiel von Schonung der besiegten Gegner gibt? während die ganze Vorzeit ihm nichts als Rache und Vertilgung predigt! Die Glut, welche hier Patriotismus und sittlich-religiöse Umkehr in ein Ganzes schmilzt, sieht von weitem wohl bald wieder wie erloschen aus, aber ihre besten Resultate leuchten dann in jener denkwürdigen Belagerung von 1529-1530 wieder neu auf. Wohl waren es »Narren«, welche diesen Sturm über Florenz heraufbeschworen, wie Guicciardini damals schrieb, aber schon er gesteht zu, dass sie das unmöglich Geglaubte ausrichteten; und wenn er meint, die Weisen wären dem Unheil ausgewichen, so hat dies keinen andern Sinn als dass sich Florenz völlig ruhmlos und lautlos in die Hände seiner Feinde hätte liefern sollen. Es hätte dann seine prächtigen Vorstädte und Gärten und das Leben und die Wohlfahrt unzähliger Bürger bewahrt und wäre dafür um eine der grössten Erinnerungen ärmer.

Die Florentiner sind in manchen grossen Dingen Vorbild und frühster Ausdruck der Italiener und der modernen Europäer überhaupt, und so sind sie es auch mannigfach für die Schattenseiten. Wenn schon Dante das stets an seiner Verfassung bessernde Florenz mit einem Kranken verglich, der beständig seine Lage wechselt, um seinen Schmerzen zu entrinnen, so zeichnete er damit einen bleibenden Grundzug dieses Staatslebens. Der grosse moderne Irrtum, dass man eine Verfassung machen, durch Berechnung der vorhandenen Kräfte und Richtungen neu produzieren könneAm dritten Adventssonntag 1494 predigte Savonarola über den Modus, eine neue Verfassung zustande zu bringen, wie folgt: Die 16 Kompagnien der Stadt sollten jede ein Projekt ausarbeiten, die Gonfalonieren die vier besten auswählen, und aus diesen die Signorie die allerbeste! – Es kam dann doch alles anders, und zwar unter dem Einfluß des Predigers selbst., taucht zu Florenz in bewegten Zeiten immer wieder auf, und auch Macchiavell ist davon nicht frei gewesen. Es bilden sich Staatskünstler, welche durch künstliche Verlegung und Verteilung der Macht, durch höchst filtrierte Wahlarten, durch Scheinbehörden u. dgl. einen dauerhaften Zustand begründen, gross und klein gleichmässig zufriedenstellen oder auch täuschen wollen. Sie exemplieren dabei auf das Naivste mit dem Altertum und entlehnen zuletzt auch ganz offiziell von dort die Parteinamen, z. B. ottimati, aristocrazia,Letzteres zuerst 1527, nach der Verjagung der Medici; s. Varchi I, 121 etc. usw. Seitdem erst hat sich die Welt an diese Ausdrücke gewöhnt und ihnen einen konventionellen, europäischen Sinn verliehen, während alle frühern Parteinamen nur dem betreffenden Lande gehörten und entweder unmittelbar die Sache bezeichneten oder dem Spiel des Zufalls entstammten. Wie sehr färbt und entfärbt aber der Name die Sache!

Von allen jedoch, die einen Staat meinten konstruieren zu könnenMacchiavelli, Storie fior. l. III. »Un savio dator delle leggi« könnte Florenz retten., ist Macchiavell ohne Vergleich der Grösste. Er fasst die vorhandenen Kräfte immer als lebendige, aktive, stellt die Alternativen richtig und grossartig und sucht weder sich noch andere zu täuschen. Es ist in ihm keine Spur von Eitelkeit noch Plusmacherei, auch schreibt er ja nicht für das Publikum, sondern entweder für Behörden und Fürsten oder für Freunde. Seine Gefahr liegt nie in falscher Genialität, auch nicht im falschen Ausspinnen von Begriffen, sondern in einer starken Phantasie, die er offenbar mit Mühe bändigt. Seine politische Objektivität ist allerdings bisweilen entsetzlich in ihrer Aufrichtigkeit, aber sie ist entstanden in einer Zeit der äussersten Not und Gefahr, da die Menschen ohnehin nicht mehr leicht an das Recht glauben noch die Billigkeit voraussetzen konnten. Tugendhafte Empörung gegen dieselbe macht auf uns, die wir die Mächte von rechts und links in unserem Jahrhundert an der Arbeit gesehen haben, keinen besondern Eindruck. Macchiavell war wenigstens imstande, seine eigene Person über den Sachen zu vergessen. Ueberhaupt ist er ein Patriot im strengsten Sinne des Wortes, obwohl seine Schriften (wenige Worte ausgenommen) alles direkten Enthusiasmus bar und ledig sind und obwohl ihn die Florentiner selber zuletzt als einen Verbrecher ansahenVarchi, Stor. fiorent. I, p. 210.. Wie sehr er sich auch, nach der Art der meisten, in Sitte und Rede gehen liess – das Heil des Staates war doch sein erster und letzter Gedanke. Sein vollständigstes Programm über die Einrichtung eines neuen florentinischen Staatswesen ist niedergelegt in der Denkschrift an Leo X.Discorso sopra il reformar lo stato di Firenze, in den Opere minori, p. 207., verfasst nach dem Tode des jüngern Lorenzo Medici, Herzogs von Urbino (+ 1519), dem er sein Buch vom Fürsten gewidmet hatte. Die Lage der Dinge ist eine späte und schon total verdorbene, und die vorgeschlagenen Mittel und Wege sind nicht alle moralisch; aber es ist höchst interessant zu sehen, wie er als Erbin der Medici die Republik, und zwar eine mittlere Demokratie einzuschieben hofft. Ein kunstreicheres Gebäude von Konzessionen an den Papst, die speziellen Anhänger desselben und die verschiedenen florentinischen Interessen ist gar nicht denkbar; man glaubt in ein Uhrwerk hineinzugehen. Zahlreiche andere Prinzipien, Einzelbemerkungen, Parallelen, politische Perspektiven usw. für Florenz finden sich in den Discorsi, darunter Lichtblicke von erster Schönheit; er erkennt z. B. das Gesetz einer fortschreitenden, und zwar stossweise sich äussernden Entwicklung der Republiken an und verlangt, dass das Staatswesen beweglich und der Veränderung fähig sei, indem nur so die plötzlichen Bluturteile und Verbannungen vermieden würden. Aus einem ähnlichen Grunde, nämlich um Privatgewalttaten und fremde Intervention (»den Tod aller Freiheit«) abzuschneiden, wünscht er gegen verhasste Bürger eine gerichtliche Anklage (accusa) eingeführt zu sehen, an deren Stelle Florenz von jeher nur die Uebelreden gehabt habe. Meisterhaft charakterisiert er die unfreiwilligen, verspäteten Entschlüsse, welche in Republiken bei kritischen Zeiten eine so grosse Rolle spielen. Dazwischen einmal verführt ihn die Phantasie und der Druck der Zeiten zu einem unbedingten Lob des Volkes, welches seine Leute besser wähle als irgend ein Fürst und sich »mit Zureden« von Irrtümern abbringen lasseDieselbe Ansicht, ohne Zweifel hier entlehnt, findet sich bei Montesquieu wieder.. In betreff der Herrschaft über Toscana zweifelt er nicht, dass dieselbe seiner Stadt gehöre, und hält (in einem besondern Discorso) die Wiederbezwingung Pisas für eine Lebensfrage; er bedauert, dass man Arezzo nach der Rebellion von 1502 überhaupt habe stehen lassen; er gibt sogar im allgemeinen zu, italienische Republiken müssten sich lebhaft nach aussen bewegen und vergrössern dürfen, um nicht selber angegriffen zu werden und um Ruhe im Innern zu haben; allein Florenz habe die Sache immer verkehrt angefangen und sich Pisa, Siena und Lucca von jeher tödlich verfeindet, während das »brüderlich behandelte« Pistoja sich freiwillig untergeordnet habeAus der etwas späteren Zeit (1532?) vergl. man das furchtbar aufrichtige Gutachten des Guicciardini über die Lage und unvermeidliche Organisation der mediceischen Partei, Lettere di principi III, fol. 124 (ed. Venez. 1577)..

 

Es wäre unbillig, die wenigen übrigen Republiken, die im 15. Jahrhundert noch existierten, mit diesem einzigen Florenz auch nur in Parallele setzen zu wollen, welches bei weitem die wichtigste Werkstätte des italienischen, ja des modernen europäischen Geistes überhaupt war. Siena litt an den schwersten organischen Uebeln, und sein relatives Gedeihen in Gewerben und Künsten darf hierüber nicht täuschen. Aeneas SylviusAen. Sylvii apologia ad Martinum Mayer, p. 701. – Ähnlich noch Macchiavelli, Discorsi I, 55 u. a. a. O. schaut von seiner Vaterstadt aus wahrhaft sehnsüchtig nach den »fröhlichen« deutschen Reichsstädten hinüber, wo keine Konfiskationen von Habe und Erbe, keine gewalttätigen Behörden, keine Faktionen das Dasein verderbenWie völlig moderne Halbbildung und Abstraktion bisweilen in das politische Wesen hineingriffen, zeigt die Parteiung von 1535, Della Valle, Lettere sanesi III, p. 317. Eine Anzahl von Krämern, aufgeregt durch Livius und Macchiavells Discorsi, verlangen alles Ernstes Volkstribunen u. a. römische Magistrate gegen die Missregierung der Vornehmen und Beamten.. Genua gehört kaum in den Kreis unserer Betrachtung, da es sich an der ganzen Renaissance vor den Zeiten des Andrea Doria kaum beteiligte, weshalb der Rivierese in Italien als Verächter aller höhern BildungPierio Valeriano, de infelicitate literator., bei Anlass des Bartolommeo della Rovere. galt. Die Parteikämpfe zeigen hier einen so wilden Charakter und waren von so heftigen Schwankungen der ganzen Existenz begleitet, dass man kaum begreift, wie die Genuesen es anfingen, um nach allen Revolutionen und Okkupationen immer wieder in einen erträglichen Zustand einzulenken. Vielleicht gelang es, weil alle, die sich beim Staatswesen beteiligten, fast ohne Ausnahme zugleich als Kaufleute tätig warenSenarega, de reb. Genuens. bei Murat. XXIV, Col. 548. Ueber die Unsicherheit vgl. bes. Col. 519, 525, 528 etc. Die sehr offenherzige Rede der Gesandten bei der Uebergabe des Staates an Francesco Sforza 1464 s. bei Cagnola, Archiv. stor. III, p. 165, s. – Die Gestalt des Erzbischofs, Dogen, Korsaren und (später) Kardinals Paolo Fregoso geht beträchtlich über den Rahmen der sonstigen italienischen Verhältnisse hinaus.. Welchen Grad von Unsicherheit der Erwerb im Grossen und der Reichtum aushalten können, mit welchem Zustand im Innern der Besitz ferner Kolonien verträglich ist, lehrt Genua in überraschender Weise.

Lucca bedeutet im 15. Jahrhundert nicht viel. Aus den ersten Jahrzehnden desselben, da die Stadt unter der Halbtyrannis der Familie Guinigi lebte, ist ein Gutachten des lucchesischen Geschichtschreibers Giovanni di Ser Cambio erhalten, welches für die Lage solcher Herrscherhäuser in Republiken überhaupt als sprechendes Denkmal gelten kannBaluz. Miscell. ed. Mansi, Tom. IV, p. 81, ss.. Der Autor erörtert: die Grösse der Verteilung der Söldnertruppen in Stadt und Gebiet; die Vergebung aller Aemter an ausgewählte Anhänger; die Verzeichnung aller Waffen im Privatbesitz und Entwaffnung der Verdächtigen; die Aufsicht über die Verbannten, welche durch Drohung mit gänzlicher Konfiskation dazu angehalten werden, die ihnen zum Exil angewiesenen Orte nicht zu verlassen; die Beseitigung gefährlicher Rebellen durch heimliche Gewalttat; die Nötigung ausgewanderter Kaufleute und Gewerbleute zur Rückkehr; die möglichste Beseitigung der weitern Bürgerversammlung (consiglio generale) durch eine nur aus Anhängern bestehende Kommission von 12 oder 18; die Einschränkung aller Ausgaben zugunsten der unentbehrlichen Söldner, ohne welche man in beständiger Gefahr leben würde und die man bei guter Laune halten muss (i soldati si faccino amici, confidanti e savî); endlich wird die gegenwärtige Not, zumal der Verfall der Seidenindustrie, aber auch aller andern Gewerbe sowie des Weinbaues zugegeben und zur Aushülfe vorgeschlagen ein hoher Zoll auf auswärtige Weine und ein vollständiger Zwang der Landschaft (contado), mit Ausnahme der Lebensmittel alles in der Stadt zu kaufen. Der merkwürdige Aufsatz würde auch für uns eines umständlichen Kommentars bedürfen; hier möge er nur erwähnt sein als einer von den vielen Belegen für die Tatsache, dass in Italien eine zusammenhängende politische Reflexion viel früher entwickelt war als im Norden.

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