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Die Kultur der Renaissance in Italien

Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien - Kapitel 12
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie Kultur der Renaissance in Italien
authorJacob Burckhardt
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-006837-1
titleDie Kultur der Renaissance in Italien
pages3
created19990112
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1860
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Wie Venedig seine Condottieren hielt, ist oben (S. 48) angeordnet worden. Wenn es noch irgendeine besondere Garantie ihrer Treue suchen wollte, so fand es sie etwa in ihrer grossen Anzahl, welche den Verrat ebensosehr erschweren, als dessen Entdeckung erleichtern musste. Beim Anblick venezianischer Armeerollen fragt man sich nur, wie bei so bunt zusammengesetzten Scharen eine gemeinsame Aktion möglich gewesen? In derjenigen des Krieges von 1495 figurierenMalipiero, l. c. VII, I, p. 349. Andere Verzeichnisse dieser Art bei Marin Sanudo, Vite de' Duchi, Mur. XXII, Col. 990 (vom Jahr 1426), Col. 1088 (vom Jahr 1440), bei Corio, fol. 435-438 (von 1483), bei Guazzo, Historie, fol. 151, s. 15 526 Pferde in lauter kleinen Posten; nur der Gonzaga von Mantua hatte davon 1200, Gioffredo Borgia 740; dann folgen sechs Anführer mit 700-600, zehn mit 400, zwölf mit 400-200, etwa vierzehn mit 200-100, neun mit 80, sechs mit 60-50 usw. Es sind teils alte venezianische Truppenkörper, teils solche unter venezianischen Stadtadligen und Landadligen, die meisten Anführer aber sind italienische Fürsten und Stadthäupter oder Verwandte von solchen. Dazu kommen 24 000 Mann Infanterie, über deren Beischaffung und Führung nichts bemerkt wird, nebst weitern 3 300 Mann wahrscheinlich besonderer Waffengattungen. Im Frieden waren die Städte der Terraferma gar nicht oder mit unglaublich geringen Garnisonen besetzt. Venedig verliess sich nicht gerade auf die Pietät, wohl aber auf die Einsicht seiner Untertanen; beim Kriege der Liga von Cambray (1509) sprach es sie bekanntlich vom Treueid los und liess es darauf ankommen, daß sie die Annehmlichkeiten einer feindlichen Okkupation mit seiner milden Herrschaft vergleichen würden; da sie nicht mit Verrat von S. Marcus abzufallen nötig gehabt hatten und also keine Strafe zu fürchten brauchten, kehrten sie mit dem grössten Eifer wieder unter die gewohnte Herrschaft zurück. Dieser Krieg war, beiläufig gesagt, das Resultat eines hundertjährigen Geschreies über die Vergrösserungssucht Venedigs. Letzteres beging bisweilen den Fehler allzu kluger Leute, welche auch ihren Gegnern keine nach ihrer Ansicht törichten, rechnungswidrigen Streiche zutrauen wollenGuicciardini (Ricordi, N. 150) bemerkt vielleicht zuerst, dass das politische Rachebedürfnis auch die deutliche Stimme des eignen Interesses übertäuben könne.. In diesem Optimismus, der vielleicht den Aristokratien am ehesten eigen ist, hatte man einst die Rüstungen Mohammeds II. zur Einnahme von Konstantinopel, ja die Vorbereitungen zum Zuge Karls VIII. völlig ignoriert, bis das Unerwartete doch geschahMalipiero, l. c. VII, I, p. 328.. Ein solches Ereignis war nun auch die Liga von Cambray, insofern sie dem klaren Interesse der Hauptanstifter, Ludwigs XII. und Julius II., entgegenlief. Im Papst war aber der alte Hass von ganz Italien gegen die erobernden Venezianer aufgesammelt, so dass er über den Einmarsch der Fremden die Augen schloss, und was die auf Italien bezügliche Politik des Kardinals Amboise und seines Königs betraf, so hätte Venedig deren bösartigen Blödsinn schon lange als solchen erkennen und fürchten sollen. Die meisten übrigen nahmen an der Liga teil aus jenem Neid, der dem Reichtum und der Macht als nützliche Zuchtrute gesetzt, an sich aber ein ganz jämmerliches Ding ist. Venedig zog sich mit Ehren, aber doch nicht ohne bleibenden Schaden aus dem Kampfe.

Eine Macht, deren Grundlagen so kompliziert, deren Tätigkeit und Interessen auf einen so weiten Schauplatz ausgedehnt waren, liesse sich gar nicht denken ohne eine grossartige Uebersicht des Ganzen, ohne eine beständige Bilanz der Kräfte und Lasten, der Zunahme und Abnahme. Venedig möchte sich wohl als den Geburtsort der modernen Statistik geltend machen dürfen, mit ihm vielleicht Florenz, und in zweiter Linie die entwickeltern italienischen Fürstentümer. Der Lehnsstaat des Mittelalters bringt höchstens Gesamtverzeichnisse der fürstlichen Rechte und Nutzbarkeiten (Urbarien) hervor; er fasst die Produktion als eine stehende auf, was sie annäherungsweise auch ist, solange es sich wesentlich um Grund und Boden handelt. Diesem gegenüber haben die Städte im ganzen Abendlande wahrscheinlich von frühe an ihre Produktion, die sich auf Industrie und Handel bezog, als eine höchst bewegliche erkannt und danach behandelt, allein es blieb – selbst in den Blütezeiten der Hansa – bei einer einseitig kommerziellen Bilanz. Flotten, Heere, politischer Druck und Einfluss kamen einfach unter das Soll und Haben eines kaufmännischen Hauptbuches zu stehen. Erst in den italienischen Staaten vereinigen sich die Konsequenzen einer völligen politischen Bewusstheit, das Vorbild mohammedanischer Administration und ein uralter starker Betrieb der Produktion und des Handels selbst, um eine wahre Statistik zu begründenNoch in ziemlich beschränktem Sinne entworfen und doch schon sehr wichtig ist die statistische Uebersicht von Mailand, im Manipulus Florum (bei Murat. XI, 711, s.) vom Jahre 1288. Sie zählt auf: Haustüren, Bevölkerung, Waffenfähige, Loggien der Adligen, Brunnen, Oefen, Schenken, Fleischerbuden, Fischer, Kornbedarf, Hunde, Jagdvögel, Preise von Holz, Heu, Wein und Salz, – ferner Richter, Notare, Aerzte, Schullehrer, Abschreiber, Waffenschmiede, Hufschmiede, Hospitäler, Klöster, Stifte und geistliche Korporationen. – Eine vielleicht noch ältere aus dem Liber de magnalibus Mediolani, bei Heinr. de Hervordia, ed. Potthast, p. 165. – Vgl. auch die Statistik von Asti um 1280 bei Ogerius Alpherius (Alfieri), de gestis Astensium, Histor. patr. monumental Scriptorum Tom. III, Col. 684, ss.. Der unteritalische Zwangsstaat Kaiser Friedrichs II. (S. 29 f.) war einseitig auf Konzentration der Macht zum Zwecke eines Kampfes um Sein oder Nichtsein organisiert gewesen. In Venedig dagegen sind die letzten Zwecke Genuss der Macht und des Lebens, Weiterbildung des von den Vorfahren Ererbten, Ansammlung der gewinnreichsten Industrien und Eröffnung stets neuer Absatzwege.

Die Autoren sprechen sich über diese Dinge mit grösster Unbefangenheit ausVorzüglich Marin Sanudo, in den Vite de' Duchi di Venezia, Murat. XXII, passim.. Wir erfahren, daß die Bevölkerung der Stadt im Jahr 1422 190 000 Seelen betrug; vielleicht hat man in Italien am frühsten angefangen, nicht mehr nach Feuerherden, nach Waffenfähigen, nach solchen, die auf eigenen Beinen gehen konnten u. dgl., sondern nach anime zu zählen und darin die neutralste Basis aller weitern Berechnungen anzuerkennen. Als die Florentiner um dieselbe Zeit ein Bündnis mit Venedig gegen Filippo Maria Visconti wünschten, wies man sie einstweilen ab, in der klaren, hier durch genaue Handelsbilanz belegten Ueberzeugung, dass jeder Krieg zwischen Mailand und Venedig, d. h. zwischen Abnehmer und Verkäufer, eine Torheit sei. Schon wenn der Herzog nur sein Heer vermehre, so werde das Herzogtum wegen sofortiger Erhöhung der Steuern ein schlechterer Konsument. »Besser man lasse die Florentiner unterliegen, dann siedeln sie, des freistädtischen Lebens gewohnt, zu uns über und bringen ihre Seiden- und Wollenweberei mit, wie die bedrängten Lucchesen getan haben.« Das Merkwürdigste aber ist die Rede des sterbenden Dogen Mocenigo (1423) an einige Senatoren, die er vor sein Bett kommen liessBei Sanudo l. c. Col. 958. Das auf den Handel Bezügliche ist daraus mitgeteilt bei Scherer, Allg. Gesch. des Welthandels, I, 326, Anm.. Sie enthält die wichtigsten Elemente einer Statistik der gesamten Kraft und Habe Venedigs. Ich weiss nicht, ob und wo eine gründliche Erläuterung dieses schwierigen Aktenstückes existiert; nur als Kuriosität mag folgendes angeführt werden. Nach geschehener Abzahlung von 4 Millionen Dukaten eines Kriegsanlehens betrug die Staatsschuld (il monte) damals noch 6 Millionen Dukaten. Der Gesamtumlauf des Handels (wie es scheint) betrug 10 Millionen, welche 4 Millionen abwarfen. (So heisst es im Text.) Auf 3000 Navigli, 300 Navi und 45 Galere fuhren 17 000, resp. 8000 und 11 000 Seeleute. (Ueber 200 Mann per Galera.) Dazu kamen 16 000 Schiffszimmerleute. Die Häuser von Venedig hatten 7 Millionen Schätzungswert und trugen an Miete eine halbe Million einHiemit sind doch wohl die sämtlichen Häuser und nicht bloss die dem Staat gehörenden gemeint. Letztere rentierten bisweilen allerdings enorm; vgl. Vasari, XIII, 83. V.d. Jac. Sansovino.. Es gab 1000 Adlige von 70 bis 4000 Dukaten Einkommen. – An einer andern Stelle wird die ordentliche Staatseinnahme in jenem selben Jahre auf 1 100 000 Dukaten geschätzt; durch die Handelsstörungen infolge der Kriege war sie um die Mitte des Jahrhunderts auf 800 000 Dukaten gesunkenDies bei Sanudo, Col. 963. Eine Staatsrechnung von 1490, Col. 1245..

Wenn Venedig durch derartige Berechnungen und deren praktische Anwendung eine große Seite des modernen Staatswesens am frühsten vollkommen darstellte, so stand es dafür in derjenigen Kultur, welche man damals in Italien als das Höchste schätzte, einigermassen zurück. Es fehlt hier der literarische Trieb im allgemeinen und insbesondere jener Taumel zugunsten des klassischen AltertumsJa diese Abneigung soll in dem Venezianer Paul II. bis zum Hass ausgebildet gewesen sein, so dass er die Humanisten sämtlich Ketzer nannte. Platina, Vita Pauli, p. 323.. Die Begabung zu Philosophie und Beredsamkeit, meint Sabellico, sei hier an sich so gross als die zum Handel und Staatswesen; schon 1459 legte Georg der Trapezuntier die lateinische Uebersetzung von Platos Buch über die Gesetze dem Dogen zu Füssen und wurde mit 150 Dukaten jährlich als Lehrer der Philologie angestellt, dedizierte auch der Signorie seine RhetorikSanudo, l. c. Col. 1167.. Durchgeht man aber die venezianische Literaturgeschichte, welche Francesco Sansovino seinem bekannten BucheSansovino, Venezia, Lib. XIII. angehängt hat, so ergeben sich für das 14. Jahrhundert fast noch lauter theologische, juridische und medizinische Fachwerke nebst Historien, und auch im 15. Jahrhundert ist der Humanismus im Verhältnis zur Bedeutung der Stadt bis auf Ermolao Barbaro und Aldo Manucci nur äusserst spärlich vertreten. Die Bibliothek, welche der Kardinal Bessarion dem Staat vermachte, wurde kaum eben vor Zerstreuung und Zerstörung geschützt. Für gelehrte Sachen hatte man ja Padua, wo freilich die Mediziner und die Juristen als Verfasser staatsrechtlicher Gutachten weit die höchsten Besoldungen hatten. Auch die Teilnahme an der italienischen Kunstdichtung ist lange Zeit eine geringe, bis dann das beginnende 16. Jahrhundert alles Versäumte nachholt. Selbst den Kunstgeist der Renaissance hat sich Venedig von aussen her zubringen lassen, und erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts sich mit voller eigener Machtfülle darin bewegt. Ja es gibt hier noch bezeichnendere geistige Zögerungen. Derselbe Staat, welcher seinen Klerus so vollkommen in der Gewalt hatte, die Besetzung aller wichtigen Stellen sich vorbehielt und der Kurie einmal über das andere Trotz bot, zeigte eine offizielle Andacht von ganz besonderer FärbungVgl. Heinric. de Hervordia ad a. 1293 (pag. 213, ed. Potthast).. Heilige Leichen und andere Reliquien aus dem von den Türken eroberten Griechenland werden mit den größten Opfern erworben und vom Dogen in großer Prozession empfangenSanudo, l. c. Col. 1158, 1171, 1177. Als die Leiche des S. Lucas aus Bosnien kam, gab es Streit mit den Benediktinern von S. Giustina zu Padua, welche dieselbe schon zu besitzen glaubten, und der päpstliche Stuhl mußte entscheiden. Vgl. Guicciardini, Ricordi, Nr. 401.. Für den ungenähten Rock beschloß man (1455) bis 10 000 Dukaten aufzuwenden, konnte ihn aber nicht erhalten. Es handelte sich hier nicht um eine populäre Begeisterung, sondern um einen stillen Beschluss der höhern Staatsbehörde, welcher ohne alles Aufsehen hätte unterbleiben können und in Florenz unter gleichen Umständen gewiss unterblieben wäre. Die Andacht der Massen und ihren festen Glauben an den Ablass eines Alexander VI. lassen wir ganz außer Betrachtung. Der Staat selber aber, nachdem er die Kirche mehr als anderswo absorbiert, hatte wirklich hier eine Art von geistlichem Element in sich, und das Staatssymbol, der Doge, trat bei zwölf grossen ProzessionenSansovino, Venezia, Lib. XII (andate) in halbgeistlicher Funktion auf. Es waren fast lauter Feste zu Ehren politischer Erinnerungen, welche mit den großen Kirchenfesten konkurrierten; das glänzendste derselben, die berühmte Vermählung mit dem Meere, jedesmal am Himmelfahrtstage.

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