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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebente Geschichte
Der Sturm

Er fand nur Apollonien im Zimmer der edlen Frau, sie hatte sich zur Besorgung einiger Briefe fortbegeben. Ohne sich Apollonien erklären zu können, drückte er ihr die Hand und küßte den Schädel; Apollonien durchdrang ein Entsetzen, sie weinte, denn er schien ihr sinnlos. – »Beweine nicht mein Glück«, antwortete Berthold, »wer keinen Vater, keine Mutter kannte und von Fremden so mild und zärtlich, wie ich auferzogen wurde, der ahndet erst alle Liebe, die eine rechte Mutter zu ihm trägt, und auch dich, Apollonia darf ich ohne Scheu anblicken, aus gutem, edlen Stamm bin ich entsprossen, bin kein Findelkind, dessen sich die Eltern schämten, wie mir die bösartigen Knaben der Stadt sonst nachschrien, als ich noch ein armer Schreiber war.« – »Bist du also vornehm geworden«, fragte Apollonia, »dir gönne ich's recht von Herzen und will für dich im Kloster beten, daß kein Glück dich verdirbt.« – »Du willst wieder ins Kloster?« fragte Berthold traurig. – »Ich war recht glücklich und zufrieden im Kloster«, antwortete Apollonia.

Jetzt trat die edle Fremde ein und ihr erster Blick fiel auf den Ring, der aus der Wunde des Schädels entfallen, in Bertholds Hand glänzte, sie sah auch den Schädel und die tiefe Wunde, in der er so lange verborgen gelegen, sie glaubte, die geliebte Gestalt wieder zu erblicken, und es hatte nach so langen Leiden ihr nichts Schauerliches mehr. Mit hastiger Ungeduld, der Worte oft nicht mächtig, stammelte Berthold seine Geschichte, wie er auf dem Schädel geruht, was Martin oft so bedeutend von ihm gesprochen. Nun wußte sie, was sie bei seinem Anblicke gefühlt hatte, ihr war alles gewiß, sie umhalste ihn mit Tränen, drückte ihn an sich und sprach: »So habe ich dich wieder, du geliebter Sohn, und keine Macht soll dich mir rauben, du bleibst nun an meiner Seite; wie eine Löwin, die ihre Jungen schützt, so will ich dich mit meinem Blute bewahren! – Wie viele Jahre meiner Liebe sind dir verloren, denn gut kann der Mensch gegen jeden sein, aber nur das Blut bindet die Liebe unauflöslich; so kann dich keine Mutter lieben, wie ich und die heilige Mutter, der ich dich so oft in meinem Gebete empfahl! Ach deinetwegen lerne ich die Schrecklichen wieder fürchten, in deren Gewalt dein Geschlecht seit Jahrhunderten zwischen der Hoffnung unerreichbarer Herrlichkeit und der Furcht eines gewaltsamen Sturzes ohne Boden, ohne Himmel schmachtet. Ich darf dich nicht von mir lassen, du mußt dich blödsinnig anstellen, um vor ihnen sicher zu sein, ihre Gaben sind wie des Teufels Schätze, in der Nacht glänzt es wie Gold, am Tage sind es Kohlen. Was soll ich dir schenken zu der seligen Stunde, bewahre den Ring, bis du eine Jungfrau findest, die dir noch über dies teure, väterliche Andenken geht, verschenke ihn nicht leichtsinnig.« – Berthold betrachtete den Ring und blickte zu Apollonien. Die Mutter verstand beide und wollte schon die Ringe wechseln, da blickte die aufgehende Sonne feurig durchs Fenster, da fiel die gute Frau auf ihre Knie nieder und rief inbrünstig: »Ich darf dich wieder sehen, du scheinst in zwei Augen, die ich zu deinem Licht geboren; ruhig wird jetzt die Trauer meiner Liebe und eine innige Gegenwart mit dem Geliebten; die Lerchen steigen wieder freudig und die Glocken klingen wieder hell und der Verstand sieht mich nicht mehr ungütig an.« Bei den letzten Worten winkte sie dem Baumeister, der ernst über ihr stand und er sprach milde: »Der höchste Verstand ist die Güte; wo mir die noch fehlt, da bin ich ein unverständiger Geselle, diesmal aber meine ich doch etwas zusammengeführt zu haben mit Verstand, dessen sich die höchste Güte nicht zu schämen brauchte.«

Während er noch so wohlgefällig sprach, trat der Prior ein und warnte ihn ängstlich, der Bürgermeister lasse das Haus von allen Seiten durch bewaffnete Bürger umringen. Die Fremde meinte, es wäre wegen der Tochter, aber der Baumeister schüttelte mit dem Kopfe und der Prior sagte, er habe ihn sehr heftig von einer Frau sprechen hören, welche sich für die Erbtochter eines regierenden Hauses ausgäbe, aber von den Verwandten dieses Hauses als eine Betrügerin verfolgt würde. »Ich weiß, was sie wollen«, seufzte die Fremde, »die edlen Steine aus dem Erbe des Vaters, gebt es ihnen, ich besitze Diamanten von reinerem Wasser in den Freudentränen, die ich weine. Laßt sie ein, die neidischen Seelen, sie sollen fühlen, daß sie mir nichts nehmen können, so lange ich den geliebten Sohn in meinen Armen halte, er ist mein und keine Gewalt trennt mich von ihm.« Der Baumeister trat zwischen und suchte sie zu überzeugen, der Besitz jener Kostbarkeiten könne nur ein Vorwand sein, ihr werde der Sohn von den Unerbittlichen nicht gegönnt, um noch in ihr das Vergehen des unglücklichen Gemahls zu rächen. »Ihr wißt ihn jetzt wohlbewahrt, reichlich versorgt«, sagte er, »Ihr scheidet nicht auf ewig von ihm, Euer Gelübde ist gelöst, erfüllt die Wünsche meiner Treue, lohnt meinen vieljährigen Dienst! Was ist Euch der fürstliche Name, dessen viele Euch wegen der ungleichen Geburt Eurer Mutter und wegen der Vermählung mit dem unbekannten Ritter für verlustig achten. Als meine Frau kann Euch die freie Stadt Straßburg schützen.« – Aber die Fremde hob den Schädel des geliebten Gatten auf und sprach: »Alles könnte ich Euch schenken, und lohnte Eure Dienste nur gering und das eine, was Ihr verlangt, mein Herz, meine Hand, sie beide sind nicht mein; von meinem Gatten, von meinem Sohne trennt mich kein Entschluß, nur die Gewalt, die mich dem Leben entreißt, kann mich von ihnen scheiden. Überlaßt mich dem Geschicke meines Himmels.«

In diesem Augenblicke stieß der zornige Bürgermeister die Leute der Fremden, die ihn aufhalten wollten, ungeduldig von sich und trat ein, mit dem Ausrufe: »Im Namen meines Grafen!« Aber der Baumeister führte ihm in dem Augenblicke, wo er die Fremde für eine Gefangne erklären wollte, die zitternde Apollonia entgegen. Diese unerklärliche Erscheinung brachte den heftigen Mann außer Fassung; hätte er Berthold erblickt, so hätte sein Zorn eine Erklärung gefunden, aber die Fremde hielt ihn noch in ihren Armen. »Du hier?« fragte der Bürgermeister stammelnd und Apollonia konnte schluchzend nicht antworten. Nach kurzer Besinnung nahm er sie beim Arm, Berthold wollte sie zurückhalten, aber sie selbst entzog ihm in der Angst die Hand, die er von der Abgewendeten ergriffen hatte. Eine Unbestimmtheit hatte alle ergriffen, die jeden lähmte, und wie Krankheiten im Menschen solche Vorgefühle von Erschöpfung voranschicken, so schien diesmal ein gewaltsames Ereignis in den Lüften wie eine allgemeine Krankheit des Gestirns auf alle Bewohner zu wirken. Ein Sturm erbebte durch die Gassen der Stadt, den die innerlich Erschütterten bis jetzt überhört hatten. Mit steigender Heftigkeit pochten die Luftadern, die fallenden Reihen der Dachsteine, die klirrenden Fenster, das Geschrei der Menschen, die sich in ihren wankenden Holzgebäuden nicht mehr sicher glaubten, wurden jetzt erst hörbar, wo der Sturmwind ein schlecht verschlossenes Fenster des Zimmers, wo sich alle noch befanden, aufschlug, Stroh und Baumäste hineinführte und mit allem Beweglichen im Zimmer sein tolles Spiel forttrieb. Von allen Seiten riefen Stimmen nach dem Bürgermeister, es wurde der Befehl von ihm verlangt, daß alle Feuer auf den Herden gelöscht würden, damit nicht eine allgemeine Feuersbrunst den Schrecken erfüllte. Der Mann war an so schnelle Entschlüsse wenig gewöhnt, er verlangte in der Verlegenheit nach dem Rathause, aber die Tochter ließ er nicht aus der Hand, gleich wie die Fremde den Schädel und den Sohn bei allem Sturm immer fester an sich drückte. So zog nun der Bürgermeister mit der Tochter, der grimmige Schlächter mit dem zerschmetterten Lamm ab, über das der sichre Stall zusammengebrochen war.

Nun trat, als er geschieden, der Prior aus seinem Versteck heraus; er hatte für seinen Namen, für sein Amt gebetet, daß er nicht als Entführer der Tochter in Anspruch genommen werden möchte. Er benutzte zur Flucht die ersten Augenblicke, wer hätte geglaubt, daß ein feurig rotes Antlitz so bleich werden könnte!

Die Fremde allein schien wieder ganz ruhig und gefaßt, sie sprach zu Berthold: »Das Unglück ging vorüber, auch der Sturm hat seine Zeit, um so schöner wird die Stille sein, in der jeder erkennt, wie viel ihm blieb.« – »Wir müssen den Sturm benutzen, um fort zu ziehen«, sprach der Baumeister nach einigem Umschauen in den Vorderzimmern, »ich habe die Pferde bestellt, unsre Wache ist fortgelaufen, jeder zu den Seinen, mögen sie mich für einen Zauberer halten, weil ich die Gewalt der Natur als ein gutes Zeichen benutze.« – Aber die Fremde erklärte fest, daß sie bleiben wolle; wenn sie ihren Ansprüchen entsage, werde sie Schutz und ruhigen Aufenthalt bei dem geliebten Sohne finden, sie wolle nicht länger wie das Laub im Sturme von entgegengesetzten Gewalten sich emportreiben lassen, sie wolle ruhen an der Erde und bald auch in der Erde. – Der Baumeister machte ihr leise Vorstellungen, aber sie lehnte alles ab, dann nahm er mit tiefem Ernst eine Kette vom Halse, die er von ihr trug, zerriß sie und gab sie der Fremden zurück. Sie reichte ihm die Hand zum Kusse, er kniete längere Zeit still vor ihr. Der Wagen rollte vors Haus, er verließ Mutter und Sohn mit Schweigen.

Ihm folgten die meisten der Leute, welche die Fremde bis dahin als die Ihren behandelt hatte, auch der Maler Sixt, dessen Kunst sich ihr oft in Beihülfe verbunden hatte. Sie weinte auf, die liebe Fremde, als der Wagen im Sturme rollte: »Ich habe einen Freund verloren«, sagte sie, »dich aber kann ich nicht verlieren, mein Sohn, führe mich in dein Haus zu den treuen Seelen, die deine Jugend bewachten, der Sturm senkt die Flügel, er hat erfüllt, was er sollte, und die zerstreuten Wolkenschäflein sammeln sich wieder ruhig aneinander; es bedarf der ganzen Gewalt und Erschütterung des Erdelements, um dem Geiste seine Freiheit zu geben. Ich war befangen von innen und äußerlich von meinen Feinden bewacht, der Sturm hat alle Ketten abgeschüttelt und ich danke dem Himmel, daß die Zerstörung, in der auch dieses Haus schwankte, mir ein neues Vertrauen geschaffen hat.« – Berthold bat die heftig bewegte Mutter, sich zu beruhigen, das morsche Häuschen zu verlassen und in dem sicheren Hause einzukehren, das er zu irdisch ewiger Dauer begründet und auferbaut habe. Sie sprach noch mit ihren Dienern, dann führte er sie hinunter auf die Straße. Da flatterte ihm ein Schleier in die Augen, der an einem eisernen Schildhaken hängen geblieben. War es Apolloniens Schleier? Vielleicht ihr letzter Gruß, der ihm werden sollte. Er wagte es nicht, ihn mitzunehmen, so sehr es ihn gelüstete, denn er war strenge von Berthold gegen jeden Diebstahl gewarnt worden; aber er blickte so lange es ihm möglich nach dem Schleier um, als wäre es die Geliebte, und als er dem Auge ganz verschwunden, da stand er schon in der Nähe seines Hauses. Und nun beengte ihn die Sorge, wie Frau Hildegard seine Mutter empfangen würde, sie vertrug sich nicht mit andern Frauen und hatte daher keinen Umgang. »Sie liebt mich«, dachte er endlich, »sie wird auch die Mutter lieben.«

»Gottes Segen über dich, lieber Sohn«, rief Frau Hildegard ihm entgegen, »eben bringt Meister Fingerling die Nachricht, daß unser guter, alter Turm bei dem Sturm zusammengestürzt ist, eben als ein Wagen mit einem Fremden hinausgefahren war; da wäre ich wie der neue Türmer in meinen Sünden hingestorben und verdorben, wenn du mich nicht in das neue Haus geführt hättest.« – »Es gibt Zeichen und Wunder«, rief die Fremde. – »Wen führst du mir ins Haus?« fragte Frau Hildegard. – »Die Mutter, die mich geboren hat«, sagte Berthold, »führe ich zur Mutter, die mein Leben erhielt; umarmt euch, ihr lieben Mütter, liebt euch um meinetwillen, daß ich euch beide zusammen wie eine Mutter umfassen, lieben, ehren kann.« – Frau Hildegard segnete die Stunde, in welcher jene Berthold geboren, die Fremde segnete die Stufen, auf denen sie in das Haus angestiegen, das alles, was sie auf Erden noch liebe, den Sohn und seine treuen Pfleg umfasse. Da sanken beide Frauen einander zärtlich in die Arme, und Berthold drückte beide innig aneinander und freute sich still dieser Einigung. Das Haus und die Treppe waren noch von der Feier des Einzugs mit Blumen bestreut, Apolloniens Lamm war dem Berthold unbemerkt nachgelaufen, weil er es getragen hatte, und schloß sich an ihn, als wüßte es etwas von seinem Glücke. Die neugierigen Arbeiter, die zur Türe hineinsahen, nahmen unwillkürlich die Mützen ab und falteten die Hände, sie fanden sich durch diese Zusammenstellung an ein Gemälde der Waiblinger Kirche erinnert.

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