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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Geschichte
Schatz und Messer

»Du kannst nicht schweigen«, rief eine Stimme aus dem Gebüsche; »zum drittenmal hast du den Schwur gebrochen!« – »Fluch über euch«, antwortete der Alte ergrimmt, »die ihr mein freies Herz an unbesonnene Schwüre gekettet, ich breche die Kette, ich fürchte euch nicht mehr.« In dem Augenblicke zischte ein Pfeil neben dem Knaben vorüber in Martins Herz, er sah Martins Blut aufspritzen, hörte seine dumpfen Flüche und stürzte besinnungslos über ihn her, als wollte er ihn mit seinem Leibe gegen jedes Wurfgeschütz seiner Feinde sichern: aber kein zweiter Pfeil war nötig. Die lahme Elster erweckte den jungen Berthold gar bald aus seiner Bewußtlosigkeit, um ihn von der ernsten Wahrheit seines ersten, großen Verlusts zu überzeugen. Sein Gram verwandelte sich in Zorn, er forderte den Mörder auf, sich ihm zu stellen, allen Schimpf häufte er laut auf ihn, aber gleichgültig hallte die Mauer von seiner Rede und Martins Richter und Feind schien entweder gleich verschwunden, oder gegen die Reden des Knaben gleichgültig. Die Besinnung erwachte weiter in ihm, wie er Martin, wenn ihm noch zu helfen wäre, über die Mauern, die er allein mühsam überstiegen, nach der bewohnten Stadt schaffen könnte. Er beschloß eben Menschen herbei zu holen, als der alte Berthold über die Mauern suchend gestiegen kam, beim Anblicke Bertholds frohlockte, aber beim Anblicke Martins sich kaum fassen konnte. Er hatte beide vor dem Tore gesucht, wo ein Vetter Martins seinen Weinberg liegen hatte. Ein fremder geharnischter Mann, den er ansprach, hatte ihm den Garten unter der Brandstätte bezeichnet, wo er sie gewiß finden würde, da habe er vom Berge einen Mann im roten Wams mit einem Knaben im grünen Wams stehen sehen. So war er auf den rechten Weg geführt worden, seinem lieben Martin die letzte Pflicht zu erweisen. Seiner Verzweiflung ließ er keine Zeit, sondern mit rascher Eile suchte er einen bequemen Eingang und fand auch schnell das Tor, wo nur wenige Steine weggewälzt zu werden brauchten, um den Leichnam Martins hindurch zu schleppen. Er und der Knabe trugen ihn nach der Badestube. Da ward ein Aufsehen, denn es war ein Sonnabend, und alle Handwerker wollten zum Sonntag reinlich erscheinen, die rot angelaufenen Gestalten drangen neugierig aus der dampfenden Badestube heraus, mancher mit Schröpfköpfen besetzt, ein andrer mit halb beschnittenen Haaren und allen tat der alte Martin leid, weil er ein stattliches Ansehen im Tode bewahrte. Aber der Bader untersuchte die Wunde und sagte traurig, da vermöge seine Kunst nicht mehr, der Schütze, der ihn getroffen, müsse das menschliche Herz wohl gekannt haben. Nun jammerte erst Berthold und sein Sohn, kaum konnten sie dem eintretenden Bürgermeister Antwort geben, der sie über den Vorfall befragte, denn schon hatte das Gerücht sich verbreitet, Berthold habe Martin aus Liebe zu dessen Frau umgebracht. Es drohte der Bürgermeister mit der Folter, als ein Bote von den Freigerichten einging, welche durch ein Schreiben an den Bürgermeister erklärten, Martin sei schon lange wegen einer Mordtat verurteilt gewesen, aber erst jetzt von ihnen erreicht worden. So kam nun Berthold mit seinem Sohne und seinem Jammer frei und eilte zur Frau Hildegard, die sie gefaßt und von allem durch die beredte Hökerfrau am Tore unterrichtet fanden; sie suchte Berthold damit zu trösten, daß sie versicherte, Martin hätte bei seinem Husten doch wohl nicht lange mehr leben können. Martin wurde mit Ehren begraben und der am innigsten und längsten ihn betrauerte, war der junge Berthold.

Der junge Berthold hatte sich so treu fleißig in dem Jahre seinem Geschäfte ergeben, daß der Bürgermeister ihn jetzt schon brauchbarer, als den Alten fand, der sich nur mit Mühe in eine neue Einrichtung versetzen konnte. Er gestattete daher gern, daß der Alte vorläufig die Geschäfte des Martin als Türmer besorgte und daß die Schreibegeschäfte sämtlich dem jungen Berthold übertragen wurden. So hatte nun der junge Berthold viel mehr Freiheit in der Anwendung seines Tages, denn der Alte saß ihm nicht mehr zur Seite und diese Freiheit benutzte er reichlich, den entdeckten Garten sich einzurichten. Der Eingang war beim Heraustragen Martins eröffnet, so daß er jetzt vom Rathause zu der wüsten Marktseite in seine Trümmerburg schnell hinüber gehen konnte, wenn er mit angestrengter Eile seine Schreibereien beendet hatte. Er zimmerte sich eine Gittertüre, die den Eingang schloß, damit nicht mutwillige Knaben ihm seine Arbeit verderben könnten, doch besser als diese Tür schützte ihn die Furcht vor geheimen Mächten, die jeder nach seiner Art sich dachte, die aber seit dem gewaltsamen Tode Martins sich mit den alten Gerüchten und Sagen gepfropft hatte. Es tat ihm leid, daß der Alte ihn nicht wieder besuchte und daß er die Kapelle der heiligen drei Könige nicht wieder finden konnte, allmählich schien es ihm sogar, als sei er etwas eingeschlafen gewesen und ein Traum habe ihn getäuscht, denn die schmerzliche Wirklichkeit von Martins Tode hatte jene Anschauungen in Schatten gestellt. Als er den alten Berthold darüber befragte, antwortete ihm dieser: »Wir glauben, was etwas ist, und wissen, was etwas nicht ist; wir wissen nichts, wir müssen alles glauben, aber der Glaube ist ohne Wissen nichts.« Er verstand das nicht, aber er merkte sich es doch auf spätere Tage, weil er wohl ahndete, daß etwas darin liegen müsse. Übrigens waren des jungen Bertholds Gartenanlagen verständig. Wie er gern auch das Halbverstandene sich lernend bewahrte, so verfuhr er mit dem verwilderten Gartenplane; ehe er gewaltsam Bäume umhieb, suchte er sich deutlich zu machen, was gepflanzt sei und was wild aus Samen und Wurzel aufgewachsen. Zwar schien manches von dem Gepflanzten untergegangen und abgestorben, aber auch mit diesen Stämmen bezeichnete sich die Anlage des Gartens. – Allmählich trat alles an seine rechte Stelle, indem das Überflüssige hinweg genommen war. Brunnen und Gänge waren gereinigt, die ausgeschnittenen, alten Obstbäume trugen wieder und edler Wein bezog die sonnigen Mauern. Ein wohl erhaltenes gewölbtes Zimmer bewahrte während des Winters Blumenpflanzen und Sämereien und so war dem jungen Berthold das erste Jahr mit sichtbaren Zeichen seines Daseins und Wirkens vergangen.

Da kam er eines Tages zum Abendessen und fand Frau Hildegard in stiller Betrübnis, aber sie wischte ihm dennoch nach ihrer Gewohnheit den Schweiß von der Stirn, zog ihm die Schuhe aus und die Pantoffeln an und sagte ihm dann erst, daß sie sehr betrübt sei, weil sie schon wieder heiraten müsse, der Bürgermeister wolle dem Berthold nicht anders das Türmeramt und ihm den Ratsschreiberdienst geben. »Tut es doch mir zu liebe«, sagte Berthold, »heiratet den Vater, da brechen wir hier die Wand weg und haben mehr Raum.« – »Ja wie du's verstehst«, sagte Hildegard, »der Martin hat's mir wohl prophezeit an unserm Hochzeittage aus dem Zinnguß, aber wenn mein Schwindel nicht wäre, daß ich die Treppe hinunter gehen könnte, ich ginge lieber ins Kloster, als daß ich wieder ins Ehebette stiege.« – »Mutter du mußt heiraten«, sagte der Sohn, »denn ins Kloster dürfte ich nicht mitgehen und ich kann dich nimmermehr verlassen.« Hildegard drückte den Knaben an ihr Herz, der alte Berthold trat vom Wächtergange herein, sie verlobten sich unter vielen Tränen. Wirklich setzte es der Bürgermeister aus Wohlgefallen gegen den alten Berthold bei der Bürgerschaft durch, daß diesmal der Mann von der Feder, statt eines Kriegsmanns, die Türmerstelle erhielt, als Grund führte er an, daß der alte Berthold in früheren Zeiten doch auch der Stadt mit dem Schwerte bei mehreren Fehden gedient habe. Der junge Berthold wurde nur vorläufig in Eid und Pflicht genommen, weil er noch zu jung war, und der Alte behielt immer noch Gehalt und Würde eines Ratschreibers. Die dritte Hochzeit, welche Frau Hildegard feierte, war die stillste von allen, der alte Berthold gestand mit inniger Rührung, daß die Wege des Himmels unerforschlich wären, der ihm nach ruhigem Ausharren im Alter ein Glück aufdränge, wonach er in früheren Jahren vergeblich sich bemüht; wenn er es auch nicht lange mehr genieße, so müsse er doch die Fügung des Himmels preisen. – »So ist es doch wahr«, seufzte der junge Berthold, »daß du älter wirst und gebeugter gehst, seltener froh bist und öfter stille in dich versinkst, stirb nur nicht so bald wie Martin, dann wären wir ganz verlassen.« – »Jetzt haben wir uns noch!« sagte der Alte, und ging das Wächterlied vom Turm zu blasen.

Die mühsame Arbeit des jungen Berthold hatte die Neugierde des herrschaftlichen Stadtvogts, des Herrn Brix, auf die Reste des alten Palasts gewendet, und er hielt es jetzt für seine Pflicht, da er in demselben ein Besitztum seines Herrn, des Grafen von Wirtemberg erkannte, bei demselben anzufragen, was damit anzufangen sei. Da nun niemand für diese alten, ehrenwerten Trümmer sprach, so wurden sie zum öffentlichen Verkauf bestimmt. Der junge Berthold war untröstlich, als sein liebes Eigentum, wofür er es so lange gehalten, zum öffentlichen Verkauf an den Meistbietenden ausgerufen wurde, er hätte dem Ausrufer den Mund zuhalten mögen, er hoffte, die Leute würden nicht darauf achten. Aber bald kamen Bürger der Stadt, besahen sich die Gelegenheit, maßen das Gärtchen und brummten nur immer, daß so viel aufzuräumen, sonst gäbe es schon einen artigen Bleichplatz. Also nichts, was da gewesen, nichts was er gepflanzt, sollte bleiben, alles sollte für den gemeinsten Gebrauch vernichtet werden. Da fielen ihm die fünf Goldgülden ein, die ihm Martin als sein Erbe (mit der Kiste, worin der Schädel) oftmals gezeigt und ihm wohl eingeprägt hatte, das Geld nur dann zu brauchen, wenn er sein ganzes Glück und Geschick damit lenken könne. Aber dies schien ihm zu wenig für die Herrlichkeit seines Lieblingsortes, er kannte niemand im Städtlein so vertraulich, daß er ihn hätte um Rat fragen mögen. Von Berthold und von Frau Hildegard fürchtete er Widerspruch, er mußte ihnen seinen häufigen Besuch der wüsten Stelle verschweigen, denn der Ort gefiel ihnen nicht. Ganz heimlich nahm er an dem Freitage, der zur öffentlichen Versteigerung bestimmt, sein Erbteil mit, betete in drei Kapellen und war der erste auf dem Rathaussaale, wo die Versteigerungen abgehalten wurden. Es versammelten sich viele, er glaubte in ihnen seine ärgsten Feinde zu sehen. Es geschah der erste Ruf und alles schwieg. Es geschah der zweite Ruf un er bot mit trockener, fast erdrückter Stimme seine fünf Goldgülden, und keiner überbot ihn. Es wurde wieder zum ersten- und zweitenmal ausgeboten, und keiner überbot ihn. Da geschah das dritte Ausgebot und er glaubte schon, den Hammer für sich niedergeschlagen zu sehen, als eine ihm wohlbekannte Stimme einen Gulden mehr bot. Er sah sich erschrocken um, erstaunte aber noch mehr, als er das Antlitz des Alten, der ihn damals in die Kapelle geführt, hinter sich erblickte. Und hätte er auch einen unerschöpflichen Geldbeutel gehabt, gegen den hätte er nicht gewagt zu bieten, der Alte zog alle seine Gedanken auf sich und er war verwundert, ihn hier in gewöhnlicher ritterlicher Kleidung wieder zu sehen, den er damals in so seltsamer, prächtig alter Tracht erblickt. Der Alte trat zu ihm und fragte ihn leise, ob er denn nicht überbieten wolle? Der kleine Schreiber antwortete ihm traurig, er habe nicht mehr Geld, auch wage er sich nicht, gegen ihn zu bieten. – Der alte Herr erwiderte aber, daß er sich irre, wenn er glaube, daß er geboten, der Schneider dort wolle sich eine Werkstatt in dem alten Gemäuer anlegen, er möge nur zubieten, und auf Gott vertrauen, mit dem Bezahlen werde es sich schon finden. – Kaum hatte der junge Berthold das Wort gehört, so kam ihm ein Vertrauen ins Herz, er bot noch einen Gulden. Der Schneider Fingerling, denn der war sein Mitbieter, rieb sich die Hände und drückte noch einen halben Gulden heraus, doch Berthold sprach wieder sein Voll aus. Aber gleich faßte ihn hier der Schrecken, der andere möchte nicht wieder bieten, das Vertrauen war fort, es überzog ihn kalt und die Sinne gingen ihm fast unter, als ihm die Trümmer des Palasts von Barbarossa für sieben Gulden zugeschlagen wurden. Er wollte sich an dem Alten halten und trösten, aber der war schon fort gegangen, er fragte nach ihm, aber keiner der Nachbarn hatte ihn gekannt. Meister Fingerling ging spöttisch auf den armen Berthold los und sagte ihm: »Ihr müsset viel geerbt haben, daß Ihr das große Werk unternehmt, den Platz aufzuräumen und Euch da anzubauen, wünsche Euch Glück.« Mit den Worten entfernte er sich und der Stadtdiener, welcher den Zuschlag gemacht hatte, kündigte Berthold an, daß er sogleich die Hälfte der Kaufsumme und den Rest am andern Morgen zahlen müsse, widrigenfalls die Hälfte verloren sei. Berthold reichte seine fünf Gulden hin, mit einem Gefühle, als wären sie verloren. »Das ist mehr als die Hälfte«, sagte der Mann. »Das schadet doch nichts?« fragte Berthold. »Es schadet nichts, wenn Ihr morgen den Rest bezahlt, sonst sind fünfe verloren.«

Sie sind verloren, dachte er, und mein lieber Garten dazu, und mit diesen betrübten Gedanken beladen, sollte er bei der Mutter Heiterkeit erzwingen. Sie merkte ihm bald etwas Trübes an und er schob es auf ein Kopfweh und ließ sich alle ihre Hausmittel gefallen. Zum Glück hatte der alte Berthold die Versteigerung ganz vergessen, sonst hätte er sich doch wohl verraten. Endlich kam die ersehnte Zeit des Schlafes, er schlief nicht, aber er konnte doch unbemerkt seinem Unglücke nachdenken. Früh stand er auf, sprach von notwendigen Schreibereien und eilte statt dessen in seinen Garten. Er glaubte ihn zum letztenmal von dem frischen Morgenlichte durchstrahlt zu sehen, seine Wehmut betaute alle geliebten Pflanzen, bis endlich die Müdigkeit, als er sich noch einmal in seiner Bohnenlaube ausgestreckt, ihn überwältigte. Ganz unbemerkt versank er in eine andre Welt, die sich nur ungern mit jener befassen mag, in der wir zu wachen meinen. Es träumte ihm manches Vorüberflatternde, bis ihm das rechte Bewußtsein des Traumes aufging. Da trat zu ihm dieselbe ehrwürdige Gestalt, die ihn beim Ausgebote zum Mehrbieten aufforderte, aber er trug wieder das alte Kleid mit dem roten Steine zugeheftet. Und Berthold klagte ihm seine Not mit den beiden Gulden, die ihm fehlten. »Wenn es weiter nichts ist, was dich betrübt«, antwortete der Alte lächelnd, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Gang der alten Linden, welche das Gärtchen begrenzten. Dort bei einer Linde scharrte er mit dem Fuße die Erde auf und ein eiserner Kasten voll goldner und silberner Münzen stand geöffnet vor den freudigen Augen. »Nimm so viel du brauchen kannst von meinem kleinen Hausschatze«, sagte der Alte, »aber vergiß nicht, daß es nur geliehenes Gut ist und daß alles mein ist, was du damit kaufst und verdienst, und daß ich alles zurückfordern kann, wenn es mit gut dünkt und ich es einem andern verleihen will. Der Zins ist nicht hart«, fuhr er fort, als ihn Berthold bedenklich ansah, »ist doch dem Menschen unter gleicher Bedingnis die Erde geschenkt, er nimmt nichts von ihr in jene Welt, als die Einsicht und den Glauben, den er auf ihr gewonnen.« Bei diesen Worten schien es Berthold, als ob er sich in diese Worte verwandelt habe, er wollte ihm antworten, aber es war, als ob eine Gewalt seine Stimme zurückdrückte, endlich brachte er einen Ton heraus, erweckte sich selbst dadurch und fand sich wie ein erwachender Nachtwandler verwirrt, erschöpft und gleichsam außer sich im Lindengange stehend wieder. Er brach halb bewußtlos einen Zweig vom Baume, zählte in Gedanken die Blätter und fand vierundzwanzig daran, warf den Zweig zur Bezeichnung der Stelle auf den Boden und wankte dann schlaftrunken zurück in sein Frühlingshaus, wo ihn der tiefste Schlaf mehrere Stunden fesselte. Als er aufwachte, stand die Sonne schon hoch, er sprang auf und sah zu seinem Ärger, daß die Gartentüre offen stand. Es kränkte ihn jede mögliche Verletzung seines Gartens, sei es durch eingedrungene Tiere oder Menschen, obgleich er des Traumes längst vergessen und seiner Armut eingedenk, den Besitz desselben bald aufzugeben dachte. Er übersah seine Blumenbeete und fand seine Maiblumen ausgeplündert, die saftigen Stengel der Hyazinthen weinten noch, als ob der Frevel erst begangen. Er eilte umher, den Missetäter zu entdecken, und sah im Lindengange den Rücken eines Mädchens, das beschäftigt war, einen Kranz auf ihrem Schoß zu winden. Ohne sich darum zu kümmern, wer es sein könnte, rief er mit innigem Verdrusse: »Besser tausend Augen, als eine Hand!« Da blickte das schöne Kind sich scheu um und er sah in ein Paar Augen, die der Hand wohl einen tausendfach höheren Wert gegeben hätten, als alle denkbare Blumen, die sie abpflücken konnte, Augen, die ihm schon seit dem Tage, wo sie ihm den grünen Wams schenkte, wie ein unerreichlich seliger Sternhimmel erschienen waren. Es war Apollonia Steller, die er so zornig angeredet hatte, sie stand auf, warf ihm den halbvollendeten Kranz auf den Kopf und erwiderte mit einer innern Kränkung: »Behalte Er seine dumme Blumen, wenn Er sie mir nicht gönnt.« Der Kranz gleitete aber von seinem Kopf in seine Hände, bleich von Schrecken, in unbeschreiblicher Verlegenheit, wie er seine Übereilung gut machen sollte, erfror ihm jedes entschuldigende Wort. Er drehte den Kranz, als ob er einen Rosenkranz abbetete, oder seinen Schaden zählen wollte, während Apollonia den Garten eilig verließ. Und immer noch arbeitete er und zählte in bittern Gedanken an dem Kranze, während dieser auseinander fiel und ihm nur der Zweig blieb, über welchen er gebunden war. Und wieder zählte er die Blätter dieses Zweigs und fand vierundzwanzig daran und bei dieser Zahl ging ihm ein Blitz durch den Kopf, als wär's die Entdeckung einer neuen Welt. Sein Traum, der Schatz, das Haus, der Garten, alles war wieder sein, auch Apollonia glaubte er durch diesen Reichtum noch erlangen zu können, da fiel ihm erst sorgenvoll ein, daß es doch wohl nur ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Traum sein könne. Seine Tätigkeit überwog Gram und Sorge, die Schaufel war in seiner Hand, er grub in die Erde, daß der Schweiß ihm über Wangen und Rücken lief. Jeder Einschnitt in den schwarzen Boden war ihm ein lohnendes Gefühl, daß er näher seiner Hoffnung, – endlich klang der Spaten gegen Metall, – noch ein Abheben der Erde und er sah die rostige Fläche eines eisernen Deckels. Nun ruhte er sich einen Augenblick, sein Schweiß tropfte auf die Fläche des Deckels und er sah schon das Gold eingelegter Blumen auf demselben. Nun hob er den Kasten mit Gebet, daß er ihm nicht entschwinden möge. Da stand er, aber das Schloß wollte nicht weichen , bis er mit einem derben Steine so kräftige Schläge gegen den vorstehenden Deckel führte, daß das Schloß zersprang und der Deckel aufsprang. Das Geld lag nicht unmittelbar im Kasten, sondern erst mußte er einen alten ausgenähten, ledernen Beutel aufziehen, da stand die Erscheinung des Traumes, die Fülle silberner und goldner Münzen vor ihm. Und als er sie in beschaulicher Eile in den Kasten stürzte, so fand er noch im Beutel ein wenig verrostetes Gürtelmesser, dessen Griff in türkischer Art einen Drachenkopf bildete. Eilig nahm er zwei Gulden aus der Menge und steckte sie zu sich, wollte eilig zum Rathause, den Rest der Kaufsumme zu zahlen, aber nun plagte ihn schon der Reichtum: wo sollte er seinen Schatz verbergen? Endlich glaubte er ihn unter Steinen in seinem aufgeräumten Zimmer ziemlich gesichert zu haben, nahm aber doch eine Tasche voll Geld mit, um im Falle unseliger Beraubung nicht alles zu verlieren.

Sein Kaufbrief war bald ausgefertigt, der Vogt sah ihn an wie einen seltsamen Toren, der sein Geld verschwendet und obenein als verdächtig, woher er das Geld bekommen. Beim Bürgermeister erhielt er einige Verweise, daß er so spät gekommen, weil dieser zur Feier des Namenstags seiner Tochter noch ein Gedicht, das er anfertigen lassen, abgeschrieben wollte haben. Da strengte er sich an, jeder Schnörkel mehr an den Buchstaben sollte ihr dartun, wie er ihr mit allen Kräften zu dienen strebte. Als er diese Arbeit zur Zufriedenheit des Herrn Bürgermeisters beendet, eilte er, von seinem Garten mit einem Kuß, den er der Erde gab, Besitz zu nehmen und dann mit furchtbarer Reue alles Blühende zu Ehren Apolloniens abzumähen. Es war ein hoher Tragekorb voll Blumen, womit er in das Haus des Bürgermeisters einrückte, die er an Apollonien abzugeben bat. Der Bürgermeister, der gerade noch im Zimmer, nahm das Geschenk als ein Zeichen schuldiger Anhänglichkeit an sein hohes Haus, im Namen der Tochter, wohl auf, er befahl, ihn zum Vesperbrot herein zu rufen. Da ward ihm gar fröhlich, als Apollonia mit ganz versöhntem, freundlichem Blicke ihm ein Glas Wein darbot, auf welchem ein breiter Schnitt Mandelkuchen mit krispelkrauser Oberfläche lag. Wie aber zu dem Dargebotenen zu gelangen, da er in der einen Hand sein Barett, in der andern einige Schriften hielt, unter welche der Bürgermeister seinen Namen setzen sollte. Nach kurzer Überlegung ließ er beides fallen, denn das dargebotene Glück war zu groß. Nun hörte er hinter sich ein feines Lachen, während Apollonia, in seiner Seele verlegen, die Augen niederschlug. Das war doch schön von ihr, wie sie so mit ihm fühlte, auch war es gutmütig vom Bürgermeister, daß er einen ernsten Blick gegen die Lachenden aussandte und dem Berthold vormachte, wie er erst die Pergamente hätte in die Tasche stecken, das Barett unter dem Arm einklammern sollen, um ruhig zu dem Glase Wein zu gelangen. Berthold tat, wie ihm geheißen, klemmte aber so heftig an seinem Barett, daß das kleine Eichhörnchen, welches er gewöhnlich mit sich herumtrug, ihn biß und mit dem ihm eignen Knurren in der Bosheit hinaus und wie ein Teufelchen im Zimmer herumsprang, während Berthold sein Weinglas zum Teil überschwabbern ließ und nachher ängstlich mit seinem Fuße den Weinfleck am Boden zu decken suchte. Nun war das Gelächter allgemein und der Bürgermeister verließ das Zimmer, um sich nichts von seinem Ansehen gegen den Schreiber zu vergeben. Apollonia suchte ihn jetzt dreister zu machen, schenkte ihm das Glas voll, er mußte trinken und der seltene Genuß des edlen Weins und Apolloniens freundliche, braune Augen erheiterten ihn ungemein, er kam zu einiger Fassung und sah sich um, wer denn eigentlich so feinstimmig gelacht hatte. Da erschrak er aber recht, es standen da zwei Mädchen, die ihm ein Paar ausgestopfte Hosen auf dem Kopf zu tragen schienen. Seine Unbekanntschaft mit den neuen Stuttgarter Trachten hatte an dieser Verwunderung schuld, es war eine niederländische Tracht, die dort nachgebildet war, und die beiden Mädchen, es waren des Vogts Brix heiratslustige Töchter, taten sich nicht wenig darauf zu gute (sie waren kürzlich in Stuttgart gewesen) und hofften, daß Apollonia sie darum beneiden würde. – »Was sieht Er mich so groß an?« fragte die eine, Babeli mit Namen, die gleich jeden in sich verliebt glaubte. – »Je Jungfer«, sagte Berthold, »Sie hat ja ein Paar Hosen auf dem Kopf.« Babeli fand sich sehr gekränkt, aber sie rümpfte kaum den Mund und fragte weiter: »Weiß Er denn sonst nichts Neues?« – »Erzähl Er uns etwas Neues«, fiel gleich die andere, Josephine, ein. Berthold dachte, was er erzählen sollte, er wußte nur wenig aus dem Umgange mit Menschen, aber alles, was ihm einfiel, schien ihm zu schlecht, er wollte durchaus nicht wieder lächerlich werden. Endlich betete er heimlich zu Gott, daß ihm etwas Neues einfallen möge und da stand's vor seiner Seele, was er kürzlich erst gelesen und er sprach: »Der heilige Papst hatte erlaubt, daß in unserm Lande, wegen Mangel an Fischen und Baumöl, die Milch auch in den Fasten zu genießen sei, aber ein Doktor Spenlin hat sich widersetzt und appelliert vom Papste an das Konzilium, er sagt, es seien genug Fische im Lande und statt des Baumöls reines Nußöl, Leinöl, Rüböl, Mohnöl...« Hier lachten schon die Vogtsjungfern hellaut, wie es sich wahrlich nicht schickte, und Apollonia sagte ärgerlich, daß er sich nicht besser empfohlen: »Laß Er uns, Er hat uns schon genug beölt, weiß Er denn nichts anderes zu sprechen?« – Josephine, eine rechte Schnatterbüchse, sagte ihm vor, er müsse von Turnieren und Fehden sprechen, von hochberühmten Frauen und Sängern, von zarter Minne und teuren Gottesdegenen, von Blaubärten und Milchbärten, von Fidelern und Fanten. – »Von Elefanten«, sagte er, »steht auch was in meinem Buche.« – »Ihr müßt Bären anbinden«, fuhr Josephine lachend fort, »Euren Falben von einer Felsenspitze zur andern einreiten und Euch endlich vom uralten Schneemanne in Gegenwart von Rundienen und Galgenschwenglein zum Ritter schlagen lassen und dabei Gottes Wort in einem Hausbackenbrote verehrt erhalten.« – »Meister Fingerling ist garstig dabei zerkratzt worden«, sagte Berthold, ohne von dem Vortrage verwundert zu sein. – »Der Schneider?« fragte Babeli. – »Er ist wirklicher Katzenritter«, fuhr Berthold fort, »er hat vor zehn Jahren in der Zunftstube die angebundene Katze gänzlich verbissen, er hat davon viel Ehre gehabt, aber wenn er davon spricht, ist ihm noch immer eklig zu Mute.« – Die Geschichte machte den Vogtsjungfern viel Freude, sie behaupteten, er habe mehr Verstand, als man erst glaube, sie ließen sich ausführlich von den Katzenrittern, einem damals üblichen Spaß der Handwerksgenossen gegen die Ritterschaft, erzählen. Josephine sprach, daß Berthold einem Ritter vom Stuttgarter Hofe ähnlich sehe, mit dem sie oft getanzt habe, und da versuchte sie, wie Berthold sich im Tanze zeige. Berthold sprang höflich mit, wie ein Mensch es macht, dem Boden und Wände sich drehen, dem es aber doch nicht übel in den Gliedern tut, von weiblichen Händen so geschwenkt zu werden, hätte er nur feinere Schuhe angehabt; diese waren abgelegte von Martin, mit Nägeln, wie Eulenspiegels Grabeiche, beschlagen. Der große, rotwangige Bursche gefiel den Vogtstöchtern nicht übel und je lauter er stampfte, je mehr Spaß machte es ihnen, er schien ihnen, wie den Kindern der Haushund, ein Geschöpf, vom Himmel zu jeder Quälerei geschaffen. Apollonia wollte sie nicht stören, aber das Wesen gefiel ihr gar nicht. Babeli fiel nun darauf, dem Berthold Unterricht im Tanzen geben zu wollen, sie stieß gegen seine Beine, kniff ihn und stopfte ihm den Mund mit Kuchen, wenn er verdrießlich zu werden schien. Berthold kam in dem fremden Wesen ganz aus seinem Häuschen, er meinte mit den Wölfen heulen zu müssen, und als Apollonia mit in das Spiel hineingezogen wurde, so wuchs ihm gar der Kamm, er erwiderte, was ihm angetan wurde, und glaubte Beifall zu ernten und sich recht geschickt aufzuführen. So kam es, daß, als ihn Babeli kniff, er wieder kniff, aber nicht Babeli, sondern aus angestammter Neigung Apollonien in die Backen, indem er freundlich um Vergebung bat, daß er am Morgen ihr die Blumen abgejagt. Dieses sein Verbrechen wurde von den Vogtsjungfern vor Gericht gezogen und er von den ausgelassenen Mädchen zu drei Streichen mit seinen eigenen Pergamenten verdammt, weil er die ritterlichen Minnegesetze verletzt habe, nach welchen die Blumen dem weiblichen Geschlechte gehören. Er drohte, so oft zu küssen, als er gestrichen würde, da machte Josephine gleich Ernst und strich ihn dreimal mit einer Gerte über, die zufällig in der Stube stand. Die Streiche brannten dem Berthold nicht halb so heiß, wie seine Neigung, er umfaßte Apollonien im Vergeltungsrecht und küßte sie dreimal recht derb ab. Josephine wollte ihn mit Schlägen fortbringen; das erbitterte ihn noch mehr, er küßte Apollonien immer mehr. Als ob er blind und taub wäre, merkte er nicht, daß der Bürgermeister eingetreten war, bis dieser ihn mit starker Hand fortriß, ihn zur Stubentüre, und weiter bis zur Treppe hinzog und dort mit einem derben Fußtritt und den Worten herunterförderte: »Denk Esel, daß dein Huf nicht zum Liebkosen geschaffen, nie laß dich wieder vor meinen Augen sehen, Undankbarer, mit deinem Dienste ist es aus.«

Berthold lief bewußtlos aus Angewohnheit seinem Garten zu, er hätte ebenso unempfindlich ins Wasser laufen können. Was ist menschliches Wünschen, der Himmel straft uns in der Erfüllung unsrer Bitten, wenn sie nach dem Irdischen zu heftig streben; was war Berthold jetzt der Garten und der Schatz, er glaubte sich nicht mehr im Paradiese zu finden, aber die Äpfel schmeckten ihm noch süß in der Erinnerung. Ihm war so schwer ums Herz, selbst nach dem Turme wagte er nicht aufzublicken, der schon in der Dunkelheit leuchtete, er hielt das alte Messer des Schatzes voll Gram in seinen Händen, es war ihm in dem Augenblicke lieber, als der Schatz. Als er sich aber zufällig damit in die Hand ritzte, fand er, es täte weh, legte das Messer wieder in den Kasten des Schatzes und begab sich mit dem Kasten nach dem Turme, um sein ganzes Herz, Glück und Unglück, vor den treuen Seelen auszuschütten, die heut ängstlicher, als je, seiner harrten, weil allerlei Seltsames vom Hauskauf durch die kreischende Stimme des alten Hökerweibs zu ihnen hinauf erschollen war.

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