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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweite Geschichte
Die Chronik der Stadt

Die Nacht verging unbemerkt in mancher Besorgung für das Kind, am Morgen bemerkte erst Frau Hildegard eine feine Schrift auf dem Kasten, der das Kind geborgen, und Berthold las da den biblischen Spruch auf das Kind angewendet: »Gehet hin und taufet ihn im Namen des Vaters.« Frau Hildegard erschrak, daß dies wohl sechs Monat alte Kind noch nicht getauft sei, und Berthold nahm es eilig mit dem Bette in seinen Mantel, da Martin von seinem Wachtposten nicht abkommen konnte. Erst lief er zum Bürgermeister und berichtete ihm den seltsamen Vorgang, indem er zugleich den zierlich mit blauer und roter Tinte geschriebenen Neujahrwunsch abgab. Der Bürgermeister war in sehr gnädiger Stimmung, dankte freundlich und sagte, daß er dieses Kind wohl zu sich nehmen würde, wenn er verheiratet wäre, jetzt könne es aber seinem Rufe bei den Eltern seiner Braut schaden, übrigens werde wohl zuweilen aus der Armenkasse etwas für das Kind zu erübrigen sein und man müsse inzwischen nachforschen, wer des Kindes Eltern wären. Das alles hatte der Schreiber sich längst selbst bedacht, nahm es aber doch wie hohe Weisheit an und entfernte sich demütig. Aber die Frühmesse war inzwischen schon längst zu Ende gegangen, als er nach der Pfarrkirche kam. Der Geistliche trat eben hinaus, ihn fror sehr und er war nur mit Mühe zu überreden, die Taufe sogleich zu erteilen. In der Eile vergaß er, sich nach Vor- und Zunamen des Kindes zu erkundigen und fragte während der Handlung, wie es heißen sollte! Berthold, der es auch nicht bedacht, antwortete Berthold, und weil der Pfarrer es für Bertholds Kind hielt, so taufte er es Berthold mit Vornamen und Berthold mit Zunamen, so daß es nun Berthold Berthold hieß, oder Berchtold Berchtold, wie andere den guten, alten Namen schreiben. Der Tag durchbrach siegend die Schneewolken, als Berthold im Turme das Kind aus dem warmen Mantel hob und sich in dessen hellen Augen sonnte. Die lahme Elster, die in der vorigen Nacht alles unter dem Bette verschlafen hatte, sprang zum Kinde mit Hildegard und Martin und rief zu ihm: »Berthold, Berthold.« – »Sie weiß es schon«, rief Berthold verwundert, »das haben ihr gewiß die Sperlinge gesagt, die in der Kirche herumflogen.« Martin aber ging ruhig zu seiner Arbeit an der neuen Lattenwand zurück und brummte vor sich: »Nenne ihn, wie du willst, er wird seinen rechten Namen doch erhalten, wenn seine Stunde schlägt, aber sieh hier, wie fleißig ich gewesen bin: die Wand ist gleich fertig und nun schaffe Papier zum Überziehen.« – »Auch dafür habe ich in der Schreibstube gesorgt«, antwortete Berthold, »sieh die schönen, großen Bogen, habe darauf in jungen Jahren, als ich noch mehr Freude am Schreiben hatte, die Chronik von unserm Städtlein geschrieben, der Knabe mag daran buchstabieren lernen.« – »Schade, daß wir's so zerreißen müssen«, sagte Martin, »habe oft darüber nachgedacht, wie die Leute auf den närrischen Einfall gekommen sind, sich hier niederzulassen, obgleich jedermann lieber in Augsburg wohnen möchte.« – »Ei«, sagte Berthold, »du denkst, das Glück hat immer auf dem Fleck wie jetzt gestanden, vielmehr rückt es immer von einem Platze zum andern, weil es nie sich festsetzen darf und des Stehens müde wird. Es gab eine Zeit, wo Augsburg kaum genannt wurde, und da stand hier eine Stadt, die auch niemand mehr zu nennen weiß, die war das Haupt von ganz Schwaben, zwei Meilen von hier nach Schorndorf soll noch ein Stück von unsrer alten Stadtmauer zu sehen sein, bei meinen Geschäften ist mir aber die Reise zu weit, um es zu besehen.« – »Und ich darf vom Turme gar nicht fort«, klagte Martin. »Tröste dich mit mir«, meinte Hildegard, »ich dürfte wohl herunter, aber bei meinem Schwindel darf ich die Windeltreppe nicht ansehen, sonst gehet alles mit mir um, da sagen denn die bösen Leute in der Stadt, daß ich zu stark geworden sei, um die Treppe zu steigen; wer weiß, ob solche Lügenreden nicht auch in die alten Geschichten gekommen sind, so daß kein Mensch jetzt mehr sagen kann, wo die Lüge aufhört und wo die Wahrheit anfängt.« – »Aber ich habe es geschrieben funden auf altem Pergament«, rief Berthold, »wer würde sich die Mühe geben, Lügen aufzuschreiben. In diesem Pergament fand ich auch, was hier steht, daß der Attila, Gottes Geißel getauft, diese Hauptstadt der alten schwäbischen Herzoge bis auf den Grund ausbrannte und daß wir entweder gar nicht lebten, oder doch keine Waiblinger wären, wenn nicht die Frau des Frankenkönigs Klodwig hier drei Hirsche mit ihrer Armbrust erlegt hätte. Seinem Weibe zu Ehren baute der Frankenkönig die Stadt, nannte sie von ihr Waiblingen, versteht ihr wohl, weil dort einem Weibe gelingt, was sonst kaum ein Mann leisten kann auf der Jagd.« – »Und davon kommen wohl die drei Hirschhörner in unserm Stadtwappen?« fragte Martin. »Ein schlimmes Zeichen für uns Ehemänner«, fuhr er fort, »muß nur die Wand hier recht dicht und fest zukleben.« Berthold blätterte weiter und sagte: »Du hast mir ein gut Stück Geschichte zugeklebt, da stehe ich schon beim Kaiser Konrad, der so viel auf die Treue seiner Waiblinger hielt, daß er es zum Feldgeschrei der Seinen gegen die verräterischen Welfen machte. ›Hier Waiblinger‹, hieß es, wo es hart herging, und mit dem Feldgeschrei siegte er über alle Feinde. Der hörnerne Siegfried war ihr Anführer, der seinem Herrn die starke Braut bezwungen hatte und dafür durch den tückischen Hagen sein Leben einbüßte; nun von dem Märchen singen ja noch die Fiedler auf den Straßen, und es wäre wohl gut, daß sie etwas Neues lernten, denn es will ihnen niemand mehr zuhören.« – »Was haben mir die Italiener von Ghibellinen oder Wibellinen erzählt«, unterbrach ihn Martin, »sie schimpften sich noch so, obgleich keiner mehr wußte, was es bedeute, und da kommt all der Lärmen aus unserm Städtlein.« – »Ehre unsere Stadt alter Martin«, sagte Berthold, »denn sie hat viel mehr Auszeichnung genossen zur Zeit der schwäbischen Kaiser. Vor allem liebte sie der hochberühmte Friedrich Barbarossa, erbaute auch hier einen Palast, gleich dem von Gelnhausen. Ich habe ihn oft gesucht dort unter den Trümmern, aber ich konnte nicht ohne Aufsehen über das alte Mauerwerk klettern und die Leute hätten gemeint, ich sei auch so ein Schatzgräber, die immer noch bei den alten Häusern, welche die große Feuersbrunst einstürzte, nach Gold suchen und Kohlen finden. Die Beschreibung von dem Schlosse ist gar sehr prächtig, es bestand aus einem Hauptgebäude und einem Seitenflügel zum Anschauen der Ritterspiele. Hinter demselben war ein seltsamer Garten von fremden Pflanzen. Alle Zimmer waren kostbar mit Teppichen und Waffen des Morgenlandes verziert, aber am reichsten die Kapelle zu Ehren der heiligen drei Könige, deren Leichen dort eine Nacht geruhet, als sie der Kaiser von Mailand nach Köln sendete, wo sie noch ruhen und große Wunder verrichten. In dem Hause hier sollen die Anhänger des schwäbischen Hauses noch lange Zeit ihre Zusammenkünfte gehalten haben, bis die große Feuersbrunst es mit aller Herrlichkeit gleich der ärmsten Hütte verzehrt hat.« – »So geht's auch Eurer saubern, schön gemalten Handschrift, habt sicher nicht gedacht, sie so zu verbrauchen, als Ihr Euch dem Schreiben unterzogen«, bemerkte hier Martin. »Ich erheiterte mich als Knabe«, erwiderte Berthold, »mit der gewissen Zuversicht, sie werde sich zum ewigen Andenken wie die alten Schenkbriefe der Stadt von einem Ratsschreiber zum andern vererben, aber der Bürgermeister warf sie neulich zornig dreinreißend vor die Türe, weil er etwas von den Seinen, die ich unter dem Namen nicht erkannt, darin gefunden, das ihm gar nicht lieb war, daß nämlich eine Jungfrau seines Geschlechts einen Löwen in unsrer Stadt geboren habe. Es hat sich damals ein Löwe hieher verlaufen gehabt, der viele Menschen würgte, bis diese Jungfrau ihm entgegentrat, der er geduldig den Kopf in den Schoß legte und sich von ihr mit gemeiner Kost abspeisen ließ. Da glaubten schon die Leute, sie sei eine Heilige, bald aber kam es heraus, daß sie sich ihm vermählt habe, als sie einen Löwen gebar, denn da zog der Alte mit seinem jungen Löwen fort, sie aber stürzte sich aus Gram in die Rems.« – »Sollte die Geschichte also doch wahr sein«, brummte Martin, »hab sie den Kronenwächtern nie glauben wollen, von dem Löwen stammten nachher viele Menschen, versteht Ihr mich, von ihren gelben, lockigen Haaren wurden sie Löwen genannt, auch von ihrer Stärke und königlichen Abkunft. Doch das stirbt hier unter uns, ich darf davon nicht reden, aber Ihr wißt doch von dem Feinde unsres Barbarossa, daß der Heinrich der Löwe hieß; kein Stamm geht unter, aber erst, wenn feindliche Stämme sich innerlich versöhnen und verbinden, wird der Friede kommen auf Erden.« – »Aber wie ist mir«, rief Hildegard, verließ das schlummernde Kind und trat ans Fenster, »es ist, als ob es schon wieder Nacht werden wollte.« – »Es wird eine Schneewolke sein«, meinte Berthold. »Nein, nein«, seufzte Martin, »ich sagte wieder ein Wort zu viel, das geht mir nicht ungestraft hin, seht nur, die Sonne verliert ihren Glanz, daß jeder sie anschauen kann, wie ein verweintes Auge. Der schwarze Star deckt sie immer mehr, die wird nicht wieder scheinen, seht wie die Vögel in den Tannen sich verstecken, auch unsre Elster geht schon unters Bette zum Schlafen, die Schatten der Bäume verschwinden vom Schneegrund, denn ein Schatten deckt alles, ich stehe vor der Sonne, daß sie nicht scheinen mag. Die Bürger laufen umher und wissen nicht, woher ihnen die Strafe kommt. Hört ihr's da unten, das brachte ich euch!« – »Schweig Martin«, unterbrach ihn Berthold, »ich muß dir sonst den Mund zuhalten, mir ist nicht wohl in der Dunkelheit und die Bürger läuten der Sonne die Sterbeglocke, jetzt ist sie kaum noch einer Mondensichel zu vergleichen, die am Tage da oben stehen geblieben, aber wartet geduldig, um einen Menschen geht die Welt nicht unter. Aus meiner Chronik erinnere ich mich einer Sonnenfinsternis, die so dunkel gewesen, daß die Arbeiter der großen Wollenwebereien in Augsburg aus Angst zu den Ihren zu kommen, einander tot drängten und nachher war alle Not verschwunden, nur die nicht, die sie selbst in der Angst geschaffen hatten.« – »Ihr habt recht«, sagte Hildegard, »mir ist, als ginge die Sonne mitten am Himmel wieder auf, als wäre ihr Licht tausendfach schöner als je; wie sich unsre Tauben erschwingen und Kreise um den Turm ziehen.« – »Die Bürger lachen ihrer Furcht«, fuhr Berthold fort, »schämst du dich nicht Martin?« – »Wär's mit der Scham abgetan und mit der Furcht«, sprach Martin in sich, »ich wollte mich fürchten und meiner Furcht mich schämen und den Spott der Kinder tragen; mir aber ist es mehr als eine Sonnenfinsternis, was ich gesehen; vergebens ziehen die Tauben ihre Kreise um mich her, sie können mich nicht schützen!«

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