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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunte Geschichte
Der Kampf am Brunnen

Frau Apollonia, ihrem Schwure treu, das Haus der Tochter nicht zu betreten, ging von der heiligen Taufhandlung, der sie als Zeugin beigewohnt hatte, sogleich am Brunnen vorbei nach ihrem Hause zurück. Sie sah Grünewald im Winkel sitzen und meinte, er sei eingeschlafen dort und vergessen worden. Sie trat zu ihm und sagte: »Wacht auf, geht zum Schmause, wenn Ihr gleich die heilige Taufe verschlafen habt.« – »Ich schlief nicht«, antwortete er, »aber ich wollte, daß ich geschlafen hätte, da hätte ich nicht gesehen, was ich nicht sehen sollte.« – »Was sahet Ihr denn wieder?« fragte Apollonia bestürzt. – »Ich sage nichts«, antwortete er, »ich habe hier sehr ernst nachgedacht über alle Ereignisse meines Lebens, ich bin ein ganz andrer Mensch geworden, ich will schweigen, wie ein Kartäuser; das ewige Reden, Horchen und Wiedererzählen, was ich nicht lassen kann, rührt all den Schlamm in dem blumig bewachsenen Behälter des menschlichen Herzens auf; hier ging einer vorüber, der mich auch für schlafend hielt. Habt Ihr keinen bei der Taufe unter den Bürgern vermißt?« – Apollonia fragte kleinlaut: »Anton?« – Grünewald nickte, aber er sagte kein Wort, denn er bemerkte Sabinen, die an der Tür ihnen zuhorchte. – Apollonia ging mit Achselzucken fort, aber Sabina trat jetzt zu ihm, erzählte ihm ganz offen, daß sie eine Neigung zu Anton habe, ihre Schwester Verena auch und daß sich Anton gegen sie zwar nicht zärtlich anstelle, daß er ihr aber zuschwöre, er sei mit ihrer Schwester auch nicht vertraulicher, das habe sie so hingehalten, weil sie geglaubt, es werde noch die Zeit kommen, wo sein Herz gegen sie erwache. Neulich sei sie ihm nachgeschlichen, als ihre Schwester ausgegangen, da habe sie ihn mit Frau Anna in Unterredung gehört und sie hätten aber leise geflüstert, daß sie nichts verstehen können. Bei dieser ihm zuverlässigen Entwickelung überlief Grünewald die Galle, er fluchte auf Frau Anna, schwor, daß er keine Stunde länger in der Stadt leben, sondern sich der Kette entreißen wolle, möge Stadtvogt werden, wer Lust habe, mit seiner Zither und seinem Mantel sei er noch immer jung, wenn gleich sein Scheitel kahl und sein Haar grau geworden. Sabina sah ihn verwundert an, wollte ihn halten, meinte, es sei nicht sein Ernst, aber er lief ihr zur Warnung mit Abscheu aus dem Hause, aus der Stadt, wie die Sturmvögel den Schiffern dadurch zur Warnung dienen, daß sie sich selbst in Sicherheit bringen und die Küste zu erreichen suchen.

Obgleich Frau Anna bei der durch die Kriegsgeschicke so lange verspäteten Taufe selbst hätte gegenwärtig sein und den Schmaus durch ihre Gegenwart beleben können, so war doch das erste gegen die Sitte und das letzte bei der Abwesenheit ihres Mannes unschicklich. Sie hatte Grünewald gebeten, die Stelle des Wirts als Stadtvogt zu übernehmen, aber sie sah ihn nicht wieder seit dem Morgen, wo sie sich mit ihm gestritten hatte. Sie war daher verwundert, als sie vernahm, er sei nicht beim Mahle erschienen und die Stelle des Wirtes sei noch unbesetzt. Sie erhielt diese Nachricht in unbequemer Überraschung durch Verena, die sie an den Schenktisch gebannt glaubte, nachdem sie schon Anton in ihre Zimmer und zwar zuerst in das geführt hatte, wo Meister Sixt an dem großen Familienbilde gemalt hatte, um sich die Farben vor der Dunkelheit zu bereiten. Gleich schickte sie das Mädchen mit der Bitte zur Mutter, daß sie diese Stelle übernehmen möchte. Diese schlug es ihr rund ab, noch tiefer gekränkt durch das, was ihr Grünewald vertraut hatte. Die Gegenwart der Mutter hätte vielleicht dem Unglück vorgebeugt. Anna sagte verdrießlich zu Verena, sie solle zurückeilen, den Ehrenplatz des Wirts möge einnehmen, wer da wolle. Kein Bürger hielt sich bei der Abwesenheit des Bürgermeisters zu dieser Ehre bestimmt, so kam's, daß sich Graf Konrad dahin setzte und Faust, den er auf einmal vertraulich kennen und zu ehren schien, die Oberstelle neben sich einräumte, was manche Bürger so kränkte, daß sie augenblicklich das Fest verließen. Den andern versenkte der gute, alte Wein aus Bertholds Keller allen Ärger, Sorge und Vorsicht, viele Gesundheiten wurden von Konrad aufs Wohl der Stadt ausgebracht. Auch der Tanz wurde nach Aufhebung der Tische mit freudig taumelnden Herzen von der Jugend, unter Konrads Anführung ausgeführt, während Faust mit Kunststücken, die fast wie Hexerei aussahen, die älteren Leute und die Kinder um seinen Tisch sammelte. Er fragte nach manchem, endlich auch nach Anton, aber keiner hatte ihn gesehen. Doch Sabina trat zu ihm und sagte ihm etwas ins Ohr. Gleich warf er sein Kartenspiel fort, sprang vom Tische auf und redete mit Konrad leise.

Unterdessen war Anton sehr fleißig gewesen. – Als der Aufgang des Vollmonds nahe schien, glaubte es Anna die rechte Zeit, Anton in ihr Schlafzimmer zu rufen. Sie löschte das Licht, als ob sie zu Bette gegangen, und rief ihn nicht ohne Zagen hinein. Anton wurde von ihr aus einer Träumerei erweckt, deren Gegenstand sie war. Diese Vertraulichkeiten waren ihm gefährlich, die Heimlichkeit erregte sein Blut, daß er fürchtete, nicht sicher und ordentlich malen zu können. Er trat ein mit den Farben und legte alles auf das Fensterbrett, aber da es noch nicht hell vom Mondschein, so setzte er sich zu Anna in die Nähe des Fensters, wo sie den Aufgang des Mondes beachten konnten. Sie sprachen gleichgültige Dinge, aber doch fühlte er ein Niegefühltes, über das er nie Herr werden könnte, in sich jung werden, alle Seligkeit, welche ein jugendlich träumendes Herz in der Liebe ahndet. Wie ein Mäuslein, das einen reichen Tisch im Dunkel wittert, sich aber noch nicht verraten mag, so saß er still mit glänzenden Augen und immer rief es in ihm: das ist meine Nacht, meine Anna, mein Haus, mein Kind! Auch Anna fühlte ein Wohlwollen gegen ihn, daß er sie aller Sorge entreißen wolle, indem er das Bild ändre und nach Nürnberg ziehe, und sprach zu ihm: »Lieber Anton, hier ist Reisegeld nach Nürnberg!« – »Es ist noch nicht verdient«, erwiderte Anton, »Ihr seid so gut, jetzt tut es mir erst leid, daß ich wandern soll, aber ich will Eurer Unterstützung Ehre machen bei Dürer; ich komme wieder als ein berühmter Meister, oder nimmermehr.« – Nimmermehr, dachte Anna, aber sie sagte es nicht, um ihn nicht zu kränken. »Die Zeit wird auch kommen«, sagte sie. Er hatte sich vor ihr auf ein Knie niedergelassen und ihre Fuß geküßt, sie drückte mit dem Fuß ganz leise seine Hand, die er ihm als Teppich untergelegt hatte. Die Blüten der Orangen wehten jetzt ins offene Fenster und Anna sagte: »Steht auf, Anton, der erste Rand des Monds steigt über die Häuser, wie ein umgestürztes Glutschiff, er ruft zur Arbeit, daß er nicht untergeht, ehe Ihr fertig seid.« Sie wollte ihm die Hand reichen, um ihm aufzuhelfen, aber nach dem Monde schauend, verfehlte sie die Hand und fuhr über den schönen Umriß seines Gesichts, daß er sich lebendig in ihr gestaltete, sie hätte ihn in Ton darstellen können, wenn sie die Bildnerei damals schon getrieben hätte. »Nun weiß ich, wie es den Blinden geht«, sagte sie verlegen, »Und wie sie die Leute kennen!« – Und er entgegnete: »Und ich weiß nun, wie einem Menschen zu Mute, der sehen lernt, denn mit Eurer Hand kamen mir die ersten Strahlen ins Auge und nun sehe ich schon Euer Antlitz im Mondenschein.« Er erhob sich und sehnte sich zu ihrem Munde, denn seine Hände waren von der Arbeit gehärtet und er fürchtete mit einem Druck derselben sie zu verletzen, so schwankte er nach ihrem Munde und wieder zurück und er konnte sie nicht erreichen, denn schon stand der reine Mond über der Erde und die Wolkenengel verbargen scheu im Kreise umher ihre Angesichter unter farbigen Flügeln. »Der Mond ist rund voll«, sagte Anna, »er schaut durchs Fenster, wie Ihr damals an meinem Hochzeitmorgen, der Markt ist leer, drüben ist alles beim Tanze eifrig versammelt, eilt Euch lieber Anton; hier ist der Mantel der Verena, hängt ihn um, diese Tücher über die Leine, so kann Euch niemand sehen, viel weniger erkennen.« – Anton folgte ihrem Befehl ohne Anstand und, wie er so verkleidet hinaustrat, stand nicht Anna, sondern das heilige Bild vor seinen Augen, das ihn am Morgen mit seinem Umriß beglückt hatte. Die Beleuchtung war hinlänglich, er hätte ohne Licht sehen können, so war seine Stimmung. Kein Pinselstrich mißlang, die kräftige Farbe überdeckte bald die schwächere seines ersten Bilds, das in seinem Umriß sehr leise und sogar unbestimmt gehalten war.

Kaum zwei Stunden angestrengter und doch nicht gefühlter Tätigkeit bedurfte es, um beide Gesichter dem Höheren zu nähern, was seiner Seele vorschwebte, aber ohne zu zerstören, hätte er jetzt in den nassen Farben nicht weiter ausführen können. »Für diese Höhe wird es gut genug ausgeführt sein«, sagte er zu Annen niederblickend, die ungeduldig der Beendigung harrte. »Es ist gewiß recht gut und beendigt«, sagte sie und reichte ihm den Arm, daß er sicher von dem Blumenbrett auf den Stuhl und von da zur Erde kam. »Euer Geld ist wohl verdient, denke ich«, sagte sie ihm dann, indem sie ihm einen Geldbeutel in seine Tasche steckte; »Ihr habt so eifrig gemalt, es wird gewiß ein tüchtiger Maler aus Euch , ich habe Euch so in aller Stille beobachtet.« – »Darf ich denn keinen Augenblick zum Abschiede in Eurer Nähe verweilen«, antwortete er traurig, »wer weiß, ob wir uns je wieder sehen, Krieg und Pest wüten in der Welt.« – »Hier dürft Ihr nicht weilen«, sagte Anna, »aber ich will Euch noch auf einige Schritte bis zur Haustüre das Geleite geben, damit Ihr heute meinen guten Willen gegen Euch kennen lernt; morgen früh dürft ihr nicht mehr unsern Turm sehen, das gelobt mir, Ihr möchtet sonst das Geld vergeuden.« – Anton versprach's und beide gingen leise die Treppe des leeren Hauses hinunter zum Haustore. – Das Tor war aus Vorsicht vor den Leuten, die alle zum Tanz hinüber nach dem Rathaus gelaufen, fest verschlossen. Unbekümmert wendeten sich beide nach dem Garten, gingen in der gekühlten Nachtluft einige Schritte in den Gängen und setzten sich dann am Brunnen. »Rauschte nicht etwas neben uns?« fragte Anna und wollte schon wieder in ihr Haus zurückkehren. Aber es fiel ihr ein, daß Anton könne erkannt werden, und sie fuhr fort: »Es ist gut, daß Ihr vergessen habt, den Mantel Verenas abzulegen, hier setzt noch meinen Schleier auf, so wird Euch keiner erkennen bei der Menge fremder Menschen, welche der Sonntag und die Taufe in die Stadt geführt hat.« Eben wollte sie fortgehen, da hörte der Brunnen zu fließen auf, sie bemerkte diese wunderbare Erscheinung und sagte: »Seht, da ist die Arbeit doch vergebens gewesen, er hat die Dürre dieses Monats nicht überstanden, er ist eingetrocknet.« – »Es ist nur der Überfluß«, meinte Anton, »der überzufließen aufhört, für Euer Haus ist er immer noch reichlich gefüllt.« – »Der Überfluß ist doch schön«, sagte sie, »ich wollte nicht, daß es ein Vorzeichen für das Schicksal unsers Hauses würde.«

So sprachen sie noch ihre Gedanken aus über den seltsamen Vorfall und keiner dachte an sich, da hörten sie die Musik des Kehraus in dem Hause der Mutter und sahen viele Kerzen. Anna haßte diese Tanzweise, sie wollte sich fortflüchten nach ihrem Hause, aber gleichzeitig kam ein andrer Zug mit der verhaßten Musik durch ihr eignes Haus in den Garten. So waren sie in dem Brunnenhause eingeschlossen und mußten hoffen, daß keiner der beiden Züge dahindrängte. Aber wie verabredet zu ihrem Verderben, sahen sie jetzt Faust mit seinem Zuge der zum Schlußtanze geordneten Paare von der Mutterseite und Graf Konrad mit gleich starkem Zuge vom Hause gegen den Brunnen ziehen, bei Faust leuchtete Sabina mit einer Fackel voraus, bei Konrad Verena. »Gewiß hat Sabina uns hier gesehen«, rief Anton, »wie werden sie Euch alles zum Schaden deuten, lebt wohl, ich verberge mich im Brunnen, ich verstehe das Untertauchen.« – Aber Anna hielt den Übereilten an dem Mantel fest, auch trat schon Faust mit seinem Zuge, von einer Abteilung Musiker begleitet, herein. »Teufel«, rief Faust, »da finde ich endlich eine Tänzerin, waren doch alle andern schon gepaart«, und nahm die Hand Antons, indem er zu Konrad, der mit seinem Zuge von der andern Seite eindrang, unter boshaftem Lachen die Tanzreime des Kehraus sang: »Und als der Großvater die Großmutter nahm, da war der Großvater ein Bräutigam!« – Konrad ergriff mit gleichem Ungestüm Frau Annens Hand, und so ging's in dem Drange von beiden Seiten um den Brunnen herum. Faust machte mehrere Bewegungen mit Durchschlingung der Arme, um Anton Schleier und Mantel zu entreißen, aber beide waren durch eine zum Knoten gezogene Schleife befestigt. »Holde Schönheit«, schrie endlich Faust zu Anton, »ich kann nicht mehr leben, wenn ich dich nicht sehe.« – Anton wagte jetzt sein Letztes, er sprang zu Konrad, und raunte ihm ins Ohr: »Ich bin Anton, dein Bruder, rette mich gegen den Zudringlichen!« – Aber Konrad antwortete laut: »Hört, dies Riesenmädchen ist ein Mann, seht ihn an, Frau Anna mag viele Männer um sich leiden, wenn sie nur einen Schleier tragen.« Er hatte in dem Augenblicke das Drachenmesser aus Frau Annens Gürtel gerissen, um jenes Band am Schleier, zur Beschämung Annens, aufzuschneiden. Faust aber schlug so begeistert den Takt des Tanzes umher, daß er dieses Messer tief in Antons Arm an eben der Stelle einschlug, wo er damals die Ader öffnete, um die Transfusion des Blutes zu bewirken. Ein Blutstrahl sprang aus der Ader über den Brunnen nach Frau Annen hin, Mantel und Schleier sank von der Schulter Antons, alle erstarrten und Konrad rief: »Ich bin unschuldig an dem Blute!« – Frau Anna sank erblaßt am Brunnen nieder, ihr letztes Wort war: »Fluch und Rache über euch!« Anton sah und hörte nur sie und sein Zorn machte sich frei. Mit einem Faustschlage traf er Faust, daß er an die Seite taumelte, mit dem andern Konrad, der ihn halten wollte. Das Geschrei der Frauen verkündete gleich außerhalb Mord und Totschlag, Konrad stürzte blutend aus dem Brunnenhause.

Die Reisigen waren gleich beisammen, sie sahen ihres Führers Blut, sie nahmen ihn in ihre Mitte, zogen ihre Schwerter und machten sich Luft, um nicht im engen Gartenraume von den Bürgern, die sie dazu eben vorbereitet und im Werk glaubten, gegen die Mauern gedrängt und erschlagen zu werden. Haring rief nahe den Reisigen die Bürger zusammen, aber ehe er noch seinen Degen aus der Posaune ziehen konnte, stürzte ihn ein Reisiger auf die Posaune, diese schob sich zusammen und die Spitze des Degens in seine Kehle, so daß er als der erste Tote fiel. Die Bürger konnten in Überraschung erst allmählich zu ihren versteckten Waffen kommen, sie konnten den Auszug der Reisigen aus dem Garten und dem Hof auf den Rathausplatz nicht hindern, wo diese sogleich die Hauptstraße besetzten, um zu ihren Pferden zu gelangen und im Notfall abziehen zu können.

An Harings Blute erhitzte sich das Blut aller Bürger. Umsonst suchten verständige Frauen und Töchter ihre Männer und Brüder von dem Kampfplatze in ihre Häuser zu ziehen, weil die Straßen in diesem Augenblicke noch größtenteils frei waren, während törichte Frauen aus Harings Verwandtschaft ihre Männer zur Rache aufriefen, indem sie ihnen schworen, daß sie ihnen jeden Schimpf antun wollten, wenn sie das von den übermütigen Reisigen litten. Der Bürgermeister Kranz vermehrte das wilde Geschrei mit seinen Klagen um den Faust, den er blutig fortführte; er hatte keine Seele, um auf die Leute in gutem zu wirken, und kein Herz, sie in den Streit zu führen. Sein Schwager, der dürre Jäger, vereinigte dagegen alle Bürger, die sich allmählich bewaffnet einfanden, mit dem Geschrei: »Blut will Blut, wir sind zehne gegen einen.«

So tobte die Menge der Bürger ihm nach auf den Marktplatz, die Reisigen anzugreifen: während dort das Geschrei, das Rasseln der Rüstungen, das Schlagen der Waffen, das Trotzen und Aufmuntern der Mutigen, mit allem Jammer und Hülferufen der Bedrängten und der Frauen aufloderte, das Getrappel der Pferde, das Bellen der Hunde mit Feuerlärm sich mischte, versank der Garten in eine tiefe Totenstille.

Anna erwachte erst in dieser Stille, eine niedergefallene Kerze hatte ihr Haar ergriffen, sie glaubte in Feuer zu stehen, aber in dem Augenblicke, wo sie sich bewegte, sank das Haar knisternd in das Brunnenbecken, neben welchem sie lag. Das Haar war verloren, wie bei einer Nonne, ihr Leben war gerettet, sie besann sich und ergriff die Kerze, welche am Boden lag, und richtete sich auf. Da erkannte sie, daß sie nicht geträumt habe, und sah Anton entseelt ausgestreckt über die Stufen des Brunnens; mit seinem Zorne war auch seine Kraft um so schneller durch die geöffnete Ader entströmt. Sie sah ihr Kleid von seinem Blute gerötet, es rief in ihr mit einer fremden Stimme, als wäre es Berthold, der es ihr zuriefe: »Armer Anton, junges Blut!« Und sie mußte mit Verzweifelung sich zurufen: »Anna, Anna, du trägst sein Blut, du trägst die Schuld seines Todes, der Brunnen der Gnade hat aufgehört zu fließen, du kannst deine Seele nicht rein baden.«

Wer möchte ein zweites Erdenleben um die Verzweifelung eines so reinen Herzens erkaufen! Guter Berthold, du warst betrogen, armer Anton, dir kostet's dein junges Blut! Die Verzweifelung trieb Annen, jedes Mittel zu versuchen, das ausströmende Blut von Antons Wunde zu stillen, sie schrie umsonst nach Hülfe, die Raserei und die Furcht des Kampfes betäubte alle Bewohner der Häuser. Sie zerriß Schleier und Mantel, um das Blut zu stillen, aber es war zu mächtig in seinem Andrange. Endlich kniete sie nieder, als ihre Kraft, ihre Einsicht erschöpft waren, flehte zu allen Heiligen, denen sie sich je empfohlen, und heftete ihre Lippen auf die Wunde, ohne zu wissen, was sie tat. So still betend hoffte sie zu vergehen, und zugleich mit dem, dessen Tod sie in falscher Klugheit verschuldet, vor dem Richter der Welt zu stehen.

Wird sich die Wunde nicht schließen bei dem Gebete, bei dem Drucke so schöner Lippen! Der Lärmen des Kampfs stillt sich, die Reisigen drängen sich fliehend zum Tore hinaus, die Bürger ihnen nach: die Verwundeten sind heimgetragen, die Toten schweigen und die Nacht wird still, daß Anna die Mühlenräder in der Rems und die Räder der Turmuhr in ihrem festen, gleichen Gange zusammen hören kann mit ihrem heftig schlagenden Herzen. Ein Glaube dringt mit dem Glanz der Sterne in ihr Herz, sie werde vergehen, oder Anton werde mit der Sonne erstehen, die Augen aufschlagen, sie von der Schuld seines Todes befreien und ihre Unschuld bezeugen, wie der glühende Stahl in der Hand angeklagter Frauen ihre Unschuld im Gottesgerichte beweist. Ihrer Unschuld sich bewußt, drückt sie ihn so fester an sich, schließt die Todeswunde um so fester mit ihren Lippen, ihre Lippen mit ihrem Gebete, ihren Gram mit ihrem Glauben und wird nicht müde dieses angestrengten, heilenden Willens. Alle andre Sorge schweigt in der einen um Antons Leben, keine Ahndung sagt ihr, daß Berthold von derselben Gewalt, die ihn heilte, entseelt auf den Leichensteinen seiner Voreltern ruht, keine Ahndung ruft sie an die leere Wiege ihres Kindes, das jetzt gebettet in Konrads Stahlschilde von hartem Trabe eingewiegt wird. Faust hat es entführt und dem Grafen Konrad übergeben, Verena ist dem Hause entflohen, als sie das Kind nicht gefunden hat, und Apollonia ins Kloster geflüchtet, dem sie einst vorzeitig entrissen wurde, um dort ihre Tage zu beschließen.

Welch ein Morgen, der solchen Jammer erhellt, aber Anna hofft auf Zeichen und Wunder. Anton wird erwachen, das glaubt ihr Herz, das erfüllt ihre Gedanken, wie die Verheißung des ewigen Lebens die gläubige Seele, daß sie der irdischen Sorge entrissen, den Himmel mit ihren betenden Lippen zu berühren, mit ihren ausgestreckten Armen zu umfassen glaubt.

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