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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achte Geschichte
Die Taufe

Anton hatte sich nach dem Verdrusse über den vergeblichen Kriegszug, von Berthold gewendet, denn er hatte sich auf den Ruhm gefreut, noch ehe er ihn errungen, auch nahm ihn die Anwesenheit des Ehrenhalts gegen alles ein, was unternommen wurde. Er ließ sich durch keine Drohung des Meister Sixt bestimmen, die Adler zu malen, welche an den Toren neben dem bisherigen Stadtwappen aufgehängt werden sollten. Meister Sixt jagte ihn im Zorn darüber aus dem Hause, vielleicht auch aus List, weil der Erwerb in der unruhigen Zeit sinken und der Preis aller Lebensmittel steigen mußte und Anton, wenn er sich selbst in der Zeit durchgeholfen, zu ihm als dem einzigen Meister in der Stadt endlich doch zurückkehren mußte, um frei gesprochen zu werden. Anton gab ihm wenig gute Worte, daß er ihn behielte, er konnte nichts mehr bei ihm lernen und sein Geiz war unerträglich. Dem Herzog mochte er nicht zuziehen, denn ihn selbst haßte und verachtete er, es war nur die Landessache, die ihn gegen die raubsüchtigen Bundesscharen einnahm. Zum Glück gab es viel in den Weinbergen zu tun, und die Leute mußten ihre Häuser wegen der fremden Völker, die da lagen, bewachen, so daß es ihm an Unterhalt für die Handarbeit nicht fehlte, vielmehr fand er reichliches, ungemessenes Brot bei der Weinhacke, während er bei dem Pinsel hatte hungern müssen. Am Sonntage half er dem alten Anno ohne Lohn und Brot, und ging nach der Arbeit in die Stadt zu seinen Verehrerinnen Sabina und Verena, die ihn immer schöner fanden, je mehr sich sein Gesicht und sein Hals in der Sonne bräunte; die ihn um so reichlicher bewirteten, je seltener er jetzt kam.

Anton saß eines Sonntags bei Verena im Vorzimmer von Frau Annen, als Graf Konrad von Hohenstock, von dessen Anwesenheit er auf den Weinbergen nichts vernommen hatte, durch das Zimmer zum Besuch bei Frau Annen, im zierlichsten, samtnen, kurzgeschnittnen Wamse stolzierte und sein Gesicht in die angenehmste Begrüßung voraus spitzte. Konrad stutzte ein wenig, als er Anton sah, es mochte ihm wohl eine Erinnerung kommen, aber sie schien auch gleich wieder zu verlöschen; er ging durch das Zimmer, ohne sich bei ihm aufzuhalten. Anton hatte ihn beim ersten Blicke erkannt, es war ihm zu Mute gewesen, als ob er ihm um den Hals fallen müßte. Alle Jugendstreiche fielen ihm ein, aber zugleich, ob Konrad nicht auch hier auf dem Kriegszug von den Kronenwächtern bewacht sein möchte. Bald sah er auch eine jener ihm verhaßten Gestalten, einen Reisigen, der nach Konrad fragte, und schlich sich unter einem Vorwande fort.

Auf der Straße faßte ihn ein andres Gespenst am Rocke, es war Faust. »Wo steckst du Vielfraß?« sagte der Doktor. »Läßt du dich wieder hier sehen, alter Schwamm«, antwortete Anton, »du meinst, weil Berthold fort ist, gäbe es hier keine Aufsicht mehr gegen solche Landstreicher.« – »Du überreifer Junggeselle«, schrie Faust, »was weißt du, wie es in der Welt hergeht, der Bürgermeister, den ich dem Berthold zum Ärger eingesetzt habe, ist ein Weinhändler, der ohne mich nicht leben kann. Hast du denn schon dein zartes Brüderlein gesehen, den Konrad, den Halunken, ihr könnt nicht von einem Vater sein.« – »Von mir darfst du schlecht sprechen«, antwortete Anton finster, »aber nicht von Bruder und Vater; was weißt denn du davon, daß es mein Bruder ist?« – »Mehr als du weißt«, antwortete Faust, »war er es nicht, der dich beredete, der Kronenburg zu entfliehen, du wärst verloren.« – »Freilich«, sagte Anton, »er hat mir das Leben rettet.« – »Es ist nicht wahr«, schrie Faust, »er hat dich um die Krone betrogen, er war dir zur Hülfe nachgesendet von den Wächtern, aber er versteckte sich aus Furcht; er beredete dich, zu fliehen und nahm dir das Schwert Maximilians ab, und brachte es heim als Siegeszeichen, das er noch erbeutet habe, nachdem du dich zwingen lassen, dem Kaiser den Weg zu zeigen. Und so ward er als Erstgeborner von euch beiden durch die Entscheidung dieser kühnen Tat anerkannt, er aber hofft, daß du inzwischen längst in Hunger und Pest untergegangen bist.« – »Du lügst, du Teufelsbanner«, schrie Anton noch lauter und hieb mit dem Stiel der Weinbergshacke auf dem fetten Rücken Fausts weidlich herum. – »Das kostet dir dein Leben«, brummte Faust mit Zähneknirschen, »denn wem dankst du deine Gesundheit, als mir, du bist mir dein gemäßigtes, ruhiges Blut schuldig.« Anton achtete nicht darauf, sondern ging zornig davon, indem er noch immer in die Luft hieb. Die Bürger, die bei dem Streite herzugelaufen waren, winkten Anton Beifall und ließen ihn ruhig gehen, der Teufelsbanner war allen verhaßt, aber die meisten scheuten sich, ihm zu mißfallen, weil sie seine Kunst brauchten und seine Zauberei fürchteten.

Anton blieb jetzt vierzehn Tage auf den Weinbergen, denn er scheute den neuen Bürgermeister wegen des Vorfalls mit Faust. An einem Sonntag schlich er zu Sabina, diese aber stellte sich erzürnt; weil er sie so lange vergessen, so möchte er nun auch wegbleiben. Er sagte ihr vergebens seinen Grund, sie blieb ganz kalt und er schied von ihr, um zur Schwester zu gehen. Sabina wußte, daß diese ausgegangen sei, also lachte sie ihm nach und meinte, er werde bald wieder kommen, denn daß er mit Frau Anna eine Liebschaft habe, glaubte sie eigentlich selbst nicht. Aber Anton kam nicht wieder, sie sah sich die Augen fast blind. Anton war in Verenas Zimmer gegangen und hatte sich zu einer vollen Schüssel gesetzt, als Anna eintrat, ihn verwundert anblickte und fragte, wie ihm das Mittagessen geschmeckt habe, das für sie da aufbewahrt stehe. Anton geriet in große Verlegenheit und erbot sich, was es koste, abzuarbeiten. »Ich nehme Euch beim Wort«, sagte Anna, »aber nicht heute, sondern erst in acht Tagen sollt Ihr an die Arbeit gehen, wenn wir die Taufe feiern. Ich kann das Bild am Giebel nicht leiden, das Ihr am Hochzeittage gemalt habt, mag es aber nicht vor den Leuten ändern lassen, weil die gute, selige Frau Hildegard dies Bild als ein Gelübde hat malen lassen. Ein großes Blumenbrett habe ich jetzt vor dem Fenster auf vielen eisernen Stützen errichtet, um Pomeranzenbäume da zu setzen, das trägt viele Menschen und meine Verena ist alle Abende darauf beschäftigt, die Windeln zum Trocknen aufzuhängen. An dem Abend ist voller Mond, Ihr könnt zum Malen genug sehen und nehmt einen Weibermantel von mir um, daß, wenn Euch einer zufällig sieht, Ihr für eins meiner Mägde gehalten werdet. Farben stehen noch bereit beim großen Brunnenbilde, weil Meister Sixt das neue Marmorhaus und die Kapelle einträgt, die inzwischen fertig geworden. Malt die heilige Mutter und ihr Kind, wie Ihr wollt, nur malt beide, besonders aber das Kind anders, als es jetzt erscheint, ich kann es nicht leiden. Zum Lohn für das Unternehmen, das Ihr niemand verraten dürft, zahle ich Euch mehr, als Ihr zu einer Reise nach Nürnberg und zu einem jährigen Aufenthalt bei Dürer braucht.« Anton hörte dem allem, was Anna nur nach längerer Überlegung und nach manchem Kampfe so deutlich hersagen konnte, mit offenem Munde, wie einer himmlischen Botschaft zu. Die Sehnsucht nach der Malerei hatte ihn erst ergriffen, seit er in den Weinbergen hackte, er verglich die elende Wirkung dieser Tätigkeit (höchstens ein paar Maß Wein mehr, die Faust in einer Stunde hinunter stürzte), mit der eines Bildes, das von Tausenden bewundert, ein paar Jahrhunderte besteht und neue Schöpfungen anregt, er hatte oft im Zorn darüber die Erde übermäßig zerhackt. Er nahm dankbar die Hand Annens, sprach seine Verehrung gegen Dürer aus, dessen »Ritter zwischen Tod und Teufel« er auf einem Schlosse gesehen hatte, – aber da hielt er inne und sprach: »Wird mir's auch gelingen, etwas Besseres am Giebel zu malen, denn ich kenne gar nichts andres seit jener guten Stunde, in welcher mir dies Bild gelang, aufzuzeichnen, als diese beiden Gesichter, die Euch so verhaßt sind und die ich über alles verehre?« – Frau Anna machte ihm Mut und er glaubte daran. Sie verbot ihm mit Verena über die Angelegenheit zu reden, sie wolle sie an dem Abend bei den Schenktischen beschäftigen, er solle sich durch den Brunnen einschleichen, wenn es dunkel geworden. Sie brach hier ab und ging in ihr Zimmer, denn sie hörte Verena auf der Treppe.

Diese tat, als ob sie Anton nicht sähe, brachte die Milch in das Zimmer ihrer Frau, kam dann zurück und sagte: »Warst du allein?« – »Freilich!« antwortete Anton. – »Es ist unmöglich«, rief Verena, »denn den herrlichen Braten hast du kaum angerührt und kalt werden lassen.« – Anton leugnete, so gut sein ehrlich Gesicht leugnen konnte. Verena sagte, daß die Schwester vom Brunnen her die Treppe hinauf geschlichen sei und behauptet habe, Frau Anna flüstere heimlich mit Anton und sie würden beide von ihr betrogen. Sie habe ihr noch erzählt, am Morgen sei ein großer Streit zwischen Mutter und Tochter über den Namen Anno vorgefallen, den Berthold verordnet habe, weil er dem Namen Anton so ähnlich klinge, daß die Leute darüber spotten würden. Anna habe so heftig darüber gezürnt, daß Apollonia geschworen, sie wolle das Haus nicht mehr betreten, sie hätte sonst nur Schande von ihrer Aufsicht, das wolle sie an Berthold schreiben und ihm alles anheim stellen. Anton verstand wenig, was das bedeuten solle. Weil er sich bewußt war, an allen den Gerüchten und Scherzreden unschuldig zu sein, so machte es ihm viel Vergnügen, was sich die Leute für Grillen in den Kopf setzten, er fand sich sogar ein wenig geschmeichelt, daß die schöne Anna seinetwegen in den Verdacht eines Liebeshandels gekommen. Er verlachte den Zorn von Verena, ging fort und grüßte Sabina nicht einmal im Vorübergehen.

Zum Schmause bei der Taufe war die Bürgerschaft eingeladen, auch manche Bekannte aus der Gegend versprachen zu kommen, doch Kugler bedauerte, daß er durch die bevorstehende Entbindung seiner Frau abgehalten sei. Frau Apollonia besorgte alles Nötige zu dem Feste in ihrem Hause, aber sie hielt ihr Gelübde, das Haus ihrer Tochter bis zu Bertholds Rückkehr nicht zu betreten. Anna sah darin nur ihre Liebe zu Berthold und ihren Ärger gegen sie und da die Vorwürfe der Mutter aus so verhaßtem Grunde entstanden, so hielt sie es für eine verdächtige Nachgiebigkeit, wenn sie den ersten Schritt zur Versöhnung täte; wäre Anton erst fort, so meinte sie, dann fiele aller Verdacht. Sie suchte sich zu zerstreuen, indem sie Konrad und die Ritter, die er einführte, öfter in ihrem Hause sah, und das zerstörte ihren guten Ruf bei der Bürgerschaft. Es mieden nämlich in gemeinsamer Verabredung alle ordentliche Frauen der Stadt den Umgang dieser verhaßten, kostbaren Gäste. Frau Anna, die als eine Fremde mit keiner Frau in recht vertrauten Umgang getreten, war auch von denen, die sie sonst zuweilen bei sich gesehen, durch Bertholds Verfeindung mit der Bürgerschaft getrennt, sie ahndete nichts von einem solchen Entschlusse und sah die Fremden gern, bloß darum, weil sie fremd waren und etwas Neues erzählten. Die Bürger dachten sich bei dem Umgange Annens teils geheime Absichten, teils Liebschaften, und selbst die Einladung zum Schmause bei der Taufe schien vielen so verdächtig, daß sie am Sonntage Morgens, wo er gehalten werden sollte, noch eine Bürgerversammlung in einer der größten Trinkstuben anordneten. Es waren ein paar fremde Reisigen erstochen gefunden worden, ein paar waren wirklich im Ratskeller von den Bürgern gar übel in einer Schlägerei zugerichtet und die Bürger fürchteten, daß sich die Fremden für alles auf einmal rächen möchten, wo es die Leute am wenigsten ahndeten. Sie hörten insbesondere vom Grafen Konrad viele Tücken, die er in der Gegend durch seine Leute hatte ausüben lassen, und meinten, daß er Waiblingen nur schone, um es auf einmal recht gründlich auszuplündern, wenn er es erst gründlich kennen gelernt habe; sie wußten nicht, wie hoch Waiblingen in der Gunst der Kronenwächter stehe, wie viel stürmischer er seiner Liebschaft zu Annen nachgetrachtet, wenn ihn nicht ein strenges Verbot in den Schranken der Zucht gehalten hätte. Haring, der Kunstpfeifer, zur Schusterzunft eingeschrieben, erzählte, daß es Blut geregnet habe auf das Kleid seiner Frau, das bedeute großen Kampf, sie wären alle verloren, wenn sie einen der Ihren im Stich ließen. Daß er noch immer Grünewalds Zorn für seine Haut fürchte, das verschwieg er, weil er ihn wohl verschuldet hatte am Hochzeitfeste, er tat vielmehr, als ob er sich für das Ganze aufopfere, obgleich er so viel Vorteil vom öfteren Tanz bei den Fremden erntete; er schwor, zur Sicherheit seiner Mitbürger, einen guten Degen in seine Posaune zu stecken, so solle sich jeder heimlich bewaffnet einfinden, dann könnte ihre Überzahl siegen. Der neue Bürgermeister hatte sich aus Vorsicht krank melden lassen, weil er aus den trunknen Worten des Doktor Fausts auf großen Streit schloß, der sich am Abend ereignen könnte, aber er wirkte in der Versammlung durch einen seiner Schwäger, welcher Jackel, oder der dürre Jäger. genannt wurde. Dieser regte die Galle der Bürger, indem er ihnen ein Schimpflied in bayerischer Mundart, wie es ihm die bayerischen Reisigen, wenn er auf die Jagd gehe, vorgesungen, mit grimmigem Gesichte nachsang, es berichtete von neun Schwaben, die gegen einen Hasen zu Felde gezogen und davon gelaufen sind. Haring schrie wie seine Baßposaune, er wollte den Bayern schon zeigen, daß sie sich in Schwaben auf die Hasenjagd verständen. Den Schlußstein dieses schwankenden Gewölbes öffentlicher Ruhe und Gesetzlichkeit nahm der Türmer vom Augsburger Tore (wo Berthold auferzogen), indem er berichtete, daß am Morgen der Graf Konrad mit einigen Reisigen sich da umgesehen und die geputzten Bürgerfrauen und Bäuerinnen, die aus- und eingezogen, mit dem Blut einiger Tauben und Krähen, die sie geschossen, besprützt habe, daß dadurch bei dem trüben, schwülen Himmel das Gerede entstanden, es habe Blut geregnet. – »Die Gotteslästerer«, rief Haring »das neue Kleid meiner Frau so zu verderben; Blut soll es regnen, aber ihr Blut!«

So endete die Versammlung nach der Messe, es wurde dabei wacker gezecht, daß mancher nicht das Gebot des Schweigens vernahm, das sich auch auf alle erstreckte, die mit Berthold in Verbindung standen. Haring selbst konnte gegen Frau und Kind die Heldentaten nicht verhehlen, die er beabsichtige, wenn ihm einer in den Weg träte. Sein Söhnchen prahlte mit diesen Heldentaten gegen den Reisigen, der dort in Wohnung lag. Der Reisige lief zu seinen Kameraden, ihnen zu erzählen, daß bei dem Feste etwas gegen sie unter den Bürgern im Werke sei. Sie beredeten sich, wie sie einander nahe sein wollten und wie sie sich gegen die Menge stellen wollten, um im Falle ihre Feinde überlegen wären, des Auszugs sicher zu sein. Bei ihnen galt Konrad für ein leichtsinniges, unerfahrnes Grafensöhnchen, das eine Liebschaft mit Frau Anna habe und alles ausschwätzen könne, ihm blieb alles verschwiegen. So erfuhr Anna von keiner Seite etwas von den Besorgnissen, denn alle, die zu ihrem Hause gehörten, waren seit Bertholds Abfall von Herzog Ulrich nicht mehr in den Zünften erschienen, um Vorwürfe gegen Berthold nicht anhören zu müssen.

Grünewald und Anton saßen den Morgen einsam in ganz verschiedner Quälerei und Betrachtung. Anton hatte den alten Anno angekleidet, der sich zur Taufe im reinlichen Wams zeigen wollte, dann hatte sich der Alte zu seinem Gebetbuche hingesetzt und Anton zu seinem Zeichenbuche. Anton hatte lange gebetet, daß eine heilige Mutter mit dem Kinde seiner Seele sich darstelle, die vollkommener und reiner das Wesen derselben zeige, als jene, die er am Hausgiebel gemalt hatte. Aber immer deutlicher schwebte ihm dieselbe Gestalt vor. Schon gab er sich verloren, weil er das Bild nur verderben könne, wenn er es ändern wollte, und wollte sich gar nicht die Mühe geben, es aufzuzeichnen. Aber endlich riß er doch so in Gedanken, um die Hand zu beschäftigen, das Bild auf, wie es ihm vorschwebte. Die Arbeit unterhielt ihn in emsiger Tätigkeit und erst wie es fertig war, erkannte er zu seinem Erstaunen, es sei dasselbe und doch ganz anders wie jenes, das er auf den Giebel gemalt habe. Es war so viel fester, reiner, erdenfreier, als jenes, daß ein gemeines Auge den Ursprung aus jenem übersehen hätte, die Ähnlichkeit war nur noch ihm kenntlich. Seine Seligkeit hatte keine Grenzen, aber je freudiger und reiner er zu dem erhabnen Abbilde, das sich ihm, dem unwürdigen Arbeiter geschenkt, betete, desto unruhiger füllte ihn Annens Bild mit Wünschen, die er nie gefühlt, mit einer Sehnsucht, der er sich gern entzogen hätte. Ihm schauderte vor dem seltsamen Abende, der seiner wartete! Die harte Arbeit, die er in der Zeit ertragen, machte ihm den Müßiggang des Sonntags gefährlich; ruht die Mühle, so füllt sich der Mühlteich und tritt über die grüne Wiese, die er bisher nährte.

Grünewald saß in der neu erbauten Kapelle, da wo Berthold die Nachricht erlauschte, daß ihm ein Kind geboren werde, und wollte ein Freudenlied auf die Taufe dichten, wie er deren unzählige auf alle Kinder für Geld gemacht. Aber kein Reim wollte sich zu allen unzähligen, freudigen Anfängen finden lassen, die er hinaus stieß. Diese Seltsamkeit rief ihm die Geschicke des Hauses zurück, er gedachte des Bergmanns, er sah um sich und fand eine wunderherrliche, reife Frühbirne unter den Blumen des Grases. Diese nahm er auf und zeigte sie dem Kinde, das von Annen in den Garten getragen wurde, und sprach dazu in Reimen.:

Nimm auf die abgefallne Frucht,
Es ist die süßeste von allen,
Es hat sie keine Hand versucht,
Weil über ihr die Blumen wallen;
Ich aber sah nach allen Zeichen
In dieses Tages Müßiggang,
Und konnt ihr nicht vorüber streichen,
Mich hielt ihr Duft mit süßem Zwang.
Sieh an des Fußtritts Einsamkeit,
Der hier zu der Kapelle lenket,
Du warst mit dir in stillem Streit,
Als ich ein Zeichen dir geschenket,
So führt ein Zeichen zu dem andern
In meines Glückes Müßiggang,
Wir wollen jetzt nicht weiter wandern,
Es füllt mein Herz ein naher Klang.
Glück auf, so klingt es aus dem Grund,
Als wenn ein Bergmann ihn durchdrungen,
Es grüßt dies Kind sein frommer Mund,
Weil er nach ihm so kühn gerungen.
Im harten Fels fand er die Quelle,
Zu einer Taufe Freudenbund,
Jetzt strahlet sie zur Sonnenhelle,
Doch dringt kein Strahl zum schwarzen Grund.

Grünewald erschrak einen Augenblick, als er den letzten Reim gesprochen, das Wort hatte sich ihm im Munde umgedreht, er suchte seine Verlegenheit in eine andre zu stürzen, er unterhielt einmal wieder Annen mit seiner Liebe. Anna war wohl nicht so heiter gestimmt, wie sonst, wenn sie über seine Leidenschaft scherzte, sie sagte ihm mit Empfindlichkeit, daß er in einem Alter sei, dem dergleichen Verwirrungen nicht mehr wohl ständen, und in einer Zeit lebe, die mit ernsteren Dingen beschäftigt wäre. Grünewald hatte nie eine Ahndung gehabt, daß er so ernsthaft genommen werden könnte, er flehte um Rat bei der zürnenden Anna, was er tun solle, um ihr wieder zu gefallen und daß sie ihm nicht mehr zürne, aber sie sagte ihm, von der Sonne und dem unruhigen Kinde geplagt, ein kurzes »Gott befohlen!« und ging in ihr Haus. »Wäre ich nur Anton!« rief er ihr in seinem Zorne nach, es ärgerte ihn, daß er einst von Anton ein Bett angenommen habe.

Die Kapelle am Brunnen wurde zur Taufe geschmückt und das vertrieb den ärgerlichen Grünewald, weil er nun nicht mehr mit sich reden und zanken konnte. Er setzte sich in einen Winkel des Brunnenhauses, um seinem Verdrusse recht nachzudenken und ihn ganz aufs reine zu bringen. Es erschien ihm wie ein Befehl von Frau Annen, daß keiner, der da Wasser holte am Brunnen nach ihm frage, ihn zum Feste einlade, ja daß manche sogar seinem Ansprechen nur kurze Antwort gaben. Er gedachte nicht der Eile, die das ganze Haus zur Bedienung der Gäste mit einem Vesperbrote beschäftigte. Seine traurigen, eingebildeten Geschicke, daß er hungre und niemand ihn zum Vesperbrote lade, schnürten in die Kehle zu, er rang die Hände und weinte, daß wieder ein Mensch zu gleichem traurigen Geschicke in die Welt gesetzt und getauft werde. Der Gram öffnete sich endlich eine Ader in der Zunge und es strömte eine trauervolle Wahrsagung über das Kind, das jetzt vom frommen Anno in feierlichem Zuge der Bürgerschar, vorbeigetragen wurde.

        Auf Menschen sollst du nicht vertrauen,
Sie kennen nur die eigne Not,
Es überkommt sie leicht ein Grauen
Und du lebst einsam in dem Tod.

Vertrau dem Wort in deiner Seele,
Das dir nicht eigen, du bist sein,
Es dringt aus freudensel'ger Kehle,
Es klingt in deinem Jammerschrein.

Die Glocke wird umsonst geschwungen,
Trifft sie kein harter Hammerschlag,
So wird das Wort von dir errungen,
Du bebst dem Klange lange nach.

Der Kindheit Schrei'n und Freudenlallen,
Hat manchen ernsten Mann belehrt,
Das Wahre muß uns erst gefallen,
Das jeden in sich selbst bekehrt.

Des Paradieses Frucht bewahre,
Der Apfel reift zur Weihnachtszeit,
Und du wirst selbst das ewig Wahre,
Suchst du des Schönen Seligkeit.

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