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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dritte Geschichte
Gute Hoffnung

Das Fest am Brunnen, welches den Morgen nach der Hochzeit feiern sollte, war durch den Tod der guten Mutter Hildegard in seinem Wesen gestört worden, manches blieb unbeendigt, weil Berthold sich der geliebten Toten nicht entreißen konnte, und die scherzenden Masken sandte er alle zu dem Hause des Herrn Brix, wo Kugler seit der Hochzeitnacht eingezogen war. Auch verspätet war das Frühstück am Brunnen durch den langen Schlaf Annens, die Sonne schien dort zu heiß, und der Tisch mit den Sesseln wurde auf Annens Bitte, unter die uralte, schattige Linde gestellt, unter der Berthold einst den Schatz gefunden hatte. Er ward nachdenklich und sprach wenig, so daß ihm Anna Vorwürfe machte, wie er an solchem Tage fremden Gedanken Raum gebe und daß er sie am Morgen so früh verlassen habe. Unter mancher Zärtlichkeit erzählte er ihr nach und nach, was ihn gequält und erweckt hatte: »Als wir vor dem Altare in der Nonnenkirche standen und der Geistliche Himmel und Hölle des Ehestands mit gewaltiger Stimme malte, da flossen meine Augen in Sorge und Seligkeit, in Vorahndungen des Lebens und des Todes, aber ich schämte mich dieser Tränen vor dir und wendete mich ab, um sie unbemerkt zu trocknen. Und wie ich so zur Seite blickte und meine Augen sich aufklären, da erblicke ich einen Kriegsmann von alter Tracht, der großen Anteil an der Feierlichkeit zu nehmen schien, da war mir, als sei es derselbe Alte, derselbe alte Herr, den ich immer für ein Schattenbild des Barbarossa auf Erden gehalten, wenn er in Wolken vorüberzieht, der mir hier die Kapelle der heiligen Könige zeigte, die ich bis jetzt noch nicht wieder fand, der mir den Schatz verlieh, der mich aufforderte, diese Baustelle zu erstehen, auf der ich allen Reichtum erwarb, und mit Schrecken erinnerte ich mich bei einem Worte des Geistlichen von der Wandelbarkeit des Irdischen, daß der Alte mir diesen Schatz mit allem, was ich dadurch erwerbe, nur auf so lange verliehen habe, bis er es zurückfordere. Ich wandte mich ab von dem Alten und blickte nach dem vergitterten Nonnenchore und sah ein Antlitz halb befreit vom Schleier, der sich zur Seite gedrückt hatte, und meinte die geliebte Mutter, meine rechte Mutter, sehr veraltet, doch unverkennbar wieder zu sehen. Diese Erscheinungen kreuzten sich und verwirrten mich; als ich wieder um mich blickte, waren beide verschwunden und ich fürchtete, daß die lebhafte Anregung des Tages mich um den Verstand bringe. Beim Gelag hatte ich das alles vergessen und bald war auch das Gelag vergessen und du weißt vielleicht, wie alles gekommen, aber ich schlief doch endlich ein, schlief lange ruhig, bis ich denselben Alten, der mich in der 'Kirche erschreckt hatte, wieder zu sehen glaubte. Er sagte mir, daß meine Zeit abgelaufen sei, daß ich ihm alles wieder erstatten solle, was er mir geliehen, ich sei jetzt gesund, ich kennte die Welt und ihre Geschäfte und sollte mich jetzt allein durchschlagen. Da dachte ich deiner, wie ich der Armut dich hingeben müßte, und konnte meinen Zorn nicht mäßigen, so unbegreiflich ist der Mensch sich selbst im Traume, ich ergriff das Messer, welches ich damals bei dem Schatze gefunden, und durchstach den Alten, und der Alte war ich selbst, ich hatte mich selbst erstochen. Da erwachte ich und konnte nicht wieder einschlafen, weil Meister Sixt vor dem Hause malte und mir die letzte Ruhe nahm, so viel mein Gewissen mir noch übrig ließ. Sieh nur, um diese meine innere Vorwürfe zu mehren, hast du den Tisch hieher unbewußt gesetzt, wo mir der Alte den Schatz zeigte.« – Anna lachte über diesen Gram: »Der Traum bedeutet immer sein Gegenteil«, sagte sie, »das wissen alle Traumbücher, und was der Mensch im Traume tut, möchte er wachend gern meiden; liebst du mich recht, so vergißt du alle die Einbildungen in einem Kusse von mir.« – »Noch etwas geht mir im Kopf herum«, fuhr Berthold fort, »der Ehrenhalt hat mir nur Geschenke gebracht, um Anforderungen an mich zu machen. Er spricht von meinem Vetter, von dem Grafen von Hohenstock, daß er blödsinnig sei, daß mir das Schloß Hohenstock vielleicht bald zufallen könne, daß große Begebenheiten um uns her reiften, bei denen ich dort Sicherheit und Anhang mir und den Meinen erringen könnte; ich sollte das Schloß als Fremder besuchen, wie es mir gefalle. Ich mochte mich nicht darauf einlassen, ich wollte es dir sogar verschweigen, aber der Traum, die Möglichkeit mein erworbenes Gut zu verlieren, machten mich aufmerksam auf das Ererbte. Gib deinen Rat, aber gelobe mir Verschwiegenheit.« – Anna besann sich keinen Augenblick, sie sah sich dort im Geiste wie die kurfürstliche Braut zu Augsburg empfangen, sie dachte sich das Schloß im Verhältnis zu dem Hause in Waiblingen in steigender Herrlichkeit, wie sich dies zu ihrem Häuschen in Augsburg verhalten; sie konnte sich der Sehnsucht nach diesem alten, geheimnisvollen Stammschlosse nicht erwehren, sie versicherte Berthold, daß sie ihre Zunge nur beschwichtigen könne, in sofern ihr Berthold das Versprechen gebe, noch diesen Sommer das Schloß zu besuchen. – Berthold gab ihrem Willen nach und beschloß unter dem Vorwande, einen Wallfahrtsort, oder einen Sauerbrunnen besuchen zu wollen, den Weg dahin einzuschlagen. – Sie wurden in dem Gespräche von Meister Sixt gestört, der feierlich mit Devotion kondolierte und gratulierte, auch berichtete, daß er den letzten Auftrag der seligen Frau Hildegard wohl beendet, die heilige Jungfrau am Giebel aufgemalt und dafür einen Gulden in Submission einzufordern habe; er bitte diese Votivtafel zu inspizieren und ihn zu remunerieren, wenn das Werk seinen Meister lobe. Berthold folgte ihm mit Annen und war sehr erstaunt, ein sehr vollkommnes Bild seiner Frau an der Stelle des verblichenen, heiligen Bildes zu sehen, und weil es ihm lieb war, so schien es ihm recht. – »Aber wie schön ist das Christuskind«, rief Anna, einmal über das andre, »schenkte mir doch der Himmel solch ein kräftig freundliches Kind, in ihm ist Segen für die Welt und ihre reichste Zukunft.« – Berthold aber zog Meister Sixt bei Seite und fragte leise: »Gleicht das Kind nicht Eurem Anton, wahrhaftig so muß er als Kind ausgesehen haben.« – Anna wollte wissen, was er gesprochen habe, und Berthold antwortete gleichgültig: »Ich erinnerte den alten Herrn, daß er dies Kind nach einem jungen Gesellen gemalt hat, der bei ihm in der Lehre steht.« Anna mußte ihm innerlich recht geben und wurde äußerlich so rot, daß sie sich abwenden mußte, sie gedachte der unangenehmen Verwirrung am Morgen und hätte lieber das Bild gleich abreißen lassen,

Kugler und seine Frau kamen jetzt zu ihnen, um Abschied zu nehmen. Das tat dem ehrlichen Knaben gar weh, sonst war er seelenglücklich mit seiner Wahl, er wußte nicht genug anzurühmen, was er alles zum Dank unserm Berthold antun möchte, er wünschte, daß er in Not kommen möchte, um ihm die Treue seiner Freundschaft zu beweisen.

Nun ging alles zur Einrichtung der Wirtschaft über, und Anna lernte ihre Magd Verena, die sie zunächst bediente, näher kennen. Diese klagte bei ihr Jammer und Not über die Magd der Mutter Apollonia, ihre leibliche Schwester, welche Sabina sich nannte, daß diese Böses von ihr rede, und auch Frau Anna beschuldige, was sie kaum nachsagen möge, den jungen, schönen Maler Anton zu sich ins Fenster eingelassen zu haben, sie scheine das von ihrer Frau gehört zu haben. Sie habe ihr darauf den Mund verboten, denn wenn einer reden wollte, so wäre genug darüber zu sagen, warum Frau Apollonia immer dem Herrn im Garten nachgehe, auch ihn küsse, es wisse jeder, daß sie einst mit einander so gut wie Eheleute gewesen, aber die Zeit sei vorüber. – Anna verbot dem Mädchen zu reden, das Mädchen aber kehrte sich wenig daran, sie war zu heftig ereifert, nur wandte sich jetzt ihr Zorn gegen ihre Schwester, die zu demselben eigentlich die Hefen eingerührt hatte, sie berichtete, wie diese immer von den Schüsseln beim Auftragen nehme, nur fleißig spinne, wenn die Frau es sähe, gern zu den Knechten in den Stall gehe, sich immer Wege in die Stadt mache, auch beim Einkaufen mehr an sich als an die Herrschaft denke, daß sie nur fünf Hemden habe und darunter sei eins noch stark zerrissen und nicht einmal geflickt, ihre Schürzen wären aber ganz unbedeutend. »Aber sag nur«, fragte Anna, die eigentlich aus Gewohnheit gern den Mägden zuhörte, »wie habt ihr euch so verfeindet, ihr beiden Schwestern, nachdem ihr hier bloß darum in Dienst getreten, weil ihr so nahe beisammen wohnt.« – Das Mädchen wollte die Ursache nicht sagen, ihre Schwester sei aber an allem schuld, sie wolle ihr aber alles gebrannte Herzeleid antun. – Anna gebot Frieden, aber das half nur gegen schnellen Ausbruch der Feindseligkeiten. Jeden Morgen früh war immer ein dumpfes Schelten der beiden Schwestern am Brunnen, wenn sie früh Wasser holten, ein Keifen, als ob es an Wasser fehle, und doch lief dies im Überfluß.

Berthold schalt einmal, als er spät Abends zu Apollonien gehen wollte, daß so viel Wirtschaftsgerät, Eimer, Töpfe und Kupfergeschirr am Brunnen gestanden, er sei darüber gefallen. Verena machte daraus eine seltsame Historie, erzählte Annen, ihr Mann gehe Abends, wenn sie ihn im Garten beschäftigt glaube, gar heimlich zu Frau Apollonien, so daß es Annen gar heiß überlief, sie konnte mit ihrer Mutter nicht mehr frei und offen sprechen. Darauf hörte sie in der Stadt, daß von einem Kobold die Rede sei, der an ihrem Brunnen alles Geschirr reinige, aber auch sehr bösartig sei, wenn einer ihn störe. Sie befragte Berthold, der lachte über das Märchen, er sei oft am Brunnen gewesen. Verena aber winkte mit den Augen bei dieser Aussage ihrer Herrin und berichtete beim Ausziehen, der Herr poltere oft so spät bei den Geschirren am Brunnen herum, da hielten die Leute ihn für einen Kobold und hätten schon in der Stadt ausgebracht, sie und ihre Schwester hätten sich wegen des Kobolds entzweit, wenn er nicht allen beiden die Arbeit abnehmen wolle, er gehöre nur zum Hause des Bertholds und die Schwester setze immer ihre Gerätschaften unter die ihren, aber das sei Lüge, und rief alle Heiligen zu Zeugen, daß sie sich mit keinem Kobold abgebe.

Sabina quälte mit ihrer Zänkerei die Frau Apollonia weniger, weil diese strenger war, sie nistete sich aber auf feinere Art ein. Apolloniens Zärtlichkeit zu Berthold glaubte jetzt, wo er ihr als Schwiegersohn verbunden, keines Zaums zu bedürfen, sie äußerte ihm gern ihr Wohlwollen durch jedes gute Zeichen, nahm jedes von ihm an, fand auch darin einen Ersatz, als es ihr schien, daß die Tochter von ihr unabhängig sei, sie weniger aufsuche und andre Gesellschaft vorziehe. Sabina erfand sich eine Menge Freundlichkeiten von Berthold, die sie der Frau berichtete und ihr schmeichelte, am Abend aber die Schwester damit zu ärgern. Das alles erfuhr Anna, nachdem es kaum einen halben Tag ersonnen oder mißdeutet war, und machte die Stolze ihrem Berthold auch keine Vorwürfe, so spottete sie doch wohl gegen ihn über die Mutter und Berthold verteidigte sie mit Wärme und sagte wohl noch mehr, als er eigentlich glaubte, eben weil ihn die unerklärliche Härte in der Tochter ärgerte.

Ein Zufall reifte die Stacheln an der Hecke zwischen beiden Häusern. Apollonia war in ihrer Arbeit sehr emsig, obgleich sie es jetzt nicht mehr bedurfte, nun ein gutes Vermögen mütterlicher Seite ihr zugefallen war. Es brach ihr spät am Webstuhle etwas in dem Kamme, sie schickte Sabina damit zum Verfertiger, daß er es gleich in Ordnung bringe. Es sieht manches wie eine kleine Arbeit dem aus, der sie nicht zu machen versteht. Die Arbeit verspätete sich, die Nacht war dunkel heiß und Apollonia ging selbst ungefähr um Mitternacht an den Brunnen, um ihren Henkelkrug zu füllen. Sie nahte sich ohne Absicht leise, denn sie ging bequem und stand nicht ohne Schauder neben einer großen Gestalt, die am Brunnen auf etwas zu warten schien. Kaum hatte sie den Entschluß gefaßt, dies unheimliche Wesen ein wenig zu betrachten, ehe sie entliefe, so wurde ihr der Mond günstig, trat hervor und beschien einen blonden, herrlichen Lockenkopf, der im Augenblicke nach dem Garten Bertholds entsprang. Die Angst und die Besonnenheit geboten ihr zu schweigen, es war Anton, sie konnte nicht zweifeln. Was wollte er so spät? Berthold war in einem Geschäfte ausgereist, Anna hatte sich den Abend verleugnen lassen. Sie wurde wieder irre an dem guten Glauben, den sie den Entschuldigungen der Tochter am Hochzeitmorgen geschenkt hatte; ihre Qual war groß, denn ihre Rechtlichkeit war unerbittlich strenge. Sie gewann es über sich, nicht laut zu werden, es fiel ihr ein, daß Berthold von einer Reise nach Hohenstock gesprochen. Sie glaubte, daß sein guter Geist ihm den Rat eingegeben hätte, und beschloß ernstlich, mit allem ihren Einflusse auf ihn, dies Unternehmen zu fördern.

Anton, denn er war es wirklich gewesen, hatte nicht geringeren Schrecken über Frau Apollonia, als diese über ihn erfahren, er meinte sich schon beim Meister angeklagt und bestraft. Die Bosheit der Frau, als er damals so unschuldig in Annens Zimmer gekommen, ließ ihn viel schlimmere Bosheit ahnden, nun er in gewissem Sinne schuldig war. Er war wirklich der Kobold, der da nächtlich am Brunnen die Geschirre reinigte, was den beiden nachlässigen Mägden zu beschwerlich war. Er hatte sie in den Vorbereitungen der Hochzeit kennen gelernt und war in dem Drange der Arbeiten für seine Hülfe in der wohlbesetzten Küche von ihnen gelohnt worden. Für den Preis setzte er bei dem teuflischen Geize des Meisters, der ihm das Brot verschloß, diese geringe Arbeit Nachts heimlich fort, und die Sache hätte lange in Ruhe geschehen können, wenn nicht beide Schwestern gar zutuliche Liebe zu ihm empfunden hätten. Da er aber von eigner Gleichgültigkeit gegen beide blieb und wohl ihre guten Bissen, aber nicht ihre Küsse annehmen mochte und sich beide doch für schön hielten, so meinte jede, die andre habe heimlich mehr Vertraulichkeit mit ihm und das brachte sie gleich in Neid und Eifersucht. Als er nun gar in der nächsten Nacht ausblieb, ward der Unfriede am Brunnen groß. Berthold kehrte am andern Morgen heim und sprach zufällig erst bei Apollonien an, so schien seine Untreue der harrenden Anna gewiß.

Während Apollonia ihm heftig zürnte, trat Berthold mit freudigem Gruß und Gaben ein, erzählte von den schönen Burgen der befreundeten Ritter und drang in Annen, wie Apollonia eben in ihn gedrungen war, die Reise nach Hohenstock mit ihm zu unternehmen, es komme kein Schlächter aus jener Gegend in die Stadt, der ihm nicht Briefe mit Anmahnungen des Ehrenhalts überbringe, dort einen Besuch abzustatten, und je mehr er das Leben der Ritter kenne, je weniger lasse sich in ihm das Gefühl unterdrücken, daß er noch zu etwas anderm, als zur Wollrechnung, bestimmt sei. Der Antrag kam ihr jetzt so willkommen, sie hoffte, Berthold werde sie ausschließlich lieben, wenn sie mit ihm allein wäre, sie gab ihren Beifall, sie wollten beide vorgeben, daß sie Klostereinsiedlen in der Schweiz zu besuchen gelobt hätten.

Es war Sonntag, sie fühlte dunkel, daß sie dem Manne unrecht getan habe, oder aber wie Grünewald oft sang:

Sonntag hat ein eigen Wesen,
Innres Streben, äußre Ruh,
Mag von sel'gem Glauben lesen,
Läßt den Drang der Zeit nicht zu.

Sie wollte beichten und nahm ihr schwarzes Gebetbüchlein, ging aber nicht zum Hause hinaus, sondern in den Garten, wo, ohne daß sie es wahrnahm, der eifrige Gärtner Berthold beschäftigt war, seine Lieblingsblumen selbst zum Strauß für die Frau abzupflücken. Da kam eine hohe Frau in den Garten mit einer Harfe und einem Kästchen, worin Feigen und Apfelsinen, trug einen grünen Hut mit einer Feder darauf, grüne Jacke mit kurzem, bunten Rock, auch bunte Strümpfe, sie nannte sich eine Tirolerin, die aus der Hand weissage, und Apollonia meinte sie schon in Augsburg gesehen zu haben. Anna klagte ihr, daß sie beichten wollte, und die Tirolerin – oder vielmehr Grünewald, der so verkleidet war und sich etwas mit Wahrsagen abgab, – prophezeite ihr, was er ihr ansah, und hat alles nachher in Reimen abgesungen, wie es da erging.

        Der Sonntag winkt mit stillen Blicken
Und schmückt ein jedes Blumenbeet,
Der Gärtner will ein Sträußlein pflücken,
Weil seine Frau zur Kirche geht.
Und kann sich immer nicht entschließen,
Wo er sein Messer brauchen soll,
Die Blumen sich im Tau noch küssen
Und Herz am Herzen hängt so voll.

Da kommt sein junges Weib gegangen,
Ihr schwarz Gebetbuch in der Hand,
Ihr Blick gesenkt im frommen Bangen,
Zur Laube hat sie sich gewandt;
Wie heimlich glüht die Geißblattlaube,
Ihr Schatten ist ein duftig Bad,
Und drinnen girrt die Turteltaube
Und Nelken glänzen an dem Pfad.

Da spricht die Frau mit bangen Sorgen:
»Vergessen ist die Sündenschuld,
Was wollt ich beichten heute morgen,
Ach Gott, hab nur mit mir Geduld.
Ach hätte ich nur eine Stunde,
Mir fielen wieder Sünden ein,
Aus welchem bösen Sündengrunde
Mag ich wohl so vergeßlich sein.«

Der Gärtner hat sich nicht verstecket,
Doch ist er nicht von ihr gesehn,
Die Reben haben ihn gedecket,
Er staunet still, wie sie so schön;
Es kniet sein Weib am Bänklein nieder
Und deckt das holde Angesicht
Und steht dann auf und saget wieder:
»Was ich gesündigt, weiß ich nicht.«

Der Mann will eben zu ihr springen,
Und ihr in Kraft von Lieb und Lust,
Vergebung für die Sünde bringen,
Die ihrem Herzen unbewußt,
Da hört er eine Harfe klingen,
Sieht eine Frau mit grünem Hut,
Die ihr will süße Früchte bringen,
Die Frau sagt wahr und ist ihr gut.

Sie küßt die Hand des schönen Weibes
Und rufet mit Verwundrung aus:
»Du bist gesegnet deines Leibes,
Und Segen kommt nun in dein Haus!«
Beschämt will es die Frau nicht glauben,
Und klagt, wie schwer zu Mute ihr,
Tirola spricht: »Eh' reif die Trauben,
Die jetzt so hart, dann glaubst du mir.«

Ihr glaubt die Frau, und heil'ge Blicke
Wie Perlen sie umkränzen schön,
Tirola singt von ihrem Glücke
Zu ihrer Harfe Vollgetön;
Was Sie gedrückt, war keine Sünde,
Es war die ungewohnte Lust,
Daß sie den Dank zu Gott verkünde,
Erhebt Gesang die freud'ge Brust.

In wessen Herz die Sünde schweiget,
Da klingt des Herren Lobgesang
Das Dasein sich so freundlich zeiget,
Wenn neue Hoffnung es durchdrang;
Sie fleht, daß sie der Herr durchdringe
Mit seines Geistes Gegenwart,
Daß früh ihr Kind den Geist empfinge,
Wenn es noch bildsam, rein und zart.

Da kann der Gärtner sich nicht halten,
Er stimmt ins fromme Lied mit ein,
Und muß die Hände betend falten:
»So muß sich eine Kirche weihn!«
Und er gelobt, an dieser Stelle,
Zum Angedenken dieser Gunst,
Will er erbauen die Kapelle
Mit hocherfahrner Bildner Kunst.

Es steht die Frau in Scham betroffen,
Woher er ihr Geheimnis weiß?
Er spricht: »Ich sah den Himmel offen,
Ein Engel sagte es mir leis:
Und alles Geld, was du gesparet,
Den Armen gib zum Freudenmahl,
Daß Gott, der Herr, dein Kind bewahret
Und führt es leicht zum Sonnenstrahl.«

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