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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achte Geschichte
Das Hausmärchen

Frau Hildegard, die sich zugleich mit Berthold umsah, stieß diesen vergebens an und flüsterte ihm zu, er möchte sich fortbewegen, es sei einer der Kronenwächter, den sie sonst schon oft abgewiesen habe. Berthold fühlte einen Mut in sich, dem Alten zu begegnen, und fragte ihn, was er wolle, warum er sich ihnen so heimlich genaht habe! – »Heimlich?« antwortete der Alte mit tiefer heiserer Stimme, als ob die böse Witterung eines Jahrhunderts darin sich verkrochen hätte, »heimlich war nicht nötig, ihr saht und hörtet nichts! Mein Name ist Kronenhelm, bin Ehrenhalt auf dem Schlosse Hohenstock, wurde viel hin und her geschickt in Ernst und Spiel, habe Turnier ausgerufen, Fehde verkündet, Schlösser aufgefordert, habe im Zweikampf Sonne und Schwerter gemessen, besprochene Waffen losgesprochen, die Hexerei mit ritterlicher Ehre gebrochen, kann blasen auf dem Ehrenhorn hoch und tief, und wenn einer sieben Jahre schlief, ich weck ihn und schreck ihn, doch wenn einer lustig ist, bin ich auch ein guter Christ, und zu Eurem Polterabend komm ich über die Heide trabend, Euch Gruß zu bringen, Eure Hand zu schwingen, Geschenk und Gaben, die sollt Ihr haben, buntes Glas, wie bald bricht das, darum nehmt's wohl in acht, es hat ein Vorfahr gemacht. Seht her, seht hin, seht die Sonne darin, wie's flimmt, wie's flammt, alles vom Lichte stammt.« – Bei diesen Worten hob er aus einem Kasten, den ihm einige Leute nachtrugen, länglichte Glasfenster, oben als Spitzbogen geschnitten, und stellte sie in die leeren Räume zwischen den mit Blumen umwundnen Stangen gegen die untergehende Sonne, daß die Farbenpracht des Glases in seinem Durchscheinen in dieser vollsten aller Lichtfüllungen jedes andre denkbare Bild überstrahlte. – Berthold grüßte den Mann und in der Meinung, er sei von den Frauen geschickt, drückte er den beiden Frauen die Hand und dankte ihnen für die seltne Freude, die sie ihm bereitet hätten, er schwöre ihnen, kein Baumeister hätte je so etwas Schönes ersonnen. Dieses Blumenzelt solle in feinem Marmorstein ausgeführt werden und die Glasfenster haltend umschließen, daß der Brunnen eben so leicht frei, als geschlossen nach Witterung und Stimmung genutzt werden könne, zum kalten Bad für die heiße Zeit, als warmes Bad im Winter, auch zum sichern Mittagsschlaf beim Rauschen des Gewässers. Er rühmte Annen, wie sie ihn in allem übertroffen, – aber Anna sah Apollonien verwundert und ärgerlich an, als ob diese heimlich sie durch Erfindung habe übertreffen wollen, – und Apollonia noch verwunderter Annen, – der alte Ehrenhalt lachte recht von Herzen. – »Warum lacht ihr, Alter?« fragte Berthold, »daß ich so eifrig bin, mir hier gleich ein Brunnenhaus fertig zu denken, woran noch mancher Meißel stumpf wird. Ihr sehet hier noch Stangen, ich sehe schon die Blumenkrone in Marmor über dem Brunnen, ich sehe schon die Morgensonne von jener Seite, wie sie die Fenster durchleuchtet, ich meine das Tal dort wird noch freundlicher scheinen, weil es weniger blendet.« – »Herr«, antwortete der Ehrenhalt, »Eure Absicht finde ich gar wohl erdacht, aber ich wundre mich, daß Ihr diese Arbeit so wenig kennt nach ihrem Werte und ihrer Seltenheit, daß Ihr es für eine bloße Artigkeit Eurer Braut haltet. Solche Fenster möchte der Kaiser sich wünschen und sie nicht bereit finden; dieser mühsam zusammengebrachte Reichtum an Schmelzfarben steht keinem Glasmaler so zu Gebote und die Fertigkeit in der Benutzung aller ihrer Mischungen und Überlagen erfordert ein vieljähriges Nachdenken. Hier ist nicht wie in gewöhnlicher Glasmalerei mit Schwarz geschattet, ein jeder Schatten sinkt in seiner eigentümlichen Farbentiefe. Ehrt dies Geschenk, das erste, womit die Kronenwächter Euch ein Zeichen ihres Vertrauens geben.« – »Wer erlaubt Euch hier einzudringen?« unterbrach ihn jetzt die alte Frau Hildegard, »jetzt erkenn ich Euch, wie oft habe ich Euch abgewiesen.« – »Laß ihn«, sagte Berthold, »seid nicht böse, guter Mann, die Mutter meint es gut mit mir und fürchtet Euch wegen Martins Tod; Eure Gabe lerne ich jetzt erst recht bewundern, Ihr habt diesen Abend seltsam verherrlicht, Ihr sollt Zeuge sein meiner Freudentage und Ihr werdet Euch scheuen, ein Glück zu stören, um Greuel hoffnungsloser Erwartungen zu säen.« – »Greuel?« fragte der Ehrenhalt ernst. – Ich sage Euch meine Ansicht«, antwortete Berthold, »verhehlt sie nicht den Kronenwächtern. Ich meine, daß ein hochberühmtes Geschlecht nach Gottes Weisheit von der Höhe schwindet und dem gemeineren Platz macht, wenn seine Fortdauer Greuel brütet. Denkt Euch, der vielfache Mord, an welchem mein Vater untergegangen, wäre von dem herrschenden Geschlechte vor den Augen der Welt begangen, welch ein Vorbild den Völkern; jetzt schwindet er in der Unbemerktheit, nur denen verderblich, die sich darin verwickelt finden.« – »Woher aber diese Greuel?« antwortete der Ehrenhalt. »Fühlt Ihr solche Frevel in Eurem Blute? Seid Ihr nicht mild und schaffend in Eurem Kreise gewesen, und war nicht eben so Euer Vater? Berührt Euch aber der Gedanke Eures Sturzes ernstlich, und das wird keinem fehlen, dann lernet Euch selbst fürchten; fiele die wärmende Sonne zur Erde, sie würde uns verbrennen. Als Euer heiliges Geschlecht herrschte, gab es ein reines, keusches Rittergeschlecht, aber die jetzt den Namen tragen, sind es nicht. Nicht die sind Ritter, welche mit goldnen Spornen einherstolzieren, die von den Kaisern mit Gunst und Torheit zu Rittern geschlagen sind. Die echten Ritter sind vom harten Geschick geschlagen und geprägt, ihr Sporn ist die Treue und ihr Schwert der Glauben an das ewige Bestehen der Geschlechter und daß dieselbe Herrlichkeit aus dem Stamme immerdar wiedergeboren werde, wie Ihr das Wasser dieses Brunnens ruhig abfließen laßt und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet. Doch Herr, es ist nicht gut einen zu wecken, ehe er ausgeschlafen hat, Ihr müßt noch ausschlafen von dem Siechtum, das Euch lange zu ritterlichen Taten untüchtig machte, auch wollen die Kronenwächter noch nichts mit Euch, sie senden Euch nur eine kleine Freundesgabe, daß Ihr Eure Abkunft nicht vergeßt, denn in diesen Bildern ist viel von Eurer Abstammung erzählt und hier sind die Reime, die Euch hierüber weitere Auskunft geben-« – Mit neugierigem Stolze griff Anna nach dem Buche und sagte: »Es ist mein, denn seine Ehre ist auch meine Ehre jetzt; aber die Züge dieser Handschrift müssen gar alt sein, ich kann sie nicht lesen. Herr Ehrenhalt, schenkt uns noch einen Bericht aus diesem Buche, es scheint gar lang und Ihr werdet uns das mehr in der Kürze berichten können, da das Abendlicht bald zu verlöschen droht.« – »Tut es alter Herr«, sagte Berthold, und bot ihm einen Becher alten Neckarwein an, »wenn Ihr ein ritterlicher Diener seid, so dürft Ihr schönen Jungfrauen so etwas nicht abschlagend – »Euer Wein ist klar, wie der Jungfrauen Angesicht«, antwortete der Ehrenhalt, »und was ihr begehrt, ist unsre stete Unterhaltung in den einsamen Wachtstunden, bald sprechen wir von den wohlbezeugten Geschichten des Hauses, von Barbarossa und Konradin, bald von den Hausmärchen aus den Zeiten des Attila, von denen hier eins abgebildet ist. Es berichtet von einem der alten schwäbischen Könige, aus dem Hause der Hohenstaufen, dessen Name verschieden angegeben wird, hier aber soll er in Waiblingen sein Hoflager gehalten haben. Waiblingen war damals eine große Stadt.« – »Das wissen wir aus der Chronik«, sagte Berthold. – Nun erzählte der Ehrenhalt das Hausmärchen nach Ordnung der Bilder, die er nach einander, wie er in der Erzählung fortschritt, gegen die Sonne stellte, daß jeder ihre Bedeutung zugleich erschaute.

 
Erstes Bild

Es war nun der dritte Tag, daß der König dem wunderbaren, kleinen, wie Silber blinkenden Vogel über Höhen und Tiefen bis zum Anfang des dichten Schwarzwaldes nachschlich. Der Vogel schien aber der Jagdkunst verständig, trug spielend eine goldne Feder im Schnäbelchen, wenn er außer dem Bereiche der Armbrust war, wiegte sich auf dem Zweige und sang ruhig, aber im Augenblicke, wo der König den Pfeil auflegte, breitete er seine Flügel aus und schwand selbst wie ein Pfeil in die gefahrlose Weite, während der König ihm ärgerlich, aber vergebens, seinen Pfeil nachschnellte. Die Jagdwut des Königs überwältigte seine Ermüdung; seine beiden einzigen Gefährten, zwei Ritter, die ihm aus gutem Willen folgten, waren schon am Morgen erschöpft bei einem Einsiedler liegen geblieben. Des Königs Jagdlust entschädigte ihn für alles, was er entbehrte, er überließ sich ihr nach dem schnellen Absterben seiner beiden Eltern, das einem tückischen Gifte zugeschrieben wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, daß er den Mörder nicht entdecken konnte. Gewiß war es einer seiner Gaugrafen, denen er in der Trauer so unbesorgt die Nachforschung, die Regierungsgeschäfte und alle Einnahmen überlassen hatte. Dieser schmerzliche Müßiggang machte ihn dem Volke verächtlich, wenige entschuldigten ihn mit dem schmerzlichen Anlasse. Die beiden gutmütigen Edelleute, die ihm auf seinen Irrwegen folgten, erkannten zwar das Unglück, was er durch diese Lässigkeit über das Land brachte, aber sie wagten nur selten, ihm Vorstellungen zu machen, da er allmählich in seiner Jagdlust verwildert, gegen jede Einrede wütete, und sich selbst überredet hatte, indem er von dem Ertrage der Jagd sich kärglich nähre, so müßte es seinem Volke recht wohl sein, dem er alle seine Einnahmen überlassen hätte. Aber seine Grafen hatten dieses Erbe zur Unterdrückung des Volks durch fremde Söldner benutzt, so wurde das reiche Land vernichtet. Jener Vogel hatte den König allmählich in den damals dreifach größeren, unzugänglichen Schwarzwald geführt, er eilte über die von den Menschen bis dahin nicht überschrittene Grenze der Wildnis, ohne es selbst wahr zu nehmen. Da bedeckte die untergehende Sonne ihr Haupt mit Asche der brennenden Wolken, er hätte seinen letzten Atem aushauchen mögen, um ihr Feuer noch für einen Augenblick anzufachen. Er blickte um sich, denn der Vogel schien entschwunden, und er hörte doch seine Stimme. Welche Bäume umgaben ihn und welche zusammengestürzten Haufen von Baumstämmen, auf denen riesenhafte Pilze mit bunten Giftfarben erwachsen waren, hier sah er eine Eidechse, die auf den Tod einer Schlange lauerte und ihr vorsang, dort hackten unzählige Spechte den Takt zu dem Gesange. Wilde Reben aller Art, lebendig und abgestorben, verflochten den Urwald, in welchem die Bäume so dicht aneinander ihre Äste drängten, daß er seinen Weg durch die abgestorbenen Unteräste brechen mußte.

Grimmig schleicht er auf den Zehen
Durch des Waldes tiefe Nacht,
Aus dem Tale zu den Höhen
Lockt der Vogel ihn und lacht,
Lacht in tausendfachen Tönen,
Schlägt mit seinen Flügeln ihn,
Recht als wollt er ihn verhöhnen,
Denn das Dunkel macht ihn kühn.
Wütend schlägt der Herr die Bäume,
Wo er längst entflohen ist,
Schießet in die dunklen Räume
Und die Wut sein Herz zerfrißt.
Kracht die Tanne an der Tanne,
Seufzt er auch aus zorn'ger Brust,
Fühlt sich schmerzlich in dem Banne
Von der bösen Jägerlust.

So wütete sein stolzer Jagdsinn gegen den Vogel, der ihn in diese Wildnis geführt, und wo er etwas flattern hörte in den gedrängten Ästen, da schoß er seine Bolzen hinein, doch ohne andre Frucht als die Mückenscharen auf sich hinzuziehen, die schon in den Fichtenästen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Von ihnen gepeinigt, stampfte er auf den Boden, da sauste eine Wolke von Erdbienen gegen ihn empor. Er stürzte sich durch die trocknen Äste, ihnen zu entfliehen, da brummte an ihm vorüber ein zottiger Bär, der den Honig der Bienen wittern mochte, denn er achtete des Königs nicht, der schon sein Schwert zur Wehr gezogen hatte. Nun hörte er wieder die Stimme des silbernen Vogels, aber er fühlte keinen Zorn mehr gegen ihn, er war ihm eine willkommnere Gesellschaft unter den Ungeheuern, die ihn umdrängten. Ein heftiger Durst zähmte ihn, er hörte wohl Wasser rauschen, aber wie ein Strom, der von einer Höhe stürzend zerstäubt, denn der Felsen, auf welchem er stand, bebte von dem Falle. »Ein Schritt noch, und es ist der letzte«, schien ihm des Vogels Gesang zu sagen und der König fühlte zum erstenmal, daß er noch nicht zum Sterben vorbereitet sei. Er betete zum erstenmal seit dem Unglücke, das ihm die lieben Eltern geraubt hatte, denn er hatte mit dem Himmel gezürnt, in Finsternis und Wildnis kam der Geist des Herrn über ihn. Und als er das Haupt vom Gebete erhob, da sah er den silbernen Vogel dicht neben sich, der einen großen, leuchtenden Johanniswurm in seinem Schnabel trug und damit flatternd einen Fußpfad erleuchtete, den er in der Dunkelheit der Nacht und des Walds nie wahrgenommen hätte. Demütig hing er seine Armbrust über und folgte mit Rührung dem angefeindeten Boten des Himmels. Seht hier auf dem Bilde, wie alles Licht von dem Johanniswurme ausgeht, welchen der Vogel trägt, seht an der Seite Schlange und Eidechse, an jener Bär und Bienen am Abgrunde, den das brausende Wasser unterwühlt.

 
Zweites Bild

Über eine Stunde führte ihn der kleine Laternenträger durch den dichten Wald. Bei solcher Obhut konnte ihn weder das Heulen der Wölfe, noch das Liebesgeschrei der Eulen erschrecken, aber doch fühlte er in seinem brennenden Durste, welchen das Kauen von Blättern nur vermehrte, daß er ohne eine Quelle zu finden, bald verschmachten müsse. Der Boden blieb dürr oder felsig, das Nadelholz hatte alles Leben unter sich erstickt, die Nacht war taulos, und ein fernes Blitzleuchten in der Schwüle gab nur entfernte Hoffnung zu himmlischen Quellen. Da erschien ihm, als er schon alle Hoffnung aufgeben und eine Ader sich öffnen wollte, seinen Durst zu stillen, das Feuer eines nahen Herdes, indem sich die Türe eines Häuschens, das von Bäumen versteckt war, öffnete. Der Vogel sang fröhlich und zeigte ihm den Weg dahin durch die Gebüsche und setzte sich auf den Giebel des Häuschens und ließ den leuchtenden Johanniswurm frei entfliegen. Nicht aus Vorsorge, weil Räuber die Wildnis zum Aufenthalt wählen konnten, sondern erschöpft lehnte sich der König an die aus wilden Rosenbüschen geflochtene Wand der Hütte, ehe er einging, und dankte dem Himmel für die gnädige Führung. Dies stellt das zweite Bild dar: in der Hütte sehen wir einen ehrwürdigen Greis mit langem, weißen Barte, an einem Pulte schreibend, während schöne Knaben neben ihm an einem Tische Früchte und Becher zu einem Mahl auftragen. Die alten Reime lehren dabei:

        Lernt im Zufall Gottes Führung,
Wie er euch in Not begrüßt,
Denn es braucht oft tiefe Rührung,
Daß ihr euch nicht ganz verschließt.

 
Drittes Bild

            Totenbleich tritt er zur Hütte,
Wie sein eignes Schattenbild,
Trinkt vom Quell, der in der Mitte,
Gleich dem müd gehetzten Wild;
Und ein Kind bringt Stuhl und Früchte,
Und der Alte Wein und Brot,
Will nicht, daß er erst berichte,
Was ihn brachte in die Not.

Der König stillte seinen Durst, dann dankte er dem Alten, und fragte nach der Gegend, wohin er sich verirrt habe. Der Alte schrieb schon wieder gar eifrig und legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen des Schweigens. Der König schwieg und die Kinder führten ihn zum Lager am Feuer, wo ihn der Schlaf in wenig Augenblicken überwältigte.

Er mochte wenige Stunden geschlafen haben, als ein Funke vom frisch angeschürten Feuer auf seine Stirn sprang und ihn erweckte. Aber die Ermüdung aller Glieder war noch zu groß, er wollte sich erheben und vermochte es nicht, nicht einmal die Augenlider konnte er öffnen, er hörte die Unterhaltung zwischen dem Vater und seinen Söhnen, ohne daß diese wahrnehmen konnten, daß er erwacht sei. Der Alte schien etwas sehr Ernstes zu bedenken, er hatte einen Dolch gegen Himmel gehoben und sprach heftig:

    Ja der König muß verderben,
Soll der Staat genesen sein,
Mit dem Dolche muß er sterben,
Meine Träne soll ihn weihn,
Mich entflammt nicht eigne Rache,
Mich ergreift des Landes Wut,
Denn bald nährt der grimme Drache
Sich mit unsrer Kinder Blut.

Aber die Kinder flehten alle für den König und sagten:

Wie viel Wolken ziehn vorüber,
Und die Sonne scheint dann hell,
Und der König wird einst lieber,
Als der mutigste Rebell,
Vor dem armen Volk erscheinen,
Das vergessen alte Not,
Sich erwählet einen Reinen
Und bestraft des Königs Tod;
Er ist gut, es sind die Grafen,
Die mit frechem Übermut,
Laster lohnen, Tugend strafen,
Ach der König ist so gut!

Fest entgegnete darauf der Alte und focht mit dem Dolche gegen die Luft:

   Wer darf sein Geschick vergessen,
Nicht der Bettler fremd im Land,
Und kein König darf vermessen,
Kronen, die aus Gottes Hand,
Unter seine Diener teilen,
Um in ungestörter Ruh
In dem wilden Wald zu weilen,
Nein bei Gott, ich stoße zu.

Dem Könige war in diesem Gespräch so manches Wort wieder erwacht, was seine beiden Edelleute bescheiden hatten fallen lassen, die Not hatte seinen Geist erhellt, mit Jammer erkannte er sein Unrecht, richtete sich auf, öffnete seinen Wams und sprach zum Alten: »Stoß zu, ich fühle mein Unrecht, ich habe mein Volk und meine Krone lange vergessen, möge ein Würdiger mir folgen, der es treuer bewacht.« – Der Alte und die Knaben sprangen von ihren Sitzen und sahen ihn verwundert an. »Bringt kühles Wasser dem Kranken«, sagte der Alte, »er hat unserm Spiele zugehorcht und wähnt, er sei selbst der Schottenkönig, dessen Geschichte wir darstellen.« – »Ihr spielt mit dem Dolche?« sprach der König. »Oder hat Euch mein Auge den Mut benommen? Ich will es schließen, will mich niederlegen wie ein Schlafender, daß Ihr mich ohne Scheu morden könnt.« – Bei diesen Worten entfiel dem König die Krone, die er unter seinem Hute trug, und der Alte erkannte wohl, daß dies Mißverständnis einen Grund habe und keine leere Qual der falschen Einbildung zu nennen sei. Er ließ sich vor dem Könige auf ein Knie nieder und sprach: »Nicht jeder kennt die Not und das Geschick eines andern, der die Furchen seiner Stirn erblickt, wohl mögt Ihr unser gnädiger Herr sein, den wir so lange vermissen, ich aber wage es nicht, Euch zu beraten, so wenig ich Euch zu morden gesonnen war. Lange habe ich meine Augen nicht mehr dem Lebenden geöffnet, aber oft habe ich vor Euch in jüngeren Jahren am Marktfeste zu Waiblingen die Geschichte der Völker auf künstlicher Bühne gesprächsweise aufgeführt; gedenkt Ihr meiner noch, des alten Meistersängers David, aus Ungerland. Hier in stiller Einsamkeit durchdenke ich die Geschicke der Völker, und was Euch ergriffen, ist die Geschichte eines Schottenkönigs, der von seinen Barden erstochen wurde, weil ein Drache ungestört das Land verwüstete.« – Der König erhob den Alten, küßte ihn und sprach: »Mag Eure Geschichte mir fremd sein, Eure Lehre ist mein geworden, der Sänger Wort ist ein höherer Ruf und wie es uns trifft im Innersten, im Geist, im Herzen zugleich mit einem Strahle, so wirkt ein höherer Geist durch das Wort; wohl mögt Ihr mich noch vergessen haben und des fernen Schottenkönigs gedenken, dennoch steht mein Reich, ich und meine Gedanken im Spiegel Eures Geistes, Euch selbst unbewußt und ich schaudre vor meinem Abbild.« Das Bild stellt den König dar, wie er seine Brust dem Dolche entblößt, während die Krone von seinem Haupte fällt.

 
Viertes Bild

Der König fühlte sich entschlossen, wieder selbst zu herrschen und fragte nach Kostnitz am Bodensee, wo der Graf der Nibelungen, als besonderer Günstling des Königs wohnte. Gleich war ein Knabe mit einer Kienfackel dazu bereit und der Alte gab ihm seltsame, ahndungsvolle Worte auf den Weg. Und der Knabe führte ihn die wunderbarsten Wege auf umgestürzten Baumstämmen über Abgründe, in denen die Wölfe heulten. So waren sie bei dem Morgenlichte schon am Waldrande, wo der König den Knaben mit vielem Dank zurücksandte, gern hätte er ihm auch eine Gabe gereicht, aber schon lange hatte er kein Geld mehr gehabt und verlangt. Gegen Abend erreichte der König das Schloß des Grafen der Nibelungen, versteckte seine Krone und sein Schwert unter dem Mantel und warf die Armbrust unter einen Steinhaufen, daß er sie einst wieder finden könnte. Das Schloß war hell erleuchtet, er mischte sich unter das müßige Volk der Zuschauer, die alten Reime sagen:

      Und er geht zum hohen Schlosse,
Helle jedes Fenster blitzt,
Viele kommen da zu Rosse
Und sie haben ihn bespritzt,
Und er läßt die Wagen rollen,
Steht da, wie ein armer Tropf,
Fackeln, die sie putzen wollen,
Schlagen sie auf seinen Kopf,
Daß das heiße Pech ihm rinnet
In den Nacken, auf das Kleid,
Wahrlich, keine Seide spinnet,
Wer so zusieht wilder Freud.
Ruhig wärmt er sich am Feuer,
Das der Wagen Spur erhellt,
Einen Brand nimmt da ein Geier,
Trägt ihn in das reife Feld,
Und des Armen Feld muß brennen,
Weil der Reiche fröhlich zecht,
Doch sie werden bald erkennen,
Daß noch lebt ein göttlich Recht.

Und wie der König dem ernstlich nachdachte, hatte sich die Menge, die keine Gäste mehr zu sehen erwartete, schon vom Wachtfeuer verlaufen, er stand allein, als ein Haufen Reiter eine gebundne und dennoch würdig scheinende Jungfrau auf einem Pferde herbeiführten und am Tore zu Boden setzten. Die Reime sagen:

        Von dem Mund der Jungfrau nehmen
Sie das Band, das ihn verschloß,
Meinen, daß sie sich soll schämen
Vor dem glanzerfüllten Schloß.
Doch die Jungfrau ruft dem Winde,
Sagt's der keuschen Sternennacht,
Daß sie ihren Gram verkünde
Und die nahe Übermacht:
»Harter Graf, der mich geraubet,
Schlechter König, der nicht hört,
Heut hat Myrte mich umlaubet,
Morgen bin ich schon zerstört.«

Diesen Raub der schönen Jungfrau seht ihr hier auf dem Bilde und wie der König nach dem Degen greift.

 
Fünftes Bild

Die Besonnenheit des Königs beschwichtigte diese Aufwallung, er gedachte der Zahl jener Räuber und beschloß, der armen Geraubten, deren Schönheit ihn tief gerührt hatte, mit sicherer Klugheit zu helfen, oder selbst der Strafe für die lange Vergessenheit seiner Pflicht zu unterliegen. Sein Schwert wieder im Mantel versteckt, wie seine Krone, trat er ins Schloß und vertraute einem Diener des Grafen, er habe seinem Herrn willkommne Botschaft von einer schönen Frau zu überbringen. Der Diener, solcher Verhältnisse des Grafen kundig, wies ihn nicht ab, wie der König wohl gefürchtet hatte, aber er brachte ihn auch nicht zum Grafen, wie er gehofft hatte, sondern nach einem abgelegnen, unerleuchteten Zimmer des Schlosses und verließ ihn, um seine Anwesenheit dem Grafen zu melden. Der König war nicht lange mit sich allein, als Seufzer aus dem Nebenzimmer ihm hörbar wurden; gleich dachte er, es sei die unglückliche Jungfrau, die den Untergang ihres Lebens, zum Schutz ihrer Ehre, beschließe, und sang zu ihrer Vertröstung:

        Liebeszauber, Unschuldtränen,
Ihr erweckt mein totes Schwert,
Wie der Blitz, der durch die Mähnen
Eines müden Rosses fährt,
Und es bäumt sich kühn zum Himmel,
Wo der Donnerwagen rollt,
Möcht ihn lenken durchs Getümmel,
Daß er nicht der Erde grollt.

Dieser Gesang schien die Seufzer zu stillen, bald hörte der König von der andern Seite Menschentritte und der Graf trat mit einer Kerze ein, erhitzt vom Traume der Freude, sehnsüchtig der Verheißenen. – »Bist du es selbst, liebe Freundin«, sagte er eintretend, »ich schwor darauf, als mir ein Unbekannter im Mantel verhüllt gemeldet wurde, der mir frohe Botschaft bringe.« – Aber statt des Kusses, den der Graf erwartete, als jetzt der König den Mantel abwarf, sah er ein Schwert in seiner Hand blitzen, er wollte zurück springen und Verrat rufen, da erkannte er den König und war wie von einer Erscheinung erschüttert und verwirrt. »Gnädiger Herr«, stammelte er, »Ihr beehrt dies Fest mit Eurer Gegenwart, möchte es Eurer würdig sein, Euch erheitern.« – Der König sagte darauf mit Ruhe: »Das Fest ist meiner nicht würdig, es betrübt mich tief, die Klage der Unschuld ist Eure Musik und das Brot der Armen drückt Eure Tische nieder, Ihr habt mein Zutrauen getäuscht, ich habe Euch meine königliche Gewalt übergeben, mir bleibt nur mein ritterliches Herz, einer von uns beiden ist der Erde überzählig, zieht lieber Graf, daß Gott zwischen uns blutig richte, wer hier herrschen soll.« – Der Graf zog zwar seinen Degen, aber von dem früher gewohnten Gefühle übernommen, dies sei sein Herr, legte er den Degen zu dessen Füßen, kniete nieder und sprach: »Ich habe Euch nicht kränken wollen, gnädiger Herr, verzeihet meiner Jugend und der Freiheit, der Ihr uns überlassen hattet, wo ich in Leidenschaft irrte.« – Der König setzte ihm einen Fuß in den Nacken, erhob sein Schwert und sagte: »Der Übermut deiner Diener hat mir heißes Pech auf den Nacken geschüttet, als ich ruhig dem Freudenfeuer zuschaute, an dir will ich mich rächen, dein Tod ist in diesem Augenblick ein Schwung meines Arms! Ich will nicht deinen Tod, doch gedenke dieses Augenblicks künftig und schwöre mir ritterliche Treue!« – Der Graf hob die Hand auf und schwor ihm einen Eid der Treue, da gab ihm der König seinen Degen zurück und befahl, ihn als Herrn in die Mitte der Grafen zu führen, die in dem Schlosse versammelt wären. Das Bild stellt dar, wie der König ihm den Fuß in den Nacken setzt und sein Schwert erhebt:

        Der vor allen hochgestanden,
Ist am tiefsten nun gebeugt,
Also geht der Stolz zu Schanden
Und vor Gottes Macht sich neigt.
Wer mit Mut dem Rechte dienet,
Ist erfüllt von Gottes Macht,
Was er schafft, auf Erden grünet,
Was er störet, sinkt in Nacht!
Und woran er zu erkennen,
Ist die sichre Mäßigung,
Rache will er sich nicht gönnen,
Ihm genügt die Besserung.
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