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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
firstpub1817
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-001504-9
titleDie Kronenwächter
pages3
created20010428
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierte Geschichte
Die Ringe

Ehe Berthold sich auf den Weg machte, sein Geschick zu erfahren, trat ihn Treitssauerwein an und flüsterte ihm ins Ohr, er möchte sich bereit halten, am nächsten Morgen mit dem Kaiser zu sprechen, der ihn zu einigen Nachforschungen ausersehen habe. Berthold fragte bestürzt, ob er sich vielleicht vorbereiten könne auf diese Unterredung, wenn er ihm den Gegenstand der kaiserlichen Wißbegierde anzeigte. Der Geheimschreiber meinte, es würde wohl von den versteckten Hohenstaufen die Rede sein, für die unter den Bauern ein Anhang gesammelt werde. Mit diesem Worte entließ er ihn und Berthold ging doppelt angeregt durch die Stadt zu den stillen Vorstadtgassen. Als er sich dem kleinen Hause näherte, das mit Weinreben bezogen, durch kleine Blumengärten vor den Fenstern gegen Neugierde gesichert war, da sah er am Fenster eine seltsame, zweifelhafte Erscheinung. Er sah seinen Becher abwechselnd erscheinen und verschwinden! – Lag dieses Glanzspiel in seinen Augen, wallte die Luft von der Sonne erhitzt? Jetzt war er verschwunden, und schon wollte er sich traurig zum Stadttore zurück wenden, da blickte er noch einmal nach dem Hause, wie zum Abschiede und sah den Becher vor dem Fenster. Er nahte sich jetzt schnell und sah, daß Anna mit der Mutter und Fingerling am Fenster stand, daß die Mutter den Becher neckend zurückzog, wenn jene beiden ihn hinaus gestellt hatten und seine Sorge löste sich in lebhafte Freude. Er sprang eilig ins Haus, daß ihn keiner bemerkte und lauschte nun durch die offene Stubentüre. Die Mutter sagte, Anna sei jung und unbesonnen, sie dürfe nicht gleich dem fremden Manne trauen, keiner wisse, ob er nicht zehn Bräute habe sitzen lassen, dann sei er auch älter, wie sie, könne wohl eifersüchtig, böse und herrisch im Hause sein und ihr die Armut vorrücken, weil sie ihm wenig mitbringe, vielleicht wolle er sie nur als eine dienende Krankenwärterin seiner späteren Jahre sich annehmen. – Aber Anna schwor, keiner könne das glauben, der Berthold einmal recht angesehen habe, sein Antlitz sei von Ehre Ehrlichkeit, Milde und Frömmigkeit erhöht und geläutert, daß er ihr jugendlicher schien als Kugler und andre, die so lange sich um ihre Hand beworben hätten. Sie schwöre bei der heiligen Radiana von Wellenburg in ein Kloster zu gehen, wenn die Mutter diese Vermählung, dies vom Himmel ihr seltsam bescherte Glück, verhindern wolle. Die Mutter antwortete darauf: »Anna, du hast kein geistliches Blut, du bist ein frisches Mädchen, aus deinen Augen blicken freudige Kinder, darum magst du ihn heiraten, wenn du nicht anders willst; aber ich hätte dir einen jungen Mann gegönnt, daß euer überflüssiges Leben mit einander ausgegangen wäre und daß nicht eines dem andern nachtrauern muß.« – »Du weißt Mutter«, antwortete Anna, »die jungen Leute haben mich immer mit ihrem Schöntun traurig gemacht, als kämen ihre Worte nur aus böser Lust, als würden sie mich gern verderben, wenn ich es zuließe. Berthold sagt wenig, aber seine Liebe sieht ihm aus den Augen, er hat mich lieber, als sich selbst; ihm könnte ich mein lebelang gern und treulich als Magd dienen, wenn es mir versagt wäre, seine Frau zu sein.«

Berthold trat jetzt rührt zu Anna, die etwas zusammen fuhr, weil sie sich belauscht sah, nahm ihre Hand, drückte sie an sein Herz und sprach: »Anna, du hegst so fromme, sanfte Wünsche, du denkst so gut von mir, es ist wahr, was du von meiner Liebe zu dir denkst, wir werden glücklich sein, wenn nur nicht die Verschiedenheit unseres Alters uns so bald zu scheiden drohte. Ach, liebes Kind, daran bin ich jetzt zum erstenmal erinnert, das hat mir noch keiner gesagt und seit ich gesund worden, fühle ich mich so frisch und lebenslustig, wie damals, als mir das Geschick das erste Liebesglück entrissen.« – Fingerling, der bisher still geschwiegen, wollte Berthold etwas mitteilen, aber Anna ließ ihn mit den Beteuerungen, daß sie Bertholds Alter nicht wahrnehme, daß ein Traum ihr gesagt habe, sie werde eher sterben als er, nicht zu Worten kommen. Endlich sagte die Mutter: »Es ist eine seltsame Geschichte und es muß wohl der Wille des Himmels sein, daß sich alles so fügen mußte; die Leute werden meinen, ich hätte Euch künstlich in mein Haus gelockt, wie in ein Garn, um mir einen reichen Schwiegersohn zu erwerben. Aber ich will es beweisen, daß ich mich nähren kann und nähren werde künftig, wie jetzt, von meiner Hände Arbeit.« – Als Berthold diese trostreichen Worte vernahm, da zog er von seinem Finger den Ring, den er einst Apollonia zu geben durch die Schrecken und Wonnen des stürmischen Geschicks verhindert worden. »Es ist ein bedeutungsvoller Ring, den ich Euch biete«, sagte er, »nur der sollte ich ihn verehren, der ich mich auf ewig verbinden wollte und Ihr erbt ihn von der, die ihn nie empfing, die mir früher entrissen wurde, ehe sie meine Liebe kannte, der ich jahrelang vergeblich nachgeseufzt und die ich in Euch wieder liebe und die mir nach dreißigjähriger, treuer Hoffnung sie zu finden, bei Eurem Anblicke in einem Augenblicke verschwunden ist.« – »Bin ich es wert«, fragte Anna mit niedergeschlagenen Augen, »so lange gehegte Neigung zu verdrängen?« – »Wer kann Unschätzbares messen«, sagte Berthold, »gibt's in dieser seligen Fülle meines Herzens eine Kränkung, so ist es nur ein inniges Bedauern, daß ich so lange einer andern denken konnte: Nimm den Ring Anna.« – Sie nahm den Ring und steckte ihn an ihre Hand, während sie schmeichelnd einen Ring der Mutter vom Finger zog, und ihn Berthold überreichte. – Berthold wollte den Ring küssen, als seine Augen darauf verweilten, er mit einer Hand seine Stirne deckte, als ober er sich an etwas erinnert fühle, während er ihn mit der andern dem Fenster näherte. Endlich sprach er, als ob es ihm dämmerte: »Ihn trug die Mutter, sie gab ihn Apollonien, o sprecht: wie kam dies werte Andenken an Euch?« Jetzt konnte sich Fingerling nicht länger halten, er drängte sich vor und sprach in seiner lebhaften Beweglichkeit: »Warum wolltet Ihr mich nicht hören, ich wollte es Euch zuflüstern, als Ihr eintratet, es ist gewiß seltsam, daß Ihr sie nicht erkannt habt, ich brachte es doch gleich heraus, wie sich Menschen in dreißig Jahren verändern; groß war Apollonia, aber wie ist sie so stark geworden, das kommt von der Arbeit; so nahe war sie uns und wir schrieben an alle Handelsfreunde vergebens.« – Berthold sah jetzt Frau Zähringer tief in die Augen und sprach: »Verzeihet mir, ich kann dem guten Manne diesmal nicht glauben, daß Ihr meine Apollonia gewesen.« – Frau Zähringer wischte eine leichte Träne aus den Augen und sprach: »Der alte Name, so lange nicht gehört, wieder einmal von geliebten Lippen ausgesprochen, führt mir die ganze Reihe verlorner Hoffnungen und Wünsche zurück. Seid glücklich mit meiner Anna und habt Ihr mich je geliebt, nun ist nichts verloren. Was macht die grimme Zeit aus dem Menschen, kaum kann ich mich in die alten Tage zurück denken. Ich habe Euch wohl nicht so geliebt, wie Ihr mich und wie Ihr es verdient hättet, – Anna ist mehr zärtlich und nachdenklich als ich, ich verliere mich bei jeder Tätigkeit; ich dachte nicht in der Unglücksnacht, daß ich Euch entrissen werden könnte und doch habe ich mich hier vermählt, als der Vater starb; – ich hatte Euch keine Treue geschworen und ich war hier einsam und verlassen.«

Berthold unterdrückte mit einem Kusse jede Entschuldigung, er glaubte sie jetzt in jedem Zuge, in ihrer Stimme wieder zu gewinnen, er fand sich mit dem Geschick des ganzen Hauses jetzt so mannigfaltig verflochten, daß die Freude der Verlobung von der Neugierde, wie es der Mutter ergangen, unterbrochen wurde, im Hintergrunde regte sich das Gefühl, ob er ihr nicht Treue schuldig sei, sie seinem Alter nicht angemessener sei, als die Tochter, er fühlte sich zu beiden gezogen, aber den Widerspruch, der darin lag, fühlte er eigentlich noch nicht. Frau Zähringer machte ihn nun zum Vertrauten ihrer unglücklichen Geschichte.

Ihr Vater hatte das kleine Haus, das sie noch bewohnte, unter anderm Namen zum Zufluchtsort gekauft, Kleider und Namen wurden geändert, so entkamen sie aller Nachforschung, aber nicht der steten Angst, verraten zu werden. Alle Anschläge des Vaters, im Handel sein Glück zu begründen, wurden durch die Nichtswürdigkeit eines Vertrauten umgestoßen, der ihm das bei ihm niedergelegte Geld nicht unter seinem jetzigen Namen ausliefern wollte. Sein Stolz mußte sich herablassen, er nährte sich mit Schreibereien, während Apollonia alles zu nutzen wußte, was sie bei den Nonnen in Weberei und andrer wirtschaftlicher Arbeit gelernt hatte. Der Vater sank immer tiefer, denn er übergab sein quälendes Bewußtsein der Zerstreuung im Trunk und vernachlässigte seine Arbeit. Der trunkne Müßiggang führte ihn in das Haus einer bösartigen Witwe, die ihn an sich zog, um Apollonien in ihre Gewalt zu bekommen und sie einem scheinheiligen Sünder zu verkaufen. Die Angst in diesem Verhältnisse, Apollonia von Arbeit erschöpft, vom Vater mißhandelt, von der Nachbarin mit Lug und List gedrängt, hatten alle höhere Wünsche ihres Herzens unterdrückt, sie betete nur, ehrlich durch die Welt zu kommen. Und der Himmel gewährte ihr diesen Wunsch durch einen Landsknecht, der vor dem Hause bettelte, als eben der trunkene Vater mit Schelten heimkehrte. Sie klagte vor sich, wie sie mit dem Vater fertig werden wolle, der Landsknecht bot ihr seine Hand, er wolle ihr schon Ruhe schaffen, er wisse etwas gegen die Trunkenheit, sie möchte ihn nur ins Haus aufnehmen. Sie nahm ihn auf wie einen himmlischen Boten, er setzte sich zum Vater und schüttete ihm etwas in den Wein, den jener noch mit sich brachte, um ja nicht ein Funklein Bewußtsein übrig zu behalten. Als er das herunter trank, machte er ein grimmig Gesicht und mochte keinen Tropfen mehr trinken. So wußte auch der Landsknecht jener Frau, die den Vater in ihrer Gewalt hielt, etwas anzuheften, daß der Vater großen Überdruß gegen sie empfand. Nachdem er durch seine Künste das Haus gereinigt hatte, vermählte sich ihm Apollonia, aber nie gab sie ihm den Ring, den sie einst Berthold bestimmt hatte. Der Landsknecht, Zähringer war sein Name, nährte sich und die Frau von vielen kunstreichen Heilmitteln fürs Vieh, auch vom Ratten- und Mäusegift, das er für Geld legte, andre Übel wußte er zu besprechen. Der Vater half ihm dabei, starb aber, noch ehe Anna geboren, nicht ohne Verdacht, die Ratten um Gift betrogen zu haben; ihn quälte ein steter Lebensüberdruß, seit ihm der Wein verleidet worden, ein Durst und eine Begierde, die er nicht befriedigen konnte. Apollonia machte dem Manne Vorwürfe, daß er ihren Vater umgebracht habe mit seinen teuflischen Mitteln, sie drohte ihn anzugeben, wenn er nicht von der schwarzen Kunst ablasse. Er schwieg und ging aus dem Hause und ließ sich seitdem nicht wieder sehen. Sie hatte Anna bald darauf geboren, sie durch ihrer Hände Arbeit auferzogen, bis sie geschickt genug wurde, ihr helfen zu können. Sie schloß mit der Versicherung, indem sie Berthold weinend umarmte, daß es ihr vielleicht unmöglich geworden wäre, ihrer Neigung zu ihm zu entsagen, nun der Zufall ihn ihr so unerwartet zurückgeführt habe, ja unmöglich wäre es ihr geworden, ihre Neigung dem Wunsche ihrer Tochter und seiner Liebe zu ihr aufzuopfern, wenn nicht die Ungewißheit, ob ihr Mann noch lebe, ihr jede Verbindung untersage, und darum müsse sie die Wege des Himmels preisen, die ihr bis dahin so unverständlich gewesen. – Mit inniger Beklemmung hörte Berthold dieses offene Bekenntnis ihrer Neigung, er fühlte auch für sie ein zärtliches Nachgefühl seiner Jugendsehnsucht, aber er liebte mehr jenes Bild, das er so lange in seinen Gedanken getragen, das ihm viel lebendiger in der Tochter, als in der Mutter selbst wieder begegnete. Die Tochter hingegen zeigte eine seltsame Eifersucht gegen die Mutter, sie stellte sich zwischen beide und sprach klein laut, daß sie zurücktreten müsse, weil die Mutter ein älteres Recht zum voraus habe. Die Mutter achtete dieser Ziererei ihrer Tochter nicht, sondern gab ihr einen Backenstreich, daß sie sich in die Angelegenheiten ihrer Mutter mische, und legte die Hände Bertholds und Annens zusammen, nahm den bescheidnen Fingerling zum Zeugen und öffnete das Fenster, daß der Himmel ihren Segen über beide höre, wenn sie einander lieb und getreu blieben und ihren Fluch über den, der den andern böslich verlasse; wenn sie noch lebe, wolle sie dem ihr Gürtelmesser ins Herz stoßen. – Die Frauen trugen nämlich zu jener Zeit ein Küchenmesser neben der Geldtasche am Gürtel und sie sprachen gern davon, wie die Männer von ihren Degen. Die beiden Glücklichen hörten nur den Segen, sie glaubten nie des Fluchs zu bedürfen, der Himmel war noch abendklar und sie vergaßen in seliger Beschaulichkeit, daß ihnen noch ein großes Fest bevorstand.

Bald aber erinnerte sie daran der Gruß eines starken Mannes, der sich mit einer Kiste dem Hause nahte und Anna einen guten Abend bot. »Das ist Meister Kugler, der reiche Schlächter«, sagte sie ärgerlich zu Berthold, »der freit um mich schon seit einem Jahre und ich kann ihn nicht los werden, nun will er uns noch den schönen Abend verderben.« – »Bei Verlobungen und Hochzeiten kommen immer überlästige Gäste«, sagte die Mutter, »aber das befehle ich dir, sei nicht hart gegen ihn, niemand meint es besser, wie der; wäre Berthold nicht zwischen gekommen, du hättest ihn doch heiraten müssen.« Nun trat der Meister hinkend ein und erzählte, daß er ein schönes Kleid bringe und sich Annens Gesellschaft zum Ball erbitte. – Die Mutter aber dankte ihm freundlich, drückte ihm die Hand, indem sie ihm versicherte, Ihre Tochter habe schon einen Begleiter, dieser Begleiter sei Berthold, ein alter Freund von ihr und jetzt der Tochter Verlobter. Kugler starrte Berthold an, der starke Mann mußte sich halten, so überraschte ihn die Nachricht, endlich faßte er sich und sprach: »Herr Berthold, Ihr seid zu meinem Ärger auf die Welt gekommen, erst stecht Ihr mich heute aus dem Sattel und jetzt bei dem Mädchen aus. Beim heiligen Kristophel, wenn ich Euch so ansehe, ich kann's nicht glauben, daß ich Euch unterliegen mußte, wovon ich noch am linken Fuße hinke, der Fuß tut mir sehr weh. Nun sagen auch die Leute, Ihr wäret des Kaisers Liebling und aller heidnischen Sprachen Meister. Da sagt mir beim heiligen Kristophel, was wollt Ihr mit der großen Dirne noch dazu, die laßt mir. Ihr kriegt überall eine vornehmere und reichere, die in Gelehrsamkeit erzogen ist, ich aber kann keine andre brauchen, als so eine, die ein halbes Rind aufheben und an den Haken hängen kann, wenn ich gerade nicht im Scharrn bin, auch muß sie den Lehrburschen eins verreichen können, wenn sie die Wurst nicht fein hacken.« – »Lieber Meister«, antwortete Berthold, »unser Ännchen kann mehr, als das, wollt Ihr nur ein starkes, großes Mädchen, ich schaffe Euch in Waiblingen ein Dutzend zur Auswahl.« – »Darauf gebt mir die Hand«, antwortete Kugler, »und so will ich mir Annen aus dem Kopf schlagen, aber das Kleid kann sie wohl von mir noch annehmen.« – »Das ziehe ich an«, sagte die Mutter, um ihn zu versöhnen, »denn für die Tochter hat Berthold schon gesorgt, Ihr führt mich und bildet Euch ein, ich sei Eure Braut.« – »Ei Mutter«, sprach er, »mache einen rechten Ernst daraus, ich bin dir auch recht gut und in der Wirtschaft bist du noch brauchbarer, als Anna, ich werde gar zu sehr betrogen, wenn ich länger allein wirtschafte.« – »Nun das hat Zeit«, sagte die Mutter Apollonia, »wollen uns darüber noch ein zehn Jahre bedenken, aber zum Tanz gehn wir mit einander, laßt uns nur das Zimmer frei, damit wir uns dazu ankleiden können.«

Berthold führte den heiratslustigen Meister in die Laube vor der Haustüre, übersah so die Straße und sprach, um von dem unbequemen Verhältnisse des Mannes zu Annen abzukommen: »Es ist doch eine herrliche Sache um den Eifer fürs gemeine Wohl, der in Reichsbürgern liegt, auch in den Vergnügungen zeigt es sich, sie lieben das Öffentliche und Gemeinsame und setzen darin ihre Ehre, während die Bürger andrer Städte ihre Feste lieber im engen Hause unter wenigen Verwandten feiern und keinen Kreuzer für öffentliche Lustbarkeiten zusammensteuern mögen. Und wie sie zur Lust nicht gemeinsam gesellt sind, so trifft auch jedes Unglück den einzelnen vernichtend, denn jeder fängt mit seiner Dummheit zu leben an und muß auch damit auskommen. Ja ich sage Euch, bis in Kleinigkeiten macht sich eine freie Stadt kenntlich, schon in den herrlichen Glocken tönt's entgegen aus der Ferne, da darf keine gesprungene scharren, dann kommen viele zierliche Gärten und auch im ärmsten ist noch etwas für den Anblick getan, die Zäune verziert und angestrichen, die Stadtmauern und Tore sind aber vor allem gut erhalten und aus den reinlichen Häusern strecken sieh überall die Gewerbszeichen, wie Siegesfahnen heraus und die Wirte stehen ruhig und fest in den Türen, sie wissen, daß sie mit zu regieren haben. Sehe ich nun die vielfachen Waren in den Läden, so erkennt sich gleich die allgemeine Verbindung unter den Städten, der keine Entfernung zu weit ist, das Nützliche und Künstliche gegen gemeine Landeserzeugnisse einzutauschen. Im Einheimischen ist alles kunstreicher, das Brot weißer, die Semmel in allerlei lockenden Gestalten, die Braten kunstreich in der Haut gekerbt, daß Hirsche und Hasen drüber zu laufen scheinen.« – »Es gibt nur ein Augsburg«, rief Kugler, »wir Augsburger haben den Schelm im Nacken, ich sage Euch, zwölftausend Ochsen schlachten wir jährlich und darunter sind rechte Kerls. Auf unserm Kornhause bewahren wir hundertundeinjährigen Roggen, habe selbst davon kürzlich ein Probebrot gegessen, es ist etwas schwärzer, aber sehr nahrhaft; wir haben einen Tanzsaal erbaut, da können dreihundert Paare schleifen, wir haben einen Knopf auf die Hauptkirche gesetzt, der wiegt 309 Pfund. Das Sprichwort sagt: ›Nürnberger Hand geht durch alle Land, aber nichts geht über Augsburger Geld, das gilt in der Neuen Welt.‹ – Übrigens wird es mit dem Gelde bald aus sein«, fuhr er bedenklich fort, »die reichen Geschlechter kaufen sich außerhalb Güter, wie kleine Königreiche, die Alten bleiben nun wohl unter uns, aber die Jungen sind schon mehr in Cadiz, Lissabon und Antwerpen, als bei uns zu Hause, und hätten unsre Zünfte nicht seit dem Aufruhr im Jahre 1368 die Hälfte der Ratsstellen zu besetzen, so würden wir vielleicht künftig von den Landgütern der reichen Geschlechter, wie Ihr von Stuttgart aus befehligt. Mit dem heimlichen Gerichte hätten sie uns gern untergezwungen, aber wir haben die heimlichen Boten mehrmals so wacker durchgebläut, daß sie nicht mehr wagen, sich unserm Weihbilde zu nahen. Hört, lieber Berthold, Ihr müßt Euer Wappen in mein Gesellenbuch malen, Ihr sprecht so vernünftig, daß ich Euch recht achte und ehre.« – »Recht gern«, antwortete Berthold »aber ich habe kein Wort gesagt, nur wollte ich Euch bemerklich machen, daß die heimlichen Gerichte eine Freiheit und keine Last, Hohe und Niedre durch gleiches, unabwendbares Gesetz richten sollten. Dazu bedurfte es des Geheimnisses, damit sich keiner dem entziehen konnte, es wurde gefürchtet und hat doch nicht halb so viel Blut vergossen, als die Halsgerichte jeder Stadt und jedes Fürsten.« – »Ich kann es doch nicht leiden«, sagte Kugler, »was ich für ehrlich halten soll, das muß öffentlich getrieben werden, schon in den Zünften sind mir zu viele Geheimnisse, ich will alles klar und deutlich.«

Inzwischen waren Mutter und Tochter mit ihrem Anzuge fertig geworden und traten mit einer Laterne heraus, um den Weg nach dem Tanzsaale einzuschlagen. Die Mutter erregte diesmal die meiste Verwunderung, besonders bei Kugler, der sie nie recht anzusehen verstanden hatte, oder weil der schöne Anzug überhaupt dem Nachsommer, wegen des kalten Windes, der noch immer drin weht, nützlicher ist, genug, sie schien in der Pracht ganz verjüngt, ihre Farbe in der ungewohnten Bewegung lebhaft, ihre Augen glänzten, sie hätte eher für eine ältere Schwester, als für die Mutter gelten können; ihr Anstand war vortrefflich und mit dem Kleide schien sie auch die angewöhnte Härte und Roheit des Ausdrucks abgelegt zu haben. Dem guten Fingerling wurde das bescheidne Los zugeworfen, ein Wächter des Hauses in dieser Nacht zu sein. Er fühlte sich dabei sehr zufrieden, da er sich heimlich auf einen schnellen Ritt nach Waiblingen vorbereitete und ausruhte, der alten Mutter diese Verlobung so gut wie möglich beizubringen, denn er machte es gern allen recht, denen er sich verpflichtet hielt.

Unter großem Drang, den nur Kuglers mächtige Gestalt durchbrechen konnte, kamen sie in den herrlich beleuchteten Tanzsaal, der schon von dem Glanze der Reichen wie ein wogendes Meer blickte, während die Pfeifer und Trommelschläger durch Bässe und Posaunen verstärkt, mit den Geigen und Trompeten auf den verschiedenen Bühnen wetteiferten, sich trennten und wieder verbanden. Als aber der Kaiser (an seiner Seite Mathäus Lang, der Bischof von Gurk) eintrat, da verbreitete eine Stille allgemeine Ordnung. Die Gesellschaft ging paarweis geordnet an dem Kaiser vorüber und er reichte jeder Frau oder Jungfrau eine duftende Blume aus den Körben, welche seine Edelknaben hertrugen. Anna erhielt von ihm eine Rosenknospe und die Mutter eine stark aufgeblühete Rose. Beide wunderten sich über die frühzeitige Menge aller Blumen, es waren aber künstliche Blumen aus Draht und Seide, denen durch wohlriechende Öle der natürliche Geruch verliehen war. Kunz von Rosen eröffnete dann den großen Reihentanz, indem er mit einem Degen viele künstliche Fechtersprünge machte, um einen freien Raum im Saale zu gewinnen, dabei sang er:

Platz, Platz uns jungen Gesellen,
Wir wollen zum Tanze uns stellen,
Wer reicht mir den Kranz,
Ich führe den Tanz.
Ich bin ein Geschlechter,
Ein stattlicher Fechter,
Ich kann euch beschützen
Mit Messern und Witzen,
Will einer euch kränken,
Ich will's ihm nicht schenken.
Kann schweben und schwanken
Mit Herz und Gedanken.
Kann treten und springen,
Wie Pfeifen erklingen,
Kann drehen und wenden
Mit drückenden Händen,
Mit klopfendem Herzen,
Mit jauchzenden Scherzen;
Es folgen mir alle
Mit freudigem Schalle,
Schnell spielen die Geigen
Den freudigen Reigen,
Es schwanken die Dielen
Je höher sie spielen,
Es stäubet das Haus,
Da geht es zum Schmaus,
Da geht es zum Wein:
Nun Liebchen, schenk ein!

»Das nenn ich ein Kränzelsingen«, rief der begeisterte Kugler und trabte scharf, wie ein Gaul, wegen seines hinkenden Beines. Berthold erschrak über sein teuflisches Trampen, aber viele andere machten es nicht besser, der gute Kaiser mochte wohl darüber so lachen, er konnte sich gar nicht beruhigen und setzte sogar des Bischofs große Brillengläser auf, um diese halsbrechende Arbeit recht genau zu betrachten. Als endlich die Männer von Schweiß triefend, als ob sie Holz gesägt hätten, ihre Schritte hemmten, ließ der Kaiser den reichen Ratsherren Stutzer zu sich kommen, von dem nachher alle windige Bursche den Namen behalten haben, und machte den Wunsch ihm bekannt, von den jungen Frauen und Mädchen unter sich einen Reihentanz aufführen zu sehen. Die Frauen traten zusammen, Stutzer berichtete, der Vortrag wurde überlegt: wer war nun alt? Bald hätten sich die Frauen darüber verfeindet, aber Kunz sprang hinein, holte die Schönsten paarweis heraus und sagte: »Wer schön ist, ist jung!« Es mochte wohl für Frau Zähringer zeugen, daß sie mit der Tochter zusammen in den Tanzkreis geführt wurde. Nun erfuhr man erst, was es heiße, zierlich zu tanzen, nie hatte ein Augsburger solche Kunst in den Frauen geahndet, was der Kaiser beim ersten Blick aufgefaßt hatte. Die trabenden, tropfenden Männer standen rings, wie verzuckt, denn die lebendigste, mannigfaltigste aller Künste, der Mittelpunkt aller, die lebendige Malerei, Bildnerei, in der nach dem Sinne der Freude und Leidenschaft wechselnde Musikbewegung sich gestaltet, die hochherrliche Tanzkunst war ihnen in dieser freudigen Nacht aufgegangen, keinem aber so schön, wie unserm Berthold, denn seine Anna übertraf alle in der Sicherheit schöner Bewegung! So schön und kräftig war keine gewachsen, das zeigte sich erst hier durch die Anmut ihrer Bewegung, wie die Schönheit eines Bildes durch richtige Beleuchtung. Kaum wagte er mehr aufzublicken, so viel Lob erhielt sie überall, er betete in sich, daß sie keinen dieser Verehrer liebenswürdiger als ihn finden möchte, zugleich beseufzte er die vielen Jahre, die er unter den Büchern, ohne Anschauung aller lebenden Herrlichkeit hatte zubringen müssen. Dem Blute Antons dankte er diese Verwandlung, er wollte es gerne nicht vergessen und doch mochte er nicht gern daran denken, es war ihm, als ob jener dadurch auch ein Recht an seine Braut gewinne, das er niemand gönnte. Sonst war er nicht eifersüchtig, vielmehr freute er sich über den Ratmann Stutzer, der gegen die schöne Anna so viele artige Dienerlein machte, daß es wie ein Kinderspiel aussah. Dieser Stutzer war ein seltsamer Gesell, er stellte sich viel schlimmer an, als er war und hätte gern aller Welt Liebeshändel einzubilden gewünscht, die er weder haben mochte, noch hätte bestreiten können. Er sprach bald Frau Zähringer ins Ohr, bald Anna, und dann sprach er wieder halb laut vor sich, wenn er von ihnen fern, und verwünschte das Mädchen, es habe ihm ein Liebes angetan, und es könne doch nichts daraus werden, da er schon zu viel Liebschaften habe. Darum machte er Annen aus der Ferne ein ganz saures Gesicht, als ob er in ein Essigfaß gerochen, und schwänzelte dann wieder freundlich zu ihr, weil eben ein andrer mit ihr sprechen wollte.

Dem allen sah Berthold mit einem Gefühle der vollkommensten Sicherheit zu und ging unbekümmert in einem Gespräche mit Kunz, der sich durch Treitssauerwein mit ihm hatte bekannt machen lassen, durch die Nebenzimmer umher. Er war verwundert über den seltsamen Mann, der neben seinen Possen den tiefsten Ernst in sich zu beherbergen vermochte. Unter den gelehrten Gesprächen über die griechische Literatur hatte ihn Kunz unbemerkt durch alle Zimmer des Hauses bis unter den Haufen geführt, der vor dem Hause unter manchem rohen Gespäß dem Feste zuzusehen strebte, aber immer wieder von kaiserlichen Hartschierern und Trabanten zurück geworfen wurde. Verwundert fragte endlich Berthold: Wohin er ihn führe und ob er ihn auch anführen wolle. – »Nein«, sagte Kunz, »aber ich habe mit Euch etwas vor, es ist mit Treitssauerwein verabredet, ich konnte es besser ausführen, weil niemand hinter meinen seltsamen Gängen und Sprüngen etwas Ernsthaftes sucht. Die Stimme unsres Volks, die Stimme Gottes, Luther ist hier, der Kardinal kann ihn nicht mit Wortstreit, nicht mit Drohungen dahin bringen, seine Sätze zurück zu nehmen, er will ihn jetzt mit heimlicher Gewalt vernichten; ihn lebend oder tot nach Rom zu bringen, hat er Befehl und bei dem vielen armen und fremden Gesindel könnte ihm dies wohl gelingen. Luther muß fort, aber so unbemerkt, daß es morgen noch niemand weiß, daß keiner den Kaiser als Mitgehülfen seiner Flucht denken kann. Niemand wird Euch diese Kühnheit zutrauen, Euch habe ich ausersehen, diese schnelle Flucht möglich zu machen, da Ihr vor dem Tore wohnt und ein Pferd besitzt. Entscheidet Euch schnell, ob Ihr wollt, denn dort an dem erleuchteten Fenster wohnt Luther, wartet auf Euch; sei Euch der heutige Dank im Turniere ein Vorzeichen, daß der Himmel Euch zu etwas Großem ermutigen wollte.« – Berthold schlug in die dargebotne Hand des Kunz und antwortete: »Es sei, habe mich gleich an dem kühnen Mönch erfreut, obgleich nicht viel bei der Sache herauskommen wird, es wäre doch schade, wenn er in welsche Schlingen, wie der Savonarola einginge und sie ihm ein Feuer unter den Füßen anzündeten.« – »Warum nicht viel heraus kommen?« fragte Kunz verwundert. – »Einmal«, antwortete Berthold, »weil er nicht durchdringen kann gegen die Menge, welche ihren Vorteil in der Gelderpressung sucht und dann, weil es kein größeres Übel ist, Geld zur Abstrafung von Gewissenspflichten zu geben, unter dem Namen Ablaß, wie für Verletzung bürgerlicher Pflichten. Was hilft's den Ablaß abzuschaffen, wenn die Fürsten und Städte zum Besten der Reichen, alle Strafen mit Geld abkaufen lassen. Da das Bekenntnis und die Zahlung des Gelds freiwillig ist, so sind sie als Zeichen der Reue recht gut, denn das Landvolk besonders möchte lieber zehn Jahr im Sack und in der Asche büßen, als einen Kreuzer Bußgeld dafür ausgeben, und Tränen, die geben sie gar leichtsinnig aus.« – »Aber das Geld geht nach Rom und kehrt nicht wieder nach Deutschland«, sagte Kunz, »und die schrecklichen Lehren der Ablaßkrämer verderben die Menschen.« – »Die Lehren sind schon längst bei uns verlacht«, sagte Berthold, »unsre Leute sind darüber hinaus; was aber die Geldverschleppung nach Rom betrifft, freilich, es wäre besser, Kaiser und Reich duldeten sie nicht, statt daß jetzt ein armer Mönch dies für sie durchfechten muß. Das Ablaßgeld könnten wir gut brauchen zur Führung der schweren Reichskriege, die wir mit unsern Sünden wohl verschuldet haben« – »Freilich«, sagte Kunz, »es ist verkehrte Zeit, das Volk weiß mehr von Gottes Wort, als die Geistlichen, und ein Mönch muß für einen mächtigen Kaiser und seine Fürsten das Wort führen!«

Unter diesen Gesprächen waren sie in Luthers Zimmer getreten, der von einer ernsten Unterredung mit zwei Männern, die mit ihm das Zimmer durchschritten, abbrach und sich zu den Eintretenden wandte. »Dies ist Staupitz, der Generalvikar des Ordens, unter welchem Luther steht, jenes der edle Langemantel, Luthers Beschützer«, sagte Kunz, »und daß der in der Mitte Luther ist, steht ihm wohl an die Stirn geschrieben.« – Staupitz bat noch einmal Luthern, er möchte nachgeben, die Zeit sei nicht reif zur bessern Einsicht, aber Luther antwortete ihm, er kenne sich und seine Schüler, und sein Werk stehe nicht mehr in seiner Macht und seinem Willen. Dann ging er wieder zu einem Schreibpult und ließ die andern inzwischen mit Kunz und Berthold das Nötige zur Flucht verabreden, er ließ sich gern in den Vorsichten seines äußeren Lebens von Freunden raten.

Kunz wurde weggesandt, um Frau Zähringer und ihre Tochter zu benachrichtigen, daß Berthold zu einem Geschäfte abgerufen, er könne sie nicht heimführen. Kunz ließ noch Mantel und Kappe für Luther zurück. Berthold hörte in einem nahen Zimmer Lautenspiel, und Staupitz sagte, es sei Kurfürst Friedrich, bei dem Bilde seiner geliebten Fürstin Amalia von Schwarzburg, einer geborenen Mansfelder Gräfin, zu deren Garten ihn der Hirsch mit goldnem Geweihe geführt hätte. Staupitz öffnete leise die Tür, sie sahen das hellerleuchtete Bild einer weinenden Frau in einem Lustgarten, die einen Hirsch mit goldnem Geweihe streichelt, der Kurfürst war von ihnen abgewandt. Staupitz schloß leise die Tür und sagte: »So fand er sie vor dreißig Jahren, Ihr würdet sie jetzt schwerlich wieder erkennen, aber er liebt sie noch immer in gleicher Verzweiflung, denn mit strengem Ernst hat sie ihn während dieser Jahre zu kühnen Zügen bis Jerusalem gesendet, aber seine Wünsche nie erfüllt, wenn er ihre Aufträge vollbracht hatte; sie glaubt mit ihrer Tugend die Herrschaft über ihn zu verlieren, so stirbt er keusch und kinderlos. Unsern Luther schützt sie, Luther kann sicher sein, so lange ihr Wille dauert. Sie hatte den seltsamen Traum in der Nacht vor dem Tage, als Luther die Theses gegen den Ablaß an das Tor der Schloßkirche zu Wittenberg schlug, ein Mensch stoße mit seiner Feder dem Papst die dreifache Krone vom Haupte und zwar mit einer Feder, die von Wittenberg bis Rom reichte, sie fuhr nach Wittenberg und als sie Luther sah, von dem jedermann in den Tagen sprach, da versicherte sie, er sei es gewesen. Es ließ sich viel von der seltenen Frau sagen, die immer in andrer Welt zu leben scheint, als andre Menschen, und doch auf diese so unerbittlich wirkt. Sie hat gestern geschrieben, der Kaiser werde schwach, der Kaiser werde sterben, wir sollten für Luthers Sicherheit sorgen.« – »Amen«, sagte jetzt Luther und legte die Feder nieder, »hier ist mein letztes Wort an den Kardinal und nun stehe ich in Gottes Hand, bin fertig und bereit, wohin ihr mich senden wollt.« Langemantel reichte ihm Kunzens Mantel und Kappe und Luther lächelte des seltsamen Staats, wußte ihn kaum anzulegen, dann aber erschien er darin allen bunten Lappen zum Trotz, gleich einem Herrscher mit kühnem Blick. Wie ein Gebirge Ströme nach Osten und Westen sendet, so vereinigte der Mann ein Entgegengesetztes, was sonst nirgend gefunden wird: Demut und Stolz, Bewußtsein seiner Bahn und Hingebung an andrer Rat, helle Verständigkeit und blinden Glauben, noch war das Volk nicht reif, sich solch einem Manne nachzubilden, aber seine Gegner lernten bald so viel von ihm, wie seine Anhänger.

Staupitz und Langemantel nahmen mit Ernst und Rührung von ihm Abschied. Berthold führte Luther herunter. Als Berthold die laute Freude des Festes hörte, stieg ihm wohl ein schwerer Seufzer auf, ob er nicht das nahe Glück seines Lebens an eine Angelegenheit setze, die dem ganzen Deutschland, nur ihm nicht wichtig scheine, aber er stärkte sich gleich mit seinem ritterlich gegebenen Worte. Die Gassen wurden stiller, die Brunnen geschwätziger und der scharfe Morgenwind trieb seinen Mutwillen mit den Schlafkammerfenstern; sie waren jetzt am Tor, das in dieser Nacht wegen des Festes geöffnet blieben, sie schritten ohne Aufenthalt hindurch über die Brücke, da hörten sie mit Teilnahme des Wächters Lied:

So mancher liegt in Nöten
Und liegt in Liebchens Arm,
Er liegt so still und warm,
Der Bruder will ihn töten,
Er träumt vom goldnen Ringe,
Sieht nicht die blanke Klinge,
Die um das Haupt ihm schwirrt.

So mancher flieht in Sorgen
Und steht in Gottes Hand,
Der ihm den hellen Morgen
Zu seinem Trost gesandt,
Er denkt nur seiner Feinde
Und kennt nicht seine Freunde,
Die Klugheit ihn verwirrt.

»Bei Gott, das ist Kunzens Stimme«, sagte Berthold. – »So fand mein Herz in dem Narren Trost!« antwortete Luther. Als sie in die angelehnte Türe des kleinen Hauses der Frau Zähringer traten, fand sich Luther, der vorangegangen, von zwei freundlichen Armen umfangen. Luther sprach: »Kein lieberes Ding auf Erden, als Frauenliebe, wem sie zu Teil mag werden!« – Da fuhr Anna vor der fremden Stimme erschrocken zurück und Berthold trat zu ihr, freute sich, daß sie schon heimgekommen, erklärte ihr den Irrtum, sagte aber, daß er diesem tapfern geistlichen Herrn den Gruß auf die Reise wohl gönne, zugleich stellte er Anna als Braut vor und bat um Luthers Segen zur Verlobung. – Luther sprach: »So tut, wie euer Herz begehrt, was ihr in eurem Herzen gelesen habt. Frühes Aufstehen und Freien soll niemand gereuen. Das Weib wird selig durch Kindergebären, wenn sie bleiben im Glauben und in der Liebe und in der Zucht. Der Mann arbeitet sich froh durch die Welt, wenn ein frommes Weib den Schweiß von seiner Stirne trocknet, er wirft seine Sorge auf Gott, tut recht, scheuet niemand, und freut sich an der Welt, wie auf den Himmel. Amen, es geschehe!« – Anna dankte unter Tränen, sie blieb mit Luther allein, während Berthold sein Pferd sattelte. »Und Ihr dürft nicht heiraten?« sagte sie mitleidig, »und wißt doch den Ehestand zu rühmen?« – »Freilich«, sagte er, »ist es gegen des Papstes Gebot, was die Heilige Schrift gebietet: Es soll ein Bischof unsträflich sein, eines Weibes Mann!« – Nun kam Berthold mit dem Rosse vor die Türe, Luther grüßte freundlich und trat hinaus. – »Euch fehlen ein Paar Stiefel«, sagte Berthold, »gern gäbe ich Euch die meinen, aber ich sehe, sie sind Euch zu enge.« – »Mein Vater und Großvater«, antwortete Luther, »waren arme Bauern, haben oft ohne Strümpfe und Schuhe ihre Rosse zur Schwemme geritten und so mußte ich auch tun, als ein kleiner Knabe. Und naß soll das Roß werden, als ging es in die Schwemme, acht Meilen muß ich zurücklegen, ehe ich sicheres Geleit finde. Habt Dank und lebt wohl, ich sende Euch das Roß mit meinem Dank beladen durch sichere Hand zurück.«

Es wurde helle, als er forttrabte, und Berthold ging nicht ungeküßt auf sein Zimmer ans Giebelfenster, um ihm in die Ferne nachzusehen. Anna blieb noch vor der Türe, sie wollte den neuen Tag in ihre Freude hineinziehen. Ein lustiger Wind spielte in den Blumenkelchen der beiden kleinen Gärten vor dem Hause und Anna sang, indem sie ein wenig da aufräumte, was in den beiden Tagen vergessen war:

    Goldne Wiegen schwingen
Und die Mücken singen,
Blumen sind die Wiegen,
Kindlein drinnen liegen,
Auf und nieder geht der Wind,
Geht sich warm und geht gelind.

Wie viel Kinder wiegen?
Wie viel soll ich kriegen?
Eins und zwei und dreie
Und ich zähl aufs neue,
Auf und nieder geht der Wind,
Und ich weine, wie ein Kind!

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