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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressStuttgart
isbn3-86150-278-X
titleDie Kronenwächter
pages7-420
created19990723
senderWolfgang Guelcker (wgue@berlin.snafu.de)
firstpub1817
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Fünfte Geschichte
Der Bau

Des jungen Bertholds Erzählung wurde von dem Alten und Frau Hildegard ganz anders aufgenommen, als er gefürchtet hatte. Sei es der Anblick des Schatzes, das Außerordentliche im Geschick, kein einziger Vorwurf traf ihn, daß er den Kauf so heimlich ausgeführt. Frau Hildegard wischte ihm sorgfältig jede Träne ab, steckte seine Füße in weiche Pantoffeln und der Alte ergoß zum erstenmal seinen Zorn gegen den Bürgermeister, indem er alle einzelnen Verweise aufzählte, die er um Kleinigkeiten erhalten. Endlich fuhr er auf und sagte: »Keinen Schritt sollst du ihm nachgehen, du hast mehr Geld, als er, und was er hat, ist nicht ehrlich gewonnen, mit Gottes Hülfe wollen wir irgend ein ansehnliches Gewerbe anfangen, das uns gut nährt. Stände nur erst das Haus auf den alten Trümmern, so gäbe ich die Türmerstelle gleich auf und zöge hinein.« – »Und ich sollte gar allein bleiben«, sagte Hildegard mit Vorwurf. »Ich ließe eine Brücke bauen«, antwortete der Alte, »daß du recht bequem heruntergehen könntest, oder wir hingen eine bequeme Sänfte an das Seil und ließen dich herab, ich habe schon in Gedanken für alles gesorgt.« – »Und ich weiß schon den ganzen Bauplan«, seufzte der junge Berthold, »aber wozu soll ich alle die Zimmer erbauen, ehe wir wissen, wozu wir sie brauchen sollen und was ich darin unternehme. Zum Abschreiben brauche ich nur ein Kämmerlein und zum täglichen Leben brauchen wir auch nur ein Zimmer, denn wir bleiben gern beisammen.« – »Was klingelt denn so spät von der Stadt her und will noch zu uns herauf?« fragte der Alte und zog am Draht die untere Türe auf, während der junge Berthold den Schatz unter dem Bette verbarg. Es trat aber zu aller Verwunderung Meister Fingerling herein, entschuldigte seinen Besuch, indem er sagte, daß Berthold mit seinem Kauf einen Lieblingsplan gestört habe, an welchem er seit vielen Jahren arbeite; nun habe er eben im Ratskeller bei einem Glase Wein vom Gerichtsdiener vernommen, daß Berthold seines Schreiberdienstes entsetzt und ein fahrender Schüler aus der Schweiz, ein Bacchante, der seit Jahren schon in den Straßen herumsinge, vorläufig an seine Stelle trete; da komme er nun, um zu hören, ob sich nicht durch verständige Besprechung alles zwischen ihnen ausrichten lasse. Der alte Berthold fragte neugierig, was er denn eigentlich beabsichtige? »Ich habe Euren Pflegesohn vom ersten Anblicke lieb gewonnen«, fuhr Fingerling fort, »und seine Freude am schönen Tuche gefiel mir sehr wohl, als er damals den grünen Wams sich machen ließ. Nun habe ich mir etwas mit langem Fleiß erspart, habe auf meinen Wanderungen alles kennen gelernt, was zur Tuchmacherei gehört, und will nicht länger dulden, daß wir unsre Wolle nach Augsburg fahren und unser Tuch aus Augsburg holen, ich kenne Weber und Tuchscherer, auch einen Walkmüller, die sich wohl alle hier niederließen, wegen der Wohlfeilheit vieler Lebensmittel, wenn ihnen nur ein Handelshaus Nahrung gäbe, und das Handelshaus will ich stiften, und wenn Euer Sohn mir den Bauplatz gibt, so soll er einen Anteil am Gewinn haben und ich nehme ihn an Kindesstatt an, da ich bei solchem Unternehmen doch keine Zeit mehr zum Heiraten behalte. Diese meine Absicht ist auch der Grund gewesen, warum ich Euren Sohn nicht weiter überboten habe, ich dachte gleich: Nun der denkt dasselbe wie du, und will auch eine Tuchhandlung anlegen und es ist so gut, als ob du es selbst hättest.« – Der alte Berthold und Frau Hildegard falteten bei dem Vortrage die Hände, sie glaubten die höhere Hand noch nie so sichtbar in ihren Geschicken wahr genommen zu haben und der junge Berthold war so demütig durch sein Mißgeschick geworden, daß er es für eine Ehre schätzte, von dem Schneider als Kind angenommen zu werden. Der Alte vertraute nun dem ehrlichen Fingerling die eine Hälfte des Geheimnisses, daß nämlich sein Pflegesohn einen schönen Schatz an barem Gelde habe, der aber nach seinem Vorgeben in der Kiste gelegen, mit der er ihn empfangen habe. Da sprang Fingerling vor Vergnügen in die Höhe, kein Tag sollte versäumt werden, er wolle gleich morgen ausreisen, die Weber aus Augsburg zu holen, während Berthold den Bau eilig fördern müßte. Sie kamen die Nacht gar nicht von einander, denn Fingerling war ein unermüdlicher Erzähler und beschrieb von der Dachrinne bis zur Plinte das neue Haus der Fugger in Augsburg, die ebenfalls durch Webereien ihren Reichtum verdient hätten. Was aber mehr als alles den jungen Berthold tröstete, das war die Hoffnung, die er ihm erweckte, wenn erst die Handlung in Flor stände, so würde ihn der Bürgermeister mit allen zehn Fingern für Apollonia als Eidam zu sich hinziehen. Der Vertrag war vom Alten noch vor Sonnenaufgang geschrieben, unterzeichnet und bei einem Kruzifix Hildegards, in welchem ein heiliger Knochensplitter eingelegt, von allen beschworen.

Schon am andern Tage hatte Fingerling seine Wanderung angetreten, während der junge Berthold seine Schreibereien dem neuen Schreiber übergab und bei dieser Gelegenheit zu seinem Leidwesen erfuhr, daß sowohl Apollonia, als die beiden Vogtstöchter, in das Nonnenkloster der Stadt zur Erziehung gegeben worden. Er hatte aber keine Zeit zur Trauer, denn mit rascher Eile ging's an den Bau. Ein alter Mauermeister, mit Namen Bauer, und der Zimmermeister Mathis, beide des alten Bertholds Ratskellerbrüder, waren sehr erfreut, als sie bar Geld sahen, um ihre Gesellen, die eben feierten, beschäftigen zu können. Sie waren gar verwundert über den jungen Berthold, daß der ihnen so geschickt mit Feder und Lineal auf Papier vorreißen konnte, wie der Seitenflügel, der als die kleinere Arbeit zuerst ausgebaut werden sollte, eigentlich beschaffen gewesen, aber Berthold hatte sich das alles in der Kapelle genau gemerkt, es stand wie eingegraben vor seinen innern Augen. Nichts durfte an Baustoffen, an Holz, Steinen und Kalk herbeigeschafft werden, das er nicht vorher als trefflich erkannt hatte, und keine Arbeit wurde unternommen, von deren Zweck er sich nicht unterrichtet hätte, so daß er bald mit Einsicht über die Vollendung Aufsicht führen konnte. Er sparte kein gutes Wort bei den Gesellen, wenn sie zu lange Zeit mit Messen und mit Essen zubrachten, mancher Trunk Wein zur rechten Zeit sparte ihm viel Geld und der fröhliche Tag des Richtens war schon vor dem Herbste erreicht und ehe der Winter die Arbeit hemmte, alles mit Dach und Fenstern geschlossen. Aber der rachsüchtige Bürgermeister sah die Arbeit mit Neid an. Er mochte wohl vernommen haben, daß der alte Berthold laut und öffentlich gegen ihn zur Verteidigung seines Sohnes rede, und wollte sein Ansehen nicht sinken lassen, so brachte er einen Verdacht gegen beide in Umlauf, als ob sie die öffentlichen Truhen möchten heimlich geöffnet haben und jetzt davon gut bauen hätten; aber die beiden Bertholds hörten nichts davon, oder ließen sich dadurch nicht stören. Während des Winters kam Fingerling mit seinen Webern angezogen, brachte sie in kleinen Häusern unter, die er wohlfeil erstanden, und brachte die Wollenniederlage in das neue Haus. Eine verfallene Mühle an der Rems wurde zum Walken eingerichtet, ein Nebengebäude zur Färberei, zu der die Gegend manche Farbestoffe seit lange baute, aber sonst weit verschicken mußte. Der junge Berthold wollte nicht nachstehen in seinem Fleiß, und benutzte jede Stunde, die der Frost ihm frei gab, zur innern Einrichtung des Hauses, zum Ankauf und zur Anfuhre der Baumaterialien für das Hauptgebäude. Bald war der Seitenflügel belebt und die Schornsteine rauchten, die Wolle wurde da nach ihrer Güte abgesondert, die Wolle zum Spinnen verteilt und wieder eingenommen und zur Weberei ausgegeben, die Gewebe sorgfältig durchsehen, gereinigt, späterhin hier auch geschoren. Die Bürger sagten von den Bertholds: »Mögen sie das Geld, auf welche Art es sei, gewonnen haben, es bringt der Stadt mehr Nutzen, als der Bürgermeister mit allem Gelde geschaffen, das er zu seinen eingestürzten Bauwerken beigetrieben hat.« Der alte Berthold bekam ein neues Leben, seine Feder war unermüdlich, er knüpfte überall Verbindungen an, die Städte standen einander gern bei und Fingerling hatte die Freude, im Frühling den ersten Einspännerwagen nach Augsburg mit Tüchern abzusenden, ehe noch die Leute in der Stadt selbst zu dem Tuche ein Zutrauen faßten, daß es wie Augsburger Tuch halten könne. Wohl mochte auch der Bürgermeister Schuld haben, denn er setzte in Umlauf, die Tücher wären in der Farbe verbrannt, aber die Wahrheit mußte bald auch bei den Landleuten sich bewähren und wie der Mut unsrer Bertholds nicht sank, so stieg ihr Glück. Gegen den Sommer legte Berthold sein Türmeramt nieder, nachdem die Arbeiter in der Walkmühle eine starke Winde eingerichtet hatten, um Frau Hildegard sicher vom Turme herabzulassen, denn er wußte voraus, daß der Bürgermeister ihn mit dem Abzuge gewaltig drängen würde, wenn er seine Dienste aufgekündigt hätte.

So traf es auch ein, denn schon am nächsten Morgen trat in den Turm mit großem Gepolter ein alter Reisiger, Bastian mit Namen, der grimmig fluchte, daß die Sachen des alten Berthold noch nicht fortgeschafft wären, und ihn fragte, was er und die Seinen noch da oben zu suchen hätten. Frau Hildegard weinte heftig, daß sie auf solche Art von dem geliebten Turme scheiden sollte, auf welchem sie so ruhig bei geringem Glücke ihre Jugend und zwei Männer überlebt hatte. Der alte Berthold fraß seinen Zorn in sich und suchte mit Vernunft dem alten Würgesel zu begegnen, der durchaus auf Streit und Quälerei vom Bürgermeister angewiesen war. Dem jungen Berthold ballte sich die Faust und als der Kriegsknecht Anstalt machte, Betten und Sachen zum Fenster herunter zu werfen, da lief er dem ungeheuren Knochengerüste geschickt zwischen die Beine, daß er zu Boden fiel, und sich dabei die Nase zerstieß, daß er blutete. Nun fielen alle drei über ihn her, banden ihn mit Stricken und hingen ihn mit diesen an den Haken der Winde, nach der Außenseite der Stadt, und ließen ihn auf der Hälfte des Turms, wie einen geschossenen Raubvogel, als Warnungstafel hängen. Bastian fluchte und wetterte, daß er es ihnen gedenken wolle. Der alte Berthold und Frau Hildegard gedachten aber der hohen Abkunft des Sohnes, die er so männlich beurkundet hatte, und wie ihnen der Knabe zum Schutz ihrer alten Tage gedient habe, aber sie sprachen nur heimlich davon, daß der Junge nicht stolz würde. Nun kamen schon die Arbeiter mit dem sargartigen Kasten für Frau Hildegard, um sie herab zu lassen, er wurde an der Winde nach der Stadtseite befestigt und als sie sich darein gelegt und sich immer noch fürchtete, legte sich der alte Berthold zu ihr, als wär's ihr Ehebette, der junge Berthold aber sprang die Treppe hinunter, daß der Kasten nicht hart auf das Pflaster stoßen möchte. So sank nun die seltsame Fracht zur Stadt nieder, während der hängende Kriegsknecht durch die natürliche Aufwickelung des Stricks zum Turm erhoben und von den lachenden Arbeitern frei gemacht wurde. Während die beiden unten glücklich ausstiegen, schimpfte der Bastian schon zum Turme herunter, weil er das Horn mit Sägespänen von den Arbeitern gefüllt erhalten und sich den Mund damit gar unbequem zugepappt hatte. So wollte der Himmel gar keine Rührung im Hause der Bertholds bei diesem wichtigen Ereignis dulden, vielleicht um sie aufmerksam zu machen, daß sie wichtigern Begebenheiten, größerem Leben entgegen gingen; auf der Höhe des Turms hatte sich ein großes Handelshaus begründet, das sich bald zum Palast ausbaute. So ging's damals sehr häufig, die Welt war noch nicht so durchwandert und umschifft, wie in unsern Tagen, es war damals dem Himmel noch leicht, durch einen guten Gedanken einem ehrlichen Kerl unter die Arme zu greifen und ihn zu erheben. Frau Hildegard ward unter dem Zujauchzen einer Menge Volks, die allerlei gutmütigen Scherz, aus Neugierde sie zu sehen, ausgehen ließ, weil sie so gewaltig dick beschrieben war und sich ganz verhältnismäßig vorfand, so ward sie durch den Bauwust des Hauptgebäudes nach dem Seitenflügel geführt, wo ihr Sohn ein paar schmucke Zimmer eingerichtet hatte. »Gott segne meinen Eingang und Ausgang«, das waren ihre einzigen Worte, dann weinte sie und flehte zu Gott, daß der junge Berthold immer artig und anständig bleiben möchte und machte sich geschäftig an die Einrichtung der Wirtschaft.

Der alte Berthold war mit einigen Briefen beschäftigt, die ihm ein fremder, langer, etwas gebeugter, schwarz gekleideter Mann überbracht hatte. »Herr«, sagte er, »Ihr seid wohl gar selbst der Baumeister des hochberühmten Münsters zu Straßburg?« Er sah ihn bei diesen Worten genauer an, der Mann hatte schattige, schwarze Augenbrauen, sein Mund schien ein Geheimnis einzukneifen und so seltsam äußerte er sich auch, er sei zwar der Baumeister des Münsters, aber er habe ihn nicht erbaut; er sei zwar auf andre Veranlassung gekommen, aber es sei eine Hauptabsicht seiner Reise, den Palast des Barbarossa zu sehen, nicht eben, was neu auf der Stelle jetzt erbaut worden, sondern wie er eigentlich in älterer Zeit beschaffen gewesen. Der alte Berthold erzählte ihm, was er wußte, aber der Baumeister wußte schon mehr von dem ganzen Bauplane aus der bloßen Anschauung, als der Alte, so daß dieser froh war, als der junge Berthold herbei kam. Er ließ ihm diesen zur Gesellschaft, als ihn Geschäfte fortriefen, und der junge Berthold führte ihn in den Hof.

Der junge Herr, wie jetzt der junge Berthold gewöhnlich von den Arbeitern genannt wurde, glaubte sich nie so gut unterhalten zu haben, wie mit dem Manne, der jede seiner Bemühungen zu schätzen wußte, überall ihm mit Einsicht und gutem Rat entgegen kam, zugleich eine Fülle von Hoffnungen über das allmähliche Steigen und Befreien der Städte von Fürsten und herrschenden Geschlechtern vor dem mutigen Herzen des Jünglings ausbreitete. Dürfe er sich einst den Geschlechtern gleich schätzen, dachte er, so möchte auch wohl Apollonia jeden Unterschied der Geburt zwischen ihnen vergessen. »Herr Baumeister«, fragte er, »wie kommt's, daß die Baumeister gern mit weit aussehenden Dingen sich beschäftigen, unser alter Mauermeister hat auch die Art, während sich der Zimmermann nur mit dem abgibt, was eben zu tun not ist.« – »Brave, starke, entschlossene Leute sind die Zimmerleute«, erwiderte der Baumeister, »haben richtiges Augenmaß, wissen Schnur, Winkelmaß und Senkblei zu brauchen, lassen die scharfe Axt an ihren Beinen mit Sicherheit herum fliegen, und fürchten nie, daß sie sich selbst treffen; sie sind zu allen Zeiten gerecht, doch zornig gefunden worden. Ihr Werk ist aber nicht von langer Arbeit und gewöhnlich mit dem Jahre angefangen und gerichtet, geht rasch empor und sinkt noch schneller in Asche, denn das Feuer ist ihrer Werke unversöhnlicher Feind. Wir Maurer arbeiten daran, sie wegen dieser Vergänglichkeit ganz zu vertilgen; könnten wir es leisten, so müßte kein Spon Holz an den Gebäuden sein, doch hat dies große Hindernisse und wir müssen uns den Babylonischen Turm noch immer vorwerfen lassen. Was von uns aber ordentlich steht, das läßt die Feuerzerstörung wie der Himmel des Menschen Lästerung über sich hinziehen und wartet, daß es wieder erkannt werde. Wir arbeiten mit Erzeugnis der ersten reinen Schöpfung, mit Steinen und gebrannten Erden; unsre Arbeit fordert Jahrhunderte, wenn sie groß werden soll, sie dauert Jahrtausende. Die Axt des Zimmermanns fürchtet den alten Eichbaum, mit mühsamerem Fleiße meißeln wir Eichen zum Tragen der Gewölbe aus Steinen, die wir mit weichem Kalk, Eisen und Blei zur festesten Einheit verbinden. Wir lassen uns nicht durch die Erscheinungen des Tages irre machen, manchmal begreift uns das mitlebende Geschlecht gar nicht, darum halten wir unter uns zusammen in den Hütten, die zu Jerusalem gestiftet, in der Sophienkirche zu Konstantinopel lange versammelt, jetzt im Münster zu Straßburg ihren Mittelpunkt finden. Einzeln sind wir nichts, wir müssen verbunden leben, müssen für verschiedne Menschenalter die Lehre des Meisters an Gesellen und Lehrlingen verbreiten.« – »Aber die andern Gewerke haben gleiche Stufen anzusteigen«, sagte der junge Herr. – »Sie haben die Form«, fuhr der Baumeister fort, »wir haben das Wesen! Wir erkennen einander, ehe wir uns den Wert zuschreiben, die Erscheinungen mit sicherer Einsicht bewahren zu können, an welchen die irrende Liebe und der törichte Haß der Lehrlinge meistert. Die Länge und Breite des Baus ist in allem menschlichen Verein durch das Eigentum der Nachbaren voraus bestimmt, die Höhe, welche zum Himmel aufsteigt, ist darum nicht willkürlich, weil sie frei ist. Davon ahndet der Zimmermann nichts, nur die Holzstärke bindet ihn, sonst baute er gern in den Himmel. Ihr habt hier das Rechte aus seltner innern Einsicht getroffen, es läßt sich aber auch berechnen; der letztere Weg ist lang, aber sicher, jener ist kurz, aber unsicher und fordert einen Sinn der Erfindung, der nicht allen erteilt ist. Unsre Kunst ist ein allgemeines Eigentum, wie würde sie sonst von jedem verstanden werden, aber ihre Aufgaben sind durch das Neue im Bedürfnis und in der Bedingung jedesmal neu zu lösen und da langt keine Berechnung aus. Die Regel nutzt nur dem, der sie entbehren kann, den aber verdirbt sie, der sich in ihr weise glaubt; jede Regel ist ein Rätsel, das durch andre Rätsel forthilft. Darum müssen wir nicht bloß das Wissen prüfen, wenn wir einen frei sprechen, wir müssen die Kraft der Erfindung in ihm erforscht haben. Ich sage Euch, lieber Berthold, Ihr solltet Maurer werden.« – Berthold sah ihn verwundert an und sprach: »Hätte ich nur früher daran gedacht, aber jetzt ist's zu spät, ich bin schon zu weit in der Handlung, doch erzählt mir etwas noch von Euren Bauten.« Der Baumeister blickte etwas finster um sich und sprach: »Das eigne Werk und die eigne Kunst gibt Überdruß, jenes, wenn es fertig und zu steigender Erfindung verpflichtet, diese, wenn wir über sie sprechen sollen. Führt mich zum Prior, der hier den Bau der Klosterkirche besorgt, er hat mich rufen lassen und harret meiner, vielleicht gibt uns eine andre Stunde mehr Vertraulichkeit, daß ich Wortzeichen, Gruß und Handschenke, wie sie in unsrer Hütte gebraucht werden, Euch mitteilen kann.« – Der junge Herr führte ihn nicht ohne Scheu zu der Wohnung des Priors, weil er seit dem unglücklichen Geschicke in der Gesellschaft des Bürgermeisters keine Gesellschaft besucht hatte. Es war ein Seitengebäude des Augustinerklosters, wo sie anklopften, und gleich trat ihnen der Prior selbst entgegen, ein kleiner, heftiger Mann mit vorstehenden Lippen und Augen, welche letztere sich in einem roten Kreise von Augenlidern, wie in einer Abendröte bewegten, auch trug der Prior ein grünes Schirmchen zum Schutze derselben. Er hatte kaum ein Wort von dem Baumeister des Münsters aus Bertholds Munde vernommen, so warf er sich diesem mit tausend Versicherungen der Freundschaft um den Hals. Berthold wagte nicht zu widersprechen und der Baumeister lächelte fein, hier war auch kein Widerspruch angebracht, denn der Prior redete ohne sich unterbrechen zu lassen. Er berichtete, daß er sich eben wieder heftig mit der Äbtissin des Nonnenklosters gezankt habe und der Baumeister käme ihm recht gelegen, um sie mit seinem Ansehen zur Ruhe zu bringen. »Sie läßt sich nicht überzeugen«, sagte er, »daß die Stimmen ihrer Nonnen in dem steinernen Gewölbe noch eben so gut und besser als sonst unter der Bretterdecke klingen werden, sie meint, daß der ganze Sängerruhm ihres Chors dadurch vernichtet werde, daß ich den Chor überwölbt habe. Ich sagte ihr umsonst, daß sie sich auf mich, den baulustigen Augustinerprior verlassen könnte, sie meinte, daß ich darauf nicht die Weihe empfangen hätte und daß der Straßburger Baumeister wohl anders darüber sprechen würde. Nun was meint Ihr?« – Der Baumeister wollte antworten, aber der Prior fragte Berthold: »Was will denn der lange Kerl? Wer ist das?« – Der Irrtum erklärte sich, der Prior fluchte und betete, daß ihm der Himmel den Fluch verzeihe, hob sich auf den Zehen in Ungeduld, strich den Bauch im Bunde, der ihn umgürtete, und fragte Berthold, wer er sei. – Als Berthold seinen Namen nannte, da setzte der Prior seine Brille auf, sah ihn an und sprach: »Ich finde Euch gar nicht sonderlich schön, die Apollonia erzählt mir immer von Euch. Das ist ein seltsam Kind, die kann nie fertig werden mit der Beichte, immer ist sie durch Euer Andenken gestört worden; ›lauf, lauf‹, muß ich ihr sagen, ›lauf lieber zum Teufel, als daß ich ewig Beichte sitzen muß‹. Ihr seid mir alle beide lieb, wir wollen mit einander ein gutes Weinchen trinken und von unsern Bauten reden. Der Berthold ist gar kein übler Anfänger, ich hab oft schon seine Arbeit belauert, nur schade, daß all die schönen Säle zu weltlichem Gerümpel dienen sollen, denn was ist das Kleid des Menschen wert, wenn er selbst nur ein Madensack ist, Euer feinstes Tuch ist nur ein Übersack des Madensacks; ist der Wein alt genug, so schenken wir ihn ein und in drei Schluck ist das Glas herunter, der Wein mag jämmerlich rufen: ›Setzt ab! ‹ Da hilft nichts, er muß nieder, so auch der Mensch, er mag zappeln, so viel er will, er muß in die Erde, daß ihn die Maden fressen.« – Bei solchen Worten trank er mächtig und gab dem Baumeister durch Klopfen, Händedrücken, Bartstreichen allerlei närrische Zeichen, denen Berthold in Demut zusah und bescheidentlich aus seinem Glase nippte, voll des frohen Gefühls, daß es doch nicht in allen Gesellschaften Hiebe und Fußtritte regnete.

Unterdessen war im Nonnenkloster seltsame Bewegung. Die Äbtissin war eine alte, sehr lebendige, dürre Jungfrau; von gar unermüdlicher Tätigkeit. Sie freute sich herzlich, wenn die Novizen sich schwesterlich an sie anschlossen und verzieh ihnen jede Unart, wenn sie nur fleißig den reichen, in Absätzen gebauten Garten des Klosters mit ihr bearbeiteten, mit ihr die gewonnenen Früchte sorgsam dürrten und in selbst ausgewirktem Honig einmachten, auch die Kräuter zur Armenapotheke, die sie für die Stadt bereit hielt, vorsichtig trockneten und klein rieben. Mit den frommen Nonnen vertrug sie sich um so schlechter, nannte sie Brigitten und Betschwestern und wurde deswegen, ungeachtet ihrer übrigen Tadellosigkeit, sehr verlästert. Die Äbtissin lachte über sie, durch ihre Wirtschaftlichkeit hatte sie Geld zusammengebracht, um die verfallene Klosterkirche neu zu erbauen, dies war ihr Stolz. Apollonia ward ihr Liebling, weil sie in der Wirtschaft schon sehr geübt war, diese rief sie zu allem Kummer und zu allen kleinen Freuden des Klosterlebens. Auch heute hatte sie ihr den neuen, heftigen Streit mit dem Prior erzählt und daß ihr nichts so kränkend sein würde, als wenn ihr Kloster den Ruhm der feinsten und stärksten Nonnenstimmen unter dem Backofen, so nannte sie das Kirchengewölbe, verlieren sollte. Apollonia meinte, es müsse doch erst untersucht werden, ob die Stimmen so unterdrückt würden, ehe sie ihre Klage beim Bischof einreichte. »Wie sollen wir's versuchen«, klagte die Äbtissin, »der Gang zur Kirche ist noch nicht wieder hergestellt, es möchte eine böse Nachrede geben, wenn wir in die ungeweihte, neue Kirche gingen, um den Gesang zu versuchen.« – »Und doch muß es bald geschehen«, sprach Babeli Brix, »denn der Vater sagte mir, daß der berühmte Baumeister aus Straßburg, vom Prior hieher gerufen, heute oder morgen ankommen werde, um für ihn ein Zeugnis abzulegen.« – »Da will er uns mit dem Namen des Baumeisters ganz unterdrücken«, rief die heftige Äbtissin, »ehe wir noch wissen, wie sehr unsre Stimmen von dem Gewölbe. erdrückt sind; wär's nur nicht zu spät, wir gingen noch heute zur Kirche; aber ich fürchte die Nachrede der Schwester Veronika.« – »Da weiß ich Rat«, sagte Babeli listig, x die ganze Stadt hat ein Gerede von einer Nonnenprozession, lauter verfluchte Nonnen, die Nachts um zwölf nach der Kirche ziehen und mit einem Kreuzritter sich begrüßen, der da begraben ist, aber keiner hat sie gesehen. Wir haben auch keine Geister gesehen, wir besprengen uns mit geweihtem Wasser, wir sind unsrer viele, da fürchten sich die Geister; wir ziehen ganz heimlich mit Laternen, die wir unter den Kutten verbergen, um zwölf Uhr nach der Kirche, singen eine Mette, dann können wir den Prior zu einer öffentlichen Probe ausfordern, er muß zu seinem Schimpf das Gewölbe abreißen lassen.« Die Äbtissin küßte Babeli in heller Freude, und hörte nicht auf Apollonia, die ihr das Wagestück ausreden wollte. Josephine Brix brachte eine Nachricht aus dem alten Klosterkalender, daß an diesem Tage von je her um ein Lamm gespielt worden wäre. Das Kloster versammelte sich zu diesem Spiele, so ward dieser Abend mit einem Eifer, einer Lust gewürzt, es gab ein Zischeln, ein Vorbereiten, ein Beobachten der alten Nonnen, denen man nicht traute, wie es nur unter eingesperrten, lebenslustigen Jungfern möglich ist. Endlich war das lebende Gespenst, die Mutter Veronika, fort gegangen, sie hatte Apollonien das Lamm geschenkt, weil sie am schnellsten die geistlichen Sprüche hersagen konnte, nun ging's ans Gespensterspiel.

Jedes Mädchen nahm etwas zu ihrer Bewaffnung auf die gefährliche Fahrt, nur Apollonia ließ sich an dem Lamm genügen, das sie eben gewonnen hatte und mit halb heiliger Andacht ehrte. Wegen ihres frommen Ansehens mit dem Lamm mußte sie den Zug eröffnen, die Laternen wurden versteckt, sie verließen leise die schützenden Mauern. Ein schwarzes Ringgewölbe schien über die Hälfte des Himmels gezogen, hinter welchem der Mond sich bedenklich bergen mochte, die Gassen waren leer, als ob kein Liebhaber sich in diese Gegend mit weltlichem Gesange wagte; nur ein Kind schrie aus der Ferne, das vom Alp oder von seiner Amme gedrückt wurde, und Lampenschimmer strahlte aus einem Krankenzimmer streifig nach dem Zuge hin, die Fledermäuse schwirrten in Lüften, gar lieblich dufteten die Nachtviolen des Klostergartens im sanften Winde. Die Äbtissin sah das alles, aber sie zitterte so innerlich, daß es ihr wenig Freude machte, nur spottete sie leise zu Apollonien über den Turm, der freilich erst im Aufsteigen war. Aber als sie der Türe nahe war, erschütterte sie die Höhe derselben und die Reihen betender Gestalten, die sie im reifigen Bogen umschwebten. Sie konnte die Schlüssel nicht umdrehen und das schwarze Gewölbe legte sich immer dunkler über die freie Seite des Himmels. Die Jungfrauen drängten sie ängstlich und ungeduldig zur Türe hin, bis sie endlich ein Herz faßte und das Schloß eröffnete. Nun erhoben sich alle Laternen neugierig im ernsten Hause der Gnade, aber das Licht scheute sich noch vor dem widerspenstigen Dunkel. Endlich sammelten sich die Lichter am Altare, an dessen Seiten die Chöre sich erhoben, und alle staunten gerührt über die Herrlichkeit. Wo sie die drückende Fläche der Balken sonst mit Ärger im augenerhebenden, herzenbefeurenden Gesange angestarrt hatten, da schien jetzt des Himmels Gewölbe mit Sternenglanz und Ätherschein sich erst zu erheben, fast schien es ihnen, als ob die Kirche oben noch nicht geschlossen sei. Die Äbtissin und alle Jungfrauen blieben lange stumm in Beschämung und Bewunderung über die Herrlichkeit einer Kunst, die sie nie geahndet hatten. Dann stimmte die Äbtissin ein Gloria an, und der Schall des Chors verklärte sich so wunderbar in dem Gewölbe, daß sie erschrak, als ob noch ein andrer Chor von obenher einstimmte. Als sie aber die Herrlichkeit des eignen Ausdrucks in diesem heiligen Raume erkannt hatten, da riß Begeisterung die ungläubigen Scharen an den Haaren empor, daß sie zwischen Himmel und Erde schwebend, ein unerschöpfliches Gloria der heiligen Baukunst erschallen ließen.

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