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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressStuttgart
isbn3-86150-278-X
titleDie Kronenwächter
pages7-420
created19990723
senderWolfgang Guelcker (wgue@berlin.snafu.de)
firstpub1817
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Fünfte Geschichte
Traubenlese

Wer sein Haus verläßt, um zu verreisen, mag ernstlich beten, daß er alle darin wieder finde, aber unserm Berthold wurde dies Gebet nicht erfüllt. Er kam früher heim, als er versprochen hatte, und doch zu spät, Frau Apollonia trat ihm entgegen vor seinem Hause, küßte ihn und fragte: Ob er wohl sei. Der alte Fingerling sei nach kurzem Krankenlager gestorben. – »So sind nun alle tot, die meine Jugend schirmten«, rief Berthold, »aber ich habe euch beide, ihr treuen Seelen, mir gewonnen.« Mit Tränen küßte er Armen und Apollonien und fühlte sich reich in ihrer Mitte. – »Wo ist die Tirolerin«? fragte darauf Apollonia, um die schmerzliche Stimmung zu zerstreuen. – »Wir wollen ein andersmal von ihr reden«, sagte Berthold, »sie war ein Mann, hieß Grünewald, ein Sänger des Herzogs von Bayern, ist vom Grafen Konrad auf Hohenstock in ihrer Verkleidung entdeckt und dort gefangen zurückgehalten worden.« – »Ich muß mich ewig schämen«, rief Anna verdrießlich, »ließ ich sie doch aus Mitleid während der Reise zweimal in meinem Bette schlafen, täglich mußte sie mir die Kleider zuschnüren, ich hatte so ein blindes Vertrauen zu dem Mädchen, weil sie die schönsten Sprüche von Tugend und Frömmigkeit mir vorsagte, streng fastete, kein Gebet versäumte, alles mit einem Eifer, wie es in unsrer Zeit selten zu finden.« – So hatte Sabina doch recht, dachte Frau Apollonia in sich und betrachtete ihre Tochter mit Abscheu, doch unterdrückte das traurige Ereignis ihren Zorn.

Berthold hatte mehr verloren, als er sogleich überdenken konnte. Das Jahr hatte viel an ihm verändert, es hatte ihm einen zweiten Lebenslauf geschenkt, und der wich immer weiter von jenem ersten ab, der mit Fingerling und Hildegard Haus und Handlung begründete. Was er damals errungen, schien ihm jetzt an sich nichtig, nur als Mittel seinen Durst nach Tat, Wirksamkeit und Einfluß auf die Geschicke zu befriedigen, konnte er es noch loben. – Er gedachte jener früheren, erwerbenden Zeit, wie ein lebenslustiger Sohn seines emsigen Vaters, er ist ihm dankbar, aber er mag nicht seinem Beispiele folgen, sondern lieber dem Gelde einen zweckmäßigen Abzug verschaffen. Die kleinen Geschäfte der Handlung, die Fingerling scheinbar ohne Mühe vollbracht hatte, weil sie mit ihm ganz eins geworden waren, fielen jetzt drückend auf den Bürgermeister. »Ein doppeltes Leben ist eine schwere Aufgabe«, seufzte er oft, wenn er von den nahenden Ereignissen träumte, und von den Arbeitern mit unzähligen Anfragen, Forderungen und Bestellungen umdrängt wurde, »ich habe nicht die Kraft, zweierlei zugleich zu tun, zu bedenken.« Anna erschwerte ihm diese Aufgabe durch eine eigne, störrige Laune, die wohl aus ihrem Zustande hervorging. Von steter Übligkeit gequält, hatte sie eine Art Ärger an ihm, der die Ursache dieser Leiden und sich doch dabei vollkommen wohl befand. Sie konnte ihn oft nicht ansehen und Berthold suchte sich dann, der Bücher und Schreibereien überdrüssig, ein Stündlein freundlicher Unterhaltung bei Apollonien, die von ihrer Magd Sabina beschwatzt, gar viel Böses von ihrer Tochter sagte, wofür sie dem guten Berthold mit der höchsten Freundlichkeit keinen Ersatz geben konnte. Verena war nicht müßig, jedesmal ihrer betrübten Frau zu erzählen, wann der Herr zu Apollonien gegangen und was die Leute sagten, wie sie so lustig wären mit einander, während Berthold bei ihr immer tiefsinnig und geschäftig vorbei eile. Verena wurde durch dieses Zutragen von Neuigkeiten ihr Liebling und ihre Vertraute, von ihr erfuhr auch Anna, daß Berthold durch das Blut eben jenes Anton genesen sei, der zu ihr ins Fenster gefallen. Es war gewissermaßen ein Dank für das geliebte Leben Bertholds, daß Anton, den Verena für ihren Schatz ausgab, diese zu besuchen Erlaubnis erhielt. Anton wußte durch Sixt, daß Berthold ihn nicht im Hause sehen mochte, so erwartete er die Stunden, wenn jener am Brunnen zu Apollonien gegangen war, was er von seiner Dachstube genau sehen konnte, und brachte dann seinen Abend bei Verena zu, indem er sich wohl bewirten ließ, sie malte und ihre Zärtlichkeit von sich abwies. Der arme Junge meinte, es sei nur die gute Küche, die ihn hinziehe, und bemerkte nicht, daß er alles kalt werden ließ, um Frau Armen einen Augenblick im Durchgehen durch das Zimmer oder im Hofe zu sehen und daß sein Herz frohlockte bei einem Worte, das sie ihm im Vorbeigehen auf Verenas Bitte sagte, um ihn zu bestimmen, sich bald niederzulassen, sich zu verheiraten und als Meister sein Glück zu begründen. Alle diese Besuche erfuhr Frau Apollonia durch Sabina, die nicht ihre Schwester Verena, sondern Frau Anna als die Ursache derselben angab, in der Hoffnung, daß Anton auf diese Weise am schnellsten aus jenem Hause vertrieben würde. Frau Apollonia wollte mehrmals darüber reden, aber Anna machte sie durch ihre stolze Sicherheit in ihrer Meinung so zweifelhaft; in dieser Unbestimmtheit mieden sich beide, beide sahen einander so selten, nie kam es zu einer Erklärung, und beide glaubten mehr auf dem Herzen zu haben, als sich durch bloßes Besprechen gut machen lasse.

Auch trat eine Störung eigner Art zwischen alle diese eingebildeten Leiden. Herzog Ulrich wollte die Jagden in der Gegend von Waiblingen benutzen und beschloß, sich einige Tage in dem Orte niederzulassen. Berthold und Anna sahen eines Morgens zum Fenster hinaus, da war der Marktplatz von Jägern, Hofgesinde und Hunden besetzt. Ein dicker Herr, ganz in grünem Samt gekleidet, ritt in der Mitte, heftig zankend und stieß mit seinem rechten Fuß einem Jäger in die Rippen, der die Hunde führte und diese nicht zur rechten Zeit angelassen hatte. Darüber verlor der Herr das Gleichgewicht und ein Jäger zog ihn in guter Absicht wieder auf die Mitte des Pferdes. Die gute Absicht wurde ihm aber mit Fußtritten vergolten und der Herr wackelte nach der andern Seite über, so daß er ganz gelinde vom Pferde herunter sank und auf die Beine zu stehen kam. Jetzt sah sich der Herr um, den Berthold sogleich als seinen Herzog Ulrich erkannte. Der Herzog ging auf sein Haus zu, weil es bei weitem das größte und angesehenste in der Stadt war. Berthold eilte ihm entgegen und der Herr war sehr gnädig, fragte ohne Aufhören, denn er wartete nie auf die Antwort, erzählte dazwischen recht lustig und trocknete den Schweiß, der ihm reichlich von der Stirn floß, und streichelte seine großen Hunde, die an ihm heransprangen und seine feurige Nase berochen. Er trat ohne weitere Anfrage ins Haus und zwar in das Zimmer, wo Anna eben einiges Tischzeug zusammenlegte. Er trat auf sie zu, befahl ihr den Tisch gleich zu decken, er habe ein großes Mahl auf seinen Packpferden, ließ auch gleich spanischen Sekt bringen und Kuchen; trank, tunkte ein und fütterte Armen, wie einen jungen Falken. Anna konnte ihm nicht böse sein, er machte das alles mit einer gewissen Gutmütigkeit, während er sich bei Berthold nach der Zahl streitbarer Männer, nach der Art ihrer Bewaffnung genau erkundigte. Bald stellte er Berthold einen neuen Vogt vor, der an die Stelle des alten, hinfälligen Brix treten sollte, er nannte ihn Grünewald, sagte, er sei noch etwas neu in den Geschäften, aber vom besten Willen beseelt, sich durch ihn belehren zu lassen, er habe sich diese Stelle als Gnade für ein Trinklied erbeten, das ihn entzückt habe. Berthold war nicht wenig verwundert, den armen Sänger und die Tirolerin jetzt in schimmernden Hofkleidern als Geschäftsmann einführen zu sehen, dagegen tat Grünewald, als sehe er ihn und die Stadt zum erstenmal, und sprach von einem lustigen Vetter, den er habe, der sich überall herumtreibe und schon manchmal mit ihm verwechselt sei. Berthold war beschwichtigt durch die Dreistigkeit dieses Leugnens und Anna beschämt, aber Grünewald entwickelte ungestört eine Menge guter Einsichten über die Verhältnisse der Stadt, über ihren Weinbau und endlich auch über die Weinlese, die an diesem Tage ihre Freudenfeste zu feiern begann. Der Herzog wollte alle Lust mitgenießen, er setzte alle seine Leute in Bewegung, um im schönen Tale ein Mahl zu bereiten, er war heftig im Befehlen und sehr ungeduldig, wenn einer ein Wort nicht verstand, obgleich er eine eigne, abgekürzte Sprache sich angewöhnt hatte, die nur seiner steten Umgebung ganz geläufig war.

So wurde nun in feierlichem Zuge nach den Weinbergen ausgegangen, der Herzog zwischen Berthold und Anna, ging voran, ihnen folgte die Jägerschar und alle Bewohner der Stadt, die nicht ohnehin schon draußen mit der Traubenlese beschäftigt waren. Oft wurden sie auf den engen Wegen von den Ochsenwagen mit großen Tonnen eingetretnen Mosts in ihrem Marsche gehemmt, wo dann der Herzog heftig zankte, sich aber durch Annens Zureden besänftigen ließ, oder durch ein Lied von Grünewald auf die schöne Abschiedstunde des Jahres. Als sie endlich an die Stelle unter dem zerstörten Schlosse gekommen waren, die Grünewald zum Feste eingerichtet hatte, welch ein Anblick: vor ihnen Waiblingen mit vielen andern Ortschaften im Tal, unter ihnen der Fluß, umher alle gleich dicht mit Menschen, wie mit Reben bepflanzten Berge. Beim Aufjauchzen der Jagdhörner verbreitete sich der Jubel durch alle Anhöhen, der die Ankunft ihres Herzogs verkündigte. Bald setzte sich der Herzog zur Tafel, die von reichen Pokalen schimmernd, unter einem gestickten, roten Baldachin aufgetragen war. Bald stieg ein Zug von halb entkleideten Arbeitern, wie es die Hitze des Tages forderte, mit Weinblättern gegürtet und bekränzt, den Berg herunter, deren vordersten zweie ein nacktes, schönes Kind in einer Butte trugen. Dies Kind trugen sie zum Herzog, daß es ihm einen Kranz von höchst seltenen, späten Weinblüten aufsetzen sollte, der Herzog aber nahm den Kranz mit freundlichem Danke und setzte ihn Armen auf den Kopf, indem er die Gesundheit seiner schönen Wirtin ausbrachte, die dann von allen Bergen widerhallte. Und so geschah bei jeder Gesundheit, die der Herzog ausbrachte, und er selbst und seine Hofjunker sahen strenge darauf, daß jeder seinen Becher leerte. Grünewald allein wußte sich von dem Trinken frei zu machen, indem er für jeden Becher ein Lied sang, das an den Felsen widerhallte, und wurde stumpf seine Stimme, so schrie er um so ärger. Das Mahl war reichlich und der Wein stark, der Himmel wurde dunkler, die Köpfe heller, überall zündeten sich Fackeln und Feuer, alle Arbeiter drängten sich heran von den Bergen, hundert Melodieen pfiffen und grüßten unter einander, wer nicht mehr fest stehen und sitzen konnte, tanzte sich wieder nüchtern. Hätte Berthold nur tanzen können, aber er war schon umgesunken, wie viele andre, mit denen er auf Tragebahren wohlbekränzt und festgebunden, zum feierlichen Heimzuge gelegt war. Anna schämte sich seinetwegen und war um so mehr verlegen, da der Herzog ihr sehr zudringliche Artigkeiten sagte und Huttens unglückliche Geschichte ihr vor Augen schwebte. Grünewald mochte an der Verlegenheit ihres Blicks ahnden, was ihr der Herzog zuflüsterte, er benutzte die Zeit, als dieser sich von ihr abgewandt hatte, ihr unbemerkt zu sagen, sie sollte sich nicht ängstigen, er wolle sie wie seinen Augapfel bewahren. Dann tat er wieder, als ob er taumle und sang: »Grunzt ihr, meine lieben Schweine, ich bin der verlorne Sohn, und ihr singet als Gemeine, was ich singe von dem Thron.« Und nun sprang er in das Fenster des alten Schlosses und fing an greuliche Geisterhistorien vorzutragen, von Verstorbenen, die zu einem Festmahl gekommen, von Geistern, mit denen Menschen gerungen hätten und die ihnen schreckliche Schläge gegeben. Der Herzog verbot es ihm kleinlaut, es half nichts, denn alle waren zu so etwas Übernatürlichem durch Rausch und Nacht gestimmt. Zuletzt erzählte er von einem Kobold, der, wie er gehört, am Brunnen Bertholds zu Waiblingen hause, auch Nachts das Haus durchziehe. Das wurde dem Herzog zu arg, er sah sich ängstlich um und wagte nicht zu reden, endlich sprach er unordentliche Worte, weil er sich der Furcht schämte und brach auf. Grünewald flüsterte Annen zu: »Nichts in der Welt fürchtet der Herzog so kindisch, wie Geister, sie müssen ihn in der Jugend schrecklich untergekriegt haben, weil sie seine Bosheiten wohl merkten; die Geister sollen Euch diese Nacht gegen ihn bewachen.«

Diese Worte gaben Annen ein besseres Vertrauen, sie hörte die zudringlichen Reden des Herzogs kaum, als er wieder Mut gefaßt hatte, sondern blieb mit Berthold beschäftigt, der auf der Bahre heimgetragen wurde und zuweilen seufzte. Überhaupt stand der Rückzug im grellsten Widerspiel mit der Pracht des Hinzugs; die Menge drängte sich verwildert der Stadt zu, auch der Herzog empfing manchen Stoß, den er ungeduldig mit Gegenstößen erwiderte, die oft den Unschuldigsten trafen. Ein scharfer Nachtwind erlöschte die Fackeln und die eignen Leute des Herzogs achteten seiner wenig mehr in der Dunkelheit. Im Hause Bertholds änderte sich das alles. Der Herzog wurde feierlich von den Zurückgebliebnen empfangen, auch war ein Nachtessen bereitet und er befahl für ihn und Annen zu decken. Da entschuldigte sich Anna mit ihrer Ermüdung, aber er ließ sie nicht fort, er warf sich vor ihr nieder, sprach mit Rührung, daß sie alle seine Sinne verwirret, seine festen Entschlüsse für das Wohl seines Landes breche, ihn zur Wut und Feindschaft entzünde, wenn sie es ihm nicht gewähre, die letzte Hälfte der Nacht mit ihm zu teilen. Seine Beredsamkeit ließ sie nicht zu Worten kommen, er mochte eine Stunde ohne Aufhören zu seinen Gunsten gesprochen haben, als die Hofjunker das Mahl forttrugen und er mit zuversichtlichem Lächeln befahl, seine Nachtkleider zu bringen.

Anna empfahl sich in Verlegenheit, er versprach ihr zutraulich, bald nachzukommen, Berthold schlafe so fest, daß er sie nicht stören werde, und seine Leute schicke er alle ins Nebenhaus, daß keiner sie belausche und verrate, sie möchte gleiche Vorsicht brauchen. Auf ihre Gegenrede hörte er nicht, er ging in sein Zimmer und sie ging in ihr Schlafzimmer, entschlossen zu entfliehen. Aber Verena kam ihr mit der Nachricht entgegen, das Haus sei von den Wachen des Herzogs mit dem Befehle besetzt, niemand ein oder auszulassen. Anna fragte, wie sie das erfahren habe. Das Mädchen berichtete, daß Anton bei ihr auf Grünewald warte, der ihm Kleider, viele Schlüsseln und einen beleuchteten, als Gesicht ausgeschnittenen Kürbis habe bringen wollen, denn Anton solle diese Nacht einen Geist spielen, aber Grünewald bleibe aus und als sie nach ihm sich umsehen wollen, sei sie von der Wache zurück gewiesen. Sie klagte, daß sie nun gezwungen wäre, Anton die ganze Nacht zu beherbergen. – »Das wird dir keine Qual sein«, sagte Anna und konnte sich der Tränen nicht erwehren, »aber wo finde ich Hülfe gegen alle Qual, die meiner wartet, nun Grünewald mit seiner Klugheit mir fehlt.« Sie machte den Versuch, ihren Berthold zu erwecken, aber sein tiefer Schlaf ließ ahnden, daß schlafbringende Mittel ihm in dem Weine beigebracht worden. Diese Tücke des Herzogs erregte ihren Zorn, das Drachenmesser bewegte sich in ihrer Hand, aber die Gefahr für Berthold, die daraus entstehen konnte, drängte auf andere Mittel. Sie erzählte Verena ihre Not, sie beschwor das Mädchen, ihr Rat zu geben, denn alle ihre Klugheit gehe in Zorn und Sorge unter. Verena besann sich und sprach endlich, daß sie sich ihr aufopfern wolle, wenn sie ihr schwöre, alles vor Anton geheim zu halten und sie auszustatten, auf daß Anton sie heiraten könne. Anna versprach alles, ohne ihre Absicht zu erraten. Als aber Verena jetzt ihre Kleider anzog und sie nötigte, in das Zimmer zu Anton sich zu begeben, da erriet sie, daß dies listige Mädchen, das ungefähr in gleicher Größe mit ihr, im Bunde mit der Nacht, den Herzog anführen wolle. Sie wollte ihr danken, aber Verena antwortete: »Mir kostet es wenig und Euch hilft es viel.«

Anna ging jetzt zu Anton und erzählte ihm, sie sei nicht sicher in ihrem Zimmer und wolle von ihm bewacht, die Nacht dort zubringen, sie habe Verena als Schildwacht ausgestellt. In ängstlicher Stille harrten sie, denn Anna quälte sich immer mit innrem Vorwurfe, daß eine andre sich aufopfere, und Anton ärgerte sich, daß Grünewald ihn so habe sitzen lassen und daß Frau Anna sich ängstige, obgleich er ihr tausendmal geschworen, daß er jeden niederschlage, der Gewalt gegen sie üben wolle; auch beteten beide, als es zwölfe schlug und sie Tritte im Gange vernahmen. Da sauste es um sie her und lichte, blaue Flammen blickten durch die Ritze der Tür, die Tritte wichen von dem Gange in Eile und mit großem Krachen, als ob ein Stückfaß die Treppe hinunterrolle, schien ihr Feind diese herunter zu fallen. Die Flammen waren verschwunden, aber sie wagten nicht, hinaus zu blicken, obgleich Anton einmal über das andre rief: »Der Grünewald ist listiger, als ein Mensch denkt.«

Erst nach einer halben Stunde blickte Anton auf den Gang, kein Feuerdunst war zu bemerken, aber in die Türe war eine Faust mit aufgehobnem Zeigefinger eingebrannt, wo die Flammen durch die Ritze gespielt hatten. Das berichtete er und lähmte Armen noch mehr in ihrem Vorsatz, Verena zu besuchen, wer konnte ihr zusichern, daß sie nicht den Herzog dort finde und daß der Gefallene wirklich der Herzog gewesen. »Erzählt mir etwas aus Euren Begebenheiten«, sagte Anna, »das wird mich zerstreuen und wach erhalten, bis das Licht am Himmel und unsre Feinde auf Erden uns Einsicht in diesen Handel verschaffen.

Warum waret Ihr damals so entsetzt vor dem Ehrenhalt?« – »Euch kann ich nichts verschweigen, liebe, gnädige Frau«, antwortete Anton, »aber ich verrate Euch ein schreckliches Geheimnis und wenn Ihr es nicht bewahrt, so trifft mich gar bald die Rache der boshaften Gesellen der Kronenwächter. Habt Ihr je von Hohenstock gehört?« – »Freilich«, sagte Anna sehr gespannt, »Gott sei jedem gnädig, der da zu hausen gezwungen ist.« – »Da erlebte ich frohe Tage«, antwortete Anton, »mein Vater war wohl zuweilen sinnlos, aber immerdar sehr gut gegen mich und Konrad, meinen Bruder. Zwischen uns beiden hatte es eine sonderbare Bewandtnis. Der Vater hatte alle seine Kinder verloren, wir waren spät nachgeborne Zwillinge. Die Freude über uns verwandelte sich in tiefe Trauer, als die gute Mutter nach der schweren Geburt ihr Leben aufgab. So wurden wir, die erst so eifrig ersehnt worden, ganz vernachlässigt. Wir wurden in den ersten Lebenstagen einander so ähnlich, daß wir mit einander verwechselt wurden und daß bald keiner wußte, wer von uns zuerst geboren, wer von uns beiden in der Nottaufe den Namen Anton und welcher den Namen Konrad erhalten hatte. So trieb der Teufel mit uns sein Spiel und wir wußten lange nichts davon, denn es sollte verheimlicht bleiben, daß wir einander nicht anfeindeten. Das hatten sie nicht nötig zu befürchten, wir beiden Brüder waren so unzertrennlich von einander auf der Welt, wie im Mutterleibe und als Konrad die Geschichte einmal von den Kronenwächtern abgehorcht hatte und daß sie den stärksten von uns für den ältesten erklären wollten, da gab ich kaum darauf Achtung. Ich dachte gar nicht, daß diese Entscheidung für mich Folgen habe, daß ich meinem Konrad so bald entrissen werde. Aber einige Tage später ward ich in der Mitternachtsstunde von Geharnischten aus dem Bette genommen, in einen Mantel eingeschlagen und auf ein Pferd gebunden. Das war eine Schreckensnacht, es ging so eilig fort, daß die durstenden Pferde kaum ihre Zungen in den Quellwassern kühlen durften, durch die wir ritten. Wir stiegen von den Pferden, da ging's über Höhen, in unterirdischen Gängen durch die Felsen, über Gewässer, Die Augen wurden mir zugebunden und als mir die Binde abgenommen, saß ich einsam mit einem Löwen in einem blühenden, kleinen Garten. Ich war in der Kronenburg, wer könnte sie Euch beschreiben! Aber alle ihre Wunder erfreuten mich wenig: der Löwe ward mir gleichgültig, ich schrie nach meinem Konrad, weil ich ohne ihn nicht spielen konnte. Konrads Mutwille war unerschöpflich im Erfinden von allerlei Streichen, die ich ihm ausführen mußte; ich schwor, daß ich nichts essen, daß ich zu ihrem Gram verhungern wolle, wenn sie mir Konrad nicht schafften. Als sie meinen Ernst merkten, beratschlagten sie unter einander. Nach wenig Tagen ward Konrad in meine Arme geführt. Nun war es eigen, wie sich Konrad in den wenigen Tagen geändert hatte! Es mochte ihn kränken, daß ich als der älteste anerkannt worden, er mochte gar nicht davon sprechen, er sah mich scheu an. Da ich mir alle Mühe gab, ihm zu versichern, daß wenn ich erst erwachsen, wir Krone und Burg mit einander teilen wollten, so wurde er mutwillig, wie er gewesen. Wir spielten den Kronenwächtern manchen Streich, bemalten ihnen die Gesichter, wenn einer einschlief, schmierten dem Löwen Butter auf die Nase, daß er tagelang danach leckte, kratzten allerlei Fratzenbilder in die gläsernen Wände. Er war unerschöpflich in solcher Erfindung und ich in der Ausführung und niemals verriet ich ihn, sondern ertrug die Hiebe mit der Klinge ganz allein, die mir dafür von den Kronenwächtern zuerkannt wurden. – So vergingen ein paar Jahre, in denen sie mich und Konrad zu allen Künsten und Kunststücken einübten. Die Türme kletterte ich in die Höhe als wäre ich ein Eichhörnchen, eben so die Felsen umher, ich konnte mit den Fischen um die Wette schwimmen und tauchen. In dem allen war ich Konrad überlegen, aber um ihn nicht zu kränken, verbarg ich gar oft, daß ich mehr als er leisten konnte; was konnte er dafür, daß ihm der Himmel nicht so viel Kraft und Ausdauer verliehen hatte. Eines Tages kam ein Geflüster unter die Kronenwächter, wir wurden beide in ihre Mitte berufen. Sie erklärten uns, daß der Tag gekommen sei, uns zu bewähren, unsern Feind zu vernichten, der Kaiser Maximilian habe sich in unser Gebirge gewagt und stehe dort auf einem Felsgrat, er würde uns vernichten, wenn wir nicht den Mut hätten, ihn herab zu stürzen; als Wahrzeichen der Tat sollten wir sein Schwert, das Schwert Karls des Großen, dessen er sich angemaßt, dem Zerschmetterten abnehmen und heimbringen. Konrad sagte, der Felsgrat sei zu steil und unersteiglich, ich zeigte mich gleich mutig zu dem Unternehmen, der Kaiser war mir durch die Erzählungeri der Kronenwächter zu einem Drachen verfabelt, den zu vernichten höchstes Verdienst schien. Als Konrad mich bereit sah, ging er zagend mit, kehrte aber wieder um, als er den steilen Felsen vor sich sah. Ich kletterte ohne Sorgen hinauf, wo der Kaiser sich verstiegen hatte, und sah ein mildes Antlitz im Gebet ergossen, in seinen Untergang ergeben, und doch voll Vertrauen zum Himmel. Solch einem Antlitz widerstehe, wer aus Felsen gehauen, ich beschloß, den Kaiser zu retten, führte ihn zu einem Wege, den ich beim Jagen kennen gelernt hatte, und erbat mir zur Belohnung sein Schwert. Er streichelte mich mit der Hand, küßte das Schwert und gab es mir. Mit diesem kam ich gar beunruhigt zurück, ob ich auch frech genug, den Wächtern seinen Tod vorlügen könnte, das Lügen war mir immer so schwer und darum blieb keiner meiner bösen Streiche unbestraft. Konrad kam mir zum Glück entgegen, ich fragte ihn um Rat. Er sagte mir, die Wächter hätten schon wahrgenommen, daß ich den Kaiser nicht herabgestürzt hätte, das Schwert sei schon geschliffen, um mich zu enthaupten, er sei mir heimlich entgegen gegangen, mich zu warnen, denn so gewiß die Steine unter unsern Tritten den Berg nicht hinauf, sondern herunter rollten, so gewiß würde mein Kopf zu Boden fallen. Ich hatte schon einen Kronenwächter hinrichten sehen, gleich war die Flucht beschlossen, ich wußte alle geheime Wege und Stege, Konrad gab mir einiges Geld, das ein Kronenwächter verloren, dem ich die Tasche aufgeschnitten hatte; zuletzt tauschten wir noch mit den Schwertern, weil er meinte, das kaiserliche sei mir zu schwer und könne mich mit seiner Pracht verraten. Ich mußte ihm versprechen, so weit zu wandern, bis ich das Meer vor mir sehe, sonst erreichten mich dennoch die Kronenwächter.« – »Gewiß hat Euch Konrad betrogen«, unter brach ihn hier Anna, »ich darf Euch jetzt nicht mehr vertrauen, aber vielleicht erzähle ich Euch bald mehr von der Sache, als Ihr selbst wißt.« – »Hat der Ehrenhalt auch davon gesprochen«, fragte Anton ängstlich, »hat er mich ausgekundschaftet, ich bin verloren, wenn sie mich fangen, ich kenne ihre Strenge, wohl mancher Kopf liegt getrennt vom Rumpf auf der Kronenburg, sie üben das strenge Recht unter sich und über uns unglückliche Hohenstaufer, die grausamen Kronenwächter!«

Allmählich ging Erzählung und Nachdenken in Schlaf unter. Von allen zuerst wachte Berthold auf, ein heftiges Weh schraubte seinen Kopf zusammen, seine Zunge lechzte, er blickte um sich und befand sich in seinem Schlafzimmer und seinem Bette. Er glaubte Anna neben sich zu erblicken, es war ihr Nachtkleid, aber sie war ihm so fremd geworden in der Nacht, er rieb sich die Augen. Endlich bemerkte er, es sei Verena und verwunderte sich noch mehr, wie das Mädchen in die Kleider und an den Ort gekommen sei. Aber Verena hatte sich so lange gegen den Schlaf gewehrt, daß sie jetzt nicht so leicht zu erwecken war. Er ging in das Zimmer der Verena, um sich Aufschluß zu verschaffen, und fand Anna auf einer Seite eines Tisches und Anton auf der andern eingeschlafen. Ehe er sie erwecken konnte, pochte schon ein Jäger an, der Berthold befahl, sogleich zum Herzog zu kommen. Da er angezogen zu Bette gebracht worden, so forderte es nur einen Augenblick, sich in Ordnung zu bringen, er folgte dem Boten, ohne etwas von dem Zusammenhange aller Ereignisse zu wissen.

Berthold nahm sich zusammen, als er beim Herzog eintrat, die Neugierde hatte fast sein Kopfweh unterdrückt, er fragte ehrerbietig: wie der Herzog unter seinem Dache geschlafen. – »Schlecht«, sagte der Herzog, »ich habe das Unglück gehabt, aus dem Bette auf den Stiefelknecht zu fallen, die Stirn ist wund, das Auge entzündet, ich brauche schon die halbe Nacht kalte Umschläge und jetzt läßt der Schmerz etwas nach.« – Berthold bedauerte ihn und sagte, daß er sich nach dem Rausche auch übel befinde, zugleich äußerte er seine Verwunderung, wie der Wein des Herzogs so betäubend auf ihn gewirkt habe.- »Ich bin daran gewöhnt«, sagte der Herzog, »er ist mit türkischem Mohnsaft in Der Gärung versetzt, aber es gefällt nicht jedermann. Wie haltet Ihr es aber in dem Hause aus«, fuhr er fort, »das könnte ich nicht vertragen.« – Berthold fragte: Ob ihn Wanzen oder Mücken geplagt hätten. – »Nein, die Geister meine ich«, antwortete der Herzog, »hier halte ich es keine Nacht mehr aus bei den leuchtenden Gestalten, wie alte Kaiser mit feurigen Kronen, die einem so dicht vor den Augen herumziehen, daß man meint, sie springen in die Augen, und dann die heftigen Blitzschläge durch alle Glieder. Ihr seht mich ungläubig an! Lassen wir das, ich habe Wichtigeres mit Euch zu verhandeln.«

Nun erzählte der Herzog mit Auflodern, die Reutlinger hätten seinen Vogt von Achalm erschlagen, was Berthold schon wußte, bloß weil er in ihrer Stadt über einen Reutlinger gespottet hatte, den der Herzog vorher hinrichten lassen. Er wolle jetzt sein ganzes Land bewaffnen. – »Gegen die eine Stadt?« fragte Berthold. – »Nicht wegen der Reutlinger muß ich mich bis zum Kinn verschanzen«, antwortete der Herzog, »Ihr werdet bald mehr hören. Es harren zwölf Edelknaben mit Absagebriefen von dem Schwäbischen Bunde vor dem Tore, weil ich in aller Eile das Reutlinger Stadtgebiet verwüsten ließ.« – Bei diesen Worten wurde er so zornig, daß ihm zwei Blutstrahlen aus der Nase sprangen. Berthold reichte ihm Wasser und der Herzog sagte: »Der Aderlaß hat mich beruhigt, ich will jetzt den Boten, die vor den Toren harren, entgegenreiten und Ihr begleitet mich.«

Der Herzog auf einem hohen, schweren Falben, Berthold auf seinem braunen, treuen Rennpferde, umgeben von Grünewald und der großen Schar Diener, ritten vors Tor, wo die Edelknaben harrten. Der Herzog winkte sie zu sich, sie überreichten ihm die Absagebriefe, die an den Spitzen ihrer Spieße befestigt waren, und er ließ jedem dafür eine Flasche Most an den Spieß hängen mit freundlichem Gruße und so schmecke der diesjährige Wirtemberger Most und, wenn er klar gegoren, würde es zwischen ihnen auch klar sein.

Die Edelknaben wurden entlassen, der Herzog sprach eifrig von der Sicherung der Stadt gegen den Schwäbischen Bund und Grünewald sehr gelehrt von allen Arten der Befestigung. Endlich bestellte er noch durch Berthold einen Gruß an Frau Anna und daß er bald wieder kommen werde und gab seinem Pferde die Spornen, um nach Schorndorf zu reiten. Ihm folgte ein zahlreicher Jägerhaufen zu Roß und zu Fuß, mit Hunden und Falken, mit Küchenwägen und Zelten, als ob ein Volk mit Hab und Gut auswandre.

Alte Stille blieb nun in der Stadt zurück, die Einwohner konnten ruhig die Traubenlese fördern, und Berthold hatte endlich Zeit, sich nach dem Zusammenhange aller der Begebenheiten zu erkundigen. Aber Grünewald wußte ihm nur zu berichten, daß er durch die Vorsichtsmaßregeln des Herzogs in seinem Geisterspaß gehemmt worden sei, er hätte dem Anton einen Kürbis und Ketten überbringen wollen, aber die Wachen hätten ihn nicht eingelassen. Im Hause hörte er von Armen den ganzen Verlauf, so weit sie ihn wußte, und küßte sie tausendmal für ihre Vorsicht und hätte dem Anton gern gelohnt, daß er sich so willig zu der Geisterfahrt gezeigt, aber dieser war schon nach Hause zu seinem Meister geeilt. Frau Apollonia kam und klagte, wie ihr die Jäger in der Küche so viel Schaden getan, aber heimlich quälte sie sich, daß Anton, wie ihr Sabina erzählt, die Nacht bei Annen zugebracht habe. Alle waren verwacht, verstimmt, sie beschlossen, einmal wieder den alten Anno, den Einsiedler, auf den Weinbergen zu besuchen. »Vielleicht ist's der letzte schöne Abend im Jahre«, sagte Berthold, »er will auf außerordentliche Art gefeiert sein, und der Alte hat eine höhere Freude an der Traubenlese, als wir gestern mit dem betäubenden Geschrei erreichen konnten.«

Der Weg in seinem leisen Ansteigen auf mancherlei Krümmungen zerstreute sie mit stets wechselnder Ansicht, sie holten aus den Weinbergen Bertholds die schönsten, gelben Trauben und erfrischten sich an dem edlen, schuldlosen Safte, den die wilde Gärung in den Tiefen der Keller bald zur wilden Raserei verführt. Mit dieser Gabe stiegen sie weiter hinauf, wo Anno wohnte, den sie im Gebete vor seiner Hütte trafen. Der Platz, wo sie gestern an der Burg zum Schwärmen gezwungen waren, lag tief unter ihnen, wie ein niedriges Erdenleben, hier fühlten sie sich dem Himmel näher. Der alte Anno empfing sie freundlich, dankte für ihre Gabe und sagte, er habe an dem Tage schon eine herrliche Gabe erhalten von einem jungen Maler Anton, ein frommes Muttergottesbild. Anna sah sich mit Beschämung in dem Bilde wieder, auch Apollonia sah sie bedeutend an, nur Berthold war mit dem Einsiedler allzu sehr beschäftigt, um dies zu beachten. Dieser erzählte ihm seine Geschichte, wie er schon neunzig Jahre, vielleicht noch älter sei, wie er so lange im Dorfe unten gewohnt habe, als er noch viele Kinder und Kindeskinder gehabt. Als sie ihm aber allmählich abgestorben und er ihr Erbe geworden wäre, da hätte sich ihm in seinem Gram eine andre Freude und ein andres Leben eröffnet und er könne die Ereignisse dieser Welt von da an nur immer als Gleichnisreden zur Belehrung, aber nicht als etwas, das an sich bestehe, ansehen. Von da an habe er alle Sorgen, aber nicht den Fleiß aufgegeben, denn was er auf seinen Äckern und Bergen über sein Bedürfnis gewinne, das schenke er frommen, armen Leuten, die es bedürften, oder denen, die ihn in guter Gesinnung besuchten. Die Gesellschaft wurde bei der Erzählung immer stiller und aufmerksamer. Er sprach zuletzt von der Seligkeit reicher Ernte und von der Erziehung des Menschen in dem Reichtum himmlischer Gaben, die in der Ernte irdisch ausgesprochen würden: »wie viel herrlicher ist dies«, rief er, »als die Erziehung in Reue und Jammer, aber nicht jedem ist sie gedeihlich, nicht jeder bleibt in seiner Unschuld unsträflich, obgleich menschliche Irrtümer vom Himmel gern übersehen werden.« Darauf brachte er Brot vom frischen Weizen und einen Becher jungen Most und sprach dabei manches fromme Wort. Es wurde dunkel, aber Berthold konnte sich der heitern Ruhe nicht entziehen, um an alle Schrecknisse der vorigen Nacht, an Gewalt und Geisterspuk in dem Hause erinnert zu werden, dessen Vollendung ihm einst als höchste Glückseligkeit erschienen war. Auch die andern wünschten zu bleiben, der Alte bot ihnen Strohmatten zum Lager an und sie nahmen die Einladung an. Sie schliefen und beteten mit ihm, wie es die Stunden forderten. Am Morgen bat Berthold den Alten, daß er für sein künftiges Kind bete. Nach dem Gebete stand der Alte lange mit ausgebreiteten Armen gegen die Sonne, die über den Nebel wie über ein Weizenfeld hinaufdrang, sprach dann mit den Augen zum Himmel gewendet, von der Geburt des Herrn und sang, indem er Annens und Bertholds Hände ergriff und drückte:

Es schwebt ein Glanz hoch überm Gold der Ähren,
Sie tauchen nickend in den Segen ein,
Ein Engel weint die hellen Freudenzähren,
Am Himmel zieht ein einz'ger Stern allein.
Die Hirten schlafen noch und lächeln drein,
Sie ahnden schon, wie nah der Herr mag sein.

Dem Engel geht ein Lamm so still zur Seite,
Das trägt ein Kreuz und blickt zu allen mild,
Die Schäflein sehen auf, was das bedeute,
Sie freuen sich am höhern Ebenbild:
»Ihr Hirten wachet auf, verkündet laut,
Ihr habt den Herrn im fernen Glanz geschaut.«

Es naht der Herr in dieses Tages Frühe,
Im Erntesegen nahet uns der Herr,
Er lohnet uns Vertrauen, Liebe, Mühe,
Er gibt sich selbst für uns, so lohnet er,
Es ziehn die Könige zum Erntefest,
Wie kann die Hütte fassen solche Gäst.

Die arme Hütte kann sie alle fassen,
Es macht der Glanz sie alle froh und satt,
Und seinen Thron mag jeder gern verlassen,
Der hier noch einen Platz zum Knieen hat,
Es ist ein Kind geboren in dem Glanz,
Ihm bringen sie den reichen Erntekranz.

Aus Ähren und aus Trauben ist gebunden
Der Kranz, den sie dem Kinde bieten dar,
Sie haben es beim Strahl des Sterns gefunden,
Der noch am Tageshimmel leuchtet klar,
Einst segnet dieses Kind das Brot, den Wein,
Gott wird euch nah im ird'schen Zeichen sein.

Hat euch der Herr im Reichtum sich verkündet,
In seiner Ernten schöner Mannigfalt,
Verkündet ihn der Welt, der euch entsündet,
In dem Geschenk übt göttliche Gewalt:
Gedenkt des Herrn beim Brot, beim Becher Wein,
So kehrt der Herr im Geiste bei euch ein.

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