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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressStuttgart
isbn3-86150-278-X
titleDie Kronenwächter
pages7-420
created19990723
senderWolfgang Guelcker (wgue@berlin.snafu.de)
firstpub1817
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Achte Geschichte
Das Hausmärchen

Frau Hildegard, die sich zugleich mit Berthold umsah, stieß diesen vergebens an und flüsterte ihm zu, er möchte sich fortbewegen, es sei einer der Kronenwächter, den sie sonst schon oft abgewiesen habe. Berthold fühlte einen Mut in sich, dem Alten zu begegnen, und fragte ihn, was er wolle, warum er sich ihnen so heimlich genaht habe! – »Heimlich?« antwortete der Alte mit tiefer heiserer Stimme, als ab die böse Witterung eines Jahrhunderts darin sich verkrochen hätte, »heimlich war nicht nötig, ihr saht und hörtet nichts! Mein Name ist Kronenhelm, bin Ehrenhalt auf dem Schlosse Hohenstock, wurde viel hin und her geschickt in Ernst und Spiel, habe Turnier ausgerufen, Fehde verkündet, Schlösser aufgefordert, habe im Zweikampf Sonne und Schwerter gemessen, besprochene Waffen losgesprochen, die Hexerei mit ritterlicher Ehre gebrochen, kann blasen auf dem Ehrenhorn hoch und tief, und wenn einer sieben Jahre schlief, ich weck ihn und schreck ihn, doch wenn einer lustig ist, bin ich auch ein guter Christ, und zu Eurem Polterabend komm ich über die Heide trabend, Euch Gruß zu bringen, Eure Hand zu schwingen, Geschenk und Gaben, die sollt Ihr haben, buntes Glas, wie bald bricht das, darum nehmt's wohl in acht, es hat ein Vorfahr gemacht. Seht her, seht hin, seht die Sonne darin, wie's flimmt, wie's flammt, alles vom Lichte stammt.« – Bei diesen Worten hob er aus einem Kasten, den ihm einige Leute nachtrugen, länglichte Glasfenster, oben als Spitzbogen geschnitten, und stellte sie in die leeren Räume zwischen den mit Blumen umwundnen Stangen gegen die untergehende Sonne, daß die Farbenpracht des Glases in seinem Durchscheinen in dieser vollsten aller Lichtfüllungen jedes andre denkbare Bild überstrahlte. – Berthold grüßte den Mann und in der Meinung, er sei von den Frauen geschickt, drückte er den beiden Frauen die Hand und dankte ihnen für die seltne Freude, die sie ihm bereitet hätten, er schwöre ihnen, kein Baumeister hätte je so etwas Schönes ersonnen. Dieses Blumenzelt solle in feinem Marmorstein ausgeführt werden und die Glasfenster haltend umschließen, daß der Brunnen eben so leicht frei, als geschlossen nach Witterung und Stimmung genutzt werden könne, zum kalten Bad für die heiße Zeit, als warmes Bad im Winter, auch zum sichern Mittagsschlaf beim Rauschen des Gewässers. Er rühmte Armen, wie sie ihn in allem übertroffen, – aber Anna sah Apollonien verwundert und ärgerlich an, als ob diese heimlich sie durch Erfindung habe übertreffen wollen, – und Apollonia noch verwunderter Annen, – der alte Ehrenhalt lachte recht von Herzen. – »Warum lacht Ihr, Alter?« fragte Berthold, »daß ich so eifrig bin, mir hier gleich ein Brunnenhaus fertig zu denken, woran noch mancher Meißel stumpf wird. Ihr sehet hier noch Stangen, ich sehe schon die Blumenkrone in Marmor über dem Brunnen, ich sehe schon die Morgensonne von jener Seite, wie sie die Fenster durchleuchtet, ich meine das Tal dort wird noch freundlicher scheinen, weil es weniger blendet.« – »Herr«, antwortete der Ehrenhalt, »Eure Absicht finde ich gar wohl erdacht, aber ich wundre mich, daß Ihr diese Arbeit so wenig kennt nach ihrem Werte und ihrer Seltenheit, daß Ihr es für eine bloße Artigkeit Eurer Braut haltet. Solche Fenster möchte der Kaiser sich wünschen und sie nicht bereit finden; dieser mühsam zusammengebrachte Reichtum an Schmelzfarben steht keinem Glasmaler so zu Gebote und die Fertigkeit in der Benutzung aller ihrer Mischungen und Überlagen fordert ein vieljähriges Nachdenken. Hier ist nicht wie in gewöhnlicher Glasmalerei mit Schwarz geschattet, ein jeder Schatten sinkt in seiner eigentümlichen Farbentiefe. Ehrt dies Geschenk, das erste, womit die Kronenwächter Euch ein Zeichen ihres Vertrauens geben.« – »Wer erlaubt Euch hier einzudringen?« unterbrach ihn jetzt die alte Frau Hildegard, »jetzt erkenn ich Euch, wie oft habe ich Euch abgewiesen.« – »Laß ihn«, sagte Berthold, »seid nicht böse, guter Mann, die Mutter meint es gut mit mir und fürchtet Euch wegen Martins Tod; Eure Gabe lerne ich jetzt erst recht bewundern, Ihr habt diesen Abend seltsam verherrlicht, Ihr sollt Zeuge sein meiner Freudentage und Ihr werdet Euch scheuen, ein Glück zu stören, um Greuel hoffnungsloser Erwartungen zu säen.« – »Greuel?« fragte der Ehrenhalt ernst. – »Ich sage Euch meine Ansicht«, antwortete Berthold, »verhehlt sie nicht den Kronenwächtern. Ich meine, daß ein hochberühmtes Geschlecht nach Gottes Weisheit von der Höhe schwindet und dem gemeineren Platz macht, wenn seine Fortdauer Greuel brütet. Denkt Euch, der vielfache Mord, an welchem mein Vater untergegangen, wäre von dem herrschenden Geschlechte vor den Augen der Welt begangen, welch ein Vorbild den Völkern; jetzt schwindet er in der Unbemerktheit, nur denen verderblich, die sich darin verwickelt finden.« – »Woher aber diese Greuel?« antwortete der Ehrenhalt. »Fühlt Ihr solche Frevel in Eurem Blute? Seid Ihr nicht mild und schaffend in Eurem Kreise gewesen, und war nicht eben so Euer Vater? Berührt Euch aber der Gedanke Eures Sturzes ernstlich, und das wird keinem fehlen, dann lernet Euch selbst fürchten; fiele die wärmende Sonne zur Erde, sie würde uns verbrennen. Als Euer heiliges Geschlecht herrschte, gab es ein reines, keusches Rittergeschlecht, aber die jetzt den Namen tragen, sind es nicht. Nicht die sind Ritter, welche mit goldnen Spornen einherstolzieren, die von den Kaisern mit Gunst und Torheit zu Rittern geschlagen sind. Die echten Ritter sind vom harten Geschick geschlagen und geprägt, ihr Sporn ist die Treue und ihr Schwert der Glauben an das ewige Bestehen der Geschlechter und daß dieselbe Herrlichkeit aus dem Stamme immerdar wiedergeboren werde, wie Ihr das Wasser dieses Brunnens ruhig abfließen laßt und immerdar auf die Dauer und Gabe der Quelle rechnet. Doch Herr, es ist nicht gut einen zu wecken, ehe er ausgeschlafen hat, Ihr müßt noch ausschlafen von dem Siechtum, das Euch lange zu ritterlichen Taten untüchtig machte, auch wollen die Kronenwächter noch nichts mit Euch, sie senden Euch nur eine kleine Freundesgabe, daß Ihr Eure Abkunft nicht vergeßt, denn in diesen Bildern ist viel von Eurer Abstammung erzählt und hier sind die Reime, die Euch hierüber weitere Auskunft geben.« – Mit neugierigem Stolze griff Anna nach dem Buche und sagte: »Es ist mein, denn seine Ehre ist auch meine Ehre jetzt; aber die Züge dieser Handschrift müssen gar alt sein, ich kann sie nicht lesen. Herr Ehrenhalt, schenkt uns noch einen Bericht aus diesem Buche, es scheint gar lang und Ihr werdet uns das mehr in der Kürze berichten können, da das Abendlicht bald zu verlöschen droht.« – »Tut es alter Herr«, sagte Berthold, und bot ihm einen Becher alten Neckarwein an, »wenn Ihr ein ritterlicher Diener seid, so dürft Ihr schönen Jungfrauen so etwas nicht abschlagen.« – »Euer Wein ist klar, wie der Jungfrauen Angesicht«, antwortete der Ehrenhalt, »und was Ihr begehrt, ist unsre stete Unterhaltung in den einsamen Wachtstunden, bald sprechen wir von den wohlbezeugten Geschichten des Hauses, von Barbarossa und Konradin, bald von den Hausmärchen aus den Zeiten des Attila, von denen hier eins abgebildet ist. Es berichtet von einem der alten schwäbischen Könige, aus dem Hause der Hohenstaufen, dessen Name verschieden angegeben wird, hier aber soll er in Waiblingen sein Hoflager gehalten haben. Waiblingen war damals eine große Stadt.« – »Das wissen wir aus der Chronik«, sagte Berthold. – Nun erzählte der Ehrenhalt das Hausmärchen nach Ordnung der Bilder, die er nach einander, wie er in der Erzählung fortschritt, gegen die Sonne stellte, daß jeder ihre Bedeutung zugleich erschaute.

Erstes Bild

Es war nun der dritte Tag, daß der König dem wunderbaren, kleinen, wie Silber blinkenden Vogel über Höhen und Tiefen bis zum Anfang des dichten Schwarzwaldes nachschlich. Der Vogel schien aber der Jagdkunst verständig, trug spielend eine goldne Feder im Schnäbelchen, wenn er außer dem Bereiche der Armbrust war, wiegte sich auf dem Zweige und sang ruhig, aber im Augenblicke, wo der König den Pfeil auflegte, breitete er seine Flügel aus und schwand selbst wie ein Pfeil in die gefahrlose Weite, während der König ihm ärgerlich, aber vergebens, seinen Pfeil nachschnellte. Die Jagdwut des Königs überwältigte seine Ermüdung; seine beiden einzigen Gefährten, zwei Ritter, die ihm aus gutem Willen folgten, waren schon am Morgen erschöpft bei einem Einsiedler liegen geblieben. Des Königs Jagdlust entschädigte ihn für alles, was er entbehrte, er überließ sich ihr nach dem schnellen Absterben seiner beiden Eltern, das einem tückischen Gifte zugeschrieben wurde, um seinen Kummer zu zerstreuen, daß er den Mörder nicht entdecken konnte. Gewiß war es einer seiner Gaugrafen, denen er in der Trauer so unbesorgt die Nachforschung, die Regierungsgeschäfte und alle Einnahmen überlassen hatte. Dieser schmerzliche Müßiggang machte ihn dem Volke verächtlich, wenige entschuldigten ihn mit dem schmerzlichen Anlasse. Die beiden gutmütigen Edelleute, die ihm auf seinen Irrwegen folgten, erkannten zwar das Unglück, was er durch diese Lässigkeit über das Land brachte, aber sie wagten nur selten, ihm Vorstellungen zu machen, da er allmählich in seiner Jagdlust verwildert, gegen jede Einrede wütete, und sich selbst überredet hatte, indem er von dem Ertrage der Jagd sich kärglich nähre, so müßte es seinem Volke recht wohl sein, dem er alle seine Einahmen überlassen hätte. Aber seine Grafen hatten dieses Erbe zur Unterdrückung des Volks durch fremde Söldner benutzt, so wurde das reiche Land vernichtet. Jener Vogel hatte den König allmählich in den damals dreifach größeren, unzugänglichen Schwarzwald geführt, er eilte über die von den Menschen bis dahin nicht überschrittene Grenze der Wildnis, ohne es selbst wahr zu nehmen. Da bedeckte die untergehende Sonne ihr Haupt mit Asche der brennenden Wolken, er hätte seinen letzten Atem aushauchen mögen, um ihr Feuer noch für einen Augenblick anzufachen. Er blickte um sich, denn der Vogel schien entschwunden, und er hörte doch seine Stimme. Welche Bäume umgaben ihn und welche zusammengestürzten Haufen von Baumstämmen, auf denen riesenhafte Pilze mit bunten Giftfarben erwachsen waren, hier sah er eine Eidechse, die auf den Tod einer Schlange lauerte und ihr vorsang, dort hackten unzählige Spechte den Takt zu dem Gesange. Wilde Reben aller Art, lebendig und abgestorben, verflochten den Urwald, in welchem die Bäume so dicht aneinander ihre Äste drängten, daß er seinen Weg durch die abgestorbenen Unteräste brechen mußte.

Grimmig schleicht er auf den Zehen
Durch des Waldes tiefe Nacht
Aus dem Tale zu den Höhen
Lockt der Vogel ihn und lacht,
Lacht in tausendfachen Tönen,
Schlägt mit seinen Flügeln ihn,
Recht als wollt er ihn verhöhnen,
Denn das Dunkel macht ihn kühn.
Wütend schlägt der Herr die Bäume,
Wo er längst entflohen ist,
Schießet in die dunklen Räume
Und die Wut sein Herz zerfrißt.
Kracht die Tanne an der Tanne,
Seufzt er auch aus zorn'ger Brust,
Fühlt sich schmerzlich in dem Banne
Von der bösen Jägerlust.

So wütete sein stolzer Jagdsinn gegen den Vogel, der ihn in diese Wildnis geführt, und wo er etwas flattern hörte in den gedrängten Ästen, da schoß er seine Bolzen hinein, doch ohne andre Frucht als die Mückenscharen auf sich hinzuziehen, die schon in den Fichtenästen ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Von ihnen gepeinigt, stampfte er auf den Boden, da sauste eine Wolke von Erdbienen gegen ihn empor. Er stürzte sich durch die trocknen Äste, ihnen zu entfliehen, da brummte an ihm vorüber ein zottiger Bär, der den Honig der Bienen wittern mochte, denn er achtete des Königs nicht, der schon sein Schwert zur Wehr gezogen hatte. Nun hörte er wieder die Stimme des silbernen Vogels, aber er fühlte .keinen Zorn mehr gegen ihn, er war ihm eine willkommnere Gesellschaft unter den Ungeheuern, die ihn umdrängten. Ein heftiger Durst zähmte ihn, er hörte wohl Wasser rauschen, aber wie ein Strom, der von einer Höhe stürzend zerstäubt, denn der Felsen, auf welchem er stand, bebte von dem Falle. »Ein Schritt noch, und es ist der letzte«, schien ihm des Vogels Gesang zu sagen und der König fühlte zum erstenmal, daß er noch nicht zum Sterben vorbereitet sei. Er betete zum erstenmal seit dem Unglücke, das ihm die lieben Eltern geraubt hatte, denn er hatte mit dem Himmel gezürnt, in Finsternis und Wildnis kam der Geist des Herrn über ihn. Und als er das Haupt vom Gebete erhob, da sah er den silbernen Vogel dicht neben sich, der einen großen, leuchtenden Johanniswurm in seinem Schnabel trug und damit flatternd einen Fußpfad erleuchtete, den er in der Dunkelheit der Nacht und des Walds nie wahrgenommen hätte. Demütig hing er seine Armbrust über und folgte mit Rührung dem angefeindeten Boten des Himmels. Seht hier auf dem Bilde, wie alles Licht von dem Johanniswurme ausgeht, welchen der Vogel trägt, seht an der Seite Schlange und Eidechse, an jener Bär und Bienen am Abgrunde, den das brausende Wasser unterwühlt.

Zweites Bild

Über eine Stunde führte ihn der kleine Laternenträger durch den dichten Wald. Bei solcher Obhut konnte ihn weder das Heulen der Wölfe, noch das Liebesgeschrei der Eulen erschrecken, aber doch fühlte er in seinem brennenden Durste, welchen das Kauen von Blättern nur vermehrte, daß er ohne eine Quelle zu finden, bald verschmachten müsse. Der Boden blieb dürr oder felsig, das Nadelholz hatte alles Leben unter sich erstickt, die Nacht war taulos, und ein fernes Blitzleuchten in der Schwüle gab nur entfernte Hoffnung zu himmlischen Quellen. Da erschien ihm, als er schon alle Hoffnung aufgeben und eine Ader sich öffnen wollte, seinen Durst zu stillen, das Feuer eines nahen Herdes, indem sich die Türe eines Häuschens, das von Bäumen versteckt war, öffnete. Der Vogel sang fröhlich und zeigte ihm den Weg dahin durch die Gebüsche und setzte sich auf den Giebel des Häuschens und ließ den leuchtenden Johanniswurm frei entfliegen. Nicht aus Vorsorge, weil Räuber die Wildnis zum Aufenthalt wählen konnten, sondern erschöpft lehnte sich der König an die aus wilden Rosenbüschen geflochtene Wand der Hütte, ehe er einging, und dankte dem Himmel für die gnädige Führung. Dies stellt das zweite Bild dar: in der Hütte sehen wir einen ehrwürdigen Greis mit langem, weißen Barte, an einem Pulte schreibend, während schöne Knaben neben ihm an einem Tische Früchte und Becher zu einem Mahl auftragen. Die alten Reime lehren dabei:

Lernt im Zufall Gottes Führung,
Wie er euch in Not begrüßt,
Denn es braucht oft tiefe Rührung,
Daß ihr euch nicht ganz verschließt.

Drittes Bild

Totenbleich tritt er zur Hütte,
Wie sein eignes Schattenbild,
Trinkt vom Quell, der in der Mitte,
Gleich dem müd gehetzten Wild;
Und ein Kind bringt Stuhl und Früchte,
Und der Alte Wein und Brot,
Will nicht, daß er erst berichte,
Was ihn brachte in die Not.

Der König stillte seinen Durst, dann dankte er dem Alten, und fragte nach der Gegend, wohin er sich verirrt habe. Der Alte schrieb schon wieder gar eifrig und legte den Finger auf den Mund, zum Zeichen des Schweigens. Der König schwieg und die Kinder führten ihn zum Lager am Feuer, wo ihn der Schlaf in wenig Augenblicken überwältigte.

Er mochte wenige Stunden geschlafen haben, als ein Funke vom frisch angeschürten Feuer auf seine Stirn sprang und ihn erweckte. Aber die Ermüdung aller Glieder war noch zu groß, er wollte sich erheben und vermochte es nicht, nicht einmal die Augenlider konnte er öffnen, er hörte die Unterhaltung zwischen dem Vater und seinen Söhnen, ohne daß diese wahrnehmen konnten, daß er erwacht sei. Der Alte schien etwas sehr Ernstes zu bedenken, er hatte einen Dolch gegen Himmel gehoben und sprach heftig:

Ja der König muß verderben,
Soll der Staat genesen sein,
Mit dem Dolche muß er sterben,
Meine Träne soll ihn weihn,
Mich entflammt nicht eigne Rache,
Mich ergreift des Landes Wut,
Denn bald nährt der grimme Drache
Sich mit unsrer Kinder Blut.

Aber die Kinder flehen alle für den König und sagten:

Wie viel Wolken ziehn vorüber,
Und die Sonne scheint dann hell,
Und der König wird einst lieber,
Als der mutigste Rebell,
Vor dem armen Volk erscheinen,
Das vergessen alte Not,
Sich erwählet einen Reinen
Und bestraft des Königs Tod;
Er ist gut, es sind die Grafen,
Die mit frechem Übermut,
Laster lohnen, Tugend strafen,
Ach der König ist so gut!

Fest entgegnete darauf der Alte und focht mit dem Dolche gegen die Luft:

Wer darf sein Geschick vergessen,
Nicht der Bettler fremd im Land,
Und kein König darf vermessen,
Kronen, die aus Gottes Hand,
Unter seine Diener teilen,
Um in ungestörter Ruh
In dem wilden Wald zu weilen,
Nein bei Gott, ich stoße zu.

Dem Könige war in diesem Gespräch so manches Wort wieder erwacht, was seine beiden Edelleute bescheiden hatten fallen lassen, die Not hatte seinen Geist erhellt, mit Jammer erkannte er sein Unrecht, richtete sich auf, öffnete seinen Wams und sprach zum Alten: »Stoß zu, ich fühle mein Unrecht, ich habe mein Volk und meine Krone lange vergessen, möge ein Würdiger mir folgen, der es treuer bewacht.« – Der Alte und die Knaben sprangen von ihren Sitzen und sahen ihn verwundert an. »Bringt kühles Wasser dem Kranken«, sagte der Alte, »er hat unserm Spiele zugehorcht und wähnt, er sei selbst der Schottenkönig, dessen Geschichte wir darstellen.« – »Ihr spielt mit dem Dolche?« sprach der König. »Oder hat Euch mein Auge den Mut benommen? Ich will es schließen, will mich niederlegen wie ein Schlafender, daß Ihr mich ohne Scheu morden könnt.« – Bei diesen Worten entfiel dem König die Krone, die er unter seinem Hute trug, und der Alte erkannte wohl, daß dies Mißverständnis einen Grund habe und keine leere Qual der falschen Einbildung zu nennen sei. Er ließ sich vor dem Könige auf ein Knie nieder und sprach: »Nicht jeder kennt die Not und das Geschick eines andern, der die Furchen seiner Stirn erblickt, wohl mögt Ihr unser gnädiger Herr sein, den wir so lange vermissen, ich aber wage es nicht, Euch zu beraten, so wenig ich Euch zu morden gesonnen war. Lange habe ich meine Augen nicht mehr dem Lebenden geöffnet, aber oft habe ich vor Euch in jüngeren Jahren am Marktfeste zu Waiblingen die Geschichte der Völker auf künstlicher Bühne gesprächsweise aufgeführt; gedenkt Ihr meiner noch, des alten Meistersängers David, aus Ungerland. Hier in stiller Einsamkeit durchdenke ich die Geschicke der Völker, und was Euch ergriffen, ist die Geschichte eines Schottenkönigs, der von seinen Barden erstochen wurde, weil ein Drache ungestört das Land verwüstete.« – Der König erhob den Alten, küßte ihn und sprach: »Mag Eure Geschichte mir fremd sein, Eure Lehre ist mein geworden, der Sänger Wort ist ein höherer Ruf und wie es uns trifft im Innersten, im Geist, im Herzen zugleich mit einem Strahle, so wirkt ein höherer Geist durch das Wort; wohl mögt Ihr mich noch vergessen haben und des fernen Schottenkönigs gedenken, dennoch steht mein Reich, ich und meine Gedanken im Spiegel Eures Geistes, Euch selbst unbewußt und ich schaudre vor meinem Abbild.« Das Bild stellt den König dar, wie er seine Brust dem Dolche entblößt, während die Krone von seinem Haupte fällt.

Viertes Bild

Der König fühlte sich entschlossen, wieder selbst zu herrschen und fragte nach Kostnitz am Bodensee, wo der Graf der Nibelungen, als besonderer Günstling des Königs wohnte. Gleich war ein Knabe mit einer Kienfackel dazu bereit und der Alte gab ihm seltsame, ahndungsvolle Worte auf den Weg. Und der Knabe führte ihn die wunderbarsten Wege auf umgestürzten Baumstämmen über Abgründe, in denen die Wölfe heulten. So waren sie bei dem Morgenlichte schon am Waldrande, wo der König den Knaben mit vielem Dank zurücksandte, gern hätte er ihm auch eine Gabe gereicht, aber schon lange hatte er kein Geld mehr gehabt und verlangt. Gegen Abend erreichte der König das Schloß des Grafen der Nibelungen, versteckte seine Krone und sein Schwert unter dem Mantel und warf die Armbrust unter einen Steinhaufen, daß er sie einst wieder finden könnte. Das Schloß war hell erleuchtet, er mischte sich unter das müßige Volk der Zuschauer, die alten Reime sagen:

Und er geht zum hohen Schlosse,
Helle jedes Fenster blitzt,
Viele kommen da zu Rosse
Und sie haben ihn bespritzt,
Und er läßt die Wagen rollen,
Steht da, wie ein armer Tropf,
Fackeln, die sie putzen wollen,
Schlagen sie auf seinen Kopf,
Daß das heiße Pech ihm rinnet
In den Nacken, auf das Kleid,
Wahrlich, keine Seide spinnet,
Wer so zusieht wilder Freud.
Ruhig wärmt er sich am Feuer,
Das der Wagen Spur erhellt,
Einen Brand nimmt da ein Geier,
Trägt ihn in das reife Feld,
Und des Armen Feld muß brennen,
Weil der Reiche fröhlich zecht,
Doch sie werden bald erkennen,
Daß noch lebt ein göttlich Recht.

Und wie der König dem ernstlich nachdachte, hatte sich die Menge, die keine Gäste mehr zu sehen erwartete, schon vom Wachtfeuer verlaufen, er stand allein, als ein Haufen Reiter eine gebundne und dennoch würdig scheinende Jungfrau auf einem Pferde herbeiführten und am Tore zu Boden setzten. Die Reime sagen:

Und er geht zum hohen Schlosse,
Helle jedes Fenster blitzt,
Viele kommen da zu Rosse
Und sie haben ihn bespritzt,
Und er läßt die Wagen rollen,
Steht da, wie ein armer Tropf,
Fackeln, die sie putzen wollen,
Schlagen sie auf seinen Kopf,
Daß das heiße Pech ihm rinnet
In den Nacken, auf das Kleid,
Wahrlich, keine Seide spinnet,
Wer so zusieht wilder Freud.
Ruhig wärmt er sich am Feuer,
Das der Wagen Spur erhellt,
Einen Brand nimmt da ein Geier,
Trägt ihn in das reife Feld,
Und des Armen Feld muß brennen,
Weil der Reiche fröhlich zecht,
Doch sie werden bald erkennen,
Daß noch lebt ein göttlich Recht.

Diesen Raub der schönen Jungfrau seht ihr hier auf dem Bilde und wie der König nach dem Degen greift.

Fünftes Bild

Die Besonnenheit des Königs beschwichtigte diese Aufwallung, er gedachte der Zahl jener Räuber und beschloß, der armen Geraubten, deren Schönheit ihn tief gerührt hatte, mit sicherer Klugheit zu helfen, oder selbst der Strafe für die lange Vergessenheit seiner Pflicht zu unterliegen. Sein Schwert wieder im Mantel versteckt, wie seine Krone, trat er ins Schloß und vertraute einem Diener des Grafen, er habe seinem Herrn willkommne Botschaft von einer schönen Frau zu überbringen. Der Diener, solcher Verhältnisse des Grafen kundig, wies ihn nicht ab, wie der König wohl gefürchtet hatte, aber er brachte ihn auch nicht zum Grafen, wie er gehofft hatte, sondern nach einem abgelegnen, unerleuchteten Zimmer des Schlosses und verließ ihn, um seine Anwesenheit dem Grafen zu melden. Der König war nicht lange mit sich allein, als Seufzer aus dem Nebenzimmer ihm hörbar wurden; gleich dachte er, es sei die unglückliche Jungfrau, die den Untergang ihres Lebens, zum Schutz ihrer Ehre, beschließe, und sang zu ihrer Vertröstung:

Liebeszauber, Unschuldtränen,
Ihr erweckt mein totes Schwert,
Wie der Blitz, der durch die Mähnen
Eines müden Rosses fährt,
Und es bäumt sich kühn zum Himmel,
Wo der Donnerwagen rollt,
Möcht ihn lenken durchs Getümmel,
Daß er nicht der Erde grollt.

Dieser Gesang schien die Seufzer zu stillen, bald hörte der König von der andern Seite Menschentritte und der Graf trat mit einer Kerze ein, erhitzt vom Traume der Freude, sehnsüchtig der Verheißenen. – »Bist du es selbst, liebe Freundin«, sagte er eintretend, »ich schwor darauf, als mir ein Unbekannter im Mantel verhüllt gemeldet wurde, der mir frohe Botschaft bringe.« – Aber statt des Kusses, den der Graf erwartete, als jetzt der König den Mantel abwarf, sah er ein Schwert in seiner Hand blitzen, er wollte zurück springen und Verrat rufen, da erkannte er den König und war wie von einer Erscheinung erschüttert und verwirrt. »Gnädiger Herr«, stammelte er, »Ihr beehrt dies Fest mit Eurer Gegenwart, möchte es Eurer würdig sein, Euch erheitern.« – Der König sagte darauf mit Ruhe: »Das Fest ist meiner nicht würdig, es betrübt mich tief, die Klage der Unschuld ist Eure Musik und das Brot der Armen drückt Eure Tische nieder, Ihr habt mein Zutrauen getäuscht, ich habe Euch meine königliche Gewalt übergeben, mir bleibt nur mein ritterliches Herz, einer von uns beiden ist der Erde überzählig, zieht lieber Graf, daß Gott zwischen uns blutig richte, wer hier herrschen soll.« – Der Graf zog zwar seinen Degen, aber von dem früher gewohnten Gefühle übernommen, dies sei sein Herr, legte er den Degen zu dessen Füßen, kniete nieder und sprach: »Ich habe Euch nicht kränken wollen, gnädiger Herr, verzeihet meiner Jugend und der Freiheit, der Ihr uns überlassen hattet, wo ich in Leidenschaft irrte.« – Der König setzte ihm einen Fuß in den Nacken, erhob sein Schwert und sagte: »Der Übermut deiner Diener hat mir heißes Pech auf den Nacken geschüttet, als ich ruhig dem Freudenfeuer zuschaute, an dir will ich mich rächen, dein Tod ist in diesem Augenblick ein Schwung meines Arms! Ich will nicht deinen Tod, doch gedenke dieses Augenblicks künftig und schwöre mir ritterliche Treue!« – Der Graf hob die Hand auf und schwor ihm einen Eid der Treue, da gab ihm der König seinen Degen zurück und befahl, ihn als Herrn in die Mitte der Grafen zu führen, die in dem Schlosse versammelt wären. Das Bild stellt dar, wie der König ihm den Fuß in den Nacken setzt und sein Schwert erhebt:

Der vor allen hochgestanden,
Ist am tiefsten nun gebeugt,
Also geht der Stolz zu Schanden
Und vor Gottes Macht sich neigt.
Wer mit Mut dem Rechte dienet,
Ist erfüllt von Gottes Macht,
Was er schafft, auf Erden grünet,
Was er störet, sinkt in Nacht!
Und woran er zu erkennen,
Ist die sichre Mäßigung,
Rache will er sich nicht gönnen,
Ihm genügt die Besserung.

Sechstes Bild

Der Graf, von der Würde des Königs in seinem leichtsinnigen Herzen frisch erschüttert, meinte sich ernstlich ihm anschließen zu müssen, er schilderte ihm die Verwirrung, die Bedrückung des Landes, den Trotz der meisten Grafen, die sich gewiß der Rückgabe aller Gewalt in seine Hände widersetzen würden. Er wolle deswegen den Saal mit bewaffneten Dienern besetzen, daß die Grafen nicht zu ihren Waffen kommen könnten und sich in die Notwendigkeit seiner Anerkennung ohne gewaltsamen Widerstand ergäben. Für diesen Rat ernannte ihn der König zum Nachfolger in der Regierung, wenn er, der letzte des altschwäbischen Hauses, ohne eigne Kinder sterben sollte. Diese Gnade befeuerte den Grafen, er bewaffnete schnell die besten Leute; der Saal, wo die Ritter bankettierten, ward von ihnen besetzt, als der König, die Krone auf dem Haupte, das Schwert in der Hand, von vielen bewaffneten Fackelträgern umgeben, an seiner Seite der Graf in den Saal trat. Da war großes Erstaunen, insbesondere als der König nicht freundlich, sondern mit harter Belehrung ihnen ihre Fehler verwies, sie bedrohete, alle enthaupten zu lassen, wenn sie nicht in Reue und Demut ihren Übermut büßten. Sie sahen den Grafen und dessen Leute auf der Seite des Königs, sie fühlten sich verloren, wenn sie widerstehen wollten, sie knieten nieder, gaben die Regierung in seine Hand zurück und ließen sich an ihren alten Rechten genügen und huldigten ihm von neuem. Und als nun dies große Werk für das Land geendet war, da befahl der König zu neuer Überraschung des Grafen, die geraubte Jungfrau in den Saal zu führen. Und bald trat sie mit dem Morgenstern in den Saal, der die Decke der wunderbaren Nacht lüftete, und alle waren erstaunt über ihren Glanz, vor allen der König, der sie jenem liebreichen Knaben ähnlich fand, der ihn aus dem Walde zurückgeführt hatte und der noch immer wie ein wunderbarer Engel in seinem Andenken erschien. Der König kündigte ihr Freiheit an, zugleich bat er, ihm ihren Namen und ihr Geschick zu vertrauen, daß er für ihre Sicherheit sorgen könne. Da nannte sie sich die Tochter des unglücklichen Herzogs David, aus Ungerland, der im Kampfe gegen Attila seiner zwölf Söhne, seines Landes und Verstandes beraubt, sich unter dem Namen eines Meistersängers in dieses Königreich Schwaben geflüchtet und sie einem Nonnenkloster in Schutz gegeben habe; sie bat um Freiheit, ihn aufzusuchen, für ihn zu sorgen. – Der König fragte zagend, ob sie ihr Gelübde im Kloster schon abgelegt habe. – Sie antwortete mit niedergeschlagnen Augen, daß sie noch kein Gelübde abgelegt habe und auch keines ablegen werde, seit sie erfahren müsse, daß nicht die Klostermauern, sondern ritterlicher Mut sie gegen Gewalt geschützt habe. Darauf kniete der König vor ihr nieder, ergriff ihre Hand und zeigte ihr seinen Goldring. Und sie steckte ihren Finger hinein, denn ihre Augen verstanden sich und nannte ihn ihren lieben Ritter, denn sie wußte nicht, daß es der König sei. Als aber jetzt die Grafen ihr mit gebeugtem Knie die Hand küßten und das Heil ihrer neuen Königin ausriefen, da erkannte sie die hohe Würde ihres Verlobten, wie sie sein hohes Herz erkannt hatte, sie verbarg ihr Antlitz auf seiner Brust und segnete alles Unglück, in welchem der Himmel sie geprüft, ob sie dieses Glück ertragen könne, wobei sie ihres Vaters gedachte, wie er sich dieser Rückkehr zum alten Ansehen seines Hauses freuen werde. Das Bild zeigt, wie sie den Finger in den Ring steckt, die alten Reime sagen:

Seht der neue Tag zieht prächtig
In die Herzen, in die Welt,
Alle Sorge dunkelnächtig
Hat zum Grafen sich gestellt.

Wer verlor auch mehr als der Graf, außer der Herrschaft, auch die Geliebte und nicht durch Gewalt, sondern durch ihre Neigung zum Könige.

Siebentes Bild

Die schöne Braut war von Müdigkeit überwältigt, im Gemache der Mutter eingeschlummert und ihr Schlaf war lang. Der König gönnte sich nur kurze Rast, es trieb ihn die Sehnsucht nach dem alten Sänger, der gleichsam eine Seele seines Volkes, unbewußt sein Schicksal gelenkt hatte. Er sorgte für die Sicherheit seiner Braut und zog mit den rüstigsten Grafen und den wegkundigsten Gebirgsjägern in den großen Schwarzwald. Er selbst ging voran, weil er an den bedeutendsten Punkten Zweige eingebrochen hatte, auch fand er bald diesen seinen Weg, den ihm der Knabe gezeigt hatte, nur fehlten jetzt alle die Brücken, auf denen er über Abgründe sicher hingeschritten. Diese Verbindungen schienen mit Absicht vernichtet zu sein. Aber der König ließ sich dadurch nicht abhalten; die Gebirgsjäger, obgleich sie diesen wilden Teil des Waldes nur selten berührt hatten, wußten doch aus ihrer Erfahrung guten Rat, die schroffsten Felsen zu umgehen und Wege zu bahnen, die Jäger erlegten die zornigen Bewohner der Wildnis, die ihnen nahten, Bären, Wölfe, Luchse. Zwei Tage arbeiteten sie mit frischem Mute, aber am dritten wurden alle stiller und langsamer, mancher meinte, es sei unmöglich, daß der König in einer Nacht diese Wege gewandelt sei, er müsse wohl geträumt haben. Darum waren alle sehr überrascht, als sie wirklich beim Aufgange des dritten Tages in einer grünen Fläche, die von hohen Eichen umgeben war, eine wunderbare Kapelle erblickten, die aus hochstämmigen, weiß blühenden Rosenbüschen geflochten, von Epheu umrankt, ein Kreuz über der Erde bildete. Der König ging voran, um den alten Freund durch die Zahl der Gäste nicht zu erschrecken, ihm folgten die andern. Als aber der König die Türe öffnete, sah er einen einfachen Altar, wo wenige Tage vorher der Alte geschrieben hatte, ein Kreuz bezeichnete ihn und die Morgensonne glänzte prachtvoll hinüber. Alle knieeten nieder, der König beschloß, dem Erlöser hier, wo er vom Trübsinn zur Freude erlöst worden, eine Kirche zu erbauen. Und als er über die Art dieses Baues nachsann, erblickte er auf dem Altar den Bau vieler Bienen, welche in ihrem Wachs die Kapelle im kleinen nachgebildet hatten.

Gleich der freundlichen Kapelle
Ist der Wachsbau ausgeführt,
Von dem Turme bis zur Schwelle
Gleiches Maß darin regiert.
Einsam bauten diese Bienen
Wohl schon manche liebe Zeit,
Daß sie diesem Altar dienen,
Daß ein Schränklein sei bereit,
Um das Heil'ge drin zu stellen
Und des heil'gen Nachtmahls Brot,
Das der Priester den Gesellen
Bei des Baues Gründung bot,
Denn da flogen sie zur Sonne,
Wie ein Kreuz geordnet hin,
Daß Vertrauen mit der Wonne
Sel'ger Tränen weicht den Sinn.
Dreifach wird die Kirche schimmern
In dem Wachs, im Rosendach,
Aus Granit die Werkleut zimmern
Nun die Wölbung auch danach.

Die beiden Kapellen und die Gründung der Kirche zeigt das Bild, alle dreie einander gleich, nur in verschiednem Maße.

Achtes Bild

Nachdem der Bau angeordnet und die Arbeiter bestellt waren, zog der König heim, indem er überall den Weg zu dieser Wallfahrtskirche eröffnen ließ. Acht Tage nach seinem Auszuge traf er zum Schlosse des Grafen ein. Da trat seiner freudigen Ungeduld die liebliche Braut weinend entgegen und klagte, sie habe ihren Vater nur wieder gefunden, um sein Ableben zu betrauern. Die Vorsteherin des Klosters habe sie zu ihm geführt, aber er habe, einem Toten ähnlich, wenn gleich noch atmend, in seiner Hütte geruht. Zwar hätten die Nachbarn, welche ihm gern aufwarteten, weil er ihnen zum Lohn schöne Geschichten erzählte, behauptet, er sei nicht tot, sondern schon oft in solche Entzückung verfallen, aber sie könne nicht mehr an diesen Trost glauben, diese Störung seines Lebens dauere zu lange. Hierauf führte sie den bestürzten König nach dem Saale, wo der Vater unter einer Purpurdecke auf weichen Kissen ruhte. Wie sie nun die Decke mit abgewendetem Gesichte aufhob, rief der König: »Frommer Sänger, du hast mich ins Leben zurückgeführt und bist selbst zu den Toten gegangen, warum sahest du nicht die Freude deines Werkes, ehe deine Augen sich schlossen.« – So war es nun heraus, der Vater seiner Braut, der alte Herzog war eben der Meistersänger, dessen Schauspiele und Gesänge die Stadt erfreuten, eben der, welcher den König aus seiner Trägheit erweckt hatte. Das Seltsame aber war, wie er nach der Wildnis gekommen, da die Nachbarn versicherten, er habe an jenem Tage schon in der Verzückung auf seinem Bette gelegen. Wie nun der König jener Ähnlichkeit der zwölf Knaben mit seiner Braut gedachte, da fiel ihm ein, ob es wohl die zwölf Söhne gewesen sein möchten, welche die Hunnen umgebracht hatten? Es schauderte ihm, als ob er im Schwarzwalde schon über die Grenzen des Lebens hinüber gestiegen gewesen, aber durch Warnung in dessen Mitte wieder zurück getreten sei. Da traten die beiden treuen Begleiter seiner Jagd, die beiden Ritter, welche erkrankt gewesen, in abgetragenen Wämsern, wie es sich an Höfen wohl nicht ziemte, in den Saal, begrüßten den König mit Freudentränen, erzählten, wie sie ihn so lange vergeblich gesucht hätten, bis sie ihn endlich durch den Fang zweier Vögel, unter denen auch der, welchem der König so lange nachgeschlichen, zur Heimkehr veranlaßt worden wären. Dieser Fang, der ihnen so leicht geworden, da die Vögel mit einander gespielt und sie nicht wahr genommen hätten, sei ihnen als ein gutes Zeichen erschienen und dies gute Zeichen sei nun erfüllt. Bei diesen Worten zog der eine einen Gitterkasten unter dem Mantel hervor, in welchem die beiden Vögel, in der Gestalt wie Spechte, der eine golden, der andre silbern, eingesperrt saßen. Mit Gnade sagte der König den Freunden willkommen, aber nicht ohne Widerwillen fühlte er in sich die alte, böse Jagdlust beim Anblick der Vögel wieder erwachen. Er kämpfte mit sich, endlich reifte sein Entschluß, er ließ den goldnen Vogel aus dem Kasten fliegen, daß er durch das Fenster ins freie Blau der Luft entflöge; er wollte auch den silbernen entfliegen lassen, aber da überwand ihn seine Jagdlust, daß er die Gittertüre wieder schloß. Der goldne Vogel nutzte aber nicht das Geschenk der Freiheit, er flog zwar fort, aber blieb auf dem Munde des halbtoten Sängers sitzen, dieser öffnete den Mund, der Vogel schlüpfte hinein und der Alte öffnete die Augen wie ein gesund Erwachter. Der Saal war ihm fremd, er fragte, wo er sei, fragte die Tochter, wer sie sei. Dann aber erkannte er sie beim ersten Kusse, auch der König erschien ihm bekannt, und als ihn dieser an die Lehre erinnerte, die er von ihm in der Rosenhütte empfangen, da rieb sich der Alte die Stirn und meinte, daß ihm von dem allem auch geträumt habe, daß er auch seine zwölf Söhne wieder gesehen, die ihm vielen guten Rat zu dem Fastnachtsspiele gegeben hätten. Dann sei ihm aber auf dem Heimwege seine geliebte, selige Frau begegnet, die habe ihn so ernstlich an den Himmel gemahnt und daß er der irdischen Spiele vergessen solle, darüber hätten sie sich so im Gespräche vertieft, daß sie beide gefangen worden. Jetzt erkannte er in dem eingesperrten silbernen Vogel die geliebte Seele seiner Frau, er beschwor sie, ihn noch nicht zum Himmel zu entlocken, bis er sein tiefsinniges Spiel beendet habe, und der Vogel schien mit sanftem Tone ihm darin nachzugeben. Das Bild stellt euch dar, wie der Vogel in den Mund des Alten schlüpft.

Neuntes Bild

Kaum gestattete sich der Alte die Zeit, alles zu vernehmen, was seiner Tochter geschehen, die Frau mahnte ihn zur Arbeit, sie war ehrfurchtsvoll dem Käfig entlassen und saß auf seiner Schulter, auf seinem Tintenfasse, auf seiner Feder, daß er nicht bei den Liebkosungen der Tochter das Schreiben unterlasse. Umsonst führte diese den Vater zu weiten Aussichten in Prachtzimmer, umsonst zeigte sie ihm den reichen Garten, der Alte schrieb gehend, stehend, sitzend, so wie sich seine Gedanken klar machten und verdrängten. Die Tochter wußte aber die Gefahr, daß er sich ihrer Liebe und der Welt entzöge, wenn er seine Arbeit beendigt habe, und da diese rasch fortrückte, so ersann sie einen Kunstgriff:

Unermüdet schreibt der Alte,
Schaut begeistert in die Welt,
Sieht nicht, wie die Tochter walte,
Nur sein Werk ihm wohlgefällt.
Wenn er nun ein Blatt geschrieben,
Wirft's die Tochter heimlich fort,
Daß es in den Strom getrieben
Und erloschen jedes Wort.
So der Alte unermüdlich,
Ohne Zürnen, ohne Groll,
Schreibt von neuem still und friedlich,
Doch sein Werk wird nimmer voll.

Als nun die Sonne an die Erde gestoßen und in tausend Sterne zersprungen war, da sank der Alte ermüdet auf seinen Schreibstuhl, sein Mund öffnete sich, der goldne Vogel entfloh singend dem Munde, und flog in den Jasminenbusch, wo der silberne Vogel sein harrte, wo dann große Freude zwischen ihnen war, und tausend Bitten der Mutter kund wurden, die Arbeit bald zu enden. Aber auch der König dachte bei der Lust der guten Vögel, daß er seine Vermählung, seinen Einzug in die Hauptstadt beschleunigen müsse und ordnete alles zum andern Tage. – Er begann den Zug auf einem schwarzen Rosse, ihm folgten die Grafen, dann folgte die Königin auf weißem, sicheren Rößlein, umgeben von . den Gräfinnen, den Zug schlossen die Meistersänger, welche zu Pferde den Wagen umgaben, in welchem der Alte saß und schrieb, das Vöglein auf seiner linken Hand tragend. Das Volk strömte mit Jubel entgegen, küßte den Ankommenden die Steigbügel, jeder atmete wieder frei auf; so ging der Zug zur Kathedrale auf der Anhöhe, wo wir hier noch jetzt den vielen Bauschutt auf dem Wein berge finden, dort wurde die schöne Braut durch die Hand des Priesters dem Könige feierlich vermählt. Dies zeigt das Bild.

Zehntes Bild

Als der König und die Königin am andern Morgen nach der Hochzeit aus süßem Schlaf erwachten, waren sie verwundert, den Alten noch nicht erwacht auf seinem Ruhebette, noch nicht beim Schreiben zu sehen, vielmehr bemerkten sie die beiden Vögel in großer Tätigkeit auf einem hohen Rosenstocke, der in goldnem Gefäße die Hochzeitkammer schmückte. Die beiden Vögel hatten sich in den Ästen ein Nest geflochten aus seidnen und leinenen Fäden und dasselbe mit goldnen und silbernen Federn gefüttert, die sie einander spielend ausgezogen hatten. Sie ließen sich nicht von der Anwesenheit der beiden Neuvermählten stören, sie grüßten sie und sangen zu ihnen Glückwünschungen und nahmen süßen Mohn vom Munde der Tochter. Dies war der einzige Tag, daß der Alte versäumte in seinen Leib zurück zu kehren, auch war am andern Morgen die seltsame Änderung vorgegangen, daß die silberne Frau ihn nicht mehr so dringend zur Arbeit anmahnte und daß der Alte sich daher mehr seinen Kindern mitteilen konnte. Dennoch schrieb er immer noch viel und die Tochter löschte an jedem Abende alles wieder aus, daß sein Heldenspiel zwar immer schöner, aber nie fertig wurde. Die Mutter war zwar abwechselnd mit dem Neste beschäftigt, aber sie war doch die meiste Zeit um den Vater, der Tochter hingegen schenkte sie weniger Aufmerksamkeit. Eines Tages ging sie aber gar nicht vom Nest, und die Tochter lauschte und nahm endlich wahr, daß die Mutter ein silbernes, mit goldnen Ringen bezeichnetes Ei unter den Federn des Nestes versteckte. So legte der silberne Vogel allmählich zwölf Eier, jeden Tag eins und setzte sich darauf, sie auszubrüten, und wechselte in dieser Arbeit mit dem goldnen Vogel ab, so daß der Alte während seiner ganzen Brütezeit nicht in seinen ruhenden, menschlichen Körper, nicht zu seiner Arbeit kam, denn auch während sie brütete, war er emsig beschäftigt, zarte Blumensämereien für sie herbei zu tragen, welche kein Mensch finden kann, wie die klugen Vögel sie finden und sammeln können. Aber auch die Königin rückte während der Brütezeit ihrer Mutter in ihrer Leibessegnung so weit vor, daß sie eines Morgens von einem herrlichen Knaben entbunden wurde. Und kaum war er in die Welt getreten, so entflogen zwölf schöne, kleine, geflügelte i Kinder, in der Größe von Kanarienvögeln, mit goldenen und silbernen Flügeln versehen, also ganz so wie Engel geschildert werden, aus dem Neste der silbernen Mutter, sangen den Neugebornen an, liebkosten ihm, spielten mit ihm und reinigten, wickelten ihn mit zärtlicher Sorge, und wehrten ihm die Fliegen und Mücken ab. Sie selbst waren zwar klein, aber doch fertig in allen ihren Kräften in die Welt geflogen und kannten die menschliche Bedürftigkeit nur, indem sie diese andern erleichterten. Das Bild zeigt dort im Hintergrunde das Bette; die Königin, erschöpft von der Mühe, drückt sie dem Könige die Hand und blickt mit Wohlgefallen nach dem Kinde, das im Vordergrunde von den kleinen Engeln gewickelt wird.

Eilftes Bild

Als die Königin das Kind von ihrer Brust entwöhnt hatte, da sagte ihr der König, daß er in der Stunde ihrer Not die Beschleunigung des Kirchenbaus im Schwarzwalde durch eine strenge Wallfahrt dahin gelobt habe. Sie sei nun glücklich befreit und er wolle seinem Gelübde treu, von ihr Abschied nehmen. Aber die Königin erklärte, er dürfe nicht allein gehen, sie müsse mitziehen; sie ließ sich durch keinen Grund zurückweisen, wie Weiber sind; unter andern ersann sie, daß sie den Vater als Vogel einfangen und samt der Mutter im Käfig mit sich nehmen wolle, damit der Vater die Zeit nicht benutze, sein Heldenspiel fertig zu schreiben und sich ihnen auf immer zu entziehen. Die zwölf geflügelten Boten versprachen für den kleinen Königssohn in ihrer Abwesenheit Sorge zu tragen, wie sie es ohne Beihülfe andrer täglich zu tun gewohnt waren, und sich nicht abschrecken ließen, wenn das starke Kind mit kindischem Ungeschick zuweilen einen ergriff, drückte oder rupfte. Sie standen in solchem Falle einander so treulich bei, daß sie bald des Kindes Meister wurden, und das Kind folgte ihnen in allem, worin es sie verstehen konnte. In dieser Obhut ließen sie nach unzähligen Küssen das geliebte Kind und begaben sich heimlich, um jedes Gefolge von Leuten zu vermeiden, das ihrer Demut ein Vorwurf zu sein schien, aus der Stadt, ohne zu ahnden, daß sie das Kind und die Stadt zum letztenmal gesehen hätten. Erst mehrere Stunden nach ihrer Auswanderung verbreitete sich das Gerücht derselben und große Scharen frommer Pilger folgten ihnen nach. – Es hatte sich aber, seit der König selbständig und gerecht die Regierung übernommen hatte, viel Glück über alle verbreitet, nur die Grafen wollten das nicht erkennen, weil sie sich durch die Gerechtigkeit in ihren Einnahmen sehr beschränkt fanden. Jener Graf des Nibelgaus, welcher sich die meiste Schuld dieser neuen Wendung der Dinge beimaß, weil er sie seiner Feigheit zuschrieb, teils von Liebe zu der Königin gequält, nun auch von Ärger über die Geburt des Prinzen erfüllt, weil dieser die Hoffnung der Nachfolge ihm raubte, fand sich vom Geiste der Versuchung gereizt, durch den Mord des Königs sein Schicksal ändern zu wollen. Diese Wallfahrt, die einer seiner Diener auskundschaftete, bot ihm die Gelegenheit zur unbemerkten Ausführung. Die Vormundschaft über das königliche Kind konnte ihm nach dem Tode des Königs nicht streitig gemacht werden, wie leicht konnte es aus der Reihe der Lebenden vertilgt werden; die Königin hoffte er durch sein Liebesglück und durch sein Ansehen sich dann zuzueignen. Der Graf war zum Schein zu seinem Bruder gefahren, hatte sich aber, ohne eines Menschen Begleitung nach dem Schwarzwalde gewendet und lauerte an der gebahnten Straße der Wallfahrer. Der ganze Weg hatte unsre beiden Pilger ganz in die Zeit ihrer ersten Liebe versetzt, mancher Kuß hemmte die Reise, sie sahen nicht um sich, sondern vergaßen sogar oft das angelobte Gebet. Umsonst warnten sie die beiden Vögel im Käfig, der Wurfspieß des Grafen hatte beide durchbohrt und den Käfig der Vögel durchbrochen, ehe sie eine der Warnungen vernommen hatten; ohne Schrecken, ohne Ahndung, noch freundlich lächelnd, hatte der Mordstahl ihren Lebensfaden durchschnitten. Aber der Graf sah mit Verzweifelung zu ihnen hin, denn nicht die Königin sollte sein Spieß treffen, aber ein zärtlicher Kuß hatte sie an den König gedrückt, als schon das Wurfspieß seiner Hand entschleudert war. Erst jetzt fühlte der Graf, daß mehr seine Liebe zu der Königin als der Wunsch nach der Herrschaft ihn getrieben, er haßte sich und sein Unglück, das er sich selbst geschaffen hatte. Den Mord stellt das Bild dar.

Zwölftes Bild

Bald dachte der Graf auf seine Sicherheit und eilte nach seinem Schlosse, ehe irgend eine Kunde des Mords in das Land gekommen. Der große Zug der Waiblinger Pilger, welcher dem Königspaare nachgepilgert war, entdeckte die beiden Leichen beim Geschrei der beiden Vögel, und da jeder Versuch, sie zu beleben, vergeblich war, so zogen sie mit ihnen traurig und still der Kirche des Erlösers zu, wo die Geistlichen sie mit Balsam zu erhalten .suchten, bis die feierliche Beisetzung angeordnet wäre. In der Hauptstadt war aber, ehe diese Trauerbotschaft einlief, eine allgemeine Verwirrung. Der Königssohn war verschwunden mit seinen zwölf Engeln, niemand erriet, wer ihn könne geraubt haben. Als aber die Kunde des Mordes anlangte, da erhob sich das Volk in Verwünschungen der Mörder, so daß der Graf von Glück zu sagen hatte, daß kein Verdacht auf ihn gefallen, weil ihn viele kurz vorher bei seinem entfernten Bruder gesehen hatten. Zur Beerdigung des Königspaares versammelten sich alle Grafen und vieles Volk bei der wüsten Kirche, die Särge wurden geöffnet, der Graf, als Nachfolger, verfluchte da öffentlich die Mörder, sie sollten das Licht der Sonne nicht mehr sehen. In dem Augenblicke drangen die beiden königlichen Vögel, wie sie vom Volke genannt wurden, aus den Wolken nieder zu ihm und hackten ihm, ehe er sich ihrer erwehren konnte, beide Augen aus. Das Bild zeigt, wie die beiden Vögel auf ihn eindringen, im Hintergrunde ist das Hochamt und die Leichen, an der Seite das Volk zu sehen, die alten Reime sagen:

»Mörder«, ruft der ganze Haufen,
»Sich, es ist erfüllt der Fluch;
Kannst du Licht der Augen kaufen
Von dem Himmel durch Betrug?«
Und der Graf irrt in der Kirche,
Ruft umsonst nach Freundeshand,
Daß ein andrer ihn erwürge,
Alle sind von ihm gewandt.
Blind, nach einem Ausgang suchend,
Stürzt die Stufen er hinab,
Und so stirbt er, sich verfluchend,
Sein Gebein bleibt ohne Grab.

Dreizehntes Bild

Nun begann ein bürgerlicher Krieg um den befleckten Thron. Jedes der Grafenhäuser machte Ansprüche auf den Thron, ohne es laut werden zu lassen, es äußerte sich aber darin, daß sie jeden stürzten, der die Absicht zeigte zu herrschen. So dauerte es wohl vierzehn Jahre, daß der königliche Palast von keinem aus Scheu der andern bezogen wurde, als die Hunnen, unter Attila bis Schwaben eindrangen. Gleich suchten einige der Grafen durch Attila zur Herrschaft zu gelangen, aber er benutzte sie nur, um alle gegenseitig durch einander aufzureiben. So kam er unter dem Zujauchzen derer, die immer noch Lohn von ihm erwarteten, von ihren Leuten gezogen, in die Hauptstadt, in den Schloßhof. Eins seiner ersten Geschäfte war, den alten, ehrwürdigen Palast teils aus Neugierde und Habsucht, teils aus Vorsicht und der Befestigung wegen in Augenschein zu nehmen. Die Beute war gering, die Raubsucht hatte ihm wenig Kostbarkeiten gelassen, aber endlich fand er in einem Zimmer, das mit Epheu grün berankt war, weil die Luft frei durch die offenen Fenster strich, einen starren, alten Mann, der auf eine geschriebene Rolle blickte und den einer der Begleiter, als den alten Sänger, den Vater der ermordeten Königin erkannte, von dem niemand seit ihrer Abreise etwas erfahren hatte, denn in der Bestürzung jener Zeit war niemand in dies abgelegene Zimmer eingedrungen. Der Attila meinte, es sei ein alter Zauberer, der immer noch lebe, die andern dachten auch, er läge nur noch immer in der Verzückung, so wenig hatte der Tod ihm anhaben können. Nun wollte Attila wissen, was in der Schrift, die vor ihm lag, woran er zuletzt geschrieben, stehe und befahl einen der Eingebornen, weil er der Schrift unkundig, dies Blatt ihm vorzulesen, Ein Geistlicher las aber folgende Worte zu einem im Heldenspiel beschriebenen Triumphzuge:

Wer lebendig blieb, schreit Sieg aus, doch die Toten schweigen still,
Triumphierend zieht der Feldherr auf den blutbefleckten Thron,
Und die Narrn, die ziehn den Karrn ihm, und er lacht der Narren schon;
Denn er sinnt schon im Triumphzug, wo er die verbrauchen will,
Die mit ihm zerstört den Weltteil, und beim Raub nun möchten ruhn.
Seht, er treibt sie frisch zum Krieg fort, treibt sie schlau zum Todesnetz,
Denn er erbt auch ihre Diebsbeut, erst ihr Tod ist ihm der Sieg!
Dann erst feiert Friedens Heimkehr, wenn er einsam kehrt zurück
Und von jedem tapfern Mordknecht trägt die Schuld und das Geschick,
Daß an einem Haupt übt Strafrecht, Gott vom ungerechten Krieg,
Daß bei einem Namen Eis läuft über uns in Lust verwirrt,
Daß in dieser Qual die Richtscheit jeder Kraft, die sich verirrt.

Als Attila diese prophetischen Worte vernommen hatte, glaubte er, sie seien ihm zum Trotze geschrieben und gelesen, und spaltete zuerst das Haupt des Geistlichen, der sie gelesen, wobei zum Schrecken aller, der Körper des Alten von der Erschütterung in einen kleinen Aschenhaufen zusammenstürzte. Er und seine treue Geliebte waren längst der Erde entschwunden. Das Bild zeigt, wie Attila das Schwert zweifelnd erhebt, welchen von beiden er zuerst erschlagen möchte.

Vierzehntes Bild

Attila selbst fühlte sich durch dieses Ereignis erschüttert, auch seine Anhänger mochten ihm zweifelhaft scheinen, er wollte deswegen etwas Festes begründen, und wo er kein ererbtes Recht hatte, doch in seinem Mut ein Recht der Erwerbung begründen. Er ließ öffentlich ausblasen, daß er im Schwarzwalde am Grabe des letzten Königs mit jedem um die Krone Schwabens kämpfen wolle, die dann dem Sieger unweigerlich zufallen solle, und zu dem Kampfe bestimmte er einen Tag. – Was bisher aus dem königlichen Kinde geworden, ist noch nicht berichtet, so aber verhielt es sich damit. Die zwölf fliegenden Boten erhielten schnelle Kunde durch die zum Himmel fliegenden Eltern von der Ermordung, sie hoben den Königssohn im Schlafe aus den Betten und trugen ihn zu einem Adlerneste in der Nähe der Erlöserkirche. Da nährten sie ihn mit der Milch der Hirschin, bis er kräftig war, an der Erde zu gehen. Dann brachten sie ihn zu einem Einsiedler bei der wüsten Kirche, sie sorgten für des Kindes Nahrung, der Einsiedler für dessen Erziehung. Er zeigte dem Kinde früh, wie das Bestehen des Glaubens vom Wohl der Staaten abhänge, denn seit der allgemeinen Verwirrung sei kein Stein zum Bau der Kirche angefahren worden. Der Knabe wuchs in sichtlichem Gedeihen, seine dunklen Augen spiegelten Ernst und Mutwillen, sein Mund wechselte in Würde und Milde und seine Stirne trat hervor von der Kraft guter Gedanken und fester Entschlüsse. Früh reifte er zum männlichen Jüngling und übte sich selbst in jeder ritterlichen Kunst, so weit es die Einsamkeit und der Mangel an Kampfgenossen ihm gestatten wollte, denn die geflügelten Boten, wenn sie ihm ein Turnier unter einander vorstellten, daß er es daraus kennen lerne, waren nur wie die Gedanken zu betrachten, die wir uns als Kind von einer Schlacht machten. So hatte er sein funfzehntes Jahr erreicht und fragte eben die kleinen Boten aus, was es sei, das ihn so schwermütig mache, als der wilde Attila mit dem Volke sich der Kirche nahte. – Da sprach der älteste von den Zwölfen: »Königssohn, die ganze Welt ist noch ein Geheimnis für dich und das Leben ein ritterlicher Kampf mit ihr, nur nach ernstem Kampfe wird sie sich dir enthüllen und das Gleichartige wird dir eigen werden und eine neue Jugend aus dir hervorgehen. Sohn der Könige, rüste dich, nicht der Tag der Liebe, sondern des Kampfes mit dem Räuber deines Landes ist erschienen. Sohn der Könige, du kennst Ritterpflicht, wir dürfen dir nur mit unserm Gebete im Kampf beistehen, besteig dies Roß, bestreite den fremden König, der jeden ausfordert, der ihm die Krone, deine Krone streitig macht, siegend oder fallend wirst du uns über dir wie eine Wolke sehen, unsre Tränen in Lust und Schmerz werden auf dich fallen, auf Erden suche uns nicht mehr.« – Sie erhoben sich, die lieben Zwölfe, der Königssohn dankte ihnen und war so zornig, daß er sie auf Erden nicht wieder sehen sollte, daß er sich gern in die Lanze des Fremden gestürzt hätte. Vergebens hatte der König Attila seine Gegner ausgefordert, keiner der Grafen wagte sich gegen den Riesenmann in die Schranken; da trat der gerüstete Jüngling auf und der König lächelte seiner schlanken Gestalt. Aber der Jüngling rannte auf ihn in so zornigem Sinne, daß seine Lanze durch die Ringe des Brustharnisches in König Attilas Herz drang. Der wilde Attila stöhnte sein Leben aus, da blickte der Jüngling dankbar zum Himmel, zu der glänzenden Wolke, die Freudentränen auf ihn fallen ließ, dann öffnete er den Helm und nannte seinen Vater und führte das Volk zu dessen Grabe, und der Einsiedler beschwor, daß er des Königs Sohn, des Reiches Erbe sei, und setzte auf dessen Haupt die Krone, die er dem ermordeten König abgenommen und heimlich bewahrt hatte. Das Volk schwor ihm Treue als König und er schlug die Hunnen, die mit ihnen da versammelt waren. Das Land war frei, der König weise, die Kirche wurde vollendet. Das Bild zeigt die Krönung des jungen Königs und das Erschlagen der hunnischen Ritter; die alten Reime schließen mit den Worten:

Doch die Zeit will neue Taten
Und erzählt ist schon genug,
Gott im Himmel wird uns raten,
Schützt uns vor des Teufels Trug,
Wird uns seine Sänger senden
In des Schmerzes Einsamkeit,
Daß wir ahnden, wie zu enden
Das Beginnen dieser Zeit.
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