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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressStuttgart
isbn3-86150-278-X
titleDie Kronenwächter
pages7-420
created19990723
senderWolfgang Guelcker (wgue@berlin.snafu.de)
firstpub1817
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Siebente Geschichte
Der Brunnen

Der Heiratsanschlag auf Fingerling hatte keinen Fortgang, der alte Junggeselle befand sich in seiner ängstlichen Ordnung zu wohl, als daß er sie hätte ändern mögen. Er fand sich durch den Antrag sehr geehrt und geängstigt, denn seine alte Aufwärterin war gegenwärtig und machte ein böses Gesicht, auch die Kanarienvögel, denen er etwas Grünes gebracht, schrieen zornig drein, seine drei Schoßhunde knurrten – und Berthold fand es demnach geratener, zu ihren Geschäften überzugehen. Einen Vorteil hatte er inzwischen durch den verlornen Antrag, es durfte Fingerling seine Einwendungen gegen den Brunnen aus erwiderndem Nachgeben nicht weiter vorbringen. Dieser Brunnenplan war Berthold aber ganz ans Herz gewachsen, seit Anna, die vorläufig mit der Mutter ins Nachbarhaus der Schicklichkeit wegen bis zur Vermählung gezogen war, diese Verbindung höchst bequem fand, um spät und früh bei Berthold zu sein, mit ihm die Zukunft und das Haus auszuschmücken. Bertholds Zärtlichkeit, die jede Stunde durch artige Zeitvertreibe, Geschenke und Gesellschaften zu beleben wußte, hatte jede Eifersucht der Tochter wieder in den Hintergrund gestellt und bei der Brunnenverbindung beider Häuser störte sie kein sorglicher Gedanke. Sie suchte inzwischen doch die Verbindung der Mutter mit Meister Kugler zu betreiben, der nun einmal fest entschlossen war, nicht ohne Frau in seine Wirtschaft zurück zu kehren, und sich inzwischen mit dem Fleischeinkauf für das große Fest beschäftigte, das Berthold der Stadt geben wollte. Als die Mutter ihr dieses Ansinnen rund abschlug, weil sie von dem Tode ihres Mannes eigentlich gar nicht unterrichtet sei, so sannen beide auf eine andre Frau für ihn, doch vergebens. Da traten die geschwätzigen Töchter des Vogts, Babeli und Josephine mit großem Geschrei ein, weil sie erst jetzt die Anwesenheit ihrer liebsten Gespielin erfahren hätten, küßten Apollonien, erzählten gleich, wie viele Verehrer sie ausgeschlagen hätten, bis die andern davon abgeschreckt, sich ihnen nicht mehr zu nahen wagten; wie sie jetzt viel verständiger handeln würden, wenn es ihnen gestattet wäre, ihren Weg noch einmal zu machen, wie sie nicht mehr auf irrende Ritter, sondern auf ehrliche Zunftgenossen sehen würden. Das Gespräch belebte sie, die Erinnerungen schmolzen das Eis ihrer Herzen und Kugler, der nicht mehr hinkte und sehr großstädtisch gekleidet war, trat zur rechten Zeit ein. Babelis Stunde hatte geschlagen, zwar spät, aber um so lauter, Kugler wollte eine Frau aus der Stadt, woher Anna stammte, sie liebten beiderseitig nicht ein zartes Verstecken mit ihrer Zuneigung zu spielen, Apollonia und Anna förderten die Geburt mit freundlichem Zureden, sie hatten sich erklärt und verständigt, geeinigt und geküßt; sie waren zum uralten Vogt gelaufen, der seinen Töchtern allen Willen ließ und auch zu dieser Verlobung freundlich nickte; alles das an einem Tage.

Auch hievon zog Berthold für seinen Brunnenbau wesentlichen Vorteil. Die Bürger wollten sich durch den versprochenen Schmaus wegen des vermauerten Bleichgäßchens nicht beschwichtigen lassen, sie wollten aber den reichen Bürgermeister nicht unmittelbar kränken und steckten sich deshalb hinter den Vogt, der gegen Berthold gleich einige Worte von herzoglicher Genehmigung fallen ließ. Gegenwärtig fielen diese Worte ins Wasser, womit der Vogt seine Hände in Unschuld wusch; wie hätte er den Mann kränken sollen, der seinen künftigen Schwiegersohn beherbergte, der gewissermaßen die Veranlassung gegeben, daß er Babeli unter die Haube brachte, eine Hand wäscht die andere. Vielmehr gab er gleich den Bürgern zu verstehen, wenn sie sich gegen den Bau setzten, so würde Berthold durch herzogliche Gnade ihn dennoch durchsetzen, ihr Widerspruch sei vergebens. Die Bürger kannten Herzog Ulrich und schwiegen, trugen es aber Berthold nach, der doch nichts von diesem Gerede des Vogts wußte.

Das Ausgraben des Brunnens hatte große Schwierigkeiten, weil Berthold nichts vom Bergbau verstand, der doch hier notwendig zu Hülfe gerufen werden mußte, wenn er die oberen Quellen verschmähen und sich zur Tiefe durcharbeiten wollte. Die Arbeiter sagten oft, Erde und Steine möchten ihnen über den Kopf zusammenstürzen, denn sie verstanden es nicht, durch ein Zimmerwerk die steilen eingegrabenen Erdwände zu sichern, doch Berthold redete es ihnen in seiner Lust den Brunnen fertig zu sehen, immer aus, machte ihnen Mut durch Wein und Geld, stieg auch selbst in die Tiefe und half zum Zeichen, daß er keine Gefahr da ahnde. Aber jedesmal stürzte die Erde auf ihn nach und nötigte ihn, hinaus zu gehen und sich umzuziehen, wenn sie auch keinen weiteren Schaden tat. Er ließ das Ausgraben weiter umherführen, glaubte alles gesichert und förderte die Arbeit um so eifriger, je weitläufiger sie wurde. So tief hat des Himmels Gnade das Verderben versteckt, der Mensch sucht es trotz allen Gefahren auf, oft scheint es, als ob sein höchster Mut erst in der Sehnsucht nach dem Verderblichen erwache, als ob die Überzeugung des Guten nicht diese heftige Flamme in ihm entzünden könne. Berthold hatte eben die Arbeiter verlassen, es war am dritten Tage, da kam ein Geschrei, der Brunnen sei eingestürzt, die Arbeiter verschüttet. In Verzweiflung eilte er hin, er sah den Brunnen durch die von zwei Seiten eingestürzten Wände halb gefüllt, der Gram seines Herzens nannte ihn einen Mörder, er sprang hinunter, er rief jedermann zu Hülfe, alles arbeitete in stummer Verzweifelung. Endlich gelang es, den armen Verschütteten Luft zu schaffen, sie konnten sich schon zum Teil selbst helfen; die leblos schienen, wurden wieder zu Atem gebracht, nur einem war der Arm zerschmettert. Berthold sorgte reichlich für alle, den Unfall suchte er den Frauen zu verheimlichen, doch glaubte er sich gezwungen, den Bau so lange auszusetzen, bis er sich erfahrne Arbeiter verschafft hätte.

Da brachte ihm Fingerling am nächsten Tage Botschaft, ein fremder, seltsam gekleideter Mann, fast wie ein Schornsteinfeger, der eine Lederschürze hinten, schwarz leinene Jacke und grüne Mütze trage, reite sein hohes Ritterpferd in den Hof und bringe ein Schreiben von Martin Luther. – »Glück auf«, sagte der Fremdling, übergab seinen Brief mit einem freundlichen Händedruck. Berthold durchlas den Brief, worin ihm Luther berichtete, daß er den ersten Tag wohl acht Meilen auf dem Pferde seiner Sicherheit wegen zurückgelegt habe, am Abend aber so steif und müde angekommen sei, daß ihn die Leute hätten herunter heben müssen. Ein ehrlicher Bergknappe habe es übernommen, das Pferd zurück zu bringen. Noch wünschte er ihm viel Segen zu der Ehe, auch solle ihm der ehrliche Bergmann ein Lied vom Ehestande vorsingen, denn der wisse aus den Tiefen, wie der Gesang in die Tiefen des Herzens dringt. – Aber unserm Berthold klang ein andrer Gesang in den Ohren bei den Worten, dies sei ein Bergmann, er sah ihn an wie einen höhern Boten, er drückte ihm die Hand wie einem Bruder, er zog ihn mit sich fort, zum Brunnen hin, zeigte ihm mit Leidwesen, wie die Tiefe zugestürzt sei, er müsse ihm Rat geben, um gefahrlos in die Erde zu dringen. Der Bergmann lachte und sagte in seiner fremden Mundart, er wäre ein so hochgelehrter Herr, der lesen und schreiben könne, er wolle ihn mit der Kleinigkeit wohl zum Narren haben. Berthold stutzte und sah ihn verwundert an, dann beteuerte er ihm, daß keiner einen Rat wisse, in die Tiefe zu kommen, so wenig es ihm gelungen in die Wolken zu fliegen. – Der Bergmann spottete ihn aus, beschrieb ihm, wie ein Schacht nicht anders sei, wie eine Brunnenöffnung, bei der es aber auf Erz ankomme, wie dieser oft auf mehrere hundert Fuß Tiefe durch Wasser und Felsen eingetrieben werde, wie das Wasser und Gestein heraus zu schaffen sei und wie das Pulver jetzt alles Sprengen der Felsen erleichtere, wo sonst gar mühsam durch Feuersbrand die Härte gelöst werden mußte. Dann bestellte er sich Holz und Zimmerleute; Berthold versprach ihm reichen Lohn.

Die Bürger hatten des Unfalls am Brunnen gespottet, jetzt konnten sie gar nicht begreifen, was er vorhabe. Keiner der Schmiede und Zimmerleute konnte den fremden Bergmann verstehen, denn zwischen den ungebildeten Menschen, die verschiedne Mundart reden, ist das Verständnis schwerer, als mit denen, die schon ihre gewohnte Sprache durch Erlernung fremder Sprachen zu übersetzen gewöhnt sind. So mußte Berthold als Dolmetscher zwischentreten, um den Leuten deutlich zu machen, was sie hauen, sägen, bohren, hobeln, nageln und schmieden sollten, obgleich er selbst eigentlich nicht verstand, was aus der Sache werden solle, auch dazwischen von mancher Besorgung für das Haus und die Braut abberufen wurde. Es war diese Zeit des Glücks gefährlich für ihn, der so lange durch seine Erziehung und seine Schwächlichkeit von der Welt in eignen Wünschen und Leidenschaften abgehalten worden, er hatte sie nur immer durch das gleichgültige Nebelmeer der öffentlichen Geschäfte, der eignen Bedürftigkeit und des Erwerbs angeschaut. Nun fühlte er sich auf einmal ein mitlebender Mensch, der manches vermöge, von zweien Frauen geliebt, von vielen Menschen umdrängt, die jetzt erst Vorteil oder Unterhaltung in dem Hause suchten. Es kamen Ritter aus der Gegend unter manchem Vorwand, versicherten ihm ihre Freundschaft, es tat ihm wohl von Turnieren mitzureden, den gewonnenen Becher zu zeigen; dann erregten sie seine Eifersucht, wenn sie artig gegen Apollonien und Armen waren, auch seinen Zorn, wenn sie auf Armen nicht zu achten schienen. Er lernte aus ihren Erzählungen das kriegerische Jagdleben der kleinen Ritterstaaten von der glänzenden Seite kennen und fühlte sich da mehr zu Hause, als bei sich selbst, wo ihm die Schreibstube, das Einkaufen der Wolle, das Dingen und Zahlen, wenn es gleich Fingerling gern besorgte, unleidlich fiel, so bald einer jener ritterlichen Gesellen ihn in der Zahlstube besuchte. Über seine früheren Jahre suchte er in sich ein Vergessen zu verbreiten, der Rosengarten und das ritterliche Puppenspiel ward eingepackt, er glaubte sich selbst zum fertigen Ritter bilden zu können, weil er sich gesund fühlte. Meister Sixt wurde jetzt von Frau Hildegard ins Haus gerufen, um die Bildnisse von allen zu ewigem Gedächtnis der schönen Zeit zu malen. Berthold schenkte ihm eine bedeutende Geldsumme für Anton, damit dieser ihm nie, so wenig während der Arbeit, wie nachher, ins Haus komme, weil er behauptete, Frau Hildegard könne ihn nicht wohl leiden. Er bemühte sich gar, den Anton nach Nürnberg zu Dürer in die Lehre zu bringen, aber das schlug Sixt rund ab, weil er auf die Malerei der dortigen Meister, besonders Albrecht Dürers, gar nichts hielt, sondern das Wohlgefallen der Leute an dessen magern Gestalten für eine Augenverblendung ausgab. Er hatte die vollen sinnlichen Gestalten seiner niederländischen Meister im Kopfe, so malte er auch seine Heiligen, daß noch ein sehr vollendeter Mensch außer der Heiligkeit sich in ihnen zur Schau stellte, ein Mensch, der auch zur Sünde den Stoff in sich trug, aber in seinem Ausdruck, die Bändigung der Lust, die Unterwerfung des blinden Triebs zu höherem Zwecke zeigte, der zugleich durchscheinen ließ, daß dies alles in ihm kein toter Zwang des Gesetzes sei, sondern ein Drang seiner Seele, ein feuriger Wille, oder was gewöhnlich Glaube genannt wird, dies Vertrauen auf einige Begeisterung des Willens für etwas, das alles wirkt und bildet. So tückisch Meister Sixt die schwächliche Gestalt Bertholds einst aufgefaßt hatte, so reich und freudig wußte er die herrlichsten Augenblicke in Annens Gestalt und Ausdruck zu sammeln und fest zu halten, Apollonien gab er dagegen zu viel Böses und Frau Hildegard zu viel Gemeines in den Ausdruck, denn was ihn nicht entzückte, das machte ihn tückisch. Eine Bosheit von ihm war es auch, daß er sie durch das Zugehörige, die Eule bei Apollonien, die Taube bei Annen und den Pfau bei Hildegard, als die drei Göttinnen der Fabel bezeichnete, Berthold aber als Paris hinzufügte, wie er Annen den Apfel reichte. Diese mythische Bedeutung, die niemand in Waiblingen, als Berthold verstand, hatte dieser in Zutrauen auf Anna gebilligt, da er in ihr allerdings etwas von einer Liebesgöttin fand, auch konnte das ganze Bild, das an den zu erbauenden Vereinigungsbrunnen (der nach Bertholds Zeichnung in das Bild eingetragen war) den Zuschauer versetzte, eben so gut für eine Verherrlichung der Gartenlust, die Berthold geschaffen, gelten; so wurde es auch von den Frauen, von allen Basen und Vettern, von Rittern und Knappen aufgenommen.

Zu keiner Angelegenheit verhielt sich während dieser Arbeit unser alter Sixt seltsamer, wie zu dem Bergbau am Brunnen, der inzwischen schon mit verschränktem Holze ausgesetzt war und durch ein Drehrad mit zwei Pumpen seines wilden Gewässers entledigt wurde. Er konnte ihm seine Bewunderung nicht versagen, begriff aber nicht, was da vorgehe. Daß da unten in der Tiefe einer arbeite, kam ihm nicht in den Sinn, sondern er meinte, das mache sich alles von selbst durch die mirakulöse Maschine. Er spritzte deswegen eines Morgens sehr unbesorgt sein warmes Wasser, worin er die Pinsel, Farbenscheibe und Farbenbeutelchen ausgewaschen, in den Brunnenschacht. Er hatte den Tag sehr viel an einem roten Kleide Annens gemalt, das warme Wasser war wie Blut gerötet und der Bergmann erschrak bei seinem Grubenlichte nicht wenig, als ihm rotes, warmes Blut über den Kopf rann, er glaubte, daß ihm eine Ader an einer Kopfwunde, woran er schon einmal todkrank gelegen, wieder aufgesprungen sei. Er stieg entsetzt und gar unerwartet für Meister Sixt, wie ein Schornsteinfeger für den Storch, der ruhig über dem Schornstein nistet, aus der Tiefe. Meister Sext machte ein Kreuz mit seinem Pinsel und wäre schnell dem Berggeiste entwischt; der aber hatte ihn schon in seinen schwarzen Fäusten und sagte ihm in seiner breiten Mundart, er solle ihm einen Arzt bestellen, ihm sei eine Ader gesprungen. Meister Sixt versprach alles, um dem schwarzen, blutigen Manne zu entkommen. Er lief fort und begegnete in der Straße einem Geistlichen, dem Pfarrer Sprenger, der die heilige Speise zu einem Kranken getragen hatte; den sandte er gleich zum Trost des armen' Bergmanns. Dann lief er zum Bader, daß er sich mit chirurgischem Verbande einstelle, und begleitete diesen zum kranken Bergmanne. Der gute Bergmann hatte inzwischen schon alle seine Sünden gebeichtet, wie er hie und dort Erze bei Seite geschafft und an die Chimisten verkauft habe, er war seiner Sünden entledigt und die heilige Speise ihm gereicht worden. Der Geistliche suchte ihm noch Mut einzusprechen, aber der Bergmann blieb dabei, ihm würde im Himmel auch nichts geschenkt werden; er werde »ta prav tonnern« helfen müssen. Da trat der Chirurg hin, wusch den Kopf ab, setzte seine Brille auf, schüttelte mit dem Kopfe, sah wieder, roch wieder und brüllte endlich zornig: »Meister Sixt, ich schlage Euch alle Rüben im Leibe zusammen, hier ischt keine Wunde, das ischt kein Blut, sondern riecht wie Malerfarbe, Ihr habt mich zum Narren brauchen wollen, mein Gang kostet einen Gulden, die Ehrenerklärung kostet auch einen Gulden, und wenn ich Euch nicht totschlagen soll, kostet's noch einen Gulden.« – Der Geistliche, als er dies vernahm, sprach Fluch und Bann über den dürren Meister aus, daß er mit dem Heiligsten seinen Spott treibe. – Meister Sixt krähte dazwischen von seinem point d'honneur, indem er einen kleinen Degen zog, ihn habe der schändliche Bergmann angeführt, er sei unschuldig; der Bergmann aber schalt grimmig auf den Maler, er habe ihm ein Fieber in den »Leip« gejagt, er habe ihn mit »Treck gesalpt«. Schon hatte der Bergmann mit seinem Fäustel den kleinen Degen des Malers in die Luft geschnellt und wollte ihn damit weiter auspochen, da trat Berthold aus dem Hause, ermahnte ihn zum Frieden, ließ sich den Vorgang erzählen und erklärte allen den seltsamen Irrtum, worin sie sich vergebens ereifert hätten, zahlte dem Wundarzt eine kleine Entschädigung, verehrte dem Geistlichen Tuch zu einem Mantel, schickte Sixt zum Bilde fort und trieb den Bergmann an die Arbeit, die ihrer Beendigung nahe schien und die viel Menschen nötig hatte, weil die Pumpen Tag und Nacht beschäftigt werden mußten.

Der Bergmann wollte sich zwar weigern, gleich nach solcher »Unortnunge und pöser Warnunge«, wie er sich ausdrückte, fort zu arbeiten, aber Berthold stellte ihm vor, daß die Arbeit durch den Felsen wahrscheinlich noch an dem Tage zu der großen Quelle führe, auf die alle Vorzeichen deuteten. Der Bergmann dachte seines Berufs und der Vergebung seiner Sünden, er stieg ein in die Tiefe: das Unheil war so tief verborgen, er mußte es doch zu Tage fördern. Berthold hörte den Bergmann aus der Tiefe gar herrlich singen und dachte wohl an Luthers Brief und wie dieser fromme Bergmannssohn für die Sehnsucht der Welt nach tiefer Erkenntnis sein Leben daran setze, eine Quelle des Glaubens zu entdecken, nachdem aller andrer Glaube, wie er bisher gebraucht, als getrübt befunden worden. Ängstlich fragte er den Bergmann, ob auch keine Gefahr ihm drohe, es sei ihm so bange. – »Eine feste Burg ist unser Gott«, antwortete der alte Hauer, »ich laß mich nicht zum zweitenmal von blinder Furcht abtreiben, es muß hindurch, der Fels mag hier noch so fest sein, ich habe gebeichtet und gebetet.

Beruhigt ging Berthold zu seiner Anna, fand aber dort einen sehr schmerzlichen Brief des guten Treitssauerweins; er schrieb ihm: daß der Kaiser täglich schwächer werde, daß ihm seine großen Bestrebungen lächerlich dünkten, daß er viel von den Kronenwächtern vernommen und sich lächelnd geäußert habe, daß er sich gerade an den Unrechten gewendet, als er Berthold zu Nachforschungen aufgefordert habe, er möchte wohl selbst zu ihnen gehören. Das habe er als Freund bestritten, aber der Kaiser sei nun einmal altersschwach und beschaue täglich seinen Sarg, den er bei sich führe. Als er von Augsburg ohne Prunk ausgezogen, habe er sich bei der Rennsäule auf dem Lechfelde umgewendet, lange mit seinen weisen, gütigen Augen die Stadt beschaut und endlich mit bebendem, tiefem Atem gesprochen: »Nun gesegne dich Gott, du liebes Augsburg und alle frommen Bürger darin, wohl haben wir manchen guten Mut in dir gehabt, nun werden wir dich nicht mehr sehen!« – Wo die Tonkugel eines Knaben und wo die Geschützkugel zur Ruhe kommen, sind beide gleich machtlos, von dem Leben nimmt der Bürger und der Kaiser mit gleichem Gefühle Abschied; daß aber ein Kaiser nach so gewaltigem, sausenden Laufe durch die Welt und ihre Geschichte noch so menschlich mit der Stadt reden konnte, in der er wenige frohe Tage lebte, die Treue rührt tiefer, als das Angedenken mancher großen Tat.

Berthold erinnerte unter solchen Betrachtungen seine Anna an jedes gute Wort des Kaisers und beide saßen fest verschlungen aneinander in Tränen, als sich ein Lärmen hören ließ nach der Hofseite, als ob ein fernes Geschütz abgefeuert würde. Berthold hörte gleich darauf ein Geschrei der Arbeiter am Brunnen, er lief ans Fenster und erblickte eine Wassersäule, die sich über den Brunnen erhob und sich dann senkte; das Wasser aber floß dann wie aus einem überkochenden Kessel aus dem Brunnenschacht die enge Gasse zwischen den beiden Hofmauern nach der Rems hinunter. – »Gott, Gott«, rief er, »unser armer Bergmann!«

Mit diesem Ausruf eilte er aus dem Zimmer hinunter die Treppe, über den Hof zum Brunnen hin: »Helft, helft!« schrie er zu den Arbeitern, aber da war schon alles versucht, den armen Bergmann heraus zu ziehen, es fehlte nur an Haken, um bis zur Tiefe des Brunnens zu gelangen. Die Leute berichteten, daß sie einen Schall in der Tiefe gehört, als ob er den Durchbruch eines Felsenstücks, woran er lange gearbeitet, zu Stande gebracht, aber mit einem furchtbaren Bullern, das leichte Steine fortgeschleudert, habe sich eine Wassersäule erhoben, gewiß habe er ein großes Wasserbecken im Innern des Bodens geöffnet, und sei vom Felsenstück niedergedrückt worden, sonst würde ihn der Strom emporgetragen haben. Kein Schwimmer könne da niederdringen, so lange der Wasserstrom mit solcher Gewalt ausströme, die Haken möchten ihn nicht erreichen, selbst von langen Bäumen, er sei verloren; ein Glück für ihn sei es, daß er gebeichtet habe und gespeist sei. Die Leute sahen darin eine besondre Absicht und Gnade des Himmels, daß der Maler den Geistlichen herbeigeführt habe. Das war kein Trost für Berthold, er suchte umher nach Rat und Hülfe, aber vergebens, zugleich schämte er sich des Vorgangs vor den Frauen und vor der Stadt. Er gab den Leuten Geld, daß sie dies Unglück verschwiegen, auch im Hause sagte er nichts von dem Vorgange, sondern berichtete nur die Erscheinung der von Faust vorausgesagten großen Quelle. Alles eilte verwundert dahin, der Bergmann schien vergessen. Heimlich bestellte Berthold, so wenig er sonst darauf gehalten, Seelenmessen für ihn zu lesen; so verschmähen nur wenige, was ihnen angenehm im Glauben ist, nur das Unbequeme veranlaßt den Zweifel und die Untersuchung.

Aber die Arbeiter schwiegen kaum so lange, als dies Geld währte, das er ihnen geschenkt, bald war die Geschichte ein Märchen der Stadt, es hieß, der Bergmann habe kostbare Edelsteine im Grunde des Brunnens gefunden und sei von Berthold herabgestürzt, um dies zu verheimlichen, er werde es künftig schon herausarbeiten. Niemand sagte ihm so etwas wieder, daß er die Wahrheit hätte offenkundig machen können. Die Lüge wandte immer mehr Herzen von ihm, aber er war zu übermächtig durch seinen Reichtum, durch die große Zahl von Arbeitern, die er beschäftigte, als daß irgend ein Bürger eine Anklage gegen ihn gewagt hätte. Faust mehrte den Zorn der Leute, in seiner Trunkenheit sagte er seltsame Dinge von Bertholds Heilung durch Blut, wovon er, wenn er nüchtern, nichts wissen wollte. Um diese Zeit liefen aber so viele Klagen gegen Faust ein, daß Berthold, seines ärgerlichen Wandels überdrüssig, ihn zur Stadt hinaus führen ließ. Da sagte Faust ganz vernehmlich: Es solle dem Bürgermeister noch gereuen; wenn er den Anton nur erstechen könne, so wäre er auch des Todes, und dazu werde sich schon einer finden. Aber auch davon erfuhr Berthold nichts, er wurde immer noch von den Seinen wie ein krankes Kind gegen jedes unangenehme Lüftchen bewahrt. Schnell ordneten sich die Steine um den Brunnen zu seinem Rande und zu Sitzen umher, sein Abfluß wurde sanft und ein kleiner Ausschnitt leitete den Überfluß durch ein Gitter ab. Am sogenannten Polterabend vor der Hochzeit, wo bei den Ärmeren alles Gerät abgesondert, die alten Töpfe zerschmissen werden, um ein neues Leben anzufangen, war der Brunnen am Abend fertig und trocken und erst jetzt entdeckte sich allen seine Anlage. Die Sitze waren hinlänglich gehöht, um über die Mauern nach dem Remstale hinzublicken, so daß die sinkende Sonne in ihrem abendlich gesättigten Rot aus dem Spiegel des gewundnen Flusses mit dem Scheine mannigfaltiger Inseln blickte; unter den Mauern sangen dazu die Chöre der Bleicher auf den grünen Wiesen, Berthold wurde überrascht und überraschte zugleich, die beiden Frauen zierten den Brunnen mit einem Blumennetze, das sie heimlich bereitet hatten und auf bunten Stangen über die Mitte des Brunnenrads stellten, daß es mit Duft und Farbenspiel sie wie ein Zelt umgab und die Aussicht erhöhte, indem es zuweilen sie unterbrach. So saßen sie ruhig, und Anna fühlte einmal gar keine Eifersucht, daß Berthold die Mutter mit seinem andern Arm umfaßte, sie sprachen wenig und blendeten sich an dem Abendrot. Der Brunnen war zwar teuer erkauft, aber er gewährte dem glücklichen Berthold das stolze Gefühl, daß ihn diesmal nichts geschreckt habe; die andern wußten nichts von dem armen Bergmann. Da hörte Anna von einer Seite einen Atemzug, wo keiner der Ihren stand, sie blickte um sich und sah einen alten Mann in rostiger Rüstung. Sie fragte Berthold mit leichtem Schreck: »Wer ist der fremde Mann? Er sieht aus, als ob eines von unsern alten Steinbildern am Hause zu uns herabgestiegen wäre. Er hat mehr Züge im Gesicht, als zwei gewöhnliche Menschen. Er schiebt jetzt einen Kasten heran, es kommen mehrere, die ihm helfen, alle gerüstet wie er, alle von bleichem steinernen Angesicht. Sie gehen schweigend zurück, er bleibt.«

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