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Die Kronenwächter

Achim von Arnim: Die Kronenwächter - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kronenwächter
authorAchim von Arnim
year1983
publisherPhilipp Reclam Jun.
addressStuttgart
isbn3-86150-278-X
titleDie Kronenwächter
pages7-420
created19990723
senderWolfgang Guelcker (wgue@berlin.snafu.de)
firstpub1817
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Fünfte Geschichte
Die Rose

Berthold mochte noch keine Stunde vom süßen Schlaf umfangen gewesen sein, als ihn ein Lärmen erweckte, es kamen kleine Steine an sein Fenster geflogen und er fürchtete für die Scheiben. Er sprang eilig auf und hoffte Annen vor dem Fenster zu erblicken. Diesmal irrte er, es war Fingerling, der zu Pferde und reisefertig ihm berichtete: er eile nach Waiblingen, mit der Mutter alles zu besprechen und auszugleichen, am Abend habe er sich deswegen gleich schlafen gelegt, als Anna zurückgekehrt, zugleich sagte er ihm, wo er die Briefe wegen der Handelsgeschäfte aufbewahrt habe. Berthold dankte ihm schlaftrunken für alle seine Liebe, hieß die Mutter schön grüßen und wollte sich wieder ins Bett legen, als ihm der Befehl des Kaisers einfiel, nach Göggingen zu gehen, wo er ihn sprechen wollte. Gleich bereitete er sich unter stetem Dehnen und Gähnen, denn der vorige Tag hatte ihn übermüdet, öffnete leise die Tür, stieg herab, ging zur unverschlossenen Haustüre hinaus und sah beim zufälligen Umblicken die liebe Anna durch das Fenster in ihrem Bette liegen. Er schlich sich in das Zimmer. Hätte sie die Augen geöffnet, kein Kaiser hätte ihn von ihr fortgezogen, denn schon jetzt war er schier entschlossen, die kaiserlichen Aufträge zu vergessen. Aber sie schlief ruhig und fest und er hing ihr, ohne daß sie es bemerkte, ein kleines silbernes Kettchen über, das er lange getragen, um einen Strauß zu bezahlen, den er vom Bette nahm und der ihm eigentlich wohl gegönnt und bestimmt war.

So erfrischt durch Anblick und Duft, trat er seinen Weg freudiger an, erkundigte sich und fand die Straße, fand auch bald Herrn Treitssauerwein, der ihm bedeutsam vertraute, er schreibe an einem Werke, die Taten und Geschicke seines Herrn Maximilian zusammen zu stellen. Nun versicherte er, daß Maximilian während seiner ganzen Regierung auf so wunderbare Art in den bedeutendsten Augenblicken der Unternehmung gehemmt worden sei, daß er diese unendliche Reihe von Zufälligkeiten endlich nur aus einer sehr durchdachten Gegenkraft erklären könne, welche vielleicht jetzt kalt ihr Dasein öffentlich gegen ihn, oder gegen seinen Stamm kund tun würde, da sie in ihren Verbindungen so allgemein und dringend geworden sei. Es gehe schon lange die Sage von Sprößlingen der Hohenstaufen, die in einem unzugänglichen Schlosse der Zeit warteten, den Kaiserthron zu erstreiten. Dem Kaiser sei selbst einmal, als er sich auf der Gemsenjagd verirrt und verstiegen hatte, ein Schloß erschienen und in den Wolken verschwunden, das gleichsam aus durchsichtigem Glase erbauet zu sein geschienen und eine Krone in die Wolken gestreckt habe. »Begierig staunte er das Wunderbild an, suchte sich ihm zu nähern, aber bald umzog ihn die Wolke immer dichter. Dennoch verfolgte er nach seiner Meinung die rechte Richtung, als aber der Wind die Wolken zerstreute, fand er sich in einer noch öderen Gegend wieder, wo er nichts von dem Schlosse wahrnehmen konnte, aber auch keinen Weg, um herab zu kommen, denn da, wo er hinauf gestiegen war in der Trübheit der Wolken, da war in der Klarheit kein Herabsteigen möglich. Er hatte sonst die Welt in seinem Reichsapfel spielend in Händen getragen, jetzt trug ihn die Welt spielend in ihrer luftigen Hand und schien zu zweifeln, ob sie ihn dem eignen Schwindel, oder dem Sturmwinde, oder den wilden Vögeln überlassen sollte, deren Nestern er zu nahe getreten war. Er ließ sich auf die Kniee nieder, um sich im Gebet zu verstecken, wie der Strauß, vom Jäger übereilt, den Kopf unterm Flügel birgt. Da rührte eine Hand an seine Schulter, Gottes Allgegenwart schien ihn sichtlich zu ergreifen, er blickte mit Scheu um und sah einen heiter lächelnden, blonden Lockenkopf, den er für einen Engel hielt. Aber körperlich fest ergriff der Knabe seine Hand und führte ihn mit Anstrengung zu einem schwierigen, doch gefahrlosen, sehr verborgenen Seitenwege, wo weiter keine Gefahr voraus zu sehen war. Hier blieb der Knabe und gebot ihm auf demselben, ohne sich aufzuhalten, bis zum Sonnenuntergang fort zu gehen, nie wieder zu, kehren in diese Gegend und niemand von seiner Rettung etwas zu sagen, so lieb ihm sein Leben; ›denn‹, sagte er, ›ich war geschickt, dich herab zu stoßen, aber dein mildes Antlitz machte mich ungehorsam und ich rettete dein Leben und wage jetzt das meine, wenn ich nicht dein Schwert mitbringe, das mir als Wahrzeichen zu bringen geboten.‹ – Milde reichte der Kaiser dem Knaben das Schwert und sagte ihm, es sei das Schwert Karls des Großen, zugleich bat er ihn um Aufschluß über die Geschichte des Schlosses und der Menschen, die es bewohnten. Aber leichtfüßig, ohne Antwort, war schon der Knabe mit dem Schwerte entschwunden, der Kaiser traf nach mehreren Tagen auf Bergbewohner, die ihn zu den Seinen führten. Er schwieg wirklich, sagte, daß er sein Schwert beim Klettern verloren habe, und ließ heimlich ein gleiches machen. Erst nach mehreren Jahren hat er mich jetzt, wo er sich am Rande seines Lebens fühlt, ins Vertrauen gezogen, nachdem ihm auf andern Wegen die Sage von Abkömmlingen der Hohenstaufen bestätigt worden ist; er fürchtet für seinen Sohn und für die großen Entwürfe seines Lebens. Er wünscht von Euch Nachforschung über die geheimen Führer des Bauernaufruhrs, der im Jahre 1514 um Waiblingen bei Beutelspach scheinbar wegen Maß und Gewicht ausbrach, eigentlich aber wohl von der Brüderschaft des Armen Konrad, worunter Konradin von Schwaben gemeint, angestiftet worden sei.« – Berthold lächelte und meinte: »Ich bin zwar hinfällig in dieser Zeit gewesen, daß ich nur das Notwendigste zur Sicherheit unsrer Stadt anordnen konnte, aber so viel ich damals gehört, so hat dieser Konrad nichts mit Konradin zu tun, es war ein Bauernscherz, sie wußten sich keinen Rat, wer sie führen sollte, da keiner gern seinen Hals daran setzen mochte, darum nannten sie ihren unsichtbaren Führer Keinrat, daraus wurde in ihrer Aussprache Konrad. Die Sage bildet gern etwas Zweideutiges in der Geschichte, so wurde auch dieser Name, wie die Orakel der Alten, zweifach ausgelegt.« – Treitssauerwein antwortete: »Das Nächste täuscht am leichtesten, denn aus Gewohnheit kommen wir darauf, nichts Ungewohntes darin zu vermuten; glaubt mir, am armen Konrad war der Ernst früher, als der Scherz, der ihm zum Deckmantel dienen sollte.« – Sie hatten sich unterdessen dem Kaiser genähert, der, mit der Armbrust hinter einem Dornbusche versteckt, ihnen Stille zuwinkte, weil seine Hunde ihm einen Hasen eben schußrecht herantrieben. Inzwischen hatten sie beide doch schon dem Hasen zur Warnung gedient, er sprang seitwärts, der Kaiser nahm ohne Zorn den Bolzen von der Armbrust, rief die Hunde und schickte sie mit den Jägern zurück. Der Kaiser sprach: »Nicht wahr, mein lieber Bürgermeister, es steht eigen mit der Weit, wenn sie einen Jäger zum Kaiser hat!« – »Gnädiger Kaiser«, antwortete Berthold, »ich habe eben vernommen, wie die Gemsenjagd Euch einst auf so seltsame Entdeckung gebracht, demnach möchte auch diese Neigung wohl zu Eurem Besten Euch eingepflanzt sein.« – »Zu meiner Gesundheit wenigstens«, sagte Maximilian, »wohl tat unser Freund Gelegenheit etwas für uns, aber unser Feind Ungelegenheit machte alle Nachforschungen darüber bisher vergeblich. Wir nahmen's damals nicht ernst genug, wir merken erst jetzt an manchem Widerstande der Kurfürsten, daß sie mehr von der Sache wissen, als . wir bei aller offenen Macht und heimlichen Kundschaft. Wir haben Euch erwählt, lieber Bürgermeister, weil Ihr uns durch Marx und Kunz empfohlen seid, und keiner auf Euch rät, uns Aufschluß in der Sache zu verschaffen.« – Berthold erklärte sich bereit, aus allen Kräften mitzuwirken, und es ging ihm ängstlich im Kopfe herum, ob er nicht dem Kaiser sagen solle, was er durch Martin von dem Schlosse gehört und wie er selbst zu diesem Geheimnisse gehören möchte; aber Martins Tod schwebte ihm vor, er schwieg. – Der Kaiser fuhr nun fort: »Aber Berthold, wenn nun der Papst in dem Bunde mitwirkte, seid Ihr in der Gewalt eines Beichtvaters, oder seid Ihr darüber hinaus?« – »Die Geistlichkeit«, antwortete Berthold, »hat überall zu viel Ärgernis gegeben, als daß die Leute sich ihnen auf Gnade und Ungnade ergeben; was gut tut zu sagen, das wird bei uns gebeichtet, vieles aber verstehen die geistlichen Herren nicht und es ist ihnen auch mehr um das Beichtgeld, als um die Geheimnisse zu tun.« – »Das Geld«, sagte der Kaiser, »ist das Blut des Staats und wie der edle Held Perzifal so tiefsinnig wurde beim Anblicke dreier Blutstropfen im Schnee, so wird mir oft beim Anblick eines Kreuzers recht nachdenklich, wie viel Kunst, Taten, Glück und Weisheit durch solch ein Stücklein gefördert und gelähmt werden können! Wohin hätten wir unsre Fähnlein geführt, wenn es nicht an Gelde gefehlt hätte! Darum lasse ich auch nicht den Luther verderben, der das deutsche Geld von Rom abschneiden will, und danke Euch, daß Ihr ihm förderlich gewesen seid, von hier fortzukommen. Doch seht, wir sind unbemerkt von einem Umgange umgeben, also kürzlich gesagt, mein lieber Bürgermeister, es ist mir sowohl um meine Feinde, die Hohenstaufen zu tun, als auch um meinen Freund, den Knaben, der jetzt schon ein wackrer Jüngling sein mag, ich meine jenen, der mir das Leben rettete, ich möchte ihm lohnen; sucht mir von einem oder dem andern Kunde zu schaffen, ich werde Euch danken.« Der Umgang zog singend an ihnen vorbei und endete das Gespräch; der Kaiser, Berthold und Treitssauerwein schlossen sich an und zogen zur großen Freude der Bauern mit ihnen nach St. Leonhard in die Kirche; die Bauern meinten, ein so herrlicher Umgang sei nicht gehalten worden, seit Göggingen stehe.

Während der Meßandacht wurde Berthold gestört, indem ein neben ihm Knieender, auf den er noch nicht geblickt, ihm in den Finger biß. Ärgerlich sah er hin und staunte, es war eine Jungfrau, es war Anna, gleich war sein Zorn verschwunden und er fragte heimlich, was sie hergeführt. Sie sagte ihm, daß sie ihm Notwendiges zu erzählen habe. Zum Glück beteten und seufzten die Bauern umher so laut, daß sie ihm leise flüsternd alles erzählen konnte, wie es ergangen. Die Mutter hatte am Morgen das Pferd, den Herrn und auch Fingerling in großer Verwunderung vermißt, da weder Fingerling, noch Berthold ihr Vorhaben deutlich gemacht hatten. Da Berthold sie so unerwartet auf dem Ballhause verlassen hatte, so schwankte sie zwischen der Vermutung, Berthold reue seine Verlobung, oder er sei davon durch einen hohen Herrn abgehalten, vielleicht durch den Kaiser selbst, dem noch ein Ruf von Zärtlichkeit:, trotz seinem Alter, nachzog. Ihr war gestern durch Kunz bestellt worden, ein höherer Auftrag habe ihn entfernt und er könne sie nicht heimführen. In diesem Zweifel wendete sich erst ihre Härte gegen Anna, die gar nicht begreifen konnte, was ihr fehlte. Sie erfuhr erst diese Sorgen der Mutter durch Kugler, der mit einem Braten als Geschenk sich eingestellt hatte, dem sie sich heimlich vertraute, und der Annen sagte, er reite fort, um in Waiblingen Nachfrage zu halten, ob Berthold etwa auch, wie Fingerling dahin zurückgekehrt sei, doch müsse die Mutter und sie sich gleich entschließen, inzwischen seiner Wirtschaft und seinem Fleischscharrn vorzustehen. Dort hatte Anna durch einen Kunden zufällig gehört, er sei mit dem Kaiser auf der Straße nach Göggingen im Gespräche gesehen worden, sich hatte sich unter einem Vorwande fortgeschlichen, mit ihm zu sprechen und von ihm Wahrheit zu hören, denn sie konnte nicht leugnen, daß seine Kette, die sie am Morgen gefunden, ihr wie ein schweigendes Abschiedszeichen erschienen wäre. Berthold beruhigte sie, aber ihre Tränen flossen nun um so häufiger, da sie ihrer Sorge befreit war, und die ehrlichen Bauern meinten, es sei Andacht und Buße. Kaum war die Messe geendet, so schlich sich Berthold mit Annen fort, so schnell, daß weder Kaiser noch Geheimschreiber seinen Weg bemerkten. Aber noch einen Aufenthalt mußten sie überstehen, der Weg führte sie an Stutzers Gartenhause vorbei, der eben beschäftigt war, Pfeffersäcke in ein Vorrathaus packen zu lassen, und dabei sehr emsig die einzelnen ausfallenden Körner auflas, aber die Vorü3ergehenden nicht weniger fest hielt, ihnen die Pracht seines Landhauses zu zeigen. Dem kleinstädtischen Bürgermeister glaubte er die Augen damit auszuleuchten und Annen für immer unglücklich zu machen, wenn sie nicht ein Gleiches bei Berthold fände. Ein Italiener hatte ihm dies Landhaus nach ganz neuer Art erbaut, die Fassungen der Fenster waren gemalt wie Marmor, alte Götterbilder bedeckten die Flächen im bunten Gemisch mit Heiligen. Berthold erklärte sich ohne Umschweife gegen den malerischen Schein, um fehlende Bauwerke zu ersetzen. »Die Schönheit eines Baus«, sagte er, »liegt wie die Schönheit des menschlichen Antlitzes nicht allein in der Berechnung gewisser Verhältnisse, sondern in dem Ausdruck innerer Vortrefflichkeit; die Dauerhaftigkeit und Bequemlichkeit der innern Einrichtung mag sich auch gern äußerlich kennbar machen; die innere Wölbung, die Balkenlage will sich auch äußerlich zeigen. Hier ist alles das gemalt, von einer Seite erscheint es herrlich, von der andern wird die Nichtigkeit um so deutlicher und eine glatte Wand ohne Architektur gäbe wenigstens keinen Arger.« Der gute Stutzer hörte nicht auf die Rede, er sah nur verdrießlich höhnisch ihn an und sagte: »Lieber Herr, entschlagt Euch solchen Gedanken, das hat Pilati aus Florenz gebaut und gemalt.« – »Das macht ihm wenig Ehre«, sagte Berthold, »da kann ich Euch von unserm Meister Fischer manches Bessere zeigen in meinen Zimmern.« – Stutzer wurde innerlich so böse über den stolzen Kleinstädter, führte ihn aber doch ins Haus, dessen weiter Flur von Marmorsäulen mit korinthischem Hauptschmuck glänzte; Faunen und Silenen trugen die Treppe, welche mit einer Weinlaube überzogen war, an der durch die Wärme hinter den geschlossenen Fenstern der. Wein schon blühte. – »Prächtig«, sagte Berthold, »aber ich wundre mich, wie Ihr hier bestehen könnt.« – »Warum?« fragte Stutzer. – »Einmal«, meinte Berthold, »könnt Ihr keine ehrliche, deutsche Frau hier einführen, es ist ja eben so gut, als ob Ihr sie in das öffentliche Männerbad gebracht hättet, und dann, wie gefallt Ihr Euch als Herr im Hause, da Ihr doch nur winzig und dürr seid, wenn so wohlgenährtes Göttervolk, wie Hunde auf der Treppe vor Eurer Türe harren muß. Ich ginge in Eurer Stelle unter die türkischen Enten und welschen Hähne, die in Eurem Garten so gemächlich wandeln und picken, statt Euch so übermäßig vornehm bedienen zu lassen.« – Der eitle, kleine Kerl wußte nichts zu antworten, denn so war ihm noch keiner gekommen, aber die Rede hatte die gute Folge, daß er die beiden nicht länger zwang, seine Pracht zu beschauen; mit seiner Zudringlichkeit gegen Anna hatte er die kleine Züchtigung verdient.

Als sie zum kleinen Hause der Frau Zähringer kamen, waren beide etwas ermüdet, besonders Berthold, und Anna fürchtete, weil es schon spät, den Zorn der Mutter wegen ihres Ausbleibens. In solchen Betrachtungen setzten sie sich ein wenig ins Gras des Gartens hinter dem Hause, die Sonne schien betäubend warm, die Blumen dufteten mit ihren betäubenden Kräften und beide nickten neben einander ein; der Geist möchte immer Wunder tun, immer tätig sein, aber der Körper haßt die Wunder und gleicht den einzelnen Menschen mit dem ganzen Geschlechte aus, indem er ihn mit Schlaf oder Krankheit beschwichtigt.

Was Frau Zähringer an diesem Tage ausstand, nun auch die Tochter ausblieb und Kuglers Wirtschaft ganz auf ihr lastete, ist schwer zu sagen, insbesondere als Boten des Kaisers, Treitssauerweins, des Kurfürsten Friedrich kamen und nach Berthold fragten, als ob sie ihrer recht spotten wollten. Endlich kam der Abend, der sie den Geschäften entließ, aber um so tiefer in den einsamen Gram ihres Hauses versenkte, bis auch diesen der Schlaf ablöste.

Die Sterne glänzten schon scharf auf dem blauen Grunde, als Anna erwachte und durch ihre Bewegung den glücklichen Träumer Berthold mit erweckte. Kaum konnten sie es begreifen, daß es natürlich im Wandel der Zeit jetzt Nacht geworden sei; sie machten sich bittre Vorwürfe wegen der Mutter und dachten nach, wie sie dem ausweichen könnten, auch scheute sich Anna vor bösem Ruf, wenn eines der Nachbarn sie mit Berthold im Grase liegen gesehen. Nach vergeblichem Beraten entschlossen sich beide, jedes in sein Zimmer zu gehen und zu tun, als ob nicht geschlafen und nichts versäumt sei; der Morgen werde ihnen der Unruhe ohnehin genug bringen. Anna öffnete die Haustür mit einem Kunststücke: »Das lernte ich, wenn ich für unsre Kuh auf Grasung spät ausblieb«, sagte sie; dann drückte sie Berthold sanft an sich und drückte ihn von sich, als seine Zärtlichkeit sie zu verraten schien, und ging in das Zimmer der Mutter, wo sie angekleidet in das große Bett schlüpfte, das sie seit dem Davonlaufen des Vaters mit ihr teilte. Die Mutter erwachte nicht, dies erlauschte Berthold, dann ging er leise die Treppe hinauf in seine Giebelstube. Ihm war so heiß, er riß das Fenster auf, öffnete den Wams und fand eine Rose, die ihm Anna unbemerkt hinein geschoben hatte, er konnte das stille Lager im grünen Grasgarten erkennen, das Gras war eingeknickt und erhob sich jetzt, die Worte hüpften ihm im Munde und er sang mit geschlossenen Augen in wehmutsvoller Freude zu den seligen Sternen, die ihm im Herzen aufgegangen waren:

Ein Stern der Lieb im Himmelslauf
Die offne Brust sanft atmend kühlt,
Der Frühling heiß im Herzen spielt,
Da blüht die erste Rose auf;
Du bist der Stern, dir unbewußt,
Dein Atem kühlet meine Brust,
Du bist der Frühling, der mich wärmt,
Der in des Herzens Blumen schwärmt,
So kühlst du außen, wärmst da innen,
Die Glut verschließt dein keusch Besinnen.

Gern tat sich Lust in Bitten kund,
So lebenswarm wie Herzensblut,
Da schloß die Rose mir den Mund
Und tut mir duftend hier so gut,
Ich schwimme in dem Liebesduft
Unendlich scheint das Blau der Luft;
Die Augen füllt ein süßer Drang,
O Liebestau, in Tränen Dank,
Daß keusche Sterne dürfen scheinen,
Und nur zerdrücktes Gras beweinen.

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