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Wolf Graf von Baudissin (Schlicht): Die Kriegsurlauber - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kriegsurlauber
authorFreiherr von Schlicht (Wolf Graf von Baudissin)
year1916
firstpub1916
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleDie Kriegsurlauber
pages319
created20100720
sendergerd.bouillon@t-online.de
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VII.

Der schöne Hugo saß in seinem Hotelwohnzimmer und dachte darüber nach, was größer sei, die Freude, die ihn erfüllte, oder der Kummer, der ihn bedrückte. Sein getreuer Paul Paulsen würde gesagt haben: Die Sache war nämlich die! Auf der einen Seite winkte die frohe Gewißheit, daß er nach Angabe des Arztes spätestens in acht Tagen wieder garnisondienstfähig war, wenn es auch vorläufig noch nicht an den Feind ging. Er hatte dieses Faulenzerleben auch recht satt und er freute sich, nun bald wieder in einer Reitbahn zu stehen, das Schnauben und Stampfen der Pferde zu hören und jenes Parfüm einatmen zu dürfen, das ihm, dem Kavalleristen, von allen das liebste war und das da hieß: Pferdemist! Er fieberte förmlich vor Sehnsucht danach, endlich einmal wieder Reitunterricht erteilen zu dürfen. Seine Befürchtung, daß die Kavallerie ganz abgeschafft, oder wenigstens nur auf »Tauben« beritten gemacht werden solle, schien sich glücklicherweise doch nicht zu erfüllen.

Aber in diese große Freude mischte sich ein fast noch größerer Schmerz. Es hieß Abschied nehmen von dieser hübschen, kleinen, ruhigen Stadt, die er schon deshalb lieb 262 gewonnen hatte, weil Maria Elisabeth hier wohnte. Ach ja, Maria Elisabeth! Er seufzte so schwer und tief auf, daß es plötzlich einen lauten Knacks gab und daß er im ersten Augenblick glaubte, sein Herz sei zersprungen. Aber als er sich dann vorsichtig betastete, war sein Herz doch noch heil geblieben und was da geknackt hatte, war lediglich das Gummi-Taillenband gewesen, das in seiner Litewka eingenäht war.

Und nun, da er freie Bahn hatte, da kein Venusgürtel ihn mehr hinderte, da seufzte er noch einmal ganz tief auf: Maria Elisabeth!

Was hatte es für einen Zweck gehabt, daß er sich damals, als er sich den Korb holte, schwur, sich nie wieder zu verlieben. Gehalten hatte er den Schwur doch nicht, erst verliebte er sich in Kitty, aber das mußte wohl nicht die richtige Liebe gewesen sein, denn sonst hätte er die nicht so schnell ertränken können, und nun liebte er Maria Elisabeth und zwar so gründlich, wie nie eine zuvor. Was sollte nur daraus werden? Daß er der vor seiner Abreise einen Antrag machte, war ausgeschlossen. Zum zweitenmale setzte er sich nicht der Gefahr aus, einen Korb zu bekommen, wenigstens in der Hinsicht wollte er sich treu bleiben. Und daß Maria Elisabeth selbst ihm bei dem Abschied um den Hals fiel und ihm zuflüsterte: »O bleib' bei mir und geh' nicht fort, an meinem Herzen ist der schönste Ort!« das war auch ausgeschlossen, das schon deshalb, weil er absolut nicht daraus klug werden konnte, ob sie etwas anderes für ihn empfände als Mitleid. Daß er ihr leid tat, bemerkte er immer aufs neue, er tat aber auch fast das 263 Menschenunmöglichste, um ihre Teilnahme stets von neuem zu erwecken. Er verdrehte die Augen, daß die ihm manchmal noch hinterher weh taten und er hatte sich vor dem Spiegel einen melancholischen Gesichtsausdruck einstudiert, der sich in jedem Panoptikum sehen lassen konnte. Ja, leid tat er ihr und er gedachte des alten Wortes: »Das Mitleid aber gebieret die Liebe.« Ob das aber auch auf Maria Elisabeth paßte? Mit keinem Blick hatte sie ihm jemals ähnliches verraten, so daß er oft in Versuchung war, mit Hans Arnim darüber zu sprechen. Der war täglich mit ihr zusammen, der mußte wissen, wie es in ihr aussah. Aber immer merkte er dann aufs neue, daß Hans Arnim jedem Versuch, mit ihm ein Gespräch über Maria Elisabeth zu führen, auswich. Das nahm er bald für ein sehr schlechtes, bald aber auch für ein sehr gutes Zeichen, das letztere deshalb, weil er zuweilen hoffte, Maria Elisabeth habe sich Hans Arnim anvertraut, ihn aber zugleich beschworen, es ihm, dem schönen Hugo, unter keinen Umständen zu verraten, wie sie über ihn dächte.

Der schöne Hugo fühlte sich sehr unglücklich, und da er kein Gänseblümchen zur Hand hatte, zählte er an den Knöpfen seiner Litewka ab: »Liebt sie mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich.« Und doch wußte er genau, daß sie ihn auch heute liebte, er mußte nur mit dem Zählen richtig anfangen. Aber trotzdem er auch heute damit so begann, wie in den letzten Tagen, heute liebte sie ihn nicht, und als er ganz verdutzt und verstört darüber nachdachte, warum Maria Elisabeth ihre Gesinnung gegen ihn plötzlich geändert habe, da kam er auch schnell hinter den wahren Grund, ihm fehlte ein Knopf an der Litewka, und Paul Paulsen, 264 dieser Himmelhund, hatte vergessen, den wieder anzunähen. Der Knabe fing überhaupt an, in der letzten Zeit etwas bummlig zu werden, auch für den war es Zeit, daß er nun mit ihm zusammen bald von hier fortkam, schon damit die Wirtschaft mit den acht Bräuten endlich aufhörte.

Nun klingelte er nach Paul Paulsen, damit der ihm den Knopf annähe und damit Maria Elisabeth ihn wieder liebe, aber als Paul Paulsen auf das Glockenzeichen hin erschien, trat der mit einem so verstörten Gesicht in das Zimmer, daß sein Herr ihm zurief: »Aber Paul Paulsen, was machst du denn nur für eine Visage, du hast wohl geschlafen und bist noch nicht ganz munter?«

Aber der Kürassier schüttelte den Kopf: »Nein, Herr Leutnant, vom Schlafen bei Tage kann nicht die Rede sein, aber wenn der Herr Leutnant denn nun doch mal so freundlich sind und danach fragen, was ich habe – ich hätte ja gern schon längst mal mit dem Herrn Leutnant darüber gesprochen, aber ich traute mich noch nicht.«

»Vor mir brauchst du doch aber keine Angst zu haben,« ermunterte ihn sein Herr, »also nur heraus mit der Sprache, was gibt es denn?«

Der Kürassier stand eine ganze Weile nachdenklich da, dann kratzte er sich nach seiner Gewohnheit mit der Hand hinter dem rechten Ohr, bis er endlich meinte: »Die Sache ist nämlich die, Herr Leutnant.«

Der schöne Hugo glaubte seinen Burschen ohne weiteres zu verstehen, und so rief er ihm denn nun zu: »Nee, Paul Paulsen, auf den Mondschein falle ich nicht wieder hinein, dafür danke ich, daß du mir zum zweitenmal aus der 265 Apotheke Blutegel holst und mir die zum ersten Frühstück servierst. Wenn deine Drina heute wieder mondsüchtig ist, dann laß sie nur allein spazieren gehen.«

»Darum handelt es sich heute nicht, Herr Leutnant,« widersprach Paul Paulsen, »und wenn ich damals vernünftig gewesen wäre, hätte ich die freundliche Einladung, die Drina beim Mondenschein abzuknutschen, gar nicht angenommen. An dem Abend ist das Unglück gekommen. Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich doch heute wenigstens eine Braut, die nicht von mir geheiratet sein will.«

Diesesmal verstand der schöne Hugo seinen Burschen wirklich und er wußte auch, ohne daß der das näher erklärte, warum alle Bräute geheiratet sein wollten, und so meinte er denn halb belustigt, halb entsetzt: »Paul Paulsen, wie konntest du aber auch nur?« Und dann fragte er: »Alle acht?«

Aber Paul Paulsen schüttelte den Kopf: »Alle acht? Nein, Herr Leutnant, aber alle neun! Der Herr Leutnant müssen nämlich wissen, ich habe mir noch eine Braut angeschafft. Das mit den acht war doch so 'ne unsichere Sache. Das habe ich damals bemerkt, als die Dora verhindert war und als die Drina für sie einsprang, und wenn die sich damals nicht hätte freimachen können, wäre ich doch einfach aufgeschmissen gewesen. Da habe ich mir für alle Fälle eine Reservebraut angeschafft, die Olga. Ein sehr hübsches Mädchen, und was das Beste an ihr ist, sie hat augenblicklich keine Stellung, sie ist immer für mich frei, ich brauche ihr bloß zu pfeifen, wenn eine von meinen anderen Bräuten mal nicht abkömmlich ist.«

266 »Und da hast du nun alle neun glücklich, oder richtiger gesagt, unglücklich gemacht?«

»Nein, Herr Leutnant, unglücklich fühlen die sich nun ganz gewiß nicht,« widersprach Paul Paulsen, »die wissen doch auch, was sie in dieser schweren Zeit dem Staate schuldig sind, aber trotzdem, ich habe nur noch einen Wunsch. Ich möchte mal dem Schulmeister Landwehrmann, der damals in der Wirtschaft erzählte, wir Kriegsurlauber seien eine staatserhaltende Notwendigkeit, abends im Dunklen, wenn uns keiner sieht und hört, unter vier Fäusten begegnen. Mit dem würde ich ein paar Backzähne sprechen, der brauchte in seinem ganzen Leben nicht wieder zum Zahnarzt zu gehen.«

»Das glaube ich dir gern,« stimmte sein Herr ihm belustigt bei, »aber viel Zweck hätte es ja nicht, wenn du den so liebevoll verhautest; was geschehen ist, würde dadurch auch nicht ungeschehen werden. Sage mir lieber, wie willst du dich da aus der Geschichte herausziehen? Daß du alle deine neun Bräute heiratest, ist natürlich ein Unsinn, das werden die doch auch nicht von dir verlangen.«

»Natürlich nicht, Herr Leutnant,« meinte Paul Paulsen, »die wollen zufrieden sein, wenn ich nur eine von ihnen heirate, weil jede natürlich im stillen hofft, daß sie diejenige sein wird, welche. Und ich will ja auch gern eine nehmen, Herr Leutnant, ich bin doch ein anständiger Mensch, und wenn ich nach dem Friedensschluß entlassen werde und wieder nach Hause gehe, auf dem Lande und in der Wirtschaft meines Vaters kann man immer 'ne tüchtige Frau gebrauchen. Und heute Abend soll ich mich nun entscheiden. 267 Meine sämtlichen Bräute haben sich frei gemacht. Um halb neun treffen wir uns, 'ne längere Frist wollten sie mir nicht stellen, weil sie fürchten, ich möchte eines Tages mit dem Herrn Leutnant abreisen und nicht wiederkommen. Na, ganz leicht wird es mir heute Abend nicht werden, denn es sind alle neun brave, anständige, fleißige und sparsame Mädchen, aber trotzdem kann es ja nur eine sein. Das sehen meine Bräute selbst ein. Die haben mir fest versprochen, auf die, für die ich mich entscheide, keine Spur von Eifersucht zu zeigen, und sie wollen mir auch keinen Vorwurf daraus machen, daß ich gerade die und nicht eine andere wählte.«

»Na, dann wünsche ich dir heute Abend viel Vergnügen,« meinte sein Herr, bis er nach kurzem Besinnen hinzusetzte: »Ich will dir noch eins sagen, Paul Paulsen, und du kannst es deinen anderen Bräuten wiedererzählen. Du bist zwar in dieser Geschichte ein Windhund gewesen, aber sonst bist du wirklich ein anständiger Kerl. Aber ich will auch schon meinetwegen nicht, daß die anderen Bräute hinter dir her schelten. Ich bin ja glücklicherweise in der Lage, mir den Luxus erlauben zu können. Sage also deinen Bräuten, ich würde ihnen finanziell helfen, wenn es erst so weit ist. Die Unkosten, die ihnen entstehen, will ich bestreiten und ich will auch jedem Kind ein Sparkassenbuch über hundert Mark schenken, mehr kann ich aber nicht tun.«

»Ach, Herr Leutnant, das ist doch schon viel zu viel,« stotterte Paul Paulsen ganz verwirrt, »und ich weiß wirklich nicht, wodurch meine Bräute das um den Herrn Leutnant verdient haben. Na, da werden die Mädels aber Augen 268 machen, die werden sich nicht schlecht freuen. Der Herr Leutnant glauben ja gar nicht, wie dankbar ich bin, nun brauche ich vor den anderen acht Bräuten kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Ich bin ganz gewiß keine Bangbuxe, aber offen gestanden, vor heute Abend hat mir etwas gegraut, nun aber freue ich mich darauf.«

»Hoffentlich freust du dich nicht zu früh,« dachte sein Leutnant im stillen, dann brach er das Gespräch ab, um weiterem Dank zu entgehen, und befahl Paul Paulsen, Nadel und Zwirn zu holen, um den abgerufenen Knopf wieder anzunähen.

Das war bald geschehen und der schöne Hugo war gleich darauf wieder allein, während Paul Paulsen sich in seiner Stube zu schaffen machte und voller Ungeduld den Abend herbeisehnte, damit er sich auf den Weg zu seinen Bräuten machen könne.

Und nach vielen, vielen Stunden war es denn auch so weit, aber das nicht allein, auch dieser Abend nahm ein Ende, wenn auch ein ganz anderes, als er erwartet hatte, denn als er am nächsten Morgen zu seinem Leutnant in das Zimmer trat, um den zu wecken, und als er die Vorhänge und die Gardinen zurückgezogen hatte, damit das helle Tageslicht Einlaß fände, da hatte sein Leutnant wirklich alle Ursache, ihm entsetzt zuzurufen: »Aber Menschenskind, Paul Paulsen, wie siehst du denn aus!«

»Schön nicht, Herr Leutnant,« meinte der verlegen und kleinlaut und er hatte mit seiner Bemerkung vollständig recht. Schön sah er heute wirklich nicht aus, die Wangen waren zerkratzt, die Nasenspitze demoliert, die Augen 269 verschwollen und auf der Stirn trug er drei große Beulen. Und so rief sein Leutnant ihm denn jetzt zu, nachdem er ihn eine ganze Weile halb belustigt, halb voller Mitleid betrachtet hatte: »Na, Paul Paulsen, du scheinst ja gestern Abend mit deinen Bräuten eine sehr stürmische Aussprache gehabt zu haben.«

»Das war schon mehr als Sturm,« gab der zur Antwort, »ich glaube, man nennt das auf hoher See Orkan oder Taifun. Zuerst ging die Sache ganz ruhig und gemütlich ab. Als ich ihnen erklärt hatte, ich wolle mich mit der Dora verloben, da zogen die anderen natürlich einen Fluntsch, wie die Weiber das ja stets tun, wenn ihnen was nicht recht ist, aber sie verhielten sich sonst ganz manierlich.«

»Wofür hast du denn aber nur deine Keile bekommen?« fragte der schöne Hugo verwundert.

Paul Paulsen wußte nicht gleich, ob er die Wahrheit gestehen dürfe, dann aber meinte er: »Wenn der Herr Leutnant mir das nicht weiter übelnehmen, die Keile verdanke ich ganz allein dem Herrn Leutnant.«

Der starrte seinen Burschen ganz verständnislos an: »Mir? Aber inwiefern denn nur?«

»Weil der Herr Leutnant viel zu gut gewesen sind,« erklärte Paul Paulsen. »Wenn meine anderen acht Bräute auch gestern Abend nicht jammerten und klagten, ich sah es ihnen doch an, daß sie neidisch auf die Dora waren, und da erzählte ich ihnen, um sie zu trösten, daß der Herr Leutnant ihnen allen in der sogenannten schweren Stunde finanziell unter die Arme greifen und auch jedem Kind ein Sparkassenbuch über hundert Mark in die Wiege legen wollten. 270 Da hätten der Herr Leutnant nur die Weiber sehen sollen! Ich dachte zuerst, sie hätten vor Freude einen Gehirnklaps bekommen, bis ich merken mußte, daß die sich vor Wut und Neid nicht mehr halten konnten. Alles verstand ich ja nicht, was die mir zuriefen, aber wenigstens die Hauptsache. Die anderen glaubten, wenn der Herr Leutnant schon für die Kinder so sorgen wollten, dann würden der Herr Leutnant das für meine richtige Braut und deren Kind erst recht tun. Das Kind bekäme wenigstens fünfhundert Mark geschenkt und sicher schenkten der Herr Leutnant der Dora auch noch 'ne Aussteuer und das Brautkleid und stände sicher bei dem Kind Gevatter und kämen auch noch zu der Hochzeit. Ob das später mal alles wahr wird, weiß ich natürlich nicht, aber die Weibsleute ließen sich den Glauben nicht nehmen und mit einemmal hingen alle acht an meinem Halse und beschworen mich, ich solle die Dora wieder laufen lassen und dafür eine von ihnen nehmen. Und als ich das nicht wollte, da fielen die Furien, wie man solche Weiber wohl nennt, über mich her. Mit ihren Nägeln, mit ihren Fäusten und ihren Schirmen. Und zwei von ihnen waren vorher in der Stadt gewesen und hatten für ihre Gnädige solche kleinen Blecheimer mit Marmelade eingekauft. Ob wirklich nur für die Gnädige oder auch für mich, das weiß ich nicht, denn plötzlich schlugen die beiden Bräute a. D. mit diesen beiden Eimern auf mich ein, immer auf den Kopf, daher die Beulen.«

»Und das hast du dir alles ruhig gefallen lassen?« fragte sein Leutnant, der diesem langen Kampfbericht belustigt zugehört hatte.

271 Der Riese zuckte die Achseln: »Was sollte ich da viel machen, Herr Leutnant. Mit meinen Fäusten konnte ich doch nicht dazwischen fahren, dann lägen da jetzt acht Leichen auf einmal, und ich säße heute als Mutter- und Kindesmörder im Gefängnis. So habe ich man immer eine nach der anderen über mein linkes Knie gelegt und der den Hintersten mordsmäßig verblaut. Aber ich mußte doch Rücksicht nehmen auf die Umstände, in denen die Mädels sich befanden, ich durfte keiner ein ernstliches Leid zufügen. Aber soviel weiß ich, ich bin nur froh, daß die Geschichte mit den vielen Bräuten nun ein Ende hat. Ich bin mit den Weibern fertig, für mich gibt es nur noch eine, die heißt Dora und mit der segle ich, sobald es geht, in den Hafen der Ehe.«

»Und meine heißt Maria Elisabeth,« dachte der schöne Hugo im stillen, »und mit der möchte ich auch gern baldigst in den Hafen der Ehe segeln, aber ob es dahin kommt, wer kann das wissen?«

Er hing seinen Gedanken nach, und als er am Mittag von dem Frühschoppen zurück kam, war er verliebter denn je. Zweimal hatte er unterwegs Maria Elisabeth getroffen, die im Wagen mit der Frau Konsul an ihm vorüberfuhr und die in einem modernen schwarzen Taffetkleid, zu dem sie einen schwarzen Hut mit schwarzweißen Rosen trug, einfach bildschön aussah. Aber das nicht allein, sie hatte nicht nur ausgesehen, sie hatte ihn sogar angesehen. Das tat sie ja allerdings immer, so oft er sie auf dem Tennisplatz traf, aber es war ihm so vorgekommen, als habe sie ihm heute einen ganz besonders teilnehmenden Blick 272 zugeworfen. Vielleicht bildete er sich das nur ein, aber schon das machte ihn froh und glücklich und er hoffte, daß Maria Elisabeth sich auf Grund dieser unerwarteten Begegnung im stillen ebenso viel mit ihm beschäftigen möge, wie er sich mit ihr.

Das war auch zufälligerweise wirklich der Fall, wenn auch aus einer anderen Veranlassung, die darin bestand, daß Hans Arnim, als er mit dem schönen Hugo zusammen den Stammtisch verlassen hatte, um heute einmal wieder bei der Frau Konsul zu Mittag zu essen, dieser erzählte, was er schon längst hatte sagen wollen, was er aber immer wieder verschwieg, um sie nicht zu betrüben, daß seine Tage hier gezählt seien und daß er schon in der nächsten Woche zu seinen Eltern fahren würde, um dort seinen Geburtstag zu feiern und um zu Hause zu bleiben, bis er wieder dienstfähig sei.

In seiner Vermutung, diese Nachricht würde die Frau Konsul betrüben, hatte er sich, wie er nun sehr deutlich bemerkte, nicht geirrt. Die sah ihn ganz erschrocken an, bis sie ihm nun zurief: »Ist das wirklich Ihr Ernst, mein lieber Herr von Kühnhausen? So schnell und schon so bald wollen Sie mich verlassen? Ich fühle es Ihrer Frau Mutter nach, daß die Sehnsucht nach Ihnen hat, aber trotzdem, sang- und klanglos sollen Sie doch nicht aus meinem Hause scheiden. Auch ich will Ihnen eine Geburtstagsfeier bereiten. Es hat mich schon längst bedrückt, daß ich im Gegensatz zu meinem Schwager und so vielen anderen Familien hier die Kriegsurlauber noch niemals zu mir einlud. Nun will ich Ihnen zu Ehren das Versäumte nachholen. 273 Bestimmen Sie bitte später selbst, welche von den Kameraden Sie da um sich haben möchten und bestimmen Sie auch, welche jungen Damen kommen sollen, damit Ihre Freunde sich mit mir nicht zu sehr langweilen, denn Fräulein von Greusen kann doch auch nur höchstens zwei Herren als Tischdame gelten.«

»Sie sind wirklich außerordentlich liebenswürdig, gnädige Frau,« dankte Hans Arnim der alten Dame aus vollstem Herzen, »und ich nehme Ihr freundliches Anerbieten sehr gern an, besonders, wenn Sie mir erlauben wollen, die Gäste für diesen Abend zu bestimmen.«

»Das muß ich sogar,« stimmte die Frau Konsul ihm bei, »denn ich kenne die jungen Herrschaften doch gar nicht.« Bis sie dann abermals davon anfing, wie leid ihr die bevorstehende Trennung täte und bis sie nun Maria Elisabeth zurief: »Nicht wahr, mein liebes Fräulein von Greusen, wir beide werden unseren liebenswürdigen Gast und Gesellschafter in Zukunft sehr vermissen?«

Maria Elisabeth pflichtete der Frau Konsul mit einigen herzlichen Worten bei, denn auch sie hatte Hans Arnim auf ihre Art lieb gewonnen. Ja, es hatte am Anfang sogar eine Zeit gegeben, in der sie zuweilen dachte, so streng brauche er die Instruktion, die sie ihm in dem Bibliothekszimmer gab, auch nicht zu befolgen, und sie wäre ihm nicht allzu böse geworden, wenn er ihr heimlich und verstohlen doch ein klein wenig den Hof gemacht hätte. Aber an die Tage dachte sie längst nicht mehr, seitdem ihr Interesse für den schönen Hugo erwachte, seitdem sie mit dem aufrichtiges Mitleid empfand, weil er immer so traurig in die Welt 274 blickte, und ganz besonders, seitdem sie wußte, welcher Schwur auf ihm lastete. Und sie dachte jetzt bei Tisch, während das Gespräch weiterging, eigentlich nur an den Kürassier und mit Schrecken fiel ihr plötzlich ein, ebenso schnell wie Hans Arnim nun fortging, obgleich sie geglaubt habe, er würde noch lange, lange bleiben, ebenso schnell und unerwartet könne der Kürassier eines Tages abreisen. Gewiß, sie erwartete und erhoffte nichts von ihm und ihrer gegenseitigen Bekanntschaft, denn daß sie ihm als die erlösende Fee begegnen würde, war ausgeschlossen. Aber trotzdem, auch der würde ihr sehr fehlen, wenn er einmal nicht mehr hier sein sollte. Und selbst wenn er noch blieb, sie würde ihn in Zukunft nur noch selten sehen, denn daß sie, wenn Hans Arnim erst abgereist war, nicht mehr so häufig auf den Tennisplatz gehen könne, war doch klar. Nur seinetwegen erlaubte es die Frau Konsul ihr jetzt so oft, sich einen freien Nachmittag zu machen, nur seinetwegen, weil Hans Arnim die alte Dame immer aufs neue darum bat. Die schönen Stunden würden nun bald vorbei sein und schon aus diesem Grunde tat ihr Hans Arnims bevorstehende Abreise doppelt leid, so daß sie sich Mühe geben mußte, um nicht ihre geheimsten Gedanken zu verraten.

Das Mittagessen verlief heute viel weniger lustig als sonst. Die Frau Konsul war aufrichtig betrübt, und auch Hans Arnim fand seinen alten heiteren übermütigen Ton nicht, denn auch er litt darunter, daß er so bald aus diesem gastlichen Hause scheiden müsse. Das hauptsächlich auch deshalb, weil es für ihn keine Rückkehr gab, denn auf die 275 hatte Kitty verzichtet, als sie ihm letzthin erklärte: »Ich habe es mir überlegt, Herr von Kühnhausen, Ihre Strafe muß ja doch ein Ende haben und wenn Sie bis zu Ihrem Geburtstage für mich nicht ernstlich Feuer fingen, dann will ich die Hoffnung aufgeben, daß ein so hartgesottener Sünder wie Sie die Strafe jemals als solche empfinden wird.«

Über das und so manches andere dachte er nach, als er nach Aufhebung der Tafel in seinem Zimmer bei der Zigarre saß.

Wußte Kitty denn wirklich nicht, daß er schon längst lichterloh brannte, und was sollte er noch tun, um ihr das zu beweisen? Er wurde aus ihr jetzt überhaupt noch weniger klug, als bisher in den letzten Wochen, denn seitdem er ihr anbot, ihr Unterricht im Küssen zu geben, hatte sie sich ein paar Tage lang auf dem Tennisplatz gar nicht sehen lassen, und als sie endlich wieder erschien, war sie ihm zuerst völlig aus dem Wege gegangen, bis es ihm mit vieler Mühe gelang, sie wieder zu versöhnen. Dann aber war sie gegen ihn von einer Liebenswürdigkeit wie kaum je zuvor. Daß die ihr allerdings von Herzen kam, erschien ihm mehr als zweifelhaft, denn ihren Mund umspielte fortwährend ein leises triumphierendes Lächeln, das aber ganz sicher nicht ihm, sondern dem schönen Hugo galt, zu dem sie oft ihre Blicke hinübersandte, während der sich mit Maria Elisabeth unterhielt. Und dieses Lächeln schien ihm deutlich zu sagen: ›Schöner Hugo, verstelle dich nur nichts ich weiß, wie es in dir aussieht, ich brauche nur mit dem kleinen Finger zu winken, dann hast du sofort Maria Elisabeth vergessen und liegst anbetend zu meinen Füßen.‹

276 Hans Arnim grübelte, dichte Rauchwolken von sich gebend, vor sich hin, bis er wieder an die Gesellschaft dachte, die die Frau Konsul ihm freundlich angeboten hatte. Und mit einemmal wurde es ihm klar, der Abend mußte die Entscheidung bringen. Für den galt es sich irgendwas auszudenken, um zu erfahren, wie es in Wahrheit um Kitty bestellt sei. Mehr als einmal hatte er schon daran gedacht, sie in aller Form um ihre Hand zu bitten, aber er fürchtete den Korb, den sie ihm vielleicht, nein sicher, geben würden und er mußte auch immer wieder an das denken, was der schöne Hugo ihm erzählte, welch niederträchtiges Gefühl es sei, mit solchem Korb nach Hause geschickt zu werden. Trotzdem, ehe er abreiste, wollte er Kitty erklären, wie es um ihn bestellt sei, das aber mußte in einer Form geschehen, bei der sie ihre Empfindungen mehr verriet als er die seinen. Plötzlich glaubte er auch gefunden zu haben, was er suchte, allerdings noch unklar und verschwommen, aber aus der Idee, die ihm durch den Kopf schoß, konnte mit der Zeit vielleicht das Richtige werden. Allerdings, darüber täuschte er sich schon heute nicht, es war ein mehr als gewagtes Spiel, das er da trieb. Er setzte alles auf eine Karte, und wenn er verlor, dann war er nicht nur vor sich selbst, sondern vor der ganzen Gesellschaft bis auf die Knochen der Unsterblichkeit blamiert. Deshalb mußte die Gesellschaft auch so klein wie nur möglich werden. Nur zwei durfte er noch einladen, Kitty und den Kürassier. Da mußte sich alles entscheiden, und wenn er unterlag, wollte er wenigstens in Kittys Augen sich bis zum letzten Augenblick treu und, wie sie es nannte, maßlos keck geblieben sein.

277 Je länger er nachdachte, desto klarer wurde ihm nach und nach sein Vorhaben. Gewiß, es war ein mehr als starkes Stück, das er sich da leistete, aber wer nichts wagt, nichts gewinnt. Und vielleicht gelang es ihm da sogar, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Das andere Fliegenpaar hieß Maria Elisabeth und der schöne Hugo, denn daß Fräulein von Greusen für den mehr als nur ein flüchtiges Interesse hegte, das hatte er doch schon längst bemerkt. Auch heute mittag wieder, denn wenn Maria Elisabeth sich auch von ihm unbeobachtet glaubte, er hatte es doch gesehen, wie sie bei dem Gedanken an seine bevorstehende Abreise erschrak, na und daß dieses Erschrecken nicht ihm allein gegolten hatte, war doch klar.

Er grübelte vor sich hin, bis es Zeit für ihn wurde, zum Tennisplatz zu gehen. Maria Elisabeth ließ ihm sagen, sie könne heute erst etwas später kommen, aber sie würde sich draußen bestimmt einfinden. So machte er sich denn allein auf den Weg, und als er auf dem Platz ankam, fand er zu seiner Freude Kitty dort bereits vor. Die mußte ihn sogar schon erwartet haben, denn nach der ersten Begrüßung rief sie ihm gleich zu: »Sie kommen spät, Herr von Kühnhausen. Der offizielle Beginn des Flirts ist aus präzise fünf Uhr festgesetzt und jetzt ist es schon mindestens sechs Minuten nach fünf. Sie werden unpünktlich, mein Herr, und das gibt es nicht, denn wenn ich in der kurzen Zeit, die Sie noch hier sind, mein Ziel erreichen will, dann dürfen wir keine Minute verlieren. Also los, fangen Sie mit dem Hofmachen gleich an.«

»Wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein,« rief er ihr zu, 278 im stillen darüber sehr glücklich, daß sie auch heute in bester Stimmung zu sein schien, »vorher aber möchte ich Ihnen kurz noch etwas anderes sagen.« Und er erzählte ihr von dem freundlichen Anerbieten der Frau Konsul, ihm zum Abschied ein Festmahl geben zu wollen.

»Das ist ja reizend,« meinte Kitty aufrichtig erfreut, »und wenn meine Tante Ihnen erlaubt, soviel Gäste einzuladen, wie Sie wollen, machen Sie hoffentlich davon ausgiebigen Gebrauch. Je mehr, desto besser, desto lustiger wird es. Aber nein,« besann sie sich plötzlich eines anderen, »Sie dürfen auch nicht zu viele einladen, je weniger wir bei Tische sind, desto intimer kann man sich unterhalten.«

»So ähnlich hatte ich es mir auch schon gedacht,« meinte er erfreut, »Wen ich einlade, weiß ich heute natürlich noch nicht,« fuhr er ausweichend fort, »ich weiß nur so viel, daß ich Sie, gnädiges Fräulein, ganz bestimmt um ihr Kommen bitten werde, und nicht wahr, Sie werden auch erscheinen?«

»Aber das ist doch selbstverständlich,« gab sie zur Antwort, »ich werde die letzte Gelegenheit, die sich mir da bietet, um Sie in Flammen umkommen zu lassen, nicht unbenützt lassen, da kennen Sie mich schlecht. Und das sage ich Ihnen gleich, Herr von Kühnhausen, so nett wie an dem Abend werde ich nie gegen Sie gewesen sein, und anziehen werde ich mich für Sie, daß Sie wieder im stillen denken sollen: Donnerwetter, das ist doch noch mal ein Mädel, der du sagen möchtest, wie hübsch sie ist und der du Rosen unter die kleinen Füße streuen wolltest, wenn sie es nur erlaubt.«

»Warten Sie es nur ab, gnädiges Fräulein, vielleicht 279 tue ich das auch wirklich,« warf er ein. »Ich will natürlich Ihre Neugierde nicht erwecken, aber trotzdem, ich habe mir für den Abend eine Überraschung ausgedacht, die hoffentlich auch Ihnen Vergnügen bereiten wird.«

Aus Kittys hübschen dunklen Augen sprach die Neugierde nur zu deutlich heraus, aber trotzdem meinte sie jetzt: »Ich habe zur Neugierde zwar nicht das leiseste Talent, aber gerade deshalb könnten Sie mir eigentlich sagen, worin diese Überraschung besteht.«

»Doch nicht, gnädiges Fräulein,« widersprach er, »dann wäre es ja später keine Überraschung mehr und vor allen Dingen wäre es heute nur ein Zeitverlust. Wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, haben wir tatsächlich keine Minute zu verlieren, wenn Sie Ihr Ziel noch erreichen wollen. Also bitte kommen Sie, gnädiges Fräulein, setzen wir uns, wie schon so oft, drüben auf die Bank, oder hätten Sie heute einmal wieder Lust, mit mir im verschwiegenen Zimmer tête à tête zu speisen? Da könnte ich Ihnen am allerungestörtesten den Hof machen, und damit auch der Kellner nicht dazwischen kommt, können wir ja in Gedanken die Tür abschließen.«

»Das lassen Sie sich einfallen,« rief sie ihm lachend zu, »nein, daraus wird nichts, die Tür bleibt hübsch offen. Das sollte mir gerade fehlen, mich Ihnen auf Gnade oder Ungnade auszuliefern. Da würden Sie schön keck werden, und wenn ich um Hilfe rief, dann käme niemand. Nein, die gar nicht vorhandene Tür bleibt offen,« entschied sie noch einmal, »nur unter der Bedingung nehme ich Ihren Vorschlag an.«

280 So saßen sie denn wenig später auf der Bank unter dem großen Kastanienbaum, die sie ihr Chambre séparée genannt hatten, weil sie dort ganz abgesondert von den anderen waren und weil sie dort erst gesucht werden mußten, um gesehen zu werden. Auch von dem, was sie sprachen, konnte keiner etwas hören, wenn er sich nicht geradezu als Lauscher aufgestellt hätte. Und das war auch nur gut, besonders heute, denn Kitty merkte es sehr bald: was Hans Arnim ihr nun alles erzählte, war wirklich nur für sie bestimmt, denn wenn ein anderer die Worte erlauscht hätte, wäre der totensicher auf den Gedanken gekommen, sie ließe sich allen Ernstes seine Huldigungen gefallen und das Ganze sei auch von ihrer Seite viel mehr als ein Spiel. Na, es war ja genug, daß sie selber wußte, wie es um sie stand. Gewiß tat es ihr leid, daß Hans Arnim nun bald fortging, sie würde ihn doch entbehren, ihn auch sicher in den nächsten Monaten nicht vergessen, und in mancher Hinsicht war es ja auch schade, daß er nicht der schöne Hugo hieß, daß er nicht so blödsinnig viel Geld hatte wie der Andere und daß er vor allen Dingen nicht bei den Kürassieren, oder wenigstens sonst bei einem Kavallerieregiment in einer Residenz stand, sonst hätte sie ihn vielleicht doch näher darauf angesehen, ob es sich nicht der Mühe verlohne, sich in ihn zu verlieben. Und wenn die Freundin in Berlin ihr damals den Rat gab, sich als Ehemann von allen Courmachern den langweiligsten zu nehmen, weil der sich dann später wenigstens nicht mehr in der Hinsicht zu seinem Nachteil verändern könne, dann war das im allgemeinen gewiß sehr richtig, aber wenn ein Mann später langweilig wurde, lag das 281 wohl auch etwas mit an der Frau. Man mußte den Mann ganz einfach nicht in dem Glauben lassen, die Frau mit dem Tage der Hochzeit für immer erobert und gewonnen zu haben, sondern man mußte sich immer aufs neue gewinnen lassen. Der Mann mußte jede Gunst, die die Frau ihm erwies, als ein Geschenk betrachten, das er eigentlich gar nicht verdient habe, selbst mit den Küssen mußte man sehr sparsam umgehen, damit die den Reiz der Neuheit nicht verloren, und wenn sie sich auch noch so sehr danach sehnte, später von dem hübschen Kürassier geküßt zu werden, sie würde ihm nie verraten, wie gern sie sich von ihm küssen ließ.

In Träumen versunken saß sie da und wie aus weiter Ferne erklang Hans Arnims weiche, schmeichelnde Stimme an ihr Ohr. Immer wieder sang er ihr das Lied ihrer Schönheit. Wie oft hatte sie das nicht schon von ihm gehört, aber sie hörte es immer wieder gern, nicht nur, weil das ihrer natürlichen Eitelkeit schmeichelte, sondern weil er sich niemals dabei wiederholte, weil er es ihr immer in anderen Worten, oder in einer anderen Weise zu singen verstand.

Bis sie doch plötzlich aufsprang und ihm entsetzt zurief: »Nein, Herr von Kühnhausen, so dürfen Sie auch im Scherz nicht zu mir sprechen und so dürfen Sie mich auch nicht ansehen, denn ich weiß, was Sie eben im stillen dachten: sie hielten mich in Ihren Armen und küßten mich.«

»Darf ich das wirklich nicht?« bat er so leise, so warm und so innig, daß sie ihm nun plötzlich nicht mehr böse war, als er jetzt fortfuhr: »Darf ich Sie wirklich nicht einmal in Gedanken küssen? Es war ja nicht das erstemal. Und 282 wenn ich es Ihrem Verbot entgegen trotzdem täte, Sie, gnädiges Fräulein, brauchten mich doch gar nicht wieder zu küssen, wenn auch nur in Gedanken.«

Da war er nun doch wieder keck und verwegen, sogar viel mehr, als es in seiner Absicht gelegen hatte. Fast wider seinen Willen waren ihm diese Worte entschlüpft. Und dabei hatte er Kitty um Verzeihung bitten, sie ganz gewiß nichts wieder aufs neue erzürnen wollen. Und das hatte er getan, er merkte es daran, wie sie jählings die Farbe wechselte, und da mit einemmal, als ihn ein Blick aus ihren unergründlich tiefschwarzen Augen traf, da wußte er alles, glaubte wenigstens alles zu verstehen und zu wissen, warum sie es nicht duldete, daß er sie, wenn auch nur in Gedanken, küßte, warum sie neulich so erschrak und so entsetzt zusammenfuhr, als er ihr davon sprach, wie er sie küssen würde, wenn er es nur erst dürfe.

Hell loderte die Flamme der Erkenntnis in ihm auf. Aber als er Kitty ansah, verflog seine Freude, alles zu wissen, ebenso schnell, wie sie gekommen war, denn so traurig und verzagt stand sie da, daß es ihm in das Herz schnitt, bis sie nun zu ihm sagte: »Ich denke, wir gehen nun nach Hause, Herr von Kühnhausen, denn es scheint nun einmal eine üble Angewohnheit von Ihnen zu sein, daß Sie selbst in Gegenwart einer jungen Dame der Gesellschaft immer gleich Kußgedanken bekommen. Wenn Sie früher mit Ihren Freundinnen soupierten, waren solche Gelüste vielleicht angebracht, aber ich möchte solche Sehnsuchtsgefühle nicht in Ihnen erwecken. Also lassen Sie uns gehen, Herr von Kühnhausen, es wird nun ohnehin für mich Zeit, daß ich heimkomme.«

283 Das wurde es wirklich, denn Kitty wollte mit sich und ihren Gedanken allein sein. Und als sie das war, da warf sie sich in ihrem hübschen Zimmer auf die Chaiselongue, um leise und tränenlos vor sich hin zu weinen, während sie dabei erregt in ihr Taschentuch hinein biß, und während sie zugleich nach Art eines unartigen kleinen Kindes mit den Füßen in der Luft herum strampelte. Ach und sie hatte nach ihrer Ansicht auch alle Ursache, nicht nur zum Sterben traurig, sondern auch sehr böse zu sein. Sie war in den schönen Hugo verliebt und war trotzdem im Begriff, sich in einen anderen zu verlieben, wenn sie sich nicht schon in den verliebt hatte. Dabei liebte sie den hübschen Kürassier jetzt viel ernstlicher, als je zuvor. Je weniger er sich noch aus ihr zu machen schien, je mehr er ihr auswich, um sich ausschließlich Fräulein von Greusen zu widmen, umso stärker wurde die Liebe, die sie von Anfang an für ihn empfunden hatte. Er sollte und er mußte sie heiraten, sie wollte die Frau eines flotten Kavallerieoffiziers werden, mit dem sie spazieren ritt, wenn es sein mußte, auch in Herrenbridgets, obgleich sie sich mit dem Kostüm immer noch nicht recht befreundet hatte. Sie wollte später bei Hofe verkehren und sie wollte von ihm geküßt sein, von ihm allein. Aber trotzdem, als Hans Arnim ihr letzthin von der Kußstunde sprach, als sie mit geschlossenen Augen seinen Worten lauschte, um sich das Bild des Kürassiers hervorzuzaubern, da gelang es ihr auch zuerst. Ganz deutlich stand er plötzlich vor ihr, aber als er sich über sie beugte, um sie zu küssen, als ihr Mund nach diesem ersten Kuß von seinen Lippen fieberte, da stieß sie ihn doch plötzlich fast gewaltsam zurück, denn 284 er trug die Züge Hans Arnims, und ebenso war es ihr heute nachmittag gegangen, als sie Hans Arnims geheimste Gedanken erriet. Da hatte sie sich in Gedanken von dem schönen Hugo küssen lassen wollen und stattdessen war es wieder Hans Arnims Mund gewesen, der sich ihren Lippen näherte.

Kitty weinte still vor sich hin. Sollte das wirklich das Ende ihrer stolzen Träume sein, daß sie sich in einen Infanterieleutnant verliebte, daß sie den heiratete und mit dem in eine kleine, elende Garnison zog, in der jede über sie zu Gericht sitzen würde, wenn sie sich auch mal wochentags ein hübsches Kleid anzog, in einer kleinen Stadt, in der es so gut wie gar keine Theater und Zerstreuungen gab? War das das Ende und hatte sie, um das zu erreichen, wirklich erst auf Hans Arnim warten müssen? Das hätte sie früher leichter und bequemer haben können.

Aber nein, sie liebte Hans Arnim nicht und wollte ihn auch nicht lieben. Alles, was sie zuweilen für ihn zu empfinden glaubte, würde mit dem Tage vorüber sein, an dem er nun endlich die Stadt verlassen hatte. Gott sei Dank, nur noch ein paar Tage, dann war sie ihn los und sie wollte nicht die leiseste Sehnsucht nach ihm empfinden, wirklich nicht die allerleiseste. Und um ihm zu beweisen, daß sie auch sehr gut ohne seine Gesellschaft leben könne, würde sie jetzt nicht mehr auf den Tennisplatz gehen, nicht eher wieder, als bis er fort war. Das beste würde es auch sein, wenn sie die Einladung zu der kleinen Abendgesellschaft nicht annahm. Aber nein, da wollte sie doch hingehen, das war sie schon der Tante schuldig und sie war auch neugierig, 285 worin die Überraschung bestand, die er sich ausgedacht hatte. Sie durfte auch die Gelegenheit, sich einmal ganz besonders hübsch anzuziehen, nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Na und wenn sie bei Tisch neben ihm saß, dann wollte sie ihn noch einmal in sich verliebt machen, so toll, wie es ihr nur mit allen Künsten der Verführung gelang. Und dann war am nächsten Tage das Spiel aus, vorbei für immer. Gott sei Dank!

Während Kitty ihren Gedanken nachhängend auf der Chaiselongue lag, saß Hans Arnim zu Hause und versuchte, über Kitty klar zu werden. Ganz gelang ihm das auch jetzt noch nicht, obgleich er glaubte, am Nachmittag Kitty durchschaut zu haben. Aber es war nur ein Glaube, es fehlte noch die Gewißheit, und die konnte ihm erst der letzte Abend im Hause der Frau Konsul bringen. So beschäftigte er sich denn wieder mit der Vorbereitung für das kleine Fest, und als die Frau Konsul ihn am nächsten Tag, als er zufällig mit ihr allein war, fragte, ob er sich schon darüber einig sei, wieviel Personen er einzuladen gedenke, damit sie danach ihre Anstalten treffen könne, bat er um Erlaubnis, nur zwei Gäste einladen zu dürfen, Fräulein Kitty und den Kürassierleutnant von Hohenebra.

»Nur so wenige?« meinte die Frau Konsul in liebenswürdiger Weise enttäuscht, bis sie gleich darauf hinzusetzte: »Machen Sie das aber bitte ganz, wie Sie wollen, und wenn Sie für den Abend irgendwelche Wünsche haben, äußern Sie die nur dem alten Diener, oder noch besser,« rief sie ihm plötzlich zu, »wenn Sie mir einen großen Gefallen erweisen wollen, dann tun Sie so, als wenn Sie selbst das 286 kleine Fest gäben. Treffen Sie alle Arrangements, bestimmen Sie das Diner und die Weine, ordnen Sie die Ausschmückung der Tafel und alles übrige an. Besprechen Sie das mit dem Diener, nein wirklich,« setzte sie hinzu, als sie merkte, daß er ihr freundliches Anerbieten ablehnen wollte, »machen Sie mir die Freude. Da habe ich die Gewißheit, daß der Abend wenigstens in seinen Äußerlichkeiten so verläuft, wie Sie es sich wünschen. Die Sache würde auch mir Spaß machen, ich fühlte mich dann einmal in meinem eigenen Hause als Gast und wäre neugierig, was es Schönes gäbe. Ich ließe mich da ebenso wie die anderen Gäste überraschen, vielleicht denken Sie sich sogar eine wirkliche Überraschung aus.«

»Das habe ich bereits getan, gnädige Frau,« stimmte er ihr bei, »und es ist mir lieb, daß Sie schon heute davon sprechen. Da möchte ich schon jetzt die Bitte an Sie richten, gnädige Frau, sich an dem Abend über nichts, aber auch über gar nichts zu wundern.«

»Wenn Sie weiter nichts von mir verlangen,« versprach ihm die Frau Konsul voller Herzlichkeit, »dann können Sie unbesorgt sein.«

»Da bin ich beruhigt, gnädige Frau, und ich danke Ihnen vielmals. Aber ich werde Sie trotzdem später nochmals an Ihr Versprechen erinnern und Sie im Zusammenhang damit auch noch bitten, umso mehr zu lächeln, je weniger Sie manches verstehen sollten. Es wäre möglich, daß ich Ihnen eine völlig unverständliche Rede hielte, von der Sie zuerst kein Wort begreifen. Aber trotzdem bitte ich Sie, gnädige Frau, so zu tun, als wären Sie in alles 287 eingeweiht, und je geheimnisvoller die Sache wird, desto mehr müssen Sie lächeln.«

»Auch das verspreche ich Ihnen,« stimmte die Frau Konsul ihm bei, »obgleich Sie mich durch Ihre Andeutungen mehr als neugierig machen. Und schon, um nicht vielleicht doch zu früh hinter das Geheimnis zu kommen, bitte ich Sie nochmals, alles für den Abend selbst zu bestimmen. Ich habe nur den einen Wunsch, daß nicht später als um präzise sieben Uhr gegessen wird, da ich sonst des Nachts nicht schlafen kann.«

Das war mehr, als Hans Arnim zu hoffen gewagt hätte, und so nahm er denn endlich das Anerbieten mit vielem Dank an.

Und dieselbe Rede, die er der Frau Konsul gehalten hatte, hielt er am nächsten Nachmittag, als die gnädige Frau sich hingelegt hatte und als er Maria Elisabeth durch den Garten gehen sah und ihr gleich darauf folgte, auch dieser, so daß die ihn völlig verwundert fragte: »Aber was wird das nur für eine geheimnisvolle Ansprache werden, die Sie halten wollen?«

»Das weiß ich selber noch nicht, Fräulein von Greusen,« log er frisch darauf los. »Vielleicht kommt es auch gar nicht so weit, das muß sich erst noch entscheiden. Was ich sagen werde, weiß ich erst recht noch nicht, der richtige Augenblick wird mir schon die richtigen Worte eingeben. Die Hauptsache ist für mich, daß ich während des Sprechens die Fühlung mit Ihnen nicht verliere. Ich werde Sie deshalb fortwährend ansehen, und so oft ich das tue, müssen auch Sie lächeln, und wenn Sie plötzlich glauben, Hans Arnim ist wohl 288 ganz verrückt geworden, dann müssen Sie sogar ein Gesicht machen, als seien Sie, wenn auch nur vorübergehend, der glücklichste Mensch auf der Welt.«

»Aber warum denn das nur alles?« fragte Maria Elisabeth erstaunt.

»Weil ich Sie darum bitte,« gab er zur Antwort. »Das Nähere erfahren Sie schon noch früh genug, und nicht wahr, Sie erfüllen mir meine Bitte? Sonst hätte es gar keinen Zweck, die Gesellschaft überhaupt erst stattfinden zu lassen, da könnten wir die zwei Gäste ruhig wieder ausladen.«

»Das will ich natürlich unter keinen Umständen,« rief sie ihm schnell zu, »lieber werde ich mir schon alle Mühe geben, fortwährend zu lächeln, und wenn ich es doch einmal unterlassen sollte –«

»Dann gebe ich Ihnen einen heimlichen Rippenstoß, oder erinnere Sie sonst irgendwie an Ihre Zusage,« fiel er ihr übermütig in das Wort, »im übrigen freut es mich außerordentlich, daß die Gesellschaft nun vor sich gehen kann. Eine Absage hätte mir auch schon für Herrn von Hohenebra sehr leid getan, der morgen seinen Besuch machen wird und der sehr glücklich ist, die liebenswürdige Frau Konsul, von der ich ihm soviel erzählte, nun doch noch vor seiner Abreise kennen zu lernen, denn das wissen Sie natürlich längst, Fräulein von Greusen, daß auch der in der nächsten Woche fortgeht?«

Das war das Erste, was Maria Elisabeth darüber hörte. Der Kürassier hatte ihr mit keiner Silbe davon gesprochen. Warum tat er das nicht? Hielt er das nicht der Mühe wert, weil er in ihr vielleicht doch weiter nichts als nur die 289 Gesellschafterin sah, die keine besondere gesellschaftliche Rücksichtnahme erforderte, oder hatte er es ihr verschwiegen, um sie dadurch nicht früher zu betrüben, als es unbedingt nötig war? Oder schwieg er, weil auch ihm das Abschiednehmen schwer fiel? Tausend Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf. so daß sie sich, um sich nicht zu verraten, schnell bückte, um ein paar Blumen zu pflücken. Und immer noch knieend, das Gesicht dem Beet zugewandt, rief sie Hans Arnim zu: »Also Herr von Hohenebra reist auch? Ich kann mich im Augenblick nicht darauf besinnen, daß er mir davon sprach, aber trotzdem kommt mir die Nachricht nicht überraschend. Es sind in der letzten Zeit so viele Kriegsurlauber fortgefahren, da konnte doch auch Herr von Hohenebra nicht ewig bleiben.«

Das klang so ruhig und so gelassen, wie nur möglich, aber daß Maria Elisabeth sich immer noch an dem Blumenbeet zu schaffen machte, nur, um ihm ihr Gesicht nicht zeigen zu müssen, bewies ihm ja zur Genüge, wie seine Worte sie erregt, vielleicht sogar erschreckt hatten. Und um ihr zu ersparen, ihm nicht ihre geheimsten Gedanken zu verraten, meinte er nun plötzlich: »Herrgott, da fällt nur eben ein, ich muß ja noch Fräulein Nanny um eine Gefälligkeit bitten, wollen Sie mich also bitte entschuldigen?«

Natürlich hörte Maria Elisabeth sofort heraus, daß dies nur ein Vorwand sei, um sie allein zu lassen, aber sie war ihm dafür dankbar, daß er nicht weiter den Versuch machen wollte, sich mit ihr über gleichgültige Dinge zu unterhalten, während sie nur das eine beschäftigte: Auch Herr von Hohenebra fährt nun schon in der nächsten Woche.

290 So hielt sie ihn denn nicht zurück, als er sich gleich darauf entfernte und in das Haus ging, nicht nur, wie sie vermutete, aus Rücksicht auf sie, sondern weil er Nanny wirklich etwas sagen wollte, und so dachte er im stillen belustigt: »Na, die Nanny wird aber Augen machen, wenn ich heute endlich tatsächlich mal nach ihr klingle. Die wird sicher glauben, ich hätte mich eines anderen besonnen und wolle ihr nun endlich den Kuß geben, nach dem sie schon so lange giepert.

So klingelte er denn, als er das Zimmer betreten hatte. Er klingelte einmal, zweimal, fünfmal und dann noch sechsmal, aber die Nanny kam nicht. Die erschien erst am nächsten Nachmittag wieder, als er nicht nach ihr geklingelt hatte. »Na, Fräulein Nanny,« begrüßte er sie, »sind Sie auch mal wieder da? Das ist aber hübsch von Ihnen, ich habe Sie bereits gestern voller Sehnsucht erwartet. Sehen Sie sich nur mal meinen rechten Zeigefinger an, der ist ganz platt gedrückt, wie ein Infanteriegeschoß, das gegen eine Steinmauer schlug, derartig habe ich auf dem Knopf der elektrischen Klingel herumgedrückt, aber wer nicht hörte, das war Fräulein Nanny.«

Die sah ihn ganz verdutzt an, bis sie ihm zurief: »Da habe ich mich also doch nicht getäuscht. Natürlich hörte ich das Klingeln, aber da der Herr Oberleutnant das noch nie taten, glaubte ich, die Glocke ginge von selbst. Da habe ich sie abgestellt und den Elektrotechniker antelephoniert, damit der sie wieder in Ordnung brächte.«

»Das haben Sie ja sehr schlau gemacht, Fräulein Nanny,« belobte er sie, »na ich freue mich, daß Sie heute wenigstens 291 mal wieder da sind, und ich werde wohl auch bald erfahren, was mir das Vergnügen Ihres Besuches verschafft.«

»Nichts Besonderes, Herr Oberleutnant,« meinte Nanny knicksend, »ich wollte mich nur mal wieder nach dem Herrn Oberleutnant umsehen. Der Herr Oberleutnant reisen ja nun bald leider Gottes ab. Unter uns gestanden, ich mag gar nicht daran denken, aber trotzdem wollte ich fragen, ob ich mich heute vielleicht irgendwie nützlich machen könnte?«

»Ausnahmsweise ja,« erklärte Hans Arnim ihr. »Als ich gestern meine Oberhemden von der Waschfrau zurückerhielt, sah ich zu meinem Leidwesen, daß die Frau anscheinend keine Knöpfe leiden kann. Die hat sie wenigstens alle abgerissen, und wenn Sie mir die wieder annähen wollten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

»Das wäre alles?« meinte Nanny enttäuscht. »Weiter hätten der Herr Oberleutnant keine Wünsche und Befehle? Im stillen hatte ich etwas anderes erwartet, denn der alte König erzählte in der Küche, der Herr Oberleutnant planen für die Abschiedsfeier eine Überraschung. Da hatte ich gehofft, daß ich mich dabei vielleicht nützlich machen könne, denn Überraschungen sind für mich das Schönste, was es auf der Welt gibt.«

»Wenn die glücken, ja,« stimmte Hans Arnim ihr bei, »aber wenn sie schief gehen, dann sind sie sehr aasig. Aber gleichviel. da Sie mir nun einmal Ihre Dienste anboten, da könnten auch Sie mir vielleicht helfen.«

»Ach, Herr Oberleutnant,« knickste Nanny hocherfreut, »das wäre zu schön, wenn ich das dürfte.«

»Es kommt in diesem Falle mehr darauf an, ob Sie es 292 auch können,« gab Hans Arnim zurück, und ganz plötzlich und unvermittelt fragte er: »Sagen Sie mal, Fräulein Nanny, verstehen Sie, zu lauschen und zu horchen?«

»Mit dem Ohr an der Tür und mit einem Auge am Schlüsselloch?« fragte Nanny ihn nun ihrerseits.

»So meinte ich das,« pflichtete Hans Arnim ihr bei, »wie steht es also in der Hinsicht mit Ihren Kenntnissen?«

Da richtete sich Fräulein Nanny stolz auf und ihn mit einem ganz beleidigten Gesicht ansehend, rief sie ihm zu: »Ich habe dem Herrn Oberleutnant doch schon so oft erklärt, ich bin ein durch und durch anständiges Mädchen, aber das nicht allein, ich bin auch ein perfektes erstes Zimmermädchen, und wenn ich da nicht mal das Horchen gelernt hätte, täte ich mir selber leid, denn da würde ich nie eine gute Stellung bekommen. Hier im Hause ist es etwas anderes, die Frau Konsul hat für ihre lieben Mitmenschen so gut wie gar kein Interesse, sie ist absolut nicht neugierig, aber in meinen anderen Stellungen, da wollte die gnädige Frau immer alles von meiner früheren Gnädigen wissen, und je mehr ich zu erzählen wußte, desto besser stand ich mich. Ja, Horchen und Lauschen muß man heutzutage können, wenn man vorwärtskommen will.«

»Na, da kann ich mich ja in der Hinsicht auf Sie verlassen,« meinte Hans Arnim im stillen belustigt, »dann passen Sie nun mal auf. Ich werde an dem Gesellschaftsabend eine kleine Rede halten, zuerst von meinem Platze aus, dann werde ich um den Tisch herumgehen und mit den anderen Herrschaften anstoßen. Ich werde mich dabei stets so zu stellen wissen, daß Sie mich durch das 293 Schlüsselloch der Tür, die von dem Eßzimmer in das sogenannte gelbe Zimmer führt, beobachten können, und wenn Sie sehen, daß ich Ihnen mit dem Taschentuch winke, während ich Ihnen gleichzeitig das Stichwort zurufe – was ein Stichwort ist, werden Sie doch sicher wissen, Fräulein Nanny,« unterbrach Hans Arnim sich.

»Selbstverständlich,« pflichtete Nanny ihm schnell bei, »ein Stichwort ist das, was der Souffleur aus seinem Kasten den Schauspielern zuruft, wenn sie nicht weiter wissen, und was die meistens so laut schreien, daß man es selbst auf der Galerie hört.«

»Sehr richtig.« meinte Hans Arnim lachend, »aber man versteht unter dem Wort für gewöhnlich doch etwas anderes,« – das erklärte er ihr, während er ihr im Anschluß daran nähere Anweisung über den Dienst gab, den sie ihm leisten solle, bis er zum Schluß meinte: »Aber eins sage ich Ihnen schon heute, Fräulein Nanny, wenn Sie von alledem in der Küche, oder gegen die gnädige Frau, oder gegen Fräulein von Greusen auch nur die leiseste Silbe verraten, sind wir für immer geschiedene Leute, dann ist es tatsächlich nichts mit dem Kuß, zu dem Sie schon so oft Ihr kleines Mäulchen spitzten.«

»Aber Herr Oberleutnant,« verteidigte Nanny sich kokett, »ich bin doch ein anständiges Mädchen, sollten sich der Herr Oberleutnant mit dem Kußmäulchen nicht nur etwas eingebildet haben? Ich bin sonst in der Hinsicht kein Unmensch, und wenn gerade der Herr Oberleutnant mir die Ehre erweisen wollten, würde ich so still halten wie nie zuvor in meinem Leben.«

294 »Das ist sehr brav von Ihnen,« lobte Hans Arnim sie, »und wenn alles so kommt, wie ich hoffe, sollen Sie auch Gelegenheit finden, sich in dem Stillhalten zu üben. Es soll mir da in der Freude meines Herzens auf einen Kuß mehr oder weniger nicht ankommen, aber nur unter der Bedingung, daß Sie über alles, selbstverständlich auch über den Kuß, der Ihrer harrt, das tiefste Stillschweigen bewahren.«

»Wenn es weiter nichts ist,« meinte Nanny, »von mir erfährt kein Mensch etwas, denn Geheimnisse zu haben, ist für mich das Schönste, was es auf der Welt gibt.«

Über den Punkt war Hans Arnim wesentlich anderer Ansicht, denn er kam in den nächsten Tagen aus den Geheimnissen gar nicht mehr heraus. Er mußte alles mögliche mit dem Diener, mit dem Gärtner, ja auch sogar mit der Köchin besprechen, die ihn im Auftrage der Frau Konsul aufsuchte. Und auch außerhalb des Hauses hatte er geheimnisvolle Gänge zu machen, bis er endlich in der kleinen Stadt gefunden hatte, was er suchte. Und dann war der Abend da, an dem er offiziell bereits heute seinen Geburtstag feierte. Das Fest konnte losgehen. Der Kürassier hatte vor ein paar Tagen seinen Besuch gemacht und war, wie er Hans Arnim erklärte, ganz begeistert von der liebenswürdigen Frau Konsul, das auch wohl deshalb, weil er bei dem Besuch Fräulein von Greusen angetroffen hatte, mit der er sich lange unterhielt. Der schöne Hugo hatte ihm erklärt, er könne den Augenblick kaum erwarten, an dem er sich in diesem gastlichen Hause an die festlich geschmückte Tafel setzen würde, und Hans Arnim erging es, wenn auch aus 295 anderen Gründen, ebenso. Aber er war vor Aufregung derartig nervös, daß er sich im letzten Augenblick noch schnell eine halbe Flasche Sekt in sein Zimmer bringen ließ, um seine Nerven zu beruhigen und um sich Mut zuzutrinken. Das gelang ihm auch, denn als er den Empfangssalon betrat, hatte er sich völlig in der Gewalt. Er fühlte sich fröhlich und guter Dinge und sah dem Kommenden mit der größten Ruhe entgegen.

Wohl fünf Minuten mußte er noch warten, bis seine ersten Gäste, die Frau Konsul und Fräulein von Greusen erschienen. Seiner Rolle gemäß eilte er den beiden Damen entgegen, um sie zu begrüßen, während er zugleich seiner großen Freude Ausdruck gab, daß sie seiner Einladung gefolgt wären. Die Frau Konsul und auch Maria Elisabeth gingen in lustiger Weise auf seinen Ton ein, so daß gleich eine harmlose fröhliche Stimmung herrschte, als sie nun plaudernd zusammenstanden und als Hans Arnim diese Zeit benutzte, um Maria Elisabeth, die wahrhaft pompös aussah, immer aufs neue zu bewundern. Na, dachte er im stillen, da wird der schöne Hugo nachher ganz aus der Tüte geraten, hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich!

Gleich darauf wurde der schöne Hugo gemeldet. Der erschien zur Feier des Abends im vollen Schmuck seiner Waffen und sah in der großen Uniform wirklich tadellos aus, so daß Haus Arnim es nun doch für einen Augenblick mit der Angst bekam, ob es ihm wirklich gelingen würde, die Konkurrenz auszustechen.

Erst im letzten Augenblick erschien Kitty. Die hatte Wort gehalten und war so hübsch und verführerisch 296 angezogen, daß Hans Arnim sein Herz ganz laut schlagen hörte, als er ihr nun zum Willkommen die Hand bot und auch ihr für ihr Erscheinen dankte. Aber Kitty wehrte ab: »Da gibt es nichts zu danken, Herr von Kühnhausen, ich mußte doch kommen, und selbst die stärksten Kopfschmerzen, oder sonst irgendein Leiden, hätten mich nicht zurückhalten können, Sie wissen ja, was ich mir für heute abend vorgenommen habe.«

»Ich weiß,« bestätigte er ihr, »und ich will uns beiden wünschen, daß es Ihnen gelingt.«

»Weshalb mir auch?« fragte sie erstaunt.

Er sah sie mit seinen hübschen Augen anscheinend nur gleichgültig an, dann meinte er: »Warum? Aus einem sehr einfachen Grunde, gnädiges Fräulein. Ich versetze mich in Ihre Richterseele hinein und kann es mir nicht sehr schön und erhaben denken, wenn man merken muß, daß die verhängte Strafe ihre Wirkung verfehlt, daß der Sünder immer neue Mittel und Wege fand, der zu entgehen. Da wünsche ich also auch Ihnen, gnädiges Fräulein, für den heutigen Abend einen vollen Erfolg.«

»Und den wünsche ich Ihnen, nein mir, erst recht,« stimmte sie ihm lustig bei, dann aber wollte sie sich wieder den anderen zuwenden, da sie, wenn auch unbeabsichtigt, bei der Begrüßung mit Hans Arnim ein paar Schritte beiseite getreten war, als der alte Diener eintrat, um Hans Arnim zu melden, daß serviert sei.

Der klatschte in die Hände: »Zu Tisch, meine Herrschaften, zu Tisch,« Und dann bot er der Frau Konsul den rechten Arm, Maria Elisabeth den linken und schritt der 297 Tür des Eßzimmers entgegen, um plötzlich über die Schulter hinweg den beiden anderen zuzurufen: »Verzeihen Sie, lieber Hohenebra, ich vergaß ganz, Sie sind wohl so liebenswürdig, Fräulein Bachhof zu Tisch zu führen?«

Die beiden hatten den voranschreitenden Dreien mit einem völlig verdutzten Gesicht nachgesehen, denn sie hatten sich die Sache zu Hause wesentlich anders gedacht. Kitty nahm es als selbstverständlich an, daß sie neben Hans Arnim sitzen würde, ja, sie hatte im stillen mit der Möglichkeit gerechnet, daß der in seiner maßlosen Keckheit es wieder wagen würde, mit ihr zu fußeln, und sie hatte sich für diesen Fall schon einen energischen Tritt auf seinen Fuß als Antwort zurecht gelegt. Nun würde sich ihr zu dem keine Gelegenheit bieten.

Und wie Kitty zu Hause in Gedanken neben Hans Arnim gesessen hatte, so der Kürassier neben Fräulein von Greusen. Der schöne Hugo traute seinen Augen nicht, als Hans Arnim mit der davonging, und am liebsten hätte er dem nachgerufen: »Aber Verehrtester, das gibt es nicht, weshalb haben Sie mich denn eingeladen? Nur, um gut zu essen und zu trinken? Das hätte ich in einem Restaurant auch haben können.«

Der Kürassier machte ein so verheddertes Gesicht, daß Kitty, obgleich ihr eigentlich nicht danach zumute war, um ein Haar hell aufgelacht hätte, bis sie sich dann darüber ärgerte. Die Freude des schönen Hugo, gerade sie heute abend zu Tisch führen zu dürfen, schien nicht allzu groß zu sein. Das verletzte sie in ihrem Empfinden, ließ sie ernstlich befürchten, daß er seine Gunst doch wirklich Maria Elisabeth 298 zugewandt habe. Na, aber das würde sich bald wieder geben, morgen fuhr Hans Arnim endlich fort und damit begann für sie alle wieder das alte Leben. Dann wollte sie auf den Freierfang ausgehen und nur zu bald würde der Kürassier in ihren Netzen zappeln. Und als Einleitung dazu war es vielleicht sehr gut, daß der Kürassier schon heute abend von Maria Elisabeth getrennt wurde.

Einen Augenblick standen die beiden noch verwirrt da, dann bot der schöne Hugo ihr den Arm: »Wenn ich also bitten dürfte, gnädiges Fräulein.«

Die anderen schienen vor der geschlossenen Tür des Eßzimmers auf sie gewartet zu haben, wenigstens gab Hans Arnim erst jetzt dem Diener einen Wink, die Tür zu öffnen und als der das nun tat, da entschlüpfte ihnen allen ein Ausruf der Verwunderung und des Entzückens. Das ganze Eßzimmer war in verschwenderischer Weise mit dunkelroten Rosen geschmückt, überall standen die in Vasen herum, aber das nicht allein, Girlanden von dunkelroten Rosen verdeckten die elektrischen Glühkörper und zogen sich von der Decke zu der Tafel herab.

Kitty mußte unwillkürlich sofort an die erste Unterhaltung zurückdenken, die Hans Arnim mit ihr draußen auf dem Tennisplatz führte, als sie bei der Gelegenheit an seiner Seite an der Tafel Platz nahm, die seine Phantasie ihnen beiden vorzauberte. Da war der Tisch genau so geschmückt gewesen wie jetzt.

»Das also war die Überraschung, die er vorhatte und von der er mir sprach,« dachte Kitty im stillen. Sie wußte, nur ihretwegen hatte er das getan, und sie freute sich 299 aufrichtig darüber. Es war das eine neue Huldigung, die er ihr brachte, ganz sicher die letzte, aber gerade deshalb fand sie die besonders hübsch.

Hans Arnim hatte an einer länglichen Tafel decken lassen. An der oberen schmalen Seite saß die Frau Konsul allein, zu ihrer Rechten Hans Arnim, neben ihm Fräulein von Greusen, dieser gegenüber Kitty neben dem Kürassier, der zur Linken der Frau Konsul saß, während der Platz ihr gegenüber leer war, sodaß die beiden jungen Damen nur an einer Seite einen Tischherrn hatten. Zwar war der leere Platz durch ein großes Blumenarrangement verdeckt, aber das schien die Frau Konsul ein klein wenig zu stören, denn sich an Hans Arnim wendend, meinte sie jetzt in ihrer liebenswürdigen Weise: »Es ist wirklich alles ganz wunderhübsch bei Ihnen, mein lieber Herr von Kühnhausen, ich habe lange nicht an einer so geschmackvoll dekorierten Tafel gesessen, aber trotzdem, warum haben Sie nicht an einem runden Tische decken lassen? Das wundert mich eigentlich.«

Das war natürlich absichtlich nicht geschehen und so bat Hans Arnim jetzt: »Darf ich Sie an Ihr Versprechen erinnern, gnädige Frau, sich heute abend über nichts zu wundern, sondern nur zu lächeln, wenn es erst so weit ist?«

»Gewiß, gewiß, das werde ich beides tun,« stimmte sie ihm bei.

»Dann bin ich beruhigt,« gab er zur Antwort, um gleich darauf, als das Servieren begann, sich mit ein paar Worten an seine Gäste zu wenden: »Ich bitte sehr um Verzeihung, meine Herrschaften, daß ich Ihnen vor dieser Tasse Bouillon 300 nicht noch erst einen anderen Gang als Einleitung reichen lasse, aber Austern gibt es jetzt bekanntlich nicht, tadelloser Kaviar ist durch den Krieg und in dieser Jahreszeit auch nicht zu haben, der Hummer ist schließlich am Abend nicht jedes Magens Sache. Ich hoffe, Sie werden aber im weiteren Verlauf des Soupers doch noch zufrieden sein. Ich möchte mir schon jetzt erlauben, Sie auf den Damwildbraten aufmerksam zu machen, der nachher erscheinen wird. Die Köchin hat sich mir gegenüber verpflichtet, daß der einfach ein Gedicht sein soll, von dem Sie sich alle zweimal nehmen, und ich hoffe, daß das auch der Fall sein wird.«

Auch ohne daß er bei diesen Worten Kitty angesehen hätte, wußte die sofort, daß er diesen Damwildbraten nur ihretwegen servieren ließ, weil er ihr gerade dieses Gericht bei dem ersten Phantasiediner so empfohlen hatte. Sollte auch das mit zu der Überraschung gehören, von der er sprach? In der Hinsicht hatte sie etwas Originelleres von ihm erwartet und so empfand sie nun eine leise Enttäuschung. Aber davon ganz abgesehen, wenn er das Diner genau so gab, wie er es ihr damals vorzauberte, warum saß sie da nicht auch wie an jenem Nachmittag neben ihm? Er wußte doch, was sie sich für heute abend vornahm. War es nun Feigheit von ihm, daß er der Gefahr und der Versuchung, die seiner harrte, dadurch entgehen wollte, daß er ihr diesen Platz anwies? Aber nein, das sah ihm nicht ähnlich, er mußte etwas anderes damit bezwecken, aber sie wurde vorläufig noch nicht daraus klug.

Und ebensowenig wie Kitty, verstanden Maria 301 Elisabeth und der schöne Hugo ihn. Beide dachten: Warum hat Hans Arnim uns nicht nebeneinandergesetzt, er weiß, wie gern wir uns stets miteinander unterhielten, da hätte er uns die letzte Gelegenheit zu einer Aussprache nicht nehmen sollen.

Mit Ausnahme der Frau Konsul waren Hans Arnims Gäste mehr als enttäuscht, aber nur, um das nicht zu verraten, wurden sie, als sie erst ein paar Glas Sekt getrunken hatten, nach außen hin desto lustiger. Kitty legte es darauf an, den Kürassier dahin zu bringen, daß der ihr den Hof machte, und es amüsierte sie köstlich, wie er auch allmählich damit anfing, wie er aber trotzdem fortwährend zu Fräulein von Greusen hinüberschielte, als wolle er der zurufen: »Um Gottes willen, seien Sie mir deshalb nur nicht böse, mein Herz weiß nichts davon, was meine Lippen reden.« Zuerst belustigte sie das wirklich, dann aber fing sie an, sich darüber zu ärgern, daß er immer wieder zu Fräulein von Greusen hinsah, das umso mehr, als sie ja deutlich sah, wie Hans Arnim der den Hof machte, wie er ihr fortwährend ein paar leise Worte zuflüsterte und wie Maria Elisabeth aus dem Lachen oder aus dem Lächeln gar nicht mehr herauskam. Und was hatte es zu bedeuten, daß ihre Tante die beiden fortwährend beinahe glückselig lächelnd ansah? Mit einemmal glaubte sie es zu wissen. Die beiden da drüben hatten die ganzen letzten Wochen hindurch ein Spiel mit ihr getrieben. Die steckten unter einer Decke, sie liebten sich gegenseitig und hatten es verstanden, sich meisterhaft zu verstellen. Nur um keinen Argwohn aufkommen zu lassen, hatte Maria Elisabeth es geduldet, daß der Kürassier 302 ihr fortwährend den Hof machte, und Hans Arnim, dieser nicht nur wahnsinnig kecke, sondern auch schlechte Mensch, hatte nur dem Scheine nach so getan, als ob er ihr, Kitty, huldige. Deshalb also hatte er gar nicht ernstlich Feuer gefangen! Nun fiel ihr auch das Wort wieder ein, das er ihr vorhin bei der Begrüßung zurief: Er wünsche auch ihr für den heutigen Abend einen vollen Erfolg. Nun verstand sie erst, daß er die Worte spöttisch und ironisch meinte. Er hatte sich über sie lustig gemacht und das sicher nicht nur heute, sondern an all den anderen Nachmittagen, wenn er neben ihr saß und ihr das Lied ihrer Schönheit sang.

So also war alles gemeint gewesen! Kittys kleines Herz zuckte krampfhaft zusammen. Gewiß, sie liebte ihn nicht, sie würde ihn auch niemals lieben, aber trotzdem, das hatte sie nicht um ihn verdient, daß die beiden jetzt, wie sie es bemerkte, miteinander anstießen und sich dabei lachend in die Augen sahen.

Und die Tante hatte von allem Bescheid gewußt! Es war unerhört, wie die fortwährend lächelnd zu den beiden hinüberblickte. Na, so viel wußte sie, mit der Tante war sie fertig für immer, zu der kam sie nie wieder in das Haus, denn es wäre einfach deren Pflicht gewesen, ihr zuzurufen: »Weißt du schon, Kitty, Fräulein von Greusen und Hans Arnim lieben sich, und ich hoffe, daß die beiden ein Paar werden.« So hätte die Tante zu ihr sprechen müssen, warum war die sonst ihre Tante? Die hätte ihr die Augen öffnen sollen, dann hätte sie ihre eigene Zeit besser verwenden können, als zu versuchen, Hans Arnim in sich verliebt zu machen, wie sie jetzt einsah, ohne den geringsten Erfolg.

303 Ihr kleines Herz krampfte sich immer mehr und mehr zusammen, aber dann erwachte ihr Stolz. Dieser Hans Arnim verdiente es gar nicht, daß sie sich um den auch nur eine Sekunde dumme Gedanken machte. Die Männer waren alle so schlecht, so furchtbar schlecht. Die taugten alle nichts, und wenn Maria Elisabeth wirklich auf Hans Arnim hineinfallen sollte, dann würde die später an dem eine nette Enttäuschung erleben! Die Männer waren keinen Schuß Pulver wert, höchstens der Kürassier bildete eine Ausnahme, weil der nicht so klug und so gerissen war wie dieser Hans Arnim. Na, der sollte es nach Tisch nur mal wagen, sie anzusprechen, dem würde sie schön heimleuchten. Bis sie sich schnell eines anderen besann. Nein, den Triumph durfte sie ihm nicht gönnen, daß sie ihm verriet, wie sie über sein Verhalten dachte. Es hatte nur ein Spiel zwischen ihnen beiden sein und bleiben sollen und so mußte sie höchstens darüber lachen, daß er sie genasführt hatte und mußte so tun, als habe sie das schon längst gewußt, als habe sie sich nur dumm angestellt, um ihm zu beweisen, wie dumm er war, als er sich einbildete, sie täuschen zu können. Und damit er ihr auch später ihre Lustigkeit glaubte, mußte sie schon jetzt lustig werden. Leicht fiel es ihr nicht, aber es mußte sein und schließlich gelang es ihr auch, wenn sie auch selber merkte, daß ihr Heiterkeit etwas Gezwungenes hatte. Aber die anderen schienen das glücklicherweise nicht zu ahnen. Die lachten nun über ihre Scherzworte mit und ihr Lachen steckte auch die anderen an. Namentlich Hans Arnim kam aus dem Lachen gar nicht heraus und das klang so froh, so 304 glücklich und so heiter, wie sie es noch nie von ihm gehört hatte.

Das Souper nahm seinen Fortgang, bis dann der Damwildbraten erschien. Die Köchin hatte Wort gehalten, der war wirklich ein Gedicht, doch wie es kam, wußte Kitty selber kaum, aber ihr schmeckte der Braten gar nicht. Ja, der verursachte ihr beinahe Ekel und Widerwillen. So wollte sie den Teller jetzt beiseite schieben, als sie Hans Arnims Blicke auf sich gerichtet fühlte. Da machte sie doch den Versuch, weiterzuessen, denn der sollte sich um Gottes Willen nicht einbilden, daß ihr der Braten damals nur deshalb besser schmeckte, weil er dabei an ihrer Seite saß. Und selbst während sie nun langsam einen Bissen nach dem anderen zum Munde führte, wandte Hans Arnim keinen Blick von ihr ab, bis er jetzt an sein Glas schlug und sich gleich darauf erhob.

»Jetzt kommt die Überraschung,« dachte Kitty im stillen und so sah sie voller Erwartung zu Hans Arnim hinüber.

Der hatte während der ganzen Zeit, die sie bei Tisch saßen, Kitty beständig beobachtet, wenn auch in so unauffälliger und geschickter Weise, daß sie selbst es nicht bemerkte. Und er hatte es verstanden, ihre geheimsten Gedanken zu erraten, das schon deshalb, weil Kitty ihm das ziemlich leicht machte. Er sah ihre Enttäuschung, als er ihr nicht den Arm bot, er bemerkte, wie sie sich heiter und lustig zu stellen versuchte, er hörte an ihrer Heiterkeit und an ihrem Lachen, wie wenig ihr danach in Wahrheit zumute war, er erkannte in ihren Zügen den Ausdruck der Eifersucht, 305 wenn er sich Maria Elisabeth widmete und wenn er die anlächelte.

Das alles stimmte ihn so glücklich wie nie zuvor. Nun wußte er, er war seines Sieges gewiß, aber Kitty sollte dafür büßen, daß die sich so lange gesträubt hatte, ihm zu verraten, daß auch sie ihn liebe, weil sie sich immer noch einbildete, in den schönen Hugo verliebt zu sein.

Aber wenn er auch den sicheren Sieg vor sich sah, einen Augenblick zögerte er nun doch noch, bis er zu sprechen begann: »Meine sehr verehrten, lieben und hochgeschätzten Gäste! Es ist der Wille der liebenswürdigen Hausfrau, daß ich Sie meine Gäste nenne. Da danke ich Ihnen allen zunächst nochmals für Ihr Erscheinen und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß Sie später alle gern an den heutigen Abend zurückdenken werden. Ich werde es wenigstens tun, schon weil der für mich den Abschluß einer unbeschreiblich schönen Zeit bedeutet, die ich hier in diesem Hause verleben durfte. Mich heute für alles zu bedanken, was mir hier Liebes und Gutes erwiesen wurde, ist jetzt nicht die Stunde, denn da würde ich vergessen müssen, daß ich mich heute hier nicht selbst als Gast betrachten darf. Nicht von dem darf ich reden, was als Ausdruck tiefsten Dankes mein Herz bewegt, sondern von anderen Dingen. Und da muß ich Ihnen zunächst ein Geständnis machen, oder noch richtiger gesagt, ich möchte, obgleich wir sicher alles gute Protestanten sind, vor Ihnen die Ohrenbeichte ablegen und im voraus von Ihnen die Verzeihung meiner Sünden erbitten.«

War es Absicht oder Zufall, daß Hans Arnim nun eine 306 kleine Pause machte? Das wußte Kitty natürlich nicht, aber sie zuckte bei seinen Worten zusammen, denn was er da als Einleitung sagte, war fast dasselbe, was er ihr auf der Straße zurief, bevor er ihr die Rosen unter die Füße streute. Da legte er auch vor ihr die Ohrenbeichte ab, weil er so keck gewesen war, am Stammtisch zu behaupten, er betrachte sich bereits als heimlich verlobt. Was würde er nun wieder zu gestehen haben?

»Ja, meine Herrschaften,« wandte sich Hans Arnim nun an die Frau Konsul und an Fräulein von Greusen, um diese an ihre Pflicht zu erinnern, »lächeln Sie nur immer weiter, weil Sie mir noch nicht glauben und weil Sie in Ihrer Güte mir vielleicht gar keine Sünden zutrauen. Aber die habe ich doch begangen und ich will auch offen erklären, worin die bestanden: Ich habe gelogen und ich war dumm. Das letztere bedrückt mich am meisten. Und wenn Sie auch nicht alles verstehen werden, was ich damit meine, so sei es dennoch gesagt. Meine Lüge bestand darin, daß ich vor Wochen einmal behauptete, bereits heimlich verlobt zu sein, meine Dummheit aber war die, daß ich an meine eigenen Worte glaubte, weil ich noch nicht wußte, was ich heute erfahren habe, daß ich damals schon alle Ursache, ja, daß ich sogar schon das Recht besaß, mich offiziell als Verlobter zu betrachten. Ja, meine Herrschaften, lachen oder lächeln Sie mich nur ruhig aus, ich verspreche feierlichst, auch nie wieder so dumm sein zu wollen. Nun aber bitte ich Sie, da ich selbst das Hoch ausbringen muß, mit mir einzustimmen in den Ruf: Hans Arnim von Kühnhausen, früher zuweilen ohne jeden Grund der maßlos Kecke genannt, er 307 und seine über alles geliebte Braut leben hurra, hurra, hurra!«

Während seiner Rede hatte er keinen Blick von Maria Elisabeth abgewandt und die hatte ihm fortwährend zugelächelt, nicht nur, weil er sie darum gebeten hatte und sie von Zeit zu Zeit heimlich mit dem Fuß anstieß, sondern weil sie den Eindruck bemerkte, den seine Worte auf den Kürassier machten. Der schien allen Ernstes zu glauben, was Hans Arnim von seiner Braut erzählte, bezöge sich auf sie, sie habe Hans Arnim längst geliebt und es ihm erst heute gestanden. Und mit immer größer werdender Freude sah sie, wie der schöne Hugo darunter litt. Der wurde immer blasser und blasser, sein Gesicht nahm einen ganz entsetzten, fast leblosen Ausdruck an, und so traurig und melancholisch wie jetzt hatte er sie noch nie angesehen. Aber das nicht allein, in dem Augenblick, da sie es dem Kürassier anmerkte, daß der sie nun für immer zu verlieren glaubte, da fühlte sie erst selbst, wie gut sie ihm war, und wenn sie sich auch tausendmal eingeredet hatte, schon weil sie selber arm sei, dürfe sie ihn nicht erhören, jetzt dachte sie nur an ihn und an die Liebe, die er für sie empfand und die sie erwiderte.

Und sie lächelte auch noch aus einem anderen Grunde, weil sie als einzige Hans Arnim sehr bald durchschaute, sie wußte, warum er nicht Kitty als Tischdame erwählte, weshalb er bisher kaum zehn Worte mit ihr sprach, warum er fortwährend mit ihr, statt mit Kitty kokettierte, denn wenn sie mit ihm in all den Wochen nie auf seine Äußerung zurückgekommen war, er betrachte sich bereits so gut wie 308 verlobt, ja, wenn sie sich stets so gestellt hatte, als habe sie von dieser seiner Bemerkung nie etwas gehört, sie hatte damals gleich verstanden, auf wen seine Worte gemünzt waren. Und sie sah es doch noch deutlicher, als die anderen, wie er sich um Kitty bewarb. Nun wollte er sie heute dafür strafen, daß sie ihn so lange hatte zappeln lassen, und wollte durch eine Überrumpelung ihr Herz und ihr Wort gewinnen. So stimmte denn Maria Elisabeth ebenso wie die Frau Konsul hell und laut in das Hurra ein, während des Kürassiers und Kittys Stimme kaum zu hören waren. Aber das schien Hans Arnim gar nicht zu bemerken, er stieß mit Maria Elisabeth an, um ihr dabei glückselig lachend in die Augen zu sehen, und sie erwiderte diesen Blick, als wäre sie wirklich die Braut, von der er sprach.

Das hat Fräulein von Greusen wirklich sehr gut gemacht, dachte Hans Arnim im stillen, na, soweit wären wir jetzt, jetzt kommt die Fortsetzung und der Schluß, vorausgesetzt, daß es zu dem letzteren kommt.

Und wenn er auch sehr genau wußte, daß es die Pflicht der Höflichkeit verlangte, jetzt zuerst mit der Frau Konsul anzustoßen, verließ er doch schnell seinen Platz und ging mit dem Sektglas in der Hand um den Tisch herum auf Kitty zu. Der drohte das Herz still zu stehen, als sie Hans Arnim kommen sah. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und davongelaufen, aber ihre Glieder waren ihr schwer wie Blei und den Triumph wollte sie ihm auch nicht gönnen, daß sie ihm zeigte, wie grenzenlos er sie enttäuschte, weil er sich nun mit Fräulein von Greusen verlobt habe. Aber wenn sie ihm das auch nicht zeigen wollte, er las es sofort 309 in ihrem kleinen blassen Gesicht und aus ihren verzagten Augen, wie sie litt. Sie tat ihm über alles leid, aber einen Augenblick mußte er sie doch noch in dem falschen Glauben lassen. So meinte er denn nun lachend, fröhlich und übermütig: »Nicht wahr, gnädiges Fräulein, auf diese Überraschung des heutigen Abends waren auch Sie ganz gewiß nicht vorbereitet? Daß unser Spiel und daß die Strafe, die Sie über mich verhängten, so enden würden, hätten auch Sie sicher nicht gedacht? Aber es kommt eben alles anders, wie man glaubt. Nun bin ich nur auf den Glückwunsch neugierig, den Sie mir mit in die spätere Ehe geben werden, denn gerade Ihr Glückwunsch soll mir das Glück bringen.«

Aber so schnell kam der nun doch nicht von Kittys Lippen. Ihr kleiner Mund zuckte und zuckte, daß sie zuerst gar nicht sprechen konnte, bis sie endlich mit leiser Stimme sagte: »Möchten Sie so glücklich werden, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen wünsche.«

»Das wünsche ich Ihnen auch, gnädiges Fräulein,« sagte er gleich darauf mit so lauter Stimme, daß sie fast erschrak, während er zugleich, von ihr unbemerkt, das Taschentuch, das er hinter dem Rücken hielt, hin und her schwenkte.

Das war das Stichwort und das Zeichen, auf das Nanny im Zimmer nebenan schon lange voller Ungeduld wartete. Nun öffnete sie die Tür, und in demselben Augenblick erklangen aus einem der Nebenzimmer leise und gedämpft die Töne der Geigen, die den Walzer aus dem »Grafen von Luxemburg« spielten, aber sich der erteilten Instruktion gemäß gar nicht erst bei der Einleitung aufhielten, sondern 310 gleich mit der Melodie begannen, zu der Hans Arnim nun mit leiser, schmeichelnder Stimme, während er Kitty dabei freudestrahlend ansah, sang: »Ich weiß es genau, genau, genau, du wirst meine Frau, meine Frau, meine Frau.«

Das war für Kitty zu viel, starr und fassungslos sah sie ihn an, bis sie plötzlich in Tränen ausbrach und ihm zurief: »Sie sind wirklich ein ganz schlechter Mensch, denn daß Sie sich nun auch in dieser Weise über mich lustig machen und mich verspotten, das habe ich nicht um Sie verdient.«

»Aber ich denke gar nicht daran, mich über Sie lustig zu machen, gnädiges Fräulein,« verteidigte er sich lachend, »das bilden Sie sich nur ein, denn wenn Sie immer noch nicht wissen, wer meine Frau wird, muß ich es Ihnen wohl endlich gestehen. Meine zukünftige Frau sind Sie, gnädiges Fräulein, oder darf ich dich kleines Schaf nun endlich Kitty und du nennen?«

Er sah, wie Kitty für eine Sekunde noch blasser wurde, dann aber schoß ihr das Blut in die Wangen und von ihrem Stuhl aufschnellend, rief sie ihm zu: »Hans Arnim, sage mir die Wahrheit, liebst du mich denn wirklich, nur mich, hast du endlich Feuer gefangen? Ach, Hans Arnim, du schlechter Mensch, ich wollte es dir ja nie verraten, weil ich es mir selbst nicht eingestehen wollte, lieb gehabt habe ich dich schon damals, als du mich so keck ansahst.«

»Könntest du mir das statt mit Worten nicht lieber mit einem Kuß beweisen?« fragte er sie übermütig.

Da schlang sie die Arme um seinen Hals, aber als er sich absichtlich in seiner ganzen Größe aufrichtete, reichte ihr Kopf ihm nur bis zur Brust, aber Kitty wußte sich zu 311 helfen, sie sprang schnell auf ihren Stuhl und dann küßte sie ihn immer aufs neue, um ihn endlich neckend zu fragen: »Na, küsse ich wirklich so schlecht?«

»Es geht, Kitty,« meinte er, »du mußt noch viel lernen, aber wenn du mir versprichst, eine gelehrige Schülerin zu werden –«

»Ja, das will ich,« fiel sie ihm in das Wort, bis sie ihn nun fragte: »Aber Hans Arnim, warum hast du mir vorhin nur einen solchen Schrecken eingejagt und was wird nun aus Fräulein von Greusen?«

Aber die Antwort auf diese Frage fand sie sofort, als sie sich nun nach der umsah und als sie bemerkte, wie Maria Elisabeth an der Brust des Kürassiers lehnte. Auch da war es gekommen, wie Hans Arnim dachte, und so rief er denn Kitty triumphierend zu: »Habe ich nicht auch das glänzend gemacht? Aber trotzdem möchte ich nun wissen, ob Maria Elisabeth ihm einen Antrag machte, oder ob der schöne Hugo seinem dummen Schwur endlich untreu wurde.«

»Von dem weiß ich doch gar nichts,« meinte Kitty verwundert.

»Das erzähle ich dir später,« beruhigte er sie, »nun soll erst Fräulein von Greusen einmal beichten.«

Und als Hans Arnim mit Kitty auf die beiden zutrat, erzählte Maria Elisabeth, wie alles gekommen war, nein nicht alles, das brauchten die beiden nicht zu wissen, aber die Hauptsache erfuhr Hans Arnim doch. Maria Elisabeth hatte dem Kürassier tatsächlich einen Antrag gemacht, oder wenn auch nicht das gerade, sie hatte dem schönen Hugo, als sie sah, wie dieser ihr im schwersten Kampfe mit sich 312 selbst gegenüberstand, als er für sein Leben gern sprechen wollte und es, um sich treu zu bleiben, doch nicht tun durfte, als sie sah, wie Kitty und Hans Arnim sich küßten, da hatte sie ihm zugerufen: »Auch ohne daß Sie sich mir erklären, Herr von Hohenebra, weiß ich, wie Sie über mich denken und wenn es Sie glücklich macht, zu erfahren, daß ich über Sie ebenso denke –«

Und das hatte vollständig genügt, da hatte er sie an sich gezogen und sie geküßt.

Aber als Hans Arnim sie nun fragte, ob sie ihm jetzt verraten könne, aus welchen besonderen Gründen sie als Dame der Gesellschaft zuerst von ihrer Liebe habe sprechen dürfen, da gab sie ihm lachend zur Antwort: »Ja, wissen Sie das denn wirklich immer noch nicht? Ohne sich etwas zu vergeben, darf jede junge Dame in solchem Falle das tun, wenn sie weiß, daß der Mann durch den Schwur, den er einem Verstorbenen leistete, zum Schweigen verpflichtet ist, und wenn sie nicht schuld daran sein will, daß der Geliebte ihretwegen dadurch ehrlos wird, daß er den Schwur bricht.«

Es war nur ein Glück, daß der schöne Hugo, der sich eben mit Kitty unterhielt und dieser gratulierte, diese Worte nicht hörte, sonst würde der sofort gefragt haben, was es mit dem Eid, den er einem Verstorbenen gegeben haben solle, in diesem besonderen Falle für eine Bewandtnis habe. Und wenn Maria Elisabeth dann erfuhr, daß Hans Arnim ihr damals ein Märchen erzählte, – nee, lieber nicht. Das erfuhr sie, wenn überhaupt, später immer noch früh genug. Dann aber würde sie über seine Geschichte 313 höchstens lachen, während es sie jetzt vielleicht verlegen und böse machen würde, daß sie auf das, was er ihr im Garten erzählte, hineingefallen war.

Gleich darauf trat Maria Elisabeth wieder zu dem schönen Hugo, während Kitty zu Hans Arnim eilte, und abermals küßten sich die Paare, bis in diese Küsserei plötzlich die Stimme der Frau Konsul erklang: »Ja, so ist die Jugend, die denkt nur an sich, um mich alte Frau kümmert sich niemand mehr und küssen tut mich erst recht keiner.«

Da eilten alle auf sie zu. Kitty, die vorhin der guten Tante so böse gewesen war und sie nie, nie wieder hatte besuchen wollen, flog ihr stürmisch um den Hals und küßte sie leidenschaftlich. Fräulein von Greusen wollte der alten Dame die Hand küssen, aber die Frau Konsul zog sie an sich und küßte sie zärtlich und voller Liebe auf den Mund, und auch Hans Arnim bekam einen Kuß. Nur von dem Kürassier ließ die Frau Konsul sich lediglich die Hand küssen, während sie ihm dabei zurief: »Herr von Hohenebra, das sage ich Ihnen aber gleich, wenn Sie mir mein liebes Fräulein von Greusen nicht mehr als glücklich machen, haben Sie es für immer mit mir verdorben.« Und als der gelobt hatte, alles zu tun, was in seinen Kräften stände, damit Maria Elisabeth es nie bedauern solle, die seine geworden zu sein, fuhr die Frau Konsul fort: »Ihr lieben jungen Leute, ich habe vorhin ernstlich befürchtet, mich solle der Schlag rühren. Ich hatte tatsächlich für ein paar Minuten die Sprache verloren, als diese Küsserei begann und nach meiner Ansicht noch dazu eine ganz falsche. Ich hatte Sie doch gewarnt, mein lieber Haus Arnim, Sie 314 sollten sich nicht in Kitty verlieben, weil ich im stillen vom ersten Augenblick an hoffte, Sie und Fräulein von Greusen würden sich mit der Zeit finden, und als Sie vorhin die Rede hielten, dachte ich, daß meine stillen Wünsche in Erfüllung gehen würden. Ich war so glücklich, so unbeschreiblich glücklich. Na, auf mich kommt es dabei nicht an, sondern nur auf Euch. Möchtet Ihr alle so glücklich bleiben, wie Ihr es heute seid, daraufhin will ich nun mit Ihnen allen anstoßen.«

Das geschah denn auch und gleich darauf wechselte man die Plätze. Kitty setzte sich neben Hans Arnim und Maria Elisabeth neben den schönen Hugo, während in dem Nebenzimmer die Musik unermüdlich weiterspielte: »Ich weiß es genau, genau, genau, du wirst meine Frau, meine Frau, meine Frau!« Bis Hans Arnim ihr endlich durch den alten Diener sagen ließ, sie hätte nun für heute ihre Pflicht und Schuldigkeit getan und könne nach Hause gehen.

Aber so glücklich Kitty nun auch war, es wollte ihr absolut nicht in den Sinn, als Hans Arnim ihr im weiteren Verlaufe des Abends erzählte, daß er auch unter diesen veränderten Umständen schon morgen früh mit dem Neun-Uhr-Zug wegfahren wolle: »Es muß sein, Kitty, es gibt für mich keinen anderen Zug, wenn ich morgen abend zu Hause sein will. Ich habe den Eltern fest versprochen, den Geburtstag bei ihnen zu verleben, wir haben den ja schon heute hier gefeiert und an meinem nächsten Geburtstag bist du schon längst meine kleine Frau. Die Eltern warten seit vielen Monaten auf mich und ich bleibe nicht lange fort, höchstens achtundvierzig Stunden, dann komme ich zurück, 315 um bei deinen Eltern in aller Form um deine Hand zu bitten. So lange mußt du mir schon Urlaub geben, Kitty, zum größten Teile bist du ja selbst daran schuld, daß wir uns erst heute verlobten.«

Das sah Kitty ja auch ein und was er da sonst noch sagte, war alles sehr schön und gut, aber sie wollte trotzdem von einer, wenn auch noch so kurzen Trennung nichts wissen, bis er ihr zurief: »Weißt du was, Kitty, während ich weg bin, stellst du meine vier Photographien bei dir auf. Damals wolltest du sie nicht haben, jetzt hast du hoffentlich für die doch Verwendung.«

»Hast du wirklich nicht mehr als nur vier Bilder von dir?« fragte sie, ein klein wenig enttäuscht.

»Doch,« beruhigte er sie, »nun kann ich es dir ja verraten. Ich habe mir damals gleich noch ein fünftes machen lassen, auf dem Bild stehe ich vor Freude auf dem Kopfe, denn ich wußte doch, daß du meine Braut werden würdest. Schön ist die Photographie allerdings nicht geworden, das auf dem Kopfe-stehen war etwas schwierig, ich habe dabei die Beine in der Luft nicht still gehalten, und da ich mir denen fortwährend in der Luft herumstrampelte, sieht es so aus, als hätte ich wenigstens zwanzig Beine. Na, mit den Augen der Liebe wirst du mich trotzdem erkennen und mich hoffentlich auch so sehr schön finden.«

Endlich willigte Kitty in die Trennung und so nahm Hans Arnim am nächsten Morgen Abschied von seinen beiden schönen Zimmern, in denen er trotz aller Kittysorgen sich so wohl und glücklich gefühlt hatte, und er nahm auch Abschied von Nanny: »Weinen Sie nicht, Fräulein Nanny,« 316 bat er, als er bemerkte, daß sie ein ganz unglückliches Gesicht machte, »es gibt ein Wiedersehen, auch für uns. Hier wohnen werde ich wohl allerdings nicht wieder, denn ich komme nur auf ein paar Tage wieder, aber trotzdem werde ich natürlich die gnädige Frau besuchen, sobald ich zurück bin. Und dann bekommen Sie auch den Kuß. Ohne Wissen meiner Braut darf ich Ihnen den natürlich nicht geben, aber wenn ich der später alles erzählte, wie gut Sie für mich sorgten, wird die gegen den Kuß sicher nichts einzuwenden haben.«

Aber Nanny schüttelte den niedlichen Kopf: »Es hat sich zwischen uns ausgeküßt, Herr Oberleutnant, wenn auch nur in Gedanken, denn daß das Fräulein Braut den Kuß erlauben würde, das glauben der Herr Oberleutnant doch wohl selber nicht. Das täte ich auch nicht, wenn ich das gnädige Fräulein wäre,« bis sie hinzusetzte: »Wer weiß, wozu es am Ende gut ist, wenn während der ganzen Zeit aus dem Küssen nichts wurde, aber schade war es doch.«

Da tröstete Hans Arnim sie, so gut er es vermochte. Er legte zu dem ohnehin schon reichlich bemessenen Trinkgeld noch fünfzig Mark dazu, das Kriegsgehalt erlaubte ihm, so freigebig zu sein, und er erreichte damit seinen Zweck. Nannys Augen verloren ihren traurigen Ausdruck, sie strahlte vor Freude, aber das nicht allein, ehe Hans Arnim wußte, wie ihm geschah, gab sie ihm einen Kuß und dann noch einen, um unmittelbar darauf aus dem Zimmer zu laufen, als schäme sie sich dessen, was sie tat, denn wenn sie ihn auch küßte, er sollte deshalb nicht von ihr denken, daß sie kein anständiges Mädchen sei.

317 Belustigt sah Hans Arnim ihr nach, dann schickte er sich an, Abschied zu nehmen von der Frau Konsul und von Fräulein von Greusen, und eine Stunde später fuhr er mit dem D-Zug dem Elternhause entgegen. Wie an jenem Tage, da er das Lazarett verließ, war es heute ein herrlicher Tag, der Himmel leuchtete im tiefsten Blau, die Sonne schien so schön und warm, daß ihm das Herz aufging und daß ihm das Glück, das ihn durchströmte, für einen Menschen fast zu groß erschien. Er war ja so froh, so namenlos froh. Er liebte Kitty und wurde von der wiedergeliebt, nur noch ein paar Tage, dann war sie vor aller Welt seine Braut, und die Hochzeit sollte nicht lange auf sich warten lassen.

Sein Glück kannte keine Grenzen, aber das Schönste von allem war es doch, daß er sich aus eigener Kraft von seinen finanziellen Sorgen befreit hatte. Gott sei Dank, nun blieb es ihm wenigstens erspart, vor seinen Verwandten zu Kreuze zu kriechen, die um Verzeihung zu bitten und denen für die Zukunft Besserung zu geloben. Je eher die es erfuhren, daß er ihrer Hilfe nicht mehr bedurfte, desto besser war es für ihn. Er konnte den Augenblick kaum abwarten, in dem er den Verwandten zurufen würde: »Behaltet Euer Geld, ich habe dafür keine Verwendung mehr!«

Und die Gesichter, die die Verwandtschaft dann machen würde!

Die Gesichter mußte er sehen und zwar so bald wie möglich. Das war auch der wahre Grund, weshalb er trotz Kittys Bitten erklärt hatte, schon heute reisen zu müssen, wenn er diesen Grund selbstverständlich auch nicht 318 nannte, denn die würde es von ihrem Vater leider Gottes immer noch früh genug erfahren, daß er einen ganzen Sack Schulden hatte. Na, glücklicherweise kam es dem reichen Kommerzienrat nicht darauf an, ob er für ihn ein paar tausend Mark mehr oder weniger zu bezahlen hatte.

Bis ihn jetzt plötzlich ein Gedanke durchfuhr, den er zuerst als total verrückt wieder verwarf, der ihn dann aber immer mehr und mehr beschäftigte, bis er jetzt stillvergnügt vor sich hin lächelnd dasaß, bis er sogar plötzlich hell auflachte. Ja, er würde wirklich ausführen, was ihm eben eingefallen war. Nun, da es ihm nicht mehr schwer wurde, Besserung zu geloben, wollte er das den Verwandten gegenüber auch tun, aber das nicht allein, die sollten ihm alle seine Schulden bezahlen, alle bis auf den letzten Groschen, dazu sollten sie sich ihm gegenüber schriftlich in rechtskräftiger Form verpflichten. Und auch die erhöhte Zulage, die sie ihm versprochen hatten, sollten sie ihm schriftlich zusichern, damit sie für alle Zeiten daran gebunden wären. Und dann erst wollte er ihnen zurufen: »Das ist die Strafe für Euch, daß Ihr mich früher mit dem Gelde so knapp gehalten habt, nun habe ich es Euch Gott sei Dank doch aus der Nase gezogen, obgleich ich es gar nicht mehr nötig gehabt hätte, denn nun will ich Euch verraten, daß und mit wem ich mich verlobte.«

Abermals lachte er hell auf, als er an die mehr als verdutzten Gesichter dachte, die die Verwandten machen würden.

Ja, so wollte er, Hans Arnim, handeln. Selbst seinen Altern gegenüber würde er, wie er es auch bisher in seinen Briefen tat, von Kitty schweigen, bis seine Schulden 319 geregelt wären. Und ebenso überglücklich, wie er es noch vor einer Stunde gewesen war, den Verwandten nicht beichten zu brauchen, ebenso froh war er jetzt bei dem Gedanken, denen doch beichten zu wollen.

Aber er wollte es nicht nur, er mußte es sogar. Da blieb ihm der peinliche Augenblick erspart, dem Kommerzienrat das Verzeichnis seiner Schulden vorzulegen, und wenn er das nicht nötig hatte, dann würde, nein, dann mußte Kitty glauben, daß er sie von Anfang an nur um ihrer selbst willen liebte und daß er dabei nicht einen Moment darüber nachdachte, ob sie reich oder arm war.

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