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Wolf Graf von Baudissin (Schlicht): Die Kriegsurlauber - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Kriegsurlauber
authorFreiherr von Schlicht (Wolf Graf von Baudissin)
year1916
firstpub1916
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
addressLeipzig
titleDie Kriegsurlauber
pages319
created20100720
sendergerd.bouillon@t-online.de
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V.

Als Hans Arnim eines Nachmittags ohnehin nicht in der rosigsten Laune von dem Tennisplatz zurückkam, fand er unter anderen Postsachen auf dem Schreibtisch einen Brief seiner Mutter vor und so sehr er sich auch freute, nach langer Zeit endlich einmal wieder von der zu hören, so wurde er trotzdem die Befürchtung nicht los, daß dieser Brief ihm keine allzu frohe Nachricht bringen würde, das schon deshalb nicht, weil der so lange auf sich hatte warten lassen. Vielleicht war das nur eine Vermutung, die sich später als falsch erwies, aber trotzdem öffnete er das Schreiben nicht gleich, sondern sah erst die anderen Postsachen durch, bis er endlich den Brief doch zur Hand nahm. Aber ehe er das tat, setzte er sich in den bequemsten Sessel und zündete sich von den guten Zigarren, die nach wie vor stets in seinem Zimmer standen und die schon viele Male erneuert und ergänzt worden waren, die allerbeste an, damit er bei der Lektüre wenigstens eine Freude habe. Dann öffnete er mit dem Papiermesser vorsichtig das Kuvert und entnahm diesem die vollgeschriebenen Seiten.

»Ach herrjeses,« seufzte Hans Arnim unwillkürlich, »gleich sechs Seiten auf einmal! So viel Glück gibt es gar nicht, 171 die Glücksnachrichten sind immer kurz und kurzbeinig, nur das Unglück hat einen so langen Atem und so lange Stelzen. Also was gibt es denn nur?«

Und gleich darauf las er:

»Mein lieber guter Sohn!

Du wirst Dich gewundert haben, daß ich so lange nichts von mir hören ließ und daß ich Dir für Deinen letzten Brief noch nicht dankte. Ich hätte das natürlich schon längst getan, wenn – ach, mein Sohn, wie wäre dieses Leben schön, wenn es kein »Wenn« gäbe, keinen Krieg, keine Verwundeten, keine Krüppel, keine Blinden, keine Sorgen und kein Leid. Wie gesagt, mein lieber guter Junge, ich hätte Dir schon längst geschrieben, wenn – doch ich will versuchen, diesen Brief ohne dieses fortwährende »Wenn« zu Ende zu bringen. Deshalb komme ich gleich zur Sache und da muß ich Dir offen gestehen, die Verwandten, Onkel Christian, Tante Milly und Vetter Eduard sind sehr böse auf Dich. Ich unterstreiche das Wort »sehr« dreimal und ich brauche Dir ja auch nicht erst zu sagen, warum die Verwandten böse sind. Weil sie von Dir bisher immer noch nicht das leiseste Wort des Dankes dafür erhalten haben, daß sie sich bereit erklärten, Deine vielen Schulden zu bezahlen, Sie sind böse, weil Du sie wegen Deines früheren leichtsinnigen Lebenswandels noch nicht um Verzeihung batest, und schließlich, weil Du ihnen immer noch nicht gelobtest, in Zukunft, wenn Du nach Beendigung dieses Krieges wieder in Deiner Garnison Dienst tust, ein braver, solider Offizier zu werden, der seinen ganzen Ehrgeiz darein setzt, mit seiner Zulage auszukommen, die Deine Verwandten 172 Dir in Anerkennung Deiner vor dem Feinde bewiesenen Tapferkeit monatlich um 75 Mark erhöhen wollen, und zwar in der Art, daß jeder der drei oben Genannten Dir zu dem Zuschuß, den Dein Vater Dir gibt, noch monatlich 25 Mark zulegt.«

»Donnerwetter, das ist aber anständig,« lachte Hans Arnim spöttisch auf, »ganze 25 Mark für jeden im Monat! Wenn die reiche Sippschaft bei dieser Verschwendung nur nicht finanziell ruiniert wird!«

Dann las er weiter: »Du wirst sicher von diesem Beweis der Freigebigkeit und der Güte Deiner Verwandten aufrichtig gerührt sein, mein guter Junge, besonders wenn ich Dir sage, daß sie für diesen Beweis ihres Edelmutes keinen anderen Dank von Dir erwarten, als den, daß Du fortan durch Deine Führung dich dieser erhöhten Zulage würdig erweist. Selbstverständlich machen aber die Verwandten die Erfüllung dieser Zusage davon abhängig, daß Du ihnen nun wirklich in der allernächsten Zeit schriftlich dafür dankst, daß sie Deine Schulden begleichen wollen, und daß Du sie wegen der Vergangenheit um Verzeihung bittest. Tust Du das nicht, dann ziehen sie die Hände von Dir und was dann werden soll, weiß ich nicht. Du, mein lieber guter Junge, schriebst mir vor ein paar Wochen, Du brauchtest Onkel Christian und die anderen nicht, und ehe Du zu Kreuz kröchst, eher wolltest Du versuchen, aus eigener Kraft heraus Dein Leben zu ordnen. Das war ein stolzes Wort, das ich aber nicht recht verstand. Was heißt in diesem Falle »aus eigener Kraft«? Als Offizier hast Du keine Gelegenheit, Geld zu verdienen, und daß Du daran denken solltest, 173 später Deinen Abschied zu nehmen, um drüben in Amerika Dein Glück zu versuchen, wäre ein Wahnsinn, ganz abgesehen davon, daß auch dort drüben nicht jeder das Glück und das Geld findet, das er sucht.

Und deshalb, mein lieber guter Junge, schreibe deinen Verwandten, oder wenn Du das nicht kannst, dann komme zu uns und sage es ihnen mündlich, obgleich eine mündliche Bitte um Verzeihung Dir sicher noch schwerer fallen würde. Aber mache das, wie Du willst, nur komme bald zu uns, denn Du ahnst ja gar nicht, wie wir uns nach Dir sehnen, ich und der Vater. Und auch die Verwandten sind stolz auf Dich und werden Dich, sobald Du ihre Verzeihung erbatest, mit offenen Armen willkommen heißen. Komme, sobald Du kannst. Mich wundert es, daß ich Dich erst darum bitten muß, denn wenn Dein Fuß, wie Du schreibst, jetzt nur noch der Ruhe und der Erholung bedarf, dann findest Du die doch auch bei uns. Ich fühle es Dir ja nach, daß Du Dich in dem reichen Hause der außerordentlich liebenswürdigen Frau Konsul so wohl fühlst, aber das Elternhaus ist und bleibt doch nun einmal das Elternhaus. Denk' an uns, an mich und an Deinen Vater. Obgleich ich Dich natürlich lieber heute als morgen bei mir hätte, verlange ich trotzdem nicht, daß Du gleich heute die Koffer packst, aber ich rechne mit Sicherheit darauf, daß Du zu Deinem Geburtstage bei uns bist. Bis dahin sind es ja noch fast drei Wochen, bis dahin wird es Dir sicher möglich sein, Dich in die Heimat beurlauben zu lassen. Auch hier wirst Du viele Kameraden treffen, in deren Gesellschaft Du Dich wohl und glücklich fühlen wirst.

174 Also komme bald, mein lieber guter Junge. wir haben lange genug auf Dich gewartet, nun komm!

Der Vater und ich senden Dir wie immer viele herzliche Grüße und die besten Wünsche für eine baldige völlige Stärkung Deines Fußes. Ich aber küsse Dich in treuer Liebe als

Deine Mutter.«        

Die Mutter! Wild und heiß wurde plötzlich die Sehnsucht nach ihr in ihm wach. Wie oft hatte er sich draußen im Felde danach gesehnt, zu Hause zu sein, wieder einmal bei dem Vater und der Mutter zu sitzen, und nun, da er dorthin reisen konnte, nun, da es ihn nur ein paar Worte kostete, sich bis zur völligen Genesung in die Heimat beurlauben zu lassen, jetzt fuhr er doch nicht, denn er verspürte nicht die leiseste Neigung, seinen Verwandten gegenüberzutreten und vor denen de- und wehmütig zu Kreuze zu kriechen. Ehe er das tat, eher half er sich wirklich aus eigener Kraft.

Abermals nahm er den Brief der Mutter zur Hand und las nochmals, was die ihm darüber schrieb. Die verstand nicht, was er damit meinte, und er selbst verstand sich auch nicht mehr. Wie leicht hatte er sich damals alles gedacht, als er an dem schönen Sommertag das Lazarett verließ, als er den Wagen mit den schönen Pferden bestieg, als er auf Gummirädern dahinrollte, einer neuen Zukunft entgegen, wie er es nannte, und als er zum erstenmal in Kittys Augen sah. So leicht, so stolz und glücklich hatte er sich gefühlt, hatte sich soviel eingebildet auf seine vor dem Feinde erworbenen Orden, hatte geglaubt, jetzt wirklich mehr zu sein als früher, hatte im jugendlichen Übermut gedacht: ich 175 brauche nur zu wollen, dann erreiche ich alles, was ich will.

Und er hatte inzwischen einsehen müssen, daß es doch ganz anders gekommen war, als er es sich dachte.

Dabei hatte die Sache, wenigstens nach seiner Ansicht, so schön und vertrauensvoll für ihn angefangen. Mochte Kitty auch ruhig einen anderen lieben und den heiraten wollen, er hatte es ihr angemerkt, daß die Strafe, die sie über ihn verhängte, ihr selbst Spaß machte. Er sah es doch, wie gern sie sich mit ihm unterhielt, mit welchem Vergnügen sie seinen Schmeicheleien und Liebesbeteuerungen lauschte, er hörte es ja, wie sie hell und freudig auflachte, wenn er ihr seinen Unsinn vorredete. Ja, sie hatte es ihm sogar eingestanden, daß sie ernstlich verstimmt gewesen war, weil er sich damals, als sie sich vor der Reise nach Berlin von ihm verabschiedete, nicht einmal nach ihr umgesehen habe, als sie im Auto davonfuhr.

Er war so glücklich gewesen, er hatte an den endlichen Sieg, wenn auch an keinen leichten geglaubt, aber dann war plötzlich der Rückschlag gekommen. Er erinnerte sich des Tages und der Stunde noch so genau als wäre es gestern gewesen, und es waren doch schon drei Wochen seitdem vergangen. Er war Kittys Aufforderung, ihren Eltern einen Besuch zu machen, gefolgt und hatte in Kittys Mutter eine außerordentlich vornehme, liebenswürdige Dame kennen gelernt, die ihm ebenso gefiel, wie der Kommerzienrat, der in seinem ganzen Wesen eine gewisse joviale Gemütlichkeit zur Schau trug. »Mit den Schwiegereltern würdest du stets ausgezeichnet auskommen«, war sein erster Gedanke, als er die kennen lernte, und dieser Gedanke hatte sich in 176 ihm befestigt, als er dann ein paar Tage später zu einer Abendgesellschaft geladen wurde, an der außer ihm und dem Kürassier verschiedene andere Kriegsurlauber und verschiedene junge Damen des Flirt-Klubs teilnahmen. Auch Fräulein von Greusen war geladen worden, hatte aber zu seinem aufrichtigen Bedauern absagen müssen, da sie sich nicht wohl fühlte.

Der Kommerzienrat hatte seinen Gästen zu Ehren ein lukullisches Mahl bereiten lassen, zu dem an der reich, aber äußerst geschmackvoll gedeckten Tafel die edelsten Weine gereicht wurden. So herrschte schon von Anfang an eine fröhliche, lustige Stimmung und er, Hans Arnim, schwamm in dem bekannten Meer der Seligkeit, denn er war von Kitty selbst als ihr Tischherr bestimmt worden, während Herr von Hohenebra, der Fräulein Viki von Aschenbach zu Tisch führte, ihnen beiden gegenübersaß.

Er war in der übermütigsten Stimmung und seine frohe Laune steckte Kitty immer mehr und mehr an. Und wenn er es darauf anlegte, Kitty ganz zu gewinnen, so legte die es anscheinend erst recht darauf an, ihn in hellen Flammen aufgehen zu lassen. Aber wenn er auch schon längst brannte, das wollte er ihr denn doch nicht verraten, erst sollte auch sie mit brennen. So entwickelte er denn seine ganze Liebenswürdigkeit und ließ alle Geschütze, die er zur Verfügung hatte, auffahren, um die Feste einzunehmen. Er ließ sein Herz, seinen Mund und seine Augen sprechen. Er war so keck, wie er es in den Grenzen der Wohlerzogenheit einer jungen Dame der Gesellschaft gegenüber nur sein durfte. Aber trotzdem war es tatsächlich keine Keckheit, sondern 177 lediglich ein Zufall, als sein Fuß den ihrigen leise berührte. Nur ganz leise, aber er fühlte es dennoch deutlich, wie das Blut ihm heiß durch die Adern schoß, wie die Erregung sich seiner bemächtigte.

Da traf ihn Kittys Blick, groß, starr und verwundert, dann aber doch lachend und übermütig, bis sie ihm endlich zurief: »Na, wirklich Herr von Kühnhausen, Sie legen es darauf an, Ihrem Namen alle Ehre zu machen, denn was Sie sich da eben erlaubten, hat noch kein Herr an meiner Seite gewagt.«

»Und auch ich hätte das nie getan,« verteidigte er sich, sie offen und frei ansehend. »Es war ein Zufall, allerdings will ich mich nicht besser machen, als ich es bin, und daher offen eingestehen, daß ich diesen Zufall einen glücklichen nenne. Aber Absicht war es keineswegs, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen, gnädiges Fräulein. Ich könnte es sonst beschwören, und diesem Schwur würden Sie doch sicher glauben?«

»Selbstverständlich,« pflichtete sie ihm bei, »obgleich ich Ihnen offen und ehrlich gestanden auch diese Keckheit zugetraut hätte, denn wer wie Sie auf offener Straße einer Dame gegenüber mit seinen Augen so keck ist, der wagt doch schließlich auch den Versuch, etwas zu fußeln, um dadurch sein Ziel zu erreichen.«

Das klang mehr lustig und übermütig als strafend, aber sie mußte ihm doch nicht so recht geglaubt haben, das hörte er aus ihren Worten deutlich hervor und das verstimmte ihn. Das ließ ihn nicht gleich wieder den alten übermütigen Ton finden, bis er plötzlich fühlte, wie ihr Fuß den seinen 178 berührte. Er fühlte es deutlich, aber Kitty merkte anscheinend nichts davon, die wurde erst aufmerksam, als er jetzt, um sie nicht abermals zu erzürnen, seinen Fuß so leise und vorsichtig, wie er nur konnte, zurückzog. Da allerdings wurde sie glühend rot und rief ihm zu: »Um Gotteswillen, was habe ich da nur gemacht? Na, hoffentlich werden Sie es mir ohne weiteres glauben, daß es nur ein Zufall war, und zwar ein sehr unglücklicher, wie ich es im Gegensatz zu Ihnen nenne. Oder soll auch ich Ihnen etwa erst schwören –?«

»Das ist selbstverständlich nicht nötig, gnädiges Fräulein.« fiel er ihr schnell in das Wort, bis er, um sie dafür zu strafen, daß sie ihm nicht sofort geglaubt hatte, hinzusetzte: »Wundern sollte es mich allerdings bei Ihnen nicht, gnädiges Fräulein, wenn es mehr als lediglich ein Zufall gewesen wäre, denn wenn eine junge Dame es so darauf anlegt wie Sie, einen Herrn unter allen Umständen in Flammen aufgehen zu lassen, warum sollten Sie da, um dieses Ziel zu erreichen, nicht auch den Versuch machen, etwas zu fußeln?«

Er wußte es selbst sehr genau, die Antwort, die er ihr da mit ihren eigenen Worten zurückgab, war das, was man einen starken Tabak nennt, und der schien für Kitty sogar zu stark zu sein. Die wurde bei seinen Worten abwechselnd blaß und rot und so strafend, so voller Zorn sah sie ihn an, daß ihm himmelangst wurde und daß er sich sagte: »Wenn Kitty jetzt vom Tisch aufsteht und einen Eklat macht, weil sie sich weigert, länger neben dir zu sitzen, sollte es Dich nicht weiter wundern.«

Für einen Augenblick sah es wirklich so aus, als wenn er mit seiner Befürchtung Recht behalten solle, aber wie so 179 oft bei den jungen Mädchen und bei den Frauen kam es auch hier ganz anders, als er dachte. Ebenso schnell wie Kittys Zorn erwachte, ebenso plötzlich war der wieder verflogen, bis sie hell auflachte und ihm zurief: »Na, wissen Sie, Herr von Kühnhausen, auf Sie paßt wirklich die Berliner Redensart: Der Mensch ist gut, der kann so bleiben!«

Aber das Lachen schien ihr doch nicht recht von Herzen zu kommen und es dauerte auch diesesmal eine ganze Weile, bis die Unterhaltung in der alten Weise weiterging. Er fand den alten Ton zuerst wieder, aber auch dann legte Kitty sich anfangs noch eine gewisse Zurückhaltung auf, bis auch sie wieder fröhlich und lustig wurde, um ihm zuzurufen: »Ich merke es Ihnen ja an, daß Ihnen die Antwort leid tut, die Sie mir vorhin gaben. Ich war wirklich zuerst maßlos empört, aber Sie können ja nichts dafür, daß Sie so keck sind, wie Sie es nun einmal sind. Wären Sie anders, dann wären Sie als Gesellschafter wahrscheinlich sehr viel weniger amüsant. Also bleiben Sie schon tatsächlich so, wie Sie sind, wenn ich das natürlich auch nicht als Anerkennung Ihrer vielen schlechten Eigenschaften meine. Aber ein Tadel soll es trotzdem auch nicht sein.«

Da erst wurde er wieder übermütig und versuchte, Kittys Gunst zu erringen, wie auch die wieder begann, ihn in sich verliebt zu machen. Aber er merkte es ihr doch an, eine kleine nervöse Erregung war in ihr wach geblieben und die zeigte sie auch noch, als sie nach Beendigung des Diners mit den Herren, ihre Zigarette rauchend, bei dem Kaffee zusammensaß. Bis sie plötzlich aufstand und sich mit dem Kürassier, um den sie sich bei Tische kaum gekümmert hatte, 180 von den anderen trennte, um sich mit dem lange unter vier Augen zu unterhalten und um ihren alten Platz erst wieder einzunehmen, als der Kürassier sich dem Kommerzienrat näherte und sich von diesem, wie es Hans Arnim vorkam, etwas absichtlich die vielen vorhandenen reichen Kunstschätze zeigen und erklären ließ, bis er dann im Gespräch von dem Hausherrn in ein Nebenzimmer geführt wurde, sicherlich, um auch dort die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen.

An und für sich war an der Sache absolut nichts Auffallendes, aber er, Hans Arnim, wurde den Gedanken nicht los, als werde dort nebenan eine Frage erörtert, die für sein ganzes späteres Leben und namentlich für sein Verhältnis zu Kitty von ausschlaggebender Bedeutung sei. Was hatte Kitty mit dem Kürassier so lange zu besprechen gehabt, warum zog der sich mit dem Vater zurück? Hielt der Kürassier etwa offiziell um Kittys Hand an, hatte die ihn heute nur deshalb so ausgezeichnet, um ihm gleich hinterher zurufen zu können: »So, nun haben Sie Ihre Strafe verbüßt, hier stelle ich Ihnen meinen Verlobten vor?«

Aber das war doch alles Unsinn! Der Kürassier hatte sich in der letzten Zeit kaum um Kitty gekümmert und die sich ebenso wenig um ihn. Aber daß es dort nebenan sich nicht um eine Bagatelle handelte, das merkte er auch Kitty an, die er fortwährend prüfend beobachtete. Und wenn die auch seine Blicke ruhig und anscheinend völlig gleichgültig aushielt, ja, wenn es ihm auch zuweilen so vorkam, als umspiele ein leises, übermütiges, siegesgewisses Lächeln ihren 181 Mund, so traute er diesem Lächeln und dieser nach außen hin zur Schau getragenen Ruhe doch nicht allzu sehr.

Und daß er sich darüber nicht täuschte, bewies ihm Kitty dadurch, daß sie sofort aufsprang und dem Kürassier entgegeneilte, als der nun allein wieder zurückkam. Aber dessen Mienen schienen ihr nicht allzu viel Gutes zu bedeuten, denn auf halbem Wege blieb sie plötzlich stehen, so daß die Entfernung zwischen ihr und seinem Stuhl nicht gar weit war und daß er, wenn auch mit einiger Anstrengung ein paar Worte auffing, zumal der Kürassier sein Organ nicht allzu sehr dämpfte. So erfuhr und erriet er denn, um was es sich handelte. Der Kommerzienrat hatte den Wunsch seiner Tochter, Reitunterricht nehmen zu dürfen, abgeschlagen, selbst die wärmste Fürsprache des Kürassiers habe nicht vermocht, den umzustimmen. Allerdings, für einen Augenblick sei der schwankend geworden, dann aber habe er ganz zufällig einen Blick in die auf dem Tisch neben ihm liegende Zeitung geworfen und ihm dort ein fettgedrucktes Telegramm gezeigt, das den schweren Unglücksfall einer sehr bekannten Berliner Dame meldete, die auf dem Morgenspazierritt im Tiergarten von dem durchgehenden Pferde geschleudert und sehr ernstlich verletzt worden sei.

Er, Hans Arnim, sah, wie Kitty erblaßte, wie sie heftig mit dem Fuß auf den weichen Teppich aufstampfte, und er verstand, wie sie, den Kürassier scharf ansehend fragte: »Und Sie haben wirklich alles getan, was in Ihren Kräften stand, wirklich alles, um meinen Wunsch bei meinem Vater durchzusetzen?«

Was der Kürassier zur Antwort gab, konnte er nicht hören, 182 denn in dem kleinen Kreise, in dem er saß, hatte jemand eine Anekdote erzählt, deren Pointe schallende Heiterkeit und ein Gelächter auslöste, das es ihm unmöglich machte, weiter auf das hinzuhören, was die beiden anderen sich da noch zu sagen hatten.

Und viel mußte das nicht mehr gewesen sein, denn nach einer kleinen Weile nahm Kitty ihren alten Platz wieder ein, und man mußte sie schon so scharf beobachten, wie er es tat, um ihr anzumerken, daß sie nicht mehr dieselbe war wie bisher im Verlaufe des Abends. Mit Rücksicht auf ihre Gäste, um nicht auch denen die Laune zu verderben, nahm Kitty sich sehr zusammen. Die Anerkennung mußte er ihr zollen, nur ihm warf sie zuweilen einen Blick zu, der ihm da deutlich ihren Unwillen und ihre schlechte Stimmung verriet.

Warum gerade mir? dachte er, ich kann doch ganz gewiß nichts dafür, daß der Kommerzienrat seiner Tochter die Reiterlaubnis nicht erteilte. Daß Kitty sich darüber ärgert, fühle ich ihr ja nach, aber warum sie gerade an mir ihre Mißstimmung auslassen zu wollen scheint, ist mir unverständlich.

Er verstand das auch in den nächsten Tagen nicht, er wußte nur so viel, daß Kitty ihn seitdem derartig schlecht behandelte, daß er sich oft im stillen sagte: das darfst du dir als Offizier und als anständiger Mensch eigentlich gar nicht gefallen lassen. Und ein paarmal hatte er ihr das auch offen in das Gesicht gesagt. Dann bat sie ihn um Verzeihung und war ein paar Tage wieder die Freundlichkeit und die Liebenswürdigkeit selbst, da nahm sie seine 183 Einladungen zu einem Plauderstündchen hinter der großen Kastanie an, trank dort mit ihm, wenn auch nur in Gedanken, ein Glas Champagner nach dem anderen, lachte und machte ihren Unsinn und konnte es gar nicht genug mit anhören, wie er dabei um sie warb, bis sie plötzlich die Stimmung wechselte, weil sie von neuem daran denken müsse, daß er es gewagt habe, an dem Abend in dem Hause ihrer Eltern mit ihr zu fußeln, und weil er so maßlos keck gewesen sei, zu behaupten, auch sie habe seinen Fuß absichtlich berührt – daß er es wenigstens für möglich gehalten habe, sie könne jemals so etwas absichtlich tun.

Über das kleine Erlebnis kam sie nicht hinweg, und es half auch nichts, daß er noch so lange auf sie einsprach, um sich zu rechtfertigen.

Es war durch diesen kleinen Vorfall ein Mißton in dem gegenseitigen Verkehr entstanden, der den früheren harmlosen Ton fortan unmöglich zu machen schien.

Auch heute nachmittag hatte Kitty wieder davon angefangen, aber das nicht allein, sie hatte mit der Geschichte gar nicht wieder aufgehört. Bis er sich endlich unwillig abwandte und sie ganz einfach stehen ließ.

Er war wirklich nicht in der rosigsten Stimmung nach Hause gekommen und nun fand er zum Überfluß auch noch den Brief seiner Mutter vor. Was sollte nun werden? Hatte es noch einen Zweck, sich weiter um Kittys Gunst zu bemühen? Wenn er ganz offen und ehrlich gegen sich selbst sein wollte, dann war die Sache so aussichtslos wie nur irgend eine, denn die Vermutung, Kitty behandele ihn nur deshalb so schlecht, weil sie sich in ihn verliebt habe und weil 184 sie ihm das nur nicht zeigen wolle, hatte er längst als total irrsinnig wieder aufgegeben, schon weil er doch selbst die Blicke bemerkte, mit denen sie zu dem schönen Hugo hinübersah, wenn der sich auf dem Tennisplatz zeigte. Nein Kitty liebte ihn nicht, sie haßte ihn höchstens, aber leider Gottes nicht mit jenem Haß, der sich bei den jungen Mädchen oder bei einer Frau über Nacht so schnell in Liebe verwandelt. Hätte sie ihn im stillen geliebt, wenn auch nur ein klein wenig, dann hätte auch sie sich in der Hinsicht, wenn auch nur ein einzigesmal, sicher irgendwie verraten, denn das tut in solchen Fällen jedes junge Mädchen. Aber Kitty fiel nicht aus der Rolle, und das war der beste Beweis dafür, daß sie ihm keine Komödie vorspielte, sondern daß sie sich ihm gegenüber so gab, wie sie in Wahrheit über ihn dachte.

Hans Arnim stöhnte schwer auf, es war wirklich, um sich die Haare auszuraufen, bis er es plötzlich als ein Glück empfand, daß seine Mutter ihn an seinen herannahenden Geburtstag erinnerte. Der gab ihm, wenn er auch bis dahin sein Ziel nicht erreichte, auch Kitty gegenüber eine selbstverständliche Veranlassung, zu den Eltern zu fahren, das würde seine Abreise nicht als Flucht erscheinen lassen, und schon morgen wollte er Kitty erklären, daß seine Tage hier nun gezählt seien. Das würde sie vielleicht veranlassen, ihr Verhalten ihm gegenüber zu ändern, vielleicht, vielleicht, aber auch nur vielleicht.

Und mit wachenden Augen träumte er nun davon, daß es ihm doch noch gelingen würde, Kitty zu erobern. Ach und im wachenden Traume gelang ihm das auch sehr bald. 185 Er hielt Kitty plötzlich in seinen Armen, er küßte ihren süßen kleinen Mund, ihre Haare, ihre Stirn und ihre Wangen, und mit einemmal saß Kitty auf seinem Schoß und schlang ihre Arme mit einem Jubelschrei um seinen Hals und küßte und küßte ihn.

Und wie die küßte! Sie war doch weiß Gott nicht die erste, die auf seinem Schoß saß und manche andere hatte ihn schon vorher geküßt, aber so blindlings wie Kitty es tat, hatte noch keine andere darauflos geküßt. Ihm wurde ganz heiß dabei, er bekam beinahe keine Luft mehr, so fest preßte Kitty ihren Mund auf seine Lippen, und mehr als einmal wollte er ihr zurufen: »Kitty, nun hör' mal für ein paar Minuten auf, sonst bleibe ich dir tot und damit ist dir doch auch nicht gedient,« aber er ließ sich trotzdem immer weiter küssen, bis es plötzlich an seine Tür klopfte. Und so deutlich hatte er vor sich hingeträumt, daß er nun erschrocken zusammenfuhr und Kitty halblaut zurief: »Um Gottes willen, Kitty, sei vorsichtig, es kommt jemand« und er machte mit den Händen eine Bewegung, als wolle er Kitty von seinem Schoß herunterheben.

Bis er dann ganz wieder munter wurde und bemerkte, daß er allein war. Schade, dachte er, mehr als schade, der Traum war so süß. Na, so viel weiß ich, den erzähle ich morgen der Kitty, mag die hinterher ruhig so böse werden, wie sie will, meinetwegen noch böser, mir soll es recht sein.

Da klopfte es zum zweitenmal an die Tür und auf das »herein« trat Fräulein Nanny über die Schwelle.

»Nanu, Fräulein Nanny,« begrüßte er die wie immer tief und kokett Knicksende, »wie kommt mir dieser Glanz in 186 meine sogenannte Hütte, noch dazu zu so ungewohnter Stunde?«

Nanny sah ihn mit ihren hübschen Augen verführerisch lächelnd an: »Nicht wahr, Herr Oberleutnant, das ist doch noch mal eine freudige Überraschung, wenigstens für mich. Ich hätte mich gern schon heute nachmittag einmal nach dem Herrn Oberleutnant umgesehen, aber es war wirklich nicht zu machen, ich hatte ausnahmsweise um die Stunde etwas für die gnädige Frau zu tun.«

»Das ging selbstverständlich vor, das sehe ich natürlich ein,« meinte Hans Arnim anscheinend ganz ernsthaft, »umso größer ist daher für mich die Freude, daß ich Sie nun doch sehe.«

»Ach und wie ich mich erst freue, Herr Oberleutnant,« kokettierte Nanny, »der Herr Oberleutnant haben es sicher schon längst erraten, daß der Herr Oberleutnant mein stiller Schwarm sind? Natürlich und selbstverständlich in allen Ehren, denn ich bin nun doch mal ein anständiges Mädchen, das seinem Schatz treu ist, obgleich der meine Treue gar nicht verdient. Ich bin schon längst dahinter gekommen, daß der mich betrügt, und deshalb bin auch ich nicht allzu traurig, daß er morgen wieder an die Front geht. Da wird er schon zur Vernunft kommen und einsehen, was er an mir hat. Allerdings, ob ich meinen Schatz später auch heirate, das werde ich mir noch sehr überlegen, denn als anständiges junges Mädchen stehe ich mich in mancher Hinsicht doch sehr viel besser, als wenn ich erst eine anständige Frau bin.«

Hans Arnim verstand zuerst nicht recht, was Nanny 187 damit meinte, dann aber stimmte er ihr bei: »Da bin ich ganz Ihrer Ansicht, Fräulein Nanny, und vor allen Dingen sind Sie zum Heiraten viel zu hübsch. Das bleibt Ihnen später, wenn Sie alt und verschrumpfelt sind, immer noch. Aber wie ist es, Fräulein Nanny, sind Sie nur zu mir gekommen, um mit mir über Ihre eigene holdselige Persönlichkeit zu plaudern, oder führt Sie auch noch etwas zu mir?«

»Auch das,« rief Nanny ihm zu, »der alte König bat mich, zu dem Herrn Oberleutnant zu gehen, da er selber im Augenblick keine Zeit hat. Da hat er mich gebeten, dem Herrn Oberleutnant zu melden. daß die gnädige Frau sich nicht ganz wohl fühlt. Die hat sich schon vor einer Stunde niedergelegt, Fräulein von Greusen leistet ihr noch etwas Gesellschaft, da läßt die gnädige Frau den Herrn Oberleutnant bitten, das Abendessen allein einzunehmen, und der alte König läßt fragen, wo nun gedeckt werden solle, ob im Speisezimmer, ob hier unten, oder im Garten?«

»Wenn es nicht zuviel Mühe macht, dann bitte im Garten,« entschied Hans Arnim sich nach kurzem Besinnen. »Im übrigen tut es mir natürlich aufrichtig leid, daß die gnädige Frau sich nicht wohl fühlt, hoffentlich ist es nichts Schlimmes?« Und nachdem Nanny ihn darüber aufgeklärt hatte, daß es sich tatsächlich nur um ein leichtes Unwohlsein handle, das vielleicht durch die große Hitze hervorgerufen sei, setzte er hinzu: »Umso besser! Aber bestellen Sie bitte trotzdem der gnädigen Frau, daß ich es aufrichtig bedaure, sie heute nicht mehr sehen zu können und wünschen Sie ihr bitte von mir herzlichst gute Besserung.«

Das waren mehr als leere Worte, denn Hans Arnim 188 hatte die liebenswürdige alte Dame sehr in sein Herz geschlossen und es tat ihm aufrichtig leid, den Abend nun allein verbringen zu müssen, den er sonst regelmäßig mit den beiden Damen zusammen verlebte. Um die ihm gewährte Gastfreiheit auch nicht zu sehr zu mißbrauchen und um den Damen nicht allzu lästig zu fallen, aß er des Mittags oft in der Stadt, aber des Abends saß er, seinen Wein trinkend, bei den Damen, las ihnen die neuesten Kriegsberichte aus den Zeitungen vor, erklärte ihnen das eine oder das andere, das sie nicht verstanden, erzählte ihnen zwischendurch auch manchmal wieder etwas von seinen eigenen Kriegserlebnissen, oder plauderte sonst mit ihnen, bis Fräulein von Greusen sich an den Flügel setzte.

Schade, gerade heute hätte er sich durch das Spiel gern etwas ablenken lassen und auch gern etwas geplaudert, um sich zu zerstreuen.

So überlegte er denn, als Nanny ihn verlassen hatte, ob er nach dem Abendessen nicht nochmals zur Stadt gehen solle, um dort irgendwie Gesellschaft zu suchen, aber er entschied sich dann doch dafür, zu Hause zu bleiben. Soweit er die gnädige Frau in ihrer Güte kannte, würde die ihn sicher nicht den ganzen Abend allein lassen, sondern ihm, sobald ihr Befinden es ihr erlaubte, Fräulein von Greusen etwas zur Gesellschaft in den Garten schicken.

Und das geschah auch wirklich. Allerdings hatte Hans Arnim, der in der Laube längst sein Essen eingenommen hatte, und sich im Anschluß daran bereits die zweite Zigarre anbrannte, fast die Hoffnung aufgegeben, daß Maria Elisabeth doch noch kommen möge, bis er sie durch den Garten 189 auf sich zukommen sah. Auch heute noch auf seinen Stock gestützt, eilte er ihr, so schnell es ging, entgegen, um sie zu begrüßen: »Nein, das ist aber zu nett von Ihnen, Fräulein von Greusen, daß Sie mich hier nicht ewig warten ließen. Ich hatte gehofft, daß Sie kämen, und es ist nur gut, daß Sie nun da sind. Ich bin vor Einsamkeit schon ganz stumpfsinnig geworden, mir ist sogar. als müsse man mir das ansehen.«

»Äußerlich aber doch nicht,« widersprach sie, um dann hinzu zu setzen: »Ich wäre ja selbst sehr gern schon eher gekommen, denn auch ich habe heute etwas Kopfschmerzen, aber ich mußte oben bleiben. Die arme Frau Konsul hatte solche starke Migräne, da mußte ich abwarten, bis sie eingeschlafen war. Nun habe ich aber Zeit, die gnädige Frau braucht mich nicht mehr, oder wenn doch, will sie es mir durch eins der Mädchen sagen lassen.«

»Umso besser für uns beide,« meinte er fröhlich, »wenn ich Sie also bitten darf, mir in meiner Laube Gesellschaft zu leisten?«

Maria Elisabeth folgte seiner Aufforderung, bis sie plötzlich erstaunt ausrief: »Aber was sehe ich? Sie Ärmster sitzen ganz trocken hier? Sie sind es doch sonst gewohnt, des Abends Ihren Wein zu trinken, hat man Ihnen den nicht angeboten?«

»Das schon,« gab er zur Antwort, »aber ich wußte nicht, ob ich das Anerbieten auch annehmen könne, wenn ich allein wäre.«

»Und dabei hat die gnädige Frau Ihnen den ganzen Weinkeller zur Verfügung gestellt,« schalt Fräulein von 190 Greusen. »So bescheiden zu sein, liegt gar keine Veranlassung vor, dadurch erzürnen Sie die gnädige Frau, wenn die etwas davon erfährt. Deshalb müssen Sie auch heute unbedingt ein Glas Wein trinken, sogar eine Flasche Sekt.«

»Aber warum gerade den?« erkundigte er sich verwundert.

»Das erzähle ich Ihnen nachher,« gab sie zur Antwort, »nun aber entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick, ich will für Sie den Champagner und für mich eine Flasche Selterwasser bestellen.«

Er schüttelte sich in komischem Entsetzen: »Pfui Spinne! Selterwasser? Sekt in Zivil? Da ist mir der in Uniform doch lieber. Wissen Sie was, Fräulein von Greusen,« fuhr er gleich darauf übermütig fort, »wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann bestellen Sie gleich zwei Flaschen Sekt, eine für mich und die andere für Sie. Ich wäre gerade heute in der richtigen schlechten Stimmung, um fröhlich darauflos zu kneipen.«

Schon im Gehen, wandte sich Maria Elisabeth noch einmal nach ihm um: »Hörte ich recht, Sie haben heute auch schlechte Laune?«

»Und Sie auch, Fräulein von Greusen?« fragte er zurück, »Mit dem Wort »auch« haben Sie sich verraten. Aber das schadet ja nichts und daß Sie schlechter Stimmung sind, schadet erst recht nichts, im Gegenteil, das ist famos, da gründen wir mit unseren gemeinsamen Kümmernissen eine Aktiengesellschaft, oder eine G. m. b. H. Wir beide werden natürlich die Direktoren und lassen uns ein glänzendes Gehalt bezahlen, ganz abgesehen von den hohen Tantiemen und unserem Gewinnanteil. Sagen Sie selbst, Fräulein 191 von Greusen, die Idee ist doch glänzend, darauf müssen wir unbedingt anstoßen, ich mit Sekt und Sie mit Selterwasser, na meinetwegen.«

Gleich darauf eilte Maria Elisabeth davon und mit dem Gefühl aufrichtigster Zuneigung sah Hans Arnim ihr nach. Jetzt fiel ihm ein, daß es ihm doch ganz seltsam vorkommen würde, wenn er nun schon so bald auch Maria Elisabeth gar nicht mehr sehen solle.

Ja ja, er würde Maria Elisabeth sehr vermissen und das nahm er sich in diesem Augenblick fest vor: Wenn Kitty doch noch seine Frau werden sollte, dann würde er mit der einen Ehekontrakt aufsetzen, in dem der erste Paragraph lautete: »vom ersten Tage an werden in unserem Hause zwei Zimmer für Fräulein von Greusen eingerichtet, die stets in Stand gehalten werden müssen, so daß Fräulein von Greusen nicht als Gast, sondern als Mitglied der Familie vorübergehend, oder für immer bei uns wohnen kann, wenn die Not des Lebens einmal an sie herantritt, und es soll die heiligste Pflicht der beiden Unterzeichneten sein, für Fräulein von Greusen zu sorgen, als sei sie eine sehr nahe und vor allen Dingen eine sehr geliebte Verwandte.«

Gewiß, das wollte er tun und darauf gab er sich selbst die Hand. Und er dachte noch weiter an Maria Elisabeth, bis der alte König erschien, um die Flasche Sekt, das Selterwasser und die Gläser auf den Tisch zu stellen, während er gleichzeitig meldete: »Das gnädige Fräulein läßt sich noch für einen kurzen Augenblick entschuldigen, das gnädige Fräulein sieht sich nur noch mal rasch nach der gnädigen Frau um.«

Und es dauerte wirklich nur ein paar Minuten, bis 192 Fräulein von Greusen zurückkam: »So, Herr von Kühnhausen, nun kann die Gründung der Aktiengesellschaft vor sich gehen. Ich war eben noch mal in dem Zimmer der gnädigen Frau, die schläft glücklicherweise ganz fest, da ist sie morgen ihre Migräne wieder los, das kenne ich schon von früher her. Nun schenken Sie uns beiden also bitte ein.«

»Ganz wie Sie befehlen,« gehorchte er, aber als er dann die Selterwasserflasche zur Hand nahm, wehrte sie entsetzt ab: »Nein, nein, das nicht, wenigstens noch nicht gleich, erst möchte auch ich ein Glas Sekt.«

»Ach so, nun verstehe ich,« meinte er belustigt, »ich sollte, wie Sie vorhin sagten, eine Flasche Sekt trinken, weil Sie auf die Appetit verspürten. Aber wenn dem so ist, warum haben Sie sich da nicht auch ein Sektglas mitbringen lassen? Warten Sie, ich werde Ihnen eins holen.«

Aber Maria Elisabeth hielt ihn zurück: »Nein, unter keinen Umständen. Erstens brauche ich Ihnen, dem königlich preußischen Oberleutnant, doch nicht zu erklären, daß man den Sekt auch sehr gut aus Wassergläsern trinken kann, und zweitens brauchen die Dienstboten es nicht zu wissen, daß ich abends mit Ihnen allein in der Laube sitze und Sekt trinke.«

»Ganz wie Sie meinen,« pflichtete er ihr bei, um dann, nachdem er die Gläser gefüllt hatte, ihr den Sektkelch hinüber zu schieben, während er selbst das Wasserglas nahm, bis er doch im letzten Augenblick fragte: »Oder wollen Sie lieber das Wasserglas, weil da mehr hineingeht?«

Zu seiner Verwunderung sagte sie »ja«, bis sie erklärend hinzusetzte: »Eigentlich käme mir wohl der Sektkelch zu, 193 aber ich möchte das, was mich heute bedrückt, am liebsten mit einemmal hinunterspülen, nicht nach und nach, und ich weiß, wenn ich dieses Glas geleert habe, wird mir wieder leichter sein.«

»Dann also herunter mit dem Gift,« ermunterte er sie, und wenn auch in mehreren Zügen, und ein paarmal absetzend, leerte sie das Glas.

»Na, ist Ihnen nun wieder wohler?« erkundigte er sich voller Teilnahme.

Aber Maria Elisabeth schüttelte den Kopf: »So schnell geht es denn doch nicht, der Wein muß ja auch erst wirken. Nein wirklich, ich danke, mehr trinke ich auf keinen Fall,« lehnte sie ab, als er ihr nun von neuem einschenken wollte. »Nein, nicht mehr trinken, erzählen Sie mir bitte etwas recht Lustiges, oder noch besser, erzählen Sie mir, worüber Sie sich heute geärgert haben, oder was Sie bekümmerte. Wenn ich Ihnen wahrscheinlich auch nicht helfen kann, so erleichtert die Aussprache vielleicht doch Ihr Herz.«

Hans Arnim schwieg aber trotzdem. Gewiß, er wußte, daß Maria Elisabeth es gut mit ihm meinte, aber er konnte nicht sprechen, ohne Kittys Namen zu erwähnen. Das wollte er auch jetzt nicht, wie er bisher auch niemals über Kitty mit ihr gesprochen hatte, schon weil sie ihm gegenüber nie von Kitty sprach, wohl weil diese eine Verwandte ihrer jetzigen Brotgeberin war und weil sie da mit ihren Äußerungen mehr als vorsichtig sein mußte. Und daß er ihr von dem Briefe der Mutter erzählte, hatte auch wenig Zweck, denn der war in dem Augenblick hinfällig, in dem er sich vielleicht doch noch mit Kitty verlobte. So meinte er denn 194 jetzt ausweichend: »Ihre liebenswürdige Aufforderung ehrt Sie und mich –, aber trotzdem nee, lieber nicht. Wenn der Schein des elektrischen Lichtes hier in der Laube nicht täuscht, sehe ich es Ihnen ohnehin deutlich an, daß auch Sie Sorgen haben. Warum soll ich Ihnen da auch noch von den meinigen erzählen? Viel besser wäre es, Sie schütteten mir Ihr Herz aus. Wenn der Sack Ihrer Kümmernisse nicht gar zu groß ist, werde ich den schon noch mit mir herumschleppen können.«

Maria Elisabeth saß eine Weile nachdenklich da, als kämpfe sie mit sich, ob sie sprechen solle oder nicht, dann meinte sie: »Warum soll ich Ihnen schließlich nicht erzählen, was mich bedrückt, helfen können Sie mir ja natürlich nicht, denn sonst würde ich Ihnen selbstverständlich gar nichts davon sagen.«

»Na erlauben Sie mal,« meinte er verwundert, »das ist doch eine komische Auffassung.«

»Aber trotzdem die einzige richtige,« widersprach sie. »Wer da solchen Leuten sein Leid anvertraut, die ihm helfen können und die es vielleicht auch tun sollen, der macht sich dadurch so unbeliebt wie nur möglich.«

»Und bei mir möchten Sie sich nicht unbeliebt machen?« neckte er sie. »Das fühle ich Ihnen vollständig nach, nun aber erzählen Sie mir trotzdem, um was es sich handelt.«

Einen Augenblick zögerte Maria Elisabeth doch noch, dann sagte sie ganz plötzlich und unvermittelt, ohne irgendwie näher auf den Grund ihres Kummers einzugehen: »Wissen Sie wohl, Herr von Kühnhausen, was ich mir jetzt oft 195 wünsche, ohne dabei in erster Linie an mich zu denken? Ich möchte reich sein, so reich – ach, noch viel reicher.«

»Das fühle ich Ihnen vollständig nach,« pflichtete er ihr bei, »und doch, Fräulein von Greusen, gibt es ein altes, banales Wort, dessen Wahrheit ich an meinem eigenen Leibe allerdings noch nicht ausprobieren konnte, das alte Wort: Reichtum macht nicht glücklich.«

»Das sage ich mir natürlich auch stets,« gab sie zurück, »und ganz besonders denke ich an das Wort, so oft ich mit Herrn von Hohenebra zusammentreffe und wenn ich mich mit dem unterhalte.«

Nanu, dachte Hans Arnim im stillen verwundert. Es war das erstemal, daß sie in seiner Gegenwart diesen Namen aussprach, und so spitzte er denn unwillkürlich die Ohren. Wie kam Maria Elisabeth gerade auf den Kürassier? Sollte dessen Liebeswerben auf sie doch irgendwelchen Eindruck gemacht haben? Er hielt das zwar schon deshalb für ausgeschlossen, weil sie dann sicher seinen Namen nicht genannt hätte, aber trotzdem wurde seine Neugierde geweckt. Aber das nicht allein, er hielt es plötzlich für seine Pflicht, sie für alle Fälle davor zu warnen, an dem schönen Hugo ein wärmeres Interesse zu nehmen. Von alledem aber, was ihm jetzt blitzschnell durch den Kopf schoß, durfte er natürlich nichts verraten und so meinte er denn nur: »Da haben Sie vollständig recht, Fräulein von Greusen, der gute Hohenebra ist wirklich der beste Beweis für die Wahrheit des alten Wortes, denn wenn einer so fabelhaft reich ist, wie der und trotzdem fortwährend so melancholisch in die Welt blickt dann hat er von seinem Gelde auch nicht viel Freude.«

196 »Ja, was kann ihn aber nur derartig bekümmern?«^ fragte Fräulein von Greusen völlig unbefangen, bis sie plötzlich äußerte: »Wissen Sie wohl, daß ich zuweilen schon auf die Vermutung gekommen bin, daß der Schmerz, den er zur Schau trägt, gar nicht echt ist, daß er sich nur verstellt, um sich aus irgend einem Grunde interessant zu machen?«

»Da tun Sie ihm aber bitter Unrecht,« verteidigte er rasch den Kameraden, »denn ich weiß, was ihn bedrückt. Er hat sich mir in einer schwachen Stunde einmal anvertraut, und da er mich in keiner Weise zum Schweigen verpflichtete, kann ich es Ihnen ruhig wiedererzählen, nur müßte ich Sie bitten, sein Geheimnis nicht an die große Glocke zu hängen.«

Fräulein von Greusen hätte kein junges Mädchen sein müssen, wenn ihre Neugierde durch das Wort »Geheimnis« nicht auf das Höchste gesteigert worden wäre. So rief sie nun schnell: »Das ist doch ganz selbstverständlich, nie würde jemand etwas von mir darüber erfahren.«

»Dann hören Sie also, Fräulein von Greusen, oder nein warten Sie noch einen Augenblick, ich muß mich erst wieder darauf besinnen, wie die Sache in allen Einzelheiten war.«

In Wirklichkeit wußte er das ja sehr genau, aber er konnte ihr doch nicht einfach sagen: der schöne Hugo hat mal einen Korb bekommen, er hat sich geschworen, nie wieder um eine junge Dame zu werben, sondern wartet nun darauf, daß eine ihm ihre Liebe zuerst gesteht und daß die ihm einen Antrag macht. Das würde Fräulein von Greusen ihm nicht glauben, oder wenn doch, dann würde 197 sie über den Kürassier genau so urteilen, wie er es zuerst tat, dann würde auch sie sagen: »Er ist verrückt!« Er mußte ihr die Sache schon irgendwie anders beibringen. Hatte er vorhin das Wort »Geheimnis« gebraucht, dann mußte er sich auch ein solches erfinden, das auch schon deshalb um Maria Elisabeths Interesse für den Kürassier, falls ein solches schon vorhanden war, zu steigern, gleichzeitig aber mußte er sie darauf aufmerksam machen, daß es völlig zwecklos sei, an dem irgendwelches Interesse zu nehmen.

Und war es Interesse an dem schönen Hugo, oder war es wirklich nur Neugierde, daß Fräulein von Greusen jetzt fragte: »Ist die Sache denn so kompliziert, daß die Ihnen immer noch nicht eingefallen ist, oder machen Sie diese Kunstpause nur, um dadurch die Wirkung Ihrer Worte zu erhöhen?«

»Nichts von alledem,« gab er zur Antwort, »denn Sie werden gleich selber urteilen können, daß das Geheimnis schon als solches wirkt.«

»Und worin besteht das denn nun?« fragte sie abermals, ihn voller Neugierde ansehend.

Jetzt machte Hans Arnim wirklich eine kleine Kunstpause, dann sagte er plötzlich und unvermittelt, seiner Stimme dabei einen Klang gebend, als sei er im Begriff, ihr eine Schauer und Gespenstergeschichte zu erzählen: »Herr von Hohenebra darf niemals in seinem Leben Großvater werden.«

Maria Elisabeth starrte ihn an, als habe sie ihn nicht richtig verstanden, dann fragte sie: »Was darf er nicht werden? Großvater?«

198 »Es ist so, wie Sie sagen,« stimmte er ihr mit Grabesstimme bei.

Immer noch sah ihn Maria Elisabeth mehr als verwundert an, bis sie plötzlich hell auflachte: »Entweder hat Herr von Hohenebra, als er sich Ihnen anvertraute, sich über Sie lustig gemacht, oder Sie machen sich jetzt über mich lustig, weil Sie mich für meine Neugierde bestrafen wollen, denn wenn ihn weiter nichts bedrückt – –«

»Erlauben Sie mal, Fräulein von Greusen,« fiel er ihr schnell in das Wort, »dieses »nichts«, wie Sie es nennen, ist in Wirklichkeit 'ne ganze Menge. Hören Sie nur weiter. Als der Großvater des schönen Hugo seine letzte Stunde kommen fühlte,« log er nun frisch darauf los, weil ihm plötzlich einfiel, daß der Kürassier ihm einmal von seinem verstorbenen Großvater erzählte, der ein etwas sonderbarer alter Herr gewesen sein sollte, »da berief er seine Enkel an sein Sterbelager, wie sterbende Großväter das ja manchmal zu tun pflegen. Dann schickte er alle anderen, die das Krankenbett umstanden, hinaus und ließ seinen Enkel schwören, daß er niemals Großvater werden wolle. Aus welchem Grunde er diesen Schwur verlangte, weiß der schöne Hugo selber nicht. Vielleicht hat der Großvater mit der Großmutter als solcher traurige Erfahrungen gemacht. Vielleicht hatte er aus sonstigen Gründen ein Haar darin gefunden, Großvater zu sein, und wollte deshalb seinen Enkel, den er über alles liebte, vor einem Leid, wie er es als Großvater hatte durchmachen müssen, bewahren. Aber wie die Sache auch immer zusammenhängt, auf jeden Fall ließ er seinen Enkel diesen Schwur schwören.«

199 Was Hans Arnim selbst kaum für möglich gehalten hatte, geschah dennoch: Maria Elisabeth glaubte, was er ihr da erzählte. Das merkte er an der atemlosen Spannung, mit der sie ihm lauschte, und erst recht an der Art, wie sie nun nachdenklich und traumverloren dasaß, als er jetzt schwieg. Dann aber meinte sie: »Das ist ja eine höchst sonderbare Geschichte, die ich offen gestanden noch nicht recht verstehe. Ich werde aus diesem Großvater nicht klug, aber erst recht nicht aus Herrn von Hohenebra. Wie konnte der dem Sterbenden einen solchen Schwur leisten, denn ob ein Mensch so alt wird oder nicht, daß er es noch erlebt, Großvater zu werden, das steht doch gar nicht in seiner Macht, das steht doch allein bei Gott.«

»Im allgemeinen ja,« stimmte er ihr bei, »aber in diesem besonderen Falle liegt die Sache etwas anders.«

Völlig überrascht blickte sie ihn an: »Das verstehe ich nun erst recht nicht, denn der Großvater kann doch unmöglich von ihm verlangt haben, daß er sich freiwillig das Leben nimmt, wenn er eines Tages Großvater werden sollte. Überhaupt ist das Ganze ein Unsinn,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »denn ehe man Großvater wird, muß man doch erst Vater sein. Das eine hängt mit dem anderen unzertrennlich zusammen.«

»Das ist es ja gerade,« meinte Hans Arnim wieder ganz geheimnisvoll.

Abermals blickte Maria Elisabeth ihn erstaunt an, dann rief sie halb ernsthaft, halb lachend: »Ich glaube, ich habe das Glas Sekt vorhin zu schnell getrunken. Mir wird bei dem, was Sie mir da erzählen, ganz wirr im Kopfe, oder 200 habe ich Ihre letzten Worte richtig dahin verstanden, daß Herr von Hohenebra dem Sterbenden geschworen hat, um sich dem gar nicht erst auszusetzen, daß er vielleicht doch Großvater wird, – ich meine, hat er da vielleicht dem Sterbenden auch schwören müssen, niemals zu heiraten?«

»Du sprichst ein großes Wort gelassen aus,« stimmte er ihr bei, »denn es ist, wie Sie sagen, Herr von Hohenebra, genannt der schöne Hugo, darf niemals heiraten.«

»Darum also!« meinte Maria Elisabeth nach einer langen Pause. Und noch einmal wiederholte sie: »Darum also! Sicher hat er eine unglückliche Liebe, unglücklich deshalb, weil er, durch seinen Schwur gebunden, sich nicht erklären und sie nicht heiraten darf. Aber wie konnte er auch nur ein solches Versprechen geben? Die Folgen muß er nun tragen, aber leid tut er mir doch, aufrichtig leid.«

Und es sprach aus Maria Elisabeths schönen Augen wirklich ein solches Mitgefühl, daß Hans Arnim im stillen dachte: Sollte ihr das nur um des schönen Hugo willen leid tun, oder denkt sie da vielleicht auch ein klein wenig an sich selbst? Aber das letztere war doch wohl nicht der Fall, sonst hätte ihr Gesicht sicher noch einen anderen Ausdruck gezeigt, den der Enttäuschung. Aber von dem fand er nicht die leiseste Spur, statt dessen wiederholte Maria Elisabeth nur noch einmal die Worte: »Der Ärmste, der Ärmste.«

»Nicht wahr!« rief Hans Arnim, »Der arme Kerl ist wirklich zu bedauern, und dabei wäre gerade er ein so guter Ehemann geworden. Auch das hat er mir gebeichtet. Er ist außerordentlich kinderlieb, Kinder könnte er gar nicht genug bekommen, ich glaube, er wünschte sich am liebsten 201 einen ganzen Schrank voll, außerdem würde er seiner Frau später jede nur denkbare Freiheit lassen, er hat nicht das leiseste Talent zur Eifersucht, er ist in der glücklichsten finanziellen Lage und trotzdem darf er nicht heiraten, es müßte denn sein –« Wieder schwieg er absichtlich, um die Spannung auf die folgenden Worte zu erhöhen und es gelang ihm auch, Maria Elisabeths Neugierde auf das Höchste zu steigern, denn die rief ihm nun schnell zu: »Es gibt also eine Möglichkeit für ihn, daß er den Schwur nicht zu halten braucht?«

»Auch da haben Sie das Richtige erraten, Fräulein von Greusen, er kann von seinem Schwur befreit werden, aber nur unter einer Bedingung. Er selbst darf der jungen Dame, die er liebt, das Geständnis nicht ablegen, sondern die muß ihm einen Antrag machen. Er muß also, wie es in den Märchen heißt, einer gütigen Fee begegnen, die ihn von dem Fluch, der auf ihm lastet, befreit. Mit ihrem Kuß muß sie ihm die Freiheit wiedergeben. Und fast noch mehr als unter seinem Schwur, leidet der schöne Hugo natürlich darunter, daß er einer solchen Fee niemals begegnen wird, denn darin müssen Sie mir doch beistimmen, Fräulein von Greusen, daß eine junge Dame ihm nicht zuerst nicht nur mit ihren Blicken, sondern auch mit ihren Worten erklärt: ›Ich liebe dich und will deine Frau sein, wenn du mich wiederliebst‹ – nicht wahr, eine solche junge Dame gibt es auf der ganzen Welt nicht, oder können Sie sich vorstellen, daß je eine so zu ihm sprechen würde?«

»Warum soll ich mir das nicht vorstellen können?« gab Maria Elisabeth da zu seinem grenzenlosen Erstaunen zur 202 Antwort. »Warum sollte es eine solche junge Dame nicht geben?«

Ganz perplex sah er sie an. Auf jede Antwort aus ihrem Munde war er vorbereitet gewesen, aber auf diese nicht, und so fragte er denn nun: »Habe ich Sie richtig verstanden, Fräulein von Greusen, Sie glauben allen Ernstes, daß eine junge Dame ihm zuerst ihre Liebe gestehen könnte?«

»Das schon,« rief sie abermals, »das aber selbstverständlich nur unter einer Bedingung.«

»Unter der, daß sie ihn liebt?« fragte er verwundert.

Aber Maria Elisabeth schüttelte den Kopf: »Das würde ihr natürlich noch kein Recht geben, zu ihm zu sprechen.«

»Dann weiß ich wirklich nicht, wann die sonst zu ihm sprechen dürfte,« warf er ein, um nach einer kleinen Pause fortzufahren: »Ich bilde mir sonst an Sonn- und Feiertagen manchmal ein, nicht gerade der Allerdümmste zu sein, aber trotzdem, was Sie da eben sagten, ist mir zu hoch. Und wenn Sie vorhin befürchteten, den Sekt zu rasch getrunken zu haben, dann trank ich den sicher zu langsam, denn auch mir ist nun ganz wirr im Kopfe. Ich muß Sie schon bitten, mir das Rätsel zu lösen.«

»Aber ich denke ja gar nicht daran,« neckte sie ihn. »Wenn Sie es nicht allein wissen, werde ich es Ihnen auch nicht sagen.«

»Und wenn ich Sie nun wirklich und ernsthaft darum bitte?«

»Auch dann nicht,« widersprach sie, über seinen Gesichtsausdruck belustigt. Und ihn neckend ansehend, meinte sie: »Aber Herr von Kühnhausen, wie kann man nur so 203 begriffsstutzig sein? Die Sache ist so fürchterlich einfach, daß Sie eine ganz große Enttäuschung erlebten, wenn ich Ihnen die Lösung des Rätsels verriete.«

»Auf die Gefahr hin könnten Sie mir trotzdem ruhig verraten, was mein Herz zu wissen begehrt,« bat er, »aber wenn Sie nicht sprechen wollen, kann ich Sie natürlich nicht zwingen. Da muß ich schon allein meinen Schädel weiter anstrengen, aber nicht wahr, wenn ich das Richtige gefunden zu haben glaube und Ihnen meine Lösung vortrage, dann werden Sie mir sagen, ob die auch die richtige ist?«

»Das will ich gern tun,« versprach sie ihm.

»Na, das ist doch wenigstens etwas,« meinte er, »allerdings, ob ich aus eigener Weisheit heraus jemals dahinterkommen werde, erscheint mir immer zweifelhafter, je länger ich darüber nachdenke.«

»Da denken Sie ganz einfach nicht mehr,« tröstete sie ihn, »wenigstens heute abend nicht mehr, auch glaube ich, es wird Zeit, ins Haus zu gehen. Es kommt ein Wind auf, ich finde, es fängt an, kühl zu werden.«

»Soll ich Ihnen etwas zum Umlegen holen lassen, Fräulein von Greusen?« bat er. »Ein Jakett, ein Tuch oder sonst so etwas?«

Aber Maria Elisabeth lehnte dankend ab: »Nein nein, das lohnte sich nicht mehr, es ist schon spät geworden.«

»Na, das ist Ansichtssache,« warf er ein. »Selbstverständlich will ich Sie aber nicht zurückhalten, Fräulein von Greusen, wenn nach Ihrer Auffassung Ihre Stunde bereits geschlagen hat. Erlauben Sie mir nur noch eine Frage, die sich mir eben aufdrängt. Darf ich dem schönen Hugo 204 etwas davon verraten, daß es nach Ihrer Ansicht eine gütige Fee geben könnte, die ihn erlöst?«

Maria Elisabeth sah ihn verwundert an: »Ja, glauben Sie denn wirklich, Herr von Kühnhausen, daß der in dieser Hinsicht ebenso begriffsstutzig ist wie Sie, und daß der es nicht schon lange aus sich heraus weiß, was Sie von mir zu erfahren begehren?«

»Na, erlauben Sie mal, Fräulein von Greusen,« verteidigte Hans Arnim sich, »ich kann diese meinem Verstande zugefügte Kränkung nicht ruhig auf mir sitzen lassen, die muß wieder herunter. Selbstverständlich will ich auch dem schönen Hugo nicht auf seine geistigen Hühneraugen treten, aber so viel weiß ich denn doch, mit dem nehme ich es in bezug auf seine Gehirnsubstanz noch jeden Tag auf. Was ich nicht weiß, weiß der erst recht nicht.«

»Wenn Sie sich da nur nicht irren,« neckte sie ihn, »im übrigen erinnere ich Sie an das alte Wort: Man soll sich nicht überschätzen und den anderen nicht unterschätzen. Ich glaube, das tun Sie bei Herrn von Hohenebra etwas zu sehr. Ich halte ihn für viel klüger, als er sich gibt. Der hat sich vor dem Kriege lediglich in der Rolle des früheren Simplizissimus-Leutnants gefallen und hat die jetzt wieder aufgenommen, vorausgesetzt, daß er die während des Krieges überhaupt ablegte, weil er sicher sehr genau weiß, daß er seine Rolle sehr gut spielt. Die paßt zu ihm, er würde sehr viel weniger amüsant und lustig wirken, wenn er sich völlig natürlich gäbe.«

Mit immer größer werdendem Erstaunen hatte Hans Arnim zugehört. Was er da zu hören bekam, war ihm völlig 205 neu, nicht nur, daß er den Kürassier bisher unterschätzt haben solle, sondern weil die Worte, die er da vernahm, ihm zu beweisen schienen, daß Fräulein von Greusen sich sicher mit dem Kürassier im stillen viel mehr beschäftigt haben mußte, als er es bisher vermutete, oder auch nur für möglich hielt. Aber diese Erkenntnis erfüllte ihn gleich darauf mit aufrichtiger Freude. Wenn Fräulein von Greusen und der Kürassier sich zusammenfanden, dann war den beiden geholfen und ihm auch, denn wenn Kitty einsehen mußte, daß der Kürassier tatsächlich für sie verloren sei, würde sie sich vielleicht doch noch für ihn entscheiden. Aber von alledem durfte er jetzt nichts verraten und so meinte er denn nur: »Ich will im Interesse des schönen Hugo hoffen, daß Sie ihn richtig beurteilen, Fräulein von Greusen, aber in einem Punkt irren Sie sich doch. Wenn der wirklich wüßte, daß es eine Fee gibt, die ihn erlösen kann, dann würde er nicht mit solchem jammervollen Gesicht in dem Walde herumlaufen, in dem die Feen nun doch einmal zu wohnen pflegen. Und darum möchte ich Sie nochmals fragen, darf ich ihm nichts von dem wiedererzählen, was Sie mir als Ihre Ansicht verrieten?«

Einen Augenblick stand Maria Elisabeth unschlüssig da, dann aber meinte sie: »An und für sich war unser Gespräch ja völlig harmlos, aber trotzdem – nein,« erklärte sie plötzlich sehr bestimmt und energisch, »Herr von Hohenebra darf nichts davon erfahren, selbst dann nicht, wenn Sie meinen Namen dabei völlig verschweigen wollten. Der würde doch vermuten, daß Sie mit mir über ihn sprachen, und wenn er da hört, daß ich einen Ausweg zu wissen glaube, nein, 206 das darf auf keinen Fall sein, denn das könnte ihn zu Schlußfolgerungen veranlassen, die nicht nur völlig falsch, sondern für mich kränkend und beleidigend wären.«

»Das verstehe ich nun wiederum tatsächlich nicht,« warf er ein.

»Das ist dann umso besser,« gab sie schnell zur Antwort. »Also wie gesagt, ich bitte um Ihre strengste Diskretion und nicht wahr, auf die kann ich mich verlassen?«

»Aber selbstverständlich,« pflichtete er ihr bei.

»Dann bin ich beruhigt und ich danke Ihnen, nun aber will ich wirklich gehen, mich fröstelt.«

Das war auch der Fall, selbst als Maria Elisabeth wenig später ihr Zimmer erreicht hatte, lief ihr noch zuweilen ein leiser Schauer über den Rücken. Aber daran war die Abendluft nicht allein schuld. Das Frösteln hatte sie befallen, als sie plötzlich daran denken mußte, der Kürassier könne, wenn Hans Arnim ihm das Gespräch wiedererzähle, vielleicht glauben, sie wisse nur deshalb einen Ausweg, weil sie arm sei und daß sie sich lediglich deshalb vielleicht entschließen könne, ihm zuzurufen: »Ich liebe dich!« Das Blut schoß ihr jetzt in die Schläfen, denn nun fiel ihr ein, daß auch Hans Arnim, wenn er weiter nach der Lösung des Rätsels suchte, vielleicht auch auf diese Erklärung verfallen möge. Bis sie sich wieder beruhigte. Nein, für so schlecht, für so erbärmlich würde er sie sicherlich nicht halten, denn der hatte sie in den letzten Wochen zur Genüge kennen gelernt, nein, so etwas traute er ihr sicher nicht zu.

Aber dann kamen ihr doch wieder neue Bedenken. Warum hatte der Kürassier sich gerade Hans Arnim 207 anvertraut? Sicher in der Erwartung, daß er ihr eines Tages alles wiedererzählen würde, wie das ja nun auch geschehen war. Und warb Herr von Hohenebra nicht vielleicht nur deshalb so offensichtlich um ihre Gunst, weil sie arm war, weil er sich sagte, wenn überhaupt eine mir zuerst von Liebe spricht und nicht darauf wartet, daß ich das tue, dann ist ein armes Mädchen viel eher dahin zu bringen als ein reiches?

Und sie hatte geglaubt, er mache sich wirklich etwas aus ihr, sie hatte sich sogar etwas darauf eingebildet, daß er, nicht nur der reichste, sondern auch zweifellos der hübscheste aller Kriegsurlauber, sie so sichtlich auszeichnete.

Nun aber war es mit alledem vorbei, nun mußte sie sich ihm gegenüber noch zurückhaltender zeigen, als sie es ohnehin schon zuweilen tat, sie mußte ihm jeden Glauben daran nehmen, daß sie ihm auch nur das leiseste Entgegenkommen zeigen würde, und selbst wenn sie sich trotzdem noch so sehr in ihn verlieben sollte, durfte sie ihm das niemals zu verstehen geben. Und gerade sie durfte für ihn niemals die gütige Fee Christiane werden.

Noch eine ganze Weile saß sie sinnend und träumend da, bis sie sich endlich daran machte, einen Brief an ihre Schwester zu schreiben, die gleich ihr eine Stellung hatte annehmen müssen, die es aber nicht annähernd so gut getroffen hatte wie sie selbst, und die ihr am Morgen einen Brief sandte, in dem sie finanzielle Hilfe erbat, da es ihr unmöglich sei, mit ihrem Gehalt auszukommen. Aber Maria Elisabeth vermochte nicht zu helfen. Das setzte sie der Schwester auseinander, bis sie dann, als sie mit dem 208 Schreiben fertig war, und das noch einmal durchlas, die eine Seite Wort für Wort unterstrich, auf der es hieß: »Du schreibst, Du hättest aus meinen letzten Zeilen ersehen, daß ich im Gegensatz zu Dir soviel mit den Kriegsurlaubern zusammenkäme, und Du fragst mich, ob unter den Vielen nicht ein Einziger sei, der sich in mich verlieben würde und in den ich mich würde verlieben können. Die Hoffnung muß ich Dir heute ernstlich nehmen und muß Dich ebenso bitten, im stillen nie wieder für die Zukunft auf einen reichen oder auch nur auf einen wohlhabenden Schwager zu zählen. Viel Aussicht war dazu nie vorhanden und die geringe, die vielleicht bestand, ist mir heute genommen worden, ohne daß ich Dir das alles zu erklären vermöchte. Du mußt mir das schon so glauben. Gib Dich in der Hinsicht keinen Träumen hin, das Träumen müssen wir uns in unserer jetzigen Stellung überhaupt abgewöhnen.«

Aber als Maria Elisabeth sich endlich schlafen gelegt hatte, träumte sie doch. Sie war mit dem schönen Hugo ganz allein auf dem Tennisplatz und mit seinen melancholischen Augen sah er sie fortwährend so traurig an, daß ihr das Herz weh tat, bis er ihr zurief: »Warum sagen Sie mir nicht, daß Sie mich lieben? Glauben Sie wirklich, ich liebte Sie nur, weil Sie arm sind, halten Sie mich allen Ernstes für so schlecht, daß ich gerade von Ihnen das Geständnis Ihrer Liebe erbitte, weil Ihnen das nach meiner Ansicht leichter fallen sollte als einer anderen? Halten Sie mich tatsächlich für so schlecht, daß ich gewissermaßen Ihre Notlage zu meinen Gunsten ausnützen würde? Und glauben Sie ernstlich, ich würde jemals ein junges 209 Mädchen heiraten, das mich nur meines Geldes wegen nimmt? Gerade weil ich reich bin, will ich mehr als jeder andere um meiner selbst willen geliebt werden, und wenn Sie mich nicht lieben und wenn Sie mir das nicht noch heute eingestehen, dann schieße ich mich hier vor Ihren Augen tot.«

Ganz deutlich sah sie im Traum, wie er aus der hinteren Rocktasche den großen Armee-Dienst-Revolver herauszog, und noch einmal fragte er sie jetzt: »Wollen Sie mir nun eingestehen, daß Sie mich lieben, ja oder nein?«

Und nur, damit er sich nicht wirklich vor ihren Augen erschösse, nur deshalb und weil sie noch nie einen Toten gesehen hatte und sich nun vor dem Anblick eines solchen fürchtete, rief sie ihm fortwährend zu: »Ja ja, ich liebe dich!«

Aber anstatt ihr nun um den Hals zu fallen und sie zu küssen, wie sie es befürchtete, rief er nun seinerseits: »Das Glück, von dir geliebt zu sein, ertrage ich nicht, das ist zu groß, dessen bin ich nicht würdig, das überlebe ich nicht!«

Und ehe sie es verhindern konnte, setzte er den Revolver an die Stirn und drückte ab. Ganz deutlich sah sie das Aufblitzen des Feuers und gleich darauf hörte sie den lauten Knall eines Schusses, daß sie mit einem Aufschrei in die Höhe fuhr.

Aber als sie aufrecht in ihrem Bett saß, da schoß sich der tote Kürassier noch einmal tot. Wieder blitzte es vor ihren Augen hell auf, und gleich darauf krachte der Schuß von neuem. Bis sie endlich begriff, woher diese Schießerei kam. Vom Himmel. Dort hatte sich allen Erwartungen entgegen nun doch noch ein Gewitter zusammengezogen, 210 und die Revolverschüsse waren nichts anderes als der Feuerschein der Blitze und das Krachen des Donners.

Da legte Maria Elisabeth, die sich vor keinem Gewitter fürchtete, sich ruhig wieder in ihre Kissen zurück, und während sie trotz der Blitze und trotz des Donners gleich darauf wieder einzuschlafen versuchte, dachte sie fortwährend: »Es ist trotz alledem doch nur ein Glück, daß er sich nicht wirklich totgeschossen hat!« 211

 

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