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Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit

Max Nordau: Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorMax Nordau
titleDie konventionellen Lügen der Kulturmenschheit
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrun64. u. 65. Tausend
firstpub1883
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080326
projectidf063d6d9
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Vorworte

Vorwort zur ersten Auflage.

Dieses Buch erhebt den Anspruch, die Anschauungen der meisten auf der Höhe der zeitgenössischen Bildung stehenden Menschen getreu wiederzugeben. Es sind gewiß Millionen Angehörige der Kulturvölker durch eigenes Nachdenken dahin gelangt, an den bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen genau dieselbe Kritik zu üben, die in den nachfolgenden Blättern enthalten ist, und die hier ausgesprochene Ansicht zu theilen, daß diese Einrichtungen unvernünftig, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung widersprechend und darum unhaltbar sind. Trotzdem kann es nicht ausbleiben, daß man beim Lesen dieses Buches die Augen verdrehen und die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen wird, und wohl nicht am wenigsten eifrig Mancher, der darin seine eigenen geheimsten Meinungen ausgedrückt findet. Das ist es eben, weshalb der Verfasser geglaubt hat, es sei nothwendig, es sei unerläßlich, dieses Buch zu schreiben. Die schwere Krankheit der Zeit ist die Feigheit. Man wagt nicht, Farbe zu bekennen, für seine Ueberzeugungen einzutreten, seine Handlungen mit seinen Empfindungen in Einklang zu bringen; man hält es für weltklug, äußerlich am Hergebrachten festzuhalten, wenn man auch innerlich damit völlig gebrochen hat; man will nirgends anstoßen, keine Vorurtheile verletzen; das nennt man wohl »die Ueberzeugungen Anderer respektiren«, jener Anderen, die ihrerseits unsere Ueberzeugungen durchaus nicht respektiren, sondern sie verunglimpfen, verfolgen, am liebsten mit uns zugleich ausrotten möchten. Dieser Mangel an Ehrlichkeit und Mannesmuth erstreckt die Lebensfrist der Lüge und verzögert unabsehbar den Triumph der Wahrheit. So hat denn wenigstens der Verfasser seine Pflicht gegen sich, die Wahrheit und die Gesinnungsgenossen erfüllen gewollt. Er hat seine Ueberzeugungen laut und ohne irgend einen Rückhalt ausgesprochen. Wenn die Geschickten, die Schlauen, die Diplomatisirenden, die Opportunisten, oder wie sich die Heuchler und Lügner sonst noch beschönigend nennen, dasselbe thun wollten, so würden sie – vielleicht zu ihrem Erstaunen – bemerken, daß sie vielerorten schon die Mehrheit sind, daß sie sich nur zu zählen brauchen, um die Stärkeren zu werden, und daß es bald für sie leichtlich vortheilhafter sein dürfte, ehrlich und folgerichtig, als doppelzüngig und hinterhältig zu sein.

Im Sommer 1883.

Der Verfasser.

Vorwort zur vierten Auflage.

Die ersten drei Auflagen dieses Buches, das am 20. Oktober, vor weniger als sechs Wochen, zur Versendung gelangte, wurden so rasch vergriffen, daß ich nicht Zeit fand, daran das Geringste zu ändern und zu bessern, oder selbst nur die Neudrucke zu revisiren. Kritische Stimmen sind bisher erst in sehr geringer Zahl laut geworden, sei es wegen Kürze der Zeit, sei es, weil man sich da und dort schmeichelt, das Buch todtschweigen zu können. Von den wenigen Besprechungen, die ich zu sehen bekam, sind etwa neun Zehntel offen feindselig. Freunde, die mir dieses Buch bereits erworben hat, und denen ich für ihren warmen Antheil an dessen Geschicke innig danke, beschwören mich, meinen Angreifern entgegenzutreten. Ich bedaure, ihnen nicht willfahren zu können. Ich will grundsätzlich nicht zum Kritiker meiner Kritiker werden. Des Verfassers Rolle ist zu Ende, wenn er sein Buch geschrieben hat. Das Einzige, was er dann noch thun kann, ist, es zu verbessern, sofern er dies vermag. In keinem Falle aber soll er mit seinen Rezensenten polemisiren. Denn entweder kann sein Buch mit der eigenen Lebenskraft die Angreifer niederringen, dann ist die Hilfe des Verfassers überflüssig, oder es hat nicht genug Lebenskraft, um sich allein seiner Haut zu wehren, dann ist diese Hilfe erfolglos.

Doch auch abgesehen von diesem allgemeinen Grundsatze habe ich meinen Angreifern wirklich nichts zu sagen. Bei denen, die persönlich sind, brauche ich mich gar nicht aufzuhalten. Wenn man zu verstehen giebt, dieses Buch sei eine Buchhändler-Spekulation, so drücke ich den armseligen Menschen, die vor Allem in den niedrigsten Beweggründen die Ursache einer Manneshandlung zu erspüren glauben, mein tiefes Mitleid aus. Auf Ungerechtigkeit und Haß, auf Unglimpf und Verleumdung war ich übrigens gefaßt, und es kann noch viel schlimmer kommen, ohne daß ich so naiv sein werde, überrascht zu sein oder mich zu beklagen. Aber auch die Rezensenten, die sich den Anschein geben, sachlich zu sein, erfordern bisher keine Antwort.

Die einen erzählen ihren Lesern mit äußerst kundiger Miene, meine Gedanken seien nicht neu. Was wissen diese braven Leutchen davon? Ich habe ihnen nicht den Gefallen gethan, bei jeder mir allein gehörenden Untersuchung zu gackern wie ein Huhn, das ein Ei gelegt hat, und da sie gar nicht in der Lage sind, zu unterscheiden, was neu und was alt ist, so glauben sie sehr schlau zu sein, wenn sie die Nase rümpfen und mit der Geberde von Kostverächtern sagen: »das Alles haben wir längst gewußt«. Sie beweisen durch diese drollige Kennermiene nur den wirklichen Kennern, wie wenig sie von den hier behandelten Fragen wissen. Der Fachmann wird gerechter sein und mir lassen, was in den Betrachtungen über die Wurzeln des religiösen Gefühls, in der Kritik der landläufigen Volkswirthschaftslehre, in den zahlreichen anthropo-, sozio- und psychologischen Anwendungen des Evolutionsprinzips mein ist.

Andere Kritiker lassen mich Dinge behaupten, von denen ich das gerade Gegentheil gesagt habe, und belehren mich dann triumphirend eines besseren, indem sie mir – meine wirklichen Aeußerungen wie einen eigenen Freund entgegenhalten. Wieder andere dichten mir Widersprüche an, die sie nur finden konnten, weil sie das Buch entweder nicht gelesen oder nicht verstanden haben, oder weil sie nicht guten Glaubens sind. Gegen alle diese Einwendungen und Ausstellungen vertheidigt sich das Buch selbst.

Auf einen Vorwurf indeß will ich meinen kritischen Gegnern die Antwort doch nicht schuldig bleiben. Er hat sich, das ist bezeichnend, unter der Feder aller meiner Angreifer gefunden. Sie werfen mir nämlich wie auf Verabredung vor, ich sei nicht berufen, ein Buch wie dieses zu schreiben. Ah, wie ich da meine geliebten Deutschen erkenne! Nicht berufen? Weshalb diese Umschreibung? Sagt doch geradeheraus, was ihr meint: ihr wollt sagen, daß ich weder Professor noch Rath bin, nicht das geringste staatliche Titelchen, nicht die kleinste amtliche Anstellung habe. »Was, ein freier, unabhängiger Schriftsteller wagt es, sich mit wissenschaftlichen Fragen ernst zu beschäftigen, selbstständig zu denken und zu untersuchen, eigene Lösungen vorzuschlagen? Das ist wirklich nicht zu dulden. Wenn er durchaus schreiben will, so schreibe er lyrische Gedichte; das ist das Grundrecht eines jeden Deutschen; aber nach Wahrheit forschen? lehrhaft sein wollen? in das Gebiet einbrechen, das den mit Ernennungsdekret angestellten zünftigen Weisen vorbehalten ist? Wehe ihm! Hinaus mit dem Eindringling! Alle Hunde hinter ihn gehetzt! Er ist ein Unberufener! Ein Unberufener!

Diese kümmerlichen Polizei- und Ranglisten-Seelen, die mir so den Beruf aberkennen, der Wahrheit nachzugehen und sie auszusprechen, wenn ich sie gefunden zu haben glaube, einen Beruf, den doch jeder vollwüchsige und ehrliche Mensch hat, sie gehören einer wohlbekannten Gattung an. Sie haben Vorfahren in der Geschichte und Legende. Ihr Schrei ist so alt wie die organisirte Autorität. Seit es eine amtliche Weisheit giebt, hat man dem Geiste, der nicht im obrigkeitlichen Schematismus steht, die Berechtigung abgesprochen und das Gehör verjagt. Unendlich Größere als ich, denen ich nicht das Fußwasser zu reichen würdig bin, sind diesem Schicksale nicht entgangen. »Was kann Gutes kommen von Nazareth?« hat man jedesmal voll Verachtung gefragt, so oft ein neuer Gedanke nicht aus dem Sanhedrin, sondern einer obskuren Hütte hervorging. Aber das hat seltsamer Weise die Gedanken von Nazareth niemals gehindert, ihren Weg zu machen.

Ich bin ein Unberufener. Das ist also wohl verstanden. Ihr habt ganz Recht. Ich gehöre nicht zum Sanhedrin. Ihr dürft mich ignoriren, ihr dürft mir achselzuckend den Rücken wenden. Ich hoffe aber, daß die armen Fischer, Zöllner, kleinen Leute, daß die Unglücklichen und Elenden mir zuhören werden. Und das genügt mir.

Am 27. November 1883.

Der Verfasser.

Vorwort zum 59. Tausend.

Am 20. Oktober sind es 25 Jahre geworden, daß dieses Buch erschienen ist. In diesem Vierteljahrhundert ist der Verfasser weit mehr gealtert als sein Werk. Dieses ist zeitgemäß und wahr geblieben, wie es am ersten Tage war – leider.

Der Verfasser hätte allen Grund, mit den Geschicken seines Buches zufrieden zu sein. Mit dem Erfolge ist er es; ob auch mit der Wirkung? Ach, wer doch die hochgemute Selbstsicherheit der Jugend immer bewahren könnte!

Als der Verfasser »Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit« schrieb, war er fest überzeugt, daß entlarvte Lügen ihre Rolle rasch ausgespielt haben müssen. Er dachte, alle kernfaulen Einrichtungen, alle abgestorbenen Überlieferungen, alle sinnlosen Vorurteile, aller gewohnte Betrug würden vor der Verkündigung der Wahrheit, vor dem erlösenden Worte der Vernunft verschwinden wie Nachtspuk vor dem Hahnenschrei. Ein Vierteljahrhundert lehrte ihn, daß dies eine freundliche Selbsttäuschung war.

Seit dem Erscheinen dieses Buches hat sich der Anblick der Welt vielfach geändert, der sachliche wie der geistig-sittliche. Die Erkenntnis hat sich ausgebreitet und ist in die Tiefe gedrungen. Millionen Seelen haben sich aus den Finsternissen urzeitlichen Aberglaubens zur Helle wissenschaftlicher Weltanschauung emporgerungen. Der kritische Sinn hat sich allgemein entwickelt und übt sich methodisch an allen dogmatischen Behauptungen. Die Folgen davon sind auf vielen Gebieten handgreiflich. Das Herrschertum von Gottes Gnaden weicht überall vor der verfassungsmäßigen Bekräftigung der Volkssouveränetät zurück. Frankreich hat das erste Beispiel der vollständigen Verweltlichung eines Staatswesens gegeben, das sich nicht mehr auf den Glauben stützt und ihn weder in der Schule noch im öffentlichen Leben in Erwartung nützlicher Gegenseitigkeit begönnert. Die Ehe ist auf die Anklagebank gesetzt und hat sich gegen schwere Beschuldigungen zu verantworten. Die Persönlichkeit ist freier, positiver, von sich und den anderen höher gewertet als früher. Mit den Ansprüchen der Enterbten rechnen die rückständigsten Gewalten.

Aber neben diesen erfreulichen Zeichen der Vorwärts- und Aufwärtsbewegung wie viel Beweise des toten Stillstandes! Wie viel Vorgeschichte ragt noch in die Geschichte herein! Wie tief wurzeln noch die gröbsten Irrtümer in den Geistern! Wie fest verschlossen und verriegelt bleiben selbst Menschen mit formalem Buchwissen gegen die wissenschaftliche Wahrheit!

Heute wundert dies den Verfasser nicht mehr. Der Zweiunddreißigjährige, der dieses Buch zu schreiben unternahm, glaubte an die unwiderstehliche Macht der Vernunft. Der Neunundfünfzigjährige, der ihm ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen dieses neue Geleitwort mitgibt, hat gelernt, daß die Menschen von ihrem Gefühle beherrscht werden, nach ihrem Gefühle handeln und sich gegen die Vernunft wütend sträuben, wenn sie das Gefühl in ihre Zucht zu nehmen sich anschickt.

Die Gefühle sind die Wacht der konventionellen Lügen. Darum behaupten sie sich noch gegen die vernünftige Einsicht. Aber der Verfasser ist an der Schwelle des Alters so wenig entmutigt wie auf der sonnigen Höhe seines Lebens. Er hegt die Zuversicht, daß für die Vorbereitung der Geister zur Aufnahme der Wahrheitssaat dieses Buch auch in kommenden Jahrzehnten sich als taugliches Ackergerät bewähren wird wie in den drittehalb vergangenen. Im immer gewaltigeren Ringen der Vernunft mit altererbtem Gefühl werden Untergründe der Seele und des Gemüts wie mit dem Tiefpflug aufgewühlt, uralte Trugvorstellungen werden entwurzelt und dem Aufsprießen neuer Erkenntnis die Vorbedingungen geschaffen. Dazu ein wenig beigetragen zu haben gibt dem Leben eines Schriftstellers Wert und Bedeutung.

Im Frühling 1909.

Der Verfasser.

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