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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Bald öffnete sich die Tür wieder, und Fräulein von Verneuil erschien an der Hand des jungen Mannes, der sie mit selbstgefälliger Höflichkeit zu Tische führte.

Die eben verflossene Stunde war für den Teufel nicht verloren gewesen. Von Francine unterstützt, hatte sich Fräulein von Verneuil mit einer Reisetoilette angetan, die vielleicht gefährlicher war als ein Ballkleid. Seiner Einfachheit wohnte jener unwiderstehliche Reiz inne, den die Kunst verleiht, mit welcher eine Frau, deren Schönheit keiner Hilfsmittel bedarf, ihren Anzug zu einer nebensächlichen Angelegenheit macht. Sie trug ein grünes Kleid, dessen guter Schnitt durch ein mit Schnüren besetztes Leibchen ihre Formen in einer auffallenden, für ein junges Mädchen wenig passenden Weise nachzeichnete und ihre biegsame Gestalt, ihren schlanken Wuchs und ihre zierlichen Bewegungen sehen ließ. Beim Eintreten lächelte sie mit einer Anmut, wie sie Frauen eigen ist, die in einem rosigen Munde zwei Perlreihen porzellanweißer Zähne und zudem zwei Wangengrübchen besitzen, so frisch wie die eines Kindes. Da sie den Reisemantel abgelegt hatte, der sie den Blicken des jungen Seemanns zuerst entzogen hatte, konnte sie nun mit Leichtigkeit all die tausend kleinen anscheinend so harmlosen Künste spielen lassen, durch die eine Frau alle Reize ihres Gesichtes und alle Schönheiten ihres Kopfes zur Geltung zu bringen weiß, um Bewunderung zu erregen. Ein gewisser Einklang zwischen ihrem Wesen und ihrem Anzug verjüngte sie so sehr, daß Frau von Gua sich noch für freigebig hielt, wenn sie ihr zwanzig Jahre zusprach. Die Koketterie dieser augenscheinlich ihm zu Gefallen gemachten Toilette mußte in dem jungen Manne Hoffnungen erwecken; aber Fräulein von Verneuil grüßte ihn nur mit einer leichten Kopfneigung, ohne ihn anzublicken, und schien ihn mit gutgelauntem Gleichmut aufzugeben, so daß er sich verstimmt fühlte.

Diese Zurückhaltung verriet den Augen der Fremden weder Absichtlichkeit noch Gefallsucht; es war natürliche oder geheuchelte Gleichgültigkeit.

Der offene Ausdruck, den die Reisende ihrem Gesicht zu geben verstand, machte es undurchdringlich. Sie schien nicht im geringsten auf Eroberungen auszugehen und ganz unbewußt die weiblichen Verführungskünste spielen zu lassen, welche die Selbstliebe des jungen Seemannes schon irregeführt hatten. So ließ sich der Unbekannte denn mit einer Art von Verdruß auf seinen Platz nieder.

Fräulein von Verneuil nahm Francine bei der Hand und sagte, zu Frau von Gua gewendet, mit einschmeichelnder Stimme:

»Gnädige Frau, hätten Sie wohl die Güte zu erlauben, daß dieses Mädchen, in dem ich eher eine Freundin als eine Dienerin sehe, mit uns speist? In diesen stürmischen Zeiten kann man Anhänglichkeit nur mit dem Herzen bezahlen. Denn was anderes ist uns sonst noch geblieben?«

Frau von Gua erwiderte diese letzten, halblaut ausgesprochenen Worte durch eine etwas steife kleine Verbeugung, in der sich ihr Mißbehagen aussprach, es mit einer so schönen Frau zu tun zu haben. Darauf beugte sie sich zum Ohre ihres Sohnes: – »Ach! stürmische Zeiten, Anhänglichkeit, gnädige Frau – und die Dienstmagd! Das kann nicht wohl Fräulein von Verneuil sein.«

Die Tischgenossen wollten sich eben setzen, als Fräulein von Verneuil Corentin bemerkte, der die von seinen Blicken ziemlich beunruhigten beiden Unbekannten noch immer einer genauen Prüfung unterwarf.

»Bürger,« sagte sie zu ihm, »du bist doch sicherlich zu wohlerzogen, um mich so auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Als sie meine Eltern aufs Schafott schickte, war die Republik nicht so freigebig, mir einen Vormund zu bestellen. Wenn du mich aus unerhörter ritterlicher Galanterie wider meinen Willen bis hierher begleitet hast – hier entfuhr ihr ein Seufzer – so kann ich keinesfalls dulden, daß deine schützende Sorge, mit der du so verschwenderisch bist, so weit geht, daß du dir Zwang antust. Ich bin hier in Sicherheit, du kannst mich allein lassen.«

Sie warf ihm einen festen und verächtlichen Blick zu und ward verstanden.

Corentin unterdrückte ein Lächeln, das die Winkel seines schlauen Mundes fast zusammenkniff, grüßte ehrerbietig und erwiderte:

»Bürgerin, es wird mir stets eine Ehre sein, dir zu gehorchen. Die Schönheit ist die einzige Königin, deren Befehle ein Republikaner freudig ausführen darf.«

Als er fortging, erstrahlten Fräulein von Verneuils Augen in so kindlicher Freude, und sie warf Francine einen so von Glück durchdrungenen Verständigungsblick zu, daß Frau von Gua, zuvor durch die aufsteigende Eifersucht argwöhnisch geworden, sich geneigt fühlte, den Verdacht fahren zu lassen, welchen die vollkommene Schönheit des Fräuleins von Verneuil in ihr erweckt hatte.

»Vielleicht ist es doch Fräulein von Verneuil,« flüsterte sie ihrem Sohn ins Ohr.

»Und die Eskorte?« entgegnete der junge Mann, den der Ärger klug machte. »Ist sie Gefangene oder Schützling, Freundin oder Feindin der Regierung?«

Frau von Gua blinzelte ihm hierauf nur zu, als ob sie ihm sagen wolle, hinter dieses Geheimnis werde sie schon kommen.

Indes schien Corentins Entfernung das Mißtrauen des Seemanns zu mildern; sein Gesicht verlor den strengen Ausdruck, und er warf Fräulein von Verneuil Blicke zu, die eher von ungezügelter Begierde als von der achtungsvollen Wärme einer aufkeimenden Leidenschaft zeugten. Dadurch wurde Fräulein von Verneuil nur noch um so vorsichtiger gemacht, so daß sie ihre freundlichen Worte für Frau von Gua aufsparte. Nun versuchte der junge Mann, in seinem Ärger alleingelassen, aus seinem Verdruß heraus gleichfalls den Unempfindlichen zu spielen. Doch sie bemerkte dies anscheinend gar nicht und gab sich einfach, ohne schüchtern, zurückhaltend, ohne spröde zu sein.

Das Zusammentreffen dieser Personen, die nichts miteinander gemein zu haben schienen, ließ keinerlei Sympathie zwischen ihnen aufkommen. Es machte sich sogar eine ganz gewöhnliche Verlegenheit, ja Gezwungenheit geltend, wodurch das Vergnügen völlig zunichte gemacht wurde, das Fräulein von Verneuil und der junge Seemann sich eine Stunde zuvor versprochen hatten. Aber Frauen besitzen, einen so außerordentlichen Takt in ihrem Verkehr untereinander, sie sind sich gegenseitig durch so enge Bande oder den gleichen lebhaften Wunsch nach seelischer Bewegung verbunden, daß sie bei dergleichen Gelegenheiten stets das Eis zu brechen verstehen. So begannen auf einmal die beiden schönen Tischgenossinnen, als hätten sie denselben Gedanken gehabt, ihren gemeinsamen Kavalier harmlos zu necken, und wetteiferten, ihn mit Scherzen, Aufmerksamkeiten und Fürsorglichkeit zu bedenken.

Diese geistige Gleichgestimmtheit machte sie freier. Dasselbe Wort, derselbe Blick, die zuvor, in der Gezwungenheit des Zusammenseins, Schwere gehabt hätten, wurden jetzt belanglos. Kurz und gut, nach Verlauf einer halben Stunde waren die beiden Frauen, die einander insgeheim schon feind waren, dem Anschein nach die besten Freundinnen von der Welt. Jetzt hätte der junge Seemann Fräulein von Verneuil wegen ihrer geistigen Freiheit beinahe ebenso gezürnt, wie vorher wegen ihrer Zurückhaltung. Er war so böse, daß er mit dumpfem Zorn bedauerte, das Frühstück mit ihr geteilt zu haben.

»Madame,« sagte das Fräulein zu Frau von Gua, »ist Ihr Herr Sohn immer so traurig?«

»Mein Fräulein,« antwortete er selbst, »ich fragte mich gerade, wozu ein Glück gut ist, das doch bald entflieht. Das Geheimnis meiner Traurigkeit liegt eben in der Lebhaftigkeit meines Vergnügens.«

»Das sind Redensarten,« warf sie lachend ein, »die mehr nach dem Hofe als nach der Militärschule klingen.«

»Er drückt nur ein sehr natürliches Gefühl aus,« sagte Frau von Gua, die ihre Gründe hatte, die Unbekannte kirre zu machen.

»Ach, so lachen Sie doch!« wandte Fräulein von Verneuil sich an den jungen Mann. »Wie mögen Sie wohl aussehen, wenn Sie weinen, da selbst das, was Sie Glück nennen, Sie so traurig macht?«

Dieses Lächeln, von einem aufreizenden Blick begleitet, der die Wirkung dieser geheuchelten Aufrichtigkeit verringerte, schenkte dem Seemann von neuem eine leichte Hoffnung. Doch Fräulein von Verneuil, durch ihre Natur fortgerissen, die die Frau immer verleitet, entweder zu viel oder zu wenig zu tun, schien sich seiner alsbald durch einen Blick zu bemächtigen, in dem reiche Liebesversprechungen strahlten; worauf sie seinen galanten Worten dann wiederum eine kalte, strenge Bescheidenheit entgegensetzte: ein gebräuchlicher Kunstgriff, unter dem die Frauen ihre wahrhaften Empfindungen zu verbergen pflegen. Nur einen einzigen kleinen Augenblick lang tauschten sie ihre geheimen Wünsche miteinander aus, als jeder die Lider des andern gesenkt glaubte; aber ihre Blicke wichen einander ebenso schnell wieder aus, wie sie einander diesen Strahl zugeworfen hatten, der die Herzen zugleich erleuchtet und verwirrt. Beschämt darüber, weil sie sich so viel gesagt, wagten sie es nicht mehr, einander anzublicken. Fräulein von Verneuil, die lebhaft wünschte, den Unbekannten eines Besseren zu belehren, verschloß sich in kalte Höflichkeit und schien das Ende der Mahlzeit sogar mit Ungeduld zu erwarten.

»Sie haben im Gefängnis wohl sehr viel zu leiden gehabt?« fragte Frau von Gua.

»Ach, gnädige Frau, es ist mir, als ob ich immer noch darin säße!«

»Soll Ihre Eskorte Sie beschützen oder überwachen, Fräulein? Sind Sie der Republik wert oder verdächtig?«

Fräulein von Verneuil fühlte heraus, daß sie Frau von Gua recht gleichgültig sei, und wurde durch diese Frage eingeschüchtert.

»Gnädige Frau,« erwiderte sie, »ich weiß selber nicht recht, wie ich augenblicklich bei der Republik angeschrieben bin.«

»Sie machen sie vielleicht gar zittern,« warf der junge Mann etwas spöttisch ein.

»Warum sollten wir die Geheimnisse des Fräuleins nicht achten?« meinte Frau von Gua.

»Oh, gnädige Frau, die Geheimnisse eines jungen Mädchens, das in der Welt noch nichts kennengelernt hat, außer dem Unglück, sind nicht sehr spannend . . .«

»Aber,« setzte Frau von Gua eine Unterhaltung fort, durch die sie vielleicht erfahren konnte, was sie zu wissen wünschte, »der Erste Konsul scheint die besten Absichten zu haben. Man sagt, er werde die Wirkung der Gesetze gegen die Emigranten aufheben?«

»Jawohl, gnädige Frau,« sagte Fräulein von Verneuil vielleicht etwas zu lebhaft. »Aber warum wiegeln wir dann die Bretagne und die Vendée auf und setzen Frankreich in Brand?«

Dieser hochherzige Aufruf, durch den sie sich selbst einen Vorwurf zu machen schien, ließ den jungen Seemann erzittern. Er beobachtete Fräulein von Verneuil aufmerksam, aber ihre Züge ließen weder Liebe noch Haß erkennen. Das feine Gesicht, dessen Farbe die Zartheit der Haut verriet, war undurchdringlich. Eine unbesiegliche Neugier band ihn plötzlich an dieses seltsame Geschöpf, das bereits heftige Wünsche in ihm geweckt hatte.

»Aber wollen Sie nach Mayenne, gnädige Frau?« sagte sie nach einer Pause.

»Ja, mein Fräulein,« antwortete der junge Mann mit fragender Miene für seine Mutter.

»Nun, gnädige Frau, da Ihr Herr Sohn also der Republik dient,« fuhr Fräulein von Verneuil fort, mit einem Klang in der Stimme, als sei ihr plötzlich eine schwere geheime Last vom Herzen gefallen, »– müssen Sie die Chouans fürchten,« beendete sie ihren Satz, »und meine Eskorte ist nicht zu verachten. Wir sind ja schon fast Reisegefährten geworden, nehmen Sie also meine Kalesche bis Mayenne an.«

Mutter und Sohn warfen einander bedeutungsvolle Blicke zu.

»Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein,« sprach der junge Mann, »ob es sehr vorsichtig von mir ist, wenn ich Ihnen sage, daß Dinge von hoher Wichtigkeit allerdings heute abend unsere Anwesenheit in der Nähe von Fougères notwendig machen, und daß wir noch keine Reisegelegenheit gefunden haben. Doch Frauen sind von Natur so edelmütig, daß ich mich schämen würde, mich Ihnen nicht anzuvertrauen. Trotzdem aber«, setzte er hinzu, »müssen wir, bevor wir uns in Ihre Hände geben, wissen, ob wir auch heil und sicher wieder daraus hervorgehen werden. Sind Sie die Königin oder die Sklavin Ihrer republikanischen Geleitmannschaft? Verzeihen Sie die Offenheit eines jungen Seemanns, nur sehe ich in Ihrer Lage nichts recht Natürliches.«

»Wir leben in einer Zeit, mein Herr, in der nichts, was vorgeht, recht natürlich ist. Also können Sie ohne Bedenken annehmen, glauben Sie mir das. Vor allen Dingen dürfen Sie«, fuhr sie mit Nachdruck fort, »keinerlei verräterische Absicht hinter dem schlichten Anerbieten einer Frau suchen, die von politischem Haß nichts wissen will.«

»Trotzdem wird eine solche Reise nicht ohne Gefahr sein,« entgegnete er und begleitete diese Worte mit einem feinen Blick, der ihnen Geist verlieh.

»Was fürchten Sie denn noch?« meinte sie mit spöttischem Lächeln. »Ich sehe keine Gefahr für irgendwen.«

»Ist die Frau, die das sagt, dieselbe, deren Blick mich so entzückt hatte?« fragte sich der junge Mann. »Was für ein Ton! Sie stellt mir eine Falle.«

In diesem Augenblick ertönte, einer düsteren Warnung gleich, der scharfe, durchdringende Schrei eines Käuzchens, das ganz oben auf dem Kamine zu sitzen schien.

»Was ist das?« fragte Fräulein von Verneuil. »Unsere Reise fängt nicht unter günstigen Vorzeichen an. Gibt es denn hier Eulen, die am hellen Tage schreien?«

»So etwas kann vorkommen,« sagte der junge Mann kalt.

Er sah seine Mutter an, und sie ihn. Dann fuhr er fort:

»Wir würden Ihnen vielleicht Unglück bringen, mein Fräulein. Denken Sie das nicht selbst? Reisen wir also nicht gemeinsam!«

Diese Worte sagte er mit einer Ruhe und Zurückhaltung, die Fräulein von Verneuil in Erstaunen setzten.

»Mein Herr,« erwiderte sie mit ganz und gar aristokratischer Unverschämtheit, »es liegt mir nichts ferner, als Sie zwingen zu wollen. Bewahren wir uns den Rest von Freiheit, den die Republik uns läßt. Wenn die gnädige Frau allein wäre, würde ich freilich darauf bestehen . . .«

Die schweren Tritte eines Militärs hallten durch den Flur, und bald stand Kommandant Hulot mit gerunzelter Stirn vor den Anwesenden.

»Kommen Sie hierher, Oberst,« rief Fräulein von Verneuil lächelnd und zeigte mit der Hand auf einen Stuhl neben dem ihren.

»Beschäftigen wir uns, da es nötig ist, mit Staatsangelegenheiten! Aber so lachen Sie doch! Was haben Sie denn? Sind Chouans hier?«

Beim Anblick des jungen Unbekannten, den er mit sonderbarer Aufmerksamkeit musterte, war der Kommandant wie angewurzelt stehen geblieben.

»Nehmen Sie noch etwas Hasenbraten, Mutter? Fräulein Francine, Sie essen ja gar nicht!« sagte der Seemann zu seinen Tischgenossen, obwohl in Hulots Erstaunen und der Aufmerksamkeit des Fräuleins von Verneuil etwas furchtbar Ernstes lag, das er nicht verkennen durfte, ohne sich in Gefahr zu bringen. Darum fuhr er plötzlich fort: »Was hast du denn, Kommandant? Solltest du mich kennen?«

»Vielleicht,« erwiderte der Republikaner.

»Ach ja, ich glaube, ich habe dich in der Schule gesehen.«

»Ich bin niemals in der Schule gewesen,« versetzte der Kommandeur grob. »Aus was für einer Schule kommst denn du?«

»Von der Polytechnischen.«

»Haha! ja so, aus dieser Kaserne, wo man Soldaten in Schlafsälen züchten will,« spottete der Kommandant, dessen Abneigung gegen die aus dieser gelehrten Pflanzschule hervorgegangenen Offiziere unüberwindlich war. »Und bei was für einem Korps dienst du?«

»Bei der Marine.«

»Oho,« sagte Hulot mit boshaftem Lächeln. »Kennst du noch viele andere Zöglinge aus der Schule da, die bei der Marine sind? Es gehen ja daraus«, setzte er mit ernster Miene hinzu, »nur Artillerie- und Genieoffiziere hervor.«

Der junge Mann ließ sich indes nicht aus der Fassung bringen.

»Mit mir ist meines Namens wegen eine Ausnahme gemacht worden,« entgegnete er. »Wir sind alle Seeleute gewesen in unserer Familie.«

»Ach!« war Hulots Erwiderung. »Wie ist denn dein Familienname, Bürger?«

»Du Gua Saint-Cyr.«

»Somit bist du in Mortagne nicht ermordet worden?«

»Ach, viel hat nicht daran gefehlt,« fiel hier lebhaft Frau von Gua ein. »Mein Sohn hat zwei Kugeln abbekommen . . .«

»Und du hast Papiere?« sagte Hulot, ohne auf die Mutter zu hören.

»Wollen Sie sie sehen?« fragte keck der junge Seemann, dessen blaues Auge voller Mutwillen bald das finstere Gesicht des Kommandeurs, bald das des Fräuleins von Verneuil betrachtete.

»Soll ich mich etwa von einem Gelbschnabel wie du nasführen lassen? Vorwärts, her mit deinen Papieren, oder sonst marsch und fort!«

»Nun, nun, mein Lieber, ich bin kein Tölpel. Brauche ich dir überhaupt zu antworten? Wer bist du denn?«

»Der Befehlshaber des Départements,« gab Hulot zurück.

»Oh, in dem Falle könnte es mir übel gehen, wenn es hieße, man hätte mich mit den Waffen in der Hand gefangen.«

Er bot dem Kommandanten ein Glas Wein an. Der aber antwortete nur:

»Ich habe keinen Durst. Vorwärts, schnell, deine Papiere!«

Da schallten von der Straße her Waffenlärm und die Schritte von Soldaten. Hulot trat ans Fenster und nahm eine zufriedene Miene an, bei deren Anblick Fräulein von Verneuil erzitterte. Dieses Zeichen ihrer Teilnahme erwärmte den jungen Mann, dessen Gesicht kalt und stolz geworden war. Nachdem er in seiner Rocktasche gesucht hatte, überreichte er dem Kommandanten seine Papiere, die in einer eleganten Brieftasche steckten. Ganz langsam las Hulot sie durch und verglich dabei die Angaben des Passes mit den Zügen des Unbekannten. Während dieser Prüfung ertönte der Schrei des Käuzchens von neuem; aber diesmal war es nicht schwer, Klang und Schwingung einer menschlichen Stimme darin zu erkennen. Der Kommandant gab dem jungen Manne seine Papiere mit spöttischer Miene zurück und sagte:

»Das ist alles gut und schön, aber du mußt mir darum doch nach dem Distrikte folgen. Ich für meinen Teil habe keine Vorliebe für Musik!«

»Warum wollen Sie ihn nach dem Distrikte mitnehmen?« fragte Fräulein von Verneuil bestürzt.

»Das«, erwiderte der Kommandant und schnitt seine gewohnte Fratze, »geht Sie nichts an, kleines Dämchen.«

Empört über den Ton und den Ausdruck des alten Soldaten und mehr noch über die Demütigung, die sie vor dem jungen Seemanne dadurch erlitt, stand Fräulein von Verneuil auf, ließ die offene und bescheidene Haltung, die sie bis dahin bewahrt, ganz fallen und rief mit geröteten Wangen und funkelnden Augen zwar leise, aber mit bebender Stimme:

»Hat dieser junge Mann nicht allen Forderungen des Gesetzes genügt?«

»Dem Anscheine nach wohl«, erwiderte Hulot ironisch.

»Nun gut, so erwarte ich, daß Sie ihn dem Anscheine nach in Ruhe lassen«, gab sie zurück. »Haben Sie Angst, daß er Ihnen entkommt? Sie werden ihn mit mir zusammen nach Mayenne geleiten. Er wird mit seiner Frau Mutter meinen Wagen teilen. Keinen Einwand! Ich will es.«

Als Hulot zum zweitenmal sein Gesicht schnitt, fragte sie:

»Finden Sie ihn denn noch verdächtig?«

»Oh, so ein bißchen, meine ich.«

»Was wollen Sie also mit ihm tun?«

»Nichts; höchstens ihm den Kopf ein wenig mit Blei abkühlen«, war Hulots spöttischer Bescheid. »Er ist ein Hitzkopf.«

»Scherzen Sie, Herr Oberst?« rief Fräulein von Verneuil.

»Vorwärts, Kamerad,« sagte der Kommandant und machte eine auffordernde Kopfbewegung nach dem Seemann hin. »Vorwärts, rasch!«

Bei dieser Unverfrorenheit Hulots gewann Fräulein von Verneuil ihre Ruhe wieder, und ein Lächeln flog über ihr Gesicht.

»Gehen Sie nicht mit ihm«, sprach sie zu dem jungen Manne und streckte mit einer schützenden Gebärde würdevoll die Hand aus.

»Was für ein schöner Kopf!« flüsterte der Seemann seiner Mutter ins Ohr, die dazu die Stirn runzelte.

Durch den Verdruß und tausend aufgeregte, aber zurückgedrängte Empfindungen spiegelten sich auf einmal ganz neue Schönheiten auf dem Gesicht der Unbekannten. Francine, Frau von Gua und ihr Sohn waren aufgestanden. Fräulein von Verneuil trat lebhaft zwischen sie und den lächelnden Kommandanten, löste rasch zwei Schnüre ihres Leibchens und reichte Hulot hastig einen offenen Brief, wozu sie einerseits durch die Verblendung hingerissen wurde, die Frauen eigen ist, wenn man ihrer Selbstliebe stark zusetzt, andererseits aber, weil sie sich geschmeichelt fühlte, ihre Macht auszuüben, und ungeduldig war, wie ein Kind, das ein eben erhaltenes neues Spielzeug versuchen will.

»Lesen Sie!« sagte sie mit schadenfrohem Lächeln.

Dann wandte sie sich nach dem jungen Manne um, dem sie in ihrem Triumphgefühl einen Blick zuwarf, der ein Gemisch von Mutwillen und Verliebtheit war. Beider Gesichter hellten sich auf; die Freude rötete ihre erregten Wangen, und tausend einander widersprechende Gedanken regten sich in ihnen. Frau von Gua schien durch einen einzigen Blick davon überzeugt zu sein, daß Fräulein von Verneuils Edelmut viel mehr der Liebe als der Menschenfreundlichkeit zuzuschreiben sei, und damit hatte sie zweifellos recht. Zunächst errötete die hübsche Reisende und senkte bescheiden die Augen, als sie diesen alles sagenden Frauenblick auffing; doch bald fand sie ihren Mut wieder, hob stolz den Kopf und begegnete unerschrocken allen Blicken. Der Kommandant war wie erstarrt. Er gab ihr den von den Ministerien gezeichneten Brief zurück, der allen Behörden Gehorsam gegen Fräulein von Verneuil anbefahl, zog dann seinen Degen aus der Scheide, faßte ihn, zerbrach ihn über dem Knie, warf die Stücke auf den Boden und sprach kalt:

»Sie werden wahrscheinlich recht gut wissen, mein Fräulein, was Sie zu tun haben; aber ein Republikaner hat seine eigenen Ideen und seinen Stolz. Ich kann da nicht dienen, wo hübsche Mädchen kommandieren; der Erste Konsul wird sofort mein Entlassungsgesuch erhalten, und andere, als Hulot, werden Ihnen gehorchen. Da, wo ich nicht mehr begreife, mache ich halt, besonders, wenn ich begreifen soll

Einen Augenblick herrschte Stillschweigen; dann schritt Fräulein von Verneuil auf den Kommandanten zu, reichte ihm die Hand und sagte:

»Herr Kommandant, wenn Ihr Bart auch ein wenig lang ist, dürfen Sie mir doch einen Kuß geben. Sie sind ein Mann!«

»Ich schmeichle mir wenigstens, es zu sein,« antwortete er und drückte ziemlich linkisch einen Kuß auf ihre Hand.

Dann drohte er dem jungen Manne mit dem Finger:

»Du, Kamerad, bist diesmal mit einem blauen Auge davongekommen!«

»Kommandant,« versetzte der Unbekannte lachend, »der Spaß muß jetzt einmal ein Ende nehmen. Wenn du willst, folge ich dir zum Distrikt.«

»Wirst du auch deinen unsichtbaren Pfeifer mitnehmen, Marche-à-terre?«

»Was für einen Marche-à-terre?« fragte der Seemann mit allen Zeichen des ehrlichsten Erstaunens. »Ist nicht vorhin gepfiffen worden?«

»Nun ja!« entgegnete der Fremde, »aber was hat dieses Pfeifen mit mir zu tun, wenn ich dich fragen darf? Ich glaubte, deine Soldaten, denen du vielleicht befohlen hattest, mich festzunehmen, verständigten dich auf solche Weise von ihrem Kommen.«

»Wahrhaftig? das hast du geglaubt?«

»Nun, mein Gott, ja. Aber trink' doch deinen Bordeaux endlich, er ist köstlich.«

Überrascht von dem natürlichen Erstaunen des Seemanns, von der unglaublichen Ungezwungenheit seines Benehmens, der Jugendlichkeit seines Gesichtes, das durch die sorgfältig angeordneten blonden Locken einen fast kindlichen Ausdruck bekam, wurde der Kommandant noch durch tausend Mutmaßungen beunruhigt. Als er bemerkte, wie Frau von Gua das Geheimnis der Blicke zu erraten suchte, die ihr Sohn Fräulein von Verneuil zuwarf, fragte er sie unversehens:

»Wie alt sind Sie, Bürgerin?«

»Ach, Herr Offizier, die republikanischen Gesetze werden wirklich recht hart! Ich bin achtunddreißig Jahre.«

»Und wenn ich erschossen werden sollte, glaube ich kein Sterbenswort von alledem! Marche-à-terre ist hier, er hat gepfiffen, und ihr seid verkleidete Chouans. Ich lasse jetzt – zum Donnerwetter! – das Gasthaus umzingeln und durchsuchen.«

Hier wurde der Kommandant durch ein unregelmäßiges, dem vorherigen ziemlich ähnliches Pfeifen unterbrochen, das aus dem Hofe zu kommen schien. Zum Glück stürzte er sofort hinaus, so daß er die Blässe nicht bemerkte, die sich bei seinen letzten Worten über Frau von Guas Züge verbreitet hatte. Hulot sah den Pfeifer; es war ein Postkutscher, der seine Pferde vor die Kutsche des Fräuleins von Verneuil spannte. Nun schwand sein Verdacht, denn es schien ihm wirklich ganz ungereimt, daß die Chouans sich mitten nach Alençon hineinwagen sollten. Verlegen kam er zurück.

»Ich verzeihe ihm, aber er soll es teuer bezahlen,« flüsterte die Mutter lachend ihrem Sohne zu, als Hulot wieder ins Zimmer trat.

Auf den Zügen des wackeren Offiziers konnte man den Kampf lesen, der sich in ihm zwischen seiner Pflichttreue und seiner angeborenen Güte abspielte. Sein Gesicht blieb mürrisch, vielleicht weil er sich getäuscht zu haben glaubte. Doch griff er nach dem Glase Wein und sagte:

»Kamerad, verzeih mir, aber deine Schule entsendet sehr junge Offiziere in die Armee . . .«

»Die Räuber haben doch noch jüngere?« fragte der vermeintliche Seemann lachend.

»Für wen hielten Sie denn meinen Sohn?« kam Frau von Gua dazwischen.

»Für den Gars, den Chouanführer, den das Londoner Kabinett herübergeschickt hat; er heißt, glaube ich, Marquis von Montauran.«

Noch immer beobachtete der Kommandant scharf die Gesichter der beiden verdächtigen Personen.

Mutter und Sohn sahen einander mit jenem sonderbaren Ausdruck an, den anmaßende Ignoranten zuweilen haben.

»Verstehst du das?«

»Nein. Und du?«

»Gar nichts begreife ich.«

»Wovon redet er eigentlich?«

»Er träumt.«

Und zum Schlusse ertönte ein beleidigendes, albernes Gelächter, wie wenn die Dummheit glaubt, recht behalten zu haben.

Fräulein von Verneuil war plötzlich erblaßt, als sie den Namen des royalistischen Generals aussprechen hörte, und beobachtete den Seemann verstohlen. Doch die rasche Veränderung ihres Wesens und ihr furchtbares Erschrecken wurden von niemand als Francine bemerkt, der einzigen, der die unmerklichsten Regungen dieses jungen Gesichtes vertraut waren.

Der Kommandant war gänzlich auf eine falsche Fährte geraten. Er hob die beiden Stücke seines Degens auf, sah Fräulein von Verneuil an, deren warmer Ton den Weg zu seinem Herzen gefunden hatte, und sagte zu ihr:

»Was Sie betrifft, mein Fräulein, so widerrufe ich nicht. Morgen erhält Bonaparte die Stücke von Hulots Degen, wenn nicht . . .«

»Ach, was kümmert mich Bonaparte, Ihre Republik, die Chouans, der König und der Gars?« rief sie mit einer Heftigkeit, die den ganzen Aufruhr ihres Innern verriet.

Laune oder Leidenschaft gossen flammende Röte über ihre Wangen. Man konnte sehen, daß die ganze Welt ihr nichts mehr bedeutete in dem Augenblick, wo sie einen einzigen auszeichnete. Als sie jedoch gewahr wurde, daß sie, gleich einem vortrefflichen Schauspieler, aller Blicke auf sich gezogen hatte, zwang sie sich in eine künstliche Ruhe zurück. Hulot stand unvermutet auf, und beunruhigt und aufgeregt folgte ihm Fräulein von Verneuil auf den Gang hinaus, wo sie ihn anhielt, um ihn feierlich zu fragen:

»Sie hatten also starke Gründe, den jungen Mann für den Gars zu halten?«

»Herrgott noch einmal, Fräulein! der Bursche, der Sie begleitet, hat mir mitgeteilt, daß der Wagen, in dem der junge du Gua und seine Mutter saßen, vorgestern in der Nähe von Mortagne überfallen worden sei, und daß die Chouans Mutter, Sohn und Kutscher ermordet hätten.«

»Ach, wenn Corentin im Spiele ist, wundert mich nichts mehr!« rief sie voller Abscheu.

Der Kommandant entfernte sich, ohne daß er gewagt hätte, Fräulein von Verneuil noch einmal anzublicken, denn ihre gefährliche Schönheit begann bereits sein Herz zu beunruhigen.

»Ich hätte die Dummheit begangen, meinen Degen wieder aufzunehmen, wenn ich zehn Minuten länger geblieben wäre«, murmelte er beim Hinuntergehen.

Als Frau von Gua sah, wie die Augen des jungen Mannes an der Türe hingen, zu der Fräulein von Verneuil hinausgegangen war, flüsterte sie ihm zu:

»Immer derselbe! Sie werden noch einmal durch eine Frau umkommen. Einer Puppe zuliebe vergessen Sie alles und jedes. Warum haben Sie sie denn eingeladen, mit uns zu frühstücken? Das ist mir ein schönes Fräulein von Verneuil, – eine Frau, die mit unbekannten Leuten frühstückt, sich von Blauen geleiten läßt und sie durch ein Schreiben entwaffnet, das sie wie einen Liebesbrief am Herzen trägt! Vielleicht ist sie eines der elenden Geschöpfe, mit deren Hilfe Fouché sich Ihrer bemächtigen will!«

»Gnädige Frau,« versetzte der junge Mann mit so bitterem Tone, daß das Herz der Dame getroffen wurde und sie erblaßte, »ihre edle Handlungsweise straft solche Vermutung Lügen. Vergessen Sie nicht, daß nichts als die Sache des Königs uns zusammenführt. Sollte die Welt nicht freudlos für Sie sein, nachdem Sie Charette zu Ihren Füßen gesehen? Leben Sie denn nicht einzig und allein, um ihn zu rächen?«

Die Dame blieb nachdenklich stehen wie ein Mensch, der vom Ufer aus dem Schiffbruch seiner Habe zusieht und nun um so heißeres Verlangen nach seinen Schätzen trägt. Fräulein von Verneuil kam wieder herein. Der junge Seemann tauschte ein Lächeln mit ihr aus und einen hoffnungsreichen Blick, dessen Verheißungen um so süßer waren, je ungewisser die Zukunft, je flüchtiger ihre Verbindung war. So schnell aber dieser Blick auch war, konnte er dem geschärften Auge der Frau von Gua doch nicht entgehen, die seine Bedeutung wohl verstand, und deren Stirn sich darob in leichte Falten legte, wie auch ihr Gesicht die eifersüchtigen Gedanken nicht ganz verbergen konnte.

Francine beobachtete sie, sah ihre Augen glänzen, ihre Wangen sich röten, es war ihr, wie wenn ein teuflischer Geist dieses unter einer furchtbaren Erschütterung erbebende Gesicht belebe. Doch kein Blitz ist flüchtiger, selbst der Tod nicht schneller, als es dieser vorübergehende Ausdruck war; und Frau von Gua verstand es, ihre heitere Miene mit einer derartigen Sicherheit wieder anzunehmen, daß Francine geträumt zu haben glaubte. Da sie jedoch bei dieser Frau eine zum mindesten ebenso große Heftigkeit des Gefühls wie bei Fräulein von Verneuil bemerkte, schauderte ihr beim Gedanken an die furchtbaren Zusammenstöße, die bei zwei Menschen von solchem Schlage unausbleiblich sein würden, und sie zitterte, als sie Fräulein von Verneuil lächelnd auf den jungen Offizier zugehen sah, sah, wie sie ihm einen leidenschaftlichen, berauschenden Blick zuwarf, ihn an beiden Händen faßte und ihn mit einer schelmisch mutwilligen Gebärde ans Fenster zog.

»Jetzt gestehen Sie mir,« sagte sie und suchte in seinen Augen zu lesen, »daß Sie nicht Herr du Gua Saint-Cyr sind.«

»Doch, Fräulein.«

»Der ist doch aber tot.«

»Das bedaure ich unendlich,« erwiderte er lachend. »Aber wie dem auch sei, ich bin Ihnen trotzdem zu großer Dankbarkeit verpflichtet, die ich Ihnen nur zu gern würde beweisen können.«

»Ich glaubte einen Emigranten zu retten, aber als Republikaner sind Sie mir lieber.«

Bei diesen Worten, die ihren Lippen wie unbedacht entschlüpft waren, wurde sie plötzlich verlegen; sie schien zu erröten, und ihre Haltung zeigte nur noch eine entzückende Offenheit des Gefühls; sanft machte sie ihre Hände aus denen des Offiziers los, nicht, weil sie sich schämte, sie gedrückt zu haben, sondern aus einem Gedanken heraus, der zu schwer war, um ihn im Herzen zu tragen, und ließ ihn hoffnungstrunken stehen. Dann schien es, als zürne sie sich selbst und nur sich allein wegen dieser Freiheit, die vielleicht durch das flüchtige Reiseabenteuer eine gewisse Berechtigung gewann, nahm wieder die Haltung an, die sie sich selbst vorgeschrieben, grüßte ihre beiden Reisegefährten und verschwand mit Francine.

Als sie in ihrem Zimmer angelangt waren, schob Francine die Finger ineinander, drehte die Handflächen nach oben und betrachtete ihre Herrin händeringend. Dann sagte sie:

»Ach, Marie, wie vielerlei in so kurzer Zeit! Niemand als Sie kann solche Dinge anstellen!«

Fräulein von Verneuil flog Francine an den Hals.

»Ach, das ist Leben! Ich bin im Himmel!«

»Vielleicht in der Hölle!« entgegnete Francine.

»Meinetwegen auch in der Hölle!« gab Fräulein von Verneuil heiter zurück. »Komm, gib mir die Hand. Da fühle, wie mein Herz klopft. Ich habe Fieber. Wie wenig bedeutet mir jetzt die ganze Welt! Wie oft habe ich diesen Mann in meinen Träumen gesehen, wie schön ist sein Kopf und wie strahlend sein Blick! Ich habe ihn genau genug betrachtet!«

»Liebt er Sie denn?« fragte mit schwacher Stimme das einfache Landmädchen, dessen Gesicht jetzt einen wehmütigen Ausdruck annahm.

»Das mußt du ihn selbst fragen!« antwortete Fräulein von Verneuil.

»Aber sag doch, Francine,« setzte sie halb ernst, halb drollig hinzu, »ob das so schwer sein würde?«

»Das nicht. Aber wird er Sie immer lieben?«

Sie sahen sich einen Augenblick lang wie überrascht an, Francine, weil sie so erfahren gesprochen, Marie, weil sie zum erstenmal an eine glückliche Zukunft ihrer Leidenschaft dachte. So blieb sie stehen, wie über einen Abgrund gebeugt, dessen Tiefe sie durch das Niederfallen eines zuerst achtlos hineingeworfenen Steins ergründen wollte.

»Nun, das ist meine Sache,« sagte sie dann mit der Gebärde eines verzweifelten Spielers. »Ich werde niemals eine betrogene Frau bedauern, denn sie ist an ihrem Unglück nur selber schuld. Ich würde mir den Mann, dessen Herz mir einmal gehört hat, lebend oder tot wohl zu bewahren wissen! . . .«

»Aber,« setzte sie nach kurzem Schweigen erstaunt hinzu, »woher kommt dir soviel Weisheit, Francine?«

»Fräulein,« erwiderte die Gefragte lebhaft, »ich höre Schritte auf dem Gang.«

»Ach, er ist es nicht! – Aber,« sprach sie weiter, »das ist keine Antwort! Doch ich verstehe dich; ich werde sie abwarten oder erraten.«

Francine hatte recht. Drei Schläge an der Tür unterbrachen die Unterhaltung. Auf Mariens herein erschien Hauptmann Merle auf der Schwelle.

*

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