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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Während die Soldaten lange Beine machten, um mit dem Kommandanten zu reden, hatte die Kalesche ohne Zwischenfall den an der Landstraße von Alençon gelegenen Gasthof zu den drei Mohren erreicht.

Damals war ein Wagen etwas so Außergewöhnliches, daß der kreischende Ton der Kalesche den Wirt auf die Schwelle rief. Beim Anblick der beiden Reisenden grüßte er tief. Sie betraten gleich die Küche, diesen unvermeidlichen Vorraum der Gasthöfe im französischen Westen, und der Wirt schickte sich an, ihnen zu folgen, nachdem er den Wagen in Augenschein genommen hatte, als der Postillon ihn am Arm faßte und zu ihm sagte: »Aufgepaßt, Bürger Brutus. Eskorte von Blauen. Oh, das sind große Damen, die wie frühere Prinzessinnen bezahlen, also . . .«

»Also werden wir gleich ein Glas Wein miteinander trinken, mein Junge,« sagte der Wirt.

Fräulein von Verneuil warf einen Blick auf die rauchgeschwärzte Küche, auf einen blutigen Tisch, wo rohes Fleisch lag, und flüchtete mit der Leichtigkeit eines Vogels in die benachbarte Stube. Sie fürchtete das Aussehen und den Geruch dieser Küche ebensosehr wie die Neugierde eines unsauberen Kochs und einer kleinen, dicken Frau, die sie bereits aufmerksam betrachteten.

Der Wirt bekam somit nur noch Francine zu sehen. Nachdem er einen raschen Blick auf die übrigen Anwesenden geworfen, sagte er mit einer gewissen Vertraulichkeit zu ihr: »Falls die Dame für sich allein zu speisen wünscht, woran ich nicht zweifle, so habe ich gerade ein delikates Essen für eine andere Dame mit ihrem Sohn fertig. Die beiden werden sicherlich nichts dagegen haben, ihr Mahl mit Ihnen zu teilen,« setzte er mit geheimnisvoller Miene hinzu. »Es sind Leute von Stand.«

Die letzten Worte sprach der Wirt mit leiserer Stimme aus und mit einer gewissen Verschmitztheit, etwa als wollte er sagen: »Ihr seid adlig, und sie sind es auch. Ihr mögt es ebensowenig leiden, überwacht zu werden, wie sie, und vielleicht kommt Ihr überhaupt, um sie zu treffen.«

Kaum hatte der schwatzhafte Wirt indes seinen letzten Satz beendet, als er im Rücken den leichten Schlag eines Peitschenstiels spürte. Er fuhr herum und sah hinter sich einen kurzen, stämmigen Mann stehen, der lautlos aus einem Nebenraum gekommen war, und dessen Erscheinen die dicke Frau, den Koch und den Küchenjungen vor Schreck förmlich versteinerte. Der kleine Mann schüttelte sein Haar zurück, das ihm Augen und Stirn ganz verdeckte, hob sich auf die Fußspitzen, um das Ohr des Wirtes zu erreichen, und sagte zu ihm: »Du weißt, was eine Unvorsichtigkeit, eine Denunziation kostet, und von welcher Farbe die Münze ist, mit der wir bezahlen. Wir sind freigebig!«

Er ließ diesen Worten eine Gebärde folgen, die eine fürchterliche Erklärung dazu bildete. Wenngleich der Anblick dieses Menschen Francine durch den stattlichen Umfang des Wirts verdeckt wurde, erhaschte sie doch einige Worte der leise gesprochenen Sätze; und sie blieb stehen, wie vom Donner gerührt, als sie die rauhen Laute einer bretonischen Stimme vernahm. Inmitten des allgemeinen Schreckens stürzte sie dann auf den kleinen Sprecher zu. Aber der Mann, der sich mit der Behendigkeit eines Raubtieres zu bewegen schien, ging schon durch eine Seitentür nach dem Hofe hinaus. Francine glaubte sich in ihrer Vermutung getäuscht zu haben, denn sie gewahrte nur das schwarzbraune Fell eines Bären von mittlerer Größe, so daß sie erstaunt ans Fenster lief. Durch die vom Rauch gelb angelaufenen Scheiben betrachtete sie nun den Fremden erschrocken. Er ging schleppenden Schritts auf den Pferdestall zu. Bevor er ihn aber betrat, suchte er mit seinen schwarzen Augen den ersten Stock des Gasthofs und von da die Kalesche, als wollte er einem Freund irgendeine wichtige, auf dieses Fuhrwerk bezügliche Mitteilung machen. Und jetzt erkannte Francine trotz der Ziegenfelle an dieser Bewegung, die ihr erlaubte, das Gesicht des Mannes zu sehen, an seiner riesigen Peitsche und dem schleichenden, wiewohl behenden Gang den Chouan Marche-à-terre.

Sie sah nun, wenngleich undeutlich, durch die Dunkelheit des Stalles hindurch, wie er sich ins Stroh warf, nicht ohne dabei eine Stellung einzunehmen, von der aus er alles sehen konnte, was im Gasthof vorging. Dabei hatte er sich derart hingekauert, daß auch der schlaueste Spion ihn von weitem sowohl wie aus der Nähe leicht für einen jener großen Ziehhunde gehalten haben würde, die, das Maul auf den Pfoten, zusammengerollt zu schlafen pflegen.

Das Verhalten Marche-à-terres bewies Francine, daß der Chouan sie nicht erkannt hatte. Sie wußte nicht recht, ob sie unter den gefährlichen Umständen, in denen ihre Herrin sich befand, sich darüber freuen oder betrüben sollte. Aber der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen der drohenden Bemerkung des Royalisten und dem Anerbieten des Wirtes – worin übrigens nichts Außergewöhnliches lag, denn die Gastwirte versuchen stets, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen – kitzelte ihre Neugier; sie verließ die schmutzige Scheibe, durch die sie die unförmige dunkle Masse betrachtete, die ihr in der Finsternis die von Marche-à-terre eingenommene Stelle bezeichnete, und drehte sich nach dem Gastwirt um. Er stand da in der Haltung eines Mannes, der einen Bock geschossen hat und nun nicht weiß, wie er seinen Fehler wieder gutmachen soll. Die Geste des Chouans hatte ihn entsetzt, denn jedermann im französischen Westen kannte die grausam ausgeklügelten Martern, mit denen die königlichen Jäger alle diejenigen straften, die auch nur den Verdacht der Schwatzhaftigkeit auf sich geladen hatten. Der Wirt glaubte schon ihre Messer an seinem Halse zu spüren; der Koch schaute voller Schrecken auf den Herd, wo sie häufig die Füße ihrer Verräter »wärmten«; die dicke kleine Frau hielt ein Küchenmesser in der einen Hand, in der andern eine halb durchgeschnittene Kartoffel, und betrachtete dumm ihren Mann; und der Küchenjunge endlich suchte das ihm unbekannte Geheimnis dieses wortlosen Grauens zu enträtseln.

Francines Neugier wuchs bei dieser stummen Szene, deren Hauptspieler alle im Geiste sahen, obwohl er abwesend war. Die furchtbare Macht des Chouans schmeichelte ihr, und wenn es ihrem schlichten Gemüt auch nicht beikam, sich auf Zofenschliche einzulassen, war ihr für diesmal doch zu viel daran gelegen, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, als daß sie nicht von ihren Vorteilen Gebrauch gemacht hätte.

»Nun gut,« sagte sie zu dem Wirt, der bei ihren Worten wie aus dem Traume auffuhr, »das gnädige Fräulein nimmt Ihren Vorschlag an.«

»Welchen?« fragte er mit ungeheucheltem Erstaunen.

»Welchen?« fragte der hinzukommende Corentin.

»Welchen?« fragte Fräulein von Verneuil.

»Welchen?« fragte ein Vierter, der auf der letzten Stufe der Treppe stand, und jetzt leicht in die Küche sprang.

»Nun, das Frühstück mit Ihren Standespersonen!« rief Francine ungeduldig.

»Standespersonen,« wiederholte der über die Treppe Gekommene mit beißendem und ironischem Stimmfall. »Das ist ein schlechter Wirtshausscherz. Wenn es aber diese junge Bürgerin ist, der du mit uns zusammen auftischen willst, so müßte man ja verrückt sein, um sich zu widersetzen, guter Mann.« Und er schlug dem bestürzten Wirt auf die Schulter.

»Ich nehme im Namen meiner Mutter an,« sagte er.

Die liebenswürdige Keckheit der Jugend verdeckte den unverschämten Hochmut dieser Worte, die natürlich die Aufmerksamkeit aller Mitspieler dieses Auftritts auf die neu hinzugekommene Person lenkten. Der Wirt nahm nunmehr die Miene des Pilatus an, wie er sich die Hände vom Tode Christi wäscht. Er zog sich zwei Schritte nach seiner dicken Frau hin zurück und sagte ihr ins Ohr: »Du bist Zeuge, daß ich nicht Schuld daran habe, wenn ein Unglück geschieht. Übrigens«, setzte er noch leiser hinzu, »geh und benachrichtige Herrn Marche-à-terre von alledem.«

Der Reisende, ein junger Mann von mittlerem Wuchs, trug einen blauen Rock und über einer ebenfalls blauen Hose lange schwarze Gamaschen, die ihm bis über die Knie gingen. Diese einfache Uniform ohne Achselklappen trugen die Zöglinge der Polytechnischen Schule.

Mit einem einzigen Blick hatte Fräulein von Verneuil erkannt, daß sich unter dieser dunklen Kleidung artige Formen und jenes unbeschreibliche Etwas verbargen, das eine adlige Geburt verrät. Das Gesicht des jungen Mannes, das beim ersten Hinsehen ziemlich gewöhnlich schien, fiel bald durch die Bildung einiger Züge auf, in denen sich eine zu Großem fähige Seele ausdrückte. Bräunliche Gesichtsfarbe, blondes gelocktes Haar, blitzend blaue Augen, eine feine Nase, Bewegungen voll Ungezwungenheit, dies alles ließ zugleich auf ein von hohen Gesichtspunkten bestimmtes Leben schließen und auf die Gewohnheit zu befehlen. Die charakteristischsten Merkmale seines Geistes lagen indes in einem Bonapartekinn und in seiner Unterlippe, die sich mit dem anmutigen Bogen des Akanthusblattes unter dem korinthischen Kapitäl an die obere schloß; beiden Zügen hatte die Natur unbeschreiblichen Reiz verliehen.

»Dieser junge Mensch ist ein Adliger,« sprach Fräulein von Verneuil zu sich selbst.

Alles dies mit einem Blick erhaschen, von dem Wunsche, zu gefallen, erregt werden, den Kopf lieblich seitwärts neigen, gewinnend lächeln, einen jener samtweichen Blicke werfen, die selbst ein der Liebe erstorbenes Herz wieder lebendig machen würden, ihre länglichen schwarzen Augen unter den breiten Lidern verbergen, deren dichte, gebogene Wimpern eine braune Linie auf ihre Wange zeichneten; die melodischsten Töne ihrer Stimme suchen und finden, um dem alltäglichen Satz: »Wir sind Ihnen sehr verbunden, mein Herr!« zaubrische Eindringlichkeit zu verleihen; dieses ganze Spiel brauchte nicht so viel Zeit wie seine Beschreibung. Dann wandte sich Fräulein von Verneuil an den Wirt, um ein Zimmer zu bestellen, sah die Treppe und verschwand mit Francine, indem sie es dem Fremden überließ, zu erraten, ob diese Antwort Zusage oder Ablehnung bedeute.

»Wer ist denn die Dame?« fragte der Zögling der Polytechnischen Schule leichthin den unbeweglich dastehenden und immer verdutzter dreinsehenden Wirt.

»Die Bürgerin Verneuil,« erwiderte sauersüß Corentin, indem er den jungen Mann eifersüchtig musterte; »eine einstmalige Hochgeborene. Was willst du von ihr?«

Der Unbekannte, der ein republikanisches Liedchen trällerte, wandte stolz sein Gesicht nach Corentin hin. Und einen Augenblick lang sahen sich die beiden jungen Männer an wie zwei Hähne, die miteinander kämpfen wollen. Dieser Blick legte den Grund zu einem lebenslangen Hasse. So offen das blaue Auge des Militärs dreinschaute, so viel Falschheit und Bosheit lag in den grünen Augen Corentins. Der eine hatte ein edles Auftreten, der andere ein schmeichlerisches; der eine stürmte vorwärts, der andere kroch; der eine gebot Achtung, der andere suchte sie zu erringen; die Losung des einen war: Erobern! die des anderen: Teilen.

Ein Bauer kam herein.

»Ist der Bürger du Gua Saint-Cyr da?«

»Was willst du von ihm?« antwortete der junge Mann und trat vor.

Der Bauer grüßte tief und zog einen Brief hervor, den der junge Schüler ins Feuer warf, nachdem er ihn gelesen. Als einzige Antwort nickte er mit dem Kopfe, worauf der Bauer wieder ging.

»Du kommst jedenfalls von Paris, Bürger?« fragte Corentin jetzt, indem er sich dem Fremden mit einer gewissen Ungezwungenheit des Benehmens und einer schmiegsamen und verbindlichen Miene näherte, die dem Bürger du Gua unerträglich zu sein schienen.

»Ja,« war die trockene Antwort.

»Gewiß bist du zu irgendeinem Grad in der Artillerie befördert worden?«

»Nein, Bürger, in der Marine.«

»Ach! du begibst dich nach Brest?« fragte Corentin in unbefangenem Tone.

Doch der junge Seemann drehte sich leicht auf dem Absatz um, ohne zu antworten, und widerlegte durch sein Benehmen bald die schönen Hoffnungen, die sein Gesicht in Fräulein von Verneuil erregt hatte. Er beschäftigte sich in kindisch spielerischer Weise mit seinem Frühstück, fragte den Koch und die Wirtin über ihre Gepflogenheiten aus, verwunderte sich über die Provinzsitten wie ein aus allen Himmeln fallender Pariser, mochte dies und das nicht leiden, als sei er ein Frauenzimmer, kurzum, zeigte um so weniger Charakter, je mehr sein Gesicht und seine Manieren verrieten. Corentin lächelte mitleidig, als er ihn beim Kosten des besten normannischen Apfelweins eine Grimasse schneiden sah.

»Puh!« rief er, »wie könnt ihr Leute das nur herunterkriegen? Da ist ja zum Essen und zum Trinken zugleich darin. Die Republik hat sehr recht, wenn sie einer Provinz mißtraut, wo man die Weinlese mit Stangen betreibt und die Reisenden meuchlings auf der Landstraße erschießt. Setzen Sie uns zu Tisch ja nicht etwa eine Flasche von dieser Arznei da vor, sondern guten weißen und roten Bordeaux. Und sehen Sie vor allem zu, daß wir ein rechtes Feuer oben bekommen. Diese Leute scheinen mir in der Kultur ganz zurück zu sein! – Ach,« sprach er seufzend weiter, »es gibt doch nur ein Paris auf der Welt, und es ist wahrhaftig schade, daß man es nicht mit aufs Meer nehmen kann! – Was, du Tunkenverderber,« wandte er sich an den Koch, »du tust Essig an dieses Hühnerfrikassee, wenn du doch Zitronen hast! . . . – Und Sie, Frau Wirtin, haben mir so grobe Bettwäsche gegeben, daß ich die ganze Nacht kein Auge zugetan habe.«

Dann fing er an, mit einem dicken Stock zu spielen, indem er mit kindischer Mühe Schwenkungen vollführte, deren größere oder geringere Vollendung und geschickte Handhabung den mehr oder weniger angesehenen Grad bezeichneten, den ein junger Mann dazumal in der Klasse der Stutzer einnahm.

»Und mit solchen Laffen, wie dem da,« sagte Corentin vertraulich zu dem Wirte, »hofft man der Marine der Republik aufzuhelfen?«

»Dieser Mensch«, sagte der junge Seemann gleichzeitig der Wirtin ins Ohr, »ist einer von Fouchés Spionen. Die Polizei steht ihm auf dem Gesicht geschrieben, und ich möchte schwören, daß der Fleck, den er am Kinn hat, noch Pariser Straßenschmutz ist. Aber List gegen List . . .«

Hier trat eine Dame in die Gasthofsküche, auf die der Seemann mit allen Zeichen äußerer Ehrerbietung zueilte.

»Kommen Sie nur herein, liebe Mama,« sagte er zu ihr. »Ich habe in Ihrer Abwesenheit wahrscheinlich Tischgenossen für uns gewonnen.«

»Tischgenossen!« antwortete sie ihm, »was für eine Torheit!«

»Es ist Fräulein von Verneuil,« fuhr er leise fort.

»Die ist ja samt ihrem Vater umgekommen,« entgegnete seine Mutter ihm unsanft.

»Sie irren sich, Madame,« warf Corentin ein, indem er die Hauptbetonung auf das Wort »Madame« legte. »Sie ist am 9. Thermidor gerettet worden.«

Die Fremde, von dieser Vertraulichkeit überrascht, wich ein paar Schritte zurück, gleichsam, um den unerwarteten Zwischenredner besser aufs Korn nehmen zu können. Sie richtete auf ihn ihre schwarzen Augen, die jenen den Frauen so natürlichen Scharfblick verrieten, und schien dabei zu überlegen, welche Gründe er haben könne, die Existenz des Fräuleins von Verneuil zu bestätigen. Zu gleicher Zeit sprach Corentin, der die Dame verstohlen betrachtete, ihr alle Freuden der Mutterschaft ab, wogegen er ihr die der Liebe gern zugestand. Einen zwanzigjährigen Sohn konnte er einer Frau unmöglich glauben, deren blendende Haut, deren noch dichte, geschweifte Brauen und wenig gelichtete Wimpern er bewunderte, und deren üppiges, auf der Stirn geteiltes schwarzes Haar die ganze Jugendlichkeit ihres klugen Kopfes hervortreten ließ. Weit davon entfernt, vorgeschrittene Jahre zu bedeuten, verrieten die schwachen Runzeln ihres Gesichts jugendliche Leidenschaften; und wenn ihre durchdringenden Augen ein wenig verschleiert schienen, so wußte man nicht, ob dies von den Anstrengungen der Reise oder von einem zu häufigen Ausdruck der Lust herrührte. Schließlich bemerkte Corentin noch, daß die Unbekannte in einen Mantel aus englischem Stoff gehüllt war, und daß die Form ihres vermutlich ebenfalls ausländischen Hutes keiner der sogenannten griechischen Moden angehörte, die damals die Pariser Toiletten beherrschten.

Da nun Corentin von Natur so veranlagt war, daß er immer eher etwas Böses als etwas Gutes voraussetzte, stiegen ihm sofort Zweifel über das Bürgertum der beiden Reisenden auf. Die Dame ihrerseits, die ihre Beobachtungen über Corentins Persönlichkeit mit eben derselben Schnelligkeit angestellt hatte, wandte sich nun ihrem Sohne mit bezeichnender, durch die folgenden Worte ziemlich getreu übersetzter Miene zu: »Wer ist denn dieses Original? Gehört er zu den Unsrigen?«

Auf diese stumme Frage antwortete der junge Seemann mit einer Haltung, einem Blick und einer Handbewegung, die sagten: »Ich weiß es wahrhaftig selber nicht, und er ist mir genau so verdächtig wie Ihnen.«

Hierauf überließ er es der Mutter, das Geheimnis zu ergründen, und wandte sich an die Wirtin, um ihr ins Ohr zu flüstern: »Versuchen Sie doch herauszubekommen, wer dieses Männchen da ist, ob er das Fräulein wirklich begleitet, und warum.«

»Also bist du sicher, Bürger,« sagte Frau von Gua und sah Corentin an, »daß Fräulein von Verneuil lebt?«

»Sie lebt ebenso gewiß mit Haut und Haar, gnädige Frau, wie der Bürger du Gua Saint-Cyr.«

Diese Antwort enthielt eine tiefe Ironie, die die Dame allein verstehen konnte, und jede andere hätte an ihrer Stelle die Fassung verloren.

Ihr Sohn blickte Corentin plötzlich scharf an; der aber zog kaltblütig seine Uhr aus der Tasche und tat, als bemerke er die Unruhe nicht, an der seine Antwort schuld hatte.

Unruhig und gespannt, zu erfahren, ob sein Ausspruch eine Tücke berge oder bloß dem Zufall zuzuschreiben sei, sprach die Dame mit dem natürlichsten Gesichtsausdruck von der Welt zu Corentin: »Mein Gott! wie unsicher sind die Landstraßen doch! wir sind ein Stück Weges von Mortagne entfernt durch die Chouans überfallen worden. Mein Sohn wäre beinahe auf dem Platze geblieben. Bei meiner Verteidigung hat er zwei Kugeln durch den Hut bekommen.«

»Wie, gnädige Frau, Sie waren in der Postkutsche, die die Räuber der Eskorte ungeachtet geplündert haben! Mir ist auf der Durchfahrt in Mortagne doch gesagt worden, die Chouans seien zweitausend Mann stark gewesen bei dem Überfall, und es sei niemand davongekommen. Da sieht man, wie Geschichte gemacht wird!«

Corentins alberner Ton und seine einfältige Miene machten ihn in diesem Augenblick einem Pariser Kannegießer ähnlich, der sich über eine falsche politische Meldung ärgert.

»Ach, gnädige Frau!« fuhr er fort, »urteilen Sie selbst, wie gefährlich die Landstraßen in der Bretagne sein müssen, wenn man die Reisenden schon in solcher Nähe von Paris ermordet. Wenn ich nicht sicher wäre, daß Fräulein von Verneuils Begleitmannschaft mich beschützt, würde ich nach Paris umkehren . . .«

»So!« meinte die Dame leise, »Fräulein von Verneuil wird geleitet. – Ist sie schön, jung, hübsch?« fragte sie die Wirtin.

Das für alle Teile etwas peinliche Gespräch wurde jetzt von dem Wirte unterbrochen, der meldete, das Frühstück sei angerichtet. Der junge Seemann bot seiner Mutter den Arm mit schlecht gespielter Vertraulichkeit und bestärkte dadurch den Verdacht Corentins, zu dem er, während er zur Treppe schritt, laut sagte: »Bürger, wenn du die Bürgerin Verneuil begleitest und sie den Vorschlag des Wirts annimmt, so laß dich nicht abhalten . . .«

Obgleich diese Worte in einem wenig verbindlichen Ton nur ganz leichthin geäußert worden waren, ging Corentin doch mit. Nun drückte der junge Mann lebhaft die Hand seiner Dame und sagte, als sie durch sieben oder acht Stufen von dem Pariser getrennt waren, leise zu ihr: »Da können Sie sehen, in was für ruhmlose Gefahren Ihre unbesonnenen Unternehmungen mich stürzen! Wie sollen wir davonkommen, wenn wir entdeckt werden? Eine hübsche Rolle haben Sie mir zugeteilt!«

Alle drei betraten ein ziemlich geräumiges Zimmer. Man brauchte nicht lange im westlichen Frankreich gereist zu sein, um zu erkennen, daß der Wirt sein möglichstes getan hatte, um seine Gäste mit allem, was ihm zu Gebote stand, zu bedienen. Der Tisch war sorgfältig gedeckt; die Wärme eines tüchtigen Feuers hatte die Feuchtigkeit des Raumes vertrieben. Tischzeug, Sessel, Geschirr, das alles zeugte nicht von Unsauberkeit, und so stellte Corentin denn mit Recht fest, daß der Wirt sich, um einen volkstümlichen Ausdruck zu gebrauchen, ein Bein ausgerissen habe, den Fremden gefällig zu sein.

»Aber diese Leute,« so sprach er bei sich, »sind nicht das, wofür sie sich ausgeben. Dieses junge Herrchen ist gewitzt. Ich glaubte zuerst einen Narren vor mir zu haben, doch nachgerade halte ich ihn für schlauer als mich selbst.«

Der junge Seemann, seine Mutter und Corentin warteten auf Fräulein von Verneuil, die der Wirt schon gerufen hatte. Aber die schöne Reisende erschien nicht. Der junge Schüler der Polytechnischen Schule dachte sich, daß sie Schwierigkeiten machen werde, verließ das Zimmer, während er wiederum ein patriotisches Lied pfiff, und ging auf Fräulein von Verneuils Stube zu, von dem brennenden Wunsche beseelt, ihre Bedenken zu überwinden und sie mitzubringen – sei es, um die Zweifel zu lösen, die ihn bewegten, sei es, um dieser Unbekannten gegenüber die Macht zu erproben, die jeder Mann sich einbildet, auf eine hübsche Frau auszuüben.

»Wenn das ein Republikaner ist,« sagte sich Corentin, als der andere hinausging, »will ich mich hängen lassen! In den Schultern hat er ganz die Bewegungen des Hofmannes.«

»Und ist die da seine Mutter,« setzte er hinzu und sah Frau von Gua an, »so bin ich der Papst. Königstreue sind es. Aufgepaßt!«

*

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