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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Am nächsten Morgen nach dem Ausmarsch befanden sich Hulot und seine beiden Freunde zu frühester Stunde auf der Straße von Alençon nach Mortagne, etwa eine Meile von der erstgenannten Stadt entfernt, auf dem Teil des Weges, der längs der von der Sarthe bewässerten Weiden hinführt.

Die malerischen Bilder dieser Wiesen entrollen sich zur Linken. Die rechte Seite dagegen bildet, von dichten Wäldern begleitet, die an den großen Wald von Menil-Broust anschließen, eine dunkelschattierte Gegenstellung – wenn es erlaubt ist, diesen Ausdruck der Malerei zu entlehnen – zu dem köstlichen Anblick des Flusses. Der Wegrand ist zu beiden Seiten durch Gräben ausgehöhlt, deren immer wieder auf die Felder ausgeworfene Erde dort hohe, von dornigem Ginster gekrönte Böschungen hingestellt hat. Diese Staude, die sich in dichten Büscheln ausbreitet, liefert während des Winters ein treffliches Futter für Pferde und Rindvieh. Solange sie jedoch nicht geerntet war, versteckten sich die Chouans hinter ihrem dichten Gesträuch. Die Ginsterböschungen, die dem Reisenden die Nähe der Bretagne anzeigen, machten somit diesen Teil des Weges ebenso gefährlich, wie er schön ist. Die Gefahren, denen man auf der Strecke von Mortagne nach Alençon und von Alençon nach Mayenne begegnen mußte, waren der Grund für den Aufbruch Hulots; und hier entschlüpfte ihm endlich der geheime Grund seines Zorns.

Der Kommandant schritt gerade neben einer alten, von Postpferden gezogenen Kalesche her, die seine müden Soldaten langsam fahren ließen. In der Ferne sah man gleich schwarzen Punkten mehrere Kompagnien von Blauen nach der Garnison Mortagne zu verschwinden. Sie hatten diesem Wagen das Geleit bis an die Grenzen ihrer Etappe gegeben, wo Hulot sie in diesem Dienst ablöste, den seine Soldaten eine »patriotische Schinderei« nannten. Eine der beiden Kompagnien des alten Republikaners hielt sich ein paar Schritt hinter, die andere vor dem Fuhrwerk. Hulot marschierte mit Merle und Gérard halbwegs zwischen der Vorhut und dem Wagen und sagte plötzlich zu ihnen:

»Donnerwetter! glauben Sie denn, daß uns der Kriegsminister nur darum von Mayenne abberuft, daß wir die beiden Unterröcke begleiten, die in dem alten Bagagewagen da sitzen?«

»Aber Herr Kommandant,« erwiderte Gérard, »als wir soeben bei den Bürgerinnen Stellung nahmen, grüßten Sie sie doch sehr höflich!«

»Ha! das ist ja die Schande. Empfehlen uns diese Pariser Stutzer nicht die größte Rücksichtnahme auf ihre verdammten Weiber! Daß man gute, tapfere Patrioten entehrt, indem man sie einer Schürze folgen heißt! Ich, ich gehe meinen geraden Weg und mag auch bei andern keinen krummen leiden. Als ich sah, wie Danton Mätressen hatte, wie Barras Mätressen hatte, sagte ich zu ihnen: ›Bürger, als die Republik euch ersucht hat, ihr vorzustehen, geschah das nicht, damit die Vergnügungen des alten Regime fortgesetzt würden. Ihr erwidert mir, daß die Frauen . . .? Oh, man braucht Frauen, das ist in der Ordnung. Gute Kerle müssen auch Frauen haben, gute Frauen.‹ Aber genug der Worte! Wozu wäre es gut gewesen, die Mißstände der alten Zeit wegzufegen, wenn die Patrioten wieder geradeso anfangen wollten? Seht euch den Ersten Konsul an, das ist ein Mann. Keine Frauen. Immer bei seiner Sache. Ich möchte meinen Bart verwetten, daß er von dem dummen Gewerbe nichts ahnt, zu dem wir uns hier hergeben müssen.«

»Meiner Treu, Kommandant,« antwortete Merle lachend, »ich habe die Nasenspitze der jungen Dame da drin im Wagen erhascht, und ich gestehe, ein jeder könnte, wie ich, das Gelüste verspüren, um diese gelbe Kutsche zu streichen und mit den reisenden Damen ein kleines Gespräch anzuknüpfen, ohne Schaden an seiner Ehre zu nehmen.«

»Nimm dich in acht, Merle,« sagte Gérard. »Sie werden von einem Bürger begleitet, der gewitzigt genug aussieht, um dir eine Schlinge zu legen.«

»Wer? Dieser Incroyable mit den kleinen Äuglein, die beständig von einer Wegseite zur anderen gehen, als fürchte er Chouans; dieser Stutzer, von dem man kaum die Beine sieht und der sich in dem Augenblick, wo die seines Gauls durch den Wagen verdeckt werden, ausnimmt wie eine Ente, die den Kopf aus einer Pastete herausstreckt! Wenn dieser Schöps mich hindern sollte, seine niedliche Grasmücke zu karessieren . . .«

»Ente, Grasmücke! Oh, mein armer Merle, du ergehst dich ja fürchterlich in Geflügel! Aber traue der Ente nicht! Ihre grünen Augen kommen mir so falsch vor wie die einer Schlange und so schlau wie die einer Frau, die ihrem Gatten verzeiht. Ich mißtraue den Chouans weniger als diesen Advokaten, deren Gesichter wie Limonadenkaraffen aussehen.«

»Pah!« rief Merle lustig, »mit der Erlaubnis des Kommandanten wage ich mich dran! Diese Frau hat Augen wie Sterne! Um die zu sehen, kann man alles aufs Spiel setzen.«

»Es hat ihn!« sagte Gérard zu dem Kommandeur. »Er fängt an, Dummheiten zu schwatzen.«

Hulot schnitt seine Grimasse, zuckte die Achseln und erwiderte: »Ich würde ihm raten, an der Suppe zu riechen, bevor er sie ißt!«

»Der gute Merle!« nahm Gérard wieder das Wort, während er aus der Langsamkeit; mit der sein Freund sich vorwärts bewegte, schloß, daß er sich allmählich von dem Wagen einholen lassen wollte. »Wie fröhlich er ist! Er ist der einzige Mensch, der beim Tode eines Kameraden lachen könnte, ohne daß man ihn für gefühllos hielte.«

»So ist der rechte französische Soldat,« sagte Hulot mit ernstem Ton.

»Oh! da befestigt er seine Achselstücke auf der Schulter, damit man auch ja sieht, daß er Hauptmann ist«, rief Gérard lachend aus. »Als ob der Rang dabei etwas ausmachte!«

Die Kalesche, um die der Offizier schwenkte, enthielt in der Tat zwei Frauen, deren eine die Dienerin der andern zu sein schien.

»Diese Weiber«, bemerkte Hulot, »treten immer zu zweien auf.«

Ein kleines, trockenes, mageres Männchen tänzelte auf seinem Pferde bald vor, bald hinter dem Wagen her, aber obwohl er die beiden bevorzugten Reisenden zu begleiten schien, hatte ihn noch niemand ein Wort mit ihnen wechseln sehen. Dieses Schweigen, gleich, ob es nun Achtung oder Verachtung ausdrückte, das wunderliche Aussehen des Fuhrwerks, das einem Gauklerwagen glich, das zahlreiche Gepäck und die Schachteln der Dame, die der Kommandant eine »Prinzessin« nannte, all das, bis zu dem Anputz ihres dienstbeflissenen Kavaliers, hatte Hulots Galle noch mehr gereizt.

Das Kostüm des Unbekannten gab ein genaues Bild der Mode ab, die zu jener Zeit die Veranlassung zu den Karikaturen der Incroyables bildete. Man stelle sieh einen Menschen vor, der in einem Anzug steckte, dessen Vorderschöße so kurz waren, daß die Weste fünf oder sechs Daumen breit darunter hervorsah, während die hinteren durch ihre Länge einem Schwalbenschwanz glichen. Ein ungeheures Halstuch beschrieb so zahlreiche Windungen um seinen Hals, daß der kleine Kopf, der aus diesem Labyrinth von Musselin hervorkam, den gastronomischen Vergleich des Hauptmanns Merle fast rechtfertigte.

Der Unbekannte trug ein enganschließendes Beinkleid und Suwarowstiefel. Eine riesige weiß und blaue Kamee diente ihm als Busennadel. Zwei Uhrketten kamen nebeneinander aus seinem Gürtel heraus. Seine Haare, die in Korkzieherlocken zu beiden Seiten des Gesichtes herabhingen, bedeckten fast seine ganze Stirn. Endlich stiegen, als letzte Verschönerung, sein Hemdkragen und der des Rockes so hoch an, daß der Kopf wie ein Bukett in einer Papiermanschette zu stecken schien. Wenn man sich zu diesen schreienden Bestandteilen, die sich gegenseitig nicht vertrugen und keinen Einklang ergaben, den drolligen Farbengegensatz der gelben Hose, der roten Weste und des zimtfarbenen Fracks hinzudenkt, so erhält man ein treues Bild dessen, was bei den Stutzern des Konsulats feinster Ton war. Dieses unsinnige Kostüm schien erfunden, der Anmut als Prüfstein zu dienen und zu beweisen, daß es nichts gibt, was zu lächerlich wäre, um von der Mode geheiligt zu werden.

Der Reiter schien dreißig Jahr alt zu sein. Trotz des Aufputzes, der allenfalls einem Quacksalber angestanden hätte, verriet indes seine Haltung eine gewisse Eleganz des Benehmens, an der man einen Vertreter der alten guten Gesellschaft erkannte, der durch seine Fähigkeiten dazu berufen war, die neue zu regieren. Als der Hauptmann in der Nähe der Kalesche angelangt war, schien der Stutzer sein Vorhaben zu erraten und tat ihm die Ehre an, den Schritt seines Pferdes zu verlangsamen. Merle, der ihm einen sardonischen Blick zugeworfen, begegnete einem jener undurchdringlichen Gesichter, die durch die Wechselfälle der Revolution daran gewöhnt waren, alle seelischen Bewegungen zu verbergen.

Im selben Augenblick, in dem die hinaufgebogene Krempe des alten Dreispitzes und das Achselstück des Hauptmanns von den Damen bemerkt wurden, fragte ihn eine Stimme von engelhafter Sanftheit: »Herr Offizier, würden Sie die Güte haben, uns zu sagen, an welchem Punkt der Straße wir uns befinden?«

Es liegt ein unbeschreiblicher Reiz in der Frage, die eine unbekannte Reisende stellt. In solchem Falle scheint das geringste Wort ein ganzes Abenteuer einzuschließen. Wenn aber die Frau, indem sie sich auf ihre Schwäche und eine gewisse Sachunkenntnis stützt, irgendeine Hilfe erbittet, dann ist wohl jeder Mann leicht geneigt, ein Luftschloß zu bauen, zu dessen glücklichem Bewohner er sich selbst macht. So trugen denn auch die Worte »Herr Offizier«, trug die höfliche Form, in die die Frage gekleidet war, eine unbekannte Erregung in das Herz des Hauptmannes. Er versuchte die Reisende zu betrachten, ward aber gewaltig enttäuscht, denn ein mißgünstiger Schleier verhüllte ihre Züge. Kaum vermochte er die Augen zu sehen, die durch den Flor hindurch wie zwei von der Sonne getroffene Onyxsteine strahlten.

»Wir sind jetzt eine Meile vor Alençon, Madame.«

»Alençon, schon?«

Diese Worte sprach die unbekannte Dame mit einer Art von Schrecken aus. Sie lehnte sich wieder tiefer in den Wagen oder ließ sich vielmehr zurückfallen, ohne weiter zu antworten.

»Alençon,« wiederholte die andere Frau und schien aufzuwachen. »Da werden Sie meine Heimat sehen.«

Sie blickte den Hauptmann an und schwieg. Merle, in seiner Hoffnung getäuscht, die schöne Unbekannte zu sehen, mußte sich damit begnügen, ihre Gefährtin zu betrachten.

Es war ein blondes, gutgewachsenes Mädchen von etwa sechsundzwanzig Jahren, dessen Gesicht die frische Farbe, den kraftvollen Schimmer hatte, der die Frauen von Valogne, Bayeux und der Umgebung von Alençon auszeichnet. Der Blick der blauen Augen verriet keinen Geist, dafür aber eine gewisse, mit Zärtlichkeit gemischte Festigkeit. Ihr nach Cauxer Sitte schlicht in einem kleinen Häubchen steckendes Haar gab ihrem Gesicht eine reizende Einfachheit. Ohne daß sie die Vornehmheit des Salons besessen hätte, war ihre Haltung nicht bar jener Würde, wie sie einem bescheidenen jungen Mädchen natürlich ist, das das Bild seines vergangenen Lebens betrachten kann, ohne darin einen einzigen Anlaß zur Reue zu finden.

Mit einem Hinschauen hatte der Hauptmann in ihr eine jener Feldblumen erkannt, die, in die Pariser Treibhäuser verpflanzt, wo so viele versengende Strahlen zusammentreffen, doch nichts von ihren reinen Farben und ihrer ländlichen Frische verloren hatte. Die unbefangene Haltung und die Bescheidenheit des jungen Mädchens sagten Merle, daß sie keinen Zuhörer wolle. Und in der Tat begannen die beiden Unbekannten, als er sich entfernte, eine leise Unterhaltung, von der er nur ein leichtes Murmeln auffing.

»Sie sind so Hals über Kopf abgereist,« sagte das junge Mädchen vom Lande, »daß Sie sich nicht einmal Zeit genommen haben, sich anzukleiden. Sie sehen schön aus! Wenn wir weiter als bis Alençon fahren, müssen Sie dort unbedingt andere Toilette machen . . .«

»Oh, oh, Francine!« rief die Unbekannte.

»Bitte sehr?«

»Das ist nun der dritte Versuch, den du machst, um das Ziel und den Grund dieser Reise zu erfahren.«

»Habe ich das geringste gesagt, was diesen Vorwurf rechtfertigte?«

»Ach, ich habe dein kleines Manöver recht gut bemerkt. So offen und einfach du auch bist, ein wenig Pfiffigkeit hast du in meiner Schule doch gelernt. Du fängst an, das Fragen sein zu lassen. Und daran tust du sehr gut, mein Kind. Von allen Arten, hinter ein Geheimnis zu kommen, die ich kenne, ist dies meiner Ansicht nach die dümmste.«

»Nun gut!« fing Francine wieder an, »da man Ihnen nichts verbergen kann, so gestehen Sie es mir, Marie! Würde Ihr Benehmen nicht die Neugier eines Heiligen erregen? Gestern früh waren Sie noch ohne alle Mittel; heute fahren Sie, die Hände voll Gold, mit Extrapost und werden von Regierungstruppen beschützt und von einem Manne begleitet, den ich als Ihren bösen Geist ansehe.«

»Wen, Corentin?« fragte die junge Unbekannte und betonte die beiden Worte mit tiefer Verachtung, die sich auch in der Gebärde aussprach, mit der sie auf den Reiter zeigte.

»Höre, Francine,« fuhr sie fort. »Erinnerst du dich an den Affen ›Patriot‹, den ich dazu abgerichtet hatte, Danton nachzumachen, und der uns so belustigte?«

»Ja, gnädiges Fräulein.«

»Nun, hattest du vor dem Angst?«

»Er war angekettet.«

»Und Corentin trägt einen Maulkorb!«

»Wir trieben unsern Spaß mit Patriot stundenlang, ich weiß; aber zum Schluß spielte er uns dann regelmäßig einen üblen Streich.«

Bei diesen Worten schmiegte sich Francine an ihre Herrin und ergriff ihre Hände, um sie zärtlich zu streicheln.

»Sie haben mich durchschaut, Marie,« sagte sie mit liebevoller Stimme, »und trotzdem antworten Sie mir nicht. Wie, nach all dieser Traurigkeit, die mir so viel Kummer gemacht hat, ach, so vielen Kummer! können Sie binnen vierundzwanzig Stunden von einer ausgelassenen Lustigkeit werden, gerade wie damals, als Sie davon sprachen, sich das Leben zu nehmen, Sie Arge? Woher kommt diese Veränderung? Ich habe das Recht, ein wenig Rechenschaft über Ihre Seele zu fordern. Sie gehört mir vor jedem anderen, denn nie wird jemand Sie mehr lieben. Sprechen Sie doch, Fräulein!«

»Also gut, Francine! Siehst du nicht um uns her das Geheimnis meiner Lustigkeit? Betrachte die gelben Blattbüschel der fernen Bäume! Sie sind untereinander ganz und gar verschieden, und von weitem würde man sie für einen alten Wandteppich halten können. Sieh die Hecken, hinter denen jeden Augenblick Chouans hervorkommen können. Wenn ich diese Ginsterbüsche betrachte, glaube ich Flintenläufe zu gewahren. Ich liebe diese immer neu auflebende Gefahr, die uns umgibt. Jedesmal, wenn die Straße einen düsteren Anblick bietet, meine ich, daß wir gleich einen Knall hören werden; dann schlägt mein Herz und eine ungekannte Empfindung erregt mich. Aber es ist kein Beben der Angst und auch keine freudige Bewegung. Nein, es ist etwas Besseres: das Spiel alles dessen, was sich in mir rührt, das Leben ist es! Sollte ich denn nicht glücklich sein, daß ich mein Dasein ein wenig belebt habe!«

»Ach, Sie sagen mir nichts, Sie Grausame. Heilige Muttergottes,« setzte Francine hinzu, indem sie die Augen voll Schmerz aufschlug, »wem wird sie sich denn anvertrauen, wenn sie mir gegenüber schweigt?«

»Francine,« nahm die Unbekannte ernst wieder das Wort, »ich kann dir mein Vorhaben nicht gestehen. Diesmal tue ich unrecht, ach, sehr unrecht!«

»Warum das Unrecht tun, wenn Sie es einsehen?«

»Ja, was soll man da machen? ich ertappe mich dabei, daß ich wie eine Fünfzigjährige denke, und handle, als wäre ich noch fünfzehn. Du bist immer meine Vernunft gewesen, mein armes Mädchen, aber in dieser Sache versuche ich, mein Gewissen zum Schweigen zu bringen.«

»Und,« sagte sie nach einer Pause, während ihr ein Seufzer entschlüpfte, »es gelingt mir nicht. Wie sollte ich mir dann also noch einen so strengen Beichtiger mitnehmen?«

Und sie schlug sie leicht auf die Hand.

»Oh!« rief Francine, »wann hätte ich Ihnen je Ihre Handlungen vorgeworfen? Auch Ihr Unrechttun ist liebenswert. Ja, die heilige Anna von Auray, zu der ich soviel um Ihr Heil bete, würde Ihnen alles verzeihen. Und bin ich denn nicht hier an Ihrer Seite, ohne zu wissen, wo Sie hinwollen?«

In ihrem Überschwang küßte sie ihr die Hände.

»Aber,« versetzte Marie, »du kannst mich verlassen, wenn dein Gewissen . . .«

»Ach, seien Sie still, Fräulein,« erwiderte Francine mit einem traurigen Gesichtchen. »Wollen Sie mir denn nicht sagen . . .«

»Nichts,« sagte die junge Dame mit fester Stimme. »Nur das eine sollst du wissen: daß ich dieses Unternehmen noch mehr hasse als die gewitzte Zunge dessen, der es mir erklärt hat. Ich will offen sein, ich hätte mich nicht zu ihren Zwecken hergegeben, wenn ich nicht in dieser unedlen Posse ein Gemisch von Schrecken und Liebe gemerkt hätte, das mich verlockt. Außerdem möchte ich nicht gern von dieser argen Welt gehen, ohne den Versuch gemacht zu haben, die Blumen darin zu pflücken, die ich mir erhoffe, und wenn ich darüber zugrunde gehen müßte! Aber erinnere dich zur Ehre meines Gedächtnisses, daß, wäre ich glücklich gewesen, mich der Anblick ihres großen Messers, bereit, mir den Kopf abzuschlagen, nicht dazu gebracht hätte, eine Rolle in dieser Tragödie anzunehmen; denn es ist eine Tragödie . . . Aber«, fuhr sie mit einer Geste des Ekels fort, »ich würde mich augenblicklich in die Sarthe stürzen, falls dieses Spiel abbestellt würde. Und das wäre kein Selbstmord, denn ich habe noch nicht gelebt!«

»O du heilige Muttergottes von Auray, vergib ihr.«

»Wovor erschrickst du? Die faden Ereignisse meines häuslichen Lebens erregen meine Leidenschaften nicht, du weißt es. Das ist schlimm für eine Frau; aber meine Seele hat Spannweite genug, um stärkere Prüfungen ertragen zu können. Ich hätte vielleicht ein sanftes Geschöpf wie du werden können. Warum habe ich mich über mein Geschlecht erhoben oder mich darunter erniedrigt! Ach, wie glücklich ist die Frau des Generals Bonaparte! Gib acht, ich werde jung sterben, da ich schon soweit gekommen bin, daß ich nicht vor einer Lustpartie zurückschrecke, bei der es Blut zu trinken gibt, wie der arme Danton sagte. Aber vergiß, was ich dir sage, denn jetzt hat die Frau von fünfzig Jahren gesprochen. Gottlob wird gleich wieder die Fünfzehnjährige zum Vorschein kommen!«

Die junge Bäuerin zitterte. Sie allein kannte den hitzigen, ungestümen Charakter ihrer Herrin. Sie allein war in die Geheimnisse dieser begeisterungsfähigen Seele, in die Gefühle dieses Geschöpfes eingeweiht, das bis jetzt das Leben wie einen ungreifbaren Schatten hatte an sich vorübergehen sehen, den es immer zu erhaschen suchte. Nachdem sie mit vollen Händen gesät hatte, ohne etwas zu ernten, war diese Frau jungfräulich geblieben, und doch wurde sie von der Menge ihrer getäuschten Wünsche erregt. So kam sie, eines Kampfes ohne Gegner müde, so weit, das Gute dem Bösen vorzuziehen, wenn es sich als Genuß darbot; das Böse dem Guten, wenn es Poesie hatte; das Elend der Mittelmäßigkeit, als etwas Größeres; die dunkle, ungekannte Zukunft des Todes einem an Hoffnungen oder selbst Leiden armen Leben. Nie wartete soviel Pulver auf seinen Funken; niemals ein solcher Reichtum auf die Liebe, der er sich schenken wollte; nie war eine Evastochter aus so goldhaltiger Erde geknetet worden.

Einem irdischen Engel gleich wachte Francine über diesem Wesen, in dem sie die Vollkommenheit anbetete, und sie glaubte eine göttliche Sendung zu erfüllen, indem sie es für den seraphischen Chor bewahrte, aus dem es zur Buße für ein Vergehen des Stolzes verbannt schien.

»Da ist der Kirchturm von Alençon,« sagte der Reiter, indem er sich der Kutsche näherte.

»Ich sehe ihn,« antwortete die junge Dame trocken.

»Gut!« sagte er und entfernte sich mit allen Zeichen dienstfertiger Unterwürfigkeit, obwohl er enttäuscht war.

»Fahren Sie, fahren Sie schneller,« sagte die Dame zu dem Postillon. »Jetzt ist nichts zu fürchten. Fahren Sie in scharfem Trab oder im Galopp, wenn Sie können. Sind wir nicht auf dem Pflaster von Alençon?«

Als sie bei dem Kommandanten vorbeikam, rief sie ihm mit sanfter Stimme zu: »Wir sehen uns im Gasthof wieder, Herr Kommandant. Besuchen Sie mich.«

»So ist's recht,« erwiderte der Kommandant. »Im Gasthof! Besuchen Sie mich! Wie das mit einem Halbbrigadeführer redet . . .«

Und er zeigte dem rasch die Straße entlangrollenden Wagen die Faust.

»Beklagen Sie sich nicht darüber, Herr Kommandant,« sagte lachend Corentin, der sein Pferd in Galopp zu setzen versuchte, um den Wagen einzuholen. »Sie hat Ihr Generalspatent in der Tasche.«

Und er jagte davon.

»Ich werde mich nicht von diesen Herrschaften nasführen lassen,« sagte Hulot brummend zu seinen beiden Freunden. »Lieber schmeiße ich die Generalsuniform in einen Graben, als daß ich sie im Bett verdiente. Was wollen sie denn, diese Gänse? Begreift Ihr vielleicht etwas?«

»O ja,« sagte Merle, »ich begreife, daß das die schönste Frau ist, die ich jemals gesehen habe! Ich glaube, Sie verstehen die Metapher schlecht. Vielleicht ist es die Frau des ersten Konsuls!«

»Pa! die Frau des ersten Konsuls ist alt, und diese hier ist jung,« versetzte Hulot. »Außerdem sagt mir die ministerielle Order, daß sie Fräulein von Verneuil heißt. Eine frühere Adlige. Als ob ich das nicht kennte! Vor der Revolution betrieben sie allesamt dieses Handwerk. Damals wurde man Halbbrigadeführer, ehe man bis drei zählen konnte. Man brauchte nur ein paarmal zärtlich ›Herzchen‹ zu ihnen zu sagen!«

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