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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Hulot und seine Leute hielten in Ernée an, um die Verwundeten im Spital des Städtchens unterzubringen. Dann erreichten die Republikaner Mayenne, ohne daß irgendein Hindernis ihren Marsch aufgehalten hätte. Hier lösten sich für den Kommandeur alle Zweifel über den Marsch des Boten. Denn am folgenden Tage erfuhren die Einwohner die Plünderung der Post.

Wenige Tage später sandten die Behörden so viele patriotische Rekruten nach Mayenne, daß Hulot die Reihen seiner Halbbrigade auffüllen konnte.

Bald folgte ein beunruhigendes Gerücht über den Aufstand dem andern. Die Erhebung war überall da vollständig, wo während des letzten Krieges die Chouans gemeinsam mit den Vendéern ihre Brandherde errichtet hatten. In der Bretagne hatten die Königstreuen sich zu Herren von Pontorson gemacht, um eine Verbindung mit dem Meere zu gewinnen. Sie hatten die zwischen Pontorson und Fougères gelegene kleine Stadt Saint-James genommen. Es schien, daß sie vorläufig ihren Stapelplatz, ihr Waffenlager und den Mittelpunkt ihrer Operationen dorthin verlegen wollten. Von hier aus konnten sie ungefährdet mit der Normandie und mit Morbihan verkehren. Die Unterführer bereisten diese drei Länder, um die Parteigänger der Monarchie dort zu rekrutieren und ihre Unternehmung einheitlich zu gestalten. Diese Machenschaften trafen mit den Nachrichten aus der Vendée zusammen, wo ähnliche Umtriebe die Gegend erregten, unter dem Einfluß vier berüchtigter Führer, des Abbé Bernier und der Herren von Autichamps, von Châtillon und Suzannet.

Das Haupt des ungeheuren Operationsplanes, der sich langsam, aber furchtbar entrollte, war in der Tat der Gars, welchen Beinamen die Royalisten dem Marquis von Montauran gleich nach seiner Landung beigelegt hatten. Die den Ministern durch Hulot übermittelten Nachrichten stimmten in allen Punkten genau. Die Machtbefugnis des vom Auslande entsandten Generals war sofort anerkannt worden. Der Marquis gewann sogar Einfluß genug auf die Chouans, um ihnen das wirkliche Ziel des Krieges begreiflich zu machen und sie davon zu überzeugen, daß ihre Ausschreitungen die große Sache beschmutzten, deren sie sich angenommen hatten. Der kühne Mut, die Tapferkeit, Kaltblütigkeit und Begabtheit des jungen Generals weckten die Hoffnungen der Feinde der Republik und entsprachen der düsteren Begeisterung dieser Landstriche so lebhaft, daß auch die Trägsten ihr Teil beitrugen, um entscheidende Ereignisse zugunsten der niedergeworfenen Monarchie herbeizuführen.

Hulot bekam keine Antwort auf die wiederholten Anfragen und Berichte, die er nach Paris sandte. Dieses verwunderliche Schweigen kündigte zweifellos eine neue revolutionäre Krise an.

»Sollte es sich jetzt«, sagte der alte Befehlshaber zu seinen Freunden, »mit der Regierung ebenso verhalten, wie mit dem Geld? Werden alle Bittschriften abgewiesen?«

Doch es dauerte nicht lange, bis das Zaubergerücht von der Rückkehr des Generals Bonaparte und den Ereignissen des achtzehnten Brumaire sich verbreitet hatte. Nun begriffen die Generale im Westen das Schweigen der Minister. Nichtsdestoweniger machte sie das nur um so ungeduldiger, sich von der auf ihnen lastenden Verantwortung befreit zu sehen, und zugleich gespannt auf die Schritte, die die neue Regierung unternehmen würde.

Als sie erfuhren, General Bonaparte sei zum ersten Konsul der Republik ernannt worden, freuten sich die militärischen Führer außerordentlich. Zum ersten Male sahen sie einen aus ihrer Mitte ans Staatsruder gelangen. Frankreich, dessen Abgott der junge General war, erbebte vor Hoffnung. Die Tatkraft des Volkes erwachte neu. Die ihrer düsteren Haltung müde Hauptstadt überließ sich den Festen und Vergnügungen, deren sie seit so langem entwöhnt war. Die ersten Handlungen des Konsulats zerschlugen keine Hoffnungen und machten die Freiheit nicht zweifelhaft.

Der erste Konsul erließ eine Kundgebung an die Bewohner des Westens. Diese an die Massen gerichteten schwungvollen Feldherrnreden, deren Erfinder er sozusagen war, taten in dieser Zeit der Vaterlandsliebe und der Wunder unerhörte Wirkung. Bonapartes Stimme ertönte durch die Welt gleich der Stimme eines Propheten, denn keine der Proklamationen war noch durch den Ausgang der Kämpfe Lügen gestraft worden.

»Einwohner,

Ein gottloser Krieg ist zum zweiten Male in den westlichen Départements entbrannt.

Die Urheber dieser Unruhen sind Verräter, die sich dem Engländer verkauft haben, oder Straßenräuber, die im Bürgerkriege nur Nahrung und Straflosigkeit für ihre Freveltaten suchen.

Solchen Leuten ist die Regierung weder zu Schonung noch zu Darlegung ihrer Grundsätze verpflichtet.

Aber es haben sich auch manche dem Vaterland teure Bürger durch ihre Arglist verführen lassen; diesen Bürgern schulden wir Aufklärung und Wahrheit.

Ungerechte Gesetze sind angenommen und durchgeführt worden; Willkürhandlungen haben die Sicherheit der Bürger und die Gewissensfreiheit bedroht; überall sind Bürger von gewagten Einschreibungen in die Emigrantenliste getroffen worden. Wichtige Grundsätze der sozialen Ordnung wurden verletzt.

Die Konsuln erklären, daß, nachdem die Freiheit der Bekenntnisse durch die Konstitution gewährleistet worden ist, das Gesetz vom 11. Prairial des Jahres III in Kraft tritt, welches den Bürgern den Gebrauch der für die Religionsübungen bestimmten Gebräuche zuspricht.

Die Regierung wird Nachsicht üben; sie wird allen Reuigen gegenüber Gnade und vollständige, unbedingte Schonung walten lassen; aber sie wird jeden, wer er auch sei, zu treffen wissen, der es nach dieser Erklärung noch wagen sollte, sich der nationalen Gewalt zu widersetzen;«

»Nun,« sagte Hulot nach der öffentlichen Verlesung dieser konsularischen Rede, »ist das nicht väterlich? Ihr werdet aber sehen, daß darum doch kein einziger von diesen royalistischen Strauchdieben sich anders besinnen wird.«

Der Kommandant hatte recht, die Proklamation diente nur dazu, einen jeden in seiner Parteinahme zu bestärken.

Einige Tage später erhielten Hulot und seine Offiziere Nachschub. Der neue Kriegsminister teilte ihnen mit, daß General Brune dazu ausersehen sei, die Führung der Truppen im Westen Frankreichs zu übernehmen. Hulot, dessen Erfahrung man kannte, hatte vorläufig die oberste Gewalt in den Départements Orne und Mayenne. Bald erfüllte ungekannte Geschäftigkeit alle Abteilungen der Regierung. Ein Rundschreiben des Kriegsministers und des Ministers der allgemeinen Polizei verkündete, daß nachdrückliche Maßregeln den Befehlshabern der Militärkommandos anbefohlen worden seien, um den Aufstand im Keime zu ersticken. Doch die Königstreuen hatten sich die Untätigkeit der Republik bereits zunutze gemacht, um die Landschaften aufzuwühlen und sich ihrer vollkommen zu bemächtigen.

So erging denn eine neue konsularische Kundgebung. Dieses Mal wandte sich der General an die Truppen.

»Soldaten!

Im Westen gibt es nur noch Straßenräuber, Emigranten, englische Söldner.

Die Armee besteht aus mehr als sechzigtausend wackeren Soldaten; laßt mich bald hören, daß die Rebellenführer besiegt sind. Nur durch Anstrengungen erwirbt man sich Ruhm; könnte man ihn erlangen, indes man sein Hauptquartier in den großen Städten hält, so würde jeder dazu kommen. Soldaten, die Dankbarkeit des Volkes ist Euch gewiß, welchen Rang Ihr in der Armee auch einnehmen möget. Um sie zu verdienen, müßt Ihr den Unbilden der Jahreszeiten, müßt Ihr Eis, Schnee und harten Nachtfrösten Trotz bieten; Ihr müßt Eure Feinde bei Tagesanbruch überraschen und diese Elenden, die Schande des französischen Namens, ausrotten.

Euer Feldzug sei kurz und gut; seid unerbittlich gegen die Räuber, aber wahret strenge Zucht!

Nationalgarden, vereint Eure Kräfte mit denen der Linientruppen!

Wenn Ihr unter Euch Leute kennt, die Parteigänger der Räuber sind, so nehmt sie fest! Sie dürfen nirgends einen Unterschlupf vor den sie verfolgenden Soldaten finden; und sollten Verräter es wagen, sie aufzunehmen und zu verteidigen, so mögen sie mit ihnen büßen!«

»Was für ein Schlaukopf er ist!« rief Hulot aus. »Es geht wie bei der italienischen Armee, er läutet die Messe ein und hält sie ab! Er versteht zu sprechen!«

»Ja, aber er spricht ganz allein und in seinem eigenen Namen,« meinte Gérard, der anfing, sich über die Folgen des 18. Brumaire zu beunruhigen.

»I du heiliger Strohsack, was macht denn das, da er doch Soldat ist?« rief Merle.

Wenige Schritte von ihnen hatten sich mehrere Soldaten vor der Kundgebung angesammelt, die an der Mauer klebte. Und da nicht ein einziger von ihnen lesen konnte, schauten die einen gleichmütig, die andern neugierig danach hin, indes zwei oder drei unter den Bauern einen Bürger suchten, der nach Gelehrsamkeit aussähe.

»Sieh doch mal, La-clef-des-cœurs, was der Papierfetzen da bedeutet,« sagte der Schalk Beaupied zu seinem Kameraden.

»Das ist sehr leicht zu erraten,« antwortete La-clef-des-cœurs.

Bei diesen Worten richteten sich alle Augen auf beide Kameraden, die immer zu einem Späßchen aufgelegt waren.

»Da, schau,« fuhr La-clef-des-cœurs fort.

Und er zeigte am Kopfe der Proklamation auf eine plumpe Vignette, in der neuerdings ein Kreis die wagerechte Zeile der Jahreszahl 1793 ersetzte.

»Guck, das will heißen, daß wir Musketiere forsch drauflosgehen sollen! sie haben einen immer offenen Kreis dahin gesetzt, das ist ein Emblem.«

»Mein Junge, es steht dir gar nicht, wenn du den Gelehrten spielst. So etwas nennt man ein Problem. Ich habe zuerst bei der Artillerie gedient,« entgegnete Beau-pied, »meine Offiziere redeten immer nur so . . .«

»Es ist ein Emblem.«

»Es ist ein Problem.«

»Wetten wir!«

»Um was?«

»Deine Meerschaumpfeife!«

»Topp!«

»Entschuldigen Sie, Herr Leutnant, aber ist das nicht ein Emblem und kein Problem?« fragte La-clef-des-cœurs Gérard, der, ganz in Gedanken, hinter Hulot und Merle herschritt.

»Es ist eines wie das andere!« erwiderte er ernst.

»Der Leutnant macht sich über uns lustig,« meinte Beau-pied. »Dieses Papier da bedeutet, daß unser General von Italien Konsul geworden ist, was eine feine Rangstufe ist, und daß wir Mäntel und Schuhe bekommen werden.«

Gegen das Ende des Monats Brumaire, gerade als Hulot am Morgen seine Halbbrigade manövrieren ließ, die auf höheren Befehl jetzt ganz und gar nach Mayenne gezogen worden war, überbrachte ihm ein von Alençon kommender Eilbote Depeschen, bei deren Lektüre sich heftiger Ärger auf seinen Zügen malte.

»Holla, vorwärts,« rief er übelgelaunt aus, während er die Papiere in seinen Hutboden stopfte. »Zwei Kompagnien setzen sich mit mir in Bewegung und gehen nach Mortagne ab. Die Chouans sind dort.«

»Sie begleiten mich,« wandte er sich zu Merle und Gérard. »Wenn ich ein Wort von meiner Depesche begreife, will ich geadelt werden. Vielleicht bin ich nur ein Dummkopf, aber macht nichts, vorwärts! Es ist keine Zeit zu verlieren!«

»Herr Kommandant, was ist denn gar so Arges in dieser Jagdtasche da?« sagte Merle und zeigte mit der Stiefelspitze auf den ministeriellen Umschlag der Depesche.

»Herrgottsdonner! Nichts ist's als höchstens, daß man uns nasführt!«

Wenn der Kommandant sich diesen militärischen Ausdruck entschlüpfen ließ, der schon einmal Gegenstand einer kritischen Bemerkung war, verkündete er stets ein Unwetter damit. Die verschiedenen Tonabstufungen dieser Redensart waren eine Art Gradmesser und stellten für die Halbbrigade ein sicheres Thermometer der Geduld ihres Führers dar; und die Offenheit des alten Soldaten war so groß, daß auch der niedrigste Tambour jede Regung seines Hulot wußte, wenn er nur auf die Verschiedenartigkeit der kleinen Grimasse achtete, bei der der Kommandant seine Backe in die Höhe zog und mit den Augen zwinkerte.

Dieses Mal machte der Ton dumpfen Zornes, mit dem er das Wort aussprach, die beiden Freunde stumm und vorsichtig. Selbst die Blatternarben, von denen sein Kriegergesicht gefurcht war, erschienen tiefer und seine Hautfarbe dunkler als zuvor. Sein langer, von Tressen eingefaßter Zopf war ihm auf die Schulter gefallen, als er seinen Dreispitz wieder aufsetzte, und er schüttelte ihn jetzt so zornig zurück, daß die Flechten ganz in Unordnung gerieten.

Da er aber unbeweglich stehen blieb, mit geschlossenen Fäusten, die Arme fest über der Brust verschränkt, und mit gesträubtem Schnurrbart, wagte Merle es, ihn zu fragen:

»Soll es gleich fortgehen?«

»Ja, wenn die Patronentaschen gefüllt sind!« erwiderte er brummend.

»Die sind in Ordnung.«

»Das Gewehr über! linksum kehrt, vorwärts marsch,« kommandierte Merle auf einen Wink Hulots.

Und die Trommler traten an die Spitze der zwei von Hulot bezeichneten Kompagnien. Beim Klang der Trommel schien der in seine Gedanken versunkene Kommandant zu erwachen, und an der Seite seiner beiden Freunde, denen er nicht ein Wort sagte, verließ er die Stadt.

Merle und Gérard blickten sich wiederholt stumm an, als wollten sie einander fragen: Wird er es lange so treiben?

Und sie warfen beim Marschieren beobachtende Blicke auf Hulot, der fortgesetzt undeutliche Worte zwischen den Zähnen hervorstieß. Mehrmals klang es den Ohren der Soldaten wie Fluchen; aber keiner von ihnen wagte, ein Wort verlauten zu lassen. Im gegebenen Falle wußten sie alle die strenge Zucht zu halten, woran die einst in Italien von Bonaparte befehligten Truppen gewöhnt waren. Die meisten gehörten wie Hulot zu den Überbleibseln der berühmten Bataillone, die in Mainz unter dem Versprechen kapitulierten, nicht an den Grenzen zu dienen. Die Armee hatte sie »die Mainzer« getauft. Man konnte nicht leicht eine Truppe und einen Führer finden, die sich besser verstanden.

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