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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünftes Kapitel

Der Wagen, der in dem Angriff der Chouans eine gewisse Rolle spielte, hatte das Städtchen Ernée ein paar Minuten vor dem Scharmützel der feindlichen Parteien verlassen.

Nichts kennzeichnet ein Land besser als der Zustand seiner gemeinnützigen Einrichtungen. In dieser Hinsicht verdient dieser Wagen eine lobende Erwähnung. Nicht einmal die Revolution hat es vermocht, ihm den Garaus zu machen, und noch heutigen Tages rollt er über die Landstraße.

Als Turgot das von Ludwig XIV. erteilte Privilegium zurückkaufte, wonach eine Gesellschaft das Recht hatte, ausschließlich und allein Reisende durch das ganze Königreich befördern zu dürfen, und die damals Turgotinen genannten Unternehmungen gründete, wurden die alten Karossen der Herren von Vouges und Chanteclaire sowie der Witwe Lacombe in die Provinzen zurückgezogen. Eine dieser schlechten Kutschen vermittelte denn auch die Verbindung zwischen Mayenne und Fougères. Ein paar Dickköpfe tauften sie damals spottweise die Turgotine, sei es, um Paris nachzuäffen, sei es aus Haß gegen einen Minister, der Neuerungen einführen wollte.

Diese Turgotine war ein schlechtes Kabriolett auf zwei sehr hohen Rädern, in dessen Innerem zwei ein wenig umfangreiche Menschen kaum Platz hatten. Da die geringe Beschaffenheit dieser gebrechlichen Maschine es nicht zuließ, daß man sie sehr belastete, und der Kasten, der den Sitz bildete, ausschließlich für den Postdienst bestimmt war, mußten die Reisenden ihr Gepäck zwischen ihren schon ohnehin durch die Schmalheit des Kastens gemarterten Beinen halten.

Dieser Kasten hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit einem großen Blasebalg. Seine ursprüngliche Farbe und die der Räder gab den Reisenden ein unlösbares Rätsel auf. Zwei lederne Vorhänge, die trotz ihrer langen Dienstzeit schwer zu handhaben waren, sollten die armen Teufel von Reisenden vor Kälte und Regen schützen. Der Kutscher, der auf einem elenden Bänkchen saß, nahm infolge der Art und Weise, wie er zwischen seinen zweifüßigen und vierfüßigen Opfern eingeklemmt war, gezwungenermaßen an der Unterhaltung teil.

Dieses Fuhrwerk hatte eine phantastische Ähnlichkeit mit jenen steinalten Greisen, die eine gehörige Anzahl von Katarrhen und Schlaganfällen durchgemacht haben und vor denen der Tod zurückzuschrecken scheint. Wie ein schlummernder Reisender bog es sich abwechselnd vorwärts und rückwärts, als ob es der heftigen Bewegung der zwei kleinen bretonischen Pferde hätte widerstehen wollen, die es über eine recht holprige Straße zogen.

Dieses Denkmal einer anderen Zeit enthielt drei Fahrgäste, die beim Verlassen von Ernée, wo man die Pferde gewechselt hatte, mit dem Kutscher eine schon lange vorher begonnene Unterhaltung fortsetzten.

»Wie sollten sich denn hier die Chouans gezeigt haben?« meinte der Kutscher. »In Ernée haben sie mir gerade gesagt, daß der Kommandeur Hulot Fougères noch nicht verlassen hat.«

»Oho, Freund,« antwortete ihm der jüngste der Reisenden, »du setzt nichts dran als deine alte Haut! Wenn du, wie ich, dreihundert Taler bei dir hättest und zudem als guter Patriot bekannt wärst, würdest du nicht so ruhig sein!«

»Auf alle Fälle sind Sie ein rechter Schwätzer,« erwiderte der Kutscher kopfschüttelnd.

»Gezählte Schafe frißt der Wolf,« nahm der zweite Reisende das Wort.

Es war ein schwarz gekleideter, etwa vierzigjähriger Mann, offenbar ein Rektor aus der Umgegend. Sein Kinn ruhte auf einer doppelten Falte, und seine Gesichtsfarbe war recht blühend. Trotzdem er dick und ziemlich untersetzt war, zeigte er doch jedesmal eine gewisse Behendigkeit, so oft es galt, die Kutsche zu besteigen oder zu verlassen.

»Seid ihr etwa auch königstreu?« rief der Mann mit den dreihundert Talern, dessen stattlicher Ziegenpelz eine Hose aus gutem Tuch und eine recht artige Weste bedeckte, was auf einen reichen Bauern schließen ließ. »Bei der Seele Robespierres, ich schwöre euch, es könnte euch übel ergehn.«

Und indem er seine Augen von dem Kutscher zu den Reisenden gehen ließ, zeigte er ihnen in seinem Gürtel zwei Pistolen.

»Ein Bretone läßt sich durch so etwas nicht, schrecken,« sagte der Pfarrer verächtlich. »Sehen wir im übrigen so aus, als wollten wir Ihr Geld?«

Jedesmal, wenn das Wort Geld fiel, verstummte der Kutscher.

Der Rektor hatte gerade genug Verstand, um zu bezweifeln, daß der Patriot die Taler hätte, und zu glauben, daß der Postillon welche bei sich trage.

»Führst du heut Ladung mit, Coupiau?« fragte er.

»Nee, Herr Gudin, ich habe sozusagen nischt,« erwiderte der Kutscher.

Gudin; der während dieser Antwort das Gesicht des Patrioten wie das Coupiaus befragt hatte, fand sie beide bei dieser Antwort unbewegt.

»Um so besser für dich!« sagte der Patriot. »Dann kann ich meine Maßregeln treffen, um mein Geld im Falle eines Unglücks zu retten.«

Dieser herrschsüchtige Ton empörte Coupiau, und er entgegnete grob:

»Ich bin der Herr meines Wagens, und wenn ich Sie fahre . . .«

»Bist du Patriot? oder bist du königstreu?« unterbrach ihn sein Gegner lebhaft.

»Weder eins noch das andere,« versetzte Coupiau. »Ich bin Postillon und Bretone, was mehr ist; und wenn ich fahre, fürchte ich weder die Blauen noch die Edelleute.«

»Du willst sagen die edeln Leuteausplünderer,« gab der Patriot ironisch zurück.

»Sie nehmen sich nur wieder, was man ihnen weggenommen hat,« sagte der Rektor.

Die beiden Reisenden sahen einander, wenn es gestattet ist, sich so auszudrücken, bis in das Weiße der Augäpfel.

Im Wagen saß noch ein dritter Fahrgast, der bei diesen Gesprächen das tiefste Schweigen beobachtete. Der Kutscher, der Patriot und selbst Herr Gudin schenkten dieser stummen Person keinerlei Beachtung.

Es war einer jener ungemütlichen und ungeselligen Reisenden, die in einem Wagen hocken wie ein ergebungsvolles Kalb, das man mit zusammengebundenen Füßen zu Markte fährt. Beim Einsteigen bemächtigen sie sich des ihnen zustehenden Platzes in seiner ganzen Ausdehnung, und zum Schluß schlafen sie ohne jede Rücksicht auf den Schultern ihres Nachbarn ein.

So hatten ihn denn der Patriot, Herr Gudin und der Postillon im Glauben, er schlafe, sich selbst überlassen, da sie davon überzeugt waren, es sei unnütz, mit einem Menschen zu reden, dessen, versteinertes Gesicht ein mit dem Ausmessen von Leinewand verbrachtes Leben und einen Geist verriet, der damit beschäftigt war, sie unter Brüdern teurer zu verkaufen, als sie wert war.

Dieses dicke, kleine Männchen, das wie eine Kugel in seiner Ecke lag, öffnete von Zeit zu Zeit seine porzellanblauen Augen. Während der soeben geführten Unterhaltung hatte er sie mit dem Ausdruck des Schreckens, des Zweifels und des Argwohns abwechselnd auf allen drei Sprechern ruhen lassen. Indes schien er nur seine Reisegefährten zu fürchten und sich recht wenig Sorge über die Chouans zu machen. Nach der Art, wie er den Kutscher anblickte, hätte man sie für zwei Freimaurer halten können.

In diesem Augenblick setzte das Gewehrfeuer auf der Pellerine ein. Erschreckt brachte Goupiau seinen Wagen zum Stehen.

»Oho!« sagte der Geistliche, der sich auszukennen schien, »das ist ein ernstes Treffen! Da sind viele dabei.«

»Aber das schwierige, Herr Gudin, ist, daß man nicht wissen kann, wer das Übergewicht behalten wird,« rief Coupiau.

Diesmal waren alle Gesichter von der gleichen Angst beseelt.

»Wir wollen den Wagen«, sagte der Patriot, »in die Herberge da unten einstellen und ihn da verbergen, während wir das Ergebnis des Kampfes erwarten.«

Dieser Rat schien so weise, daß Coupiau sich darein ergab. Der Patriot half dem Kutscher, den Wagen hinter einem Holzstoß vor allen Blicken zu verstecken.

Nun ergriff der Pfarrer eine Gelegenheit, um zu Coupiau zu sagen: »Ist da drin denn wirklich Geld?«

»Hä, wenn das, was da ist, in die Taschen von Ehrwürden käme, so würden sie nicht sehr beschwert werden, Herr Gudin! – –«

Die Republikaner, die es sehr eilig hatten, nach Ernée zu kommen, marschierten an dem Gasthause vorbei, ohne es zu betreten.

Beim Lärm ihrer eiligen Tritte traten Gudin und der Wirt, von Neugier getrieben, an das Hoftor, um sie sich anzusehen.

Plötzlich lief der dicke Geistliche auf einen Soldaten zu, der zurückgeblieben war.

»Nun, Gudin!« rief er ihm zu, »du Eigensinn, gehst du doch mit den Blauen! Hast du es dir auch überlegt, mein Sohn?«

»Ja, Onkel,« antwortete der Sergeant. »Ich habe geschworen, Frankreich zu verteidigen!«

»Ach, Unglückseliger, du verlierst deine Seele!«

»Onkel, wenn der König an der Spitze seiner Armeen gewesen wäre, sage ich nicht, daß . . .«

»O du Dummkopf, wer spricht denn vom König? Bekommt man durch deine Republik eine Abtei? Sie hat alles umgestürzt. Was soll denn aus dir werden? Bleib bei uns, wir werden zum Schlusse doch Sieger bleiben, und dann wirst du Rat in irgendeinem Parlament.«

»Parlament?« sagte Gudin in spöttischem Ton. »Lebwohl, Onkel.«

»Von mir bekommst du keine drei Louisdor,« rief der Onkel zornig. »Ich enterbe Dich!«

»Danke!« war die Antwort des Republikaners.

So trennten sie sich.

Unter der Einwirkung des Obstweins, mit dem der Patriot den Kutscher während des Vorbeizugs der kleinen Truppe freigebig bewirtete, hatte sich die Vernunft Coupiaus ein wenig umwölkt; doch er wachte wieder ganz fröhlich auf, als der Wirt, der sich nach dem Ergebnis des Kampfes erkundigt hatte, meldete, die Blauen seien im Vorteil geblieben.

So setzte denn Coupiau seinen Wagen wieder in Bewegung. Bald zeigte er sich in der Tiefe des Pellerinentals, wo es leicht war, ihn sowohl von den Höhen des Départements Maine als von denen der Bretagne zu gewahren, wie er angefahren kam, nicht unähnlich einem Schiffswrack, das nach einem Sturm auf den Wogen treibt.

Hulot war auf dem Gipfel des Berges angekommen, den die Blauen jetzt hinanstiegen, und von wo man die Pellerine noch in der Ferne erblickte. Er wandte sich, um festzustellen, ob die Königstreuen immer noch dort oben weilten. Die auf den Gewehrläufen funkelnde Sonne bezeichnete sie ihm als blitzende Punkte. Da, als er einen letzten Blick auf das Tal zurückwarf, das er soeben verlassen wollte um in das von Ernée einzubiegen, glaubte er auf der Landstraße das Fuhrwerk Coupiaus zu erkennen.

»Ist das nicht die Kutsche von Mayenne?« fragte er seine beiden Freunde.

Die Offiziere richteten ihre Augen scharf auf die alte Turgotine und erkannten sie gleichfalls.

»Nun,« sagte Hulot, »und warum sind wir ihr nicht begegnet?«

Sie sahen einander schweigend an.

»Das ist ein Rätsel!« rief der Kommandant. »Aber ich fange doch an, hinter die Wahrheit zu kommen.«

In diesem Augenblick erkannte auch Marche-à-terre die Turgotine. Er machte seine Kameraden darauf aufmerksam, und ihre Freudenausbrüche rissen die junge Dame aus ihrer Träumerei. Sie ging ein paar Schritte vor und sah den Wagen sich von der anderen Seite der Pellerine her mit verhängnisvoller Geschwindigkeit nähern. Bald war die unglückselige Turgotine auf der Felsplatte angelangt, und nun stürzten sich die Chouans, die sich von neuem verborgen hatten, mit gieriger Hast auf ihre Beute.

Der stumme Reisende ließ sich auf den Boden gleiten und duckte sich rasch, indem er das Aussehen eines Warenballens vorzutäuschen suchte.

»Ha!« rief Coupiau von seinem Bock herunter, »ihr habt den Patrioten da gewittert, er hat Gold, 'nen ganzen Sack voll!«

Die Chouans nahmen die Worte mit einem allgemeinen Gelächter auf und schrien: »Pille-miche! Pille-miche! Pille-miche! . . .«

Inmitten dieses Gelächters, auf das Pille-miche selbst das Echo abgab, machte sich Coupiau ganz beschämt von seinem Sitz herunter. Als Pille-miche seinem Nachbar aus dem Wagen half, erhob sich ein achtungsvolles Gemurmel.

»Der Abbé Gudin!« riefen mehrere der Männer.

Bei diesem angesehenen Namen flogen alle Hüte vom Kopfe, die Chouans knieten vor den Abbé hin und baten ihn um seinen Segen. Der Priester erteilte ihn mit ernster Miene.

»Er würde Sankt Peter betrügen und ihm die Himmelsschlüssel stehlen,« sagte der Pfarrer und klopfte Pille-miche auf die Schulter. »Ohne ihn hätten die Blauen uns abgefangen.«

Als der Abbé die junge Dame gewahrte, ging er ein paar Schritte auf sie zu, um sich mit ihr zu unterreden.

Marche-à-terre, der die Wagenlade hurtig geöffnet hatte, zeigte den andern mit wilder Freude einen Sack, dessen Form verriet, daß er mit Goldrollen angefüllt war.

Er nahm sich nicht lange Zeit, die Beute zu verteilen. Jeder Chouan erhielt von ihm das ihm Zukommende mit solcher Genauigkeit, daß nicht die kleinste Streitigkeit entstand. Dann näherte er sich der jungen Dame und dem Abbé und überreichte ihnen etwa sechstausend Franken.

»Kann ich mit gutem Gewissen annehmen, Herr Gudin?« fragte sie.

Sie fühlte zu innerst das Bedürfnis nach einer Zustimmung.

»Aber gewiß, Madame! Hat die Kirche früher nicht die Einziehung des protestantischen Besitzes gebilligt? Um wieviel mehr also die der Revolutionäre, die Gott leugnen, die Kirchen zerstören und die Religion verfolgen!«

Und der Abbé ließ auf das Wort die Tat folgen, indem er ohne Skrupeln diese neue Art von Zehntem annahm, den Marche-à-terre ihm bot.

»Im übrigen«, setzte er hinzu, »kann ich jetzt alles, was ich besitze, der Verteidigung Gottes und des Königs opfern. Mein Neffe ist mit den Blauen gegangen!«

Coupiau jammerte und schrie, daß er ruiniert sei. »Komm mit uns,« sagte Marche-à-terre zu ihm, »dann bekommst du deinen Teil!«

»Aber man wird glauben, daß ich mich absichtlich habe ausrauben lassen, wenn ich unbeschädigt heimkomme.«

»Ist's weiter nix?« sagte Marche-à-terre.

Er gab einen Wink, und eine Salve durchlöcherte die Turgotine.

Unter diesem unvorgesehenen Gewehrfeuer drang aus der alten Kutsche ein so jammervoller Schrei, daß die von Natur abergläubischen Chouans ein paar Schritte zurückwichen. Nur Marche-à-terre hatte das blasse Gesicht des schweigsamen Reisenden in einer Ecke des Wagens aufspringen und wieder zurückfallen sehen.

»Du hast noch ein Hühnchen in deinem Stall?« sagte Marche-à-terre ganz leise zu Coupiau.

Pille-miche, der die Frage begriff, zwinkerte zum Zeichen des Verständnisses mit den Augen.

»Ja,« antwortete der Kutscher. »Aber wenn ich mich von euch anwerben lasse, mache ich zur Bedingung, daß ihr mich diesen guten Mann wohlbehalten nach Fougères bringen laßt. Ich habe es im Namen der heiligen Anna von Auray versprochen.«

»Wer ist es?« fragte Pille-miche.

»Ich kann es euch nicht sagen,« antwortete Coupiau.

»Laß ihn doch!« warf Marche-à-terre ein und versetzte Pille-miche einen Ellenbogenstoß. »Er hat bei der heiligen Muttergottes geschworen, und sein Versprechen muß er halten.«

»Aber«, sagte der Chouan, indem er sich an Coupiau wandte, »fahr den Berg nicht zu schnell hinunter; wir wollen dich einholen, und das aus guten Gründen. Ich will mir die Fresse deines Reisenden ansehen. Wir werden ihm einen Reisepaß geben.«

In diesem Augenblick vernahm man Pferdegalopp, dessen Schall sich der Pellerine rasch näherte. Bald erschien der junge Anführer. Die Dame verbarg eilig den Beutel, den sie in der Hand hielt.

»Sie können das Geld für diesmal ohne Gewissensbisse behalten,« sagte der junge Mann, indem er den Arm der Dame nach vorn zog. »Hier ist ein Brief, den ich unter denen, die mich in Vivetière erwarteten, für Sie fand. Er ist von Ihrer Frau Mutter.«

Nachdem er abwechselnd die Chouans, die sich wieder im Walde verteilten, und den in das Couësnontal hinabfahrenden Wagen betrachtet hatte, fügte er hinzu:

»Trotz meiner Eile bin ich nicht rechtzeitig zurückgekommen. Gebe der Himmel, daß ich mich in meinen Vermutungen getäuscht habe!«

»Es war das Geld meiner armen Mutter!« rief die Dame, nachdem sie das Siegel gebrochen und die ersten Zeilen gelesen hatte.

Auf diese Worte erscholl aus dem Walde da und dort ersticktes Gelächter. Selbst der junge Mann konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, als er die Dame mit dem Beutel in der Hand dastehen sah, in dem ihr Anteil vom Raub ihres eignen Geldes enthalten war. Sie begann selbst zu lachen und sagte zu dem Anführer:

»Nun gut, Marquis, Gott sei gelobt! dann lade ich für dieses Mal wenigstens keine Sünde auf mich.«

»Sie nehmen also selbst Ihre Gewissensbisse leicht?« sagte der junge Mann.

Sie errötete und sah ihn in so echter Verwirrung an, daß er sich entwaffnet fühlte.

Der Abbé gab den soeben empfangenen Zehnten höflich, aber mit zweideutiger Miene zurück. Dann folgte er dem jungen Manne, der dem Seitenwege zuschritt, auf dem er gekommen war.

Bevor sie sich zu den beiden gesellte, machte die junge Dame Marche-à-terre ein Zeichen, worauf er zu ihr trat.

»Ihr werdet euch nach Mortagne verfügen,« sagte sie leise zu ihm. »Man schreibt mir, daß die Blauen unaufhörlich beträchtliche Summen baren Geldes nach Alençon schicken, um die Kriegsvorbereitungen zu fördern. Wenn ich deinen Kameraden die heutige Beute überlasse, so geschieht es nur unter der Bedingung, daß sie mich dafür schadlos zu halten wissen. Vor allen Dingen darf der Gars nichts von der Unternehmung wissen: er würde sich ihr vielleicht widersetzen. Sollte sie einen schlimmen Ausgang nehmen, so werde ich ihn schon besänftigen.« – –

»Madame,« sagte der Marquis, als sie hinten auf seinem Pferd aufsaß, wogegen sie ihres dem Abbé überließ, »unsere Pariser Freunde schreiben mir, daß wir uns vorsehen müssen. Die Republik will versuchen, uns durch List und Verrat zu bekämpfen.«

»Das ist so übel nicht!« antwortete sie. »Sie haben ganz gute Ideen, diese Leute! So kann ich vielleicht am Kriege teilnehmen und Gegner finden.«

»Das glaube ich!« rief der Marquis aus. »Pichegru legt mir ans Herz, in all meinen Freundschaften, gleich welcher Art sie sind, ängstlich und vorsichtig zu sein. Die Republik tut mir die Ehre an, mich für gefährlicher zu halten, als sämtliche Vendéer zusammen, und rechnet mit meinen Schwächen, um sich meiner Person zu bemächtigen.«

»Sie mißtrauen mir doch nicht? fragte sie, indem sie ihm mit der Hand, die sich an ihm festhielt, auf das Herz klopfte.

»Wären Sie dann hier, Madame?« erwiderte er lachend.

»Demnach«, fiel der Abbé ein, »wäre Fouchés Polizei gefährlicher für uns als die mobilen Bataillone und die Gegenchouans.«

»Ganz recht, Ehrwürden!«

»Haha!« rief die Dame. »Fouché wird am Ende Frauen gegen Euch aussenden! Nun, ich erwarte sie!« setzte sie nach einer leichten Pause mit tiefer Stimme hinzu. Und sie verloren sich in einem Irrgang von dichtbewachsenen Wegen. – –

Drei oder vier Schuß weit von der öden Felsplatte, die sie verlassen hatten, spielte sich inzwischen eine jener Szenen ab, wie sie sich damals auf den Landstraßen ziemlich häufig zutrugen.

Am Ende des Dörfchens La Pellerine hatten Pille-miche und Marche-à-terre den Wagen in einem Hohlweg von neuem angehalten.

Nach schwachem Widerstande war Coupiau abgestiegen. Der schweigsame Reisende, von den Chouans seinem Versteck entrissen, lag auf den Knien im Ginster.

»Wer bist du?« fragte Marche-à-terre ihn mit finsterer Stimme.

Er fuhr fort zu schweigen, bis Pille-miche die Frage wiederholte und durch einen Kolbenstoß begleitete.

»Ich bin«, sagte er nun, indem er einen Blick auf Coupiau warf, »Jacques Pinaud, ein armer Leinenhändler.«

Coupiau machte eine verneinende Gebärde, ohne zu glauben, daß er damit sein Wort breche. Dieses Zeichen gab Pille-miche Aufschluß. Er legte auf den Reisenden an, und Marche-à-terre stellte ihm kurz und bündig das schreckliche Ultimatum: »Du bist zu fett, um die Sorgen der Armen zu kennen! Wenn du uns noch einmal nach deinem wahren Namen fragen läßt, wird sich mein Freund Pille-miche hier durch einen einzigen Schuß die Achtung und Dankbarkeit deiner Erben verdienen. – Wer bist du?«

»Ich bin d'Orgemont aus Fougères.«

»Aha!« riefen die beiden Chouans.

»Ich habe Ihren Namen nicht genannt, Herr d'Orgemont,« sagte Coupiau. »Die heilige Jungfrau ist mein Zeuge, daß ich Sie gut verteidigt habe.«

»Da Sie Herr d'Orgemont aus Fougères sind,« fing Marche-à-terre mit fast achtungsvollem Ausdruck wieder an, »werden wir Sie ruhig abziehen lassen. Aber da Sie weder ein guter Chouan noch ein wirklicher Blauer sind, obwohl Sie die Güter der Abtei von Juvigny gekauft haben, werden Sie als Lösegeld« – hier setzte er eine Miene auf, als zähle er im Geiste seine Gefährten – »dreihundert Taler zu sechs Franken bezahlen. Soviel ist die Neutralität wohl wert.«

»Dreihundert Taler zu sechs Franken!« wiederholten der unglückliche Bankier, Pille-miche und Coupiau im Chor, aber mit sehr verschiedenen Gesichtern.

»Ach, lieber Herr,« fuhr d'Orgemont fort, »ich bin ruiniert. Die Zwangsanleihe dieser Teufelsrepublik hat mir eine riesige Summe auferlegt und mich ganz ausgebeutelt.«

»Wieviel hat sie dir denn abverlangt, deine Republik?«

»Tausend Taler, mein lieber Herr,« erwiderte der Bankier mit Jammermiene, im Glauben, einen Nachlaß zu erhalten.

»Wenn deine Republik so beträchtliche Zwangsanleihen aus dir herauszieht, kannst du sehen, daß es nur ein Gewinn ist, es mit uns zu halten. Unsere Regierung ist nicht so teuer. Dreihundert Taler, ist dir das zu viel für deine Haut?«

»Wo soll ich sie denn aber hernehmen?«

»Aus deiner Kasse,« sagte Pille-miche. »Und daß du nichts abzwackst, sonst zwacken wir dir die Nägel mit Feuer ab.«

»Wo soll ich sie euch bezahlen?« fragte d'Orgemont.

»Dein Landhaus in Fougères ist nicht weit von der Farm von Gibarry, da wohnt mein Vetter Galope-Chopine, früher Grand Cibot geheißen. Ihm kannst du sie übergeben,« sagte Pille-miche.

»Das ist nicht ordnungsgemäß,« antwortete d'Orgemont.

»Was macht das uns?« entgegnete Marche-à-terre. »Denk' daran, daß wir dir, falls Galope-Chopine das Geld in vierzehn Tagen nicht hat, eine kleine Visite abstatten werden, die dich für immer von der Gicht kurieren wird, sofern du sie in den Beinen verspüren solltest.«

»Was dich angeht, Coupiau,« wandte sich Marche-à-terre an den Kutscher, »so ist dein Name von nun ab Mène-à-bien.«

Mit diesen Worten entfernten sich die beiden Chouans. Der Reisende stieg wieder in den Wagen, der dank Coupiaus Peitsche rasch nach Fougères rollte.

»Wenn Sie Waffen bei sich gehabt hätten,« sagte Coupiau, »hätten wir uns ein bißchen besser verteidigen können.«

»Dummkopf, ich habe zehntausend Franken hier!« versetzte d'Orgemont und zeigte auf seine Schuhe. »Kann man sich verteidigen, wenn man eine so hohe Summe mit sich führt?«

Mène-à-bien kratzte sich hinter dem Ohr und blickte zurück; aber seine neuen Kameraden waren schon verschwunden.

*

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