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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Der Sieg hätte ganze Stunden lang unentschieden bleiben können, oder der Kampf hätte mangels Kämpfender von selbst aufgehört. Blaue und Königstreue zeigten dieselbe Tapferkeit. Die Wut steigerte sich hier wie dort immer mehr, als in der Ferne schwacher Trommelklang hörbar wurde; nach der Richtung zu urteilen, mußte das Korps, das er ankündigte, das Tal von Couësnon durchqueren.

»Das ist die Nationalgarde von Fougères!« rief Gudin laut aus. »Vannier wird sie angetroffen haben.«

Bei diesem Ausruf, der bis zu den Ohren des jungen Chouan-Führers und seines grimmigen Flügeladjutanten drang, machten die Royalisten eine rückwärtige Bewegung, der aber bald durch einen von Marche-à-terre ausgestoßenen wüsten Schrei Einhalt geboten wurde. Auf ein paar von dem Führer mit leiser Stimme erteilte und durch Marche-à-terre in niederbretonischer Mundart an die Chouans weitergegebene Befehle vollzogen diese ihren Rückzug mit einer Geschicklichkeit, die die Republikaner und selbst ihren Befehlshaber aus der Fassung brachte.

Beim ersten Kommando stellten sich die waffentüchtigsten der Chouans in Reih und Glied und bildeten eine ansehnliche Front, hinter die die Verwundeten samt allen übrigen sich zurückzogen, um von neuem zu laden. Nicht lange, so gewannen die Verwundeten dank der Behendigkeit, von der Marche-à-terre zuvor schon ein Beispiel gegeben hatte, die Höhe der die Straße zur Rechten überragenden Böschung, und ihnen folgte die Hälfte der Chouans, die flink hinaufklommen, um sie zu besetzen, wobei die Blauen nicht mehr von ihnen zu sehen bekamen als ihre starken Schädel. Dort oben machten sie sich aus Bäumen einen Wall und richteten ihre Musketen auf den Rest der Eskorte, die, den wiederholten Befehlen Hulots zufolge, sich rasch formiert hatte, um auf der Straße dem Gegner eine der seinen gleichwertige Front entgegenstellen zu können.

Die Chouans zogen sich langsam zurück und verteidigten das Feld, indem sie derart schwenkten, daß sie sich unter der Feuerlinie ihrer Kameraden frisch aufstellen konnten. Als sie den die Straße begrenzenden Graben erreichten, erkletterten sie ihrerseits die höher liegende Böschung, deren Rand von den Ihrigen besetzt war, und vereinigten sich mit ihnen. Dabei hielten sie tapfer das Feuer der Republikaner aus, die gut genug zielten, um den Graben mit Leichen zu übersäen. Die zu oberst auf dem Abhang Stehenden antworteten durch ein nicht weniger mörderisches Feuer.

In diesem Augenblick langte die Nationalgarde von Fougères im Laufschritt auf dem Kampfplatze an, und ihr Auftreten brachte den Kampf zum Abschluß. Die Nationalgardisten und ein paar erregte Soldaten übersprangen bereits den Straßendamm, um in den Wald vorzudringen; aber der Kommandant schrie ihnen mit seiner martialischen Stimme zu:

»Wollt ihr euch da unten zuschanden knallen lassen?«

So stießen sie wieder zu dem Trupp der Republikaner, die das Schlachtfeld behalten hatten, wenn auch unter großen Verlusten.

All die alten Hüte wurden an die Spitzen der Bajonette gesteckt, die Gewehre aufgepflanzt, und einstimmig riefen die Soldaten dreimal hintereinander:

»Es lebe die Republik! . . .«

Selbst die Verwundeten, die an der Straßenböschung saßen, teilten die Begeisterung, und Hulot drückte Gérard die Hand, indem er zu ihm sagte:

»Ha, das nennt man Kerle, was?«

Merle wurde beauftragt, die Toten in einer Schlucht an der Straße begraben zu lassen. Andere Soldaten nahmen sich des Transports der Verwundeten an. Pferde und Karren der nahegelegenen Höfe wurden beschlagnahmt und die leidenden Kameraden so rasch wie möglich auf den Habseligkeiten der Toten darauf gebettet.

Bevor sie wieder abzog, überbrachte die Nationalgarde von Fougères Hulot einen tödlich verwundeten Chouan, den sie unterhalb des steilen Abhangs gefaßt hatte, über den die Königstreuen entwischt waren und von dem seine schwindenden Kräfte ihn hatten herabstürzen lassen.

»Ich danke euch für eure Hilfe in der Not, Bürger,« sagte der Kommandant. »Himmeldonnerwetter! Ohne euch hätten wir jetzt eine böse Viertelstunde. Lebt wohl, ihr wackern Leute!«

Dann wandte sich Hulot an den Gefangenen.

»Wie heißt dein General?« fragte er ihn.

»Le Gars.«

»Wer, Marche-à-terre?«

»Nein, le Gars.«

»Woher kommt der Gars?«

Bei dieser Frage schwieg der königliche Jäger, dessen rohes, wildes Gesicht jetzt einen schmerzverzerrten Ausdruck trug, nahm seinen Rosenkranz und begann Gebete herzusagen.

»Der Gars ist jedenfalls dieser junge Adlige mit dem schwarzen Halstuch? Der ist von dem Tyrannen und seinen Verbündeten Pitt und Coburg gesandt.«

Bei diesen Worten hob der Chouan, unklug wie er war, trotzig den Kopf:

»Von Gott und dem König ist er gesandt!«

Das stieß er mit einer Heftigkeit hervor, die seine Kräfte erschöpfte.

Der Kommandant sah, daß es schwer sei, einen Sterbenden auszufragen, dessen ganzes Gebaren düsteren Fanatismus verriet, und wandte sich stirnrunzelnd ab.

Zwei Soldaten, Freunde jener, die Marche-à-terre so brutal mit einem Peitschenhieb an der Böschung niedergestreckt hatte und die tot liegen geblieben waren, gingen ein paar Schritte zurück, legten auf den Chouan an, dessen starrer Blick sich vor den auf ihn gerichteten Flintenläufen nicht senkte, und gaben auf Gewehrlänge Feuer auf ihn. Er fiel. Als die Soldaten sich näherten, um ihn zu entkleiden, rief er noch laut: »Es lebe der König!«

»Jawohl, jawohl, du Duckmäuser,« sagte La-clef-des-cœurs, »geh nur bei deiner guten Muttergottes Fladen essen. Brüllt uns der Kerl noch sein ›Es lebe der Tyrann‹ in die Ohren, wenn man denkt, er sei hin!«

»Hier, Herr Kommandant,« sagte Beau-pied, »sind die Papiere des Briganten . . .«

»Hoho!« rief La-clef-des-cœurs, »schaut euch doch diesen Musketier Gottes an, was der für einen bunten Bauch hat!«

Hulot und ein paar Soldaten traten an die nackt daliegende Leiche des Chouans heran. Auf seiner Brust gewahrten sie eine Art von bläulicher Tätowierung, die ein in Flammen stehendes Herz darstellte. Es war das Bundeszeichen der Mitglieder der Bruderschaft von Sacre Cœur. Oberhalb dieses Bildes las Hulot die Worte: Marie Lambrequin, – ohne Zweifel der Name des Chouans.

»Da schau, La-clef-des-cœurs,« sagte Beau-pied. »Ich glaube, du könntest tausend Jahre alt werden und doch nicht erraten, was dieses Pulverhorn da bedeutet.«

»Soll ich mich etwa auf die päpstlichen Uniformen verstehen?« erwiderte La-clef-des-cœurs.

»Elender Kerl, du,« fuhr Beau-pied fort, »willst du denn nie etwas dazu lernen? Begreifst du nicht, daß man diesem Lumpen da versprochen hat, er werde auferstehen, und daß er sich den Magen angemalt hat, um sich selbst dann wiederzuerkennen?«

Bei diesem Witz, der eine gewisse Berechtigung hatte, konnte sich selbst Hulot nicht enthalten, in die allgemeine Heiterkeit mit einzustimmen. Im selben Augenblick war Merle mit der Beerdigung der Toten fertig geworden, und auch die Verwundeten waren schlecht und recht von ihren Kameraden auf zwei Karren untergebracht. Die andern Soldaten, die sich von selbst in zwei Reihen längs dieser improvisierten Ambulanzen aufgestellt hatten, stiegen den Berghang herab, der sich nach Maine erstreckt, und von dem aus man das schöne Pellerinental erblickt, das es mit dem von Couësnon wohl aufnehmen kann. Hulot, von seinen beiden Freunden Gérard und Merle begleitet, folgte den Soldaten nun langsam, von dem Wunsche beseelt, ohne unglückliche Zwischenfälle nach Ernéc zu gelangen, wo die Verwundeten Hilfe finden mußten.

Dieser Kampf, der den Namen des Ortes trägt, wo er sich abspielte, blieb inmitten all der großen Ereignisse, die sich damals in Frankreich vorbereiteten, fast unbemerkt. Nur im Westen zog er einige Aufmerksamkeit auf sich, weil dessen Bewohner, von der abermaligen Waffenerhebung erregt, hier zuerst eine Änderung in der Kampfesweise der Königstreuen gewahr wurden. Denn früher hätten die Chouans einen so ansehnlichen Trupp nicht angegriffen.

Nach Hulots Folgerungen mußte der junge königliche General, den er gesehen hatte, der Gars sein, der von den Fürsten nach Frankreich entsandte neue Befehlshaber. Dieser Umstand beunruhigte den Kommandanten nach seinem traurigen Siege jetzt ebensosehr, wie es zuvor der vermutete Überfall getan hatte. Er wandte sich wiederholt um, das Pellerinenplateau zu betrachten, das er jetzt hinter sich ließ, und von wo aus noch immer in Zwischenräumen der erstickte Trommelklang der Nationalgarde kam, die in das Tal von Couësnon hinabstieg, indes die Blauen dem Pellerinental zu marschierten.

»Kann einer von euch,« sagte er plötzlich zu seinen beiden Freunden, »sich den Beweggrund dieses Chouanüberfalls erklären? Für sie ist eine Schießerei ein Handel, und ich werde nicht recht klug daraus, was der hier ihnen einbringt. Sie werden mindestens hundertzwanzig Mann verloren haben, und wir«, fügte er hinzu, indem er seine rechte Backe schief zog und mit den Augen blinzelte, um, zu lächeln, »höchstens vierzig. Himmeldonnerwetter! Ich begreife die Spekulation nicht; sie hätten diesen Angriff lieber sein lassen sollen. So wären wir glatt durchgekommen, wie Briefe auf der Post. Ich sehe nicht ein, wozu sie uns erst unsere Leute hinmachen mußten.«

Und er zeigte traurig auf die zwei Karren mit Verwundeten.

»Vielleicht haben sie uns nur guten Tag sagen wollen,« setzte er hinzu.

»Aber Herr Kommandant, sie haben doch unsere hundertfünfzig Halunken dazugewonnen!« antwortete Merle.

»Die Ausgehobenen wären doch wie die Frösche in den Wald gehüpft, und wir hätten sie nicht wieder erwischt, zumal nach einer Schießerei«, erwiderte Hulot. »Nein, nein, da steckt noch etwas dahinter.«

Und wieder blickte er nach der Pellerine zurück.

»Da,« rief er, »seht!«

Obwohl sich die Offiziere schon in ziemlicher Entfernung von dem unheilvollen Plateau befanden, unterschieden ihre geübten Augen doch unschwer Marche-à-terre und einige Chouans, die es von neuem besetzt hatten.

»Eilschritt!« rief Hulot seiner Truppe zu. »Nehmt die Fersen in die Hand und macht euren Gäulen Beine. Haben sie denn erfrorene Füße? Oder sind die Biester etwa auch Pitts und Coburgs?«

Seine Worte versetzten die kleine Truppe in rasche Bewegung.

»Ich kann dieses Geheimnis nicht enträtseln. Gott gebe,« sagte der Kommandant zu den beiden Offizieren, »daß es sich in Ernée nicht in der Form von Gewehrfeuer aufklärt. Ich fürchte sehr, daß auch die Straße nach Mayenne uns durch das Volk des Königs abgeschnitten ist.«

Das strategische Problem, unter dem sich der Schnurrbart des Kommandeurs Hulot sträubte, war zur gleichen Zeit eine Ursache nicht weniger lebhafter Erregung für die Leute, die er auf dem Gipfel der Pellerine erblickt hatte.

Sobald der Trommelschlag der Nationalgarde von Fougères dort oben nicht mehr zu hören war und Marche-à-terre die Blauen in der Tiefe der Berglehne gewahrte, die sie hinabgestiegen waren, ließ er den hellen Schrei des Käuzchens ertönen, und die Chouans erschienen von neuem, aber weniger zahlreich. Mehrere von ihnen waren zweifellos damit beschäftigt, die Verwundeten nach dem Dorfe La Pellerine zu schaffen, das auf der Rückseite des nach dem Couësnontale führenden Berges liegt. Zwei oder drei von den königlichen Jägern kamen zu Marche-à-terre heran. Wenige Schritte weiter saß der junge Aristokrat auf einem Granitblock, – wie es schien, in die mannigfachen Gedanken versunken, die die schon jetzt auftauchenden Schwierigkeiten seines Unternehmens in ihm wachriefen.

Marche-à-terre krümmte die Hand zu einer Art Wetterdach über seiner Stirn, um die Augen vor den Strahlen der Sonne zu schützen, und sah traurig nach der Straße hin, der die Republikaner durch das Pellerinental folgten. Seine kleinen schwarzen, durchdringenden Augen suchten zu erspähen, was sich auf dem anderen Abhang, am Horizont des Tales, begab.

»Die Blauen werden die Post abfangen,« sagte wütend der Marche-à-terre am nächsten stehende unter den Anführern.

»Bei der heiligen Anna von Auray,« fiel ein anderer ein, »warum hast du uns losschlagen heißen? Wolltest wohl nur dein eigenes Bocksfell retten?«

Marche-à-terre warf ihm einen giftigen Blick zu und hieb mit seinem schweren Karabiner auf den Boden.

»Bin ich der Anführer?«

Dann, nach einer Pause:

»Wenn ihr alle euch geschlagen hättet wie ich, wäre nicht einer von diesen Blauen davongekommen!« und er zeigte auf die Übriggebliebenen von Hulots Detachement. »Dann wäre der Wagen vielleicht bis hierher gekommen.«

»Glaubst du,« fing ein dritter an, »sie würden daran gedacht haben, ihn zu eskortieren oder aufzuhalten, wenn wir sie ruhig hätten passieren lassen? Du hast dein Hundefell retten wollen, weil du die Blauen nicht auf dem Wege glaubtest.«

»Um seiner Fresse willen«, sprach er weiter und drehte sich nach den anderen um, »hat er uns bluten lassen, und zu alldem werden wir noch zwanzigtausend Franken gutes Gold verlieren . . .«

»Selber Fresse!« schrie Marche-à-terre, indem er sich drei Schritt zurückzog und auf seinen Gegner anlegte. »Du, du haßt nicht die Blauen, du liebst nur das Gold. Wart', du sollst ohne Beichte sterben, verdammter Schuft, hast ja das ganze Jahr nicht kommuniziert!«

Diese Beschimpfung machte den Chouan derart wütend, daß er ganz blaß wurde; ein dumpfes Röcheln drang aus seiner Brust, während er sich anschickte, auf Marche-à-terre zu schießen.

Der junge Anführer warf sich zwischen sie. Mit seinem eigenen Karabiner schlug er ihnen die Waffen aus der Hand. Dann verlangte er eine Erklärung ihres Wortwechsels, denn die Unterhaltung war auf niederbretonisch geführt worden, in einer Sprache also, die er nicht gut verstand.

»Herr Marquis,« sagte Marche-à-terre am Schluß seiner Rede, »es ist um so schlechter von ihnen, mir Vorwürfe zu machen, als ich Pille-miche zurückgelassen habe, der vielleicht den Wagen noch aus den Klauen der Diebe retten wird.«

Und er wies auf die Blauen.

»Wie!« rief der junge Mann zornig aus, »deshalb also bleibt ihr noch hier, weil ihr eine Postkutsche anhalten wollt, ihr Feiglinge, die ihr nicht einmal im ersten Kampf unter meiner Führung Sieger bleiben konntet! Sind die Verteidiger Gottes und des Königs denn Straßenräuber! Bei der heiligen Muttergottes von Auray! Die Republik bekämpfen wir, und nicht die Post! Wer sich von jetzt ab noch solch schmachvoller Angriffe schuldig macht, erhält keine Absolution und wird nichts von den Vorteilen verspüren, die nur für tapfere Diener des Königs ausgesetzt sind.«

Ein dumpfes Gemurmel erhob sich aus der Mitte der Truppe. Es war leicht zu erkennen, daß die so wichtige und unter diesen ungebändigten Horden schwer herzustellende Mannszucht auf dem Spiele stand. Der junge Führer, dem die Bewegung nicht entgangen war, wollte schon versuchen, seine zweifelhafte Autorität zu retten, als der Trab eines Pferdes das Stillschweigen unterbrach. Alle Köpfe wandten sich in der mutmaßlichen Richtung der ankommenden Person.

Es war eine junge Frau, die im Herrensattel auf einem kleinen bretonischen Pferde saß. Sobald sie den jungen Mann unter ihnen erkannt hatte, setzte sie es in Galopp, um rascher bei der Truppe der Königstreuen anzulangen.

»Was habt ihr denn nur?« fragte sie, indem sie abwechselnd die Chouans und ihren Führer ansah.

»Würden Sie glauben, Madame, daß sie die Postkutsche erwarten, die von Mayenne nach Fougères fährt, mit der Absicht, sie auszurauben? Und das, nachdem wir zur Befreiung unserer Gars aus Fougères ein Gemetzel gehabt haben, das uns viele Mann gekostet hat, ohne daß wir die Blauen aufgerieben hätten!«

»Nun ja, was ist so Schlimmes dabei?« fragte die junge Dame, der ein den Frauen angeborenes Feingefühl sagte, was hier im geheimen vor sich ging. »Sie haben Leute verloren, aber deren werden wir immer genug haben. Die Post führt zweifellos Geld mit: daran aber leiden wir stets Mangel! Wir wollen unsere Männer begraben, worauf sie in den Himmel kommen werden und dann das Geld in die Taschen all dieser wackren Leute fließen lassen.«

»Liegt darin denn gar nichts, was Sie erröten macht?« fragte der junge Mann leise. »Sind Sie denn in solcher Not, daß Sie das Geld auf der Landstraße suchen müssen?«

»Ich bin so gierig danach, Marquis, daß ich glaube, ich würde mein Herz dafür zum Pfand setzen, wenn ich es noch besäße«, sagte sie mit kokettem Lächeln. »Aber sind Sie denn vom Himmel gefallen, daß Sie glauben, die Chouans würden Ihnen gehorchen, wenn Sie sie nicht da und dort ein bißchen plündern lassen? Kennen Sie das Sprichwort nicht: Voleur comme une chouette? Und was ist denn ein Chouan? Im übrigen«, fuhr sie mit erhobener Stimme fort, »ist es ja eine gerechte Handlung! Haben die Blauen nicht die Güter der Kirche sowie die unseren eingezogen?«

Wieder begleitete Gemurmel, doch diesmal von ganz anderer Art, die Worte. Der junge Marquis, dessen Stirn sich bewölkte, nahm die junge Dame zur Seite und sagte in dem gereizten Ton eines feingesitteten Menschen zu ihr:

»Kommen die Herren also am festgesetzten Tage nach La Vivetière?«

»Ja.«

»Erlauben Sie, daß ich jetzt gleich dorthin zurückkehre. Ich kann solche Räubereien nicht durch meine Anwesenheit gutheißen! Jawohl, Madame, ich sagte Räubereien. Es liegt Adel darin, sich bestehlen zu lassen, aber . . .«

»Nun gut,« unterbrach sie ihn, »so werde ich Ihren Anteil bekommen. Ich danke Ihnen, daß Sie ihn mir überlassen, dieser Zuschuß wird mir sehr gut tun! Meine Mutter läßt mich so lange auf Geld warten, daß ich ganz verzweifelt bin.«

»Leben Sie wohl!« rief der junge Anführer.

Damit verschwand er.

Nun lief sie rasch hinter ihm her.

»Warum bleiben Sie nicht bei mir?« fragte sie und warf ihm einen jener halb befehlenden, halb zärtlichen Blicke zu, auf die sich die Frauen, wenn sie Rechte auf eines Mannes Beachtung haben, so gut verstehen.

»Wollten Sie nicht den Wagen plündern?«

»Plündern!« wiederholte sie, »was für ein sonderbarer Ausdruck! Lassen Sie sich erklären . . .«

»Nein«, sagte er, indem er ihre Hände nahm und sie mit der oberflächlichen Galanterie eines Hofmannes küßte.

»Hören Sie mich an«, setzte er hinzu. »Wenn ich während der Ergreifung dieser Kutsche hier bliebe, würden Ihre Leute mich umbringen, denn ich . . .«

»Sie würden Sie nicht umbringen,« erwiderte sie lebhaft; »sondern sie würden Ihnen mit aller Ihrem Rang gebührenden Rücksicht die Hände binden. Und nachdem sie von den Republikanern eine für ihre Ausrüstung, ihren Unterhalt und die Anschaffung ihres Pulvers notwendige Kontribution erhoben hätten, würden sie Ihnen blind gehorchen.«

»Und Sie möchten, daß ich hier befehle! Wenn mein Leben für die Sache nötig ist, die ich verteidige, so erlauben Sie mir, die Ehre meines Ansehens zu retten. Ziehe ich mich jetzt zurück, so brauche ich von dieser Feigheit nichts gewußt zu haben. Ich komme später wieder, um Sie zu begleiten.«

Und er entfernte sich schnell.

Die junge Dame lauschte seinen verhallenden Schritten mit ausgesprochenem Mißvergnügen. Als das Knistern der trockenen Blätter unmerklich aufgehört hatte, blieb sie bestürzt zurück. Dann ritt sie eilends auf die Chouans zu, machte eine verächtliche Gebärde und sagte zu Marche-à-terre, der ihr aus dem Sattel half:

»Dieser junge Mann möchte sich im guten mit der Republik auseinandersetzen! – Pah . . . noch ein paar Tage, und er wird anderer Meinung werden! – Und wie er mich behandelt hat!« sprach sie nach einer Pause zu sich selbst.

Sie ließ sich auf dem Felsblock nieder, der zuvor dem Marquis als Sitz gedient hatte, und erwartete schweigend die Ankunft des Wagens.

Sie gehörte nicht zu den geringsten Merkwürdigkeiten ihrer Epoche, diese junge adlige Dame, die, von heftig entbrannten Leidenschaften in den Kampf der Monarchie gegen den Geist des Jahrhunderts hineingeschleudert, durch die Lebhaftigkeit ihrer Empfindungen zu Handlungen getrieben wurde, an denen sie im Grunde keinen Anteil hatte; hierin war sie so manchen anderen ähnlich, die sich durch eine in großen Dingen oft fruchtbare Begeisterung hinreißen ließen.

Gleich ihr, spielten viele Frauen heldenhafte oder schlimme Rollen in dieser stürmischen Zeit. Die royalistische Sache fand keine hingebenderen, keine tätigeren Geheimboten als diese Frauen, aber keine der Heldinnen dieser Partei sühnte die verfehlte Hingebung oder das Unglückselige einer solchen, ihrem Geschlechte wenig anstehenden Betätigung durch eine so harte Buße, wie es die Verzweiflung dieser Frau war, als sie, auf dem Fels an der Straße sitzend, der stolzen Geringschätzung und der Rechtlichkeit des jungen Anführers ihre Bewunderung nicht versagen konnte.

Allmählich verfiel sie in tiefe Träumerei. Bittere Erinnerungen ließen sie die Unschuld ihrer ersten Jahre zurückwünschen und beklagen, daß sie nicht ein Opfer der Revolution geworden war, deren damals siegreiches Vordringen so schwache Hände nicht aufhalten konnten.

*

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