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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070819
modified20180223
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Zweiunddreißigstes Kapitel

Die Marquise und Francine steckten nun mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit, wie sie nur Frauen eigen ist, den Marquis in einen Chouananzug. Als Marie sah, daß ihr Gatte die ihm von Francine gebrachten Waffen lud, entschlüpfte sie rasch, nachdem sie der treuen Bretonin ein Zeichen des Einverständnisses gegeben. Nun führte Francine den Marquis in das anstoßende Kabinett, und der junge General konnte sich beim Anblick einer Unmenge von fest aneinandergeknüpften Tüchern von der tätigen Sorgfalt überzeugen, mit der das Mädchen bemüht gewesen war, die Wachsamkeit der Soldaten zu täuschen.

»Da werde ich niemals hindurchkommen,« sagte er mit einem Blick auf das enge Fensterchen.

In diesem Augenblick verdeckte eine breite, schwarze Gestalt dessen ganze Öffnung, und eine Francine wohlbekannte heisere Stimme rief leise:

»Rasch, Herr General, die blauen Hunde rühren sich!«

»Oh, noch einen Kuß!« sagte eine sanfte, bebende Stimme.

Und der Marquis, dessen Füße bereits auf der rettenden Leiter standen, während ein Teil seines Körpers noch in der engen eirunden Fensteröffnung steckte, fühlte sich mit dem Ungestüm der Verzweiflung umarmt. Als er dabei entdeckte, daß auch seine Frau Chouanskleider angelegt hatte, stieß er einen Schrei aus und wollte sie zurückhalten. Doch sie entriß sich jäh seinen Armen, und er mußte allein hinabsteigen. In der Hand hielt er einen Fetzen Stoffs, und als das Mondlicht plötzlich darauffiel, erkannte er ihn als zu der Weste gehörig, die er am Vorabend getragen.

»Halt! Feuer!«

Diese Worte, von Hulot seinen Soldaten mitten durch die fürchterliche Stille zugeschrien, brachen die Verzauberung, unter der Menschen und Dinge zu stehen schienen. Ein Kugelregen gelangte von der Tiefe des Tals bis an den Fuß des Turms und beantwortete die Salve der Blauen, die von der Promenade aus feuerten. Das Feuer der Republikaner erlitt keine Unterbrechung, es war furchtbar, mitleidslos. Die Opfer ließen keinen Laut hören. Die Stille zwischen den einzelnen Salven war entsetzlich. Doch Corentin, der eine der Gestalten, auf die er den Kommandanten aufmerksam gemacht, hatte von der Leiter herabstürzen sehen, argwöhnte irgendeine List.

»Nicht einer von dem Viehzeug da gibt einen Laut von sich,« sagte er zu Hulot. »Unsere zwei Verliebten sind gar wohl imstande, uns hier durch eine List festzuhalten, während sie sich vielleicht auf der anderen Seite aus dem Staube machen . . .«

In seiner Ungeduld, das Rätsel zu lösen, schickte der Spion Galope-chopines Sohn nach Licht. Corentins Argwohn hatte bei Hulot so viel Verständnis gefunden, daß der alte Kriegsmann, auf den Lärm eines ziemlich heftigen Gefechtes bei der Wache des Leonhardstors horchend, ausrief:

»Das ist wahr, es können ihrer nicht zwei sein!«

Damit eilte er dem Wachthause zu.

»Sie haben ihm den Kopf mit Blei gewaschen, Herr Kommandant,« sagte Beau-pied, der Hulot entgegenkam. »Aber er hat Gudin erschossen und zwei Mann verwundet. Der Rasende! Er hatte bereits drei Reihen unserer Leute durchbrochen und würde das freie Feld erreicht haben, wenn ihm nicht der Posten am Leonhardstore das Bajonett durch den Leib gerannt hätte.«

Auf diese Worte hin stürzte der Kommandant in die Wachtstube. Er sah den blutüberströmten Körper, den man hierher getragen, auf dem Feldbett liegen, näherte sich dem vermeintlichen Marquis und hob den Hut auf, der das Gesicht bedeckte.

»Ich ahnte es!« rief er, indem er in einen Stuhl sank und gewaltsam die Arme auf der Brust verschränkte. »Sie hat ihn zu lange bei sich behalten, zum Donnerwetter!«

Alle Soldaten standen regungslos da, denn als der Kommandant den Hut aufhob, quollen lange, schwarze Frauenhaare darunter hervor. Plötzlich wurde das Schweigen durch das Getöse einer bewaffneten Menge unterbrochen. Corentin trat in die Wachtstube, hinter ihm vier Soldaten, die auf ihren Gewehren wie auf einer Tragbahre Herrn von Montauran trugen, dem mehrere Kugeln die Schenkel zerschmettert hatten. Sie legten den Marquis neben seine Frau auf das Feldbett. Er erblickte sie und faßte mit krampfhaftem Druck ihre Hand. Die Sterbende wandte mühsam den Kopf, erkannte ihren Gatten und zuckte furchtbar zusammen. Dann murmelte sie mit fast erloschener Stimme:

»Ein Tag ohne Morgen! Du hast es selbst gesagt . . .«

»Bringt sie ins nächste Hospital!« rief Corentin.

Da packte Hulot den Spion so wütend am Arme, daß seine Nägelspuren in seinem Fleisch zurückblieben.

»Da dein Geschäft hier zu Ende ist,« sprach er. zu ihm, »so pack dich, aber betrachte dir zuvor noch einmal genau das Gesicht des Kommandanten Hulot, damit du ihm nicht wieder über den Weg läufst, sofern du nicht willst, daß er dir seinen Säbel im Leibe herumdreht!«

Und schon zog der alte Kriegsmann seine Waffe aus der Scheide.

»Das ist auch wieder so einer von den ehrenwerten Leutchen, die all ihr Lebtag auf keinen grünen Zweig kommen werden!« sagte Corentin zu sich selbst, als er die Wache im Rücken hatte.

 


 

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