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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einunddreißigstes Kapitel

Wenn Leidenschaften ihrer Entladung entgegengehen, üben sie eine berauschende Gewalt auf uns aus, die der kümmerlichen Aufreizung weit überlegen ist, in die Opium oder Wein uns versetzen. Die Schärfe der Gedanken, die sich dann einstellt, die Empfindsamkeit der aufgepeitschten Sinne bringen die seltsamsten und unerwartetsten Wirkungen hervor. Dann nehmen manche Menschen, obwohl ein einziger Gedanke sie völlig beherrscht, die unscheinbarsten Gegenstände aufs deutlichste wahr, während die greifbarsten Dinge für sie nicht vorhanden zu sein scheinen. Fräulein von Verneuil stand, nachdem sie den Brief des Marquis gelesen, unter dem Einfluß eines solchen Rausches, der aus dem wirklichen Leben eine Art von Traumdasein macht, als sie nun in größter Eile alles anordnete, damit er ihrer Rache nicht entgehen könne, so wie sie kurz vorher alles für ein Liebesfest bereitet hatte.

Als sie dann aber ihr Haus, den eigenen Befehlen gemäß, mit einer dreifachen Reihe von Bajonetten dicht umstellt sah, blitzte doch ein plötzliches Licht in ihrer Seele auf. Sie dachte über ihr Vorgehen nach und wurde sich mit einem gewissen Schrecken darüber klar, daß sie im Begriff stand, ein Verbrechen zu begehen. Im ersten Gefühl dieser Angst stürzte sie nach der Türe und blieb einen Augenblick reglos auf der Schwelle stehen, mit dem Bemühen, nachzudenken, ohne daß sie doch einen Gedanken hätte fassen können. Sie vermochte sich so wenig Rechenschaft darüber zu geben, was sie getan hatte, daß sie sich nicht einmal mehr darüber klar werden konnte, was sie, ein fremdes Kind an der Hand, im Vorzimmer ihres Hauses wollte. Vor ihr tanzten Tausende von Funken wie feurige Zungen in der Luft. Sie ging ein paar Schritte, um die entsetzliche Lähmung abzuschütteln, die sich über sie gelegt hatte; doch gleich einer Schlafbefangenen erschien ihr kein Ding unter seiner wirklichen Farbe und Form. Mit einer Heftigkeit, wie sie ihr sonst nicht eigen war, preßte sie die Hand des Knaben und riß ihn mit so hastigen Schritten hinter sich her, als sei die Geschäftigkeit einer Wahnsinnigen über sie gekommen.

Sie sah nichts von dem, was sich im Salon begab, als sie hindurchkam, obwohl sie von drei Männern gegrüßt wurde, die ihr Platz machten.

»Da ist sie,« sagte der eine.

»Wie schön sie ist!« rief der Priester aus.

»Ja,« antwortete der erste; »aber wie bleich und erregt sie aussieht . . .«

»Und zerstreut,« setzte der dritte hinzu. »Sie sieht uns gar nicht.«

An der Tür zu ihrem Zimmer erblickte Fräulein von Verneuil das sanfte, heitere Gesicht Francines, die ihr zuflüsterte:

»Er ist da, Marie.«

Bei diesen Worten erwachte Fräulein von Verneuil; sie konnte plötzlich wieder nachdenken, sah den Knaben an ihrer Hand an und antwortete Francine: »Schließ dieses Kind ein, und wenn dir mein Leben lieb ist, so paß gut auf, daß es dir nicht entwischt.«

Während sie dies langsam sagte, hielt sie die Augen auf die Tür zu ihrem Zimmer gerichtet und ließ sie mit so schreckenerregender Starrheit darauf ruhen, daß man hätte meinen können, sie sehe ihr Opfer durch die dicke Holzfüllung hindurch.

Dann stieß sie die Tür behutsam auf und schloß sie wieder, ohne sich umzuwenden, denn sie sah den Marquis vor dem Kamin stehen. Ohne gerade gesucht zu sein, hatte seine Kleidung einen gewissen festlichen Schmuck, der den Glanz noch erhöhte, in dem jeder Frau ihr Geliebter erscheint.

Bei seinem Anblick fand Marie ihre ganze Geistesgegenwart wieder. Ihre verzerrten, obwohl halbgeöffneten Lippen ließen den Schmelz ihrer Zähne sehen und bildeten ein gezwungenes Lächeln, dessen Ausdruck eher Schrecken als Wonne verheißend war. Langsam ging sie auf den jungen Mann zu und sagte, auf die Uhr weisend, mit einer Art von Lustigkeit zu ihm:

»Ein Mann, der Liebe verdient, ist wohl auch der Mühe wert, daß man auf ihn wartet.«

Doch von der Leidenschaftlichkeit ihrer Empfindungen überwältigt, sank sie gleich darauf auf das Sofa neben dem Kamin.

»Teure Marie, wie verführerisch sind Sie, wenn Sie zürnen!« rief Herr von Montauran, indem er sich neben sie setzte und ihre Hand ergriff, die sie ihm überließ, während sie ihm den Blick verweigerte, um den er flehte.

»Ich hoffe,« fuhr er mit zärtlicher, liebkosender Stimme fort, »daß Marie es sogleich sehr bereuen wird, das Auge von ihrem glücklichen Gatten abgewendet zu haben.«

Als sie diese Worte vernahm, wandte sie sich heftig um und sah ihn voll an.

»Was bedeutet dieser furchtbare Blick?« fragte er lachend. »Wie brennend heiß deine Hand ist! Was hast du, Liebste?«

»Liebste!« wiederholte sie mit dumpfer, veränderter Stimme.

»Ja,« sagte er und kniete vor ihr nieder, indem er ihre beiden Hände mit Küssen bedeckte. »Ja, Liebste, ich bin dein fürs Leben.«

Sie stieß ihn heftig von sich und stand auf. Ihre Züge verzerrten sich und sie begann wie eine Irrsinnige zu lachen. Dann sagte sie:

»Du glaubst von alledem nicht ein Wort, du niedrigster aller Schurken!«

Sie faßte ungestüm nach dem Dolche, der neben einer Blumenvase lag und setzte ihn dem überraschten Jüngling auf die Brust. Doch gleich darauf schleuderte sie die Waffe wieder von sich. »Pah,« sagte sie geringschätzig, »ich achte dich nicht genug, um dich zu töten! Dein Blut ist sogar zu gemein, um von Soldaten vergossen zu werden, für dich taugt nur der Henker!«

Sie stieß diese Worte mühsam und leise hervor und stampfte dabei mit den Füßen, wie ein ungeduldiges, verzogenes Kind. Der Marquis trat zu ihr und versuchte, sie zu umfassen, doch schaudernd wich sie vor ihm zurück.

»Rühren Sie mich nicht an,« rief sie.

»Sie ist wahnsinnig,« sagte der Marquis voller Verzweiflung.

»Ja, wahnsinnig!« wiederholte sie. »Aber noch nicht genug, um dein Spielzeug zu sein. Was würde ich der Leidenschaft nicht verzeihen! Aber mich ohne Liebe besitzen zu wollen und es diesem Weib zu schreiben . . .«

»Wem habe ich denn geschrieben?« fragte er.

»Dieser tugendsamen Dame, die mich umbringen wollte.«

Der Marquis erblaßte, packte die Lehne des Sessels, auf die er sich gestützt hatte, als wolle er sie zerbrechen, und rief:

»Wenn Frau von Gua dieser Gemeinheit fähig war . . .«

Fräulein von Verneuil suchte nach dem Brief fand ihn nicht und rief Francine herbei.

»Wo ist jener Brief?«

»Herr Corentin hat ihn an sich genommen.«

»Corentin! ach, nun verstehe ich alles! Er hat den Brief geschrieben und mich getäuscht, wie es seine Art ist: mit teuflischer Schlauheit!«

Mit einem lauten Schmerzensschrei sank sie auf das Sofa, und ein Strom von Tränen entrann ihren Augen. Zweifel und Gewißheit, eines war gleich schrecklich wie das andere. Der Marquis stürzte zu den Füßen seiner Geliebten nieder, drückte sie an sein Herz und wiederholte unaufhörlich die einzigen Worte, die er über die Lippen brachte:

»Warum weinst du, mein Engel? Was ist denn Schlimmes geschehen? Kamen deine Beleidigungen nicht aus der Liebe? Weine nicht, ich liebe dich, ich werde dich immer lieben!«

Plötzlich fühlte er, wie sie ihn mit übermenschlicher Kraft an sich preßte. Und mitten aus dem Schluchzen heraus fragte sie ihn:

»Du liebst mich also?«

»Zweifelst du denn noch daran?« antwortete er mit traurigem Ton.

Sie entwand sich stürmisch seinen Armen und trat erschreckt und verwirrt ein paar Schritte zurück.

»Ob ich daran zweifle!« rief sie.

Doch sie sah den Marquis mit so sanftem Spotte lächeln, daß die Worte auf ihren Lippen erstarben. Sie ließ sich bei der Hand fassen und auf die Schwelle zum Salon führen, wo sie einen während ihrer Abwesenheit in aller Eile errichteten Altar erblickte, neben dem ein Priester im Amtsgewande stand. Brennende Kerzen verbreiteten einen sanften, hoffnungsreichen Schimmer. Nun erkannte sie in den zwei Herren, die sie gegrüßt hatten, den Grafen von Bauvan und den Chevalier von Renty, die Herr von Montauran zu Trauzeugen gewählt hatte.

»Weisest du mich also noch immer zurück?« fragte der Marquis sie ganz leise.

Da trat Marie plötzlich einen Schritt zurück, um wieder in ihr Zimmer zu gelangen. Sie fiel auf die Knie, streckte dem Marquis ihre Hände entgegen und rief:

»O vergib, vergib, vergib!«

Ihre Stimme erlosch, ihr Kopf sank hintenüber, ihre Augen schlossen sich, und einer Toten gleich lag sie in den Armen des Marquis und Francines. Als sie die Augen wieder aufschlug, begegnete sie dem liebenden, milden Blick des jungen Generals.

»Geduld, Marie!« sagte er. »Dieser Sturm ist der letzte.«

»Der letzte,« wiederholte sie.

Francine und der Marquis sahen sich erstaunt an, doch sie gebot ihnen durch einen Wink zu schweigen

»Ruft den Priester,« sagte sie, »und laßt mich allein mit ihm.«

Es geschah.

»Ehrwürdiger Vater,« sprach sie zu dem vor ihr stehenden Geistlichen, »in meiner Kindheit sagte mir ein Greis mit weißen Haaren, der Ihnen ähnlich war, oft, daß man durch festen Glauben alles von Gott erlangen könne. Ist das wahr?«

»Es ist wahr,« bestätigte der Priester. »Alles ist möglich bei dem, der alles geschaffen hat.«

Da fiel Fräulein von Verneuil in unbeschreiblicher Inbrunst auf die Knie nieder.

»O mein Gott!« sagte sie in ihrer Verzückung, »mein Glaube an dich gleicht meiner Liebe zu ihm! Offenbare dich mir! Laß ein Wunder geschehen oder nimm mein Leben!«

»Er wird Sie erhören,« sagte der Priester.

Am Arme des weißhaarigen Geistlichen kehrte Marie zu den andern zurück. Eine tiefe, geheime Bewegung überlieferte sie der Liebe des Geliebten, die heute strahlender war als je zuvor; dann eine Heiterkeit ähnlich der, die die Maler den Märtyrern zu verleihen pflegen, drückte seinem Antlitz ihre Weihe auf. Sie reichte ihre Hand dem Marquis, und zusammen schritten sie zum Altar, vor dem sie niederknieten. Diese Ehe, die nur zwei Schritte vom Brautbett eingesegnet wurde, der in Eile errichtete Altar, das Kreuz, der Kelch, die heiligen Gefäße, die ein Priester heimlich herbeigeschafft hatte, der Weihrauchduft unter Wandgesimsen, zu denen bis jetzt nur der Dampf von Mahlzeiten emporgestiegen war, der Priester, der nur eine Stola über seiner Soutane trug, die geweihten Kerzen in dem weltlichen Zimmer, – das alles zusammen nahm sich seltsam rührend aus und vervollständigte das Bild jener Zeiten traurigen Angedenkens, da der Bürgerkrieg die heiligsten Institutionen über den Haufen geworfen hatte. Damals hatten die religiösen Zeremonien ganz den Reiz der Mysterien: Kinder wurden in den Stuben getauft, in denen noch die Mütter ächzten; wie einstmals, ging der Herr arm und schlicht einher, die Sterbenden zu trösten; und die jungen Mädchen empfingen das geweihte Brot zum erstenmal in den Zimmern, wo sie noch gestern gespielt.

Wie so viele andere Verbindungen, sollte auch die Ehe Mariens und des Herrn von Montauran durch einen der neuen Gesetzgebung zuwiderlaufenden Akt eingesegnet werden; doch wurden späterhin diese, zum größten Teile unter den Bäumen des Waldes geweihten Ehen ohne Einspruch anerkannt. Der Priester, der hier die alten Gebräuche bis zum letzten Augenblick aufrechterhielt, gehörte zu jenen Männern, die auch im tobenden Sturme ihren Grundsätzen treu bleiben. Seine Stimme, welche der den Priestern von der Republik abgeforderte Eid nicht befleckt hatte, verbreitete mitten im Sturme nur Worte des Friedens. Er schürte nicht, wie der Abbé Gudin es getan, den Feuerbrand, er hatte nur, gleich vielen anderen, die gefahrvolle Sendung auf sich genommen, bei den katholisch gebliebenen Seelen seine Pflichten zu erfüllen. Um dieses schwere Amt durchführen zu können, bediente er sich all der frommen Künste, die das Verfolgtwerden heischte, und der Marquis hatte ihn nur in einer jener Höhlen aufzufinden vermocht, die noch heutigen Tages »Priesterlöcher« heißen. Der Anblick seines blassen, leidenden Antlitzes rief eine so andachtsvolle, ehrfürchtige Stimmung hervor, daß es allein genügte, dem Saal das Aussehen eines heiligen Ortes zu geben.

Der Augenblick für die zugleich Glück und Unglück bringende Handlung war gekommen. Ehe er die Zeremonie begann, fragte der Priester unter dem tiefen Schweigen der Anwesenden nach den Namen der Braut.

»Marie Nathalie, Tochter des Fräuleins Blanche von Hautefeuille und des Herzogs Victor Amédée von Verneuil.«

»Geboren?«

»Am 11. Dezember 1774.«

»Wo?«

»Zu Alençon.«

»Ich glaubte nicht,« sagte der Graf ganz leise zum Chevalier, »daß Montauran die Dummheit begehen würde, sie zu heiraten! Die natürliche Tochter eines Herzogs, ach pfui! Wenn sie noch eine des Königs wäre, möchte es allenfalls hingehen!«

Die Namen des Marquis waren schon im voraus eingetragen worden. Die Liebenden unterzeichneten zuerst, dann die Zeugen, und nun begann die Trauungsfeierlichkeit. In diesem Augenblick vernahm Fräulein von Verneuil als einzige von allen Anwesenden Waffenlärm und den schweren, regelmäßigen Marschtritt der Soldaten, die jedenfalls den Wachtposten abzulösen kamen, den sie selbst in der Kirche hatte aufstellen heißen. Ein Schauder durchfuhr sie, und sie hob den Blick zu dem Kruzifix des Altars empor.

»Sie ist wie eine Heilige,« sagte Francine leise.

»Bei so einer Heiligen möchte selbst ich verdammt fromm werden,« murmelte der Chevalier.

Als der Geistliche Marie die übliche Frage vorlegte, antwortete sie mit einem Ja, das von einem tiefen Seufzer begleitet war. Dann neigte sie sich zu dem Ohr ihres Gatten und flüsterte ihm zu:

»Bald wirst du erfahren, warum ich den Eid, dich niemals zu heiraten, nicht gehalten habe.«

Als sich die Gesellschaft nach der Trauung in den Speisesaal begab, wo das Hochzeitsmahl aufgetragen war, und man sich eben setzte, erschien Jeremias mit allen Anzeichen des Entsetzens. Die arme junge Frau erhob sich rasch, ging ihm, von Francine gefolgt, entgegen und bat den Marquis unter einem der Vorwände, in denen Frauen so erfinderisch sind, ein paar Minuten lang die Honneurs allein zu machen. Dann nahm sie den Diener mit hinaus, ehe er eine unvorsichtige Äußerung hatte tun können, die vielleicht verhängnisvoll geworden wäre.

»Ach Francine, zu fühlen, daß man stirbt, und nicht einmal sagen zu dürfen: ›Ich sterbe!‹« . . . rief Fräulein von Verneuil draußen.

Sie kehrte nicht in den Speisesaal zurück, doch konnte der Grund ihrer Abwesenheit wohl in der soeben stattgehabten Zeremonie gesucht werden. Erst ganz zum Schluß des Mahles, als die Ungeduld des Marquis den Höhepunkt erreicht hatte, kam Marie im vollen Glanze ihres Brautgewandes zurück. Ihr Gesicht war ruhig und freudig, während die sie wiederum begleitende Francine einen so unverkennbaren Zug tiefen Entsetzens trug, daß die Anwesenden in den beiden Gestalten ein seltsames Bild vor sich zu sehen glaubten, auf dem der tolle Pinsel Salvator Rosas Leben und Tod Hand in Hand miteinander dargestellt habe.

»Meine Herren,« sagte Marie zu dem Priester und den Trauzeugen, »Sie werden für die Nacht meine Gäste sein, denn es wäre zu gefährlich für Sie, Fougères jetzt zu verlassen. Dieses gute Mädchen hier weiß Bescheid und wird jeden von Ihnen in sein Zimmer führen. – Keine Einwände,« sagte sie zu dem Geistlichen, der etwas erwidern wollte, »ich hoffe doch, daß Sie einer Frau an ihrem Hochzeitstage nicht ungehorsam sein werden!«

Eine Stunde später war sie allein mit ihrem Geliebten in dem üppigen Gemach, das sie so anmutig geschmückt hatte. Endlich nahten sie diesem verhängnisvollen Lager, wo, gleichwie in einem Grabe, so viele Hoffnungen ihr Ende finden, wo das Erwachen zu einem schöneren Leben ungewiß ist, wo die Liebe stirbt oder neu geboren wird, je nach der Beschaffenheit der Charaktere, die sich nur dort erproben können.

Marie blickte nach der Uhr.

»Noch sechs Stunden zu leben,« sprach sie zu sich selbst.

»Ich habe also wirklich schlafen können!« rief die Marquise, als sie gegen zwei Uhr morgens durch eine jener jähen Regungen erwachte, die uns aus dem Schlafe schrecken, wenn wir am Abend fest bei uns beschlossen haben, zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen. – »Ja, ich habe geschlafen,« wiederholte sie, indem sie auf die vom Kerzenschimmer beleuchtete Uhr sah.

Sie kehrte sich um und betrachtete ihren Gatten. Er schlief nach Kinderart, eine Hand unter den Kopf geschoben, während er mit der anderen die seiner Geliebten festhielt, lächelnd, als sei er inmitten eines Kusses entschlummert.

»Ach,« sagte sie leise, »er schläft wie ein Kind! Wie könnte er auch mir mißtrauen, mir, die er so unsagbar beglückt hat?«

Sie rührte ihn leise an, er erwachte, und sein sanftes Lächeln wurde strahlend. Er küßte die Hand, die er hielt, und sah die unglückliche Frau mit so blitzenden Augen an, daß sie ihren wonneerfüllten Glanz nicht ertragen konnte und langsam die dichten Wimpern senkte, als wolle sie sich einem gefährlichen Anblick entziehen. Doch indem sie so das Feuer ihres Blickes verhüllte, erregte sie durch den Anschein des Widerstrebens die Begierde so sehr, daß ihr Gatte sie allzu großer Koketterie hätte beschuldigen können, wenn sie nicht so furchtbare Schrecknisse zu verhehlen gehabt hätte. Beide hoben die schönen Köpfe vom Kissen und dankten einander schweigend für die Wonnen, die jeder dem anderen gewährt hatte. Doch nach einem schnellen Blick über das köstliche Bild, das ihm der Anblick seiner Gattin bot, fragte der Marquis, im Glauben, die Schatten auf Maries Stirn seien einem Anfall von Schwermut zuzuschreiben, mit sanfter Stimme:

»Warum dieser trübe Blick, mein Liebling?«

Weinend warf sie sich an die Brust des Marquis.

»Mein armer Alfons,« sagte sie bebend, »wohin glaubst du denn, daß ich dich führe?«

»Zum Glück!«

»Zum Tode!«

Und vor Angst erschauernd, stürzte sie aus dem Bett. Erstaunt folgte ihr der Marquis. Sie führte ihn ans Fenster. Mit einer Gebärde des Wahnsinns schob sie den Vorhang beiseite und deutete auf die zwanzig Soldaten, die auf dem Platze standen. Der Mond, der den Nebel zerteilt hatte, beleuchtete mit seinen weißlichen Strahlen Uniformen und Gewehre, den gefühllosen Corentin, der gleich einem beutegierigen Schakal auf und ab schritt, und den Kommandanten, der reglos, mit gekreuzten Armen, zurückgeworfenem Kopfe und geschürzten Lippen grämlich, doch mit gespannter Aufmerksamkeit dastand.

»Ach, laß sie, Marie, und komm wieder zurück!«

»Weshalb lachst du, Alfons? Ich selbst habe sie dorthin geschickt!«

»Träumst du noch?«

»Nein!«

Sie sahen einander einen Augenblick an. Der Marquis erriet alles, und er schloß sie in seine Arme:

»Laß es gut sein!« sagte er. »Ich liebe dich darum doch immerdar!«

»Es ist also doch nicht alles verloren!« rief Marie.

»Alfons!« sagte sie nach einer Pause.

»Was ist, Kind?«

»Es ist noch eine Hoffnung.«

In diesem Augenblick vernahmen sie deutlich den düsteren Schrei des Käuzchens, und zugleich kam Francine aus dem Ankleidekabinett hereingeeilt.

»Pierre ist da,« rief sie mit einer an Wahnwitz grenzenden Freude.

*

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