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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreißigstes Kapitel

Corentin eilte, so schnell er konnte, in der ihm von dem Knaben bezeichneten Richtung fort, glaubte Fräulein von Verneuil durch den Nebel hindurch zu erkennen und holte sie in der Tat in dem Augenblick ein, da sie das Sankt Leonhardstor erreichte.

»Wohin gehen Sie?« sagte er und bot ihr den Arm. »Sie sind bleich, was ist nur geschehen? Ist es denn wohl schicklich, daß Sie so ganz allein ausgehen? Hier, nehmen Sie meinen Arm.«

»Wo ist der Kommandant?« fragte sie ihn.

Kaum hatte Marie ausgesprochen, als sie draußen vor dem Tore die Tritte einer militärischen Patrouille vernahm und gleich darauf Hulots kraftvolle Stimme inmitten des Lärms unterschied.

»Herrgottsdonner!« schrie er, »meiner Lebtag hab' ich die Runde noch nicht bei solchem Nebelwetter zu machen gehabt. Dieser Aristokrat hat das Wetter behext, scheint mir.«

»Worüber beklagen Sie sich nur?« sagte Fräulein von Verneuil, indem sie ihm fest die Hand auf den Arm legte. »Dieser Nebel kann in seinem Dunkel ebensogut die Werkzeuge der Rache wie die der Hinterlist bergen. Herr Kommandant,« setzte sie leise hinzu, »wir müssen jetzt gemeinsam solche Maßregeln ergreifen, daß er uns heute' nicht entwischen kann.«

Hulot fuhr herum.

»Ist er bei Ihnen?« fragte er aufgeregt.

»Nein,« antwortete sie, »aber wenn Sie mir einen zuverlässigen Mann mitgeben, werde ich Sie von dem Eintreffen dieses Marquis benachrichtigen lassen.«

»Was wollen Sie da tun?« sagte Corentin eifrig. »Ein Soldat in Ihrem Hause würde ihn kopfscheu machen. Aber ein Kind, und ich werde eines ausfindig machen, kann keinen Argwohn erregen . . .«

»Herr Kommandant,« fuhr Marie fort, »dank diesem Nebel, den Sie verwünschen, können Sie jetzt sofort mein Haus ringsherum einschließen. Stellen Sie überall Posten auf, auch in der Leonhardskirche, um sich der Esplanade zu versichern, auf die die Fenster meines Salons gehen. Postieren Sie auch Leute auf der Promenade, denn obwohl mein Fenster zwanzig Fuß über der Erde liegt, verleiht die Verzweiflung manchmal die Kraft zu den gefährlichsten Sprüngen. Und hören Sie: ich werde ihn wahrscheinlich aus der Haustür hinauslassen; geben Sie darum nur einem beherzten Manne Befehl, sie zu überwachen. Denn«, sprach sie mit einem Seufzer, »Tapferkeit kann man ihm nicht absprechen, und er wird sich verteidigen!«

»Gudin!« rief der Kommandant.

Sogleich trat der junge Unteroffizier aus der Schar, die Hulot begleitete und in einiger Entfernung Aufstellung genommen hatte.

»Hör, mein Junge,« sagte der alte Militär leise zu ihm. »Das Teufelsmädchen liefert uns den Gars in die Hände, ohne daß ich weiß, warum. Aber gleichviel, das ist nicht unsere Sache. Nimm also zehn Mann mit und stelle dich so auf, daß du die Sackgasse überschaust, an deren Ende das Haus der Dame liegt. Aber richte es so ein, daß man weder dich noch deine Leute sieht.«

»Zu Befehl, Herr Kommandant, ich kenne das Gelände.«

»Gut, mein Sohn,« erwiderte Hulot. »Beau-pied wird dir Nachricht von mir bringen, wann du loslegen sollst. Versuche, persönlich an den Marquis zu kommen. Wenn du ihn töten kannst, so daß ich ihn nicht standrechtlich erschießen zu lassen brauche, bist du in vierzehn Tagen Leutnant, oder ich will nicht Hulot heißen.«

»Hier, gnädiges Fräulein,« wandte er sich an Marie, indem er auf Gudin deutete, »ist ein Gesell, der es mit jedem aufnimmt. Er wird gute Wacht vor Ihrem Hause halten und den Aristokraten nicht verfehlen, wenn er hinein will oder herauskommt.«

Gudin marschierte bereits mit seinen zehn Mann ab.

»Wissen Sie auch wohl, was Sie tun?« sagte Corentin leise zu Marie.

Sie antwortete ihm nicht, sondern sah nur mit einer gewissen Genugtuung die Soldaten abziehen, die sich unter Führung eines Unteroffiziers auf der Promenade verteilten, während andere sich, Hulots Befehl gemäß, längs der dunklen Kirchenmauern aufstellten.

»Es sind da ein paar Häuser, die an das meine anstoßen,« sprach sie zum Kommandanten. »Umstellen Sie die ebenfalls. Wir wollen nachher nichts zu bereuen haben, weil wir irgendeine Vorsichtsmaßregel außer acht gelassen haben.«

»Sie ist rasend,« dachte Hulot.

»Bin ich nicht ein guter Prophet?« fragte ihn Corentin leise. »Übrigens, das Kind, das ich ihr beigeben werde, ist der kleine Junge mit dem blutigen Fuße. So kann uns nichts . . .«

Er unterbrach sich, da er sah, daß Fräulein von Verneuil plötzlich auf ihre Wohnung zueilte, und folgte ihr pfeifend, wie ein glücklicher Mensch. Als er sie einholte, war sie schon an der Schwelle angelangt, wo Corentin auch den Sohn Galope-chopines wieder antraf.

»Fräulein Marie,« sagte er zu ihr, »nehmen Sie diesen Knaben mit sich; Sie können keinen unschuldigeren und tüchtigeren Boten finden. – Wenn du den Gars hast hineingehen sehen, so lauf fort, was man dir auch sagen möge, und suche mich im Wachthaus auf. Ich werde dir soviel dafür geben, daß du all dein Leben lang Fladen essen kannst.«

Bei diesen Worten, die er dem Kleinen sozusagen ins Ohr hauchte, fühlte Corentin, wie ihm der Knabe kräftig die Hand drückte, worauf er Fräulein von Verneuil folgte.

»Jetzt, meine Lieben, sprecht euch aus, wenn ihr wollt!« rief Corentin, als die Türe sich hinter den beiden schloß. »Wenn du jemals die Liebe kosten wirst, mein kleiner Marquis, so wird es im Leichentuch sein.«

Indes konnte sich Corentin nicht dazu entschließen, das verhängnisvolle Haus aus den Augen zu lassen und begab sich auf die Promenade, wo er Hulot mit dem Erteilen von Befehlen beschäftigt fand. Bald brach die Nacht an. Zwei Stunden gingen hin, ohne daß die verschiedenen Posten, die in bestimmten Zwischenräumen voneinander aufgestellt waren, das geringste bemerkt hätten, was den Verdacht erregen konnte, der Marquis habe die dreifache Kette von wachsamen Männern durchbrochen, die, versteckt liegend, die drei Seiten umstellt hatten, von denen aus der Papageienturm zugänglich war. Wohl zwanzigmal war Corentin von der Promenade zum Wachthause gegangen, und ebensooft war seine Erwartung getäuscht worden, da sein kleiner Bote noch nicht nach ihm gefragt hatte. In seine Gedanken versunken, schritt der Spion langsam auf der Promenade hin, eine Beute der drei Leidenschaften, die sich in ihm trafen und ihn zerfleischten: der Liebe, der Habgier und des Ehrgeizes. Sehr spät erst ging der Mond auf; Nacht und Nebel lagerten in furchtbarer Finsternis über dem Schauplatz, auf dem das Drama zu Ende gehen sollte, das dieser Mensch ersonnen hatte. Der Schurke wußte den Sturm, der in ihm tobte, niederzukämpfen, entschlossen kreuzte er die Arme über der Brust und ließ das Auge nicht von dem Fenster, das wie ein leuchtendes Phantom über dem Turme hervortrat. Als sein Weg ihn auf die Seite der Täler am Fuße der Felsabstürze führte, durchforschte er aus Gewohnheit den Nebel, durch den da und dort der fahle Schein der Lichter drang, die oberhalb oder unterhalb des Walles in den Häusern der Stadt und der Vorstädte brannten. Die tiefe Stille ringsum wurde nur von dem Murmeln des Nançon, den regelmäßigen, dumpfen Schlägen der Turmglocke, den schweren Tritten der Wachtposten und dem Waffengeklirr unterbrochen, das hörbar wurde, so oft die Stunde der Ablösung gekommen war. Alles hatte etwas Feierliches bekommen, Natur und Menschen.

»Es ist finster hier wie im Wolfsrachen,« sagte in diesem Augenblick Pille-miche.

»Vorwärts,« erwiderte Marche-à-terre, »und halt das Maul, als wärst du'n toter Hund!«

»Ich wag's ja kaum zu atmen,« meinte der Chouan.

»Wenn der Bruder, der da eben 'nen Stein hat 'runterrollen lassen, mein Messer zwischen den Rippen haben möchte, braucht er das Kunststück nur noch mal zu machen,« sagte Marche-à-terre mit so leiser Stimme, daß sie mit dem Rieseln des Nançon zu einem Geräusch verschmolz.

»Ich bin's ja,« flüsterte Pille-miche.

»Na, du alter Weinschlauch,« antwortete sein Vorgesetzter, »so kriech auf dem Bauche wie 'ne Ringelnatter, sonst werden wir unser Fell eher dalassen müssen, als uns lieb ist.«

»He, Marche-à-terre,« fuhr der unverbesserliche Pille-miche fort, indem er sich der Hände bediente, um auf dem Bauche vorwärts zu kommen, bis er seinen Gefährten erreichte, mit dem er nun so leise zu flüstern begann, daß die den beiden folgenden Chouans nicht ein Wort verstanden, »he, Marche-à-terre, wenn unsre große Garce wahr spricht, muß es da oben gute Beute geben. Woll'n wir halbpart machen?«

»Horch, Pille-miche!« sagte Marche-à-terre und warf sich flach auf den Boden nieder.

Der ganze Trupp folgte seinem Beispiel, denn die Chouans waren durch die Schwierigkeiten ganz erschöpft, die ihr Marsch am Bergabhange mit sich brachte.

»Ich kenn' dich«, antwortete Marche-à-terre jetzt auf die Frage Pille-miches, »als 'nen rechten Nimmersatt, der ebenso gern Schläge austeilt, wie er sie einsteckt, wenn's gar nicht anders geht. Wir sind aber nicht hierhergekommen, damit wir den Toten die Stiefel abziehen. Hier heißt's Teufel gegen Teufel und weh dem, der zu kurze Krallen hat! Die große Garce schickt uns her, damit wir den Gars retten. Dort ist er, guck, heb' deine Hundsschnauze mal auf und schau dir das Fenster dort über dem Papageienturme an.«

In diesem Augenblick schlug es Mitternacht. Der Mond ging auf und lieh dem Nebel den Anschein weißlichen Rauches. Pille-miche packte Marche-à-terre heftig am Arm und deutete stumm auf die dreieckigen Spitzen einiger Bajonette, die zehn Fuß über ihnen aufleuchteten.

»Die Blauen sind schon da,« flüsterte er dann, »und wir wer'n nicht stark genug sein!«

»Nur Geduld,« gab Marche-à-terre zurück, »wenn ich mir heute früh alles richtig besehn hab', müssen wir da am Fuße des Turms, zwischen den Wällen und der Promenade, auf 'ne kleine Stelle stoßen, wo sie immer Dung abladen, und dadrauf kann man sich fallen lassen wie in 'n Federbett.«

»Wenn der heilige Labre das Blut, das heute noch fließen wird, in Wein verwandeln möchte, könnten die in Fougères morgen 'nen hübschen Vorrat davon finden!«

»St!«

Und Marche-à-terre verschloß mit seiner breiten Hand dem Freunde den Mund. Dann durchlief ein leise von ihm gegebener Befehl Reihe auf Reihe bis zu den letzten Chouans, die zwischen den heidekrautbewachsenen Schieferfelsen in der Luft hingen.

Corentin hatte in der Tat ein zu geübtes Ohr, um nicht das Rascheln der Büsche, durch die die Chouans sich vorwärtsschoben, oder das leise Geräusch der kleinen Felssplitter zu hören, die in den Abgrund rollten. Er stand nunmehr am Rande der Promenade. Marche-à-terre, der für sein Teil die Gabe zu besitzen schien, im Dunklen zu sehen, und dessen stets beschäftigte Sinne so scharf wie die der Wilden geworden waren, hatte Corentin gesehen oder ihn, wie ein gut abgerichteter Hund, vielleicht auch gewittert. So konnte der Spion denn hinhorchen, soviel er mochte, und sich die Augen an der aus Schiefer gebildeten natürlichen Mauer aussehen, er konnte nichts entdecken. Wenn auch sein Blick bei dem vom Nebel gebrochenen unsicheren Licht auf einige der Chouans fiel, so hielt er sie doch für Teile des Felsens, derart geschickt verstanden es die Bauern, das Aussehen der unbelebten Natur vorzutäuschen.

Bald war die Gefahr für den Trupp der Königstreuen vorüber. Corentin wurde durch ein sehr vernehmliches Geräusch abgezogen, das vom andern Ende der Promenade kam, und eilte dorthin, wo die Grundmauer aufhörte und der jäh abstürzende Fels anfing. Just an diesem Durchschnittspunkte endigte ein auf dem Rande des Schieferfelsens hinlaufender Fußweg, der zur Treppe der Königin führte. Als Corentin hier anlangte, sah er wie durch Zauber eine Gestalt vor sich aufstehen, und als er die Hand ausstreckte, um sich dieses eingebildeten oder wirklichen Wesens zu bemächtigen, dem er keine guten Absichten zutraute, spürte er die runden, weichen Körperformen einer Frau.

»Daß Sie der Teufel hole, meine Beste!« murmelte er. »Wenn Sie es nicht mit mir zu tun hätten, möchte Ihnen jetzt eine Kugel im Kopfe sitzen. Doch woher kommen Sie und wohin gehen Sie um diese nächtliche Zeit? Sind Sie stumm? – Es ist aber doch jedenfalls eine Frau,« setzte er für sich hinzu.

Da ihr Schweigen verdächtig werden mußte, antwortete die Unbekannte mit einer Stimme, die große Angst verriet:

»Ach lieber Herr, ich komme aus der Abendgesellschaft.«

»Das ist ja die angebliche Mutter des Marquis,« sagte Corentin zu sich selbst. »Sehen wir einmal zu, was sie beginnt.« – »Ach so! nun, dann gehen Sie diesen Weg hier, Alte,« versetzte er, als erkenne er sie nicht. »Nur immer links, wenn Sie nicht erschossen sein wollen.«

Er selbst blieb stehen. Erst als er sah, wie Frau von Gua auf den Papageienturm zuschritt, folgte er ihr mit teuflischer Lautlosigkeit von weitem.

Während dieser verhängnisvollen Begegnung hatten die Chouans sehr geschickt auf den Dunghaufen Stellung genommen, zu denen Marche-à-terre sie geführt hatte.

»Da ist die große Garce!« sagte Marche-à-terre leise zu sich selbst und richtete sich wie ein Bär am Turme in die Höhe.

»Wir sind hier,« sagte er zu Frau von Gua.

»Gut!« antwortete sie. »Wenn du eine Leiter in dem Hause auftreiben kannst, dessen Garten sechs Fuß oberhalb dieses Dunghaufens endet, wäre der Gars gerettet. Siehst du das runde Fenster da oben? es führt in ein Ankleidekabinett, an das das Schlafzimmer anstößt. Dahinein mußt du gelangen. Die Seite des Turmes, auf der ihr seid, ist die einzige, die nicht umstellt ist. Die Pferde warten, und wenn du den Übergang über den Nançon besetzt hast, werden wir den Gars trotz seiner Tollheit in einer Viertelstunde außer Gefahr sehen. Sollte das Weib ihm aber folgen wollen, so stecht sie nieder!«

Als Corentin in dem Dunkel bemerkte, daß ein paar der undeutlichen Formen, die er zuvor für Steine gehalten, sich behende bewegten, ging er sofort nach der Wachtstube am Sankt Leonhardstor, wo er den Kommandanten, vollständig angekleidet, auf dem Feldbett schlafend vorfand.

»Lassen Sie ihn doch,« sagte Beau-pied barsch zu Corentin, »er hat sich just erst hingestreckt!«

»Was gibt es?« fragte Hulot.

»Die Chouans sind da,« antwortete Corentin.

»Unmöglich, aber um so besser!« rief der Kommandant mitten aus dem Schlaf heraus, »so bekommen wir wenigstens was zu tun.«

Hulot kam mit auf die Promenade, und Corentin zeigte ihm die im Schatten liegende sonderbare Stellung der Königstreuen.

»Sie müssen die Schildwachen, die ich zwischen die Treppe der Königin und die Burg postiert habe, getäuscht oder umgebracht haben,« rief der Kommandant. »Ach, dieser verdammte Nebel! Aber Geduld! ich werde fünfzig Mann unter Führung eines Leutnants an den Fuß der Felsen schicken. Hier darf man sie nicht angreifen, denn diese Viehkerls sind so zäh, daß sie sich wie Steine in den Abgrund rollen lassen würden, ohne ein Glied zu brechen.«

Die gesprungene Glocke des Bergfrieds schlug zwei Uhr, als Hulot auf die Promenade zurückkehrte, nachdem er die schärfsten Sicherheitsmaßregeln getroffen, damit die von Marche-à-terre angeführten Chouans ihm nicht entgehen sollten. Da inzwischen alle Posten verdoppelt worden waren, war das Haus des Fräuleins von Verneuil der Mittelpunkt einer kleinen Armee geworden.

Der Kommandant fand Corentin in die Betrachtung des Fensters vertieft, das den Papageienturm beherrschte.

»Bürger,« sprach Hulot zu ihm, »ich glaube, der Aristokrat narrt uns. Es hat sich noch nichts gerührt.«

»Er ist da,« rief Corentin, auf das Fenster zeigend. »Ich habe den Schatten eines Mannes auf dem Vorhang gesehen! Ich verstehe nicht, was aus meinem kleinen Jungen geworden ist. Sie müssen ihn umgebracht oder überredet haben. Halt, Kommandant, siehst du dort? Ein Mann! Vorwärts!«

»Aus dem Bett hol' ich ihn nicht, Gottsdonner! Wenn er hineingekommen ist, wird er auch wieder herauskommen, und dann wird Gudin ihn schon nicht fehlen,« rief Hulot, der seine Gründe hatte warten zu wollen.

»Vorwärts, Kommandant, ich fordere dich im Namen des Gesetzes auf, augenblicklich auf dieses Haus zu marschieren.«

»Du bist mir grad der Rechte, um mich in Gang zu bringen!«

Ohne sich über die Wut des Kommandanten zu ärgern, sagte der Spion kalt:

»Du wirst mir gehorchen.«

Bei diesen Worten zog er ein Papier aus der Tasche.

»Hier ist ein formeller Befehl, vom Kriegsminister unterzeichnet, der dich zwingen wird,« fuhr er fort. »Bildest du dir etwa ein, wir seien einfältig genug, um dieses Mädchen da nach ihrem eigenen Gutdünken handeln zu lassen?«

»Ich bin so frei, Bürger, dich zum . . . na, du verstehst mich wohl? Genug. Linker Fuß vorwärts marsch! Laß mich in Frieden, und zwar sofort!«

»Aber so lies doch!«

»Ärgere mich nicht mit deinen Geschäften!« rief Hulot, voll Entrüstung, daß er von einem ihm so verächtlichen Wicht Befehle entgegennehmen sollte.

In diesem Augenblick tauchte plötzlich Galope-chopines Sohn zwischen ihnen auf, wie eine Maus, die aus der Erde schlüpft.

»Der Gars ist unterwegs,« rief er.

»Wohin . . .?«

»Durch die rue Saint-Léonard.«

»Beau-pied,« flüsterte Hulot dem neben ihm stehenden Korporal zu, »lauf zum Adjutanten und sag ihm, er solle gegen das Haus anrücken und ein tüchtiges Feuerchen unterhalten! Du verstehst!«

Der Unteroffizier ging.

»Linksum kehrt, vorwärts marsch nach dem Turme, alle miteinander!« schrie er dann den übrigen Soldaten zu.

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