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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

In einer kritischen Lage wie der des Kommandeurs Hulot und seiner Abteilung, wo das Leben auf dem Spiele steht, ist es für tatkräftige Männer Ehrensache, sich kaltblütig und unbekümmert zu zeigen. Daran kann man letzten Endes den Mann beurteilen. So setzte denn auch der Kommandant, der besser über die Gefahr Bescheid wußte als seine beiden Offiziere, seine ganze Selbstliebe darein, am ruhigsten zu erscheinen. Die Augen abwechselnd auf Marche-à-terre, auf die Straße und den Wald gerichtet, wartete er, nicht ohne angstvolle Spannung, das Loskrachen der Salve seitens der Chouans ab, die er gleich Kobolden rings um sich versteckt wähnte; sein Gesicht jedoch blieb unbewegt.

Während alle seine Soldaten auf ihn blickten, legte er seine braunen pockennarbigen Wangen in leichte Falten, schob die rechte Lippe stark in die Höhe und blinzelte mit den Augen, eine Grimasse, die seine Leute stets für Lächeln hielten; dann schlug er Gérard auf die Schulter und sagte zu ihm:

»Jetzt sind wir alle ruhig. Was wollten Sie mir vorhin also sagen?«

»In was für einer neuen Krise stecken wir denn, Herr Kommandant?«

»Neu ist die Sache nicht«, erwiderte Hulot. »Ganz Europa ist gegen uns, und diesmal hat es leichtes Spiel. Während diese Direktoren sich untereinander raufen wie die Pferde um das Heu in ihrem Stall und alles unter ihrer Regierung flöten geht, lassen sie die Armeen ohne Hilfe. In Italien sind wir zugrunde gerichtet! Ja, Freunde, wir haben Mantua infolge der unglückseligen Ereignisse an der Trebia räumen müssen, und Joubert hat die Schlacht von Novi verloren. Ich hoffe, daß Masséna die Pässe der von Suwarow mit Krieg überzogenen Schweiz halten wird. Am Rhein stecken wir in einer argen Klemme. Das Direktorium hat Moreau hingeschickt. Wird dieser Bruder die Grenzen schützen? . . . ich hätte nichts dagegen, aber schließlich wird die Koalition uns doch zermalmen, und unglücklicherweise ist der einzige Feldherr, der uns retten könnte, am Ende der Welt, da unten in Ägypten! Wie sollte er denn auch zurückkehren? England ist Herrin des Meeres!«

»Die Abwesenheit Bonapartes bekümmert mich nicht so sehr, Herr Kommandant,« antwortete der junge Adjutant Gérard, in dem eine gepflegte Erziehung einen hervorragenden Geist entwickelt hatte. »Sollte unsere Revolution denn stille stehen bleiben? Ach! wir sind doch nicht nur dazu berufen, französische Erde zu verteidigen, wir haben eine doppelte Mission. Müssen wir nicht auch die Seele des Landes bewahren, die edlen Grundsätze der Freiheit, Unabhängigkeit, die durch unsere Gesetzgebende Versammlung geweckte Vernunft, die sich, so hoffe ich, von Ort zu Ort verbreiten wird? Frankreich ist wie ein Reisender, der den Auftrag hat, ein Licht weiterzutragen: er hält es mit der einen Hand fest und verteidigt sich mit der anderen; wenn Ihre Nachrichten wahr sind, so sind wir seit zehn Jahren nicht mehr von soviel Leuten umringt gewesen, die es auszulöschen suchen. Die Grundsätze und das Land, alles ist dem Untergange nahe.«

»Ach ja!« sagte Kommandant Hulot seufzend. »Diese Hanswurste von Direktoren haben es fertiggebracht, sich mit all denen zu überwerfen, die den Nachen hätten steuern können. Bernadotte, Carnot, alles bis zum Bürger Talleyrand hat uns verlassen. Kurz gesagt, es bleibt uns nur noch ein einziger guter Patriot, Freund Fouché, der alles mit seiner Polizei zusammenhält; das ist ein Mann! Er war es auch, der mich rechtzeitig von diesem Aufstand hat unterrichten lassen. Und doch sitzen wir jetzt hier in einer Falle fest, bin ich sicher.«

»Wenn die Armee sich nicht ein bißchen mit unserer Regierung befaßt,« sagte Gérard, »werden die Advokaten uns bald einen viel übleren Platz verschafft haben, als den wir vor der Revolution hatten. Was verstehen denn diese Dummköpfe vom Befehlen!«

»Ich habe immer Angst,« versetzte Hulot, »zu erfahren, daß sie mit den Bourbonen verhandeln. Kreuzdonnerwetter! wenn die sich einigten, säßen wir hier in einer hübschen Lage!«

»Nein, nein, Herr Kommandant, dahin kommen wir nicht«, sagte Gérard. »Die Armee wird, wie Sie es sagten, dazwischenreden, und vorausgesetzt, daß sie ihre Sprache nicht dem Wörterbuche Pichegrus entnimmt, hoffe ich, wir werden uns nicht nur darum zehn Jahre lang so zuschanden gemacht haben, daß wir den Flachs von anderen spinnen sehen, den wir zum Blühen gebracht haben.«

»O ja,« rief der Kommandant, »es hat uns zu viel gekostet, um wieder die Tracht zu wechseln.«

»Nun gut,« sagte Hauptmann Merle, »so wollen wir hier immer als gute Patrioten handeln und versuchen, unsere Chouans zu verhindern, daß sie sich mit der Vendée in Verbindung setzen; denn wenn sie sich verständigen, und wenn sich England diesmal einmischt, dann möchte ich mich nicht für die Einigkeit der Republik verbürgen.«

An dieser Stelle unterbrach der Schrei des Käuzchens, der aus ziemlich beträchtlicher Entfernung vernehmbar wurde, die Unterhaltung. Wieder beunruhigter, forschte der Kommandant von neuem in den Zügen Marche-à-terres, die indes, unbeweglich wie zuvor, sozusagen kein Lebenszeichen gaben.

Die Rekruten standen, um einen Offizier geschart, wie eine Herde Rinder inmitten der Straße, etwa dreißig Schritte von der kampfbereiten Kompagnie entfernt. Hinter ihnen kamen dann, auf zehn Schritte Entfernung, die von dem Leutnant Lebrun kommandierten Soldaten und Patrioten.

Der Kommandant ließ den Blick über diese Schlachtordnung gleiten und betrachtete ein letztes Mal den kleinen Trupp Leute, die vorn an der Straße standen. Mit seinen Anordnungen zufrieden, kehrte er sich um, um den Befehl zum Vorwärtsmarschieren zu geben, als er die dreifarbigen Kokarden der beiden Soldaten bemerkte, die zurückkehrten, nachdem sie die links gelegenen Gehölze abgesucht hatten. Da der Kommandant indes die beiden Kundschafter von rechts noch nicht wiedererscheinen sah, wollte er ihre Rückkehr abwarten.

»Vielleicht platzt die Bombe dort«, sagte er zu seinen beiden Offizieren und zeigte auf das Waldstück, in dem seine beiden verlorenen Kinder wie begraben waren.

Während die beiden Schützen ihm eine Art Bericht erstatteten, unterließ Hulot es, Marche-à-terre weiter zu beobachten. Da begann der Chouan lebhaft und so laut zu pfeifen, daß man seinen Schrei auf weite Entfernungen hin vernehmen mußte; und ehe einer seiner Wächter Zeit gehabt hätte, auch nur auf ihn anzulegen, hatte er ihnen einen Peitschenhieb versetzt, der sie auf den Seitendamm schleuderte.

Im selben Augenblick wurden die Republikaner von wildem Geschrei oder vielmehr Geheul überrascht. Eine fürchterliche Gewehrsalve aus dem Walde oberhalb der Böschung, wo der Chouan saß, fällte sieben oder acht Mann. Marche-à-terre, auf den mehrere seiner Gegner anlegten, ohne ihn zu treffen, verschwand im Gehölz, nachdem er die Böschung mit der Geschwindigkeit einer Wildkatze hinaufgeklettert war; seine Holzschuhe rollten in den Graben, und es war leicht, nun an seinen Füßen die schweren eisenbeschlagenen Stiefel zu erkennen, die die königlichen Jäger zu tragen pflegten.

Bei den ersten Schreien der Chouans stürzten die sämtlichen Rekruten in den Wald zur Rechten, Vogelschwärmen vergleichbar, die beim Nahen eines Wanderers auffliegen.

»Feuer!« schrie der Kommandant.

Die Kompagnie legte auf sie an, aber die Rekruten hatten es allesamt verstanden, sich vor dieser Schießerei in Deckung zu bringen, indem sie sich mit dem Rücken an Bäume drückten; und ehe die Waffen neu geladen werden konnten, waren sie verschwunden.

»Da sieht man, was bei diesen Rekrutierungsdekreten herauskommt, wie?« sagte Hulot zu Gérard. »Man muß wirklich so dumm sein wie das Direktorium, um auf ein Aufgebot aus diesem Lande zu rechnen. Die Gesetzgebende würde besser tun, uns nicht so viele Uniformen, nicht so viel Geld und Munition zu genehmigen, sondern sie uns lieber zu geben.«

»Die Haarbeutel da fressen eben lieber ihre Fladen als Kommißbrot«, sagte Beau-pied, der Spottvogel der Kompagnie.

Bei diesen Worten erklang aus der republikanischen Truppe da und dort spöttisches Gelächter, das die Deserteure höhnte, aber alsbald herrschte wieder Stillschweigen.

Die Soldaten sahen die beiden Jäger, die der Kommandant angewiesen, die rechte Seite abzustreichen, mühsam die Abdachung herabsteigen. Der am wenigsten Verwundete der beiden stützte seinen Kameraden, der den Boden mit seinem Blute tränkte. Die beiden armen Teufel waren bis zur Mitte des Abhangs gelangt, als Marche-à-terre seine widerwärtige Fratze zeigte; er zielte so gut auf die beiden Blauen, daß er sie mit einem einzigen Schuß hinstreckte, und sie rollten schwer in den Graben. Kaum hatte man den dicken Kopf gesehen, als an dreißig Gewehre sich hoben; er jedoch war, gespenstergleich, schon wieder hinter den verhängnisvollen Ginsterbüschen verschwunden.

All diese Ereignisse, die so viele Worte benötigen, hatten sich in einer Sekunde abgespielt; in einer weiteren Sekunde hatten die Soldaten und Patrioten der Nachhut den Rest der Eskorte eingeholt.

»Vorwärts!« schrie Hulot.

Die Kompagnie verfügte sich rasch an den Ort, wo zuvor das Pikett gestanden hatte. Dort versetzte der Kommandant seine Kompagnie in Schlachtordnung; aber er bemerkte keinerlei feindselige Kundgebung von Seiten der Chouans, so daß er glaubte, die Befreiung der Rekruten sei der einzige Zweck des Überfalls gewesen.

»Ihr Geschrei«, sagte er zu seinen beiden Freunden, »sagt mir, daß sie nicht zahlreich sind. Marschieren wir im Eilschritt, so erreichen wir vielleicht Ernée, ohne sie auf den Hals zu bekommen.«

Diese Worte hörte ein patriotischer Rekrut, der aus den Reihen trat und sich vor Hulot aufstellte.

»Herr General,« sagte er, »ich habe schon einen solchen Krieg als Gegenchouan mitgemacht, darf ich Ihnen zwei Worte sagen?«

»Er ist Advokat, so was glaubt immer im Gerichtssaale zu sein«, sagte der Kommandant Merle ins Ohr. – »Nun los, plädiere«, antwortete er dem jungen Mann aus Fougères.

»Kommandant, die Chouans haben zweifellos die Leute bewaffnet und sich mit ihnen zusammengetan. Wenn wir also Fersengeld vor ihnen geben, werden sie uns an jeder Waldecke auflauern und uns bis auf den letzten Mann niedermachen, ehe wir in Ernée ankommen. Wir müssen freilich plädieren, wie du es nennst, aber mit Kartätschen. Während des Scharmützels, das länger dauern wird, als du glaubst, kann einer meiner Kameraden die Nationalgarde und die freien Kompagnien aus Fougères holen. Obwohl wir nur Rekruten sind, wirst du dann sehen, ob wir von Rasse sind.«

»Du hältst also die Chouans für sehr zahlreich?«

»Urteile selbst darüber, Bürger Kommandant.«

Er führte Hulot an eine Stelle des Plateaus, wo der Sand aussah, als sei er mit einer Harke bearbeitet; nachdem er ihn darauf aufmerksam gemacht, ließ er ihn ein gutes Stück in einen Fußpfad hineingehen, wo sie die Fußspuren einer großen Anzahl von Männern sahen. Die Blätter waren hier in die festgetretene Erde eingedrückt.

»Das sind die Gars von Vitré,« sagte der Mann aus Fougères; »sie sind ausgezogen, um zu den Niedernormannen zu stoßen.«

»Wie heißt du, Bürger?« fragte Hulot.

»Gudin, Kommandant.«

»Also, Gudin, ich ernenne dich zum Korporal deiner Bürger. Du machst mir einen zuverlässigen Eindruck. Ich beauftrage dich, denjenigen von deinen Kameraden auszusuchen, den wir nach Fougères schicken müssen. Du wirst dich an meiner Seite halten. Zunächst hole mit deinen Ausgehobenen die Gewehre, Patronentaschen und Uniformen unserer armen Kameraden, die diese Briganten da auf den Weg gelegt haben. Ihr sollt hier kein Gewehrfeuer schlucken, ohne es zu erwidern.«

Die unerschrockenen Leute aus Fougères holten die Habseligkeiten der Toten, und die ganze Kompagnie schützte sie durch ein auf den Wald gerichtetes gehöriges Feuer, so daß es ihnen gelang, die Toten zu entkleiden, ohne einen einzigen Mann einzubüßen.

»Diese Bretonen,« sagte Hulot zu Gérard, »werden treffliche Infanteristen abgeben, sofern sie sich an die Soldatenkost gewöhnen können.«

Gudins Sendbote verschwand indes laufend in einem Seitenpfad, der links in den Wald abbog.

Die Soldaten, damit beschäftigt, ihre Waffen zu prüfen, bereiteten sich nun auf den Kampf vor; der Kommandant ließ sie Revue passieren, lächelte ihnen zu, pflanzte sich einige Schritte weiter vorn mit seinen beiden Lieblingsoffizieren auf und erwartete festen Fußes den Angriff der Chouans.

Wiederum herrschte für einen Augenblick Stillschweigen, aber es war nicht von langer Dauer, denn dreihundert Chouans, deren Kleidung derjenigen der Ausgehobenen gleich war, kamen, von dem Walde zur Rechten ausgespien, heulend an und besetzten ohne feste Ordnung die ganze Straße vor dem schwachen Bataillon der Blauen. Der Befehlshaber ordnete seine Soldaten in zwei gleiche Teile, jeden mit einer Front von zehn Mann. In die Mitte dieser beiden Häufchen stellte er seine in aller Eile ausgerüsteten zwölf Rekruten; er selbst stellte sich an die Spitze.

Diese kleine Armee wurde durch zwei Flügel von je fünfundzwanzig Mann gedeckt, die, unter dem Befehl Gérards und Merles, zu beiden Seiten des Weges manövrierten. Diese beiden Offiziere sollten zu gegebener Zeit die Chouans von der Flanke nehmen, um zu verhindern, daß sie sich »egaillierten«.

Dieses Dialektwort jener Gegend bezeichnet das Manöver, sich im Gelände zu verteilen, wo jeder Bauer derart Aufstellung nahm, daß er ungefährdet auf die Blauen schießen konnte; die republikanischen Truppen wußten sich dann ihren Feinden gegenüber nicht zu helfen.

Durch die von dem Kommandanten mit der notwendigen Schnelligkeit getroffenen Anordnungen wurde sein Vertrauen auf die Soldaten übertragen, und stillschweigend marschierten alle auf die Chouans zu.

Nach den wenigen Minuten, die es brauchte, bis die beiden Truppenkörper einander nahe waren, krachte eine unbarmherzige Salve los, die hüben wie drüben Vernichtung verbreitete. In diesem Augenblick gelangten die beiden republikanischen Seitenflügel, denen die Königstreuen nichts entgegenzusetzen hatten, an deren Flanke und säten mittels eines lebhaften, unablässigen Gewehrfeuers Tod und Unordnung in die Reihen ihrer Feinde. Dieses Manöver stellte das zahlenmäßige Gleichgewicht zwischen den beiden Parteien beinahe her. Doch der Charakter der Chouans hatte sich stets durch Unerschrockenheit und Beständigkeit bewährt; sie rührten sich nicht, ihre Verluste erschütterten sie nicht, sie drängten enger zusammen und suchten die kleine schwarze, gut Richtung haltende Truppe der Blauen zu umzingeln, die so wenig Raum einnahm, daß sie einer Bienenkönigin inmitten eines Schwarmes ähnelte.

Es entspann sich nun einer jener furchtbaren Kämpfe, bei denen das Krachen der Musketen fast aufhört und von dem Klirren der blanken Waffe abgelöst wird, wo die Gegner sich Körper an Körper schlagen, und wo bei gleicher Tapferkeit die Zahl den Sieg entscheidet. Die Königstreuen hätten ihn beim ersten Ansturm errungen, wenn es den beiden von Gérard und Merle befehligten Flügeln nicht gelungen wäre, zwei oder drei Salven abzufeuern, die schräg in die hinteren Reihen ihrer Feinde einfielen. Die Blauen dieser beiden Flügel hätten in ihren Stellungen bleiben und fortfahren sollen, ihre furchtbaren Gegner auf so geschickte Weise aufs Korn zu nehmen; aber durch den Anblick der Gefahr gereizt, in der das heldenhafte, in diesem Augenblick ganz von den königlichen Jägern umzingelte Bataillon schwebte, warfen sie sich wie rasend auf die Straße, die Bajonette blankgezogen, und machten damit die Aussichten auf einen Augenblick ziemlich gleich.

Nun lieferten sich die beiden Truppen ein Gemetzel, das durch die ganze Wut und Grausamkeit des Parteigeistes verschärft wurde, die diesen Krieg vor allen anderen furchtbar gemacht haben. Die Kämpfenden verstummten, da ein jeder mit seiner eigenen Gefahr beschäftigt war. Düster und kalt wie der Tod war die Szene. Innerhalb dieses Stillschweigens vernahm man außer dem Klirren der Stoßwaffen und dem Knirschen des Sandes unter den Füßen nur die dumpfen, schrecklichen Laute, die den schwer Verwundeten oder tot Niederstürzenden entfuhren. In der Mitte des republikanischen Trupps verteidigten die zwölf Rekruten den mit dem Erteilen mannigfacher Befehle und Anordnungen beschäftigten Kommandanten mit solcher Tapferkeit, daß einige der Soldaten wiederholt ausriefen: »Bravo, Ihr Rekruten!«

Hulot, der unbewegt dastand und das Auge überall hatte, bemerkte unter den Königstreuen bald den Mann, der, gleich ihm von einer ausgewählten Mannschaft umgeben, der Anführer sein mußte. Es erschien ihm wichtig, diesen Offizier genau in Augenschein zu nehmen; aber vergeblich machte er mehrmals den Versuch, seine Züge zu unterscheiden, die ihm durch die roten Mützen und die breitrandigen Hüte verdeckt wurden. Er gewahrte nur Marche-à-terre, der, an der Seite des Anführers stehend, dessen Befehle mit roher Stimme wiederholte, wobei sein Karabiner niemals zur Ruhe kam.

Der Kommandant wurde ärgerlich über dieses fortgesetzte Mißgeschick. Er griff nach dem Degen, feuerte seine Rekruten an, schoß mit einer solchen Wut mitten in die Chouans hinein, daß er ihre Masse lockerte, und konnte nun ihren Anführer sehen, dessen Gesicht aber unglücklicherweise ganz und gar durch einen großen Filzhut mit weißer Kokarde verdeckt wurde. Doch der Unbekannte, durch den kühnen Angriff überrascht, machte eine Bewegung nach rückwärts, bei der er seinen Hut mit einem heftigen Ruck aus der Stirne zurückschob; so konnte Hulot nun in aller Eile sein Signalement aufnehmen.

Der junge Führer, dem Hulot nicht mehr als fünfundzwanzig Jahre zusprach, trug eine Jagdweste aus grünem Tuch. In seinem weißen Gürtel steckten Pistolen. Seine schweren Stiefel waren benagelt wie die der Chouans; Jagdgamaschen, die bis zum Knie reichten und sich an die aus sehr grobem Zwillich gearbeiteten Hosen anschlossen, vervollständigten diesen Anzug, der eine mittelgroße, aber schlanke und wohlgebaute Gestalt erkennen ließ.

Rasend darüber, daß die Blauen bis zu seiner Person vordrangen, drückte er seinen Hut wieder tief in die Stirne und ging auf sie los; aber sofort umringten ihn Marche-à-terre und mehrere der beunruhigten Chouans. Hulot glaubte durch die Zwischenräume hindurch, die die an den jungen Menschen sich drängenden Köpfe freiließen, ein breites rotes Band auf einer halboffenen Weste zu gewahren. Der Blick des Kommandanten, zuerst durch die damals völlig in Vergessenheit geratene königliche Auszeichnung angezogen, glitt plötzlich über ein Gesicht hin, das er bald wieder aus dem Auge verlor, weil er durch die Wechselfälle des Kampfes genötigt war, über die Schwenkungen seiner kleinen Truppe zu wachen.

So sah er nur flüchtig zwei blitzende Augen, deren Farbe ihm entging, blonde Haare und ziemlich feine, sonnverbrannte Züge. Trotzdem setzte ihn die durch ein leicht und nachlässig geschlungenes schwarzes Halstuch noch auffälliger gemachte leuchtende Weiße des Halses in Erstaunen.

Das ungestüme, lebhafte Benehmen des jungen Führers war militärisch, und man merkte ihm an, daß er vom Kampfe eine gewisse althergebrachte Poesie erwartete. Seine gut behandschuhte Rechte schwenkte einen in der Sonne fast flammenden Degen, und seine Haltung verriet zugleich Anmut und Kraft. Seine gewissenhafte Erregung, wirksam unterstützt von den Reizen der Jugend und vornehmen Manieren, machten den jungen Emigranten zu einem anziehenden Bilde des französischen Adels. Er bildete einen lebhaften Gegensatz zu Hulot, der, vier Schritte von ihm, für sein Teil ein lebendiges Bild dieser tatkräftigen Republik darstellte, für die er focht, und dessen strenges Gesicht, dessen blaue Uniform mit den abgenutzten roten Aufschlägen, den nachgedunkelten und rückwärts herabhängenden Achselklappen Armut und Charakter so gut widerspiegelten.

Die anmutige Haltung und der Ausdruck des jungen Mannes entgingen Hulot nicht, der, indes er sich bemühte, ihm auf den Leib zu rücken, ausrief:

»Holla, du hübscher Ballettänzer, komm doch her, daß ich dich hinmachen kann!«

Der royalistische Anführer, durch sein augenblickliches Mißgeschick außer sich, stürzte mit einer Gebärde der Verzweiflung vorwärts; aber seine Leute, die ihn sich derart preisgeben sahen, warfen sich samt und sonders den Blauen entgegen. Plötzlich beherrschte eine sanfte, helle Stimme das Kampfgetöse:

»Hier ist Saint Lescur gefallen. Wollt Ihr ihn nicht rächen?«

Bei diesen Worten wurde wie durch einen Zauberschlag der Angriff der Königstreuen so furchtbar, daß die Soldaten der Republik große Mühe hätten, sich zu halten, ohne die Ordnung ihrer kleinen Schlachtordnung zu brechen.

»Wenn es nicht ein junger Mann wäre,« sagte sich Hulot, während er Schritt für Schritt zurückwich, »wären wir nicht angegriffen worden. Hat man es je zuvor erlebt, daß die Chouans eine Schlacht geliefert hätten? Aber um so besser, so werden sie uns wenigstens nicht wie die Hunde am Wegrand niederknallen.«

Und er erhob seine Stimme, so daß sie von den Wäldern widertönte:

»Voran, forsch, meine Jungens! Sollen wir uns von diesen Strauchdieben nasführen lassen?«

Das Verbum, durch das wir hier den Ausdruck wiedergeben, dessen sich der gute Kommandant bediente, ist nur ein schwacher Ersatz dafür; die Veteranen werden aber schon das wirklich angewandte Wort dafür einzusetzen wissen, das zweifellos dem soldatischen Geschmack besser entspricht.

»Gérard, Merle,« nahm der Kommandant seine Rede wieder auf, »ruft eure Leute zusammen, formiert sie truppweise, schließt euch hinten an und gebt Feuer auf diese Hunde, daß einmal ein Ende wird!«

Mit großer Mühe wurde dieser Befehl Hulots ausgeführt; denn als der junge Führer die Stimme seines Gegners vernahm, rief er:

»Bei der Muttergottes von Auray, laßt sie nicht durchkommen! Verteilt euch, Buben!«

Als die beiden von Gérard und Merle befehligten Flügel sich von der Masse abtrennten, wurde jede der kleinen Scharen von den hartnäckigen und an Zahl weit überlegenen Chouans verfolgt. Die alten Ziegenhäute umzingelten die Mannschaft Gérards und Merles von allen Seiten, wobei sie wiederum ihr finsteres Geschrei oder vielmehr Geheul ausstießen.

»Schweigt doch, Herrschaften,« rief Beau-pied, »man hört ja gar nicht, wie wir uns umbringen!«

Dieser Scherz belebte den Mut der Blauen von neuem.

Statt sich auf einem Punkte zu schlagen, verteidigten sich die Republikaner an drei verschiedenen Stellen des Pellerinenplateaus, und das Dröhnen der Gewehrsalven weckte von allen Seiten das Echo dieser einst so friedlichen Täler.

*

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