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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Fräulein von Verneuil war in eine jener Betrachtungen versunken, deren Geheimnisse im tiefsten Grunde der Seele verborgen bleiben, und deren tausend einander widersprechende Empfindungen denen, die unter ihrem Einfluß gestanden haben, oft genug bewiesen haben, daß man innerhalb seiner vier Wände ein sturmbewegtes, leidenschaftliches Leben führen kann, ohne auch nur die Ottomane zu verlassen, auf der man die Stunden zubringt.

Jetzt, da die Lösung des Dramas bevorstand, das sie heraufbeschworen, ließ Marie nach der Reihe all seine von Liebe oder Zorn erfüllten Szenen an sich vorüberziehen, durch die ihr Leben seit den zehn Tagen ihrer Begegnung mit dem Marquis so leidenschaftlich bewegt worden war.

Da ertönte ein Männerschritt in dem Salon, der zu ihrem Zimmer führte. Sie erbebte. Die Tür öffnete sich, und als sie sich lebhaft nach ihr umdrehte, erblickte sie Corentin.

»Kleine Schelmin,« sagte der Spion lachend, »haben Sie denn immer noch Lust, mich zu täuschen? Ach Marie, Marie! Sie spielen ein sehr gefährliches Spiel, wenn Sie mich nicht in Ihre Absichten einweihen und ohne meinen Rat Entscheidungen treffen. Wenn der Marquis seinem Schicksal entgangen ist . . .«

»So ist das nicht Ihre Schuld, nicht wahr?« unterbrach ihn Fräulein von Verneuil mit bittrem Hohn. »Mit welchem Recht«, fuhr sie dann fort, »kommen Sie überhaupt noch zu mir?«

»Zu Ihnen?« fragte er mit bitterer Betonung.

»Sie erinnern mich daran,« antwortete sie vornehm, »daß ich nicht in meinem eigenen Hause bin. Vielleicht haben Sie mit Vorbedacht diese Wohnung ausgesucht, um Ihre Meucheleien um so sicherer darin verüben zu können. Ich werde es also verlassen. In die Wüste würde ich fliehen, um keinen . . . Spion mehr zu Gesicht zu bekommen.«

»Dieses Haus gehört weder Ihnen noch mir,« erwiderte Corentin, »sondern der Regierung. Und was das Fortgehen betrifft, so werden Sie das hübsch bleiben lassen,« setzte er mit einem teuflischen Blick hinzu.

Entrüstet erhob sich Fräulein von Verneuil und tat ein paar Schritte ins Zimmer hinein; doch plötzlich blieb sie stehen, als sie bemerkte, daß Corentin den Fenstervorhang wegschob und ihr lächelnd winkte, zu ihm zu treten.

»Sehen Sie diese Rauchsäule?« sprach er mit der unbeweglichen Ruhe, die sein bleiches Gesicht stets beibehielt, wie tief auch seine Erregung sein mochte.

»Was hat meine Absicht, von hier fortzugehen, wohl mit dem Unkraut zu tun, das man da in Brand gesteckt hat?« fragte sie.

»Warum klingt Ihre Stimme so erregt?« entgegnete Corentin. »Arme Kleine!« setzte er mit sanfter Stimme hinzu, »ich weiß alles. Der Marquis kommt heute nach Fougères, und Sie haben dieses Zimmer sicherlich nicht deshalb so üppig mit Blumen und Kerzen hergerichtet, weil Sie ihn uns ausliefern wollen.«

Fräulein von Verneuil wechselte die Farbe, als sie in den Augen dieses Tigers in Menschengestalt den Tod des Marquis besiegelt las, und es erfaßte sie eine Liebe für den Geliebten, die an Wahnsinn grenzte. Durch jedes ihrer Haare drang ein fürchterlicher Schmerz in ihren Kopf, den sie nicht auszuhalten vermochte, und sie sank auf die Ottomane nieder.

Corentin blieb einen Augenblick mit gekreuzten Armen vor ihr stehen, halb befriedigt über diese Marter, die ihn für all die Geringschätzung und allen Spott rächte, womit diese Frau ihn überhäuft hatte, halb betrübt, weil er ein Wesen leiden sah, dessen Joch abzuschütteln ihm unmöglich war.

»Sie liebt ihn,« sprach er dumpf vor sich hin.

»Ihn lieben,« rief sie, »ach, was besagt dieses Wort! Er ist mein Leben, meine Seele, mein Atem, Corentin!«

Und sie warf sich dem Manne, dessen Ruhe sie mit Entsetzen erfüllte, zu Füßen.

»Du Kotseele,« sagte sie zu ihm, »lieber will ich mich erniedrigen, um ihm das Leben zu erhalten, als mich erniedrigen, um es ihm zu rauben. Ich will ihn retten, und sollte es mich meinen letzten Blutstropfen kosten. Sprich, was verlangst du?«

Corentin erbebte.

»Ich kam, Sie nach Ihren Befehlen zu fragen, Marie,« sagte er in sanftem Ton, während er sie aufhob. »Ja, Marie, Ihre Beleidigungen sollen mich nicht verhindern, ganz Ihnen zu gehören, vorausgesetzt, daß Sie mich nicht mehr täuschen. Sie wissen ja, Marie, daß man mich niemals ungestraft hintergeht.«

»Ach Corentin, wenn Sie wollen, daß ich Sie lieben soll, so helfen Sie mir, ihn zu retten!«

»Nun gut! Um wieviel Uhr kommt der Marquis?« fragte er mit dem Bemühen, seine Stimme auch jetzt zu beherrschen.

»Ach, ich weiß es ja selbst nicht!«

Sie sahen einander schweigend an.

»Ich bin verloren,« dachte Marie.

»Sie täuscht mich,« war Corentins Überzeugung.

»Marie,« entgegnete er dann, »ich habe zwei Grundsätze. Der erste ist, nie ein Wort von dem zu glauben, was Frauen sagen, dann können sie einen nicht hintergehen; der zweite, immer zu ergründen, ob sie kein Interesse daran haben, das Gegenteil von dem zu tun, was sie gesagt haben, und sich ganz im gegenteiligen Sinne zu den Handlungen zu betragen, deren Geheimnis sie uns anvertraut haben. Jetzt, glaube ich, verstehen wir uns.«

»Vollkommen,« antwortete Fräulein von Verneuil. »Sie verlangen Beweise für meine Aufrichtigkeit. Doch ich spare sie mir bis zu der Minute auf, da Sie mir Ihrerseits solche gegeben haben.«

»Leben Sie also wohl,« sagte Corentin trocken.

»Ach was,« erwiderte das junge Mädchen lächelnd, »setzen Sie sich doch und spielen Sie nicht den Verdrossenen, sonst werde ich auch ohne Sie den Marquis zu retten wissen. Was die dreimalhunderttausend Franken betrifft, die Ihnen immer vor Augen schweben, so kann ich sie Ihnen hier, auf dem Kamin, in dem Augenblick, wo der Marquis gerettet sein wird, in Gold aufzählen.«

Corentin stand auf, trat ein paar Schritt zurück und betrachtete Fräulein von Verneuil.

»Sie sind in recht kurzer Zeit reich geworden,« sagte er dann mit einem Tone schlecht verhehlter Bitterkeit.

»Herr von Montauran«, versetzte sie mit mitleidigem Lächeln, »wird Ihnen wohl ein größeres Lösegeld anbieten können. Also beweisen Sie mir, daß es in Ihrer Macht steht, ihn vor jeder Gefahr zu schützen, und . . .«

»Könnten Sie ihn nicht«, rief Corentin plötzlich dazwischen, »sogleich, wenn er ankommt, zur Flucht bewegen, da Hulot die Stunde nicht weiß und daher . . .«

Er hielt inne, als werfe er sich selber vor, schon zuviel gesagt zu haben.

»Aber haben Sie es wirklich nötig, mich um eine List zu bitten?« fuhr er dann fort und lächelte mit der natürlichsten Miene von der Welt. »Hören Sie, Marie, ich bin jetzt von Ihrer Aufrichtigkeit überzeugt. Versprechen Sie mir, mich für alles schadlos zu halten, was mir dadurch entgeht, daß ich Ihnen diene, und ich will diesen Dummkopf von Kommandanten so gründlich einschläfern, daß der Marquis in Fougères so sicher umhergehen kann, wie in Saint-James.«

»Ich verspreche es Ihnen,« antwortete das junge Mädchen mit einer Art Feierlichkeit.

»Nicht so,« entgegnete er. »Schwören Sie es mir bei Ihrer Mutter.«

Fräulein von Verneuil schauderte. Doch sie hob ihre zitternde Hand in die Höhe und leistete den Schwur, den dieser Mann, dessen Verhalten sich so plötzlich geändert hatte, von ihr verlangte.

»Sie können über mich verfügen,« sagte er. »Hintergehen Sie mich nicht, und Sie werden mich heute abend segnen!«

»Ich glaube Ihnen, Corentin,« rief Fräulein von Verneuil ganz gerührt aus. Sie verabschiedete ihn mit einer sanften Neigung des Kopfes und lächelte ihm dabei gütig und zugleich erstaunt zu, als sie einen Ausdruck trauriger Zärtlichkeit auf seinen Zügen bemerkte.

»Was für ein entzückendes Geschöpf ist sie doch!« dachte Corentin im Fortgehen. »Soll ich sie denn nie besitzen, um zugleich das Werkzeug meines Glückes und die Quelle meiner Freuden aus ihr zu machen? Daß sie sich mir zu Füßen warf, sie . . .! O gewiß, der Marquis muß sterben! Und wenn ich dieses Weib nur dadurch erringen kann, daß ich sie in den Schmutz ziehe, so werde ich auch das tun . . . – Endlich«, fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, als er auf dem Platz anlangte, wohin seine Füße ihn unbewußt getragen hatten, »mißtraut sie mir vielleicht nicht mehr. Hunderttausend Taler gleich auszubezahlen! Sie hält mich für habgierig. Entweder ist es eine List, oder sie hat ihn schon geheiratet.«

In Gedanken verloren, wagte Corentin nicht, einen bestimmten Entschluß zu fassen. Der Nebel, den die Sonne gegen Mittag vertrieben hatte, gewann allmählich wieder an Stärke und wurde so dicht, daß Corentin selbst auf kurze Entfernung hin die Bäume nicht mehr zu unterscheiden vermochte.

»Eine neue Widerwärtigkeit!« murmelte er, als er mit langsamen Schritten nach Hause zurückkehrte. »Man kann nicht sechs Schritte weit sehen. Das Wetter meint es gut mit ihnen. Wie soll man ein Haus überwachen, wenn ein solcher Nebel herrscht? – Wer da?« rief er plötzlich und packte den Arm eines Fremden, der über die gefährlichsten Felsblöcke auf die Promenade geklettert zu sein schien.

»Ich bin's,« antwortete eine naive Kinderstimme.

»Ach so, der kleine Junge mit dem roten Fuß. Wolltest du nicht deinen Vater rächen?« fragte ihn Corentin.

»Doch!« antwortete der Kleine.

»Schön. Kennst du den Gars?«

»Ja.«

»Um so besser. Nun also: bleib immer in meiner Nähe, tu genau alles, was ich dir sage, dann wirst du das Werk deiner Mutter vollenden und blankes Geld verdienen. Magst du gern blankes Geld?«

»Ja.«

»Du magst also gern blankes Geld und willst den Gars töten. Dann will ich für dich sorgen. – Ha, Marie!« fuhr Corentin nach einer Weile zu sich selbst fort, »du selbst sollst ihn uns ausliefern! Sie ist zu ungestüm, um zu ahnen, auf welche Weise ich ihr jetzt beikommen werde. Außerdem hat Leidenschaft kurze Gedanken. Sie kennt die Schrift des Marquis nicht. Dies ist der Punkt, den ich benutzen muß, ihr die Schlinge zu legen, in die sie ihrem Charakter gemäß blindlings hineinlaufen wird. Doch um ganz sicher zu gehen, brauche ich Hulot zur Mithilfe bei meiner List. Ich will ihn sogleich aufsuchen!«

Im gleichen Augenblick berieten Fräulein von Verneuil und Francine über die Möglichkeit, den Marquis vor dem zweifelhaften Edelmute Corentins und Hulots Bajonetten zu bewahren.

»Ich will gehen und ihn benachrichtigen,« rief die kleine Bretonin.

»Närrin, weißt du denn, wo er ist? Selbst ich möchte ihn trotz aller Herzensinstinkte lange suchen, ehe ich ihn fände!«

Nachdem sie gemeinsam eine ganze Reihe jener unsinnigen Pläne entworfen hatten, die sich am warmen Kamin so leicht durchführen lassen, rief Fräulein von Verneuil schließlich aus:

»Wenn ich ihn sehe, wird die Gefahr, in der er schwebt, mir schon den richtigen Gedanken eingeben!«

Und so wollte sie, nach Art aller Heißblütigen, ihren Entschluß erst im letzten Augenblicke fassen, indem sie sich auf ihren Stern und den glücklichen Instinkt verließ, den treuen Begleiter der Frauen. Nie vielleicht war ihr das Herz so schwer gewesen. Bald saß sie wie betäubt mit stierem Ausdruck da; bald erbebte sie beim geringsten Laut gleich einem fast entwurzelten Baum, den die Holzhauer an einem Seile heftig hin und her ziehen, um seinen Fall zu beschleunigen. Plötzlich ertönte von fernher das Knattern einer Salve aus etwa einem Dutzend Gewehren. Marie erblaßte, griff nach Francines Hand und sagte zu ihr:

»Ich sterbe. Sie haben ihn mir getötet.«

Der wuchtige Schritt eines Soldaten erklang im Nebenzimmer. Entsetzt stand Francine auf und führte gleich darauf einen Korporal herein. Nachdem der Republikaner Fräulein von Verneuil militärisch gegrüßt hatte, überreichte er ihr mehrere Briefe, deren Papier nicht sehr sauber war. Als der Soldat keine Antwort erhielt, wandte er sich zum Gehen, indem er sagte:

»Das soll ich vom Herrn Kommandanten abgeben.«

Von dunklen Ahnungen gepeinigt, las Marie nun einen der Briefe, den der Kommandant wahrscheinlich in großer Eile geschrieben hatte.

»Gnädiges Fräulein, meinen Gegenchouans ist soeben ein Bote des Gars in die Hände gefallen. Unter den ihm abgenommenen Briefen werden Ihnen vielleicht die beifolgenden von einigem Nutzen sein . . .«

»Dem Himmel sei Dank,« rief sie aus, »er ist es nicht, den sie erschossen haben.«

Sie atmete wieder freier und las begierig das Billett, das man ihr gesandt; es war vom Marquis und offenbar an Frau von Gua gerichtet.

»Nein, mein Engel, ich komme heute abend nicht nach La Vivetière. Denn heute abend verlieren Sie Ihre Wette mit dem Grafen und ich besiege die Republik in der Person dieses reizenden Mädchens, das sicherlich eine Nacht wert ist – geben Sie es nur zu! Dies wird der einzige wirkliche Sieg sein, den ich in diesem Feldzug davontrage, denn die Vendée unterwirft sich. Es ist in Frankreich nichts mehr zu tun, und wir werden jedenfalls bald zusammen nach England zurückreisen. Doch von den ernsten Angelegenheiten morgen . . .«

Das Billett entglitt ihren Händen, sie schloß die Augen, versank in tiefes Schweigen und ließ sich, den Kopf an ein Kissen lehnend, zurücksinken. Nach einer langen Weile blickte sie auf die Kaminuhr, die vier Uhr zeigte.

»Und der Herr läßt auf sich warten!« sagte sie dann mit grausamem Spott.

»Oh, wenn er vielleicht nicht kommen konnte,« meinte Francine.

»Sollte er nicht kommen,« sagte Marie mit dumpfer Stimme, »so werde ich selbst ihm entgegengehen! Doch nein, er wird nun nicht mehr lange ausbleiben. Francine, bin ich sehr schön?«

»Sie sind sehr bleich!«

»Sieh dies duftgetränkte Zimmer,« fuhr Fräulein von Verneuil fort, »diese Blumen, diese Lichter, diesen berauschenden Wohlgeruch, – wird dies alles wohl dem, dem ich heute Nacht alle Wonnen der Liebe schenken will, die Vorahnung eines himmlischen Lebens geben können?«

»Um Gott, was ist nur geschehen, gnädiges Fräulein?«

»Ich bin verraten, betrogen, hintergangen, verspottet, mit Füßen getreten, verloren, und ich will ihn töten, ihn zerreißen. Ja doch, ja, es lag in seinem Benehmen schon immer eine schlecht verhehlte Mißachtung, die ich nur nicht sehen wollte! Oh, hieran werde ich sterben! – Törin, die ich bin,« fuhr sie auf einmal lachend fort, »er kommt, ich habe die Nacht vor mir, um ihn zu lehren, daß, verheiratet oder nicht, ein Mann, der mich einmal besessen hat, mich nicht mehr lassen kann. Ich werde ihm die Rache seiner Schuld gemäß zumessen, und er wird verzweifelt sterben! Ich glaubte, er hätte einige Seelengröße, aber er scheint doch nur der Sohn eines Lakaien zu sein! Sicherlich hat er mich recht geschickt getäuscht, denn noch immer fällt es mir schwer zu glauben, daß der Mann, der fähig war, mich erbarmungslos den Händen eines Pille-miche zu überlassen, sich zu solchen Kniffen herabwürdigen kann. Es ist so leicht, eine liebende Frau zu hintergehen, daß es nichts Feigeres gibt. Mag er mich töten, gut! aber mich belügen, er, den ich so groß gewähnt hatte! Aufs Schafott mit ihm! Ach, ich möchte ihn guillotinieren sehen! Bin ich denn wirklich so grausam? Er soll mit meinen Liebkosungen bedeckt sterben, mit meinen Küssen, die ihm zwanzig Lebensjahre aufwiegen werden . . .«

»Marie,« entgegnete Francine mit engelgleicher Sanftheit, »seien Sie, wie so viele andere, das Opfer Ihres Geliebten, aber machen Sie sich weder zu seiner Mätresse noch zu seinem Büttel! Bewahren Sie sein Bild in Ihrem Herzen, ohne es sich selbst grausam zu zerstören. Wenn in einer hoffnungslosen Liebe gar kein Glück läge, was sollte dann wohl aus uns armen Frauen werden! Gott, Marie, an den Sie nie denken, wird uns dafür belohnen, daß wir unserer Bestimmung hier auf Erden gehorcht haben: zu lieben und zu leiden!«

»Kleine Schmeichelkatze,« erwiderte Fräulein vom Verneuil und streichelte Francines Hand, »wie weich und verführerisch deine Stimme ist! Wie reizvoll machst du selbst die Vernunft! Ich möchte dir ja gern gehorchen . . .«

»Sie vergeben ihm, Sie werden ihn nicht ausliefern?«

»Schweig, sprich mir nicht mehr von diesem Menschen. Mit ihm verglichen ist Corentin ein edles Wesen. Verstehst du mich?«

Sie erhob sich und verbarg ihre innere Verzweiflung und ihren unersättlichen Rachedurst unter einer erschreckend gelassenen Miene. Von ihren Gedanken verzehrt, den ihr angetanen Schimpf niederwürgend und zu stolz, um sich ihre Qual nur im mindesten anmerken zu lassen, schritt sie auf den Posten am Sankt Leonhardstore zu, um die Wohnung des Kommandanten zu erfragen. Ihr langsamer und gemessener Gang zeugte von der Unwiderruflichkeit ihrer Beschlüsse.

Kaum hatte sie das Haus verlassen, als Corentin es betrat.

»O Herr Corentin!« rief Francine ihm entgegen, »wenn Sie Teilnahme für den jungen Mann hegen, so retten Sie ihn, denn Fräulein von Verneuil will ihn ausliefern. Dieses elende Papier hat alles zunichte gemacht.«

Nachlässig griff Corentin nach dem Briefe und fragte:

»Wohin ist sie denn gegangen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Ich eile,« sagte er, »sie vor ihrer eigenen Verzweiflung zu retten.«

Den Brief in der Hand, verließ er schnellen Schrittes das Haus. An der Türe spielte der kleine Junge. Er rief ihn zu sich:

»Wohin ist die Dame gegangen, die vorhin heruntergekommen ist?«

Galope-chopines Sohn ging ein paar Schritte mit Corentin, um ihm die abschüssige Straße zu zeigen, die nach dem Sankt Leonhardstor führte.

»Dort hinaus,« sagte er.

In diesem Augenblick traten vier Männer in Fräulein von Verneuils Haus, ohne von Corentin oder dem Knaben gesehen zu werden.

»Kehr auf deinen Posten zurück,« wandte sich der Spion an den Kleinen. »Stelle dich, als spieltest du mit den Riegeln der Fensterläden, aber paß gut auf und sieh nach allen Seiten hin, sogar auf die Dächer!«

*

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