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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070819
modified20180223
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Achtundzwanzigstes Kapitel

»Bist du aber auch dessen ganz sicher, was du mir da erzählst, Alte?« fragte Hulot Barbette, die ihn in Fougères gleich erkannt hatte.

»Haben Sie Augen? Dann sehen Sie mal nach den Felsen von Saint-Sulpice 'rüber, da, guter Herr, rechts von Sankt Le'nard.«

Corentin richtete den Blick auf die Felsspitze, die Barbette mit der Hand bezeichnete. Da der Nebel sich zu lichten begann, konnte er ziemlich deutlich die weiße Rauchsäule wahrnehmen, von der Galope-chopines Frau gesprochen hatte.

»Aber wann kommt er? He, Alte! heute abend oder heute nacht?«

»Lieber Herr,« versetzte Barbette, »davon is mir nix bekannt.«

»Warum verrätst du deine Partei?« sagte Hulot lebhaft zu der Bäuerin, die er ein paar Schritte von Corentin weggezogen hatte.

»Ach, Herr General! sehen Sie sich den Fuß von meinem Jungen an! He, er ist rot von dem Blut meines Mannes, den die Chouans umgebracht haben wie ein Kalb, mit Respekt zu sagen, nur der paar Worte wegen, die Sie mir vorgestern abgelockt haben, als ich auf dem Feld arbeitete. Nehmen Sie meinen Jungen, wenn Sie ihn nun doch einmal um Vater und Mutter gebracht haben, aber machen Sie auch 'nen tücht'gen Blauen draus, lieber Herr, damit er recht viele Chouans um die Ecke bringt. Da, das sind sieben Taler, verwahren Sie ihm die. Wenn er gut damit haushält, reicht er weit damit, sein Vater hat zwölf Jahre dran gespart.«

Erstaunt betrachtete Hulot die blasse, vorzeitig gealterte Bäuerin mit den tränenlosen Augen.

»Aber«, sagte er, »du, seine Mutter, was soll denn mit dir werden? Behalte lieber das Geld.«

»Ich,« erwiderte sie und schüttelte traurig den Kopf, »ich brauch' nix mehr! Und wenn man mich möchte in die tiefste Tiefe vom Melusinenturme da (sie zeigte mit der Hand auf einen der Schloßtürme) einsperren, die Chouans würden mich doch finden und umbringen!«

Mit einem Ausdruck düstren Schmerzes umarmte sie ihren Knaben, sah ihn an, wobei ihr Tränen ins Auge traten, wandte sich noch einmal nach ihm um und verschwand.

»Kommandant,« sagte Corentin, »hier haben wir eine Gelegenheit, die, um richtig ausgenutzt zu werden, eher zwei denkende Köpfe verlangt als einen. Wir wissen alles und wissen doch nichts. Wenn wir sogleich das Haus des Fräuleins von Verneuil umstellen lassen, hieße das, sie gegen uns aufbringen. Wir alle, du, ich, deine Gegenchouans und deine beiden Bataillone, kommen nicht gegen dieses Mädchen auf, wenn sie es sich in den Kopf setzt, ihren Aristokraten zu retten. Und er seinerseits ist ein Höfling und folglich gewitzt; er ist jung und hat Courage. Gleich bei seiner Ankunft in Fougères bekommen wir ihn niemals in die Finger. Im übrigen ist er vielleicht schon in der Stadt. Haussuchung halten? Unsinn! Das dient zu nichts und beunruhigt nur die Einwohner.«

»Ich gehe,« sagte Hulot ungeduldig, »um der Schildwache am Leonhardstore Befehl zu geben, ihren Wachtgang um drei Schritte zu verlängern, damit sie bis zum Hause Fräulein von Verneuils kommt. Ich werde mit jedem Posten ein Zeichen verabreden und mich im Wachthause aufhalten, und sobald mir die Ankunft irgendeines jungen Mannes in der Stadt gemeldet wird, nehme ich einen Unteroffizier und vier Mann und . . .«

»Und«, unterbrach Corentin den ungestümen Kriegsmann, »wenn der junge Mann nicht der Marquis ist, wenn der Marquis nicht durch das Tor kommt, wenn er bereits bei Fräulein von Verneuil ist, wenn . . .«

Und Corentin sah den Kommandanten mit einer überlegenen Miene an, die etwas so Beleidigendes hatte, daß der Alte rief:

»Himmelkreuzdonnerwetter! Pack dich zum Teufel, du Höllenbürger! Was geht das alles mich an? Wenn dieser Vogel einem von meinen Posten in die Hände fällt, muß ich ihn freilich erschießen lassen. Erfahre ich, daß er in einem Hause steckt, so muß ich es wohl auch einschließen lassen, um ihn zu fangen und an die Wand zu stellen! Aber Satan soll mich holen, wenn ich mir auch noch den Kopf zerbreche, um meine Uniform zu besudeln!«

»Kommandant, der Brief der drei Minister befiehlt dir, Fräulein von Verneuil zu gehorchen.«

»Laß sie nur selber zu mir kommen, Bürger, dann wird sich schon finden, was ich zu tun habe.«

»Nun gut, Bürger!« entgegnete Corentin hochfahrend, »du wirst nicht lange auf sie zu warten brauchen. Sie wird dir selber Stunde und Minute der Ankunft des Aristokraten sagen. Vielleicht wird sie sich sogar nicht eher zufrieden geben, bis sie gesehen hat, daß du ihr Haus bewachen und umstellen läßt.«

»Da hat der Teufel Menschengestalt angenommen,« sagte der alte Kriegsmann kummervoll, als er Corentin nachsah, der mit schnellen Schritten die Treppe der Königin, wo diese Unterredung stattgehabt hatte, hinanstieg und dem Leonhardstore zuschritt.

»Er wird mir den Bürger Montauran mit gefesselten Händen und Füßen ausliefern, und dann werde ich einem Kriegsgericht präsidieren müssen. – Doch schließlich«, setzte er achselzuckend hinzu, »ist der Gars ein Feind der Republik, er hat mir meinen armen Gérard ums Leben gebracht; und es ist dann immerhin ein Adliger weniger auf der Welt. Zum Teufel denn mit ihm!«

Entschlossen drehte er sich auf dem Absatz herum und ging, die Marseillaise pfeifend, davon, um alle Posten in der Stadt abzuschreiten.

*

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