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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Im gleichen Augenblick, in dem Galope-chopines Witwe und sein Sohn mit dem blutigen Fuße, von finsterem Haß erfüllt, in dem zugleich Spannung lag, die Rauchsäule empor wirbeln sahen, blickte Fräulein von Verneuil nach dem Felsen hinüber und suchte vergebens das von dem Marquis angekündigte Zeichen mit den Augen; denn der Nebel, allmählich immer dichter geworden, hatte die ganze Gegend unter seinen grauen Schleiern begraben, die auch die nächstgelegenen Teile der Landschaft verhüllten.

Nach der Reihe ließ sie den Blick in leiser Beklemmung über die Berge, das Schloß, die Gebäude gleiten, die sich in dem Nebelwogen nur wie noch dichtere Nebelflecke abzeichneten. In der Nähe ihres Fensters hoben sich ein paar Bäume von dem bläulichen Hintergrunde ab, gleich jenen Korallenbildungen, die das unbewegte Meer zuweilen sehen läßt. Die Sonne breitete die bleierne Farbe mattgewordenen Silbers über das Firmament, während ihre Strahlen ein trügerisches Rot über die kahlen Äste gossen, an denen noch ein paar letzte Blätter zitterten. Doch zu freudige Gefühle bewegten ihre Seele, als daß sie in diesem Schauspiel eine üble Vorbedeutung für das Glück gesehen hätte, an dem sie sich im voraus weidete.

Seit zwei Tagen hatten ihre Gedanken und Wünsche sich seltsam verändert; langsam waren die Heftigkeit, die ungeordneten Ausbrüche ihrer Leidenschaft unter der Einwirkung der gleichmäßigen Wärme gewichen, mit der wahre Liebe das Dasein sättigt. Die Gewißheit, geliebt zu werden, die sie unter so vielen Gefahren gesucht, hatte in ihr den Wunsch erstehen lassen, in die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückzukehren, die dem Glück die äußere Weihe geben, und die sie ja nur aus Verzweiflung verlassen hatte. Nur einen Augenblick lang zu lieben, schien ihr unmöglich. Mit einem Schlage sah sie sich aus der Welt, in die das Unglück sie hatte versinken lassen, wieder zu dem hohen Range emporgehoben, den ihr Vater ihr für eine kurze Weile eingeräumt hatte. Ihre Eitelkeit, bis dahin von den grimmen Wechselfällen einer verzweiflungsvollen Leidenschaft niedergehalten, erwachte wieder und malte ihr alle Vorzüge einer hohen Lebensstellung aus. War sie nicht gleichsam als Marquise geboren, hieß es für sie nicht in ihrer allereigensten Sphäre zu leben und zu wirken, wenn sie Herrn von Montauran heiratete? Nachdem sie die Zufälle eines abenteuerlichen Lebens kennengelernt, vermochte sie besser als jede andere Frau die Bedeutung der Gefühle zu ermessen, auf die sich die Familie gründet. Ehe, Mutterschaft und Familiensorgen würden für sie weniger eine Aufgabe als ein Ausruhen sein. Sie liebte jetzt das tugendsame und stille Leben, das ihr durch diesen letzten Lebenssturm hindurch erschienen war, genau so, wie eine der Tugend überdrüssige Frau etwa einen begehrlichen Blick auf eine unerlaubte Leidenschaft werfen mag. War doch für sie die Tugend eine noch ungekannte Versuchung!

»Vielleicht«, sagte sie, indem sie das Fenster verließ, ohne das Feuer auf den Felsen von Saint-Sulpice gesehen zu haben, »bin ich doch recht kokett gegen ihn gewesen? Aber dafür weiß ich nun auch, wie sehr ich geliebt werde. Francine, es ist kein Traum mehr! Heute abend werde ich Marquise von Montauran sein! Was habe ich nur getan, um ein so unbeschreibliches Glück zu verdienen? Oh – ich liebe ihn, und Liebe kann Liebe vergelten. Trotzdem scheint es mir, als wolle Gott mich dafür belohnen, daß ich mir trotz all meinem Elend so viel Herz bewahrt habe; als wolle er mich meine Leiden vergessen machen. Denn, du weißt es ja, liebes Kind, ich habe viel gelitten.«

»Sie, Marie, – heute abend Marquise von Montauran? Ach, solange das nicht geschehen ist, werde ich es immer nur als einen Traum ansehen! Woher sollte er denn wissen, wie groß Ihr Wert ist?«

»Aber liebes Kind, er hat doch nicht nur schöne Augen, er hat auch eine Seele. Hättest du ihn in der Gefahr gesehen, wie ich! Oh, er muß sehr lieben können, er ist so kühn!«

»Wenn Sie ihn gar so lieb haben, warum geben Sie dann aber zu, daß er nach Fougères kommt?«

»Hatten wir denn Zeit, uns auch nur noch ein Wort zu sagen, als wir überrascht wurden? Im übrigen ist es nur eine Liebesprobe mehr. Und davon hat man ja doch nie genug! Steck mir inzwischen die Haare auf.«

Doch hundertmal zerstörte sie durch sozusagen elektrische Bewegungen die gelungene Anordnung ihrer Haartracht, denn in ihren Wunsch zu gefallen mischten sich noch immer stürmische Gedanken. Während sie eine Locke drehte, ihre Flechten glattstrich, fragte sie sich mit einem Rest von Mißtrauen, ob der Marquis sie auch nicht betrüge. Doch dann bedachte sie, daß ein solches Bubenstück unbegreiflich wäre, da er sich tollkühn ihrer unmittelbaren Rache aussetzte, wenn er sie in Fougères aufsuchte. Indem sie im Spiegel schelmisch die Wirkung eines Seitenblicks, eines Lächelns, einer leichten Stirnfalte, einer zornigen, liebevollen oder verächtlichen Stellung erprobte, suchte sie nach einer Frauenlist, um das Herz des jungen Royalistenführers bis in seine geheimsten Falten kennenzulernen.

»Du hast recht, Francine!« sagte sie. »Ich wünschte gleich dir, daß die Vermählung schon vollzogen wäre. Dieser Tag ist der letzte meiner dunklen Tage. Er trägt meinen Tod oder unser Glück im Schoße. Der Nebel ist abscheulich,« setzte sie hinzu, indem sie von neuem nach den noch immer verschleierten Bergen hinübersah.

Dann begann sie selber die Fenstervorhänge aus Seide und Musselin zu ordnen und gefiel sich darin, dem Tageslicht den vollen Eingang zu verwehren, so daß ein wollüstiges Helldunkel im Raume entstand.

»Francine,« begann sie dann wieder, »nimm diesen Krimskrams weg, der den Kamin überfüllt, und lasse nur die Uhr und die zwei Meißner Vasen stehen; ich will sie selbst mit den Winterblumen füllen, die Corentin für mich aufgetrieben hat . . . Trag auch alle Stühle hinaus, ich will hier nur das Sofa und einen Sessel haben. Wenn du damit fertig bist, liebes Kind, dann kehre den Teppich, damit seine Farben lebhafter hervortreten, und stecke Kerzen in die Leuchter am Kamin und in die Armleuchter . . .«

Lange und eingehend betrachtete Fräulein von Verneuil die alten Wandtapeten des Zimmers. Von ihrem angeborenen Geschmack geleitet, wußte sie unter den leuchtenden Farbtönen des Gewebes diejenigen herauszufinden, die geeignet waren, durch die Harmonie der Farben oder auch durch den Reiz des Gegensatzes die altertümliche Wandbekleidung mit der übrigen Einrichtung in Einklang zu bringen. Den gleichen Gedanken verfolgte sie beim Anordnen der Blumen, die sie in die zahlreichen Vasen mit den geschwungenen Formen einfüllte. Das Kanapee wurde an den Kamin geschoben. Zu beiden Seiten des Bettes, an der dem Kamin gegenüberliegenden Wand, stellte sie auf kleine vergoldete Tischchen große Meißner Vasen, deren Blumen und Blattwerk die süßesten Wohlgerüche verbreiteten.

Mehr als einmal erschauerte sie, während sie die welligen Falten des grünseidenen Betthimmels ordnete und den Fall des geblümten Überhangs prüfend betrachtete, unter dem sie das Lager versteckte. Solche Vorbereitungen bergen stets ein unerklärbares Glücksgeheimnis und erzeugen eine so wonnige Erregung, daß eine Frau über diesen beseligenden Zurüstungen oft all ihre Zweifel vergißt. Liegt nicht ein religiöses Gefühl in dieser Unzahl von Bemühungen für ein geliebtes Wesen, das nicht anwesend ist, um sie zu sehen und zu vergelten, das sie aber später durch ein beifälliges Lächeln belohnen soll, wie es solche liebreichen Vorbereitungen entlocken? Dann überläßt die Frau sich gleichsam schon im voraus der Liebe, und es gibt nicht eine einzige, die sich nicht, wie Fräulein von Verneuil es tat, sagte: »Heute abend werde ich sehr glücklich sein!« Dann schreibt auch die Unschuldigste unter ihnen diese süße Hoffnung in die zierlichen Falten der Seide oder des Musselins, und die Harmonie, die sie um sich her verbreitet, gibt allmählich allem ein liebeatmendes Aussehen. Unter dem Einfluß dieser wollüstigen Atmosphäre werden ihr alle Dinge zu lebendigen Wesen und Glückeszeugen, die sie schon jetzt zu Helfern bei all ihren künftigen Freuden erwählt. Mit jeder Bewegung, jedem Gedanken wagt sie es, der Zukunft vorzugreifen. Bald aber wartet sie, hofft sie nicht mehr; sie klagt nur noch die Stille an, und das kleinste Geräusch ist ihr eine Vorbedeutung. Und schließlich krallt sich der Zweifel in ihr Herz, sie brennt, erregt sich, fühlt sich von einem Gedanken wie von einer körperlichen Qual gepeinigt. Es ist abwechselnd ein Triumph und eine Marter, die sie ohne die Hoffnung auf Glück nicht ertragen könnte.

Wohl zwanzigmal hatte Fräulein von Verneuil die Vorhänge beiseite geschoben, in der Hoffnung, eine Rauchsäule von den Felsen aufsteigen zu sehen; doch der Nebel schien von Minute zu Minute ein dichteres Grau anzunehmen, worin ihre Phantasie sie schließlich unglückkündende Vorbedeutungen erblicken ließ.

Endlich zog sie in einem Anfall von Ungeduld den Vorhang wieder zusammen und nahm sich vor, ihn nicht wieder anzurühren. Unmutig betrachtete sie den Raum, dem sie Seele und Stimme verliehen hatte: sie fragte sich, ob es umsonst geschehen sei, und dieser Gedanke erinnerte sie wiederum daran, daß noch anderes anzuordnen sei.

»Kind,« sagt sie zu Francine, indem sie sie in das an ihr Zimmer anstoßende Kabinett zog, das durch ein eirundes Fensterchen erhellt wurde, welches auf den dunklen Winkel hinausging, wo die Stadtwälle mit den Felsen der Promenade zusammenstießen, »mache hier Ordnung, damit alles sauber aussieht. Den Salon kannst du meinethalben in Unordnung lassen, wenn du willst,« setzte sie mit einem Lächeln hinzu, das Frauen nur für ihre vertrauten Freundinnen haben, und dessen reizvolle Feinheit ein Mann nie zu würdigen versteht.

»Ach, wie hübsch Sie sind!« rief die kleine Bretonin.

»Ei was, wir sind allesamt recht töricht! Ist nicht unser Liebster immer unser schönster Schmuck?«

Sie streckte sich lässig auf der Ottomane aus, während Francine langsam hinausging, fest überzeugt davon, daß ihre Herrin, geliebt oder nicht geliebt, den Marquis von Montauran niemals ausliefern würde.

*

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