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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die vom Adjudanten Gudin geführten zwölf jungen Männer aus Fougères erreichten bald den Abhang, den die Felsen von Saint-Sulpice bilden, indem sie sich in hügeligen Stufen zum Gibarrytale senken. Nunmehr verließ der junge Unteroffizier die Wege und übersprang rasch den Echalier des ersten vor ihm liegenden Ginsterfeldes, von sechs seiner Landsleute gefolgt. Die übrigen wandten sich, seinem Befehl gemäß, den Feldern zur Rechten zu, um die Durchsuchung der beiden Wegseiten in Angriff zu nehmen.

Gudin schritt eilends auf einen Apfelbaum zu, der inmitten des Gesträuchs stand. Beim Geräusch der Schritte der sechs Gegenchouans, welche fürchteten, daß die bereiften Büsche dieses Hinterhalts plötzlich lebendig werden möchten, versteckten sich sieben oder acht Mann mit Beau-pied an der Spitze hinter einigen Kastanienbäumen, die die Hecke dieses Ackerstücks krönten. Trotz des weißen Schimmers, der das Feld erleuchtete, und trotz ihres geschulten Auges bemerkten die Nationalgardisten nicht gleich die Gegenchouans, die sich aus den Bäumen einen Schutzwall gemacht hatten.

»Stille, da sind sie!« sagte Beau-pied, der zuerst den Kopf vorstreckte. »Die Banditen haben uns überholt; aber da wir sie vor unsern Läufen haben, sollen sie uns nicht entkommen, oder wir taugen – bei meiner Tabakspfeife! – nicht einmal zu päpstlichen Soldaten!«

Inzwischen hatten Gudins scharfe Augen endlich mehrere auf seine kleine Schar gerichtete Gewehrmündungen gesehen. Da schrien – ein bittrer Hohn – acht rauhe Stimmen: »Wer da?« und zugleich krachten acht Schüsse. Die Kugeln pfiffen den Gegenchouans um die Köpfe; der eine wurde in den Arm getroffen, ein anderer stürzte zu Boden. Die fünf heilgebliebenen Nationalgardisten antworteten durch eine Salve und riefen: »Gut Freund!« Dann marschierten sie rasch auf die Feinde zu, um sie zu erreichen, ehe sie von neuem geladen hätten.

»Das haben wir übel gemacht!« rief der Adjutant, als er die Uniformen und die alten Hüte seiner Halbbrigade erkannte. »Als echte Bretonen haben wir uns gleich geschlagen, statt uns zuerst zu verständigen.«

Die acht Soldaten blieben bestürzt stehen, als sie Gudin vor sich sahen.

»Verdammt, Herr Adjutant! Wer zum Teufel würde Sie in Ihren Kitzfellen aber auch nicht für Räuber halten?« rief Beau-pied bekümmert aus.

»Es ist ein Unglück, an dem wir alle unschuldig sind, da Ihr nicht von dem Auszug unserer Gegenchouans unterrichtet wart. Aber was habt Ihr inzwischen ausgerichtet?« fragte Gudin ihn.

»Herr Adjutant, wir sind hinter einem Dutzend Chouans her, die sich ein Vergnügen daraus machen, uns durch dick und dünn zu hetzen. Wir rennen wie Ratten mit Gift im Leibe, aber diese verdammten Echaliers und Hecken haben uns ganz hin gemacht, so daß wir einmal ausruhen mußten. Ich glaube, die Banditen müssen augenblicklich in der Nähe dieser großen Baracke sein, aus der Sie Rauch aufsteigen sehen.«

»Schön!« rief Gudin aus. »Ihr«, wandte er sich an die acht Soldaten und an Beau-pied, »werdet euch jetzt querfeldein auf die Felsen von Saint-Sulpice zurückziehen und die Postenlinie unterstützen, die der Kommandant dort aufgestellt hat. Ihr dürft nicht bei uns andern bleiben, da ihr in Uniform seid. Wir wollen – Tod und Teufel! – Schluß mit den Hunden machen, denn der Gars ist bei ihnen! Die Kameraden werden euch das weitere sagen. Haltet euch rechts und schießt nicht auf unsere sechs andern Kitzfelle, die euch möglicherweise begegnen werden. Ihr könnt diese Gegenchouans an ihren Halsbinden erkennen, die ohne Knoten zusammengedreht sind.«

Gudin ließ seine zwei Verwundeten unter dem Apfelbaume zurück und richtete seine Schritte nach Galope-chopines Haus, das Beau-pied ihm gezeigt hatte, und dessen Rauchsäule ihm als Wegweiser diente.

Während so der Adjutant durch ein in diesem Kriege nicht eben seltenes Zusammentreffen, das leicht noch mörderischer hätte werden können, den Chouans auf die Spur gekommen war, hatte die von Hulot befehligte kleine Abteilung auf ihrer Operationslinie einen Punkt erreicht, der mit dem, zu welchem Gudin auf der seinen gelangt war, auf gleicher Höhe lag. Lautlos und mit jugendlichem Feuer glitt der alte Kriegsmann an der Spitze seiner Gegenchouans an den Hecken entlang, übersprang die Echaliers mit ziemlicher Leichtigkeit und horchte auf das leiseste Geräusch, während seine falben Augen alle Höhen absuchten. In dem dritten Felde, in das sie kamen, gewahrte er eine Frau von etwa dreißig Jahren, die die Erde mit der Hacke bearbeitete und in gebückter Stellung rüstig schaffte, indes ein kleiner Junge von ungefähr sieben bis acht Jahren, der ein Gartenmesser in der Hand hielt, den Reif von den da und dort aufgeschossenen Ginsterbüschen schüttelte, diese abschnitt und sie in Haufen legte.

Bei dem Geräusch, das Hulot verursachte, als er schwerfällig auf die andere Seite des Echaliers sprang, hoben der Knabe und seine Mutter den Kopf. Leichtbegreiflicherweise hielt Hulot die junge Frau für ein altes Weib; denn vorzeitige Runzeln furchten ihr Gesicht und ihren Hals. Ihre sonderbare Kleidung bestand in einem abgenutzten Ziegenfell, unter dem sie einen schmutzigen, gelben Leinwandrock anhatte, das einzige Kennzeichen ihres Geschlechts, ohne welches Hulot nicht herauszufinden vermocht hätte, ob er einen Mann oder eine Frau vor sich habe, denn die langen Strähnen ihres schwarzen Haars steckten in einer roten Wollmütze. Der kleine Junge war nur mit Lumpen bekleidet, die stellenweise die Haut frei ließen.

»Heda, Alte!« rief Hulot die Frau mit tiefer Stimme an, indem er sich ihr näherte, »wo ist der Gars?«

Gleichzeitig setzten die zwanzig Gegenchouans, die Hulot folgten, über die Umfriedigung des Ackers.

»Ha, wenn ihr zum Gars wollt, müßt ihr wieder dahin zurückgehen, woher ihr kommt,« antwortete die Frau, nachdem sie einen mißtrauischen Blick auf die Truppe geworfen.

»Hab' ich dich etwa nach dem Wege zur Vorstadt Gars bei Fougères gefragt, alter Besen?« entgegnete Hulot barsch. »Bei der heiligen Anna von Auray, hast du den Gars hier vorüberkommen sehen?«

»Weiß nich, was ihr meint,« gab die Frau zur Antwort und bückte sich, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen.

»Verdammte Vettel,« schrie Hulot, »willst du uns denn den Blauen unters Messer liefern, die hinter uns her sind?«

Bei diesen Worten sah die Frau auf und warf wiederum einen argwöhnischen Blick auf die Gegenchouans. Dann sagte sie:

»Wie können denn die Blauen hinter euch her sein? Ich hab ihrer grade sieben oder acht nach Fougères zurückgehen sehn, da auf'm unteren Wege.«

»Sieht sie nicht aus, als wollte sie uns mit der Nase beißen?« meinte Hulot. »Da schau, du alte Ziege!«

Und der Kommandant wies ihr mit der Hand drei oder vier von seinen Wachtposten, deren Hüte, Uniformen und Gewehre, da sie nicht weiter als etwa fünfzig Schritte entfernt standen, leicht zu erkennen waren.

»Willst du die Kerls abkehlen lassen, die Marche-á-terre dem Gars zu Hilfe schickt, weil die Leute von Fougères ihn in die Falle locken wollen?« fuhr er in höchstem Zorne fort.

»Ach, entschuldigt!« erwiderte die Frau. »Aber unsereins fällt gar zu leicht herein. Aus welchem Kirchspiel seid ihr denn?« fragte sie.

»Aus Saint-Georges,« riefen ihr zwei oder drei der Nationalgardisten in niederbretonischer Mundart zu. »Und wir kommen vor Hunger um!«

»Na schön, paßt auf,« sagte die Frau. »Da unten, wo der Rauch aufsteigt, das ist mein Haus. Wenn ihr den Bergwegen auf der rechten Seite folgt, kommt ihr von der Höhe aus hin. Vielleicht trefft ihr meinen Mann unterwegs. Galope-chopine muß Wache stehen, damit er den Gars rechtzeitig warnen kann, denn ihr müßt wissen, daß er heute bei uns ist,« setzte sie stolz hinzu.

»Schönen Dank, gute Frau,« antwortete Hulot. »Vorwärts marsch, zum Donnerwetter!« rief er dann seinen Leuten zu, worauf die Gruppe im Laufschritt dem Kommandanten folgte, der auf den bezeichneten Wegen davoneilte. Als sie den so wenig katholischen Fluch des angeblichen Chouans hörte, erblaßte die Bäuerin. Sie musterte die Gamaschen und Ziegenfelle der abziehenden Leute, hockte sich dann plötzlich auf die Erde nieder, drückte ihr Kind fest an sich und sprach:

»Die heilige Anna von Auray und der selige Labre erbarme sich unser. Ich glaube nicht, daß die dort zu uns gehören, ihre Stiefel sind nicht benagelt. – – Lauf auf dem unteren Wege zum Vater und erzähl ihm, was vorgefallen ist,« wandte sie sich an den kleinen Jungen, der schnell wie ein Reh zwischen den Ginsterbüschen entschwand.

Fräulein von Verneuil war keinem der royalistischen und republikanischen Streifkorps begegnet, die in dem Labyrinth der um Galope-chopines Hütte gelegenen Felder Jagd aufeinander machten. Als sie eine bläuliche Rauchsäule aus dem halb eingefallenen Schornstein der traurigen Behausung aufsteigen sah, fühlte sie ihr Herz mit den raschen, tönenden Schlägen klopfen, die das Blut in Wogen zum Halse zu treiben scheinen. Sie blieb stehen, stützte sich mit der Hand auf einen Baumast und betrachtete den Rauch, der den Feinden des Gars ebensowohl wie seinen Freunden als Wegzeichen dienen sollte. Nie zuvor hatte sie eine so vernichtende Gemütsbewegung empfunden.

»Ach, ich liebe ihn zu sehr!« dachte sie in einer Art von Verzweiflung. »Heute werde ich vielleicht nicht Herr über mich selbst bleiben können . . .«

Hastig durchmaß sie den Raum, der sie von der Hütte trennte, und stand nun im Hofe, dessen Kot im Frost erstarrt war. Der Hund stürzte bellend auf sie zu; doch auf ein Wort Galope-chopines wedelte er mit dem Schwanze und war still.

Als sie die Hütte betrat, warf Fräulein von Verneuil einen jener Blicke um sich, denen nichts entgeht. Erleichtert atmete sie auf, als sie sah, daß der Gars noch nicht da war, und nahm mit Vergnügen wahr, daß der Chouan sich bemüht hatte, ein wenig Sauberkeit in sein einziges schmutziges Zimmer zu bringen. Galope-chopine ergriff seine Flinte, grüßte seinen Gast schweigend und ging mit dem Hunde hinaus. Sie folgte ihm bis an die Schwelle und sah, wie er sich auf dem Wege entfernte, der rechts von der Hütte seinen Anfang nahm, und dessen Zutritt durch einen dicken, verfaulten Ast geschützt wurde, der einen halbverfallenen Echalier bildete.

Von hier aus konnte sie eine Felderreihe überschauen, deren Echaliers sich dem Auge wie eine Aufeinanderfolge von Toren darboten, denn die blätterlosen Bäume und Hecken gestatteten, die geringsten Einzelheiten der Landschaft wahrzunehmen.

Als Galope-chopines breiter Hut gänzlich verschwunden war, wandte sich Fräulein von Verneuil nach links und suchte die Kirche von Fougères mit dem Blick. Doch der Schuppen verdeckte sie vollständig. Nun schaute sie das Couësnontal hinab, das gleich einem ungeheuren Musselintuche vor ihr lag, dessen Weiße den grauen, schneebeladenen Himmel noch trüber erscheinen ließ. Es war einer jener Tage, an welchen die Natur verstummt zu sein scheint und die Luft alle Geräusche aufsaugt. So war denn trotz der Blauen und ihrer Gegenchouans, die das von ihnen gebildete Dreieck immer dichter um die Hütte zogen, die Stille so tief, daß es Fräulein von Verneuil ganz beklommen zumute wurde und sie neben ihrer Seelenangst noch eine Art körperlicher Niedergeschlagenheit fühlte.

Endlich sah sie in einiger Entfernung, wo ein hölzernes Gitter die Reihe der Echaliers abschloß, einen jungen Mann die Umzäunungen wie ein Eichhörnchen überspringen und mit erstaunlicher Schnelligkeit vorwärtseilen.

»Das ist er,« sagte sie zu sich selbst.

Wäre nicht die Anmut seiner Bewegungen gewesen, so hätte sie ihn schwerlich erkannt, denn er war wie ein einfacher Chouan in ein Kitzfell gekleidet und trug sein Gewehr am Riemen über dem Rücken. Rasch zog sich Marie in die Hütte zurück, wobei sie einem dieser unwillkürlichen Antriebe folgte, die sich so wenig erklären lassen wie die Furcht. Doch bald stand er nur zwei Schritte von ihr entfernt am Kamin, in dem ein helles, lebhaftes Feuer loderte. Beide blieben vor Erregung stumm und fürchteten, sich anzublicken oder eine Bewegung zu machen. Dieselbe Hoffnung belebte beide, derselbe Zweifel schob sich trennend zwischen sie. Es war Angst und Wollust zugleich.

»Herr von Montauran,« sagte endlich Fräulein von Verneuil, »nur die Sorge um Ihre Sicherheit hat mich hierher geführt.«

»Meine Sicherheit?« wiederholte er bitter.

»Ja,« versetzte sie. »Solange ich in Fougères bleiben werde, ist Ihr Leben gefährdet, und ich liebe Sie zu sehr, um nicht noch heute abend abzureisen. Suchen Sie mich also nicht mehr dort.«

»Sie wollen abreisen, teurer Engel . . .! Dann folge ich Ihnen.«

»Mir folgen? Wo denken Sie hin! Und die Blauen?«

»Aber meine liebe Marie, was hat denn unsere Liebe mit den Blauen zu tun?«

»Mir scheint es aber schwer, daß Sie in Frankreich bei mir bleiben, und noch schwerer, daß Sie es mit mir zusammen verlassen.«

»Gibt es denn etwas Unmögliches für den, der wahrhaft liebt?«

»Ach . . .! Ich glaube ja, daß alles möglich ist. Habe ich nicht sogar den Mut gefunden, um Ihrer selbst willen auf Sie zu verzichten?«

»Wie! einem furchtbaren Menschen haben Sie sich geschenkt, und Sie wollen einen Mann nicht glücklich machen, der Sie anbetet, dessen ganzes Leben Sie erfüllen werden, und der Ihnen schwört, nie einer andern als Ihnen zu gehören? Sag, Marie, liebst du mich?«

»Ja,« antwortete sie einfach.

»Nun, so sei mein.«

»Haben Sie vergessen, daß ich die schmähliche Rolle der Courtisane wieder aufgenommen habe, und daß vielmehr Sie es sind, der mir gehören soll? Wenn ich Sie meiden will, so geschieht es, um nicht auf Ihr Haupt die Verachtung zu laden, die mich treffen könnte. Wenn ich nicht diese Befürchtung hätte . . .«

»Aber wenn ich nichts fürchte . . .?«

»Wer steht mir dafür? Ich bin mißtrauisch. Wer würde das in meiner Lage auch nicht sein? Wenn die Liebe, die wir einflößen, nicht von Dauer ist, so soll sie doch wenigstens vollkommen sein und uns stark genug machen, mit Freuden die Ungerechtigkeit der Welt zu erdulden. Was haben Sie für mich getan? . . . Sie begehren mich. Glauben Sie, sich dadurch recht hoch über diejenigen erhoben zu haben, die mich vor Ihnen sahen? – Haben Sie jemals für eine Stunde des Glückes Ihre Chouans darangewagt, ohne sich mehr um sie zu sorgen, als ich um die hingemordeten Blauen trauerte, nachdem alles für mich verloren war? Wenn ich nun von Ihnen verlangte, daß Sie mir zuliebe auf alle Ihre Pläne, Ihre Hoffnungen, ja selbst auf Ihren König verzichten sollten, der meine Eifersucht erregt und der vielleicht über Sie spotten wird, wenn Sie sich für ihn zugrunde richten, während ich in heiliger Ehrfurcht für Sie sterben könnte, – kurz, wenn ich forderte, daß Sie dem Ersten Konsul Ihre Unterwerfung anzeigten, damit Sie mir nach Paris folgen könnten; wenn ich wollte, daß wir zusammen nach Amerika gingen, um dort weit von einer Welt entfernt zu leben, in der alles eitel ist, damit ich wüßte, ob Sie mich wirklich um meiner selbst willen lieben, wie ich Sie in diesem Augenblick liebe. Um alles in einem Wort zu sagen, wenn ich Sie, statt mich von Ihnen emporheben zu lassen, zu mir herabzuziehen wünschte – was würden Sie dann tun?«

»Schweig, Marie, mache dich selbst nicht schlecht! Armes Kind, ich begreife dich. Sieh, wenn mein erstes Verlangen zur Leidenschaft geworden war, so ist meine Leidenschaft jetzt Liebe. Seele meiner Seele, ich weiß, daß du so adlig bist wie dein Name und ebenso groß wie schön. Ich selbst bin edel genug und fühle mich stark genug, um dir in der Welt Achtung zu verschaffen. Kommt das, weil ich von dir unerhörte, unendliche Wonnen erhoffe, kommt es, weil ich in deiner Seele die köstlichen Eigenschaften gefunden zu haben glaube, die uns auf immer an eine Frau fesseln? Ich weiß es nicht. Doch meine Liebe ist ohne Grenzen, und es scheint, als könne ich dich nicht mehr entbehren. Ja, mein Leben würde mir zum Abscheu werden, wenn du nicht immer bei mir wärest . . .«

»Wie, bei Ihnen?«

»O Marie! Willst du mich denn nicht verstehen?«

»Ach, glauben Sie wirklich, mir sehr zu schmeicheln, indem Sie mir Ihren Namen, Ihre Hand antragen?« sagte sie mit offensichtlicher Verachtung, sah aber dabei den Marquis fest an, um seine geheimsten Gedanken zu erforschen. »Wissen Sie denn, ob Sie mich in einem halben Jahre noch lieben werden? Und was würde dann mein Los sein! Nein nein, nur eine Geliebte ist der Gefühle sicher, die ein Mann ihr bezeugt, denn Pflicht, Gesetze, Gesellschaft, Sorge für die Kinder sind nur ein trauriger Notbehelf; und wenn ihre Macht von Dauer ist, findet sie darin soviel Glück und Süßigkeit, daß sie dafür die größten Kümmernisse auf sich nimmt. Ihre Frau sein und Gefahr laufen, Ihnen eines Tages zur Last zu fallen! . . . Nein, dieser Angst ziehe ich ein flüchtiges, aber wahres Liebesglück vor, selbst wenn es mit Elend und Tod enden sollte! Ja, ich könnte, eher als jede andere Frau, eine tugendhafte Mutter, eine hingebende Gattin sein; um aber solche Gefühle in der Seele einer Frau zu nähren, darf ein Mann sie nicht in einem Anfall von Leidenschaft heiraten. Und weiß ich im übrigen selbst, ob Sie mir morgen noch gefallen werden? Nein, ich will nicht an Ihrem Unglück schuld sein; ich verlasse die Bretagne,« sagte sie, als sie etwas wie Unschlüssigkeit in seinem Blick bemerkte, »ich kehre nach Fougères zurück, und Sie werden mich dort nicht aufsuchen . . .«

»Gut denn! Wenn du übermorgen früh von dem Saint-Sulpicer Felsen Rauch aufsteigen siehst, werde ich am Abend bei dir sein, als Geliebter, als Gatte, was du willst, daß ich sei! Dann werde ich alle Hindernisse überwunden haben!«

»Du liebst mich also doch sehr,« sagte sie trunken vor Freude, »daß du so dein Leben wagst, ehe du es mir schenkst?«

Er antwortete nicht. Er sah sie nur an, und sie senkte die Augen. Doch auf dem brennenden Antlitz seiner Geliebten las er eine Wonne, die der seinen gleichkam. Er breitete die Arme nach ihr aus, und nun riß eine Art Wahnsinn Fräulein von Verneuil fort, so daß sie dem Marquis zärtlich an die Brust sank, entschlossen, sich ihm hinzugeben, um aus diesem Fehltritt das größte Glück zu schaffen, indem sie ihre ganze Zukunft aufs Spiel setzte, die sie doch wiederum am besten sicherte, wenn sie aus dieser letzten Prüfung siegreich hervorging. Doch kaum hatte sie ihren Kopf auf die Schulter des Geliebten gelegt, als ein leichtes Geräusch draußen hörbar wurde. Sie entriß sich seinen Armen, als sei sie plötzlich erwacht, und stürzte aus der Hütte. Nun erst vermochte sie nachzudenken, und als sie am Schuppen stand, sprach sie zu sich selbst:

»Er hätte mich genommen und dann vielleicht über mich gespottet! Ach, wenn ich das glauben müßte, würde ich ihn töten!«

»Oh, noch nicht,« fuhr sie laut fort, als sie Beau-pied gewahrte, und gab ihm einen Wink, den der Soldat merkwürdig gut verstand, denn er drehte sich stehenden Fußes um und tat, als habe er nichts gesehen.

Fräulein von Verneuil kehrte nun rasch in die Hütte zurück und bedeutete dem jungen General, sich lautlos still zu verhalten, indem sie die Lippen unter dem Zeigefinger ihrer Rechten zusammenpreßte.

»Sie sind da,« sagte sie tief erschrocken mit leiser Stimme.

»Wer?«

»Die Blauen.«

»Ha! Ich sterbe nicht, ehe ich . . .«

»Ja, nimm . . .«

Er riß die vor Schreck Erstarrte, die keinen Widerstand leistete, in seine Arme und raubte ihren Lippen einen Kuß, der Wonne und Grausen in sich schloß, denn er konnte der erste und der letzte zugleich sein. Dann traten sie zusammen auf die Schwelle, indem sie sich so stellten, daß sie alles beobachten konnten, ohne selber bemerkt zu werden. Der Marquis sah Gudin an der Spitze seiner zwölf Mann, die den unteren Teil des Couësnontales besetzt hatten; er wandte sich der Reihe der Echaliers zu: der dicke verfaulte Baumstamm wurde von sieben Soldaten bewacht. Nun stieg er auf das Weinfaß und drückte das Schindeldach ein, um von hier auf die Anhöhe zu springen; doch hastig zog er den Kopf aus der Luke zurück, die er gemacht hatte, denn der Kommandant hielt die Höhe und schnitt ihm den Weg nach Fougères ab.

Er sah seine Geliebte an, die verzweifelt aufschrie, als sie die schweren Fußtritte der drei Abteilungen hörte, die das Haus umzingelt hatten.

»Geh du zuerst hinaus,« sprach er zu ihr, »du wirst mich schützen.«

Ohne über den Sinn seiner Worte nachzudenken, stellte sie sich vor die Tür, während der Marquis seine Büchse lud. Nachdem er dann den Raum zwischen der Türschwelle und dem dicken Baumstamm abgemessen hatte, warf er sich den sieben Blauen entgegen, feuerte mitten in sie hinein und bahnte sich einen Weg durch sie hindurch. Die drei Truppenteile stürzten auf den Echalier zu, den der Royalistenführer übersprungen hatte, sahen ihn aber nur noch mit unerhörter Schnelligkeit feldeinwärts laufen.

»Feuer, Feuer, in Dreiteufelsnamen! Ihr seid keine Franzosen! So schießt doch, ihr Lumpen!« donnerte Hulot.

Im selben Augenblick, als er diese Worte von seiner Anhöhe hinabschrie, gaben seine und Gudins Leute eine gleichzeitige Salve ab, die aber glücklicherweise ihr Ziel verfehlte.

Schon hatte der Marquis die Grenze des ersten Ackers erreicht, als er um ein Haar von Gudin eingeholt worden wäre, der ihm nachgestürzt war, so schnell er vermochte. Als der Gars diesen furchtbaren Gegner nur wenige Klafter hinter sich hörte, verdoppelte er seine Geschwindigkeit. Nichtsdestoweniger kamen sie fast zugleich am Echalier an; doch Montauran schleuderte Gudin seine Büchse so geschickt an den Kopf, daß der Schlag ihn aufhielt.

Mit unbeschreiblicher Angst beobachtete Fräulein von Verneuil dieses Schauspiel, dem auch Hulot und seine Truppe mit der größten Spannung folgten. Unbewußt machten alle stumm die Bewegungen der beiden Läufer mit.

Beim dritten Echalier bückte der Adjutant sich, um etwas aufzuheben, wodurch der Gars, der absichtlich sein Taschenbuch hatte fallen lassen, einen Vorsprung gewann. Schließlich langten sie aber doch zu gleicher Zeit an der von dem bereiften Gehölz gebildeten weißen Wand an. Doch plötzlich sprang Gudin zurück und trat hinter einen Baum. Etwa zwanzig Chouans, die, um ihren Führer nicht zu treffen, bisher nicht zu schießen gewagt hatten, zeigten sich und überschütteten den Baum mit Kugeln. Nun ging Hulots ganze kleine Schar im Laufschritt vor, um Gudin zu retten, der, da er unbewaffnet war, sich von Baum zu Baum zurückzog, indem er jedesmal den Augenblick abpaßte, in dem die königlichen Jäger ihre Gewehre luden. Bald war er der Gefahr entronnen. Die mit den Blauen gemeinsam vorgehenden Gegenchouans, mit Hulot an ihrer Spitze, stießen an der Stelle, wo der Marquis seine Waffe fortgeworfen, mit Gudin zusammen. Im selben Augenblick sah der Adjutant seinen Widersacher ganz erschöpft unter einem der Bäume des kleinen Wäldchens sitzen; er überließ es seinen Kameraden, sich mit den Chouans auseinanderzusetzen, die sich hinter einer seitlich gelegenen Hecke verschanzt hatten, umging sie und näherte sich von neuem dem Marquis mit der Behendigkeit eines Raubtiers. Als die königlichen Jäger diese Schwenkung bemerkten, brachen sie in ein furchtbares Geschrei aus, um ihren Führer zu warnen, und versuchten dann, nachdem sie mit großem Glück auf die Gegenchouans gezielt hatten, ihnen die Spitze zu bieten. Doch die Nationalgardisten erklommen beherzt die von ihren Feinden als Wall benutzte Hecke und nahmen blutige Rache. Nun warfen sich die Chouans auf den Weg, der an dem Acker entlanglief, in dessen Mitte der Vorgang sich abgespielt hatte, und bemächtigten sich der Höhen, die Hulot unvorsichtigerweise aufgegeben hatte. Ehe die Blauen noch Zeit gefunden, sich zu besinnen, hatten die Königstreuen sich bereits in den Spalten jener Felskämme verschanzt, in deren Schutze sie ungefährdet auf Hulots Mannschaft schießen konnten, falls die es sich einfallen lassen sollte, sie dort anzugreifen.

Indes Hulot, von einigen Soldaten gefolgt, langsam auf das Wäldchen zuging, um Gudin aufzusuchen, blieben die Nationalgardisten zurück, um die toten Chouans ihrer Habseligkeiten zu entkleiden und den noch lebenden den Todesstoß zu versetzen; denn in diesem furchtbaren Kriege machte keine der beiden Parteien Gefangene. Da der Marquis gerettet war, erkannten Königstreue wie Blaue stillschweigend die Stärke ihrer beiderseitigen Stellungen und die Nutzlosigkeit eines weiteren Kampfes an, so daß beide Teile nur noch auf den Rückzug bedacht waren.

»Wenn ich auch noch diesen jungen Mann verliere,« rief Hulot, indem er gespannt nach dem Gehölz schaute, »will ich mir nie wieder einen Freund suchen!«

»Haha!« sagte einer der jungen Leute aus Fougères, die mit der Plünderung der Gefallenen beschäftigt waren, »da ist ja ein Vogel mit gelben Federn!«

Und er zeigte seinen Landsleuten eine mit Goldstücken angefüllte Börse, die er in der Tasche eines dicken, schwarz gekleideten Mannes gefunden.

»Aber was hat er denn da noch?« meinte ein anderer, indem er ein Brevier aus dem Rocke des Toten zog.

»Das ist geweihtes Brot, ein Priester ist es!« rief er dann und schleuderte das Buch fort.

»Der Spitzbube, er macht uns bankrott!« sagte ein Dritter, der nur zwei Taler in den Taschen des von ihm geplünderten Chouans gefunden hatte.

»Ja, aber er hat ein Paar ganz brauchbare Schuhe,« erwiderte ein anderer und machte Miene, sie sich anzueignen.

»Wenn sie auf dein Los fallen, bekommst du sie,« rief ihm der erste zu, und riß sie dem Toten von den Füßen, um sie zu dem Haufen der bereits aufgeschichteten Beutestücke zu werfen.

Ein vierter Gegenchouan nahm alles Geld an sich, um es nachher zu verteilen, wenn alle Teilnehmer des Streifzuges beisammen wären.

Als Hulot mit seinem jungen Adjutanten zurückkehrte, dessen letzter Versuch, den Gars zu stellen, ebenso gefährlich wie nutzlos gewesen, fand er etwa zwanzig von seinen Leuten und dreißig Gegenchouans vor elf gefallenen Feinden, deren Leichen sie in eine Ackerfurche unterhalb der Hecke geworfen hatten.

»Soldaten,« rief Hulot streng, »ich verbiete euch, diese Lumpen unter euch zu verteilen. Angetreten, vorwärts!«

»Herr Kommandant,« sagte ein Soldat, indem er auf seine Schuhe zeigte, aus denen seine Fußspitzen ein ganzes Stück hervorsahen, »das Geld – nun ja. Aber hier die Stiefel,« setzte er hinzu, und wies mit dem Gewehrkolben auf ein Paar eisenbeschlagener Schuhe, »die würden mir wie angegossen sitzen.«

»Willst du englisches Schuhzeug an die Füße ziehen?« fragte Hulot.

»Herr Kommandant,« sagte einer der Nationalgardisten ehrerbietig, »von Kriegsbeginn an haben wir immer die Beute geteilt . . .«

»Euch verwehre ich nicht, eurer Gewohnheit zu folgen,« unterbrach ihn Hulot barsch.

»Hier, Gudin, hast du eine Börse mit drei Louisdors. Du hast es dir sauer werden lassen, da wird der Herr Kommandant nichts dagegen haben, wenn du sie nimmst,« sagte einer seiner früheren Kameraden zu dem Adjutanten.

Hulot blickte Gudin von der Seite an und sah ihn erbleichen.

»Das ist die Börse meines Onkels,« rief der junge Offizier.

Von der ausgestandenen Anstrengung ganz erschöpft, tat er ein paar Schritte auf den Haufen der Toten zu, wo sich ihm als erster Anblick der Leichnam seines Onkels bot. Doch nur einen flüchtigen Blick warf er auf das von bläulichen Adern durchfurchte, kupferrote Gesicht, die erstarrten Glieder und die von dem Schusse herrührende Wunde. Dann stieß er einen erstickten Schrei aus und sagte: »Lassen Sie uns abmarschieren, Herr Kommandant!«

Der Trupp der Blauen setzte sich in Bewegung. Hulot stützte seinen jungen Freund, indem er ihm den Arm bot.

»Zum Donnerwetter, laß es gut sein,« sagte der alte Kriegsmann.

»Ach! er ist tot,« antwortete Gudin, »tot! Er war mein einziger Verwandter. Er hatte mich lieb. Wäre der König zurückgekommen, so würde das ganze Land nach meinem Kopfe gefahndet haben, er aber hätte mich unter seinem Talar geborgen.«

»Was für ein Dummkopf er ist,« meinten die zur Verteilung der Beute zurückgebliebenen Nationalgardisten. »Der Alte war doch ein reicher Mann und hat unter diesen Umständen nicht Zeit gefunden, ein Testament zu machen, in dem er ihn hätte enterben können!«

Nach geschehener Teilung folgten die Gegenchouans dem kleinen Trupp der Blauen und marschierten in einiger Entfernung hinter ihnen her.

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