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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel

»Es scheint mir, Bürger Diplomat, dass du dich gelegentlich von diesem Mädchen da in die Flucht schlagen läßt,« sagte Hulot zu Corentin, als sie ein paar Schritte vom Haus entfernt waren.

»Mir kommt es ganz selbstverständlich vor, Bürger Kommandant,« antwortete Corentin nachdenklich, »daß du in allem, was sie uns gesagt hat, nur eine Schießerei gewittert hast. Ihr Schützen habt keine Ahnung, daß es mehrere Arten gibt, Krieg zu führen. Geschickt die Leidenschaften der Menschen als Triebfedern benutzen, die man zum Wohle des Staates in Bewegung setzt; jedes Räderwerk in dieser großen Maschine, die wir Regierung nennen, an seinen richtigen Platz setzen und sich ein Vergnügen daraus machen, die unbändigsten Gefühle hineinzusperren, gleich Gewehrabzügen, deren Kraft und Spiel man mit Belustigung überwacht, – heißt das nicht schaffen und sich, wie Gott, in den Weltenmittelpunkt stellen?«

»Du wirst mir gestatten, mein Handwerk dem deinen vorzuziehen,« antwortete Hulot trocken. »Tut ihr nur alles, was euch beliebt, mit eurem Räderwerk. Ich für meinen Teil kenne keinen anderen Vorgesetzten als den Kriegsminister, ich habe meine Befehle und werde mit meinen Kerlen ins Feld ziehen, die nicht wanken und weichen und den Feind von vorn nehmen, den du von rückwärts anfallen willst.«

»Nun, mach dich immerhin marschbereit,« erwiderte Corentin. »Nach dem, was das Mädchen mich hat erraten lassen, so rätselhaft sie dir auch scheint, wirst du bald zu tun bekommen, und ich werde dir binnen kurzem das Vergnügen eines Tête-à-têtes mit dem Räuberhauptmann verschaffen.«

»Wie das?« fragte Hulot und trat einen Schritt zurück, um den sonderbaren Menschen besser ins Auge fassen zu können.

»Fräulein von Verneuil liebt den Gars,« versetzte Corentin finster, »und vielleicht wird sie wiedergeliebt! Ein Marquis mit dem Bande des Königlichen Hausordens, der jung und geistvoll, ja womöglich auch noch reich ist – wie viele Versuchungen sind das nicht! Sie wäre recht unklug, wollte sie nicht zu ihrem eigenen Besten handeln, indem sie versucht, ihn lieber zu heiraten, als ihn uns auszuliefern! Sie will uns zum Narren halten. Aber ich habe in ihren Augen eine gewisse Unsicherheit gelesen. Wahrscheinlich werden die beiden Liebenden sich ein Stelldichein geben; vielleicht ist es sogar schon verabredet. Nun, morgen werde ich den Stier bei den Hörnern packen. Bis jetzt war Montauran nur der Feind der Republik, nun ist er auch der meinige; und noch sind alle, die es versuchten, sich zwischen mich und dieses Mädchen zu drängen, auf dem Schafott gestorben, selbst Danton.«

Nachdem er ausgeredet hatte, versank Corentin wieder in tiefes Nachsinnen, was ihn verhinderte, den Abscheu zu bemerken, der sich auf den Zügen des redlichen alten Militärs widerspiegelte, sobald er den ganzen Umfang der Ränke Fouchés und den Mechanismus der von ihm zur Anwendung gebrachten Triebfedern erkannte. So beschloß denn Hulot bei sich, Corentin in allem zuwiderzuhandeln, was den Erfolgen und Wünschen der Regierung nicht wesentlichen Nachteil bringen würde, und dem Feinde der Republik wenigstens dazu zu verhelfen, ehrenvoll und mit der Waffe in der Hand zu sterben, ehe er ihn eine Beute des Henkers werden ließe, als dessen Lieferant dieser Häscher der hohen Polizei sich bekannte.

»Wenn der Erste Konsul auf mich hören wollte,« sprach er, indem er Corentin den Rücken zudrehte, »würde er diese Füchse da gegen die Aristokraten ausschicken, denn sie sind einer des andern wert, und die Soldaten zu ganz was andrem benutzen!«

Corentin schaute den Offizier, dessen Gedanken er vollkommen erriet, kalt an, und seine Augen nahmen wieder den sardonischen Ausdruck an, der die Überlegenheit dieses Machiavell im kleinen verriet.

»Gebt solchen Tieren nur drei Ellen blaues Tuch und hängt ihnen ein Stück Eisen an die Hüfte,« sagte er vor sich hin, »und sie bilden sich ein, man dürfe in der Politik die Leute nur auf eine Weise umbringen.«

Nachdenklich ging er ein paar Schritte weiter. Dann fuhr er plötzlich in seinem Selbstgespräche fort: »Ja, der Augenblick ist gekommen, dieses Weib wird mir nun endlich gehören! Seit zehn Jahren verengert sich allmählich der Kreis, den ich um sie ziehe, ich habe sie in der Gewalt, und an ihrer Seite werde ich es in der Regierung zu einer noch höheren Stelle bringen als mein Freund Fouché. Ja, wenn sie den einzigen verliert, den sie geliebt hat, wird ihr Schmerz sie mir mit Leib und Seele überliefern. Es handelt sich jetzt nur noch darum, Tag und Nacht auf der Lauer zu liegen, um ihr ihr Geheimnis zu entreißen.«

Ein paar Minuten später hätte ein Beobachter das blasse, magere Gesicht dieses Staatsmannes hinter dem Fenster eines Hauses bemerken können, von wo aus er genau alles verfolgen konnte, was durch die von der Häuserreihe gebildete Sackgasse kam, die mit der Sankt Leonhardskirche parallel lief. Mit der Geduld der Katze, die der Maus auflauert, stand Corentin noch am nächsten Morgen auf seinem Posten, achtete auf das geringste Geräusch und war ganz davon in Anspruch genommen, jeden Vorübergehenden einer strengen Musterung zu unterwerfen. Der soeben anbrechende Tag war ein Markttag. Obwohl sich in diesen stürmischen Zeiten die Bauern nur schwer entschlossen, in die Stadt zu kommen, sah Corentin einen kleinen Mann mit finsterem Gesicht, der ein Ziegenfell und am Arm einen kleinen, runden Korb von flacher Form trug, auf das Haus des Fräuleins von Verneuil zugehen, nachdem er sich mit anscheinend gleichgültigen Blicken zuvor umgeschaut hatte. Corentin ging auf die Straße, um den Bauern an der Haustüre zu erwarten; doch plötzlich überlegte er sich, wenn er unversehens in Maries Zimmer trete, könne er vielleicht mit einem einzigen Blick die im Korbe dieses Boten befindlichen Geheimnisse erhaschen. Außerdem hatte die Erfahrung ihn gelehrt, daß es fast unmöglich ist, mit Erfolg gegen die unergründlichen Antworten der Bretonen und Normannen anzukämpfen.

»Galope-chopine!« rief Fräulein von Verneuil aus, als Francine den Chouan hereinführte. »Liebt er mich also wirklich?« setzte sie halblaut hinzu.

Eine instinktive Hoffnung verbreitete auf ihren Zügen die heftigste Röte und Freude in ihrem Herzen. Galope-chopine betrachtete abwechselnd die Herrin des Hauses und Francine, indem er mißtrauische Blicke auf diese warf. Doch ein Wink Maries beruhigte ihn.

»Madame,« sagte er, »gegen zwei Uhr wird er bei mir sein und auf Sie warten.«

Die Aufregung erlaubte Fräulein von Verneuil nicht, anders als durch ein Kopfnicken zu antworten, doch ein Samojede hätte die ganze Bedeutung dieses Zeichens begriffen. In diesem Augenblick wurden Corentins Schritte im Salon hörbar. Doch Galope-chopine beunruhigte sich nicht im mindesten, trotzdem der Blick und das Erbeben Maries ihm das Nahen einer Gefahr ankündigten, und als der Spion sein verschlagenes Gesicht zeigte, erhob der Chouan die Stimme derart, daß das ganze Zimmer dröhnte.

»Ha!« schrie er Francine an, »Butter und Butter ist zweierlei! Für Gibarrybutter wollen Sie nur elf Sous das Pfund zahlen? dazu brauchten Sie mich nicht erst kommen zu lassen! Ich hab' nur die beste Butter!«

Damit öffnete er seinen Korb und entnahm ihm zwei von Barbette zubereitete kleine Klumpen Butter.

»Man muß auch nicht zuviel verlangen, liebe Dame, legen Sie noch einen Sou darauf!«

Seine hohle Stimme verriet keinerlei Gemütsbewegung, und seine von dichten grauen Wimpern beschatteten grünen Augen hielten unerschrocken dem durchdringenden Blicke Corentins stand.

»Geh, schweig doch still, du Tropf; um Butter zu verkaufen bist du nicht hierher gekommen, denn du hast es mit einer Frau zu tun, die nie in ihrem Leben gehandelt hat. Das Handwerk, das du betreibst, alter Freund, wird dich eines Tages um einen Kopf kürzer machen.« – Und indem er ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte, setzte er hinzu: »Auf die Dauer kann man es nicht zugleich mit den Blauen und den Königstreuen halten!«

Galope-chopine bedurfte seiner ganzen Geistesgegenwart, um seine Wut hinunterzuschlucken und nichts auf diese Anschuldigung zu erwidern, die im übrigen nicht unberechtigt war. Doch er begnügte sich damit, zu sagen:

»Der Herr spaßt wohl?«

Corentin hatte ihm den Rücken gedreht. Denn während er Fräulein von Verneuil begrüßte, deren Herz sich angstvoll zusammenzog, konnte er den Chouan leicht im Spiegel beobachten. Galope-chopine glaubte, der Spion sehe ihn nicht mehr, und warf Francine einen fragenden Blick zu, worauf sie ihm die Türe mit den Worten wies:

»Kommt nur mit mir, guter Mann, wir werden schon handelseinig werden.«

Corentin war nichts entgangen, weder das angstverzerrte Gesicht Maries, das ihr Lächeln schlecht verhehlte, noch ihr Erröten und ihr verändertes Aussehen, noch auch die Unruhe des Chouans und die Handbewegung Francines. Er hatte alles bemerkt. Überzeugt davon, daß Galope-chopine ein Sendbote des Marquis sei, packte er ihn an den langen Haaren seines Kitzfells, als er gerade zur Tür hinaus wollte, zog ihn zu sich heran und blickte ihn scharf an, während er ihn fragte:

»Wo wohnst du, Freund? Ich brauche ebenfalls Butter . . .«

»Guter Herr,« antwortete der Chouan, »ganz Fougères weiß, wo ich wohne, ich bin ja sozusagen . . .«

»Corentin!« rief Fräulein von Verneuil hier dazwischen, »Sie sind recht dreist, um diese Stunde zu mir zu kommen und mich so zu überfallen! Ich bin ja noch nicht einmal recht angekleidet . . . Lassen Sie den Bauern in Ruhe, er begreift Ihre Schliche ebensowenig, wie ich deren Gründe. Gehen Sie nur, guter Mann!«

Galope-chopine zögerte einen Augenblick mit dem Fortgehen. Diese natürliche oder gespielte Unentschlossenheit eines armen Wichts, der nicht wußte, wem er gehorchen sollte, hätte Corentin schon beinahe irregeführt, als der Chouan sich auf einen gebieterischen Wink des jungen Mädchens mit schweren Schritten entfernte. Fräulein von Verneuil und Corentin sahen sich schweigend an. Dieses Mal vermochten Maries helle Augen dem kalten Feuer nicht standzuhalten, das aus den Blicken des Mannes sprühte. Die entschlossene Miene, mit der er bei ihr eingedrungen war, ein Gesichtsausdruck, den sie noch nie an ihm wahrgenommen, der matte Klang seiner scharfen Stimme, sein Auftreten, das alles erschreckte sie. Sie ward sich darüber klar, daß nun ein geheimer Kampf zwischen ihm und ihr begann, und daß er alle Machtmittel seines verhängnisvollen Einflusses gegen sie ausspielen würde; doch wenn sie auch jetzt ein klareres Bild von dem Abgrund gewann, in den sie sich stürzte, versuchte sie doch, die eisige Kälte ihrer Vorahnungen abzuschütteln und neue Kraft aus ihrer Liebe zu schöpfen.

»Corentin,« fing sie mit einer Art von Heiterkeit wieder an, »ich hoffe, Sie gestatten mir nunmehr, mich anzukleiden.«

»Marie,« sagte er, »ja, erlauben Sie mir, Sie so zu nennen. Sie kennen mich noch nicht. Hören Sie mich also an. Selbst ein weniger scharfsichtiger Mensch als ich würde Ihre Liebe zu dem Marquis von Montauran erraten haben. Ich habe Ihnen zu wiederholten Malen Herz und Hand angeboten. Sie fanden mich Ihrer nicht würdig, und vielleicht hatten Sie recht damit. Doch wenn Sie sich für zu hochgestellt, zu schön, zu groß für mich halten, werde ich Sie schon zu mir herabzuziehen wissen. Mein Ehrgeiz und meine Grundsätze haben Ihnen wenig Achtung für mich eingeflößt, und darin haben Sie, wenn ich offen sein darf, unrecht. Die Menschen sind nicht mehr wert, als das, was ich von ihnen halte: fast nichts. Ich werde sicherlich noch eine hohe Stellung erringen, deren Ehren Sie teilen sollen. Wer könnte Sie tiefer verehren, wer Sie unumschränkter zu seiner Herrin machen, wenn nicht der Mann, der Sie seit fünf Jahren liebt! Doch auf die Gefahr hin, Ihnen eine ungünstige Meinung mehr über mich beizubringen, denn Sie begreifen nicht, daß man aus übergroßer Liebe auf einen angebeteten Menschen verzichten kann, will ich Ihnen einen Maßstab für die Selbstlosigkeit geben, mit der ich Sie liebe. Schütteln Sie Ihren hübschen Kopf nicht so. Wenn der Marquis Sie liebt, so heiraten Sie ihn. Nur versichern Sie sich zuvor seiner Aufrichtigkeit. Ich würde verzweifelt sein, wenn ich Sie betrogen sähe, denn Ihr Glück ist mir wichtiger als das meine. Vielleicht erstaunt mein Entschluß Sie, schreiben Sie ihn aber nur der Vorsicht eines Mannes zu, der nicht töricht genug ist, eine Frau wider ihren Willen besitzen zu wollen. Zudem klage ich nicht Sie, sondern mich selbst wegen der Erfolglosigkeit meiner Werbung an. Ich hoffte, Sie durch Unterwürfigkeit und Ergebenheit zu erringen, denn seit langem, das wissen Sie, suche ich Sie nach meinen Grundsätzen glücklich zu machen; doch Sie haben mich in keiner Weise dafür belohnt.«

»Ich habe Sie in meiner Nähe geduldet,« entgegnete sie stolz.

»Sagen Sie nur noch, daß Sie es bereuen . . .«

»Nach der schimpflichen Unternehmung, in die Sie mich verwickelt haben, soll ich Ihnen wohl gar noch dankbar sein . . .?«

»Ich hatte nur Ihr Bestes im Auge, als ich Ihnen diese Unternehmung vorschlug, die freilich für zimperliche Seelen nicht ganz untadelig ist,« versetzte er keck. »Für mein Teil mag sie nun gelingen oder mißglücken, ich werde jedes Ergebnis zur Erreichung meiner Ziele zu benutzen wissen. Wenn Sie Herrn von Montauran heiraten sollten, wird es mir eine Freude sein, in Paris, wo ich Mitglied des Clichyklubs bin, der Sache der Bourbonen tatkräftig dienen zu können. Denn ein Umstand, der mich mit den Fürsten in Verbindung brächte, würde mich bestimmen, die Sache einer Republik aufzugeben, die ihrem Verfall entgegengeht. General Bonaparte ist zu schlau, um nicht einzusehen, daß er nicht zugleich in Deutschland, in Italien und hier, wo die Revolution unterliegt, sein kann. Jedenfalls hat er den 18. Brumaire nur gemacht, um von den Bourbonen größere Vorteile zu erlangen, indem er Frankreichs wegen mit ihnen unterhandelt; denn er ist ein gescheiter Bursche und sieht weit. Nur müssen die Politiker ihm auf dem Wege voraneilen, den er einschlägt. Frankreich verraten – das ist auch so ein Vorwurf, den wir Fortgeschrittenen den Dummen überlassen. Ich verhehle Ihnen nicht, daß ich ebensowohl Vollmacht habe, mit den Chouanführern in Unterhandlungen einzutreten als sie zu vernichten. Denn mein Freund Fouché ist ein gewitzter Mann und hat ein doppeltes Spiel gespielt: war er doch gleichzeitig für Robespierre und für Danton.«

»Den Sie feige im Stich gelassen haben,« versetzte sie.

»Unsinn!« erwiderte Corentin. »Er ist tot, vergessen Sie ihn. Kommen Sie, sprechen Sie offenherzig mit mir, wie ich mit Ihnen. Dieser Halbbrigadeführer ist schlauer, als er aussieht, und wenn Sie seine Wachsamkeit zu täuschen beabsichtigen, könnte ich Ihnen dabei von Nutzen sein. Vergessen Sie nicht, daß er die Täler durch Gegenchouans unsicher macht und Ihrem Stelldichein sehr rasch auf die Spur kommen würde! Wenn Sie hier unter seinen Augen bleiben, sind Sie seiner Polizei preisgegeben. Denken Sie nur, mit welcher Schnelligkeit er erfahren hat, daß dieser Chouan bei Ihnen sei! Muß sein militärischer Scharfblick ihm nicht sagen, daß Ihre geringsten Bewegungen ihm die des Marquis verraten werden, sofern Sie von ihm geliebt werden?«

Nie war eine einschmeichelndere Stimme an Maries Ohr gedrungen; Corentin war ganz die Aufrichtigkeit selbst und schien voller Vertrauen. Und das Herz des armen Mädchens war hochherzigen Einflüssen so zugänglich, daß sie schon im Begriffe stand, der Schlange, die sie umstrickte, ihr Geheimnis anzuvertrauen. Indes besann sie sich noch rechtzeitig darauf, daß nichts die Aufrichtigkeit dieser kunstvollen Rede verbürge, und so machte sie sich kein Gewissen daraus, ihren Wächter zu täuschen.

»Nun, ja, Corentin,« antwortete sie, »Sie haben es erraten. Ja, ich liebe den Marquis. Aber ich werde nicht wiedergeliebt! Wenigstens fürchte ich es. Darum scheint mir das von ihm bestimmte Stelldichein auch eine Tücke zu bergen.«

»Aber«, versetzte Corentin, »Sie haben uns doch gestern gesagt, er hätte Sie bis nach Fougères begleitet. Wenn er gewalttätig gegen Sie hätte werden wollen, wären Sie jetzt nicht hier.«

»Sie haben Fischblut in den Adern, Corentin. Über die Vorkommnisse des menschlichen Lebens vermögen Sie weise Berechnungen anzustellen, doch über die einer Liebesleidenschaft nicht. Vielleicht kommt daher die ständige Abneigung, die Sie mir einflößen. Da Sie so scharfsichtig sind, so stellen Sie sich doch einmal vor, wie ungeduldig mich der Mann, von dem ich mich gestern nach einem stürmischen Auftritt getrennt habe, heute in jenem Hause von Florigny an der Straße nach Mayenne erwarten muß.«

Dieses Geständnis, das dem offenherzigen, leidenschaftlichen Mädchen in einer begreiflichen Aufregung entschlüpft zu sein schien, trieb Corentin das Blut ins Gesicht, und er warf insgeheim einen durchbohrenden Blick auf sie, der bis ins Innerste dringen zu wollen schien. Doch Fräulein von Verneuil spielte so geschickt die Unbefangene, daß sie ihn täuschte, und so antwortete er mit erheucheltem Wohlwollen:

»Soll ich Sie von ferne begleiten? Ich würde mir verkleidete Soldaten mitnehmen, und wir würden uns bereithalten, Ihnen zu gehorchen.«

»Nun gut!« erwiderte sie. »Aber versprechen Sie mir bei Ihrer Ehre . . . doch nein, daran glaube ich ja nicht! Bei Ihrer ewigen Seligkeit . . . doch Sie glauben ja nicht an Gott! Bei Ihrer Seele . . . aber vielleicht haben Sie gar keine! Welche Bürgschaft können Sie mir also für Ihre Redlichkeit bieten? Doch ich vertraue mich Ihnen dennoch an und lege in Ihre Hände mehr als mein Leben – meine Liebe oder meine Rache!«

Das leichte Lächeln, das über Corentins fahles Gesicht flog, zeigte Fräulein von Verneuil die Gefahr, der sie soeben entronnen war. Der Scherge, dessen Nasenflügel sich zusammenzogen, statt sich zu erweitern, ergriff die Hand seines Opfers, küßte sie mit den Zeichen tiefster Ehrerbietung und verließ sie dann mit einem Gruße, der nicht ohne Anmut war.

Drei Stunden später verließ Fräulein von Verneuil, da sie die Rückkehr Corentins fürchtete, die Stadt heimlich durch das Leonhardstor und schlug den kleinen Pfad nach dem Nid-aux-crocs ein, der in das Nançontal führte. Als sie so allein durch den Irrgarten der Fußwege auf die Hütte Galope-chopines zuschritt, hielt sie sich für gerettet und ging freudig dahin, von der Hoffnung, endlich das Glück zu finden, und dem Wunsch geleitet, den Geliebten dem Schicksal zu entreißen, das ihn bedrohte.

Corentin suchte inzwischen Hulot auf. Er hatte Mühe, den Kommandanten zu erkennen, den er, mit irgendwelchen militärischen Vorbereitungen beschäftigt, auf einem kleinen Platze fand. Der wackere Alte hatte in der Tat ein Opfer gebracht, dessen Größe man nur schwer wird ermessen können. Zopf und Schnurrbart waren fort und sein nach Art der Geistlichen zurechtgeschnittenes Haar leicht gepudert. Er trug dicke, eisenbeschlagene Stiefel, hatte seine alte blaue Uniform und seinen Degen mit einem Kitzfell vertauscht, sich Pistolen in den Gürtel gesteckt und einen schweren Karabiner zur Hand genommen und musterte nun zweihundert Bürger aus Fougères, deren Anputz das Auge auch des geübtesten Chouans hätte täuschen können. In dieser keineswegs neuartigen Szene gaben sich der kriegerische Geist dieser kleinen Stadt und der bretonische Charakter kund. Hier und dort brachte eine Mutter, eine Schwester ihrem Sohn oder Bruder eine Kürbisflasche mit Branntwein oder die vergessenen Pistolen. Ein paar Greise erkundigten sich nach Zahl und Güte der Kartätschen dieser als Gegenchouans verkleideten Nationalgardisten, deren Fröhlichkeit eher auf einen Jagdausflug als auf eine gefahrvolle Unternehmung schließen ließ. Für sie schienen die Zwischenfälle des Chouankrieges, bei denen die Bretonen aus der Stadt gegen die Bretonen vom Lande kämpften, die Ritterspiele abgelöst zu haben. Diese vaterländische Begeisterung hatte vielleicht die Erwerbung einiger Nationalgüter zum Ursprung; doch sprachen auch die in den Städten mehr gewürdigten Errungenschaften der Revolution, der Parteigeist und eine gewisse, allen Landeskindern eigene Kriegsliebe bei diesem Eifer mit. Der aufs höchste verwunderte Hulot durchlief die Reihen und ließ sich von Gudin, auf den er alle die Freundschaftsgefühle übertragen hatte, die zuvor Gérard und Merle besessen, Aufklärungen geben.

Eine stattliche Anzahl von Einwohnern verfolgte die Vorbereitungen zu der Unternehmung mit aufmerksamen Blicken und verglich die Haltung ihrer lärmenden Landsleute mit der Zucht, die innerhalb eines gleichfalls bereitstehenden Bataillons von Hulots Halbbrigade herrschte. Stumm und ohne sich zu rühren, erwarteten die Blauen in Reih und Glied, von ihren Offizieren angeführt, die Befehle des Kommandanten, den die Augen jedes einzelnen Soldaten von Gruppe zu Gruppe begleiteten. Corentin konnte sich angesichts der Veränderung, die mit Hulot vor sich gegangen war, eines Lächelns nicht erwehren. Er glich einem Porträt, das keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Original aufweist.

»Was gibt's denn Neues?« fragte Corentin.

»Komm mit bei unserm Streifzug, so wirst du's erfahren.«

»Oh, ich bin ja nicht aus Fougères,« erwiderte Corentin.

»Das sieht man dir wohl an, Bürger,« meinte Gudin.

Aus den nächststehenden Gruppen erklang spöttisches Gelächter.

»Glaubst du denn,« fragte Corentin, »man könne Frankreich nur mit dem Bajonette dienen?«

Er wandte den Lachern den Rücken und sprach eine Frau an, um Zweck und Bestimmung dieses Ausmarsches zur Erfahrung zu bringen.

»Ach, lieber Herr, die Chouans sind schon in Florigny! Es heißt, es wären ihrer mehr als dreitausend und sie rückten vor, um Fougères einzunehmen.«

»Florigny!« rief Corentin erbleichend. »Dann ist das Stelldichein nicht dort. – Meint ihr wohl,« fragte er weiter, »Florigny an der Straße nach Mayenne?«

»Es gibt nur ein Florigny,« antwortete die Frau und zeigte auf den Weg, der sich auf dem Gipfel der Pellerine verlor.

»Suchen Sie etwa den Marquis von Montauran?« wandte sich Corentin an den Kommandanten.

»Das könnte möglich sein,« antwortete Hulot barsch.

»In Florigny ist er nicht,« sagte Corentin. »Schicken Sie Ihr Bataillon und die Nationalgarde dorthin, aber behalten Sie ein paar von Ihren Gegenchouans bei sich und warten Sie auf mich.«

»Er ist zu boshaft, um toll zu sein,« rief der Kommandant aus, als er sah, wie Corentin sich mit langen Schritten entfernte. »Er ist wahrhaftig der König der Spione!«

Gleich darauf gab Hulot seinem Bataillon Befehl, sich in Bewegung zu setzen. Ohne Trommler und unter tiefem Schweigen marschierten die Soldaten durch die enge Vorstadt, die auf die Straße nach Mayenne führte, eine rot und blaue Linie zwischen Häusern und Bäumen beschreibend. Die verkleideten Nationalgardisten folgten ihnen. Hulot aber blieb mit Gudin und ungefähr zwanzig der fähigsten jungen Männer aus der Stadt auf dem kleinen Platze, um Corentin zu erwarten, dessen geheimnisvolle Miene seine Neugier erregt hatte.

Francine selbst teilte dem schlauen Spion, dessen Verdacht nun zur Gewißheit wurde, mit, das Fräulein von Verneuil sei ausgegangen, und sofort machte sich Corentin auf den Weg, um sich über diese unzweifelhaft sehr verdächtige Flucht Aufklärung zu verschaffen. Nachdem er von den Wachtposten am Leonhardstore erfahren, daß die schöne Fremde über das Nid-aux-crocs gegangen sei, eilte er auf die Promenade, wo er unglücklicherweise noch rechtzeitig genug ankam, um Maries Schritte genau verfolgen zu können. Obwohl sie ein grünes Kleid und einen grünen Hut angelegt hatte, um weniger aufzufallen, ließen doch die Sprünge ihres fast wahnsinnigen Laufes durch die blätterlosen, von Rauhreif bedeckten Hecken unschwer erkennen, wohin sie strebte.

»Ah so!« rief er aus. »Du sollst nach Florigny kommen und läufst ins Gibarrytal! Ein Narr bin ich, sie hat mich angeführt. Aber nur Geduld, ich kann auch bei Tage meine Lampe anzünden . . .«

Nun eilte Corentin, der den Ort der Zusammenkunft der beiden Liebenden jetzt annähernd erraten hatte, zu Hulot zurück. Der Kommandant stand gerade im Begriff, den Platz zu verlassen und seinen Truppen zu folgen.

»Halt, General!« rief er dem Kommandanten zu, worauf dieser umkehrte.

In wenigen Minuten hatte Corentin dem Offizier die Begebnisse berichtet, deren Spur er so geschickt aufgefunden, und Hulot, über den Scharfsinn des Diplomaten ganz betroffen, packte ihn lebhaft am Arm.

»Donnerwetter, sonderbarer Bürger, du hast recht! Die Räuber machen da unten einen Scheinangriff! Die beiden mobilen Kolonnen, die ich ausgesandt habe, um das Gelände zwischen der Straße nach Antrain und der nach Vitré zu untersuchen, sind noch nicht zurückgekommen. So werden wir unterwegs Verstärkungen finden, und die werden wir wohl brauchen können, denn der Gars ist nicht so töricht, sein Leben aufs Spiel zu setzen, ohne seine verdammten Käuzchen bei sich zu haben. – »Gudin,« wandte er sich an den jungen Soldaten, »lauf dem Hauptmann Fleury nach und richte ihm aus, er könnte in Florigny auch ohne mich fertig werden und allein den Banditen eins aufbrennen. Dann komm schleunigst zu mir zurück. Du kennst ja die Fußwege; ich erwarte dich, um Jagd auf den Aristokraten zu machen und den Mord von La Vivetière zu rächen. Gottsdonner, wie er rennt!« setzte er hinzu, indem er Gudin nachsah. »Was hätte Gérard den Burschen gern gemocht!«

Bei seiner Rückkehr fand Gudin Hulots kleine Truppe um ein paar Mann verstärkt vor, die der Kommandant den verschiedenen Wachtposten entnommen hatte, und erhielt nun Befehl, ein Dutzend der am besten verkleideten unter seinen als Gegenchouans auftretenden Landsleuten auszuwählen und die Stadt durch das Leonhardstor zu verlassen, um den felsigen Abhang von Saint-Sulpice nach dem großen Couësnontale hinunter abzustreifen, wo auch die Hütte Galope-chopines lag. Dann stellte Hulot sich selbst an die Spitze der übrigen Soldaten und nahm den Weg durch das Tor von Saint-Sulpice, um sich nach den Berghöhen zu begeben. Dort mußte er seiner Berechnung nach die Truppe Beau-pieds treffen, die er zur Verstärkung eines Gürtels von Schildwachen benutzen wollte, damit die Felsen von der Vorstadt Saint-Sulpice an bis zum Nid-aux-crocs unter Bewachung stünden.

Corentin, nunmehr überzeugt, das Schicksal dessen, dem er den Untergang geschworen, in die Hände seiner unerbittlichsten Feinde gelegt zu haben, begab sich wiederum auf die Promenade, um die Gesamtheit von Hulots Maßnahmen besser übersehen zu können.

Bald erblickte er Gudins kleine Schar, die durch das Nançontal marschierte und den Felsen längs des großen Couësnontales folgte, während Hulot am Schloß von Fougères vorüberging und den gefährlichen Pfad hinanklomm, der auf den Gipfel der Berge von Saint-Sulpice führte. So entwickelten sich die beiden Truppen auf zwei parallelen Linien. Die von glitzerndem Rauhfrost bedeckten Bäume und Sträucher bildeten zierliche Arabesken und warfen einen weißlichen Schimmer auf die Landschaft, bei dem man die beiden kleinen Armeekorps als graue Linien vorrücken sehen konnte.

Als Hulot auf dem Felsplateau angelangt war, sonderte er alle Soldaten, die Uniform trugen, aus seiner Schar ab, und Corentin sah, wie sie auf Befehl des umsichtigen Kommandanten eine Linie fliegender Schildwachen bildeten, die durch einen angemessenen Zwischenraum voneinander getrennt waren. Der erste Wachtposten sollte mit Gudin, der letzte mit Hulot in Verbindung stehen, so daß kein einziger Busch den Bajonetten dieser drei beweglichen Linien entginge, die den Gars von allen Seiten einschlossen.

»Er ist pfiffig, der alte Kommißwolf,« rief Corentin, als er die letzten im Ginster aufblitzenden Bajonettspitzen aus den Augen verlor. »Der Gars ist geliefert!«

*

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