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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

»Das ist ja die reinste Zauberei!« sagte Frau von Gua. »Nur Sie, mein Fräulein, sind imstande, die Leute derart zu überraschen. Ganz allein sind Sie hierher gekommen?«

»Ganz allein,« gab Marie zur Antwort. »So werden Sie heute abend nur mich zu ermorden haben, gnädige Frau.«

»Haben Sie Nachsicht mit mir,« versetzte Frau von Gua. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freue, Sie wiederzusehen. Ich war ganz bedrückt von dem Gedanken an das Unrecht, das ich Ihnen zugefügt habe, und suchte eine Gelegenheit, es wieder gutzumachen.«

»Was Ihr Unrecht betrifft, gnädige Frau, so verzeihe ich Ihnen das mir angetane gern; aber ich habe den Tod der Blauen auf dem Gewissen, die Sie ermordet haben. Vielleicht könnte ich mich auch noch über die Schärfe Ihres Verkehrs mit mir beklagen . . . Doch ich verzeihe Ihnen alles um des Dienstes willen, den Sie mir geleistet haben.«

Frau von Gua kam ganz aus der Fassung, als ihre schöne Nebenbuhlerin ihr die Hand drückte und ihr mit beleidigender Freundlichkeit zulächelte. Der Marquis hatte die ganze Zeit über unbeweglich dagestanden; jetzt aber faßte er den Grafen heftig beim Arm.

»Sie haben mich schmählich belogen,« sprach er zu ihm, »und haben mich und meine Ehre bloßgestellt. Ich bin aber kein Narr und muß Ihr Leben haben oder Ihnen meines lassen.«

»Marquis,« entgegnete der Graf stolz, »ich bin bereit, Ihnen alle Erklärungen zu geben, die Sie wünschen können.«

Sie begaben sich ins anstoßende Zimmer. Auch die Uneingeweihtesten unter den Anwesenden begannen die geheime Tragweite des Auftritts zu ahnen, und als die Geigen einsetzten, rührte sich niemand, um der Aufforderung zum Tanze Folge zu leisten.

»Was für einen hochbedeutenden Dienst habe ich denn die Ehre gehabt, Ihnen zu leisten, mein Fräulein, daß ich verdiene, von Ihnen . . .« fragte Frau von Gua, indem sie die Lippen voller Wut zusammenkniff.

»Haben Sie mich nicht über den wahren Charakter des Marquis von Montauran aufgeklärt, gnädige Frau? Mit welchem Gleichmut sah der entsetzliche Mensch mich in den Tod gehen! Ich überlasse ihn Ihnen von Herzen gern.«

»Was suchen Sie dann aber hier?« sagte Frau von Gua lebhaft.

»Die Achtung und den guten Ruf, den Sie mir in La Vivetière geraubt haben, gnädige Frau. Was das übrige betrifft, so seien Sie beruhigt. Sollte er auch zu mir zurückkommen, so denken Sie daran, daß eine Umkehr nie und nimmer Liebe bedeutet.«

Auf diese Worte ergriff Frau von Gua die Hand ihrer Feindin mit jener liebreichen Geste, die Frauen so gern untereinander zur Anwendung bringen, insbesondere, wenn Männer zugegen sind. »Nun gut denn! Ich bin wirklich hocherfreut, Sie so verständig zu sehen, arme Kleine. Und wenn der Dienst, den ich Ihnen erwiesen habe, zu Anfang auch recht weh getan hat,« sagte sie und drückte die Hand, die sie in der ihren hielt, obwohl sie sie lieber in Stücke gerissen hätte, als sie ihre samtene Weiche spürte, »so wird er doch zum mindesten vollständig sein. Sehen Sie, ich kenne den Charakter des Gars genau,« lächelte sie arglistig, »und weiß gewiß, daß er Sie betrogen haben würde, denn er will und kann Sie nicht heiraten.«

»Oh . . .!«

»Ja, Fräulein; er hat diese gefährliche Sendung nur übernommen, um die Hand des Fräuleins von Rohan zu gewinnen – eine Verbindung, für deren Zustandekommen Seine Majestät vollste Unterstützung zugesagt hat.«

»Soso . . .!«

Diesem spöttischen Ausruf ließ Fräulein von Verneuil kein weiteres Wort folgen. Im übrigen eilte in diesem Augenblick der junge Chevalier auf sie zu, dem es sehr am Herzen lag, Verzeihung für die Spötterei zu erlangen, die den Auftakt zu den Beleidigungen in La Vivetière gegeben hatte, und forderte sie voll Ehrerbietung zum Tanze auf. Sie reichte ihm die Hand und schritt vor, um ihren Platz in der Quadrille einzunehmen, die auch Frau von Gua mittanzte.

Die Kleidung dieser Frauen mit den gepuderten oder gekräuselten Haaren, deren Toiletten an die Tracht des verbannten Hofes erinnerten, schien lächerlich, sobald man sie mit dem zugleich vornehmen, reichen und strengen Gewand verglich, zu dem die Pariser Mode Fräulein von Verneuil ein Recht gab. Daher sie von den Damen auch laut gebrandmarkt, insgeheim aber beneidet wurde. Die Männer hingegen wurden es nicht müde, die Schönheit ihres ungekünstelten Kopfputzes und die Einzelheiten ihres Anzuges zu bewundern, dessen ganzer Reiz in dem ebenmäßigen Gliederbau lag, den er erraten ließ.

In diesem Augenblick kehrten der Marquis und der Graf wieder in den Ballsaal zurück und stellten sich hinter Fräulein von Verneuil auf, die sich jedoch nicht umwandte. Wenn ein gegenüber hängender Spiegel ihr nicht die Anwesenheit des Marquis angezeigt hätte, würde sie sie durch das Benehmen der Frau von Gua erraten haben, die unter einer anscheinend gleichgültigen Miene die Ungeduld schlecht verbarg, mit der sie dem Kampf entgegensah, der früher oder später zwischen den zwei Liebenden entbrennen mußte.

Obwohl Herr von Montauran sich mit dem Grafen und zwei anderen Gästen unterhielt, konnte er recht wohl die Gespräche der Balldamen und ihrer Kavaliere auffangen, die, den Vorschriften des Kontretanzes gehorchend, vorübergehend den Platz Maries und ihrer Nachbarn einnahmen.

»Mein Gott, ja, sie ist ganz allein gekommen, gnädige Frau,« sagte der eine.

»Dazu gehört Beherztheit,« antwortete die Tänzerin.

»Wenn ich so angezogen wäre, käme ich mir vor, wie nackt,« sagte eine andere Dame.

»Nein, besonders sittsam ist ihr Kleid nicht,« erwiderte der Kavalier, »aber sie ist so schön, und es steht ihr so gut!«

»Würden Sie mir glauben, daß ich mich wegen der Vollkommenheit ihres Tanzes für sie schäme?« fiel die Neidische wieder ein. »Finden Sie nicht, daß sie ganz wie ein Ballettmädchen aussieht?«

»Glauben Sie, daß sie namens des Ersten Konsuls hierher kommt, um zu unterhandeln?« fragte eine Dritte.

»Was für ein Einfall!« erwiderte der Kavalier.

»Unschuld wird sie nicht gerade als Morgengabe mitbringen!« lachte seine Tänzerin.

Der Gars fuhr heftig herum, um zu sehen, wer sich diese Spötterei erlaubt hatte, und fing den Blick der Frau von Gua auf, der ihm unzweideutig sagte: »Da sehen Sie, wie man über sie denkt.«

»Gnädige Frau,« hielt der Graf der Feindin Maries lachend entgegen, »bis jetzt haben nur die Frauen sie ihr genommen!«

Der Marquis vergab für diese Worte dem Grafen im Innern all sein Unrecht. Nun wagte er es, einen Blick auf seine Geliebte zu werfen, deren Anmut, wie die fast aller Frauen, durch das Kerzenlicht erhöht wurde, doch sie drehte ihm den Rücken, indem sie auf ihren Platz zurückkehrte und sich mit ihrem Kavalier unterhielt, wobei die einschmeichelndsten Töne ihrer Stimme an das Ohr des Marquis schlugen.

»Der Erste Konsul schickt uns recht gefährliche Gesandte,« sagte der Chevalier von Renty zu ihr.

»Das haben Sie mir schon in La Vivetière gesagt, mein Herr,« versetzte sie.

»Sie haben ja ein ebenso gutes Gedächtnis, wie der König,« meinte der Kavalier, den seine Ungeschicklichkeit ärgerte.

»Um Beleidigungen verzeihen zu können, muß man sich ihrer wohl erinnern,« erwiderte sie lebhaft und half ihm durch ein Lächeln aus seiner Verlegenheit.

»Sind wir in diese Amnestie alle mit einbegriffen?« fragte der Marquis.

Doch sie eilte, ohne ihm zu antworten, in kindlicher Freudetrunkenheit zum Tanzen hinweg und ließ ihn bestürzt zurück. Er sah ihr in starrer Traurigkeit nach; sie bemerkte es und neigte den Kopf mit jener koketten Neigung, die das anmutsvolle Ebenmaß ihres Nackens ihr gestattete, und vergaß dabei auch nicht, sich so zu bewegen, daß die seltene Vollendung ihres Körpers zur vollen Geltung kam. Sie verlockte wie die Hoffnung, entschwand wie die Erinnerung; sie so zu sehen, hieß, sie um jeden Preis besitzen wollen. Das wußte sie gar wohl, und dieses Wissen um die eigene Schönheit lieh ihren Zügen einen unbeschreiblichen Reiz. Im Herzen des Marquis erhob sich ein Wirbel von Liebe, Wut und Tollheit. Heftig drückte er dem Grafen die Hand und entfernte sich.

»Nun – er ist ja fort,« fragte Fräulein von Verneuil, als sie an ihren Platz zurückkehrte.

Der Graf eilte in den Nebensaal und gab seiner Schutzbefohlenen einen Wink des Einverständnisses, als er mit dem Gars zurückkehrte.

»Er ist mein,« dachte sie, während sie im Spiegel den Marquis beobachtete, dessen leicht erregtes Gesicht in Hoffnung strahlte.

Sie empfing ihn schmollend und ohne ein Wort zu sagen, entließ ihn jedoch lächelnd. Sie empfand ihn als so überlegen, daß es ihrem Stolze schmeichelte, ihn tyrannisieren zu können, und sie ihn, einem weiblichen Instinkt zufolge, ein paar gute Worte teuer erkaufen lassen wollte, damit er ihren Wert um so besser schätzen lerne. Als der Kontretanz zu Ende war, umringten sie sämtliche Herren aus La Vivetière, und ein jeder bemühte sich, durch mehr oder minder geschickte Schmeicheleien ihre Verzeihung zu erlangen; nur der eine, den sie zu ihren Füßen hätte sehen wollen, näherte sich der Gruppe nicht, deren Königin sie war.

»Er hält sich noch immer für geliebt,« dachte sie, »und will sich nicht unter die Gleichgültigen mischen.«

Sie schlug den nächsten Tanz aus und ging, als werde dieses Fest eigens für sie gegeben, von Quadrille zu Quadrille, auf den Arm des Grafen von Bauvan gestützt, den sie dabei durch eine gewisse Vertraulichkeit auszeichnete. Das Abenteuer von La Vivetière war mittlerweile der ganzen Gesellschaft in allen Einzelheiten bekannt geworden, dank den Bemühungen der Frau von Gua, die dadurch, daß sie Fräulein von Verneuil und den Marquis auf solche Weise ins Gerede brachte, ihrer Vereinigung ein weiteres Hindernis in den Weg zu legen hoffte. Es war ihr denn auch gelungen, die beiden zum Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit zu machen. Herr von Montauran wagte nicht, sich Marie zu nähern; denn das Gefühl des ihr angetanen Unrechts und die Heftigkeit seiner aufs neue entbrannten Begierden ließen sie ihm beinahe fürchterlich erscheinen. Und so gewahrte das junge Mädchen nur sein erheuchelt ruhiges Gesicht, während sie vorgab, den Tanzenden zuzusehen.

»Es ist entsetzlich heiß hier,« sagte sie zu ihrem Kavalier. »Herrn von Montaurans Stirn ist ganz feucht, wie ich bemerke. Bitte, führen Sie mich auf die andere Seite, damit ich Luft schöpfen kann. Hier ersticke ich.«

Mit einer Kopfbewegung deutete sie nach dem anstoßenden Saale, wo gespielt wurde. Der Marquis folgte seiner Geliebten, deren Worte er von ihren Lippen abgelesen hatte, denn er hoffte, daß sie sich nur deshalb aus dem Gedränge entferne, um ihn wiederzusehen, und diese erhoffte Gunst verlieh seiner Leidenschaft ungekannte Glut; war sie doch durch den Widerstand nur verstärkt worden, den er seit einigen Tagen geglaubt hatte, ihr entgegensetzen zu müssen. Doch Marie gefiel sich darin, ihn zu quälen. Ihr so weicher, so sanfter Blick wurde hart und kalt, sobald er zufällig den Augen des Marquis begegnete. Dieser schien sich sehr überwinden zu müssen, bevor er sie mit verschleierter Stimme fragte:

»Wollen Sie mir denn nicht verzeihen?«

»Die Liebe,« entgegnete sie frostig, »verzeiht nichts oder alles. Nur«, fügte sie hinzu, als sie ihn eine freudige Gebärde machen sah, »muß man auch wirklich lieben.«

Sie ergriff wieder den Arm des Grafen und begab sich hastig in ein an den Spielsaal anstoßendes Boudoir. Der Marquis folgte wiederum.

»Sie sollen mich hören!« rief er.

»Sie könnten den Glauben erwecken, ich sei um Ihretwillen hierher gekommen, und nicht aus Selbstachtung. Wenn Sie diese verhaßte Verfolgung nicht einstellen, verlasse ich den Ball.«

»Nun,« erwiderte er, »so lassen Sie mich nur so lange mit Ihnen reden, wie ich diese Kohle in der Hand halten kann.«

Er bückte sich zum Kamin, ergriff eine glühende Kohle und preßte sie heftig zusammen. Fräulein von Verneuil errötete, zog rasch ihren Arm aus dem des Grafen und betrachtete den Marquis voller Erstaunen. Der Graf entfernte sich leise und ließ die beiden allein. Die tolle Handlung Montaurans hatte Maries Herz erschüttert, denn in der Liebe wirkt nichts so überzeugend wie eine kühne Dummheit.

»Sie beweisen mir hiermit,« sagte sie und versuchte, ihm die Kohle zu entwinden, »daß ich bei Ihnen die schlimmsten Martern zu erdulden hätte. Sie sind in allem überschwänglich. Auf das Zeugnis eines Toren und die Verleumdungen einer Frau hin haben Sie mich, die ich Ihnen das Leben gerettet hatte, verdächtigt, ich könne Sie verkaufen wollen.«

»Oh,« sagte er lächelnd, »ich war grausam gegen Sie. Aber vergessen nur Sie es – ich selbst will es nie vergessen! Hören Sie mich an. Ich bin schamlos getäuscht worden, aber an jenem unglückseligen Tage fanden sich auch gar zu viele Umstände gegen Sie zusammen.«

»Und diese Umstände waren hinreichend, Ihre Liebe zu ersticken?«

Er zögerte mit der Antwort. Da machte sie eine verächtliche Gebärde und erhob sich.

»O Marie! Fortan will ich nur noch Ihnen glauben!«

»So werfen Sie doch diese Kohle fort! Sie sind toll. Öffnen Sie die Hand, ich will es!«

Er konnte es sich nicht versagen, den liebevollen Bemühungen seiner Geliebten schwachen Widerstand entgegenzusetzen, um das schmerzhafte Vergnügen zu verlängern, das er bei dem heftigen Druck ihrer zarten, kosenden Finger verspürte. Doch gelang es ihr schließlich, die Hand zu öffnen, die sie so gerne mit Küssen bedeckt hätte. Das Blut hatte die Kohle zum Verlöschen gebracht.

»Wozu hat Ihnen das nun gedient?« fragte sie.

Aus ihrem Taschentuch zupfte sie Scharpie und legte sie auf die kleine Wunde, die der Marquis dann mit seinem Handschuh bedeckte. Frau von Gua war inzwischen auf den Zehenspitzen in den Spielsaal geschlichen und warf verstohlene Blicke auf die Liebenden, deren Augen sie geschickt auszuweichen verstand, indem sie sich bei ihren geringsten Bewegungen zurückbeugte. Doch wurde es ihr schwer genug, sich den Inhalt ihres Gesprächs aus dem zu erklären, was sie sie tun sah.

»Gestehen Sie, daß ich in diesem Augenblick völlig gerächt wäre, wenn alles das, was man Ihnen über mich gesagt hat, auf Wahrheit beruhte,« sagte Fräulein von Verneuil mit so spöttischem Ausdruck, daß der Marquis erbleichte.

»Und welches Gefühl hat Sie hierher geführt?«

»Sie sind doch ein großer Narr, verehrter Marquis. Sie haben also wirklich geglaubt, eine Frau wie mich ungestraft beleidigen zu können? – Ich kam sowohl um Ihret- als um meinetwillen,« setzte sie nach einer Pause hinzu, indem sie die Hand auf den rubingeschmückten Knauf an ihrer Brust legte und ihm die Klinge ihres Dolches wies.

»Was soll das alles heißen?« fragte sich Frau von Gua.

»Doch,« fuhr Marie fort, »Sie lieben mich immer noch! Wenigstens begehren Sie mich immer noch, und die Dummheit, die Sie begangen haben« – hier ergriff sie seine Hand – »hat mir den Beweis dafür geliefert. Ich bin wieder zu dem geworden, was ich sein wollte, und ich gehe glücklich von hier fort. Wer uns liebt, dem verzeihen wir stets. Und was mich betrifft, so werde ich nicht nur geliebt, ich habe auch die Achtung des Mannes zurückgewonnen, der für mich die ganze Welt bedeutet.«

»So lieben Sie mich noch!« sprach der Marquis.

»Habe ich denn das gesagt!« erwiderte sie mit spöttischer Miene und verfolgte voller Freude die furchtbare Marter, die sie seit ihrer Ankunft dem Marquis aufzuerlegen begonnen hatte. »Mußte ich nicht Opfer bringen, um hierher zu kommen? Ich habe Herrn von Bauvan vom Tode gerettet, und er, der dankbarer ist als Sie, hat mir zum Entgelt für meinen Schutz Namen und Vermögen angetragen. Sie sind nie auf diesen Gedanken gekommen . . .!«

Der von Maries letzten Worten ganz betäubte Marquis unterdrückte mit Mühe den heftigsten Zorn, der je in ihm getobt hatte. Er glaubte sich von dem Grafen hintergangen, er antwortete nicht.

»Nun, denken Sie darüber nach?« sprach sie mit bitterem Lächeln.

»Ihr Zweifel rechtfertigt den meinen, gnädiges Fräulein,« entgegnete er.

»Herr Marquis, lassen Sie uns gehen,« rief Fräulein von Verneuil und erhob sich. Doch in diesem Augenblick gewahrte sie einen Zipfel vom Kleide der Frau von Gua, und der Wunsch, ihre Nebenbuhlerin zu peinigen, ließ sie mit dem Fortgehen zögern.

»Wollen Sie mich denn der Hölle überantworten?« fragte der Marquis und ergriff ihre Hand, um sie heftig zu drücken.

»Bin ich denn nicht seit fünf Tagen durch Ihre Schuld darin? Lassen Sie mich nicht noch in dieser Minute in der grausamsten Ungewißheit über die Aufrichtigkeit Ihrer Liebe?«

»Weiß ich denn, ob die Rache Sie nicht so weit treibt, sich, anstatt mich zu töten, meines ganzen Lebens zu bemächtigen, um es unglücklich zu machen?«

»Ach! Sie lieben mich nicht! Sie denken nur an sich und nicht an mich,« sprach sie zornig und vergoß ein paar Tränen, denn die Kokette kannte sehr wohl die Macht ihrer Augen, wenn sie feucht schimmerten.

»Nun!« sagte er außer sich, »so nimm mein Leben, aber trockne deine Tränen . . .«

»O Geliebter!« rief sie mit erstickter Stimme, »endlich findest du die Worte, die Stimme und den Blick, auf die ich wartete, um dein Glück über meines zu stellen! – Doch,« fuhr sie fort, »ich verlange einen letzten Beweis Ihrer Liebe, von der Sie behaupten, sie sei so groß. Ich will nur solange hier bleiben, bis es offenbar wird, daß Sie mein sind. Ich möchte nicht ein Glas Wasser in dem Hause annehmen, wo eine Frau wohnt, die zweimal versucht hat, mich zu töten, die vielleicht schon wieder Ränke gegen uns schmiedet und die uns jetzt eben belauscht,« schloß sie und zeigte auf die wallenden Falten des Kleides ihrer Feindin.

Dann trocknete sie ihre Tränen und neigte sich zum Ohre ihres Geliebten, der erbebte, als er die Liebkosung ihres süßen Atems spürte.

»Bereiten Sie alles zum Aufbruch vor,« sagte sie leise. »Sie sollen mich nach Fougères begleiten. Erst dort werden Sie erfahren, ob ich Sie liebe! Zum zweiten Male vertraue ich mich Ihnen an. Werden auch Sie sich mir ein zweites Mal anvertrauen?«

»Ach Marie, Sie haben mich so weit gebracht, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue! Ich bin berauscht von Ihren Worten, Ihren Blicken, Ihrem ganzen Ich und will alles tun, was Sie verlangen.«

»Nun gut, so machen Sie mich eine kleine Weile sehr glücklich! Lassen Sie mich den Triumph genießen, den ich herbeigesehnt habe. Ich will in vollen Zügen das Leben atmen, das ich mir erträumte, und mich an seinen Illusionen weiden, ehe sie zerrinnen. Kommen Sie, tanzen Sie mit mir!«

Sie kehrten zusammen in den Ballsaal zurück, und obwohl Fräulein von Verneuil einen so völligen Sieg errungen hatte, wie eine Frau ihn sich nur wünschen kann, verschwiegen doch die undurchdringliche Sanftheit ihrer Augen, das feine Lächeln auf ihren Lippen, die Schnelligkeit der Bewegungen bei einem belebten Tanze das Geheimnis ihrer Gedanken, wie das Meer das Geheimnis des Verbrechers bewahrt, der ihm einen Leichnam anvertraut. Dennoch lief ein Murmeln der Bewunderung durch die Anwesenden, als sie sich im Arm ihres Geliebten im Walzer wiegte und beide, die Augen ineinander versenkt, mit in Wonne ersterbenden Blicken und schwer geneigtem Haupte engverschlungen sich drehten und, während sie sich in einer Art Raserei dicht aneinander drängten, in dieser flüchtigen Verbindung alle Seligkeit zu erkennen gaben, die sie von einer erfüllten Leidenschaft erhofften.

»Graf,« sagte Frau von Gua zu Bauvan, »sehen Sie zu, ob Pille-miche im Lager ist, und führen Sie ihn zu mir her. Sie sollen für diesen geringen Dienst alles von mir erhalten, was Sie verlangen mögen!«

»Meine Rache wird mir teuer zu stehen kommen,« setzte sie hinzu, als sie ihn verschwinden sah; »aber dieses Mal soll sie mir nicht entgehen!«

Einige Minuten nach dieser Szene saßen Fräulein von Verneuil und der Marquis in einer mit vier kräftigen Pferden bespannten Berline. Francine, erstaunt, sie mit verschlungenen Händen und anscheinend völlig einig miteinander zu sehen, verhielt sich stumm und wagte nicht, sich zu fragen, ob dies seitens ihrer Herrin Hinterlist oder Liebe sei. Dank der Stille und Dunkelheit der Nacht konnte der Marquis nicht die Erregung Maries bemerken, die immer heftiger wurde, je mehr sie sich Fougères näherten. Der schwache Schimmer des anbrechenden Tages ließ in der Ferne den Kirchturm von Saint-Léonard auftauchen. Da sagte Marie zu sich selbst:

»Ich gehe in den Tod!«

Bei der ersten Anhöhe hatten die beiden Liebenden zu gleicher Zeit denselben Gedanken: sie stiegen aus und erklommen den Hügel zu Fuß, gleichsam zur Erinnerung an ihre erste Begegnung. Als Fräulein von Verneuil ein paar Schritte am Arm des Marquis getan, dankte sie ihm durch ein Lächeln dafür, daß er ihr Schweigen nicht gestört hatte. Doch erst als sie auf dem Gipfel des Plateaus angelangt waren, von wo aus man Fougères erblickte, machte sie sich ganz aus ihrer Träumerei los, um ihm zu sagen:

»Gehen Sie nicht weiter, heute würde meine Macht Sie nicht mehr vor den Blauen schützen!«

Herr von Montauran sah sie überrascht an, doch sie lächelte traurig, wies mit der Hand auf einen Felsblock, wie um ihn zum Niedersitzen aufzufordern, und blieb in wehmütiger Haltung vor ihm stehen. Die furchtbare Seelenbewegung, die sie ergriffen hatte, erlaubte ihr nicht mehr, die Künste zu entfalten, in denen sie sonst Meisterin war; in dieser Minute würde sie auf glühenden Kohlen gekniet haben, ohne sie zu spüren, wie der Marquis die Glut nicht gespürt hatte, die er mit seinem Blute gelöscht hatte, um ihr die Stärke seiner Leidenschaft zu bezeugen. Nachdem sie den Geliebten mit einem Blick voll tiefsten Schmerzes betrachtet hatte, sagte sie ihm das entsetzliche Wort:

»Alles, was Sie über mich gemutmaßt haben, ist wahr!«

Der Marquis machte unwillkürlich eine Bewegung.

»Ach, um Gottes willen,« sprach sie und faltete die Hände, »hören Sie mich an, ohne mich zu unterbrechen. – Ich bin wirklich«, fuhr sie mit bewegter Stimme fort, »die Tochter des Herzogs von Verneuil, aber seine natürliche Tochter. Meine Mutter büßte ihren Fehltritt im Kloster fünfzehn tränenreiche Jahre hindurch. Erst auf ihrem Totenbett flehte sie den Mann, der sie verlassen hatte, um Hilfe für mich an, weil sie mich nicht ohne Freunde, ohne Vermögen, ohne Zukunft zurücklassen wollte . . . Dieser Mann hatte sein Kind vergessen, obgleich es unter der Fürsorge einer Mutter unter einem Dache mit ihm weilte. Doch nahm er mich mit Vergnügen bei sich auf und erkannte mich an, weil ich schön war und er sich vielleicht in mir verjüngt wiederfand. Er gehörte zu jenen großen Herren, die unter der letzten Regierung ihre Ehre darein setzten, zu zeigen, wie man ein Verbrechen verzeihlich macht, indem man es mit Grazie begeht. Weiter sage ich nichts, denn er war mein Vater! Doch lassen Sie mich Ihnen erklären, wie mein Aufenthalt zu Paris mich innerlich zugrunderichten mußte. Die Gesellschaft des Herzogs von Verneuil und seiner Freunde schwor auf jene spottsüchtige Philosophie, von der ganz Frankreich begeistert war, weil sie allenthalben mit Geist vorgetragen wurde. Die glänzenden Unterhaltungen, die meinem Ohre schmeichelten, fesselten mich durch die Feinheit ihrer Bemerkungen oder durch eine geistreich formulierte Verachtung für alles Religiöse und Wahre. Die Männer, die des Gefühls spotteten, schilderten es um so besser, als sie es nicht empfanden; und sie bestachen ebenso durch ihre epigrammatisch zugespitzten Redewendungen, wie durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie ein ganzes Abenteuer in einem Worte auszudrücken verstanden. Oft aber sündigten sie durch zu viel Geist und ermüdeten die Frauen, weil sie aus der Liebe mehr eine Kunst als eine Herzenssache machten. Ich widerstand diesem Strome nur schwach. Und doch war meine Seele – verzeihen Sie mir diese Eitelkeit – leidenschaftlich genug, zu empfinden, daß der Verstand all diese Herzen ausgedörrt hatte, so daß das damals von mir geführte Leben einen beständigen Kampf zur Folge hatte zwischen meinem natürlichen Gefühl und den verderblichen Gewohnheiten, die ich angenommen hatte. Mehrere hochgebildete Leute gefielen sich zudem darin, in mir diese geistige Freiheit, diese Geringschätzung der öffentlichen Meinung großzuziehen, die der Frau eine gewisse innere Bescheidenheit rauben, ohne die sie an Reiz einbüßt. Ach – das Unglück hat nicht die Macht gehabt, die Fehler auszugleichen, die das Wohlleben in mir wachrief! – Mein Vater«, fuhr sie mit einem Seufzer fort, »der Herzog von Verneuil, starb, nachdem er mich in einem Testament anerkannt hatte, das das Vermögen meines Bruders, seines legitimen Sohnes, beträchtlich schmälerte, und eines Tages sah ich mich ohne Beschützer, ohne Heim. Mein Bruder focht das Testament an, das mich reich machte. Die drei Jahre, die ich im Schoße einer üppig lebenden Familie zugebracht, hatten meine Eitelkeit entwickelt. Indem er alle meine Launen befriedigte, hatte mein Vater das Verlangen nach Luxus in mir geweckt, mir Gewohnheiten anerzogen, deren Gefährlichkeit und Macht meine noch junge, unerfahrene Seele nicht ermessen konnte. Ein siebzigjähriger Freund meines Vaters, der Marquis von Navailles, bot sich mir als Vormund an; ich ging darauf ein und fand mich, wenige Tage nach dem Beginn jenes verhaßten Prozesses, in einem glänzenden Hause, wo ich alle die Vorrechte genoß, die die Härte meines Bruders mir am Sarge unseres Vaters verweigerte. Jeden Abend kam der alte Marquis zu mir, um ein paar Stunden bei mir zu verbringen, während welcher ich nur sanfte, tröstliche Worte von ihm zu hören bekam. Die weißen Haare des Greises, all die rührenden Beweise einer väterlichen Zärtlichkeit, die er mir gab, gewannen ihm mein Herz, und gern betrachtete ich mich als seine Tochter. Ich nahm die Schmucksachen an, die er mir anbot, und verhehlte ihm keinen meiner Wünsche, da ich ihn so glücklich sah, sie zu erfüllen. Da erfuhr ich eines Tages, daß ganz Paris mich als die Geliebte dieses armen alten Mannes ansah und daß es außer meiner Macht stand, die Unschuld wieder zu erlangen, die ein jeder mir ohne Grund absprach. Der Mann, der sich meine Unerfahrenheit in solcher Weise zunutze gemacht hatte, konnte weder mein Geliebter sein noch wollte er mein Gatte werden. In der Woche, als ich diese furchtbare Entdeckung machte und am Vorabend des für unsere Verbindung festgesetzten Tages – dies war die einzige Genugtuung, die er mir bieten konnte – reiste er nach Coblenz ab, und ich wurde mit Schimpf und Schande aus dem kleinen Hause gejagt, in dem er mich untergebracht hatte und das ihm nicht gehörte. Bis hierher habe ich Ihnen die Wahrheit gesagt, als ob ich vor Gott stünde; verlangen Sie nun nicht, daß eine vom Unglück Verfolgte Ihnen die in ihrem Gedächtnisse begrabenen Leiden berichte. Eines Morgens fand ich mich mit Danton verheiratet. Doch wenige Tage später entwurzelte der Sturm die Rieseneiche, um die ich meine Arme geschlungen hatte. Als ich mich wieder ins tiefste Elend zurückgeschleudert sah, beschloß ich, diesmal zu sterben. Ich weiß nicht, ob die Liebe zum Leben, ob die Hoffnung, das Unglück müde zu machen und in der Tiefe dieses bodenlosen Abgrunds das Glück zu finden, das mich floh, unbewußt meine Ratgeber waren, oder ob ich mich durch die Ratschläge eines jungen Menschen aus Alençon verführen ließ, der sich seit zehn Jahren an mich drängt, wie die Schlange an den Baum, zweifellos in der Hoffnung, daß das äußerste Unglück mich in seine Arme treiben würde; kurzum, ich weiß selber nicht, wie ich dazu kam, den verhaßten Auftrag anzunehmen, für dreimalhunderttausend Franken einen Unbekannten in mich verliebt zu machen, um ihn dann der Polizei auszuliefern. Ich sah Sie, und ich erkannte Sie sofort infolge einer Ahnung, die niemals trügt. Dennoch wollte ich nur zu gern zweifeln, denn je mehr ich Sie liebte, um so fürchterlicher wurde die Gewißheit für mich. Als ich Sie aus den Händen des Kommandeurs Hulot rettete, schwor ich meine Rolle ab und beschloß, statt des Opfers die Henker zu hintergehen. Wie sehr habe ich mich versündigt mit der Kurzsichtigkeit eines Mädchens, das nur Gefühle in der Welt sieht, daß ich so mein Spiel mit dem Leben und der Politik der Männer und mit meinem eigenen Leben getrieben habe! Ich glaubte mich geliebt und überließ mich ganz der Hoffnung, ein neues Leben anzufangen. Aber alles und jedes, ich selbst vielleicht, wurde zum Verräter meiner vergangenen Irrungen. Denn mußten Sie nicht einer Frau mißtrauen, die so leidenschaftlich ist wie ich? Ach, wer würde nicht meine Liebe und meine Heuchelei entschuldigen? Ja – es schien mir in der Tat, als habe ich einen schweren Schlaf getan und sei als Sechzehnjährige wieder erwacht. War ich nicht in Alençon, wo die reinen, unschuldigen Erinnerungen meiner Kindheit wieder lebendig wurden? Ich war wahnsinnig genug zu glauben, die Liebe werde mich mit dem Geschenk einer neuen Unschuld segnen. Einen Augenblick dachte ich, ich sei noch Jungfrau, weil ich noch nie geliebt hatte. Doch gestern Abend schien mir Ihre Leidenschaft echt, und eine innere Stimme sprach zu mir: Warum täuschst du ihn? – So hören Sie denn, Marquis,« fuhr sie mit dunklerer Stimme fort, die stolz ein Verdammungsurteil herauszufordern schien, »und merken Sie es sich wohl: ich bin ein entehrtes Geschöpf, das Ihrer unwürdig ist. Von diesem Augenblick an nehme ich meine Rolle als gefallenes Mädchen wieder auf, da ich es müde bin, diejenige einer Frau zu spielen, der Sie die Herzensreinheit angeblich wiedergeschenkt haben. Die Tugend erdrückt mich. Ich würde Sie verachten, wenn Sie schwach genug wären, mich zu heiraten. Solch eine Torheit mag ein Graf Bauvan begehen. Sie, Marquis, müssen Ihrer Zukunft würdig bleiben und mich ohne Bedauern verlassen. Die Courtisane, sehen Sie, würde zu viel verlangen; sie würde Sie ganz anders lieben, als das einfache, unschuldige Kind, in dessen Herzen einen Augenblick lang die köstliche Hoffnung erwacht war, Ihre Gefährtin sein zu dürfen, Sie für alle Zeit glücklich, Ihnen alle Zeit Ehre zu machen, eine edle, große Gattin zu werden, – das Kind, das aus diesem Gefühl den Mut geschöpft hat, seine niedrige, verderbte, lasterhafte Natur wieder zu neuem Leben zu erwecken, um dadurch eine ewige Scheidewand zwischen sich und Ihnen aufzurichten. Ich opfre Ihnen Ehre und Vermögen. Der Stolz, mit dem dieses Opfer mich erfüllt, wird mich in meinem Elend aufrecht erhalten. Mag das Schicksal nun nach Belieben mit mir schalten – nie werde ich Sie ausliefern. Ich kehre nach Paris zurück. Dort wird Ihr Name ein zweites Ich für mich sein, und der glänzende Ruhm, den Sie ihm aufprägen werden, soll mir Trost in allen Leiden sein. Was Sie angeht, so sind Sie ein Mann und werden mich vergessen. – Leben Sie wohl.«

Mit diesen Worten eilte sie in der Richtung der Täler von Saint-Sulpice von dannen und war verschwunden, ehe der Marquis aufgesprungen war, um sie zurückzuhalten. Doch sie kehrte noch einmal um, benutzte die Höhlung eines Felsblockes, um sich zu verbergen, streckte den Kopf vor und beobachtete mit halb neugieriger, halb zweifelnder Miene den Marquis, der, gleich einem schwer geschlagenen Menschen dahineilte, ohne doch zu wissen, wohin er ging.

»Sollte er doch ein Schwachkopf sein?« dachte sie, als er ihren Blicken entschwunden war und sie sich von ihm getrennt fühlte. »Wird er mich verstehen?«

Sie erbebte. Dann wandte sie sich mit großen Schritten nach Fougères, als fürchte sie, der Marquis folge ihr in die Stadt, wo der Tod auf ihn lauerte.

»Nun, Francine, was hat er zu dir gesagt?« fragte sie ihre treue Bretonin, als sie wieder beisammen waren.

»Ach, Marie, er tat mir leid. Ihr großen Damen erdolcht einen Menschen mit Zungenstichen.«

»Wie war er denn, als er dich anredete?«

»Hat er mich denn überhaupt nur gesehen? Oh, Marie, er liebt dich!«

»Oh – er liebt mich, oder: er liebt mich nicht!« antwortete sie. »Das sind für mich zwei Worte, die Paradies oder Hölle bedeuten. Zwischen diesen beiden Polen finde ich keine Stelle, auf die ich meinen Fuß setzen könnte.«

Nachdem sie ihre furchtbare Bestimmung auf diese Weise erfüllt hatte, konnte sie sich ganz ihrem Schmerz überlassen, und ihre Züge, die bis dahin durch so viele verschiedenartige Empfindungen ihre Spannung behalten hatten, veränderten sich so schnell, daß sie nach einem Tage, während dessen sie unaufhörlich zwischen dem Vorgefühl des Glücks und der Verzweiflung geschwebt, ihre strahlende Schönheit und die Frische verlor, deren Ursprung sowohl im Fehlen jeglicher Leidenschaft als im Rausch des Glückes liegen kann.

Hulot und Corentin, gespannt, den Ausgang ihres tollen Unternehmens zu erfahren, kamen kurz nach ihrer Rückkehr zu ihr. Sie empfing sie lachend.

»Freuen Sie sich!« sagte sie zu dem Kommandanten, dessen sorgenvolles Gesicht einen fragenden Ausdruck zeigte, »der Fuchs kommt wieder in Schußweite, und Sie werden demnächst einen glorreichen Sieg davontragen.«

»Was hat sich denn ereignet?« fragte Corentin nachlässig, belauerte aber dabei Fräulein von Verneuil mit jenen schiefen Blicken, durch die solche Diplomaten die Gedanken anderer auszukundschaften suchen.

»Ach,« antwortete sie, »der Gars ist heftiger in mich verliebt, als je zuvor, und ich habe ihn gezwungen, uns bis vor die Tore von Fougères zu begleiten.«

»Dort scheint Ihre Macht indes zu Ende gewesen zu sein,« bemerkte Corentin. »Jedenfalls ist die Angst des Aristokraten vorläufig noch größer als die Liebe, die Sie ihm einflößen.«

Fräulein von Verneuil warf Corentin einen geringschätzigen Blick zu.

»Sie beurteilen ihn nach sich selbst,« gab sie zurück.

»Nun also,« fragte er, ohne sich im geringsten berührt zu zeigen, »warum haben Sie ihn denn dann nicht mit hierher gebracht?«

»Wenn er mich wirklich liebte, Herr Kommandant,« sagte sie zu Hulot und warf ihm einen schalkhaften Blick zu, »würden Sie mir dann sehr zürnen, wenn ich ihn rettete, indem ich Frankreich mit ihm verließe?«

Der alte Soldat ging rasch auf sie zu und ergriff ihre Hand, um sie mit einer Art von Begeisterung zu küssen. Dann aber sah er sie starr an und sprach mit düsterer Miene:

»Sie vergessen meine beiden Freunde und unsre dreiundsechzig Mann.«

»Ach, Herr Kommandant,« sagte sie mit der ganzen Naivität der Liebe, »daran ist er nicht schuld. Er ist von einem schlechten Weibe hintergangen worden, der Mätresse Charettes, die, glaube ich, am liebsten das Blut der Blauen trinken möchte . . .«

»Hören Sie auf, Marie,« unterbrach Corentin sie, »machen Sie sich nicht über den Kommandanten lustig; er kennt Ihre Art zu scherzen noch nicht.«

»Schweigen Sie,« entgegnete Fräulein von Verneuil, »und vergessen Sie nicht, daß der Tag, an dem Sie mir allzusehr mißfallen, keinen Nachfolger mehr für Sie haben wird.«

»Ich sehe, mein Fräulein,« sagte Hulot, aber ohne alle Bitterkeit, »daß ich mich zum Kampf werde entschließen müssen.«

»Das werden Sie nicht können, lieber Oberst. Ich habe gesehen, daß sie über sechstausend Mann in Saint-James haben, reguläre Truppen, Artillerie und englische Offiziere. Doch was würde ohne ihn aus diesen Leuten werden! Ich denke wie der Minister: sein Kopf ist alles.«

»Nun, und werden wir den bekommen?« fragte Corentin ungeduldig.

»Ich weiß es nicht,« antwortete sie gleichgültig.

»Engländer!« rief Hulot voller Zorn. »Weiter fehlte nichts, um einen regelrechten Straßenräuber aus ihm zu machen! Warte, ich will dir deine Engländer anstreichen!«

*

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