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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Gegen Sonnenuntergang kamen die drei Reisenden in Saint-James an, einer kleinen Stadt, die ihren Namen den Engländern verdankt, von denen sie im vierzehnten Jahrhundert, als sie Herren der Bretagne waren, erbaut wurde.

Bevor sie den Ort betrat, wurde Fräulein von Verneuil noch Zeuge einer seltsamen Kriegsszene, wenn sie sich auch nicht sehr lange bei deren Betrachtung aufhielt, da sie fürchtete, vielleicht von dem oder jenem unter ihren Feinden erkannt zu werden, was ihre Schritte beschleunigte. Fünf- bis sechstausend Bauern hatten sich auf freiem Felde gelagert. Ihr ganzer Aufzug, der dem der Rekruten von der Pellerine ähnelte, schloß jeden Gedanken an Krieg aus, viel eher erinnerte diese lärmende Männerversammlung an einen großen Jahrmarkt. Man mußte sogar recht genau hinsehen, um zu entdecken, daß sie bewaffnet waren, denn ihre ganz verschiedenartig zugeschnittenen Kitzfelle verdeckten beinahe ihre Gewehre. Die am meisten ins Auge fallende Waffe war die Sense, durch die einige noch die Flinten ersetzten, die erst an sie verteilt werden sollten. Manche aßen und tranken, andere rauften sich oder stritten laut, die meisten aber lagen auf der Erde und schliefen. Von Ordnung und Zucht war keine Spur zu bemerken. Ein Offizier in roter Uniform lenkte die Aufmerksamkeit Maries auf sich. Sie vermutete, daß er in englischen Diensten stehe. Etwas weiter fort bemühten sich zwei andere Offiziere ersichtlich, einigen Chouans, die einen aufgeweckteren Eindruck machten als die andern, die Handhabung der beiden Kanonen beizubringen, die die ganze Artillerie der royalistischen Truppe auszumachen schienen.

Ein Geheul empfing die Gars aus Marignay, die an ihrem Banner erkannt wurden. Dank der allgemeinen Bewegung, die diese Truppe samt ihren Rektoren in dem Lager verursachten, konnte Fräulein von Verneuil es ohne Gefahr durchschreiten und in die Stadt vordringen. Sie sah alsbald einen unscheinbaren kleinen Gasthof vor sich, der nicht weit entfernt von dem Hause lag, wo der Ball stattfinden sollte. Die Stadt war derart von Fremden überschwemmt, daß sie nur mit äußerster Mühe ein elendes kleines Zimmer bekam. Als sie es in Besitz genommen und ihr Führer Francine die Schachteln übergeben hatte, die ihre Balltoilette enthielten, blieb Galope-chopine in unbeschreiblich erwartungsvoller und unentschlossener Haltung stehen. Zu jeder anderen Zeit würde sich Fräulein von Verneuil daran belustigt haben zu beobachten, wie ein bretonischer Bauer sich außerhalb seines Dorfes benehmen würde; jetzt aber machte sie dem Auftritt ein rasches Ende, indem sie ihrer Börse vier Sechsfrankentaler entnahm und sie dem Chouan in die Hand drückte.

»Da nimm doch!« sagte sie. »Und wenn du mir einen Gefallen tun willst, so kehrst du auf der Stelle nach Fougères zurück, ohne durch das Lager zu gehen und ohne erst dem Weine zuzusprechen.«

Galope-chopine, den eine solche Freigebigkeit erstaunte, betrachtete erst unschlüssig die vier Taler in seiner Hand und dann Fräulein von Verneuil; doch auf eine Handbewegung von ihr verschwand er schließlich.

»Wie können Sie ihn nur zurückschicken, Marie?« fragte Francine. »Haben Sie denn nicht bemerkt, daß die Stadt ganz umzingelt ist? Wie sollen wir nur wieder herauskommen! Wer soll Sie hier beschützen?«

»Hast du denn nicht deinen Beschützer?« sagte Fräulein von Verneuil und ahmte scherzend den Pfiff und das ganze Gebaren Marche-à-terres nach. Francine errötete und lächelte traurig zu der Heiterkeit ihrer Herrin. Dann sagte sie:

»Aber wo ist der Ihre?«

Im Nu hatte Fräulein von Verneuil ihren Dolch hervorgezogen und wies ihn der erschrockenen Bretonin, die sich händeringend auf einen Stuhl fallen ließ.

»Warum sind Sie nur hierhergekommen, Marie?« rief sie mit flehender Stimme, die keine Antwort heischte.

Die Angeredete war gerade damit beschäftigt, den Stechpalmenzweig, den sie gepflückt, zurechtzubiegen.

»Ich weiß nicht, ob diese Stechpalme gut im Haar aussehen wird,« meinte sie. »Nur ein so helles Gesicht wie meines kann einen so düsteren Kopfputz vertragen. Was sagst du dazu, Francine?«

Unter tausend ähnlichen Äußerungen, die die vollständigste seelische Unbekümmertheit bewiesen, begann das seltsame Mädchen sich anzukleiden. Ein ziemlich kurzes Kleid aus indischem Musselin, der feuchtem Linnen glich, hob ihre zarten Formen hervor. Darüber warf sie eine kleine rote Tunika, deren zahlreiche, seitwärts allmählich länger werdende Falten den graziösen Bogen der griechischen Tunika beschrieben. Dieses üppige Kleidungsstück der antiken Priesterinnen machte die Tracht, die die damalige Mode den Frauen zu tragen gestattete, weniger herausfordernd. Marie wollte die Unschicklichkeit der Mode jedoch noch mehr abschwächen, und so warf sie ein helles Schleiertuch über ihre weißen Schultern, die der Schnitt der Tunika allzuweit freiließ. Dann ordnete sie die langen Flechten ihrer Haare in der Weise, daß sie am Hinterkopfe jenen abgestumpften Kegel bildeten, der manchen antiken Statuen durch eine künstliche Verlängerung des Kopfes soviel Reiz verleiht, und ließ zu beiden Seiten des Gesichts ein paar für diesen Zweck aufgesparte Locken in langen, glänzenden Rollen niederfallen. In dieser Kleidung, diesem Kopfputz glich sie vollkommen den schönsten Meisterwerken des griechischen Meißels. Dann setzte sie sich lächelnd den Stechpalmenkranz auf, dessen reicher roter Beerenschmuck die Farbe der Tunika in ansprechender Weise wiederholte. Während sie damit beschäftigt war, den einzelnen Blättern noch die richtige Biegung zu geben, betrachtete Fräulein von Verneuil das Gesamtbild ihrer Erscheinung im Spiegel und sagte, genau als sei sie von einer Schar von Schmeichlern umgeben:

»Wie abscheulich ich heute Abend bin! Ich sehe ja aus, wie eine Statue der Freiheit!«

Sorgfältig steckte sie den Dolch so in ihr Mieder, daß der rubingeschmückte Griff hervorsah, dessen rötliche Glanzlichter ihrer Kleidung noch einen Reiz mehr verliehen, indem sie die Augen auf die verborgenen Schätze lenkten, die ihre Nebenbuhlerin in so niedriger Weise preisgegeben hatte.

Francine konnte sich nicht entschließen, ihre Herrin zu verlassen. Als sie sie zum Fortgehen bereit sah, fand sie in den Hindernissen, die eine Frau zu überwinden hat, wenn sie in einer kleinen niederbretonischen Stadt einen Ball besuchen will, tausend Vorwände, sie zu begleiten. Mußte sie nicht Fräulein von Verneuil den Mantel ausziehen, in den sie sich gehüllt, die Überschuhe, die der Schmutz und Kot der Straße trotz des aufgestreuten Sandes notwendig machten, ihr den Gazeschleier abnehmen, mit dem sie ihren Kopf vor den Blicken der Stadtbewohner verbergen wollte, die die Neugier in die Nähe des Festhauses getrieben hatte? In der Tat war die Menge so groß, daß sie zwischen zwei dichten Reihen von Chouans hindurchschritten. Francine versuchte nicht mehr, ihre Herrin zurückzuhalten; nachdem sie ihr die letzten Dienste geleistet, die eine Toilette erforderte, deren größter Reiz in ihrer außerordentlichen Frische bestand, blieb sie ganz traurig im Vorzimmer sitzen, da sie sie nicht den Zufälligkeiten ihres Geschickes preisgeben wollte, ohne jederzeit zu ihrer Hilfe herbeieilen zu können. Denn dem armen Mädchen ahnte nichts als Unglück.

Zur gleichen Stunde, als Fräulein von Verneuil sich zum Feste begab, spielte sich im Zimmer des Marquis von Montauran ein höchst sonderbarer Auftritt ab. Der junge General beendete soeben seinen Ballanzug, indem er das breite Band überwarf, das ihn als die Hauptperson der Zusammenkunft kennzeichnen sollte, als der Abbé Gudin mit unruhiger Miene eintrat.

»Kommen Sie rasch, Herr Marquis,« sagte er, »Sie allein können den Sturm beschwichtigen, der sich, aus welchem Grunde weiß ich nicht, unter den Führern erhoben hat. Sie sprechen davon, daß sie den Dienst des Königs verlassen wollen. Ich glaube, dieser Satanscottereau, der Schmuggler, ist schuld an dem ganzen Aufruhr. Solche Zänkereien werden immer durch Lappalien hervorgerufen. Frau von Gua hat ihm, wie man mir sagt, vorgeworfen, daß er in recht üblem Aufzuge zum Ball gekommen sei . . .«

»Das Weib muß toll sein, daß sie . . .« rief der Marquis.

»Cottereau«, fuhr der Rektor fort, »hat erwidert, wenn Sie ihm das namens des Königs zugesagte Geld gegeben hätten . . .«

»Genug, Abbé, genug. Ich begreife jetzt alles. Dieser Auftritt ist verabredet, nicht wahr? . . . Und Sie haben es übernommen, mir Mitteilung zu machen . . .«

»Ich, Herr Marquis!« unterbrach ihn der Abbé. Ich werde Sie aufs tatkräftigste unterstützen, und Sie werden mir hoffentlich die Gerechtigkeit angedeihen lassen zu glauben, daß die Wiederaufrichtung unserer Altäre in Frankreich und die Wiedereinsetzung des Königs, auf den Thron seiner Väter viel bedeutsamere Beweggründe für meine niedrigen Dienste sind, als jenes Bistum von Rennes . . .«

Hier stockte der Abbé, denn ein bitteres Lächeln hatte sich auf den Zügen des Marquis verbreitet. Doch sogleich wurde der junge General Herr der unliebsamen Betrachtungen, die er anstellte, er nahm eine strenge Miene an und folgte dem Abbé Gudin in einen Saal, aus dem ihnen heftiger Lärm entgegentönte.

»Ich erkenne hier niemandes Autorität an!« rief der Schmuggler, indem er aufgebrachte Blicke auf alle Anwesenden schleuderte und mit der Hand an den Griff seines Degens fuhr.

»Auch nicht die der gesunden Vernunft?« fragte ihn der Marquis in kaltem Tone.

Der wütende Schmuggler wandte sich um, sah den Befehlshaber der katholischen Armeen vor sich und blieb die Antwort schuldig.

»Was soll das alles heißen, meine Herren?« fragte der Marquis und blickte der Reihe nach alle Anwesenden forschend an.

»Es soll heißen,« antwortete Cottereau, verlegen wie ein Mann aus dem Volke, der einem großen Herrn zunächst befangen gegenübersteht, aber, sobald er die trennende Schranke einmal überschritten hat, keine Beherrschung mehr kennt, weil er dann nur noch seinesgleichen in ihm sieht, »es soll heißen, daß Sie gerade zur rechten Zeit kommen. Auf glatte Reden verstehe ich mich nicht, drum sage ich Ihnen rund heraus, was ich zu sagen habe. Den ganzen letzten Krieg hindurch habe ich fünfhundert Mann befehligt. Seit wir von neuem im Kampfe stehen, habe ich es fertiggebracht, für den König tausend eiserne Schädel anzuwerben. Seit sieben Jahren setze ich mein Leben für die gerechte Sache ein, ich werfe Ihnen das nicht vor – aber jeder Dienst ist seines Lohnes wert. Zunächst einmal wünsche ich, daß man mich Herr von Cottereau nennt. Dann verlange ich den Titel eines Obersten, andernfalls unterhandle ich mit dem Ersten Konsul über meine Unterwerfung. Jawohl, Herr Marquis, ich und meine Leute, wir haben nun einmal einen verteufelt lästigen Gläubiger, der immer befriedigt werden muß! Da sitzt er!« schloß er und klopfte sich auf den Magen.

»Sind die Musikanten schon da?« wandte sich der Marquis in spöttischem Tone an Frau von Gua.

Doch der Schmuggler hatte in seiner rohen Weise einen zu wichtigen Gegenstand zur Sprache gebracht, und diese ebenso berechnenden wie ehrgeizigen Köpfe waren schon allzulange in Ungewißheit über das, was sie vom König zu erhoffen hatten, als daß die Geringschätzung, die der junge Parteiführer an den Tag legte, dem Auftritt ein Ende zu bereiten vermocht hätte.

Lebhaft trat Longuy an Herrn von Montauran heran und sagte mit erkünstelter Ruhe zu ihm:

»Nehmen Sie sich in acht, Herr Marquis, Sie behandeln die Männer zu oberflächlich, die Rechte auf die Dankbarkeit dessen haben, den Sie hier vertreten. Es ist uns bekannt, daß Seine Majestät Ihnen Vollmacht gegeben hat, unsere Dienste zu bezeugen, die ihren Lohn in dieser oder der anderen Welt finden müssen, denn das Schafott wartet ja Tag für Tag auf uns. Ich für mein Teil weiß, daß der Rang eines Generalleutnants . . .«

»Sie wollen sagen: Brigadegenerals . . .«

»Nein, Herr Marquis, das bin ich im vorigen Kriege unter Charette schon gewesen. Da der Rang, von dem ich spreche, mir nicht vorenthalten werden kann, bitte ich in diesem Augenblick nicht für mich, sondern für all meine tapferen Waffenbrüder, deren Verdienste anerkannt zu werden verdienen. Ihre Unterschrift und Zusage genügen uns für heute; und,« fügte er leise hinzu, »ich muß gestehen, wir sind recht bescheiden. Wenn aber«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, »die Sonne im Versailler Schlosse aufgeht, um über den glücklichen Tagen der Monarchie zu leuchten, werden dann die Getreuen, die dem König geholfen haben, Frankreich in Frankreich zu erobern, auch ohne Schwierigkeit Vergünstigungen für ihre Familien, Witwenpensionen, Rückerstattung der Güter erlangen, die man ihnen so zur Unzeit konfisziert hat? Ich zweifle daran. Dann, Herr Marquis, wird es nicht überflüssig sein, Beweise für die geleisteten Dienste in Händen zu haben. Dem König selbst werde ich niemals mißtrauen, wohl aber diesem Rabenschwarm von Ministern und Höflingen, die ihm Erwägungen über das allgemeine Wohl, die Ehre Frankreichs, die Interessen der Krone und tausend andere Alfanzereien in die Ohren blasen werden. Dann verlacht man einen königstreuen Vendéer oder tapferen Chouan womöglich, weil er alt ist und das Schwert, das er für die gerechte Sache geführt, ihm an die durch Entbehrungen abgemagerten Lenden schlägt . . . Nun, glauben Sie, daß wir im Unrecht sind?«

»Sie reden vorzüglich, Herr von Longuy, nur ein wenig zu früh,« erwiderte der Marquis.

»Hören Sie, Marquis,« flüsterte der Graf Bauvan Montauran ins Ohr, »er hat, bei Gott, sehr gute Sachen vorgebracht. Sie, Sie sind sicher, stets ein offenes Ohr beim König zu finden. Wir andern dagegen werden den Herrn nur selten zu Gesicht bekommen. Und ich gestehe Ihnen, wenn Sie mir nicht Ihr Ehrenwort gäben, mir seinerzeit das Amt des Oberforstmeisters von Frankreich zu verschaffen, so würde ich mich, weiß der Teufel, besinnen, ob ich meinen Kopf dranwagen soll . . . Dem König die Normandie zu erobern, ist wahrlich nichts Geringes. Ich hoffe daher auch fest auf einen Orden. Aber,« setzte er errötend hinzu, »davon können wir ja ein andermal sprechen. Gott bewahre mich davor, es wie diese armen Schlucker zu machen und Ihnen zuzusetzen! Sie werden dem König von mir erzählen, und damit ist alles gut.«

Nun fand jeder der Anführer eine Gelegenheit, dem Marquis auf mehr oder minder geschickte Weise die übertrieben hohe Belohnung mitzuteilen, die er für seine Dienste erwartete. Der eine verlangte bescheidener Weise die Verwaltung der Bretagne, der andere eine Baronie, dieser einen Titel, jener ein Kommando; und alle wollten Pensionen haben.

»Nun, Renty,« sagte der Marquis zu einem jungen Edelmann, »willst du denn nichts?«

»Meiner Treu, Marquis, die Herren lassen mir nur die Krone von Frankreich übrig, aber ich würde mich damit begnügen . . .«

»Meine Herren,« rief hier der Abbé Gudin mit donnernder Stimme dazwischen, »bedenken Sie doch, daß Sie am Tage des Siegs alles verderben werden, wenn Sie jetzt so voreilig sind! Wird sich der König nicht gezwungen sehen, den Revolutionären Zugeständnisse zu machen?«

»Den Jakobinern!« rief der Schmuggler. »Ha! der König sollte mich nur machen lassen, und ich gäbe ihm mein Wort, daß meine tausend Mann mit ihnen fertig würden.«

»Herr von Cottereau,« nahm der Marquis wieder das Wort, »ich sehe soeben einige geladene Gäste eintreten. Wir müssen darin wetteifern, sie dazu zu veranlassen, daß sie an unserer geheiligten Sache mitwirken, und so verstehen Sie wohl, daß jetzt nicht der Augenblick ist, uns mit Ihren Forderungen zu beschäftigen, selbst wenn sie gerecht sein sollten.«

Während er dies sagte, näherte der Marquis sich der Tür, als wolle er ein paar Edelleuten aus der Nachbarschaft entgegengehen. Doch der kühne Schmuggler vertrat ihm mit unterwürfiger und respektvoller Miene den Weg.

»Nein nein, Herr Marquis, verzeihen Sie mir, aber die Jakobiner haben uns zu gründlich beigebracht, daß nicht der den Fladen verzehrt, der das Korn schneidet. Unterschreiben Sie mir diesen Fetzen Papier, und ich führe Ihnen morgen fünfzehnhundert Gars zu. Andernfalls ergebe ich mich . . .«

Der Marquis warf stolze Blicke rund um sich her, doch er gewahrte, daß die Kühnheit des alten Streiters und seine entschlossene Miene den Zuhörern des Wortgefechts nicht übel gefielen. Nur ein einziger Mann, der in einer Ecke saß und damit beschäftigt war, seine Tonpfeife zu stopfen, schien keinerlei Anteil an dem Vorgang zu nehmen. Der geringschätzige Ausdruck, mit dem er auf die Sprecher blickte, seine bescheidene Haltung und das Mitgefühl, das der Marquis in seinen Augen las, lenkten seine Aufmerksamkeit auf diesen hochherzigen Diener des Königs, in dem er den Jagdaufseher der Frau von Gua erkannte. Rasch trat er auf ihn zu und fragte ihn:

»Nun, und du, was forderst du?«

»Oh, Herr Marquis, wenn der König meinen jungen Herrn wieder in den Besitz einsetzt, den die Blauen ihm genommen haben, will ich nie mehr auf einen Hirsch anlegen, ohne dabei zu denken, daß wir nächst der heiligen Anna von Auray alles dem König verdanken!«

»Aber du selbst?«

»Oh – ich! der Herr Marquis beliebt zu scherzen!« Montauran drückte die schwielige Hand des Bretonen und sagte zu Frau von Gua, der er sich genähert hatte:

»Ich kann bei meinem Unternehmen umkommen, ehe ich Zeit gefunden habe, dem König einen wahrheitsgetreuen Bericht über die katholischen Armeen der Bretagne zukommen zu lassen. Wenn Sie die Restauration erleben, so vergessen Sie diesen braven Mann nicht. Er besitzt mehr Adel als all die andern zusammen.«

Und er deutete auf die Befehlshaber, die mit einer gewissen Ungeduld darauf warteten, daß der Marquis ihren Forderungen willfahre. Alle hielten entfaltete Papiere in der Hand, in denen jedenfalls ihre Verdienste durch die royalistischen Generale der früheren Kriege verzeichnet standen, und es erhob sich ein allgemeines Murren. Der Abbé Gudin, der Graf von Bauvan und der Chevalier von Renty berieten unterdes miteinander, wie man dem Marquis helfen könne, die übertriebenen Forderungen zurückzuweisen, denn sie fanden, daß die Stellung des jungen Generals sehr erschüttert sei.

Plötzlich ließ der Marquis seine spöttisch glänzenden blauen Augen über die Versammlung gehen und sagte mit sehr vernehmlicher Stimme:

»Meine Herren, ich weiß nicht, ob die Vollmacht, die der König geruht hat, mir zu erteilen, so weit geht, daß ich Ihre Ansprüche befriedigen kann. Möglicherweise hat er nicht soviel Eifer und Hingabe vorausgesehen. Sie sollen selbst über meine Befugnisse urteilen; vielleicht kann ich sie dann erfüllen.«

Er verschwand und kam gleich darauf mit einem Briefe in der Hand wieder, der Siegel und Unterschrift des Königs trug.

»Hier ist das offene Handschreiben des Königs, kraft dessen Sie mir Gehorsam schuldig sind. Es ermächtigt mich, die Provinz Bretagne im Namen des Königs zu verwalten und die Verdienste der Offiziere zu belohnen, die sich in der Armee auszeichnen werden.«

Eine Bewegung der Zufriedenheit lief durch die Versammlung. Die Chouans näherten sich dem Marquis und umringten ihn ehrerbietig. Der junge Befehlshaber, der vor dem Kamine stand, wandte sich um und schleuderte die Urkunde ins Feuer, das sie im Nu verzehrt hatte.

»Ich will nur noch Menschen befehligen,« rief er erregt, »die in dem König einen König sehen und nicht eine Beute zum verschlingen. Sie mögen mich verlassen, meine Herren, sofern Sie es wünschen . . .«

Frau von Gua, der Abbé Gudin, der Jagdaufseher, der junge Chevalier von Benty und der Graf brachen begeistert in den Ruf »Es lebe der König« aus. Und wenngleich die anderen Edelleute einen Augenblick zögerten, einzustimmen, fühlten sie sich doch alsbald von der edlen Handlungsweise des Marquis hingerissen und baten ihn, das Vorgefallene zu vergessen, indem sie ihm versicherten, er werde auch ohne königliches Handschreiben stets ihr Befehlshaber bleiben.

»Jetzt wollen wir tanzen!« rief der Chevalier. »Komme, was da wolle! Es ist doch besser, liebe Freunde, sich an Gott selbst, als an seine Heiligen zu wenden. Schlagen wir uns zunächst einmal, das weitere wird sich dann schon finden.

»Ha, das ist wohl wahr. Mit Respekt zu sagen, Herr Chevalier,« meinte der Jagdaufseher leise, »habe ich auch noch nie gehört, daß jemand seinen Taglohn am Morgen verlangt hätte.«

Die Versammelten zerstreuten sich nun in die Salons, wo schon einzelne Gäste sich eingefunden hatten. Vergeblich suchte der Marquis der trüben Stimmung Herr zu werden, die sein Gesicht verdüsterte. Die andern Parteiführer erkannten daran, welch schlimmen Eindruck der stattgehabte Auftritt bei ihrem Oberhaupt hinterlassen hatte, dessen Vaterlandsliebe noch durch die schönen Illusionen der Jugend verstärkt wurde, und alle schämten sich ihres Verhaltens.

Heiterster Frohsinn herrschte in dieser Gesellschaft, die aus den glühendsten Anhängern der royalistischen Partei bestand, denn ihre Teilnehmer hatten bis jetzt von ihrer noch nicht unterworfenen Provinz aus die Ereignisse der französischen Revolution nicht beurteilen können und nahmen die unsichersten Hoffnungen für bare Wirklichkeit. Die durch Herrn von Montauran eingeleiteten kühnen Unternehmungen, sein Name, sein Vermögen, seine glänzenden Fähigkeiten feuerten die Gemüter an und riefen jenen politischen Taumel hervor, der gefährlicher ist als alles andere, weil er sich nur durch – fast immer unnötig vergossene – Ströme Blutes beschwichtigen läßt. Für sämtliche Anwesenden war die Revolution nichts als eine vorübergehende Störung im Königreich Frankreich, wo in ihren Augen nichts sich verändert hatte. Noch immer gehörten diese Länder dem Hause Bourbon; denn die Royalisten hielten die Herrschaft darin so fest in Händen, daß Hoche vor nunmehr vier Jahren weniger den Frieden als einen Waffenstillstand erlangt hatte. So behandelten die Aristokraten die Revolutionäre denn sehr von oben herab, und die Frauen schickten sich in heiterster Laune zum Tanzen an. Ein paar Offiziere, die gegen die Blauen gekämpft hatten, kannten allein den Ernst der gegenwärtigen Krise; da sie aber wußten, ihre schlechtunterrichteten Landsleute würden sie nicht verstehen; wenn sie mit ihnen vom Ersten Konsul und seiner Macht reden wollten, plauderten sie unter sich und betrachteten die geladenen Damen mit so gleichgültigen Blicken, daß diese sich rächten, indem sie sie einer strengen Kritik unterzogen. Frau von Gua, die die Honneurs des Balles zu machen schien, versuchte die Ungeduld der Tanzlustigen zu dämpfen, indem sie nach der Reihe jeder einzelnen die üblichen Schmeicheleien sagte. Schon vernahm man die kreischenden Töne der Instrumente, die gestimmt wurden, als Frau von Guas Blicke auf den Marquis fielen, dessen Gesicht noch immer den Stempel der Traurigkeit trug. Sie eilte auf ihn zu.

»Der gemeine Auftritt, den Sie mit diesen ungehobelten Kerlen hatten, verstimmt Sie doch hoffentlich nicht?« fragte sie.

Sie erhielt keine Antwort. Denn der in Gedanken verlorene Marquis glaubte im Geiste von neuem die Gründe zu hören, die Fräulein von Verneuil ihm in prophetischer Ahnung in La Vivetière inmitten dieser selben Befehlshaber angeführt, um ihn zur Aufgabe des Kampfes der Herrscher gegen die Völker zu bestimmen. Doch der Jüngling besaß zuviel Seelengröße, zuviel Stolz, vielleicht auch war er zu überzeugt von der Gerechtigkeit seiner Sache, um ein einmal ins Auge gefaßtes Werk fahren zu lassen, und in diesem Augenblick entschloß er sich, es trotz aller Hindernisse unerschrocken fortzuführen. Stolz warf er den Kopf zurück, und erst jetzt wurde ihm bewußt, was Frau von Gua zu ihm gesagt.

»Sie sind jedenfalls im Geiste in Fougères,« hub sie wieder an, und aus ihrer Stimme sprach die Bitterkeit darüber, daß ihr Bemühen, den Marquis von seinen Gedanken abzulenken, erfolglos war. »Ach! mein Leben würde ich darum geben, sie Ihnen zuzuführen und Sie glücklich mit ihr zu sehen!«

»Warum haben Sie dann so scharf auf sie gezielt?«

»Weil ich sie tot oder in Ihren Armen sehen wollte. Ja – wohl habe ich den Marquis von Montauran geliebt, solange ich einen Helden in ihm zu sehen glaubte. Nunmehr aber fühle ich nichts mehr für ihn als kummervolle Freundschaft, da ich sehe, daß das wankelmütige Herz einer Operndirne seinem Ruhm im Wege steht.«

»Was die Liebe betrifft,« entgegnete der Marquis mit einem Anflug von Spott, »so beurteilen Sie mich recht falsch! Wenn ich dieses Mädchen liebte, Madame, so würde ich sie nicht so heftig begehren und, wären Sie nicht, sie vielleicht schon – vergessen haben.«

»Da ist sie,« rief plötzlich Frau von Gua aus.

Die Heftigkeit, mit der der Marquis sich umdrehte, schmerzte sie, doch das helle Kerzenlicht erlaubte ihr, den Gesichtsausdruck des leidenschaftlich geliebten Mannes genau zu erkennen, und sie glaubte darin eine Hoffnung für ihr Gefühl zu gewahren, als er sich ihr mit einem Lächeln über ihre echt weibliche List wieder zuwandte.

»Worüber lachen Sie denn?« fragte der Graf von Bauvan.

»Über eine Seifenblase, die zerplatzt!« antwortete Frau von Gua frohlockend. »Der Marquis wundert sich, wenn man ihm glauben darf, heute darüber, daß sein Herz einen Augenblick für diese Dirne schlug, die sich Fräulein von Verneuil nennt. Sie wissen doch . . .?«

»Diese Dirne?« wiederholte der Graf vorwurfsvoll. »Gnädige Frau, der Urheber des Unheils hat es auch wieder gutzumachen, und so gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß sie in der Tat die Tochter des Herzogs von Verneuil ist.«

»Graf,« sagte der Marquis mit erregter Stimme, »welchem Ehrenwort soll ich glauben, demjenigen, das Sie in La Vivetière gaben, oder dem von Saint-James?«

In diesem Augenblicke kündigte eine laute Stimme Fräulein von Verneuil an. Der Graf eilte auf die Tür zu, bot der schönen Fremden mit der ehrerbietigsten Miene den Arm und führte sie durch die neugierige Menge zu Herrn von Montauran und Frau von Gua.

»Glauben Sie nur dem von heute,« sagte er dann zu dem aufs höchste überraschten Marquis.

Frau von Gua erbleichte, als sie die verhaßte Pariserin vor sich sah, die einen Augenblick stehen blieb und sich stolz in der Gesellschaft umschaute, um zu sehen, welche der Gäste von La Vivetière anwesend seien. Sie wartete die gezwungene Begrüßung ihrer Nebenbuhlerin ab; dann ließ sie sich, ohne den Marquis auch nur anzublicken, von Bauvan auf einen Ehrenplatz neben Frau von Gua führen, deren Gruß sie mit leicht gönnerhafter Miene zurückgab. Doch ihre Feindin ließ sich mit weiblichem Instinkt ihren Ärger nicht anmerken, sondern setzte sogleich eine lachende, freundschaftliche Miene auf.

Die außergewöhnliche Kleidung und die Schönheit Maries riefen ein kurzes Beifallsgemurmel in der Gesellschaft hervor. Als der Marquis und Frau von Gua die Gäste von La Vivetière mit den Augen suchten, sahen sie sie in aufrichtig ehrerbietiger Haltung dastehen, und ein jeder schien danach zu trachten, von dem jungen Mädchen wieder in Gnaden aufgenommen zu werden.

So standen die Feindinnen sich denn Auge in Auge gegenüber.

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