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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel

Bald waren die beiden Frauen bei der Hütte Galope-chopines angelangt. So leise auch ihre Tritte waren, weckten sie doch einen der großen Hunde, dessen treuer Wachsamkeit die Bretonen den Schutz ihrer nur durch einen leichten Holzriegel verschlossenen Haustür anvertrauen. Er lief auf die beiden Fremden zu, und sein Gebell wurde so bedrohlich, daß sie sich genötigt sahen, ein paar Schritte zurückzuweichen und um Hilfe zu rufen. Gleich darauf hörten sie die rostigen Angeln der Türe knarren, und der aus dem Schlaf aufgeschreckte Galope-chopine zeigte sein finsteres Gesicht. Fräulein von Verneuil wies ihm den Handschuh des Marquis von Montauran.

»Ich muß mich eiligst nach Saint-James begeben,« erklärte sie dem Chouan. »Der Herr Graf von Bauvan hat mir gesagt, du würdest mich hinführen und mich beschützen. Also verschaffe uns zwei Esel, mein lieber Galope-chopine, und rüste dich schnell, uns zu begleiten, unsere Zeit ist sehr kostbar. Denn wenn wir nicht vor morgen abend nach Saint-James gelangen, bekommen wir weder den Gars noch den Ball zu Gesicht.«

Ganz verdutzt griff Galope-chopine nach dem Handschuh, drehte und wendete ihn nach allen Seiten und entzündete dann eine honigkuchenfarbene Harzkerze von der Dicke eines kleinen Fingers. Nachdem er das grüne Band erblickt, Fräulein von Verneuil betrachtet, sich hinter den Ohren gekratzt und einen Krug Obstwein getrunken hatte, von dem er auch der schönen Dame anbot, ließ er sie auf der Bank aus poliertem Kastanienholz vor dem Tisch sitzen und ging, zwei Esel herbeizuholen.

Das bläuliche Licht, das die Kerze verbreitete, war nicht stark genug, um die unregelmäßig einfallenden Mondstrahlen zu verdrängen, die dunkelleuchtende Flecken auf den Estrich und die Möbel der rauchgeschwärzten Hütte warfen. Der kleine Junge hatte erstaunt seinen hübschen Kopf in die Höhe gestreckt, und über seinem dichten Haarschopfe zeigten durch die durchlöcherte Stallwand zwei Kühe ihre rosigen Mäuler und großen, glänzenden Augen. Der Hofhund, der nicht den dümmsten Kopf unter den Hausinsassen hatte, schien die beiden Fremden mit der gleichen Neugier zu betrachten wie das Kind. Ein Maler würde lange bei den nächtlichen Lichtwirkungen dieses Bildes verweilt haben; doch Fräulein von Verneuil war recht wenig daran gelegen, ein Gespräch mit Barbette anzufangen, die sich wie ein Gespenst von ihrem Lager aufgerichtet hatte und große Augen zu machen begann, als sie sie wiedererkannte. So ging sie hinaus, um der verpesteten Luft dieses Wohnstalles und den Fragen zu entfliehen, die die Bécanière sich ersichtlich anschickte, ihr zu stellen. Behende erstieg Marie die zum Felsen führende Treppe, die der Hütte Galope-chopines als Windschutz diente, und bewunderte, oben angelangt, die großartigen Einzelheiten der Landschaft, die mit jedem Schritte, den sie vorwärts oder zurück tat, neue abwechslungsreiche Bilder bot, nach den Gipfeln zu sowohl wie in der Tiefe der Täler. Das Mondlicht hüllte gerade wie ein leuchtender Nebel das Couësnontal ein, und eine Frau, die eine verschmähte Liebe im Herzen trug, mußte ganz besonders empfänglich sein für die Schwermut, die dieses sanfte Licht in der Seele wachruft, für die phantastischen Bildungen, die es aus den Felsmassen erweckt, die Färbungen, die es im Wasser hervorruft, dessen Bewegung so gut zu den Ausstrahlungen unserer geheimen Schmerzen stimmt.

Da wurde das Schweigen von dem Geschrei der zwei Esel durchschnitten. Rasch stieg Fräulein von Verneuil wieder zur Hütte des Chouans hinab, und sie brachen auf.

Galope-chopine hatte sich mit einer doppelläufigen Jagdflinte bewaffnet und in ein langes Kitzfell gehüllt, das ihm das Aussehen Robinson Crusoes gab. Sein mit Finnen übersätes, runzliges Gesicht war kaum zu sehen unter dem riesigen Hute, den die Bauern noch als ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen beibehalten, stolz darauf, daß sie sich während ihrer Leibeigenschaft diesen alten herrschaftlichen Kopfputz erobert haben. Die nächtliche Karawane, unter dem Schutze ihres Führers, dessen Anzug, Haltung und Gestalt etwas Patriarchalisches hatte, ähnelte jener Flucht nach Ägypten, die wir dem düsteren Pinsel Rembrandts verdanken.

Galope-chopine vermied sorgfältig die Heerstraße und geleitete die beiden Frauen durch den weitgedehnten Irrgarten der Richtwege seiner Heimat. Nun erst begann Fräulein von Verneuil den Chouankrieg zu begreifen.

Als sie auf diesen sich schlängelnden Pfaden dahinwanderte, erkannte sie erst die wirkliche Beschaffenheit des Geländes, das ihr, von einem hohen Punkte aus betrachtet, so reizend vorgekommen war; denn es war unmöglich, sich ein Bild von dieser Unmenge von Feldern zu machen, ohne sie zu durchstreifen. Rings um jedes Ackerstück haben die Bauern seit undenklichen Zeiten einen sechs Fuß hohen prismatischen Erdwall aufgeworfen, auf dem Kastanienbäume, Eichen oder Buchen wachsen. Diese bepflanzten Wälle nennen sie »Hecken«, und da die langen Äste der sie krönenden Bäume fast überall bis auf die Erde herabhängen, bilden sie einen riesigen Laubengang. Die düsteren Wege, die von diesen lehmigen Erdwällen eingeschlossen werden, ähneln Festungsgräben, und wo der Granit, der in diesen Landstrichen fast überall zutage tritt, nicht eine Art holprigen Pflasters bildet, werden sie so unbefahrbar, daß selbst das kleinste Fuhrwerk nur mit Hilfe von zwei Paar Ochsen oder zwei kleinen, doch kräftigen Pferden darauf vorwärtskommen kann. Zudem sind sie gewöhnlich so morastig, daß die tägliche Notwendigkeit sich auf den Feldern längs der Hecken einen Fußweg geschaffen hat, den man dortzulande »rote« nennt, und der an jedem Ackerstück entlangführt. Um von einem Feld zum andern zu gelangen, muß man daher die Hecke mittels einiger Stufen erklimmen, die infolge des Regens oft recht schlüpfrig sind.

Die Reisenden hatten noch manch andere Hindernisse auf diesen Schlangenwegen zu überwinden. So die »échaliers«, womit jedes Ackerstück an seinem etwa zehn Fuß breiten Eingang verrammelt ist. So ein Echalier ist ein Baumstamm oder kräftiger Ast, dessen eines Ende mehrmals durchbohrt ist und in einem unförmigen Holzklotze steckt, der als Zapfen dient. Der Echalier ragt ein wenig über seinen Zapfen hinaus, so daß er eine genügende Last tragen kann, um ein Gegengewicht zu bilden.

Selbst ein Kind kann diesen seltsamen Feldverschluß handhaben, dessen anderes Ende in einem an der inneren Seite der Hecke angebrachten Loche ruht. Zuweilen sparen die Bauern auch den als Gegengewicht dienenden Stein, indem sie das dicke Ende des Astes oder Stammes vorstehen lassen. Dieser Verschluß ändert die Form je nach dem Erfindungsgeist des Feldeigentümers. Oft besteht der Echalier nur aus einem einzigen Aste, dessen beide Enden durch eine Erdlast in der lehmigen Hecke festgehalten werden. Oft sieht er auch aus, wie eine viereckige Tür aus mehreren dünnen Zweigen, ähnlich einer Leiter, die in regelmäßigen Zwischenräumen mit Sprossen versehen ist. In diesem Falle läßt er sich seitwärts drehen und rollt auf der andern Seite über ein kleines massives Rad.

Diese Hecken und Echaliers verleihen der Bodenfläche das Aussehen eines riesigen Schachbretts, darauf jeder Acker ein von den andern völlig getrenntes Feld darstellt, das wie eine Festung abgeschlossen und von Wällen geschützt ist und dessen leicht zu verteidigendes Tor den Angreifern die größten Schwierigkeiten entgegensetzt.

Die bretonischen Bauern glauben allen Ernstes ihre Brachfelder zu düngen, indem sie das Aufschießen riesiger Ginsterbüsche begünstigen, die in jenen Gegenden so gut gepflegt werden, daß sie bald Manneshöhe erreichen. Dieser Anschauung, die ganz solcher Leute würdig ist, welche ihre Dunghaufen an der höchstgelegenen Stelle ihrer Höfe errichten, ist es zu verdanken, daß auf etwa einem Felde unter vieren sich wahre Ginsterwälder erheben, die zu unzähligen Hinterhalten Gelegenheit bieten. Im übrigen gibt es dort vielleicht nicht ein einziges Feld, auf dem nicht wenigstens ein paar Apfelbäume stehen, die ihre niedrigen Zweige herabhängen lassen und somit alles Wachstum auf dem Boden ersticken, den sie bedecken; und wenn man dann noch die geringe Größe der einzelnen Äcker in Betracht zieht, deren Hecken riesige Bäume mit gierigen Wurzeln tragen, die den vierten Teil der Felder aussaugen, gewinnt man eine Vorstellung von der Kultur und dem Aussehen des Landstrichs, den Fräulein von Verneuil durcheilte.

Ob der Wunsch, Grenzstreitigkeiten zu umgehen, oder nur die Trägheit der Eigentümer, die das Vieh gern ohne Hüter einpferchen, diese fürchterlichen Hürden geschaffen hat, weiß man nicht; doch die Hindernisse, die sie in ununterbrochener Folge bieten, machen das Land uneinnehmbar, einen Massenkrieg unmöglich. Und hieraus wird ersichtlich, daß der Kampf zwischen regulären Truppen und Parteigängern sich unabsehbar hinziehen mußte, denn fünfhundert Mann konnten hier mit Erfolg den Armeen eines Reiches Widerstand leisten. Hierin lag das ganze Geheimnis des Chouankrieges.

Jetzt erst begriff Fräulein von Verneuil die Notwendigkeit, vor die sich die Republik gestellt sah, den Aufruhr lieber durch polizeiliche und diplomatische Mittel zu unterdrücken, als durch unnützen Aufwand militärischer Kräfte. Was sollte man denn auch gegen Leute ausrichten, die gewitzt genug waren, auf die Einnahme fester Städte zu verzichten und sich dafür lieber des offenen Geländes zu bemächtigen, dessen Befestigungen unzerstörbar sind? Wie sollte man nicht unterhandeln, wenn die ganze Kraft dieser verblendeten Landbevölkerung in einem tüchtigen, unternehmenden Anführer gesammelt war? Marie mußte den Geist des Ministers bewundern, der von seinem Arbeitszimmer aus das Geheimnis, zum Frieden zu gelangen, erkannt hatte. Ja, sie glaubte die Beweggründe solcher Menschen zu durchschauen, die geistesgewaltig genug sind, ein ganzes Reich mit einem einzigen Blicke zu umfassen, und deren Handlungen, in den Augen der Menge oft verbrecherisch erscheinend, nichts sind als das Spiel eines ungeheuren Gedankens. Diese machtvollen Seelen stehen irgendwie zwischen Schicksal und Verhängnis, sie haben irgend ein Vorwissen, das sie plötzlich emporhebt; dann sieht sie die Menge, nachdem sie sie einen Augenblick lang in ihrer Mitte gesucht, wenn sie die Augen erhebt, weit über sich schweben.

Solche Gedanken schienen die von Fräulein von Verneuil gehegten Rachegefühle zu rechtfertigen, ja zu adeln. Und zudem trug diese geistige Arbeit im Verein mit ihren Hoffnungen dazu bei, ihr die Anstrengungen der Reise erträglich zu machen.

Am Ende jedes Feldstücks mußte Galope-chopine die beiden Frauen absitzen lassen und ihnen beim Überklettern der schwierigen Grenzübergänge behilflich sein. Als die Fußwege aufhörten, waren sie gezwungen, wieder ihre Tiere zu besteigen und sich auf die morastige Fahrstraße zu wagen, deren Zustand das Nahen des Winters verkündete; denn die großen Bäume, welche Laubgänge bildeten, begünstigten im Verein mit den Hecken eine Feuchtigkeit, die den Reisenden oft mit eisigem Hauche entgegenschlug.

Nach unsäglicher Anstrengung erreichten sie bei Sonnenaufgang den Wald von Marigny. Nun, auf dem breiten Waldwege, wurde die Wanderung weniger beschwerlich. Der von den Ästen gewölbte Laubgang, durch den die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen, und der dichte Baumwuchs schützten sie vor den Unbilden der Witterung, und die Schwierigkeiten, die sie zuerst zu überwinden gehabt, zeigten sich nicht mehr.

Kaum hatten sie etwa eine Meile im Walde zurückgelegt, als sie von weitem undeutliches Stimmengemurmel und den Ton eines Glöckchens vernahmen, dessen silberner Klang nichts von der Eintönigkeit des Geläutes weidender Herden hatte. Galope-chopine lauschte beim Weiterschreiten dieser Melodie sehr aufmerksam. Bald trug ihm ein Windstoß ein paar psalmodierte Worte zu, die ihm großen Eindruck zu machen schienen; denn er führte daraufhin die müden Reittiere in einen Seitenpfad, der die Reisenden von dem Wege nach Saint-James abbringen mußte, und hatte taube Ohren für die Vorstellungen Maries, die sich über das Einschlagen dieser anderen Richtung sehr beunruhigte.

Zur Rechten und Linken türmten sich ungeheure Granitblöcke zu seltsamen Gebilden aufeinander, und über sie hin zogen sich riesige Baumwurzeln schlangenähnlich hin, um weither nährende Säfte für ein paar hundertjährige Buchen herbeizuholen. Die beiden Seiten der Straße glichen einer unterirdischen Tropfsteinhöhle. Riesige Steinmassen, auf denen das dunkle Grün der Stechpalme und des Farnkrauts sich mit dem hellen, weißlichen des Waldmooses vermischte, verbargen jähe Abhänge und die Eingänge zu tiefen Höhlen.

Als die drei Wanderer ein paar Schritte in einen engen Seitenweg getan hatten, bot sich Fräulein von Verneuil plötzlich das überraschendste Schauspiel. Ein halbkreisförmiges Becken aus Granitblöcken bildete ein Amphitheater, auf dessen unförmigen Stufen schlanke, düstere Tannen und hohe Kastanienbäume mit herbstgelben Blättern sich übereinander stuften und so den Anblick eines weiten Zirkus boten, über den die schon winterliche Sonne eher düstere Farben auszugießen als Licht zu verbreiten schien, und den der Herbst allerorten mit dem falben Teppich seines dürren Laubes bedeckt hatte.

Im Mittelpunkt dieses Saales, dessen Baumeister die Sintflut gewesen zu sein schien, erhoben sich drei mächtige Druidensteine zu einem hohen Altar, von dem ein altes Kirchenbanner herabwehte. Etwa hundert barhäuptige Männer lagen auf den Knien in diesem Felsenkessel und beteten inbrünstig, während ein Priester, von zwei andern Geistlichen unterstützt, die Messe las. Die Ärmlichkeit der kirchlichen Gewänder, die schwache Stimme des Priesters, die wie ein gedämpftes Gemurmel im Raum verhallte, die gläubig betenden, von ein und demselben Gefühl beseelten Männer vor dem schmucklosen Altar, das einfache Kruzifix, die ländlichwilde Form dieses Tempels, Ort und Stunde – das alles verlieh dem Vorgang den Charakter der Ursprünglichkeit, der den ersten Zeiten des Christentums eigen war.

Von Bewunderung ergriffen, blieb Fräulein von Verneuil stehen. Noch nie hatte sie etwas Ähnliches gesehen oder sich vorgestellt, wie diese Waldmesse, diesen durch Verfolgungen auf seine ursprüngliche Form zurückgedrängten Gottesdienst, der die Poesie längstvergangener Zeiten kühn in eine eigenartige, phantastische Landschaft verpflanzte, die bewaffneten Chouans, die für den Augenblick ihre Mordwerkzeuge abgelegt hatten, diese grausamen, jetzt in Gebet versunkenen Männer, die doch dabei wie Kinder waren. Wohl entsann sie sich, in ihrer Kindheit den Prunk der römischen Kirche, der so stark auf die Sinne wirkt, bewundert zu haben; doch Gott allein, das Kruzifix auf dem Altar, der auf nackter Erde steht, kannte sie noch nicht. Anstelle des gemeißelten Blattwerks der gotischen Spitzbogen herbstliche Bäume, die den Dom des Himmels trugen; anstelle der tausend durch Glasfenster einfallenden Farben die spärlichen, rötlichen Strahlen und dunklen Reflexe, die die Sonne auf Priester und Gemeinde warf. Hier waren die Menschen nur lebendige Wirklichkeit, nicht ein System, hier war nur Inbrunst, keine Religion.

Doch bald brachen die menschlichen Leidenschaften, deren augenblickliche Verdrängung diesem Bilde seine Geschlossenheit verliehen hatte, aus dieser geheimnisvollen Szene hervor und belebten sie machtvoll.

Bei der Ankunft der drei Wanderer wurde gerade das Evangelium zu Ende gelesen. Und nun erkannte Marie nicht ohne Schrecken den Abbé Gudin, dessen Blicken sie sich hastig entzog, indem sie sich durch einen riesigen Felsblock deckte, hinter den sie auch Francine zog, während sie vergebens versuchte, auch Galope-chopine von der Stelle wegzubringen, die er sich erwählt hatte, um der Segnungen des Gottesdienstes teilhaftig zu werden. Doch hoffte sie, der sie bedrohenden Gefahr entgehen zu können, als sie gewahrte, daß sie sich infolge der Beschaffenheit ihres Standortes schneller als die übrigen Anwesenden würde zurückziehen können. Durch einen breiten Felsspalt hindurch sah sie den Abbé Gudin auf einen herabgestürzten Granitblock steigen, den er als Kanzel benutzte. Gleich darauf begann er seine Predigt mit dem Worten: »In nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti,« bei denen sämtliche Anwesenden das Kreuzeszeichen machten.

»Meine lieben Brüder,« fuhr er fort, »beten wir zunächst für die Hingeschiedenen: Jean Cochegrue, Nicolas Laferté, Joseph Brouet, François Parquoi, Sulpice Coupiau, alle aus dieser Gemeinde und den Wunden erlegen, die sie im Gefecht auf der Pellerine und bei der Belagerung von Fougères davongetragen. De profundis . . .«

Der Psalm wurde dem Gebrauche gemäß abwechselnd von Zuhörern und Geistlichen hergesagt, die ihre Verse mit solcher Inbrunst sprachen, daß sich auf einen guten Erfolg der Andacht schließen ließ.

Als die Totenfürbitte vorüber war, fuhr der Abbé Gudin mit immer heftiger werdender Stimme in seiner Predigt fort, denn als ehemaliger Jesuit wußte er sehr gut, daß das Feuer des Vortrags das beste Argument war, seine rohen Zuhörer zu überzeugen.

»Diese Verteidiger Gottes, liebe Brüder in Christo,« rief er, »haben euch das Beispiel der Pflichterfüllung gegeben. Schämt ihr euch nicht dessen, was man im Paradiese von euch sagen wird? Wären nicht diese Seligen, die von allen Heiligen mit offenen Armen empfangen worden sein müssen, unser Herr Christus könnte glauben, euer Kirchspiel werde von lauter Heiden bewohnt! . . . Wißt ihr auch wohl, was man in der Bretagne und beim König von euch sagt? Wie! heißt es, die Blauen haben die Altäre gestürzt, die Rektoren getötet, sie haben König und Königin ermordet, sie wollen alle Pfarrkinder in der Bretagne zu Blauen machen und sie außerhalb ihrer Kirchspiele, in weit entlegenen Ländern kämpfen lassen, und die Gars von Marignay, denen man ihre Kirche angezündet hat, rühren sich nicht? Oh! diese Teufelsrepublik hat die Güter Gottes und der Edelleute meistbietend verschachert, um den Gewinn unter ihre Blauen zu verteilen, und jetzt hat sie, um sich mit Geld vollzusaugen, wie sie sich mit Blut vollgesaugt hat, die Verordnung erlassen, von den Sechsfrankentalern drei Livres zu erheben und von sechs Männern drei einzuziehen – und die Gars von Marignay haben nicht zu den Waffen gegriffen, um die Blauen aus der Bretagne zu verjagen? Ach! das Paradies wird ihnen verschlossen bleiben, nie werden sie die ewige Seligkeit erlangen! Es handelt sich also um euer Seelenheil, Christen! Eure Seele sollt ihr retten, indem ihr für die Religion und den König streitet! Die heilige Anna von Auray in eigener Person ist mir vorgestern um halb drei Uhr erschienen. Wie ich jetzt zu euch rede, hat sie mit mir gesprochen. – »Du bist ein Priester aus Marignay?« fragte sie. – »Zu dienen, Madame.« – »Nun, ich bin die heilige Anna von Auray, auf gut bretonisch, die Tante Gottes. Ich bin zwar immer in Auray, jetzt aber auch noch hierher gekommen, damit du den Gars von Marignay sagest, daß sie kein Seelenheil erhoffen dürfen, wenn sie nicht zu den Waffen greifen. Daher sollst du ihnen auch keine Sündenvergebung gewähren, wenn sie sich nicht in den Dienst Gottes stellen. Du sollst ihre Gewehre segnen, und die Gars, die ohne Sünde in den Kampf ziehen, werden nie einen Blauen verfehlen, weil ihre Gewehre geweiht sind.« Dann verschwand sie wieder und ließ unter der Eiche am Kreuzweg einen Weihrauchduft zurück. Ich habe die Stelle bezeichnet, und der Herr Rektor von Saint-James hat ein schönes Muttergottesbild aus Holz dort aufgestellt, das bereits ein Wunder getan hat; die Mutter des Pierre Leroi, genannt Marche-à-terre, die des Abends hinging, um zu beten, ist um der guten Werke ihres Sohnes willen von ihren Schmerzen geheilt worden. Da steht sie in eurer Mitte, und ihr könnt sie mit eigenen Augen ohne Hilfe gehen sehen. Dieses Wunder ist wie die Auferstehung des seligen Marie Lambrequin geschehen, um euch zu beweisen, daß Gott sich stets der Sache der Bretonen annehmen wird, wenn sie für seine Diener und den König ins Feld ziehen. Wenn ihr, lieben Brüder, also eure Seele retten und euch als Verteidiger Gottes unsres Herrn zeigen wollt, müßt ihr in allen Stücken dem gehorchen, den der König euch gesandt hat, und den wir als den Gars kennen. Dann werdet ihr nicht mehr sein wie die Heiden, sondern euch mit allen andern Gars aus der ganzen Bretagne unter dem Banner Gottes zusammenfinden. Ihr könnt den Blauen alles Geld, das sie gestohlen haben, aus den Taschen nehmen; denn zur Entschädigung dafür, daß eure Felder nicht bestellt werden, solange ihr Krieg führt, überlassen Gott und der König euch das Gut eurer Feinde. Wollt ihr, Christen, daß es heiße, die Gars von Marignay ständen hinter denen aus Saint-Georges, aus Vitré, aus Antrain zurück, die alle im Dienste Gottes und des Königs stehen? Wollt ihr ihnen alles allein überlassen? Wollt ihr, wie die Ketzer, mit gekreuzten Armen stehen bleiben, wenn so viele andere Bretonen ihr Seelenheil suchen und den König retten? Verlasset alles um meinetwillen! sagt die Schrift. Haben wir Priester nicht schon den Zehnten fahren lassen? Verlasset ihr darum alles, um in den heiligen Krieg zu ziehen! Ihr werdet sein wie die Makkabäer – alles wird euch vergeben werden! In eurer Mitte werdet ihr die Rektoren und ihre Helfer finden, und so werdet ihr siegen! – Und wisset, lieben Brüder in Christo,« beschloß er seine Predigt, »daß wir nur heute die Macht haben, eure Waffen zu segnen. Gegen die, welche sich dieser Gnade entziehen, wird die heilige Jungfrau sich nicht wieder also barmherzig zeigen, und sie würde sie nicht wieder erhören, wie sie es im vorigen Kriege getan!«

Diese durch die Macht einer kräftig hallenden Stimme unterstützte Predigt brachte trotz der mannigfachen Gebärden, von denen sie begleitet war und die den Redner ganz in Schweiß versetzten, anscheinend eine nur geringe Wirkung hervor. Die Bauern glichen sämtlich Bildsäulen, wie sie so reglos dastanden, die Augen auf den Geistlichen gerichtet. Doch bald erkannte Fräulein von Verneuil, daß diese von allen eingenommene Haltung der Erfolg eines Zaubers war, mit dem der Abbé die Masse umsponnen hatte. Er hatte, nach der Art großer Schauspieler, sein Publikum wie einen einzelnen Menschen behandelt, er hatte sich an den Vorteil, die Leidenschaften aller gewandt, hatte im voraus für alle Ausschreitungen Vergebung gewährt. Seine lügnerische Rede hatte die einzigen Bande gelöst, die diese rohen Menschen zur Wahrung der sittlichen Gebote anhielten. Er hatte sein geistliches Amt politischen Zwecken, dienstbar gemacht; in diesen Zeiten des Aufruhrs schmiedete eben ein jeder aus allem, was er besaß, eine Waffe zum Vorteil seiner Partei, und das friedliche Kreuz der Gotteshäuser wurde ebenso zu einem Werkzeug des Krieges wie die nährende Pflugschar.

Da sie kein Auge fand, mit dem sie sich hätte verständigen können, wandte sich Fräulein von Verneuil nach Francine um. Doch sie war nicht wenig überrascht, diese die allgemeine Begeisterung teilen und eifrig an dem Rosenkranze Galope-chopines beten zu sehen, den er ihr jedenfalls während der Predigt überlassen hatte.

»Francine!« sagte sie leise zu ihr, »du hast also Angst, eine Heidin zu sein?«

»Oh, Fräulein,« erwiderte die Bretonin, »sehen Sie doch nur dort Pierres Mutter, die auf einmal gehen kann . . .«

Francines Haltung brachte eine so vollkommene Überzeugung zum Ausdruck, daß Fräulein von Verneuil auf einmal das Geheimnis dieser Predigt, den Einfluß der Geistlichkeit auf dem Lande und die wunderbare Wirkung des Vorgangs begriff, der jetzt begann, sich unter ihren Augen abzuspielen.

Nacheinander traten die dem Altare zunächststehenden Bauern vor und knieten nieder, während sie ihre Gewehre dem Prediger überreichten, der sie auf den Altar legte. Auch Galope-chopine beeilte sich, seine Waffe hinzureichen. Die drei Priester stimmten unterdes das Veni Creator an, und der Messner hüllte die Mordwerkzeuge in eine Wolke bläulichen Dunstes ein, indem er mit dem Weihrauchkessel Figuren beschrieb, die sich ineinanderzuschlingen schienen. Als der Wind die Weihrauchwolke endlich vertrieben hatte, wurden die Gewehre der Reihe nach wieder ausgeteilt. Ein jeder nahm das seine kniend in Empfang, und die Geistlichen sagten bei der Übergabe ein lateinisches Gebet her. Als die Männer bewaffnet an ihre Plätze zurückkehrten, kam die dumpfe, inbrünstige Begeisterung der Gemeinde in furchtbarer, doch zugleich rührender Weise zum Ausbruch.

»Domine, salvum fac regem!« . . . hatte der Abbé in mächtigen Tönen angestimmt, und zweimal wiederholten die Anwesenden das Gebet in heftiger Bewegung. Der Gesang hatte etwas Wildes, Kriegerisches. Die beiden Noten, die auf das Wort regem fielen, dessen Bedeutung die Bauern kannten, erklangen mit solcher Macht, daß Fräulein von Verneuil nicht anders konnte, als mit Rührung der verbannten Bourbonenfamilie zu gedenken. Diese Erinnerung weckte zugleich die an ihr vergangenes Leben, an die Feste an diesem jetzt aufgelösten Hof, bei denen sie geglänzt. In ihre Träumerei schlich sich alsbald die Gestalt des Marquis ein. Und mit echt weiblicher Geistesbeweglichkeit vergaß sie das Bild vor ihren Augen und weilte wiederum bei ihren Racheplänen, bei denen es sein Leben galt und die doch vor einem Blick in nichts zerrinnen konnten. Sie überlegte sich, daß sie für den entscheidendsten Augenblick ihres Lebens, in dem sie schön sein wollte und mußte, keinen Kopfschmuck hatte, und es reizte sie plötzlich, sich einen Stechpalmenzweig ins Haar zu stecken, dessen krause Blätter und rote Beeren in diesem Augenblick ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen.

»Oho!« sagte Galope-chopine und nickte zufrieden mit dem Kopfe, »jetzt kann meine Flinte wohl einen Vogel verfehlen, die Blauen aber . . . nie mehr!«

Fräulein von Verneuil betrachtete jetzt das Gesicht ihres Führers genauer und fand in ihm alle die Züge wieder, die sie auch bei den andern Chouans bemerkt hatte. Sicherlich hatte der alte Bauer nicht mehr Gedanken im Kopfe, als ein Kind. Als er sein Gewehr beschaute, zog ein kindlich glückliches Lächeln ihm Stirn und Wangen zusammen, zugleich aber gab die religiöse Überzeugung seinem freudestrahlenden Ausdruck einen fanatischen Anstrich, der einen Augenblick lang diesem, wilden Gesicht den Stempel der Laster der Zivilisation aufdrückte.

Bald langten die Wanderer nun in einem Dorfe an, das heißt, an vier oder fünf beisammen gelegenen Hütten, die der Behausung Galope-chopines glichen. Während Fräulein von Verneuil ein Mahl einnahm, das nur aus Butter, Brot und Milch bestand, trafen auch die neugeworbenen Chouans dort ein, von dem Rektor angeführt, der ein zum Feldzeichen gemachtes plumpes Kruzifix in der Hand hielt, während ein Gars das Banner des Kirchspiels wenige Schritte hinter ihm hertrug.

Fräulein von Verneuil war somit gezwungen, sich dieser Abteilung anzuschließen, die sich gleich ihr nach Saint-James begab, und die sie ganz selbstverständlich in ihren Schutz nahm, nachdem Galope-chopine die glückliche Unvorsichtigkeit begangen hatte, dem Führer der Truppe zu erzählen, sie sei eine gute Freundin des Gars.

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