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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel

Die von fürchterlicher Unruhe gepeinigte Francine hatte ihre Herrin die ganze Nacht hindurch erwartet. Als sie sie sah, wollte sie etwas sagen; doch ein freundschaftlicher Wink Maries gebot ihr Stillschweigen.

»Ich bin nicht umgekommen, liebes Kind,« sagte Fräulein von Verneuil. »Ach, als ich von Paris abreiste, sehnte ich mich nach Gemütsbewegungen! – Nun, die habe ich gehabt,« setzte sie nach einer Pause hinzu.

Francine wollte hinausgehen, um eine Mahlzeit zu bestellen, da ihre Herrin, wie sie meinte, großen Hunger haben müsse. Doch Fräulein von Verneuil widersprach.

»Zuerst ein Bad, ein Bad!«

Francine war nicht wenig überrascht, Fräulein von Verneuil die elegantesten Kleidungsstücke verlangen zu hören, die sie eingepackt hatte.

Nach dem Frühstück kleidete sich Marie mit der ganzen Sorgfalt und Genauigkeit an, die eine Frau dieser wichtigen Aufgabe widmet, wenn sie sich den Augen eines teuren Menschen auf einem Balle zeigen soll. Francine vermochte sich die spöttische Heiterkeit ihrer Herrin nicht zu erklären. Denn es war – eine Frau irrt sich in so etwas nicht – kein Liebesfrohlocken, es war verhaltene Bosheit, die nichts Gutes kündete.

Fräulein von Verneuil zog selbst die Falten des Vorhangs am Fenster zurecht, das einen weiten Rundblick gewährte, dann schob sie das Ruhebett ans Feuer, rückte es so, daß das Licht ihrem Gesichte günstig war, und trug Francine auf, sich Blumen zu verschaffen, damit das Zimmer ein festliches Aussehen gewänne.

Als Francine die Blumen gebracht hatte, ordnete Fräulein von Verneuil ihre malerische Verteilung im Zimmer an; und nachdem sie einen letzten, befriedigten Blick auf ihr Zimmer geworfen, sagte sie Francine, sie solle dem Kommandanten ihren Gefangenen abfordern.

Sie streckte sich behaglich auf dem Kanapee aus, ebensosehr, um sich endlich auszuruhen, wie um eine anmutig lässige Haltung einzunehmen, durch die manche Frauen so stark zu wirken vermögen. Ihr sanft schmachtender Ausdruck, die herausfordernde Lage ihrer Füße, deren Spitze ein wenig unter ihrem Gewand hervorkam, ihr ungezwungenes Daliegen, die geschwungene Nackenlinie, alles, bis zu der leichten Biegung ihrer schlanken Finger, die wie die Blütenglocken eines Jasminzweiges über ein Kissen herabhingen, verband sich mit ihrem Gesichtsausdruck zu unwiderstehlicher Verführung. Sie verbrannte wohlriechende Essenzen, um die Luft mit den Düften zu schwängern, die so gewaltig auf die Fibern des Mannes einwirken und gar oft die Triumphe vorbereiten, die eine Frau erlangen will, ohne sie zu fordern.

Ein paar Minuten später hallten durch den anstoßenden Salon die wuchtigen Tritte des alten Militärs.

»Nun, Herr Oberst, wo haben Sie meinen Gefangenen gelassen?«

»Ich habe soeben einem Pikett von zwölf Mann befohlen, ihn zu erschießen, weil man ihn mit der Waffe ergriffen hat.«

»Wie, Sie verfügen über meinen Gefangenen!« rief Marie. »Hören Sie, Herr Kommandant, wenn ich recht in Ihrem Gesicht zu lesen verstehe, muß die Erschießung eines Mannes nach dem Kampfe nichts sehr Erhebendes für Sie sein. Also – überliefern Sie ihn mir! Gewähren Sie einen Aufschub für seine Hinrichtung, ich nehme die Folgen auf mich! Ich versichere Ihnen, daß er sehr wichtig für mich und die Ausführung unserer Pläne ist. Im übrigen würde es ebenso sinnlos sein, ihn zu erschießen, wie einen Ballon mit einer Kugel zu durchlöchern, wenn eine Nadel genügt, ihn zu entleeren. Überlassen Sie um Gotteswillen die Grausamkeiten der Aristokratie. Republikaner müssen großmütig sein. Würden denn Sie nicht den Opfern Quiberons und so und so vielen anderen verziehen haben? Ach was, lassen Sie Ihre zwölf Mann eine Runde machen und speisen Sie mit meinem Gefangenen bei mir zu Mittag. Es ist nur noch eine Stunde lang hell, und« – schloß sie lächelnd – »wenn Sie sich lange besinnen, bringen Sie mich um die ganze Wirkung meiner Toilette!«

»Aber wie kann ich« . . . sagte der überraschte Kommandant.

»Nun, was denn? Ach, ich verstehe Sie. Der Graf wird Ihnen ja aber nicht entkommen. Früher oder später fliegt der fette Falter schon in Ihr Feuer!«

Und sie deutete lachend auf den neben ihr liegenden Karabiner. Der Kommandant zuckte leicht die Achseln, wie ein Mann, der notgedrungen gehorchen muß, weil eine schöne Frau es nun einmal so will. Eine halbe Stunde später kam er zurück, von dem Grafen von Bauvan gefolgt.

Fräulein von Verneuil ließ sie sehr dicht an sich herankommen, spielte die Überraschte und schien in Verlegenheit zu geraten, weil der Graf sie in so lässiger Haltung hatte daliegen sehen. Doch als sie in seinen Augen gelesen, daß sie die beabsichtigte Wirkung erzielt hatte, erhob sie sich und begrüßte ihre beiden Tischgäste mit vollendeter Anmut und Höflichkeit. Nichts Gewolltes, nichts Gezwungenes in ihren Bewegungen, ihrem Lächeln, ihrem Benehmen, ihre Stimme verriet, daß sie überlegt handelte und einen Zweck verfolgte. Alles war im Einklang miteinander, und kein allzu auffälliger Zug konnte den Eindruck wachrufen, daß sie die Manieren einer Gesellschaft nachahme, in der sie nicht gelebt hatte. Als der Royalist und der Republikaner sich gesetzt hatten, sah sie den Grafen mit strenger Miene an.

Der Edelmann kannte die Frauen zu gut, um nicht zu wissen, daß der Schimpf, den er dieser hier angetan, ihm ein Todesurteil eintragen werde. Trotz seiner Mutmaßung aber war er ebensowenig betrübt wie lustig. Er sah nur aus wie ein Mensch, der an so jähe Lösungen nicht gewöhnt ist. Außerdem schien es ihm lächerlich, angesichts einer hübschen jungen Frau Angst vor dem Tode zu haben, und ihre strenge Miene brachte ihn auf »Ideen«.

»Wer weiß,« sagte er bei sich, »ob nicht eine Grafenkrone, die ihr winkt, mehr Reiz für sie hat als eine verlorene Marquiskrone? Montauran ist dürr wie eine Latte, während ich« . . . Er sah voll Selbstgefälligkeit an sich hinunter. »Nun, das mindeste, was mir geschehen kann, ist, daß ich meinen Kopf rette.«

Doch seine diplomatischen Erwägungen waren recht überflüssig. Das Begehren, das er sich vornahm für Fräulein von Verneuil zu erheucheln, wurde bald zu einer tatsächlichen Leidenschaft, die das gefährliche Weib mit Fleiß anfachte.

»Graf,« sagte sie, »Sie sind mein Gefangener, und ich allein habe das Recht, über Sie zu bestimmen. Ihre Hinrichtung wird nur mit meiner Einwilligung stattfinden, doch bin ich zu neugierig, um Sie im Augenblick erschießen zu lassen.«

»Wenn ich mir nun aber fest vornehmen sollte, zu schweigen?« erwiderte er scherzend.

»Das täten Sie vielleicht einer anständigen Frau gegenüber, aber gegen eine Dirne . . .! Nein, Graf, unmöglich – das reden Sie mir nicht ein!«

Diese von bitterem Hohn erfüllten Worte wurden, wie Sully von der Herzogin von Beaufort sagt, aus so spitzigem Schnabel gepfiffen, daß der überraschte Edelmann sich daran genügen ließ, statt aller Antwort seine grausame Widersacherin anzublicken.

»Sehen Sie,« fuhr sie mit spöttischer Miene fort, »um Sie nicht Lügen zu strafen, werde ich, wie diese Geschöpfe alle, ein »gutes Mädchen« sein! Da haben Sie Ihren Karabiner.«

Und sie überreichte ihm mit ironischer Gebärde seine Waffe.

»Auf Edelmannswort, mein Fräulein, Sie handeln . . .«

»Ach,« unterbrach sie ihn, »von Ihren Edelmannsworten habe ich gerade genug! Auf solch ein Wort hin bin ich nach La Vivetière gegangen, nachdem Ihr Anführer mir geschworen hatte, daß ich und meine Leute dort in Sicherheit sein würden.«

»Welche Niedertracht!« rief Hulot stirnrunzelnd.

»Daran ist der Graf schuld,« antwortete Marie, indem sie einen Blick auf Bauvan warf. »Der Gars hatte sicherlich die beste Absicht, sein Wort zu halten, aber dieser Herr hat irgendeine Verleumdung über mich verbreitet, die alle andern, von einer gewissen Person über mich ausgestreuten, bestätigte . . .«

»Und doch, Fräulein,« warf der Graf ganz verwirrt dazwischen, »würde ich, selbst wenn mein Kopf unterm Beile läge, noch behaupten, die Wahrheit gesprochen zu haben . . .«

»Als Sie was sagten?«

»Sie seien die . . .«

»Sprechen Sie es nur aus: die Mätresse.«

»Des Marquis von Navailles, eines meiner Freunde, gewesen,« vollendete Bauvan den Satz.

»Nunmehr könnte ich Sie Ihrer Strafe überliefern,« sagte sie kalt, und ohne sich im mindesten durch die nach bestem Gewissen vorgebrachte Anschuldigung berührt zu zeigen, so daß der Graf in das höchste Erstaunen über ihre wirkliche oder erheuchelte Gleichgültigkeit diesem Vorwurf gegenüber geriet.

»Aber,« fuhr sie fort, »lassen Sie nur ruhig den traurigen Gedanken an Pulver und Blei fahren, denn Sie haben mich nicht mehr beleidigt als Ihren Freund, von dem Sie sagen, ich sei seine . . . pfui doch! Sagen Sie, Graf, haben Sie denn nicht im Hause meines Vaters, des Herzogs von Verneuil, verkehrt? Wie?«

Da sie jedenfalls meinte, Hulots Mitwisserschaft sei überflüssig bei einer so wichtigen vertraulichen Mitteilung wie derjenigen, die sie zu machen hatte, winkte Fräulein von Verneuil den Grafen näher zu sich heran und flüsterte ihm ein paar Worte zu, worauf er einen unterdrückten Laut des Erstaunens hören ließ und Fräulein von Verneuil fassungslos anblickte. Diese machte nun die von ihr soeben wachgerufene Erinnerung noch lebendiger, indem sie sich in der unschuldigen, naiven Haltung eines Kindes an den Kamin lehnte.

»Gnädiges Fräulein,« rief Herr von Bauvan, indem er das Knie vor ihr beugte, »ich flehe Sie an, mir Unwürdigem zu verzeihen!«

»Ich habe nichts zu verzeihen,« erwiderte sie. »Mit Ihrer gegenwärtigen Reue haben Sie ebensowenig recht, wie mit Ihrer beleidigenden Behauptung in La Vivetière. Doch das sind Dinge, die Ihr Begriffsvermögen übersteigen. Halten Sie nur das eine fest, Graf, daß die Tochter des Herzogs von Verneuil zuviel Seelengröße besitzt, um sich nicht lebhaft für Sie zu interessieren.«

»Sogar nach einer Beleidigung,« meinte der Angeredete mit einer Art von Bedauern.

»Stehen gewisse Menschen nicht zu hoch, als daß Beleidigungen sie erreichen könnten? Zählen Sie mich immerhin zu ihnen, Graf.«

Als sie diese Worte aussprach, nahm Marie eine so edle, stolze Haltung ein, daß sie einen großen Eindruck auf den Gefangenen machte, während für Hulot ihr listiges Spiel noch unverständlicher wurde. Der Kommandant strich sich mit der Hand den Schnurrbart zurück und betrachtete Fräulein von Verneuil mit unruhiger Miene. Doch sie beschwichtigte ihn durch ein Zeichen, das ihm zu verstehen gab, sie verliere ihren Plan nicht aus dem Auge.

»Jetzt,« sagte sie, nach der kurzen Pause, die ihren letzten Worten gefolgt war, »wollen wir plaudern. Francine, bring uns Licht.«

Mit großer Gewandtheit lenkte sie das Gespräch auf die Zeit, die innerhalb so weniger Jahre zum »alten Regime« geworden war. Sie versetzte den Grafen durch die Lebhaftigkeit ihrer Betrachtungsweise und ihrer Bilder so völlig in jene Epoche zurück, gab ihm durch die liebenswürdige Zuvorkommenheit, mit der sie ihm die Antworten in den Mund legte, so viele Gelegenheiten, geistreich zu scheinen, daß er fand, er sei noch nie in seinem Leben ein so angenehmer Gesellschafter gewesen. Und sobald diese Idee ihn verjüngt hatte, verlegte er sich darauf, auch seiner verführerischen Wirtin diese günstige Meinung von sich selbst beizubringen.

Die boshafte Pariserin ihrerseits spielte nun alle Kunstgriffe der Koketterie gegen ihn aus, was sie um so besser konnte, als sie innerlich völlig unbeteiligt war. So ließ sie ihn bald auf einen raschen Sieg hoffen, bald zeigte sie ihm, als ob sie selbst über ihr ungestüm aufkeimendes Gefühl erschrocken sei, eine Kälte, die ihn entzückte und die seine unversehens entstandene Leidenschaft unmerklich noch anfachte. Sie glich durchaus einem Fischer, der ab und zu die Angel sachte hebt, um nachzusehen, ob der Fisch angebissen hat. Der arme Graf, der bei diesem Gespräch all seine Erinnerungen brandschatzte, ließ sich durch die Art und Weise ködern, mit der seine Retterin ein paar leidlich gedrechselte Komplimente aufnahm; und es dauerte nicht lange, bis Emigranten, Republik, Bretagne und Chouans seinen Gedanken weit entschwunden waren. Hulot saß stumm, steif und unbeweglich da, wie Gott Terminus, denn sein Mangel an feiner Bildung machte ihn zu solch einer Unterhaltung völlig untauglich. Wohl ahnte ihm entfernt, daß die beiden Wortführenden sehr geistreich sein müßten; doch all seine Geistesanstrengung richtete sich einzig darauf, aufzupassen, ob sie auch nicht etwa in verblümten Wendungen gegen die Republik komplottierten.

»Montauran, gnädiges Fräulein,« sagte der Graf, »ist von gutem Adel, er hat Lebensart, eine hübsche Larve – aber von Ritterlichkeit hat er keine Ahnung. Er ist eben zu jung, um Versailles gekannt zu haben. Seine Erziehung ist ganz verfehlt; statt seine Gegner anzuschwärzen, teilt er Messerstiche aus. Er kann wohl leidenschaftlich lieben, aber niemals wird er sich mit der wunderbaren Feinheit zu geben wissen, wie sie Lauzun, Adhémar, Coigny und viele andere auszeichnete; er versteht sich eben nicht auf die Kunst, den Frauen die allerliebsten Nichtigkeiten zu sagen, die ihnen nun einmal besser zusagen als alle leidenschaftlichen Beteuerungen, deren sie stets bald müde sein werden. In der Tat – obwohl er Glück bei Frauen hat, besitzt er doch weder Anmut noch adlige Ungezwungenheit!«

»Das habe ich wohl bemerkt,« antwortete Marie.

»Ah!« dachte der Graf, »ihr Tonfall und ihr Blick beweisen, daß ich bald den Punkt bei ihr erreicht haben werde. Und weiß Gott, um ihr zu gehören, will ich gern alles glauben, was sie mich glauben machen will.«

Unter solchen Betrachtungen bot er ihr den Arm und führte sie zu Tisch.

Fräulein von Verneuil spielte die Hausfrau mit solchem Anstand und Takt, wie nur lange Gewöhnung durch das Leben am Hofe sie verleihen.

»Gehen Sie jetzt,« sagte sie leise zu Hulot, als sie die Tafel aufhoben, »Sie schüchtern ihn mir ein; wenn ich mit ihm allein bleibe, werde ich hingegen sehr bald alles wissen, was ich erfahren muß, denn er ist bei dem Punkte angelangt, wo ein Mann mir alles sagt, was er denkt, und nur noch durch meine Augen sieht.«

»Und hernach?« fragte der Kommandant.

»Oh, er soll frei sein, frei wie ein Vogel.«

»Er ist aber mit der Waffe in der Hand ergriffen, worden.«

»Nein doch,« widersprach sie dem Kommandanten mit der scherzhaften Wortklauberei, die Frauen einem unumstößlichen Grunde so gern entgegensetzen, »ich hatte sie ihm ja schon abgenommen!«

»Graf,« sagte sie, nachdem sie sich von Hulot verabschiedet hatte, »ich habe Ihnen soeben die Freiheit erwirkt. – Aber umsonst ist der Tod,« lächelte sie und legte den Kopf auf die Seite, wie um ihn auszuforschen.

»Verlangen Sie von mir, was Sie wollen,« rief er in seiner Trunkenheit, »ich lege Ihnen alles zu Füßen.«

Und er näherte sich ihr, um ihre Hand zu ergreifen, indem er versuchte, seine Begierden als Dankbarkeit hinzustellen. Doch Marie war nicht die Frau, sich hierin täuschen zu lassen. So trat sie denn einige Schritte zurück, lächelte aber gleichwohl dem Grafen zu, um seine Hoffnungen aufrecht zu erhalten, und sprach:

»Wollen Sie mich mein Vertrauen bereuen lassen?«

»Die Vorstellungskraft eines jungen Mädchens arbeitet schneller als die einer Frau,« erwiderte er lachend.

»Es hat auch mehr zu verlieren.«

»Das ist wahr, man muß argwöhnisch sein, wenn man einen Schatz bei sich trägt.«

»Lassen wir diese Redereien,« versetzte sie, »und sprechen wir ernsthaft. Sie geben einen Ball in Saint-James, wohin Sie, wie ich hörte, Ihre Lagerhäuser, Arsenale und den Sitz Ihrer Regierung verlegt haben. Wann ist der Ball?«

»Morgen abend.«

»Sie werden sich nicht darüber wundern, Graf, daß eine verleumdete Frau mit aller weiblichen Hartnäckigkeit darauf besteht, eine öffentliche Genugtuung in Gegenwart derer zu erlangen, die Zeugen ihrer Beschimpfung waren. Ich werde also Ihren Ball besuchen und erbitte Ihren Schutz von dem Augenblick meines Erscheinens an bis zu meinem Weggehen. – Ich will nicht Ihr Wort,« sagte sie, als sie sah, daß er die Hand beteuernd auf sein Herz legte. »Ich hasse Schwüre, denn sie sehen einer Vorsichtsmaßregel zu ähnlich. Sagen Sie mir nur, daß Sie sich verpflichten, meine Person vor jedem verbrecherischen oder schmählichen Angriff zu schützen. Versprechen Sie mir, Ihr Unrecht wieder gut zu machen, indem Sie erklären, daß ich wirklich Fräulein von Verneuil bin, und wir werden miteinander quitt sein. Nun – eine Frau zwei Stunden lang auf einem Balle zu beschirmen, das ist doch wohl kein zu teures Lösegeld? Freilich sind Sie auch keinen roten Heller mehr wert!«

Durch ein Lächeln nahm sie diesen Worten alles Beleidigende.

»Und was verlangen Sie für meinen Karabiner?« fragte der Graf lachend.

»Oh! Mehr als für Sie selbst!«

»Was denn?«

»Verschwiegenheit. Glauben Sie mir, Herr von Bauvan, nur eine Frau kann einer Frau auf die Spur kommen. Und ich bin sicher, wenn Sie ein Wort sagen, kann es mich unterwegs das Leben kosten. Gestern haben mich ein paar Kugeln vor den Gefahren gewarnt, denen ich mich beim Spazierengehen aussetze. Oh – diese Frau ist ebenso tüchtig auf der Jagd, wie flink bei der Toilette! Nie hat ein Kammermädchen mich so hurtig . . . Ach, sorgen Sie um Gotteswillen dafür,« unterbrach sie sich selbst, »daß ich auf dem Ball nichts dergleichen zu fürchten brauche.«

»Sie werden unter meinem Schutze stehn,« erwiderte der Graf voller Stolz. »Kommen Sie aber Montaurans wegen nach Saint-James?« setzte er betrübt hinzu.

»Sie möchten mehr wissen, als ich selber weiß,« meinte sie lachend. »Jetzt müssen Sie aber gehen,« fuhr sie nach einer Pause fort. »Ich werde Sie selbst aus dem Sankt Leonhardstore hinauslassen, denn ich will Ihren Kopf niemand sonst anvertrauen – hier wird ja ein kannibalischer Krieg geführt.«

»So haben Sie also ein wenig Interesse für mich?« rief der Graf. »Ach, Schönste, lassen Sie mich hoffen, daß Sie nicht unempfindlich für meine Freundschaft sind. Denn mit einem Freundschaftsgefühl muß ich mich ja wohl begnügen, nicht wahr?«

»Fort mit Ihnen, Sie Hellseher!« erwiderte sie mit der Heiterkeit, die die Frauen annehmen, wenn sie ein Geständnis machen wollen, das weder ihrer Würde noch ihrer Verschwiegenheit Eintrag tut.

Dann nahm sie einen Pelz um und begleitete den Grafen bis zum Nid-aux-crocs, nachdem sie dem Wachtposten anbefohlen, ihn ungehindert durchzulassen.

Am Ende des Fußweges angelangt, legte sie den Finger an die Lippen und sagte:

»Seien Sie also verschwiegen, Graf, selbst dem Marquis gegenüber!«

Herr von Bauvan, den Maries gütiger Gesichtsausdruck kühn machte, ergriff ihre Hand, was sie wie eine große Gunst geschehen ließ, küßte sie und antwortete:

»Mein Fräulein, rechnen Sie im Leben und im Tode auf mich! Aber wenn ich Ihnen auch fast die gleiche Dankbarkeit schulde wie meiner Mutter, wird es mir doch sehr schwer fallen, nichts als Ehrerbietung für Sie zu empfinden . . .«

Damit enteilte er.

Nachdem sie ihm bis zu den Felsen von Saint-Sulpice mit den Augen gefolgt war, nickte sie befriedigt und sprach leise vor sich hin:

»Der dicke Geselle hat mir mehr als sein Leben in die Hand gegeben! Mit geringer Mühe würde ich ihn zu meinem Geschöpfe machen! Das ist also der ganze Unterschied zwischen zwei Menschen – Schöpfer oder Geschöpf sein!«

Sie sprach ihren Gedanken nicht bis zum Ende aus, sondern warf nur einen verzweifelten Blick zum Himmel empor und schritt dann langsam zum Leonhardstore zurück, wo Hulot und Corentin auf sie warteten.

»Noch zwei Tage,« rief sie ihnen zu, »und . . .«

Da sie sah, daß sie nicht allein seien, unterbrach sie sich. Dann flüsterte sie Hulot zu:

»Und er wird unter Ihren Schüssen fallen!«

Ihre Haltung und Miene drückten nicht die geringste Gewissenspein aus; denn das ist das Merkwürdige an den Frauen, daß sie über ihre verwerflichsten Handlungen nicht nachdenken, sondern sich nur von ihrem Gefühl fortreißen lassen. So liegt selbst in der Heuchelei bei ihnen etwas Natürliches, und nur sie können Verbrechen begehen, ohne dabei gemein zu werden. In den meisten Fällen wissen sie gar nicht, »wie es zugegangen ist«.

Der Kommandant trat einen Schritt zurück und faßte sie mit schwer wiederzugebender, echt soldatenhafter Spottsucht ins Auge.

»Ich gehe«, fuhr sie fort, »nach Saint-James zum Balle der Chouans und . . .«

»Aber,« wurde sie sogleich durch Corentin unterbrochen, »das ist ja fünf Meilen von hier – soll ich Sie da nicht begleiten?«

»Sie beschäftigen sich recht viel mit einer Sache, bei der ich nie – an Sie denke,« war ihre Antwort.

Die Verachtung, die sie Corentin gegenüber an den Tag legte, gefiel Hulot ungemein, so daß er beifällig nickte, als er sie in der Richtung nach Saint-Léonard verschwinden sah. Corentin folgte ihr ebenfalls mit den Augen, wobei sich auf seinen Zügen unwillkürlich der Ausdruck der schlimmen Überlegenheit malte, die er auf das reizende Geschöpf ausüben zu können vermeinte, indem er den Leidenschaften, die sie ihm früher oder später ausliefern würden, den Weg wies.

Als Fräulein von Verneuil zu Hause angelangt war, beeilte sie sich, über ihren Ballputz zu Rate zu gehen. Francine, gewohnt, ihrer Herrin zu gehorchen, ohne je ihre Absichten zu begreifen, holte die Schachteln herbei und schlug ein griechisches Gewand vor, denn damals huldigte alles der griechischen Mode. Das Kleid, für das beide sich entschieden, konnte bequem in einer leichten Pappschachtel mitgenommen werden.

»Francine, ich werde weit über Land laufen. Überlege dir, ob du mitkommen oder hierbleiben willst, liebes Kind.«

»Hierbleiben?« rief Francine aus. »Wer sollte Sie denn dann ankleiden?«

»Gut. Wo hast du den Handschuh, den ich dir heute früh gab?«

»Hier ist er.«

»Näh ein grünes Band daran und nimm vor allem Geld mit.«

Doch als sie sah, daß Francine neugeprägte Münzen einstecken wollte, rief sie:

»Weiter haben wir wahrhaftig nichts nötig, wenn wir uns umbringen lassen wollen! Sag Jeremias, daß er Corentin weckt. Doch nein, dann würde er uns folgen! Schicke zum Kommandanten und laß ihn für mich um Sechsfrankentaler bitten.«

Mit dem weiblichen Scharfsinn, der auch die kleinsten Einzelheiten nicht übersieht, dachte sie an alles; und während Francine sich mit den Vorbereitungen zu diesem unbegreiflichen Aufbruch beschäftigte, versuchte sie, den Schrei des Käuzchens hervorzubringen, und es gelang ihr schließlich auch, Marche-à-terres Signal täuschend nachzuahmen.

Um Mitternacht verließ sie die Stadt durch das Leonhardstor, schlug den kleinen Fußpfad zum Nid-aux-crocs ein und wagte sich, von Francine begleitet, durch das Gibarrytal. Sie ging mit festen Schritten, denn in ihr lebte der starke Wille, der Gang und Körper den Stempel der Kraft aufdrückt. Wenn es im allgemeinen eine schwierige Sache für eine Frau ist, beim Nachhauseweg vom Ball eine Erkältung zu vermeiden – sobald sie eine Leidenschaft im Herzen trägt, wird ihr Körper wie Stahl. Ein beherzter Mann würde sich ein solches Unterfangen gründlich überlegt haben; kaum aber war in Fräulein von Verneuil nur die Möglichkeit dazu aufgetaucht, als seine Gefahren in ihren Augen zu ebenso vielen Lockungen wurden.

»Sie sind fortgegangen, ohne sich Gott zu befehlen,« sagte Francine und drehte sich nach dem Kirchturm von Saint-Léonard um.

Die gottesfürchtige Bretonin blieb stehen, faltete die Hände und sprach ein Ave zur heiligen Anna von Auray, um einen glücklichen Ausgang der Reise von ihr zu erflehen. Marie betrachtete währenddessen nachdenklich die kindlich fromme Haltung ihres Kammermädchens und die phantastischen Wirkungen des dunstigen Mondlichts, das den scharf hineinragenden Formen der Kirche etwas von der Feinheit einer Filigranarbeit verlieh.

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