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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel

Die soeben beschriebene Szene wird verständlicher werden durch eine kurze Abschweifung, die hier am Platze ist, um eine gewisse Art von Nörglern davon zu überzeugen, daß Hulots Befürchtungen nicht ohne Grund waren, Leute, die gern alles anzweifeln, weil sie nichts sehen, und die auch die Existenz Marche-à-terres und der westfranzösischen Bauern mit ihrem damals so prachtvollen Verhalten in Abrede stellen könnten.

Von ganz Frankreich ist die Bretagne derjenige Landstrich, wo die altgallischen Gebräuche die stärksten Spuren zurückgelassen haben. Und die Teile der Provinz, in denen noch heutzutage die ungezügelte Lebensweise, der abergläubische Geist unserer rohen Vorfahren ungeschmälert zu finden sind, heißen das Land der Gars (Buben). Wird ein Bezirk von vielen solcher Wilden bewohnt, die dem soeben in unserer Erzählung aufgetretenen ähneln, so sagen die Leute der Umgegend: die Gars aus dem und dem Kirchspiel.

Dieser klassische Name ist wie eine Belohnung für die Treue, mit der sie sich bemühen, die Überlieferungen der gälischen Sprache und der gälischen Sitten zu bewahren. So trägt ihr Leben tiefe Spuren des Volksglaubens und der abergläubischen Gebräuche der alten Zeiten. Dort werden die Lehenssitten noch hochgehalten. Dort findet der Altertumsforscher noch aufrechtstehende Druidensteine. Dort schreckt der Geist der modernen Zivilisation davor zurück, ungeheure Urwälder zu durchdringen. Unglaubliche Wildheit, roher Starrsinn, aber auch Eidestreue; vollständiges Fehlen unserer Gesetze, unserer Sitten, unserer Kleidung, unserer Münzarten, unserer Sprache ebensogut wie patriarchalische Einfachheit und heroische Tugenden tragen dazu bei, daß die Bewohner dieser Landstriche ärmer an geistigen Kräften sind als die Mohikaner und Rothäute Südamerikas. Die Stelle der Bretagne im Herzen Europas macht sie zu einem viel merkwürdigeren Gegenstand der Betrachtung, als etwa Kanada ist. Von Lichtstrahlen umflossen, deren wohltuende Wärme es nicht erreicht, ähnelt dieses Land einer erkalteten Kohle, die dunkel und schwarz in der Glut eines Feuerherdes liegt.

Die Versuche einiger wohlmeinender Geister, diesen schönen, an ungekannten Schätzen so reichen Teil Frankreichs der bürgerlichen Gesellschaft und einem gedeihlichen Fortkommen zu erschließen, scheitern ebenso wie die Anstrengungen der Regierung angesichts der Reglosigkeit einer Bevölkerung, die sich völlig den Gebräuchen eines unvordenklichen Herkommens hingibt.

Dieses Unglück erklärt sich hinreichend aus der Natur eines noch von Schluchten, Gießbächen, Seen und Morästen durchfurchten Erdbodens; eines Bodens, der, von Erdbastionen ähnelnden Einzäunungen starrend, die aus jedem Feld eine Zitadelle machen, aller Straßen und Kanäle entbehrt; erklärt sich ferner aus dem Geiste einer unwissenden, unserer modernen Landwirtschaft abholden Bevölkerung, voll all der Vorurteile, deren Gefahren durch die Einzelheiten dieser Geschichte vor Augen geführt werden sollen.

Die malerische Anlage des Landes, die abergläubischen Vorstellungen seiner Bewohner schließen sowohl die zielbewußte Entwicklung des Einzelcharakters wie die Vorteile sozialer Natur aus. Dort gibt es keine Dörfer. Dünn über das Land gesät sind die wenig fest gebauten Wohnstätten, die man »Logis« nennt. Jede Familie lebt wie in einer Wüste für sich. Die einzigen Zusammenkünfte sind die kurzen Versammlungen, die der Sonntag oder ein kirchlicher Feiertag der Gemeinde schenkt. Diese stummen Versammlungen, die der »Rektor« (Titel des Pfarrers), der einzige Meister dieser grobsinnigen Geister, leitet, dauern nur wenige Stunden. Nachdem er der furchtbaren Stimme des Priesters gelauscht hat, kehrt der Bauer für eine Woche in seine ungesunde Hütte zurück; er verläßt sie, um zu arbeiten, betritt sie wieder, um zu schlafen. Sucht ihn jemand dort auf, so ist es der Rektor, die Seele der Gegend.

Die Stimme dieses Priesters hatte es auch zuwege gebracht, daß Tausende von Männern sich gegen die Republik wandten und daß jene Teile der Bretagne fünf Jahre vor der Zeit, in welcher unsere Geschichte beginnt, Massen von königstreuen Soldaten lieferten.

Die Brüder Cottereau, kühne Schmuggler, die diesem Kriege ihren Namen liehen, übten ihr gefährliches Handwerk von Laval bis Fougères aus. Aber die Aufstände der Landschaften hatten nichts Edles an sich, und man konnte mit voller Überzeugung sagen, daß, wenn die Vendée aus der Räuberei einen Krieg machte, die Bretagne aus dem Kriege eine Räuberei machte. Die Ächtung der Fürsten, die vernichtete Religion waren für die Chouans nur Vorwände zur Plünderung, und die Ereignisse dieses Bürgerkrieges hatten etwas von der wilden Rauheit der Sitten dieser Landschaft.

Als dann wirkliche Verteidiger der Monarchie kamen, um Soldaten unter dieser unwissenden und kriegslustigen Bevölkerung anzuwerben, versuchten sie vergebens, diesen Unternehmungen unter der weißen Fahne, die die Chouannerie verhaßt gemacht hatten, etwas wie Größe zu verleihen, und die Chouans sind ein denkwürdiges Beispiel dafür geblieben, wie gefährlich es ist, die wenig zivilisierten Massen eines Landes aufzuwühlen.

Das Bild des ersten Tales, das die Bretagne den Augen des Reisenden bietet, die Schilderung der Männer, aus denen sich der Trupp der Aufgebotenen zusammensetzte, die Beschreibung des auf der Höhe der Pellerine erschienenen Gars geben in aller Kürze ein treues Bild der Provinz und ihrer Bewohner. Eine geschulte Einbildungskraft ist imstande, sich nach diesen Einzelheiten den Schauplatz und die Werkzeuge des Krieges vorzustellen. Dort waren seine Elemente. Die so blütenreichen Hecken dieser schönen Täler verbargen damals unsichtbare Angreifer. Jedes Feld war zu dieser Zeit eine Festung, jeder Baum eine verborgene Falle, jeder alte Weidenstumpf wurde als strategisches Versteck benutzt. Überall war Kriegsschauplatz. An den Straßenbiegungen lauerten die Büchsenmündungen den Blauen auf, die junge Mädchen, ohne sich ihrer Schändlichkeit bewußt zu werden, lachenden Mundes ins Feuer lockten. Sie machten dann mit ihren Vätern und Brüdern eine Wallfahrt und baten irgendeine wurmstichige Madonna um neue Ränke und um Vergebung der alten. Die Religion oder vielmehr der Fetischismus dieser unwissenden Geschöpfe entkleidete den Mord seiner Gewissensbisse. So wurde denn, nachdem der Kampf einmal entbrannt war, alles im Lande gefährlich: Lärm und Stille, Schonung und Grausamkeit, häuslicher Herd und offene Heerstraße. In dieser Verräterei lag Überzeugung. Es waren Wilde, die Gott und dem Könige in der Weise dienten, in der die Mohikaner Krieg führen.

Um jedoch diesen Kampf in allen Punkten genau und treu zu schildern, muß der Geschichtschreiber anfügen, daß sofort, nachdem der Frieden Hoches unterzeichnet war, die Gegend wieder lachend und freundschaftlich wurde. Und Familien, die sich am vorhergehenden Abend noch gegenseitig zerrissen, aßen am nächsten Tage ungefährdet unter demselben Dach.

In dem Augenblick, da Hulot die geheimen Tücken erkannte, welche das Ziegenfell Marche-à-terres verriet, war er von dem Bruche dieses glücklichen, dem Genie des Generals Hoche zu verdankenden Friedens überzeugt, dessen Aufrechterhaltung dem Offizier jetzt unmöglich schien. So würde denn der Krieg nach einer Pause von drei Jahren wieder aufleben, und ohne Zweifel schrecklicher als früher! Die Revolution, die seit dem 9. Thermidor milder geworden war, würde nun vielleicht den Charakter des Schreckens wieder annehmen, durch den sie sich allen guten Geistern verhaßt gemacht hatte. Das Geld der Engländer hatte, wie stets, zu den Unruhen in Frankreich beigetragen. Die Republik, von dem jungen Bonaparte verlassen, der ihr Schutzgeist zu sein schien, war allen Anzeichen nach außerstande, so vielen Feinden Widerstand zu leisten, von denen der grausamste sich zuletzt zeigte. Der durch tausend kleine Teilaufstände angekündigte Bürgerkrieg gewann einen ganz neuen Charakter von Bedenklichkeit in dem Augenblicke, da die Chouans es darauf anlegten, eine so starke Eskorte anzugreifen.

Dies waren die Überlegungen, die, wenn auch nicht in solcher Kürze, Hulot durch den Kopf gingen, nachdem er in dem Auftauchen Marche-à-terres den Beweis eines geschickt vorbereiteten Überfalls aus dem Hinterhalt zu erkennen glaubte. Denn er allein gab sich zunächst Rechenschaft über die Gefahr.

Das Stillschweigen, das den prophetischen Worten des Kommandeurs an Gérard folgte (und das die vorhergehende Szene abschließt), wurde von Hulot dazu benutzt, seine Kaltblütigkeit wiederzuerlangen. Der alte Soldat hatte beinahe gewankt. Und er konnte die Wolken nicht von seiner Stirne vertreiben, als er sich sagte, daß er bereits von den Schrecken eines Krieges umgeben sei, dessen Scheußlichkeiten Kannibalen hätten empören können.

Hauptmann Merle und Adjutant Gérard, seine beiden Freunde, versuchten sich die Befürchtungen zu deuten, die auf Hulots Gesicht geschrieben standen und die ihnen etwas so Ungewohntes waren, und betrachteten Marche-à-terre, wie er am Wegrande seinen Fladen verzehrte, ohne die geringste Beziehung zwischen dieser Art von Tier und der Erregung ihres unerschrockenen Kommandanten herstellen zu können.

Indes klärte Hulots Miene sich bald auf. Während er noch das unglückliche Geschick der Revolution beklagte, freute er sich schon wieder darauf, für sie kämpfen zu dürfen; er versprach sich freudig, sich von den Chouans nicht zum besten halten zu lassen und den so unglaubhaft schlauen Menschen zu ergründen, den sie ihm die Ehre antaten, gegen ihn auszuschicken.

Bevor er jedoch irgendeinen Entschluß faßte, machte er sich daran, die Stellung zu prüfen, in der seine Feinde ihn überraschen wollten. Als er sah, daß der Weg, in dessen Mitte er sich befand, in eine Art von Schlucht endigte, die zwar nicht eben tief, jedoch von Wald bestanden war, und in die mehrere Fußwege einmündeten, runzelte er seine dichten schwarzen Augenbrauen heftig; dann sagte er mit gedämpfter und sehr bewegter Stimme zu seinen Freunden:

»Wir sind in einem Wespennest!«

»Wovor haben Sie denn nur Angst?« fragte Gérard.

»Angst? . . .« erwiderte der Kommandant. »Ja – Angst. Ich habe immer schon Angst davor gehabt, wie ein Hund an der Biegung eines Waldwegs erschossen zu werden, ohne daß man mir vorher ein ›Wer da?‹ zugerufen hätte!«

»Wir sind also wirklich in Gefahr?« fragte Gérard, jetzt ebenso erstaunt über Hulots Kaltblütigkeit, wie er es zuerst über sein flüchtiges Erschrecken gewesen.

»Scht!« warnte der Kommandant, »wir sind im Rachen des Wolfes, es ist so finster darin, wie in einem Ofen, und wir müssen eine Kerze anzünden. Ein Glück,« fuhr er fort, »daß wir die Höhe dieses Abhangs haben!«

Er ließ ein kräftiges Wort der Kennzeichnung folgen und setzte hinzu:

»Ich werde vielleicht doch noch herausbekommen, was hinter alledem steckt.«

Der Kommandeur zog die beiden Offiziere an sich und stellte sich mit ihnen vor Marche-à-terre auf; der Gars tat, als glaube er, ihnen lästig zu sein, und stand rasch auf.

»Bleib, wo du bist, Strauchdieb!« schrie ihn Hulot an und versetzte ihm einen solchen Stoß, daß er auf die Böschung zurückfiel, auf der er gesessen hatte. Von diesem Augenblick an hörte der Halbbrigadeführer nicht auf, den gleichgültig dreinsehenden Bretonen aufmerksam zu betrachten.

»Hört, Freunde,« begann er dann wieder leise, zu den beiden Offizieren gewendet, »es ist Zeit, euch zu sagen, daß die Karre da unten im Dreck steckt. In der Gesetzgebenden Versammlung haben sie Plätzeverwechseln gespielt und unserer Sache wieder einmal mächtig geschadet. Diese Pentarchen oder, um in unserer Sprache zu reden, diese Hampelmänner von Direktoren haben eine gute Klinge verloren. Bernadotte will nicht mehr.«

»Wer ersetzt ihn?« fragte Gérard lebhaft.

»Milet-Mureau, ein alter Zopf. Sie haben sich eine recht schlechte Zeit ausgesucht, um ihre Dummköpfe auf das Vaterland loszulassen! Das sind die englischen Raketen, die hier in den Bergen losgehen. Jetzt bekommen wir es wieder mit diesen Hitzköpfen von Vendéern und Chouans zu tun; und die hinter diesen Drahtpuppen stecken, haben den Moment gut zu packen verstanden, in dem wir unterliegen.«

»Wie?« sagte Merle.

»Unsere Armeen sind an allen Enden geschlagen,« fuhr Hulot mit immer gedämpfterer Stimme fort. »Die Chouans haben die Kuriere schon zweimal abgefangen, und ich habe meine Depeschen und die letzten Verordnungen nur mittels eines eigenen Boten erhalten können, den Bernadotte in dem Augenblick absandte, als er aus dem Ministerium austrat. Freunde haben mir zum Glück vertraulich über diesen Zusammenbruch berichtet. Fouché hat entdeckt, daß Pariser Verräter den Tyrannen Ludwig XVIII. veranlaßt haben, seinen Spitzeln im Ministerium des Innern einen Führer zu schicken. Man glaubt, daß Barras die Republik verrät. Kurz, Pitt und die Fürsten haben einen unserer gewesenen Aristokraten hierher gesandt, einen tatkräftigen, begabten Menschen, der gern der Republik die rote Mütze vom Haupte reißen möchte, indem er die Vendéer gemeinsame Sache mit den Chouans machen läßt. Dieser Freund ist in Morbihan gelandet, ich habe das zuerst erfahren und es die Pariser Schlauköpfe wissen lassen. Er nennt sich Le Gars. All diese Tiere – er deutete dabei auf Marche-à-terre – versteifen sich auf Namen, die einem ehrlichen Patrioten übel machen würden. Also unser Mann ist hier im Bezirk. Die Ankunft dieses Chouans – er zeigte wiederum auf Marche-à-terre – sagt mir, daß er uns auf den Fersen ist. Aber einem alten Affen braucht man das Grimassenschneiden nicht beizubringen, und Ihr werdet mir helfen, meine Vögel in den Käfig zu schaffen, und zwar, ehe Ihr Euch selbst recht besonnen habt! Ich wäre ein netter Dummkopf, ginge ich diesem Adligen auf den Leim, der unter dem Vorwand von London kommt, unsere Hüte abzubürsten.«

Als sie diese geheimgehaltenen bedenklichen Umstände erfuhren, nahmen die beiden Offiziere, die wußten, daß ihr Vorgesetzter sich niemals umsonst erregte, jene ernste Haltung an, die dem Soldaten inmitten der Gefahr eigen ist, sofern er von gestähltem Charakter ist und tiefer in die menschlichen Dinge hineinsieht. Gérard, dem sein Rang, wenn er auch bisher keinen Gebrauch davon gemacht hatte, wohl ein freieres Wort mit dem Kommandanten erlaubte, wollte antworten und nach all den politischen Neuigkeiten fragen, von denen ein Teil ihnen offenbar noch verschwiegen worden war; aber ein Wink Hulots gebot ihm Einhalt, und alle drei richteten die Blicke auf Marche-à-terre.

Der Chouan gab nicht das leiseste Zeichen einer inneren Bewegung zu erkennen, als er sich derart von den sowohl durch Klugheit wie durch Körperkräfte für ihn gefährlichen Männern beobachtet sah. Die Spannung der beiden Offiziere, denen eine solche Art von Krieg etwas Neues war, wurde auf das lebhafteste durch diesen Beginn einer Angelegenheit erregt, die fast romantisch zu nennen war; so waren sie denn nicht abgeneigt, einen Scherz darüber zu machen; aber beim ersten Wort, das ihnen entfuhr, blickte Hulot sie ernst an und sagte zu ihnen:

»Donnerwetter! Wir wollen auf dem Pulverfasse lieber nicht rauchen, Bürger. Zur Unzeit Mut zeigen, taugt eben nicht mehr, als wenn man in einem Korbe Wasser tragen wollte.«

»Gérard,« sprach er dann, indem er sich zum Ohre seines Adjutanten neigte, »pirschen Sie sich unauffällig an diesen Briganten heran und halten Sie sich bei der geringsten verdächtigen Bewegung bereit, ihm Ihren Degen durch den Leib zu jagen. Ich für mein Teil werde Maßnahmen treffen, die Unterhaltung aufrechtzuerhalten, sofern unsere Unbekannten eine anzuspinnen belieben.«

Gérard nickte zum Zeichen des Gehorsams leise mit dem Kopf, dann begann er, die Aussichten des Tales zu betrachten, mit dem die frühere Schilderung bekanntgemacht hat; er gab vor, sie aufmerksamer studieren zu wollen, und rückte sozusagen an Ort und Stelle und ganz unauffällig weiter vor; indes erübrigt es sich zu sagen, daß die Landschaft das letzte war, was er sich ansah.

Marche-à-terre seinerseits stellte sich, als verkenne er gänzlich, daß das Verhalten des Offiziers Gefahr für ihn bedeute; nach der Art und Weise, wie er mit seinem Peitschenende spielte, hätte man glauben können, daß er im Graben angle.

Während Gérard so versuchte, vor dem Chouan Stellung zu nehmen, sagte der Kommandant ganz leise zu Merle:

»Geben Sie einem Sergeanten zehn Mann ausgewählte Soldaten bei und postieren Sie sie selbst über uns dort oben auf der Höhe des Hügels, wo der Weg sich zu einem Plateau verbreitert und von wo Sie ein hübsches Stück der Straße von Ernée werden überblicken können. Suchen Sie sich eine Stelle, an der der Weg nicht von Bäumen bestanden ist und von wo aus der Sergeant das Gelände überwachen kann. Nehmen Sie La-clef-des-cœurs, der ist gewitzt. Es ist nicht zum Lachen; ich gebe keinen roten Heller für unsere Haut, wenn wir nicht verdammt auf unserer Hut sind.«

Während Hauptmann Merle seinem Befehl mit wohlverständlicher Eile nachkam, schwenkte der Kommandant die rechte Hand, um den ihn plaudernd umgebenden Soldaten tiefes Schweigen zu gebieten. Ein zweiter Wink befahl, die Waffen aufzunehmen. Als die Ruhe wiederhergestellt war, ließ er den Blick von einer Seite der Straße zur andern gehen und horchte mit unruhiger Aufmerksamkeit, als hoffe er auf ein verräterisches Geräusch, Waffengeklirr oder Schritte von Vorläufern des erwarteten Kampfes. Sein durchdringendes schwarzes Auge schien die Wälder bis in ihre Tiefen zu durchforschen; aber da er gar keinen Anhaltspunkt fand, ließ er den Blick über die sandige Landstraße gleiten, um ihr, nach Art der Wilden, vielleicht einige Fußspuren jener unsichtbaren Feinde abzugewinnen, deren Kühnheit ihm. wohlbekannt war.

Voller Ärger, weil er auch hier nichts bemerkte, was seine Befürchtungen gerechtfertigt hätte, verließ er die Mitte der Straße und erklomm mühevoll ihre leichten Böschungen, worauf er langsam auf dem Kamm entlang schritt. Doch bald bedachte er, wie notwendig seine Erfahrung dem Heile seiner Truppe war, und stieg wieder hinab. Sein Gesicht wurde finsterer; denn dazumal ging es den Soldatenführern immer gegen den Strich, wenn sie die gefahrvollste Aufgabe nicht für sich allein behalten konnten.

Als die andern Offiziere und die Soldaten die Nachdenklichkeit ihres Vorgesetzten bemerkten, dessen Charakter sie schätzten und dessen Tüchtigkeit anerkannt war, dachten sie sich zwar, seine außergewöhnliche Aufmerksamkeit müsse eine Gefahr ankündigen; wenn sie sich aber nicht rührten und fast den Atem anhielten, so geschah das trotzdem, mehr aus Instinkt, denn sie waren unfähig, den Ernst des Augenblickes zu ahnen. Ähnlich jenen Hunden, die versuchen, die Absichten des klugen Jägers zu erraten, dessen Befehl ihnen unverständlich ist, und die stets unbedingt Gehorsam leisten, betrachteten die Soldaten abwechselnd das Tal von Couësnon, die Wälder vor ihnen und das strenge Gesicht ihres Kommandanten mit dem Bemühen, ihr Geschick darin zu entziffern. Sie befragten einander mit den Augen, und mehr als ein Lächeln flog von Mund zu Mund.

Als Hulot sein Gesicht schnitt, sagte Beau-pied, ein junger Sergeant, der für den Schöngeist seiner Kompagnie galt, mit leiser Stimme:

»In was für einer Klemme stecken wir denn, zum Teufel, daß dieser alte Haudegen von Hulot uns so eine Grimasse hinmacht? Er nimmt sich ja aus wie ein Kriegsrat!«

Hulot warf Beau-pied einen strengen Blick zu, und sogleich herrschte wieder militärisches Schweigen. Inmitten dieser feierlichen Stille vernahm man das regelmäßige Geräusch der zögernden Schritte der Ausgehobenen, unter deren Füßen der Sand dumpf knirschte, ein Geräusch, das der allgemeinen Angst noch eine unbestimmte Aufregung beigesellte. Dieses unerklärliche Gefühl wird nur verstehen können, wer einmal in seinem Leben, von entsetzlicher Erwartung gefoltert, in der Stille der Nacht das schwere Klopfen seines eigenen Herzens gespürt hat, verstärkt durch irgendein Geräusch, dessen eintönige Wiederkehr ihm das Grauen Tropfen um Tropfen einzuflößen schien.

Als er sich wieder zu seiner Truppe zurückbegab, begann der Kommandant sich zu fragen, ob er sich getäuscht habe. Er betrachtete voller Ingrimm, der ihm in Blitzen aus dem Auge schoß, den stillen, dumm dreinblickenden Marche-à-terre; aber die wilde Ironie, die er aus dem glanzlosen Blick des Chouans herauszulesen verstand, überzeugte ihn von der Notwendigkeit, seine vorsichtige Haltung beizubehalten.

In diesem Augenblick kehrte Hauptmann Merle zurück, nachdem er Hulots Befehle ausgeführt. Die stummen Schauspieler dieser Szene, die tausend anderen ähnelte, durch welche jener Feldzug der dramatischste aller Kriege wurde, warteten nun gespannt darauf, daß sich durch weitere Vorkehrungen die Unklarheiten ihrer militärischen Lage erhellen möchten.

»Wir haben gut daran getan, Hauptmann,« sagte der Kommandant, »die kleine Zahl von Patrioten, die wir unter diesen Rekruten besitzen, die Nachhut bilden zu lassen. Nehmen Sie noch ein Dutzend zuverlässige Kerls unter Führung von Unteroffizier Lebrun und schicken Sie sie sofort an das Ende der Truppe; sie sollen die Patrioten dort stützen und der ganzen Gesellschaft Beine machen, damit wir sie eins-zwei-drei dort auf der Höhe beisammen haben, die die Kameraden besetzt halten. Ich erwarte Sie.«

Der Hauptmann verschwand inmitten der Truppe. Der Kommandant suchte sich vier unerschrockene Soldaten aus, deren Gewandtheit und Behendigkeit ihm bekannt waren, und winkte sie schweigend zu sich heran, indem er ihnen jenes freundschaftliche Zeichen machte, das darin besteht, in rascher, wiederholter Bewegung den Zeigefinger an die Nase zu führen.

»Ihr habt mit mir unter Hoche gedient,« sagte er zu ihnen, »als wir diese Straßenräuber zur Raison brachten, die sich königliche Jäger nennen; ihr wißt, wie sie sich versteckten, um die Blauen aus dem Hinterhalt niederzuknallen!«

Bei dieser Anspielung auf ihre Erfahrung warfen die vier Mann brummig den Kopf zurück und machten eine gewichtige Miene. Sie besaßen allesamt diese Art von heldenhaft martialischen Gesichtern, deren sorglose Ergebung bekundete, daß, seitdem der Kampf zwischen Frankreich und Europa im Gange war, ihre Gedanken nicht weiter gereicht hatten als bis zu ihren Patronentaschen hinten und ihren Bajonetten vorn. Die Lippen geschürzt, so daß sie aussahen wie ein Geldbeutel mit zusammengezogener Schnur, betrachteten sie ihren Kommandanten aufmerksamen und gespannten Auges.

»Leute,« sagte Hulot, dem in hohem Maß die Fähigkeit eignete, die bilderreiche Sprache des Soldaten zu reden, »es darf nicht sein, daß gute Hasen wie wir sich von den Chouans nasführen lassen. Und hier sind welche, oder ich heiße nicht Hulot. Ihr vier da geht jetzt und streicht mir die beiden Seiten der Straße ab. Die Truppe wird indes Zeit zu gewinnen suchen. Also, haltet euch brav, schaut, daß ihr nicht vor die Hunde geht, und erkundet mir, was es da gibt!«

Und er zeigte auf die gefährlichen Höhen des Weges.

Alle vier legten wie dankend den Handrücken an ihre alten Dreispitze, deren hoher Rand sich, durch Regen und Alter weich geworden, auf die Kopfform zurückgebogen hatte, und einer von ihnen, ein Korporal namens Larose, den Hulot gut kannte, sagte, auf sein Gewehr schlagend:

»Wir werden ihnen schon den Marsch blasen, Herr Kommandant.

Sie zogen ab, die einen rechts, die andern links.

Nicht ohne geheime Bewegung sah die Kompagnie sie zu beiden Seiten des Weges verschwinden. Auch der Kommandant teilte diese Angst, denn er glaubte sie in einen sicheren Tod geschickt zu haben. Es überlief ihn sogar ein unwillkürliches Frösteln, als er die Spitzen ihrer Hüte nicht mehr sah. Offiziere und Soldaten lauschten dem allmählich schwächer werdenden Geräusch ihrer Schritte in den trockenen Blättern mit einer Empfindung, die um so heftiger war, als sie sie tief in sich verschlossen. Im Kriege kommen zuweilen Augenblicke, in denen vier tollkühne Männer mehr Entsetzen wachrufen als die Tausende von Toten auf dem Schlachtfeld von Jemmapes. Manche militärischen Physiognomien zeigen einen so mannigfachen und wechselnden Ausdruck, daß, wer sie schildern will, sich auf die Erinnerung der Soldaten berufen und es den friedlichen Gemütern überlassen muß, diese dramatischen Gesichter zu studieren, denn die darüber hingegangenen Stürme sind so reich an Einzelheiten, daß sie ohne endlose Längen nicht vollständig beschrieben werden könnten.

Kurz nachdem man das Blitzen der Bajonette der vier Soldaten nicht mehr sah, kehrte Hauptmann Merle zurück. Er hatte die Befehle des Kommandanten mit Blitzesschnelle ausgeführt. Hulot ließ nun durch drei oder vier kurze Zurufe den Rest seiner Truppe in der Mitte der Straße kampfbereite Aufstellung nehmen; dann befahl er, den Gipfel der Pellerine wieder zu gewinnen, wo seine kleine Vorhut Posto gefaßt hatte; er selbst jedoch ging langsam rückwärts, damit ihm auch die leisesten Veränderungen auf diesem Schauplatz nicht entgingen, den die Natur so wunderbar erschaffen hatte und den der Mensch so furchtbar machte.

Er gelangte so an den Ort, wo Gérard Marche-à-terre bewachte, als dieser letztgenannte, der, anscheinend gleichgültigen Auges, den Maßregeln des Kommandeurs gefolgt war, jetzt aber mit ungemein klugem Blick die beiden rechts der Straße im Walde beschäftigten Soldaten beobachtete, plötzlich drei- oder viermal ein Pfeifen hören ließ, das den hellen, durchdringenden Schrei des Käuzchens nachahmte.

Die drei berüchtigten Schmuggler, von denen weiter oben die Rede war, pflegten sich während der Nacht durch bestimmte Abstufungen dieses Eulenschreis gegenseitig von Überfällen, Gefahren, kurz allem, was sie betraf, zu benachrichtigen. Davon hatten sie den Namen »Chuin« bekommen, der in dem Dialekt des Landes Kauz oder Uhu bedeutet.

Als er dieses verdächtige Pfeifen vernahm, blieb der Kommandant stehen und faßte Marche-à-terre scharf ins Auge. Er stellte sich, als nehme er das blöde Verhalten des Chouans für bare Münze, um ihn bei sich zu behalten wie ein Barometer, von dem er die Bewegungen des Feindes ablesen konnte. Er hielt deshalb auch Gérards Hand fest, der sich gerade anschickte, den Chouan ins Jenseits zu befördern. Dann hieß er zwei Mann sich in der Nähe des Spions aufstellen und befahl ihnen mit lauter, vernehmbarer Stimme, ihn sofort zu erschießen, wenn er sich das mindeste Zeichen entschlüpfen lassen würde. Trotz dieser ungeheuren Gefahr ließ Marche-à-terre nicht die geringste Gemütsbewegung erkennen. Als der Kommandant, der ihn beobachtete, diese Ruhe bemerkte, sagte er zu Gérard:

»Der Gimpel ist nicht sehr gewitzt. Ach! es ist gewiß nicht leicht, in dem Gesicht eines Chouans zu lesen; aber der da hat sich durch das Bestreben verraten, seine Unerschrockenheit zu zeigen. Siehst du, Gérard, wenn er den Erschrockenen gespielt hätte, würde ich ihn nun für einen Einfaltspinsel halten. Wir hätten uns die Wage gehalten, er und ich. Denn ich war am Ende meines Lateins. Paß auf, wir werden angegriffen werden! Aber laß sie nur kommen, jetzt bin ich vorbereitet!«

Nachdem er diese Worte mit leiser Stimme und triumphierender Miene gesagt, rieb sich der alte Militär die Hände und betrachtete Marche-à-terre spöttisch; dann verschränkte er die Arme über der Brust, blieb in der Mitte der Straße zwischen seinen beiden Lieblingsoffizieren stehen und wartete das Ergebnis seiner Anordnungen ab. Des bevorstehenden Kampfes gewiß, blickte er ruhigen Auges auf seine Soldaten.

»Hoh! es setzt Hiebe,« bemerkte Beau-pied leise, »der Alte hat sich die Hände gerieben!«

*

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