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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Neunzehntes Kapitel

Nächtlichen Signalfeuern ähnlich zog da und dort ein leichter Purpurschein über die Berge hin, an deren Fuße noch immer die bläulichen Tinten vorherrschten und ein Widerspiel zu den über die Täler gelagerten rosigen Tauwolken bildeten. Bald erhob die Sonne ihre erst schwach leuchtende Rubinscheibe; die Himmel erkannten die Herrscherin des Tages; und nun tauchten allmählich alle Einzelheiten der Landschaft wieder empor, der Kirchturm von Saint-Léonard, die Felsen, die im Schatten ruhenden Wiesen und die Bäume der Bergeshöhen zeichneten sich scharf in dem werdenden Lichte ab. Noch ein kühner Schwung, und die Sonne hatte sich ihren feuerroten, ockergelben und saphirglänzenden Bändern entwunden, und ihr strahlendes Licht ergoß sich in gleichmäßigen Wogen von Hügel zu Hügel, von Tal zu Tal. Die Wolken zerstreuten sich – der Tag war emporgestiegen. Ein frischer Wind durchschauerte die Luft, die Vögel sangen, überall erwachte das Leben. Doch kaum hatte Marie Zeit gefunden, die Augen auf die romantische Landschaft zu senken, als sich infolge einer in diesen kühlen Gegenden ziemlich häufigen Naturerscheinung die Morgendämpfe, einem Schneemantel gleich, bis zu den höchsten Bergesspitzen ausbreiteten, das ganze Land wie unter einem weißen Leichentuch begruben und die Täler erfüllten, so daß Fräulein von Verneuil vor einem Gletscher der Alpen zu stehen glaubte. Nun rollte dieses Nebelmeer Wogen wie der Ozean, hob dichte, undurchdringliche Fluten empor, die sanft dahinwallten, sich schaukelten, heftig um sich selber wirbelten, den Sonnenstrahlen ihre Rosenröte entlehnten und da und dort wie ein See aus flüssigem Silber aufschimmerten, bis plötzlich der Nordwind die Nebel zerstreute, die auf den Wiesen nur ein sauerstoffgeschwängertes Naß zurückließen.

Da erblickte Fräulein von Verneuil zu ihren Füßen eine ungeheure braune Masse auf den Felsen von Fougères. Sieben- bis achthundert bewaffnete Chouans erfüllten die Vorstadt Saint-Sulpice mit ihrem Gewimmel wie Ameisen ihren Bau. Auch die Umgebung des Schlosses war von dreitausend wie durch einen Zauberschlag hierher gekommenen Königstreuen besetzt, die die schlafende Stadt angriffen, so daß ihre grünenden Wälle und altersgrauen Türme gefallen sein würden, wäre Hulot nicht dagewesen.

Eine Batterie, die auf einer Bodenerhebung in der Tiefe des von den Wällen gebildeten Kessels heimlich aufgestellt worden war, beantwortete die erste Salve der Chouans, indem sie sie auf dem zum Schlosse führenden Weg in der Flanke angriff. Das Kartätschenfeuer fegte die Straße ab und säuberte sie von den Königstreuen. Dann kam eine Kompagnie aus dem Tor von Saint-Sulpice hervor, machte sich die Überraschung der Chouans zunutze, besetzte den Weg und eröffnete ein mörderisches Feuer auf sie. Die Chouans versuchten nicht einmal Widerstand zu leisten, als sie sahen, daß die Wälle sich mit Soldaten bedeckten, als ob die Kunst eines Theatermaschinisten blaue Linien darauf gezogen habe, und daß das Feuer aus den Festungswerken die republikanischen Plänkler unterstützte.

Inzwischen hatten andere Chouans, die sich des kleinen Nançontals bemächtigt hatten, die Felsgalerien erklommen und die Promenade erreicht, die sie nun hinaufeilten. Im Nu war sie von Kitzfellen übersät, die ihr das Aussehen eines wettergebräunten Hüttendaches gaben. Zugleich erklang auch aus dem Stadtteil, der dem Couësnontale gegenüberlag, heftiges Gewehrfeuer, was bewies, daß das von allen Seiten angegriffene Fougères völlig eingeschlossen war. Der Feuerschein, der von dem östlichen Abhang des Felsens aufstieg, ließ sogar erkennen, daß die königlichen Jäger die Vorstädte angezündet hatten. Indes hörten die Funken, die von den Ginster- und Schindeldächern herabwirbelten, bald auf, und einige schwarze Rauchsäulen zeigten an, daß der Brand am Erlöschen war.

Noch einmal entzogen weiße und braungelbe Wolken dem Fräulein von Verneuil den Anblick des Kampfschauplatzes, doch bald vertrieb der Wind diesen Pulvernebel wieder. Schon hatte der republikanische Befehlshaber seine Batterie die Schußrichtung ändern heißen, so daß sie abwechselnd das Nançontal, die Treppe der Königin und den Felsen bestreichen konnte, als er von der Höhe der Promenade herab feststellte, daß seinen ersten Anordnungen auf das trefflichste Folge geleistet worden war. Zwei beim Wachthause am Sankt Leonhardtstor aufgestellte Geschütze schmetterten ihre Geschosse in den Ameisenhaufen der Chouans, die sich dieser Stellung bemächtigt hatten, während die in aller Eile auf dem Kirchplatz zusammengeströmten Nationalgardisten von Fougères den Feind vollends vertrieben.

Der ganze Kampf dauerte keine halbe Stunde und kostete die Blauen keine zwanzig Mann. Schon zogen sich allerwärts die geschlagenen und sehr zusammengeschmolzenen Chouans auf wiederholten Befehl des Gars zurück, dessen kühner Handstreich, ohne daß er dies wußte, infolge der Vorfälle von La Vivetière scheiterte, derentwegen Hulot sich heimlich nach Fougères begeben hatte. Die Artillerie war erst in der Nacht angekommen, denn allein schon die Nachricht von einem Munitionstransport würde hingereicht haben, um Herrn von Montauran von einem Unternehmen abstehen zu lassen, das in solchem Falle nur einen schlechten Ausgang nehmen konnte. Hulot wünschte in der Tat ebensosehr, dem Gars eine gehörige Lektion zu erteilen, wie der Gars nur immer wünschen konnte, daß sein Vorhaben Erfolg haben und die Entschließungen des Ersten Konsuls beeinflussen möchte.

Beim ersten Kanonenschuß begriff der Marquis, daß es Wahnwitz wäre, aus Eigenliebe ein verfehltes Unternehmen fortzuführen. So ließ er denn, um seine Chouans nicht unnütz in den Tod zu schicken, eiligst sieben oder acht Sendboten an sie abgehen, die seinen Befehl zum sofortigen Rückzug auf allen Punkten weitertrugen. Der Kommandant, der seinen Widersacher, von einem zahlreichen Stabe umringt, in dessen Mitte sich auch Frau von Gua befand, auf dem Felsen von Saint-Sulpice gewahrt hatte, versuchte, auf ihn zu schießen; doch die Stelle, auf der der junge General stand, war zu geschickt gewählt, als daß er ihn hätte treffen können.

Hulot wechselte mit einem Schlage die Rolle und wurde vom Angegriffenen zum Angreifer. Bei den ersten Bewegungen, die die Absicht des Marquis verrieten, machte die unter der Burgmauer liegende Kompagnie Anstalt, den Chouans den Rückzug abzuschneiden, indem sie sich der oberen Ausgänge des Nançontals bemächtigte.

Fräulein von Verneuil betrachtete trotz ihres Hasses die Sache der Männer, die ihr Geliebter befehligte, als die ihre und wandte sich lebhaft dem andern Talausgang zu, um zu sehen, ob er frei sei. Doch auch hier erblickte sie die Blauen, die zweifelsohne auf der anderen Seite von Fougères Sieger geblieben waren und nun vom Couësnontale her durch das Tal von Gibarry anrückten, um das Nid-aux-crocs und den Teil der Felsen von Saint-Sulpice zu besetzen, auf dem sie stand und der die unteren Ausgänge ins Nançontal beherrschte. So schienen die Chouans, die auf dem schmalen Wiesengrunde der Schlucht eingeschlossen waren, infolge der richtigen und geschickten Vorkehrungen des alten republikanischen Kommandeurs bis zum letzten Mann dem Verderben preisgegeben. Aber gegen diese beiden Punkte waren die Kanonen machtlos, die Hulot bisher so gute Dienste geleistet hatten, und es entspannen sich erbitterte Kämpfe. Da die Stadt Fougères nun einmal genommen war, nahm das Gefecht bald den Charakter eines Scharmützels an, wie es die Chouans gewöhnt waren.

Nun begriff Fräulein von Verneuil die Bedeutung der Menschenmassen, die sie auf freiem Felde bemerkt hatte, die Zusammenkunft der Führer bei d'Orgemont und alle anderen Ereignisse der Nacht. Nur eines blieb ihr unbegreiflich: wie sie so vielen Gefahren hatte entrinnen können. Diese von der Verzweiflung eingegebene Unternehmung hatte mittlerweile ihre Anteilnahme so stark erregt, daß sie unbeweglich stehen blieb, um die lebenden Bilder zu betrachten, die sich ihren Blicken darboten. Bald sollte der Kampf am Fuße der Berge von Saint-Sulpice noch eine besondere Anziehung für sie gewinnen; denn als der Marquis und seine Freunde sahen, daß die Blauen die Königstreuen nahezu überwältigt hatten, eilten sie ins Nançontal, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Nun überzog sich der Fuß des Felsens, dessen Gipfel sie einnahm, mit einer Menge wütender Gruppen. Und hier entschieden sich die Fragen über Leben oder Tod auf einem Terrain und mit Waffen, die den Kitzhäuten günstiger waren.

Unmerklich nahm diese bewegliche Arena an Raum zu. Die Königstreuen verteilten sich und besetzten die Felsen, indem sie an den hier und da wachsenden Sträuchern emporklommen. Einen Augenblick lang erschrak Fräulein von Verneuil, als sie, ein wenig zu spät, ihre Feinde wieder auf den Höhen sah, deren gefährliche Zugangssteige sie wütend verteidigten. Da alle Ausgänge des Berges von den beiden Parteien besetzt waren, ängstigte sie die Vorstellung, daß sie sich halbwegs zwischen ihnen befand; sie verließ den dicken Baum, hinter dem sie gestanden, und begab sich auf die Flucht in der Absicht, sich die Ratschläge des alten Geizhalses jetzt zunutze zu machen. Nachdem sie eine Weile an dem Abhang der Saint-Sulpicer Berge entlanggelaufen war, der sich in das Couësnontal senkt, gewahrte sie von weitem einen Stall und nahm an, daß er zu dem Hof Galope-chopines gehöre, der seine Frau während der Kämpfe allein gelassen haben mußte. Durch diese Schlußfolgerung ermutigt, hoffte Fräulein von Verneuil, gut aufgenommen zu werden und einige Stunden dort zubringen zu können, bis sie ohne Gefahr nach Fougères würde zurückkehren können. Allem Anschein nach siegte Hulot; denn die Königstreuen flohen mit solcher Eile, daß sie rings um sich her Gewehrschüsse hörte. Die Angst, von einer Kugel ereilt zu werden, beflügelte ihre Schritte, so daß sie bald die Hütte erreichte, deren Schornstein ihr die Richtung gewiesen.

Der Fußweg, den sie eingeschlagen, mündete an einer Art von Schuppen, dessen Ginsterdach von vier noch mit ihrer Rinde bedeckten Bäumen gestützt wurde. Eine Lehmmauer bildete die Hinterwand des Schuppens, in dem eine Obstweinkelter, eine Tenne zum Dreschen des Buchweizens und einige Ackergerätschaften standen. Sie machte an einem der Pfosten halt, ohne sich entschließen zu können, den Morast zu durchwaten, der den Hof des Hauses bildete, das sie als echte Pariserin für einen Stall gehalten hatte.

Die Hütte war durch eine Anhöhe, die das Dach überragte und an die sie sich anlehnte, gegen Nordwind geschützt. Ein paar Ulmenschößlinge, Heidekraut und Gebirgsblumen schmückten sie mit ihren Blütenkränzen. Eine zwischen dem Schuppen und dem Hause sichtbare Naturtreppe erlaubte den Bewohnern, auf der Höhe des Felsstücks eine reinere Luft zu atmen. Links von der Hütte neigte der Hügel sich plötzlich und ließ eine Reihe von Feldern sehen, deren erstes jedenfalls zu dem Anwesen gehörte. Sie enthielten anmutige Gehölze, die durch baumbepflanzte Hecken voneinander getrennt waren, und deren erste die Einfriedigung des Hofes abschloß. Der zu diesen Äckern führende Weg war durch einen halbverfaulten Baumstumpf versperrt, eine echt bretonische Art der Einfriedigung.

Zwischen der in den Schiefer gebrochenen Treppe und dem durch diesen dicken Stamm abgeschlossenen Feldweg, vor dem Morast und unter dem überhängenden Felsen, bildeten ein paar aufeinandergetürmte grob behauene Granitblöcke die vier Ecken der Hütte und hielten die zu einer schlechten Mauer gestampfte Erde, die Bretter und Steine fest, die ihre Hauptbestandteile ausmachten. Die Hälfte des Daches war mit strohartig verarbeitetem Ginster gedeckt, die andere mit Schindeln, einer Art schieferförmig zugeschnittener Holzbrettchen. Der ginstergedeckte Teil der Behausung war der mit einer elenden Hürde verschlossene Stall; die Menschen bewohnten die Seite mit dem Schindeldach. Obwohl die Hütte der Nähe der Stadt ein paar Verbesserungen verdankte, die man zwei Meilen weiter vergebens gesucht haben würde, kennzeichnete sie doch die unstäte Lebensweise, an die Kriege und Lebenssitten die Leibeigenen so sehr gewöhnt hatten, daß noch heutzutage viele Bauern dieser Landstriche das von ihrer Gutsherrschaft bewohnte Schloß einfach eine »Wohnung« nennen.

Nachdem sie dies alles mit leicht begreiflichem Erstaunen gemustert hatte, bemerkte Fräulein von Verneuil endlich im Schlamme des Hofes eine Reihe von Granitstücken, die so hingelegt waren, daß sie einen, wenn auch nicht ganz gefahrlosen Weg zu der Behausung bildeten; da das Gewehrfeuer aber mittlerweile merklich näher gekommen war, sprang sie von Stein zu Stein, als ob sie einen Bach überquere, und drang so bis zum Eingang des Hauses vor.

Es war durch eine jener zweiteiligen Türen verschlossen, deren untere Hälfte ganz aus massivem Holz besteht, während die obere mit einer Klappe versehen ist, die als Fenster dient. Man sieht diese Türart noch an manchen Kramläden kleiner französischer Städte, nur ist sie dort viel reicher verziert, und der untere Teil trägt eine Alarmglocke. Die Tür zu dieser Bauernhütte war durch eine Holzklinke zu öffnen, die des goldenen Zeitalters würdig gewesen wäre, und der obere Teil wurde nur nachts geschlossen, denn das Tageslicht konnte nur durch diese Öffnung ins Zimmer dringen. Der Raum hatte ein zwar plumpes, jedoch mit Butzenscheiben verziertes Fenster, und seine schweren Bleieinfassungen nahmen so viel Platz weg, daß sie das Licht eher auffingen, als daß sie es einließen.

Als Marie die Tür in ihren kreischenden Angeln drehte, schlugen ihr Wolken von entsetzlichen beizenden Gerüchen entgegen, und sie sah, daß die Vierfüßler die Wand, die sie von der Stube trennte, eingetreten hatten. So stimmte das Innere des Pachthofes, denn ein solcher war es, gut zu seinem Äußeren. Fräulein von Verneuil fragte sich, ob es möglich sei, daß menschliche Wesen in diesem gewohnheitsmäßigen Kote leben könnten, als sie plötzlich einen in Lumpen gehüllten kleinen Jungen von acht oder neun Jahren vor sich sah, ein wunderschönes, pausbäckiges Kind mit einem frischen Gesicht wie Milch und Blut, lebhaften Augen, Zähnen wie Elfenbein und blondem Haar, das in dichten Strähnen auf seine halbnackten Schultern niederfiel. Sein Gliederbau war kräftig, und in seiner Haltung malte sich das anmutige, treuherzige Staunen, das ein Kinderauge größer erscheinen läßt, als es ist.

»Wo ist deine Mutter?« fragte Fräulein von Verneuil und beugte sich herab, um ihn auf die Augen zu küssen.

Wie ein Aal entschlüpfte das Kind, nachdem es den Kuß empfangen, und verschwand hinter einem Düngerhaufen, der auf dem Kamm der Anhöhe zwischen dem Fußweg und dem Hause lag; denn Galope-chopine schaffte, wie viele bretonische Bauern, nach einem sonderbaren landwirtschaftlichen System seinen Dünger an hochgelegene Stellen, wodurch der Regen ihm, bis er benutzt wurde, all seine Kraft entzog.

Als sie für ein paar Augenblicke alleinige Herrin des Hauses war, nahm Fräulein von Verneuil rasch dessen Inventar auf, denn der Raum, in dem sie Barbette erwartete, war der einzige der Hütte. Der am meisten ins Auge fallende und prächtigste Gegenstand war ein ungeheurer Kamin, dessen Mantel ein blauer Granitstein bildete. Der Ursprung dieses Wortes »Mantel« erwies sich durch einen rundgeschnittenen Fetzen aus grüner, von hellgrünem Bande eingefaßter Sarsche, der an der Granittafel herunterhing, in deren Mitte eine Muttergottes aus bemaltem Gips stand. Auf dem Sockel des Bildes las Fräulein von Verneuil einen dortzulande sehr beliebten frommen Spruch:

Mutter Gottes bin ich genannt,
Halt Haus und Hof in meiner Hand.

Hinter der Madonna stand ein entsetzliches, rot und blau angemaltes Bild, das den heiligen Labre darstellte. Ein sogenanntes Grabbett, mit grüner Sarsche überdeckt, eine unförmige Kinderschlafstatt, ein Spinnrad, mehrere plumpe Stühle und eine mit einigen Gebrauchsgegenständen angefüllte geschnitzte Truhe vervollständigten nahezu Galope-chopines Hauseinrichtung.

Vor dem Fenster stand ein großer Tisch von Kastanienbaum und ihm zu Seiten zwei Bänke aus demselben Holz, das in dem trübe einfallenden Licht die dunkle Färbung des Mahagoni annahm. Ein riesiges Obstweinfaß, unter dessen Spundloch Fräulein von Verneuil einen gelblichen Schlamm bemerkte, der durch seine Feuchtigkeit den Fußboden aus Granitstücken zerfraß, bewies, daß der Hausherr seinen Spitznamen »Schoppenstürzer« nicht gestohlen hatte.

Marie hob die Augen, um diesen widrigen Anblick zu meiden, und nun war es ihr, als sähe sie alle Fledermäuse der Welt auf einmal, so dicht waren die von der Decke herabhängenden Spinngewebe.

Auf dem Tische standen zwei ungeheure, mit Wein gefüllte Pichets, eine Art von Krügen aus braunem Ton, die in verschiedenen Gegenden Frankreichs im Gebrauch sind und in eine Schnauze auslaufen, welche an einen luftschnappenden Frosch erinnert.

Maries Aufmerksamkeit war noch auf diese Krüge gerichtet, als das Kampfgetöse plötzlich deutlicher vernehmbar wurde und sie zwang, sich einen Unterschlupf zu suchen, ohne Barbette erst abzuwarten. Da erschien diese.

»Guten Tag, Bécanière,« sagte Fräulein von Verneuil und lächelte unwillkürlich beim Anblick eines Gesichtes, das nicht unähnlich den Köpfen war, die man zuweilen an Schlußsteinen von Fensterbögen sieht.

»Ach so, Sie kommen von d'Orgemont,« antwortete die Bäuerin mit nicht allzu dienstfertiger Miene.

»Wo wollen Sie mich hintun? Denn die Chouans sind . . .«

»Hierher,« sagte Barbette, die ebensosehr über die Schönheit wie über die merkwürdige Kleidung dieses Wesens verblüfft war, das sie nicht zu ihrem eigenen Geschlecht zu zählen wagte.

»Hierher, ins Versteck des Priesters.«

Sie führte Marie ans Kopfende des Bettes und ließ sie in den Zwischenraum zwischen Schlafstatt und Wand treten; beide wurden aber ganz bestürzt, als sie einen Mann in den Morast des Hofes springen zu hören glaubten. Kaum fand Barbette Zeit, einen Vorhang vom Bette zu nehmen und Fräulein von Verneuil hineinzuhüllen, denn als sie sich umwandte, sah sie sich schon einem flüchtigen Chouan gegenüber.

»Wo kann man sich hier verstecken, Alte? Ich bin der Graf von Bauvan.«

Fräulein von Verneuil erbebte, als sie die Stimme des Gastes wiedererkannte, dessen Worte, die für sie ein Geheimnis geblieben waren, die Katastrophe in La Vivetière herbeigeführt hatten.

»Ach, Sie sehen, gnädiger Herr, hier is nix zu wollen. Ich werde 'nausgehn und Wache halten, das is das beste. Wenn die Blauen kommen, sag ich's Ihnen. Wenn sie kämen und mich mit Ihnen zusammen fänden, täten sie mir das Haus anstecken.«

Damit ging Barbette hinaus, denn sie war nicht klug genug, die Interessen der beiden Feinde zu vereinigen, die ein gleiches Recht auf das Versteck hatten.

»Ich habe noch zwei Schuß im Lauf,« sagte der Graf verzweifelt. »Doch sie sind mir schon voraus. Ach was! es hieße wahrhaftig schon großes Pech haben, wenn sie es sich auf dem Rückwege beim Vorüberkommen einfallen ließen, hier unters Bett zu schauen!«

Er legte leichtfertig sein Gewehr neben der Bettsäule nieder, hinter der Marie, in ihre grüne Sarsche eingewickelt, stand, und bückte sich, um nachzusehen, ob er wohl unter dem Bette Platz fände. Dabei mußte er unbedingt die Füße der Flüchtigen sehen, die in diesem entscheidenden Augenblicke die Waffe ergriff, in die Mitte des Raumes sprang und auf den Grafen anlegte. Als der sie erkannte, brach er in ein Gelächter aus, denn in ihrem Versteck hatte sie ihren großen Chouanhut abgenommen, und ihre Haare fielen in dichten Locken unter ihrem Spitzennetz hervor.

»Lachen Sie nicht, Graf, Sie sind mein Gefangener. Eine einzige Bewegung, und Sie erfahren, wessen eine beleidigte Frau fähig ist!«

Der Graf und Marie maßen einander mit Blicken. In diesem Augenblick erschallten verworrene Rufe aus den Bergen herüber:

»Rettet den Gars! rettet den Gars!«

Doch der Lärm wurde durch die scharfe Stimme Barbettes übertönt, die bei dem feindlichen Paare in der Hütte sehr verschiedenartige Empfindungen erweckte.

»Siehst du denn nicht die Blauen?« rief sie. »Kommst du her, du schlimmer Junge, oder soll ich dich holen? Du willst wohl 'ne Kugel abkriegen! Komm, mach, daß du 'nein kommst, und gib mir die Hand!«

Während dieser Vorgänge, die sehr schnell aufeinanderfolgten, sprang ein Blauer in die Morastpfütze.

»Beau-pied!« rief Fräulein von Verneuil ihm zu.

Beim Klange ihrer Stimme eilte Beau-pied herbei und nahm den Grafen ein wenig besser aufs Korn, als seine Retterin es getan.

»Rühr dich nicht, Aristokrat!« sagte der Soldat spöttisch zu dem Grafen, »oder 's geht dir, wie der Bastille, du bist hin, ehe du's selber merkst!«

»Herr Beau-pied,« sagte Fräulein von Verneuil mit einschmeichelnder Stimme, »Sie stehen mir für den Gefangenen. Tun Sie, was Sie wollen, nur liefern Sie ihn mir heil und lebendig in Fougères aus.«

»Ist gut, Madame.«

»Ist der Weg nach Fougères jetzt frei?«

»Wenn die Chouans nicht wieder auferstehn, ist er ganz sicher.«

Gutgelaunt nahm Fräulein von Verneuil das leichte Jagdgewehr an sich und sprach mit ironischem Lächeln zu ihrem Gefangenen:

»Leben Sie wohl, Graf, und auf Wiedersehn!«

Dann eilte sie, nachdem sie ihren großen Hut wieder aufgesetzt, den Fußweg entlang.

»Ich lerne ein wenig zu spät,« sprach Herr von Bauvan bitter, »daß man niemals mit der Ehre derer Scherz treiben darf, die keine haben!«

»Aristokrat,« fuhr Beau-pied ihn barsch an, »wenn du nicht willst, daß ich dich in dein hochwohlgeborenes Paradies schicke, so sagst du nichts gegen diesen Engel!«

Über die Fußwege, die die Felsen von Saint-Sulpice mit dem Nid-aux-crocs verbinden, kehrte Fräulein von Verneuil nach Fougères zurück. Als sie diese letzte Anhöhe erreicht hatte und über die in den Granit eingelassenen Wegkrümmungen hinschritt, ließ sie ihre Blicke bewundernd auf dem hübschen kleinen Nançontal ruhen, das, noch vor kurzem so wildbewegt, jetzt in tiefstem Frieden dalag.

Fräulein von Verneuil betrat die Stadt durch das Sankt Leonhardstor, auf welches der kleine Pfad zulief. Die Einwohner, erregt durch den Kampf, der, nach den fernher klingenden Flintenschüssen zu urteilen, den ganzen Tag andauern zu wollen schien, erwarteten hier die Rückkehr der Nationalgarde, um die Größe ihrer Verluste zu erfahren. Als sie das junge Mädchen sahen, das, ein Gewehr in der Hand, in seinem seltsamen Aufputz, mit zerzausten Haaren, beschmutztem und von Tau durchnäßtem Kleid und Schal daherkam, erwachte ihre Neugier um so stärker, als die Macht, die Schönheit und das sonderbare Wesen der jungen Pariserin in Fougères bereits zum allgemeinen Gesprächsstoff geworden war.

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