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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel

Da die letzten Begebnisse dieser Geschichte eng mit der Lage der Orte verknüpft sind, wo sie sich abspielten, ist es unerläßlich, hier eine genaue Beschreibung einzuschieben, ohne die die Handlung ihr Hauptinteresse verlieren würde.

Die Stadt Fougères liegt zum Teil auf einem Schieferfelsen, der aussieht, als sei er vor die Berge hingefallen, die nach Westen zu das weite Couësnontal abschließen und je nach den Ortschaften verschiedene Namen führen. Nach dieser Gegend hin wird die Stadt von den Bergen durch eine Schlucht getrennt, in deren Grunde der Nançonbach dahinfließt. Von dem östlichen Teile des Felsens überblickt man die gleiche Landschaft wie vom Gipfel der Pellerine, gegen Westen nur das gewundene Nançontal. Es gibt jedoch eine Stelle, von der aus man gleichzeitig einen Abschnitt des von dem großen Tale gebildeten Kreises und die hübschen Umrisse des kleinen sehen kann, das in das andere einmündet. Diese Stelle, zu der ein Spazierweg der Bewohner führte, und wohin auch Fräulein von Verneuil sich jetzt begab, war der Schauplatz, auf dem das in La Vivetière begonnene Drama sich weiter entwickelte, so daß bei aller malerischen Anlage der übrigen Punkte von Fougères die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Teile der Landschaft gelenkt werden muß, die man von der Höhe der Promenade aus erblickt.

Um eine Vorstellung von dem Anblick zu geben, den der Felsen von Fougères, von dieser Seite aus gesehen, bietet, könnte man ihn vielleicht mit einem jener ungeheuren Türme vergleichen, an deren Außenseite die sarazenischen Baumeister von Stockwerk zu Stockwerk durch Wendeltreppen verbundene Galerien angebracht haben. Wirklich wird der Felsen auch von einer kleinen gotischen Kirche gekrönt, deren Turm, Spitze und Strebepfeiler das ihre tun, ihm das Aussehen eines Zuckerhutes zu geben. Vor dem Portal dieser dem heiligen Leonhard geweihten Kirche liegt ein kleiner unregelmäßiger Platz, dessen Erdreich von einer balustradenförmigen Mauer zusammengehalten wird, die durch eine Treppe mit der Promenade in Verbindung steht. Einem zweiten Kranzgesims ähnlich, zieht sich dieser Spazierweg, einige Klafter unterhalb des Kirchplatzes, rund um den Felsen als ein breites, mit Bäumen bestandenes Stück Land, das bei den Befestigungen der Stadt endigt. Etwa zehn Klafter unterhalb der Mauern und Felsen, die, dank der glücklichen Anordnung des Schiefergesteins, die Terrasse stützen, kommt dann ein in den Felsen gehauener, gewundener Weg, der »die Treppe der Königin« heißt und zu einer von Anna von Bretagne über den Nançon gebauten Brücke führt. Und noch tiefer als dieser Weg, der ein drittes Kranzgesims darstellt, ziehen sich Gärten, gleich blumigen Stufen, von Terrasse zu Terrasse bis zum Flusse hinab.

In gleicher Richtung mit der Promenade erstrecken sich hohe, nach der benachbarten Vorstadt die Berge von Saint-Sulpice genannte Felsen längs des Flusses und senken sich in sanften Hängen in das große Tal, von wo sie dann jäh nach Norden umbiegen. Diese steilen, unbebauten, düsteren Felsen scheinen sich mit dem Schiefergestein der Promenade zu berühren, von der sie an manchen Stellen nur einen Flintenschuß weit entfernt sind, und bilden einen Windschutz für ein enges, hundert Klafter tiefes Tal, in dem der Nançon sich in drei Arme teilt, die eine entzückend angepflanzte, mit Fabrikbauten bestandene Wiesenfläche bewässern.

Gegen Süden, da, wo die eigentliche Stadt aufhört und die Vorstadt Saint Léonard anfängt, macht der Felsen von Fougères eine Biegung, wird weniger rauh, nimmt an Höhe ab und wendet sich dem großen Tale zu, den Fluß entlang, den er dabei dicht an die Berge von Saint-Sulpice drängt, indem er einen Engpaß bildet, dem das Wasser in zwei Bächen entströmt, um sich dann in den Couësnon zu ergießen. Diese gefällige Gruppe felsiger Hügel heißt Nid-aux-crocs; das Tal, das sie bilden, ist das Tal von Gibarry, dessen fette Weiden einen großen Teil der den Feinschmeckern unter dem Namen Butter von Pré-Valaye bekannten Butter liefern.

An der Stelle, wo die Promenade in den Befestigungen endigt, erhebt sich der sogenannte Papageienturm. Um diesen viereckigen Bau, auf dem das von Fräulein von Verneuil bewohnte Haus stand, zieht sich hier eine Mauer, dort die glatte Felswand selbst, und der auf dieser hohen, uneinnehmbaren Basis gelegene Teil der Stadt beschreibt einen weiten Halbmond, an dessen Ende die Felsen sich neigen und aushöhlen, um den Nançon durchzulassen. Dort liegt das Tor, das zu der Vorstadt Saint-Sulpice führt, von der es seinen Namen hat. Weiterhin erheben sich auf einem Granithügel, der drei Täler beherrscht, in denen mehrere Landstraßen zusammenlaufen, die alten Zinnen und Türme des Lehensschlosses Fougères, eines der riesigsten von den Bauten der Herzöge der Bretagne, mit fünfzehn Klafter hohen und fünfzehn Fuß dicken Mauern. Im Osten ist es durch einen Teich befestigt, aus dem der Nançon kommt, der sich in seine Gräben ergießt und die Mühlen zwischen dem Tor von Saint-Sulpice und den Zugbrücken der Festungswerke treibt; nach Westen hin verteidigen es die starren Granitblöcke, auf denen es ruht.

So bilden die Stadt und ihr durch geradwandige Mauern oder durch spitzige Abdachungen geschützter Felsen von der Promenade an bis zu diesem großartigen, von Efeuwänden bedeckten Überrest aus dem Mittelalter mit seinen viereckigen und runden Türmen, in deren jedem ein Regiment Platz hat, ein riesiges Hufeisen voller Schluchten, über die die Bretonen mit der Zeit ein paar schmale Fußwege gezogen haben. Da und dort stehen Felsblöcke vor, wie Verzierungen; hier sickert Wasser aus Felssprüngen, aus denen rhachitische Bäume herauswachsen; ein paar weniger schroffe Granitplatten nähren ein Grün, das Ziegen anlockt; und Heidekraut, aus den feuchten Ritzen wuchernd, überzieht die schwarzen Krümmungen mit seinen rötlichen Kranzgewinden. Im Grunde dieses ungeheuren Trichters schlängelt sich das Flüßchen durch eine immer frisch wie ein Teppich daliegende Wiese.

Am Fuße des Schlosses erhebt sich zwischen mehreren Granitblöcken die Kirche Saint-Sulpice, die den gleichen Namen führt wie die jenseits des Nançon gelegene Vorstadt. Diese Vorstadt liegt da, als sei sie in die Tiefe eines Abgrunds hineingeschleudert worden, und wird samt ihrer Kirche und den Hütten um sie her malerisch von den baumbeschatteten, gärtengezierten Nebenflüssen des Nançon umspült, die unregelmäßig in den von der Promenade der Stadt und dem Schlosse gebildeten Kreis hineinschneiden und einen schlichten Gegensatz zu dem gegenüberliegenden, ernst ansteigenden Amphitheater bilden. Endlich sind ganz Fougères, seine Burg, die Vorstadt und deren Kirche von den Bergen von Rillé eingefaßt, die ihrerseits einen Teil des großen gürtelförmigen Couësnontales ausmachen.

Dies sind die hervorspringendsten Züge einer Natur, deren Hauptcharakter eine herbe Wildheit ist, gemildert durch die lachendsten Bilder, durch eine glückliche Mischung der erhabensten Menschenwerke mit den Launen eines an unerwarteten Kontrasten reichen Bodens, an dem ein unbeschreibliches Etwas erstaunt und verwirrt. Nirgends sonst findet der Reisende in Frankreich so großartige Gegensätze wie in dem großen Becken des Couësnon und den zwischen die Felsen von Fougères und die Berge von Rillé eingestreuten Tälern. Hier hat man es mit den unerhörten Schönheiten zu tun, bei denen der Zufall zum Meister wird.

Hier gibt es klare, durchsichtige Gebirgsbäche, Berge, die von dem üppigen Pflanzenwuchs jener Landstriche bedeckt sind, düstere Felsen, schmucke Fabriken, natürliche Befestigungen und von Menschenhand erbaute Granittürme; hier findet man alle künstlichen Wirkungen von Licht und Schatten, das Widerspiel der verschiedenen Laubarten, wie die Zeichner es aufsuchen; Häusergruppen, die von lebhaften Bewohnern wimmeln, und öde Stellen, wo der Granit nicht einmal das weiße Steinmoos duldet; kurz alle anmutigen und wilden Einzelheiten, die man von einer Landschaft verlangen kann – ein ganzes Gedicht von unbeschreiblichem Zauber, voll herrlicher Bilder köstlicher Ländlichkeit! Hier entfaltet sich die Bretagne zu ihrer schönsten Blüte.

Der sogenannte Papageienturm, auf dem das zu jener Zeit von Fräulein von Verneuil bewohnte Haus steht, ruht auf dem Grunde der Schlucht und erhebt sich bis zu dem karniesartig vor der St. Leonhardskirche liegenden Platze. Von diesem nach drei Seiten hin isolierten Hause kann man sowohl das große Hufeisen erblicken, das bei dem Turme seinen Anfang nimmt, wie das gekrümmte Nançontal und den St. Leonhardsplatz. Es gehört zu einer Reihe von dreihundertjährigen Holzhäusern, die sich auf einer gleichlaufenden Linie an der Nordseite der Kirche hinziehen und mit ihr eine Sackgasse bilden, deren Ausgang nach einem abschüssigen Gäßchen führt. Dieses läuft an der Kirche entlang zum Sankt Leonhardstore, auf das Fräulein von Verneuil jetzt zuging. Natürlich unterließ sie es, den über ihr liegenden Kirchplatz zu betreten, und richtete ihre Schritte nach der Promenade.

Als sie die kleine, von grünangestrichenen Pfählen errichtete Schranke hinter sich gelassen, die sich vor dem damals beim Sankt Leonhardstor aufgestellten Wachtposten befand, ließ die Großartigkeit des Bildes einen Augenblick lang ihre Leidenschaften schweigen. Voll Bewunderung umfaßten ihre Augen den riesigen Abschnitt des großen Couësnontales vom Gipfel der Pellerine bis zu der Hochebene, über die der Weg nach Vitré führt; dann ruhte der Blick auf dem Nid-aux-crocs und auf den Windungen des Tals von Gibarry, dessen Kämme sich in dem dunstigen Lichte der untergehenden Sonne badeten. Fast erschreckte sie die Tiefe des Nançontales, dessen höchste Pappeln kaum an die Gartenmauern unterhalb der Treppe der Königin hinaufreichten. So schritt sie mit immer wachsendem Erstaunen bis zu dem Punkte, von wo aus sie, durch das kleine Tal von Gibarry hindurch, sowohl das große Tal wie die köstliche, von der hufeisenförmigen Stadt, den Felsen von Saint-Sulpice und den Bergen von Rillé umrahmte Landschaft überschauen konnte. Zu dieser Tageszeit bildete der aus den Häusern der Vorstadt und dem Tale aufsteigende Rauch in der Luft eine Wolke, die die Gegenstände nur wie durch einen bläulichen Dunsthimmel hervorschimmern ließ; die zu lebhaften Farben des Tages begannen matter zu werden; das Firmament nahm einen perlgrauen Ton an, und der Mond warf seine Lichtschleier über die entzückende Landschaft; kurz, alles trug dazu bei, die Seele in Träume zu verstricken und die Erinnerung an teure Wesen heraufzubeschwören.

Doch plötzlich schwand ihre Anteilnahme an diesem Bilde völlig dahin. Sie hatte keinen Blick mehr für die Schindeldächer der Vorstadt Saint-Sulpice noch ihre Kirche mit der kühnen Spitze, die sich in der Tiefe des Tales verlor, als Marie nun einen Schritt zurücktrat, noch für die jahrhundertealte Efeu- und Klematisbekleidung der alten Festungsmauern, wo der Nançon unter den Mühlenrädern brauste. Vergebens warf die sinkende Sonne ihren Goldstaub und ihre roten Glanzlichter auf die zwischen den Felsen verstreuten anmutigen Wohnhäuser, die Wasserläufe und rasigen Flächen. Reglos blieb sie vor den Felsen von Saint-Sulpice stehen: die unsinnige Hoffnung, die sie auf die Promenade getrieben, hatte sich wunderbar verwirklicht.

Durch Dorngestrüpp und Ginster hindurch, womit die gegenüberliegenden Höhen überwachsen sind, glaubte sie, trotz der sie umhüllenden Ziegenfelle mehrere der Gäste aus La Vivetière zu erkennen, unter ihnen den Gars, dessen Bewegungen sich gegen das milde Licht der untergehenden Sonne abzeichneten. Einige Schritte hinter dieser Hauptgruppe erkannte sie ihre furchtbare Feindin, Frau von Gua. Einen Augenblick lang vermeinte Fräulein von Verneuil zu träumen; doch bald sollte der Haß ihrer Nebenbuhlerin ihr beweisen, daß in diesem Traume alles auf Wirklichkeit beruhte. Die gespannte Aufmerksamkeit, die sie den geringsten Gebärden des Marquis schenkte, verhinderte sie zu gewahren, wie sorgfältig Frau von Gua mit einer langen Flinte auf sie zielte. Erst ein Schuß, der das Echo der Berge weckte, und die Kugel, die an ihr vorbeipfiff, belehrten sie darüber, daß sie erkannt worden sei. Zugleich ertönte der sich fortpflanzende Ruf: »Wer da?« von Schildwache zu Schildwache von der Burg bis zum Sankt Leonhardstor und zeigte den Königstreuen an, wie sehr die Einwohner von Fougères auf ihrer Hut waren, da selbst der uneinnehmbarste Teil ihrer Wälle so gut bewacht war.

»Sie sind es – beide!« sagte sie.

Mit Blitzesschnelle wurde sie von dem Gedanken erfaßt, ihn aufzusuchen, ihm zu folgen, ihn zu überraschen.

Doch dann dachte sie daran, daß sie ohne Waffen sei.

Plötzlich aber fiel ihr ein, daß sie im Augenblick ihrer Abreise von Paris in eine ihrer Schachteln einen zierlichen Dolch geworfen hatte, den einst eine Sultanin getragen und den sie vor ihrem Auftreten auf dem Kriegsschauplatze an sich nahm, wie so mancher Kauz vor Antritt einer Reise ein Büchlein zu sich steckt, um darin die Gedanken aufzuzeichnen, die ihm etwa kommen mögen; doch verlockte sie weniger die Aussicht, Blut zu verspritzen, als das Vergnügen, einen hübschen, mit Edelsteinen verzierten Hanjar tragen zu können und mit seiner reinen Klinge zu spielen. Drei Tage zuvor hatte sie es aufs lebhafteste bedauert, ihn in ihrer Schachtel liegen gelassen zu haben, als sie sich gern den Tod gegeben hätte, um sich der schmählichen Marter zu entziehen, die ihre Nebenbuhlerin ihr antun wollte.

Kurz entschlossen kehrte sie nach Hause zurück, holte den Dolch, steckte ihn in den Gürtel, warf einen großen braunen Schal um, zog einen schwarzen Spitzenschleier über ihr Haar und setzte einen breitrandigen Chouanhut auf, der einem Diener ihres Hauses gehörte. Mit der Geistesgegenwart, die die Leidenschaft zuweilen verleihen kann, steckte sie noch den ihr von Marche-à-terre als Reisepaß gegebenen Handschuh des Gars zu sich. Dann kehrte sie zur Promenade zurück, nachdem sie der erschreckten Francine erwidert hatte: »Was willst du? Ihn würde ich in der Hölle aufsuchen!«

Der Gars war noch auf demselben Platze, jedoch allein. Nach der Richtung seines Fernrohres zu urteilen, schien er mit der gewissenhaften Genauigkeit des Kriegsmannes die verschiedenen Wasserläufe des Nançon, die Treppe der Königin und den Weg zu durchspähen, der sich vom Tore von Saint-Sulpice aus nach der gleichnamigen Kirche zieht und sich unterhalb der Burg mit den Landstraßen vereinigt.

Fräulein von Verneuil durcheilte die von den Ziegen und ihren Hirten getretenen schmalen Pfade am Abhang der Promenade, erreichte die Treppe der Königin, kam dann in die Tiefe der Schlucht und am Nançon vorbei, durchquerte die Vorstadt, erriet wie der Vogel in der Wüste ihren Weg durch die gefährlichen Felsschroffen von Saint-Sulpice hindurch und sah nun einen über Granitblöcke führenden schlüpfrigen Weg vor sich, den sie, seiner stechenden Ginsterbüsche und spitzen Steine ungeachtet, mit jener Tatkraft zu erklimmen begann, die der Mann nicht kennt, während die leidenschaftlich bewegte Frau sie für Augenblicke besitzt.

Die Nacht überraschte sie in dem Augenblick, da sie, auf der Höhe angelangt, beim bleichen Lichte des Mondes den Weg zu erkennen suchte, den der Marquis eingeschlagen haben mußte. Eine hartnäckige, jedoch erfolglose Rundschau und das Stillschweigen, in dem die Landschaft vor ihr lag, belehrten sie von dem Rückzuge der Königstreuen und ihres Anführers.

Die Spannung der Leidenschaft fiel plötzlich mit der Hoffnung, die sie eingeflößt hatte, in sich zusammen. Da Marie sich nachts in einem unbekannten Lande, wo der Krieg wütete, allein sah, fing sie an, nachzudenken, und die Warnungen Hulots, der Schuß der Frau von Gua, ließen sie vor Angst erbeben.

In der Stille der Nacht, die hier im Gebirge so vollkommen war, konnte man selbst auf weite Entfernungen hin das leise Rascheln eines fallenden Blattes hören, und diese schwachen Nachtgeräusche zitterten in den Lüften nach, als wollten sie der Einsamkeit oder dem Schweigen den traurigen Takt angeben. Auf den Bergeshöhen blies der Wind und jagte die Wolken heftig vor sich her, wodurch er ein Licht- und Schattenspiel erzeugte, dessen Wirkungen das Grauen noch erhöhten, indem sie selbst den belanglosesten Gegenständen ein phantastisches, furchterregendes Aussehen gaben.

Sie wandte die Augen nach den Häusern von Fougères, deren freundliche Lichter wie irdische Sterne blinkten, und plötzlich sah sie deutlich den Papageienturm vor sich. Nur ein kleiner Zwischenraum trennte sie von ihrer Wohnung, aber dieser Zwischenraum war ein Abgrund. Sie erinnerte sich der Schluchten zu beiden Seiten des schmalen Fußpfades, auf dem sie gekommen, zu gut, um nicht zu wissen, daß es gefahrvoller für sie sein würde, nach Fougères zurückzukehren, als ihre Unternehmung fortzusetzen. Auch dachte sie, der Handschuh des Gars würde alle Gefahren ihres nächtlichen Spaziergangs beseitigen, sofern die Königstreuen das Gelände besetzt hätten. Nur Frau von Gua konnte ihr verderblich werden. Bei diesem Gedanken griff sie nach ihrem Dolch. Dann nahm sie die Richtung auf ein Landhaus zu, dessen Dach sie von den Felsen von Saint-Sulpice aus gesehen hatte. Sie ging ganz langsam, denn jetzt verspürte sie zum ersten Male die düstere Majestät, die sich lastend auf den Menschen senkt, wenn er sich mitten in der Nacht allein in einer wilden Gegend sieht, rings umgeben von hohen Bergen, die, versammelten Riesen gleich, ihre Häupter neigen. Das Rascheln ihres Kleides, das am Ginster hängen blieb, ließ sie mehr als einmal erschauern, und mehr als einmal beschleunigte sie den Schritt, um ihn dann, im Glauben, ihre letzte Stunde sei nahe, wieder um so mehr zu verlangsamen. Bald aber nahmen die Umstände einen Charakter an, bei dem auch der unerschrockenste Mann vielleicht nicht standhaft geblieben wäre, und versetzten sie in einen jener Schreckenszustände, die derart auf die Spannkraft des Menschen einwirken, daß alles den äußersten Punkt erreicht, Kraft wie Schwäche. Dann können die Schwächsten unerhört kraftvolle Handlungen begehen, während die Stärksten vor Angst sich wie toll gebärden.

Nicht weit von sich hörte sie ein sonderbares Geräusch. Zugleich deutlich und unbestimmt, zeugte es von Verwirrung, Unruhe, und ermüdete das lauschende Ohr. Es drang aus dem Schoße der Erde, die von den Tritten einer ungeheuren Menschenmenge erschüttert zu werden schien. Ein Augenblick der Helle ließ Fräulein von Verneuil in nächster Nähe eine lange Reihe abscheulicher Gestalten erkennen, die sich wie die Ähren eines Feldes bewegten und gespensterhaft dahinschlichen. Aber sie konnte sie nur flüchtig sehen, denn sofort breitete sich die Dunkelheit einem schwarzen Schleier gleich wieder über sie und verhüllte das furchtbare Bild mit den vielen gelbschillernden Augen. Hastig trat sie zurück und erklomm eilends die Höhe einer Böschung, um sich vor dreien dieser schrecklichen Gestalten in Sicherheit zu bringen, die auf sie zukamen.

»Hast du ihn gesehn?« fragte einer.

»Ein kalter Wind hat mich angeweht, wie er an mir vorbeikam,« antwortete eine heisere Stimme.

»Und ich«, sagte der dritte, »hab' feuchte Luft und 'nen Leichengeruch verspürt.«

»Ist er weiß?« kam wieder der erste.

»Warum«, sagte der zweite, »geht er allein um von allen, die auf der Pellerine gefallen sind?«

»Ja, warum!« entgegnete der dritte. »Warum werden immer die vorgezogen, die zum Sacré-Cœur gehören! Im übrigen möcht' ich lieber sterben, ohne gebeichtet zu haben, als so wie er rumzuirren, ohne zu essen und zu trinken, ohne Blut in den Adern und Fleisch auf den Knochen.«

»Ha . . .!«

Dieser Ausruf oder vielmehr dieser entsetzliche Aufschrei kam aus der Gruppe, als einer der drei Chouans mit dem Finger auf die schlanke Gestalt und das bleiche Gesicht des Fräuleins von Verneuil deutete, die mit erschreckender Schnelligkeit entfloh, ohne daß man das leiseste Geräusch vernahm.

»Da ist er. – Dort ist er. – Wo ist er? – Dort. – Hier. – Er ist weg. – Nein. – Doch. – Siehst du ihn?«

Diese Worte pflanzten sich fort wie das eintönige Murmeln der Wogen am Strande.

Beherzt schritt Fräulein von Verneuil indessen auf das Haus zu, und nun erblickte sie die undeutlichen Gestalten einer Menschenmenge, die bei ihrem Näherkommen unter den Anzeichen eines panischen Schreckens davoneilte. Sie ward wie von einer unbekannten Macht widerstandslos fortgerissen; die Leichtigkeit ihres Körpers schien ihr unerklärlich und wurde zu einem neuen Anlaß des Schreckens für sie. Die Gestalten, die sich bei ihrer Annäherung in Massen von der Erde erhoben, unter der sie ihr zu liegen schienen, stießen ächzende Laute aus, die nichts Menschliches hatten. Endlich erreichte sie, nicht ohne Mühe, einen verwüsteten Garten, dessen Hecken und Zäune niedergebrochen waren. Ein Wachtposten hielt sie an; sie zeigte ihm ihren Handschuh. Da der Mond gerade ihre Gestalt beleuchtete, entglitt der Karabiner den Händen des Chouans, der schon auf sie angelegt hatte; und er stieß bei ihrem Anblick einen heiseren Schrei aus, der im Gelände widerhallte. Sie gewahrte große Gebäude, in denen Lichter die bewohnten Räume anzeigten, und gelangte ohne Hindernisse bis an die Mauern. Durch das erste Fenster, dem sie sich näherte, sah sie Frau von Gua mit den nach La Vivetière berufenen Führern der Königstreuen. Von diesem Anblick und dem Gefühl ihrer Gefahr entsetzt, stürzte sie voller Hast auf eine kleine, durch Eisenbarren verrammte Öffnung zu und erblickte, zwei Schritt von sich entfernt, in einem großen, gewölbten Saale, allein und traurig, den Marquis. Der Widerschein des Feuers, vor dem er in einem plumpen Sessel saß, warf zitternde, rötliche Flecken auf sein Gesicht, die dem Bilde den Charakter einer Vision gaben. Bebend klammerte das arme Mädchen sich an die Eisenstäbe; durch die Stille hindurch hoffte sie ihn zu vernehmen, wenn er spräche. Als sie ihn niedergeschlagen, entmutigt, bleich sah, schmeichelte sie sich, eine der Ursachen seiner Traurigkeit zu sein. Und ihr Zorn wandelte sich in Mitleid, ihr Mitleid in Zärtlichkeit, und sie fühlte plötzlich, daß nicht Rachsucht allein sie hierher getrieben. Da stand der Marquis auf, wandte den Kopf und blieb wie erstarrt stehen, als er, wie in einer Wolke, Maries Gesicht erblickte. Er machte eine ungebärdige und verächtliche Bewegung und rief:

»Soll ich denn selbst im Wachen diesen Teufel von Mädchen sehen!«

Die tiefe Verachtung, die er für sie an den Tag legte, entriß dem armen Mädchen ein irres Lachen, das den Marquis erschaudern ließ. Er stürzte auf das Fenster zu, doch sie entfloh. Neben sich hörte sie den Schritt eines Mannes, den sie für Herrn von Montauran hielt; um ihm zu entgehen, kannte sie kein Hindernis mehr; sie wäre durch Mauern gebrochen, durch die Lüfte geflogen, hätte den Weg in die Hölle gefunden, um nicht noch einmal die Worte: »Er verachtet dich!« zu lesen, die in Flammenzügen auf der Stirn dieses Mannes standen, und die eine innere Stimme ihr jetzt wie mit Posaunenton zurief.

Nachdem sie eine Weile gelaufen war, ohne zu wissen wohin, hielt sie inne, weil ein kühler, von Pflanzendüften erfüllter Wind sie anwehte. Vom Lärm der Schritte mehrerer Personen erschreckt und von Angst getrieben, eilte sie eine Treppe hinab, die sie in einen Keller führte. Als sie auf der letzten Stufe angekommen war, lauschte sie, um die Richtung zu erkennen, die ihre Verfolger nahmen; und nun hörte sie trotz der ziemlich lauten Geräusche von außen her das klägliche Gewimmer einer menschlichen Stimme, was ihre Angst noch erhöhte. Ein Lichtstrahl, der oben von der Treppe kam, zeigte ihr an, daß ihr Zufluchtsort ihren Verfolgern bekannt sei. Um ihnen zu entfliehen, fand sie neue Kräfte. Wenige Augenblicke später, als sie sich wieder gesammelt, konnte sie sich selbst kaum mehr erklären, wie sie es zuwege gebracht, den kleinen Mauervorsprung erklettern zu können, wo sie sich nun verbarg. Zuerst kam ihr nicht einmal die Unbequemlichkeit ihrer Körperlage zum Bewußtsein. Doch bald wurde ihr ihre Stellung unerträglich, denn sie glich unter ihrem Gewölbebogen einer kauernden Venus, die ein Kunstfreund in eine zu enge Nische gestellt hat.

Die ziemlich dicke Granitmauer trennte den Treppengang von dem Keller, aus dem das Stöhnen kam. Bald sah sie einen in Ziegenfelle gekleideten Unbekannten die Treppe hinabgehen und unter das Gewölbe treten, ohne daß die mindeste Bewegung darauf gedeutet hätte, daß er nach jemand suche. Nun begann Fräulein von Verneuil ungeduldig zu hoffen, daß sich irgendein Ausweg für sie finden möge, und wartete angstvoll, bis das Licht, das der Unbekannte trug, den Keller erleuchtete. Als dies geschah, sah sie eine unförmige, aber belebte Masse unten am Boden liegen und den Versuch machen, einen gewissen Teil der Mauer durch wiederholte, heftige Bewegungen zu erreichen, die den krampfhaften Zuckungen eines an Land gespülten Karpfens glichen.

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