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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zweiter Teil

Sechzehntes Kapitel

All diese Ereignisse hatten Fräulein von Verneuil so im tiefsten Grunde aufgewühlt, daß sie sich kraftlos und wie tot in den Wagen zurücksinken ließ, nachdem sie befohlen hatte, nach Fougères zu fahren. Auch Francine schwieg. Der Postillon für sein Teil fürchtete irgendein neues Abenteuer und trieb seine Pferde zu solcher Eile an, daß bald der Gipfel der Pellerine erreicht war.

Das schöne, breite Couësnon-Tal, in dem sich der Anfang unserer Geschichte zugetragen, lag in dichtem, weißlichem Morgennebel da, als Fräulein von Verneuil hindurchfuhr, so daß sie von dem hohen Punkt aus kaum den Schieferfelsen zu unterscheiden vermochte, auf dem die Stadt Fougères erbaut ist. Noch waren sie etwa drei Meilen davon entfernt. Als sie vor Kälte zu erstarren begann, fiel Marie plötzlich der arme Soldat ein, der hinten aufgesprungen war, und sie bestand trotz seiner Einwände darauf, daß er sich neben Francine setzte. Die Ankunft in Fougères riß sie dann wieder für einen Augenblick aus ihrem Hinbrüten, denn da der am Sankt Leonhardstor aufgestellte Wachtposten die Fremden nicht in die Stadt hineinlassen wollte, sah sie sich genötigt, den Brief des Ministeriums vorzuzeigen. Im Inneren der Stadt angelangt, deren Einwohner damals ihre eigenen Verteidiger waren, war sie endlich vor allen feindlichen Überfällen geschützt. Da der Postillon keine andere Unterkunft für sie wußte, stieg sie im Posthause ab.

»Gnädiges Fräulein,« sagte Beau-pied, »sollten Sie einmal mit irgend jemand eine Rechnung haben, die nur mit 'nem Säbelhieb beglichen werden kann, so stehe ich zu Ihren Diensten. Auf so was verstehe ich mich nämlich. Ich heiße Jean Falcon, genannt Beau-pied, und bin Sergeant der ersten Kompagnie von Hulots Jungen, zweiundsiebzigste Halbbrigade. Die Mainzer haben sie uns getauft. Entschuldigen Sie, daß ich so dreist und anmaßend bin. Aber ich kann Ihnen außer meinem Soldatenherzen nichts anbieten – habe augenblicklich nichts weiter zur Hand . . .«

Und er drehte sich auf dem Absatz um und ging pfeifend fort.

»Je tiefer man in die Gesellschaft hinabsteigt,« sagte Fräulein von Verneuil bitter, »um so hochherzigere Gefühle findet man, ohne daß irgendein Wesen davon gemacht würde. Ein Marquis vergilt mir das Leben mit dem Tode, und ein Sergeant . . . Doch schweigen wir davon!«

Als Marie in ihrem warmen Bette lag, wartete ihre treue Gefährtin umsonst auf das freundliche Wort, an das sie gewöhnt war. Das einzige, was die Herrin ihr in ernstem Tone sagte, da sie sie so beunruhigt bei sich stehen sah, war:

»Das nennt man einen Tag, Francine. Ich bin um zehn Jahre älter geworden.«

Am folgenden Morgen in aller Frühe klopfte Corentin bei Marie an, und sie erlaubte ihm einzutreten.

»Francine,« verspottete sie sich selbst, »wie groß muß mein Unglück sein, wenn Corentins Anblick mir nicht ganz zuwider ist!«

Nichtsdestoweniger verspürte sie beim Wiedersehen dieses Mannes eine unwillkürliche Abneigung, die selbst eine zehnjährige Bekanntschaft nicht zu mildern vermocht hatte.

»Nun!« sagte er lächelnd. »Ich hatte geglaubt, es würde gelingen. Er war es also nicht, den Sie zwischen den Fingern hielten?«

»Corentin,« antwortete sie in schmerzvoll zögerndem Tone, »reden Sie nicht hiervon, bis ich selbst davon reden werde.«

Er schwieg und begann im Zimmer auf und ab zu gehen, wobei er schielende Blicke auf Fräulein von Verneuil warf, denn er hätte gern die geheimen Gedanken des jungen Mädchens erraten, dessen Anblick allein genügte, um auch den gewandtesten Mann zuzeiten aus der Fassung zu bringen.

»Diesen Mißerfolg habe ich vorausgesehen,« sagte er nach einer kurzen Pause. »Falls es Ihnen belieben sollte, Ihr Hauptquartier hier in der Stadt aufzuschlagen, so habe ich auch schon die nötigen Erkundigungen eingezogen. Wir sind im Mittelpunkte der Chouannerie. Wollen Sie da bleiben?«

Sie nickte bejahend, was Corentin Veranlassung gab, teilweise richtige Schlüsse über die Ereignisse des vergangenen Abends anzustellen.

»Ich habe ein nicht verkauftes Nationalhaus für Sie requiriert,« sagte er. »Die Leute hier sind recht weit in der Kultur zurück. Kein Mensch hat es gewagt, diese Baracke zu erwerben, weil sie einem Emigranten gehört, der als roh verschrien ist. Sie liegt bei der Sankt Leonhardskirche, und man hat von dort, so wahr ich Corentin heiße, eine herrliche Aussicht. Man kann sich das Loch zunutze machen, es ist bewohnbar. Wollen Sie hinkommen?«

»Augenblicklich!« rief sie.

»Ein paar Stunden brauche ich aber noch, um Ordnung und Sauberkeit zu schaffen, so daß Sie es nach Ihrem Geschmacke finden.«

»Ach, was liegt daran!« gab sie zurück. »Ich würde ohne Besinnen in ein Kloster oder Gefängnis ziehen. Immerhin, sorgen Sie dafür, daß ich mich heute abend in völliger Einsamkeit und Ungestörtheit dort ausruhen kann. Gehen Sie jetzt, lassen Sie mich allein. Ihre Gegenwart ist mir unerträglich. Ich will nur Francine um mich haben. Mit ihr kann ich mich vielleicht besser verständigen, als mit mir selber. Adieu. Gehen Sie, gehen Sie!«

Diese rasch hingeworfenen Worte, die sie teils in kokettem, teils herrischem und leidenschaftlichem Tone an ihn richtete, ließen darauf schließen, daß die Ruhe in ihr vollkommen wiederhergestellt war. Der Schlaf hatte zweifellos die Eindrücke des vorhergehenden Tages allmählich geordnet, und beim Nachdenken mochte sie zu dem Entschlusse gekommen sein, sich zu rächen. Wenn dann und wann noch ein düsterer Ausdruck über ihre Züge glitt, so zeugte er eher von der manchen Frauen eigenen Fähigkeit, auch die heftigsten Empfindungen in ihrer Brust zu verschließen, und von der Verstellung, die es ihnen erlaubt, freundlich zu lächeln, indes sie auf den Untergang ihres Opfers sinnen.

Sie blieb allein, unablässig mit dem Gedanken beschäftigt, wie es ihr gelingen könne, den Marquis lebend in die Hände zu bekommen. Zum ersten Male hatte sie so gelebt, wie es von je ihre Sehnsucht gewesen war. Aber das einzige Gefühl, das ihr aus diesem Erlebnis blieb, war das der Rache, einer unendlichen, völligen Rache. Dies war ihr einziger Gedanke, ihre einzige Leidenschaft. Francines Worte, ihre Fürsorge fanden keinen Widerhall bei ihr. Sie schien mit offenen Augen zu schlafen. Und der ganze lange Tag verstrich, ohne daß eine Gebärde oder Handlung das äußere Leben bekundet hätte, das von unseren Gedanken Zeugnis gibt. Sie blieb auf einer Ottomane liegen, die sie aus Stühlen und Kissen gebildet hatte, und nur gegen Abend sprach sie nachlässig, zu Francine gewandt, die wenigen Worte:

»Gestern, liebes Kind, begriff ich gar wohl, daß man leben könnte, um zu lieben; heute begreife ich, daß man sterben kann, um sich zu rächen. Ja, mein Leben würde ich drum geben, ihn aufzusuchen, wo er auch ist, ihn von neuem zu treffen, zu verführen und für mich zu haben. Und wenn ich ihn nicht in wenigen Tagen demütig und unterwürfig zu meinen Füßen sehe, diesen Mann, der mich so verachtet, und ihn zu meinem Knecht mache, dann bin ich das geringste Geschöpf auf Erden, dann verdiene ich nicht mehr den Namen Frau, dann bin ich nicht mehr ich selbst!«

Das Haus, das Corentin Fräulein von Verneuil vorgeschlagen hatte, enthielt alles, was nötig war, um die ihr angeborene Neigung für Luxus und Vornehmheit zu befriedigen. Er raffte mit dem Eifer eines Liebenden für seine Geliebte, oder richtiger mit der Dienstfertigkeit eines mächtigen Mannes, der einem ihm gerade schwer entbehrlichen Untergebenen zu schmeicheln sucht, alles zusammen, wovon er wußte, daß es ihr gefallen würde, und kam am nächsten Morgen mit der Nachricht zu Fräulein von Verneuil, ihr vorläufiger Wohnsitz sei bereit.

Obwohl sie nur ihre schlechte Ottomane mit einem altertümlichen Sofa vertauschte, das Corentin für sie aufgetrieben hatte, nahm das phantastische Mädchen sogleich Besitz von diesem Hause wie von einer Sache, die ihr von rechtswegen gehörte. Mit königlichem Gleichmut betrachtete sie alles, was sie sah, und faßte eine plötzliche Zuneigung für die kleinsten Gegenstände, mit denen sie sich alsbald einrichtete, als seien sie ihr seit langem lieb – kleine, alltägliche Züge, die indes für die Schilderung eines so außergewöhnlichen Charakters nicht ohne Bedeutung sind. Es war, als habe ein Traum sie im voraus mit dieser Wohnung vertraut gemacht, in der sie von ihrem Hasse lebte, wie sie darin von ihrer Liebe gelebt haben würde.

»Wenigstens«, sprach sie bei sich selbst, »habe ich in ihm nicht jenes schmachvolle, tödliche Mitleid erregt; ich verdanke ihm nicht das Leben. O du meine erste, meine einzige und letzte Liebe – was für ein Ende!«

Plötzlich stürzte sie heftig auf die erschrockene Francine zu:

»Liebst du? Ach ja, du liebst, ich entsinne mich! Ich bin sehr glücklich, daß ich eine Frau bei mir habe, die mich versteht. Sag', armes Kindchen, scheint der Mann dir nicht ein fürchterliches Wesen? Ha – er sagte, er liebe mich, und er hat nicht einmal die einfachste Probe bestanden. Wäre er von der ganzen Welt verstoßen worden, in meinem Herzen hätte er eine Zuflucht gefunden. Wenn das Weltall ihn angeklagt hätte, würde ich ihn verteidigt haben. Früher sah ich in der Welt nichts als gleichgültige Geschöpfe, die kamen und gingen; die Welt war traurig, aber nicht schrecklich. Aber jetzt, was ist mir jetzt die Welt ohne ihn? Er soll leben, ohne daß ich bei ihm bin, ihn sehe, mit ihm rede, ihn fühle, ihn halte, ihn an mich reiße? Nein, lieber will ich selbst ihn im Schlafe erwürgen!«

Entsetzt sah Francine sie einen Augenblick lang schweigend an.

»Den töten, den man liebt!« sagte sie dann sanft.

»Ja, ja, gewiß, wenn er nicht mehr liebt!«

Nach diesen furchtbaren Worten warf sie die Hände über das Gesicht, setzte sich wieder und schwieg.

Am nächsten Tage erschien plötzlich und unangemeldet ein Mann mit strengem Gesicht bei ihr. Es war Hulot. Sie blickte ihn an und erbebte.

»Sie kommen gewiß, um Rechenschaft über Ihre Freunde von mir zu fordern?« sprach sie. »Sie sind tot.«

»Ich weiß,« antwortete er. »Aber sie sind nicht im Dienste der Republik gefallen.«

»Nein. Für mich und durch mich. Sie wollen mir vom Vaterlande sprechen! Gibt das Vaterland denen das Leben wieder, die dafür fallen? ja, rächt es sie auch nur? Ich – ich werde sie rächen!« rief sie.

Alle die finsteren Bilder der Katastrophe, deren Opfer sie gewesen, erstanden mit einem Male wieder lebhaft in ihrem Geiste. Und so wurde dieses anmutige Geschöpf, das unter allen weiblichen Tugenden die Keuschheit obenan setzte, wie von plötzlichem Wahnsinn ergriffen und stürzte auf den ganz betroffenen Hulot zu.

»Für ein paar ermordete Soldaten werde ich Euch ein Haupt unters Beil legen, das tausend andere Häupter aufwiegt! Wir Frauen führen selten Krieg, aber das versichere ich Ihnen, daß Sie in meiner Schule einige gute Listen werden lernen können. Ich liefere Ihren Bajonetten eine ganze Familie aus, ihre Ahnen, ihre Zukunft, ihre Vergangenheit. So gut und wahr ich gegen ihn war, so falsch und hinterlistig werde ich von nun an sein. Herr Kommandant, ich will ihn in mein Bett locken, und er soll von da aus in den Tod gehen! So soll es geschehen! Nie werde ich eine Nebenbuhlerin haben! Bei Gott, er hat sich sein Urteil selbst gesprochen: ein Tag ohne Morgen! Ihre Republik und ich, wir beide werden zu unserer Rache kommen. – Die Republik!« fuhr sie mit einer Stimme fort, deren sonderbarer Klang schwer zu schildern ist. »Er wird also sterben, weil er die Waffen gegen sein Vaterland geführt hat! Frankreich wird mir meine Rache stehlen! Ach, wie wenig ist doch ein Lehen – ein Tod sühnt nur ein Verbrechen! Aber da er nur einen Kopf herzugeben hat, will ich ihm zuvor eine Nacht schenken, daß er glauben wird, mehr als ein Leben zu verlieren! Vor allem sorgen Sie dafür, Herr Kommandant – denn Sie werden ihn ja töten« – (hier seufzte sie auf) – »daß nichts meinen Verrat verrät, und daß er die Überzeugung meiner Treue mit in den Tod nimmt. Das ist das einzige, worum ich Sie bitte. Nur mich soll er vor sich sehen, mich und meine Küsse, mich und meine Zärtlichkeiten.«

Sie verstummte. Doch durch den Purpur ihrer Wangen hindurch bemerkten Hulot und Corentin, daß Zorn und Raserei ihre Schamhaftigkeit nicht ganz erstickt hatten. Bei ihren letzten Worten durchlief sie ein Schauder. Sie horchte auf sich selbst, als zweifle sie daran, daß sie sie ausgesprochen, und erzitterte kindlich, indem sie sich unwillkürlich betrug wie eine Frau, der ihr Schleier entgleitet.

»Sie hatten ihn ja aber doch in Ihren Händen,« warf Corentin ein.

»Wahrscheinlich,« erwiderte sie bitter.

»Warum haben Sie mich gehindert, als ich ihn festnehmen wollte?« fragte Hulot.

»Ach, Herr Kommandant, wir wußten ja noch nicht, ob er es sei.«

Mit einem Schlage beruhigte sich die Aufgeregte, nachdem sie eine Zeitlang mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen war und den beiden Anwesenden verzehrende Blicke zugeworfen hatte.

»Ich erkenne mich selbst nicht wieder,« sagte sie in männlichem Tone. »Was nützt das Reden? Wir müssen ihn aufsuchen!«

»Ihn aufsuchen!« wiederholte Hulot. »Sehen Sie sich vor, liebes Kind! Wir sind nicht Herr des Geländes, und sobald Sie sich aus der Stadt wagten, würden Sie nach hundert Schritten gefangen oder erschossen werden.«

»Für jemand, der sich rächen will, gibt es keine Gefahr,« antwortete sie mit einer verächtlichen Gebärde, um die beiden Männer, die zu sehen sie sich schämte, aus ihrer Gegenwart zu verbannen. Sie zogen sich zurück und waren kaum allein, als Hulot ausrief:

»Ist das ein Weib! Auf welche Idee sind diese Pariser Polizeileute nur verfallen! – Nie wird sie ihn uns ausliefern,« setzte er kopfschüttelnd hinzu.

»O doch!« entgegnete Corentin.

»Sehen Sie denn aber nicht, daß sie ihn liebt?«

»Freilich,« sagte Corentin und sah den Kommandeur verwundert an. »Aber ich bin doch da, um zu verhindern, daß sie Dummheiten macht. Denn meiner Meinung nach, Kamerad, gibt es keine Liebe, die zweihunderttausend Franken wert ist.«

Als dieser Seelendiplomat den Offizier allein gelassen, folgte Hulot ihm mit den Augen und stieß, nachdem der Lärm seiner Schritte verhallt war, einen Seufzer aus.

»Zuweilen ist es also doch wohl gut,« sprach er zu sich selbst, »nur ein Dummkopf zu sein wie ich! Gottsdonner – wenn ich dem Gars wieder begegne, wollen wir uns Mann gegen Mann schlagen, sonst will ich nicht Hulot heißen. Denn wenn dieser Fuchs ihn mir zum Richten vorführte, nachdem sie jetzt ja Kriegsgerichte geschaffen haben, käme ich mir so schmutzig vor, wie das Hemd eines feigen Soldaten.«

Die von den Königstreuen begangenen Morde und der Wunsch, seine beiden Freunde zu rächen, hatten Hulot ebenso stark zur Wiederaufnahme des Kommandos seiner Halbbrigade bestimmt, wie das Antwortschreiben, in dem ein neuer Minister, Berthier, ihm erklärte, seine Entlassung könne unter den gegebenen Umständen nicht genehmigt werden. Der ministeriellen Depesche war ein vertraulicher Brief beigeschlossen, worin er ihm – ohne ihm übrigens Näheres über den Auftrag des Fräuleins von Verneuil mitzuteilen – schrieb, daß dieser Nebenumstand, der gar nichts mit dem Kriege an sich zu tun habe, die Operationen nicht verzögern dürfe. Die Teilnahme der militärischen Befehlshaber müsse sich, so hieß es, in dieser Angelegenheit darauf beschränken, der ehrenwerten Bürgerin im gegebenen Falle beizustehen.

Als er darauf in Erfahrung gebracht hatte, daß die Bewegungen der Königstreuen eine Zusammenziehung ihrer Streitkräfte in Fougères ankündigten, hatte der Kommandant durch Eilmarsch heimlich zwei Bataillone seiner Halbbrigade nach diesem wichtigen Orte geführt. Die Gefahr, in der das Vaterland schwebte, der Haß auf die Aristokratie, deren Parteigänger eine beträchtliche Strecke Landes bedrohten, die Freundschaft, das alles hatte dazu beigetragen, dem alten Militär das Feuer der Jugend wiederzugeben.

»Hier habe ich nun das Leben, das ich so ersehnte!« rief Fräulein von Verneuil, sobald sie mit Francine allein war. »So rasch die Stunden auch verfliegen, bergen sie doch Jahrhunderte von Gedanken!«

Plötzlich ergriff sie Francines Hand, und mit einer Stimme wie der des ersten Rotkehlchens, das nach dem Sturme singt, sprach sie langsam:

»Ich habe gut reden, Kind. Ich sehe doch immer diese beiden köstlichen Lippen, dieses kurze, leicht vorstehende Kinn, die feurigen Augen vor mir und höre das ›Hüh‹ des Postillons. Ich träume . . . und warum empfängt mich beim Erwachen soviel Haß?«

Sie stieß einen schmerzvollen Seufzer aus und erhob sich. Und nun erblickte sie zum erstenmal das Land, das dem Bürgerkrieg ausgeliefert war durch den grausamen Edelmann, den sie ganz allein angreifen wollte. Von der weiten Aussicht über die Landschaft verlockt, ging sie hinaus, um unter freiem Himmel leichter atmen zu können. Und wenn sie auch aufs Geratewohl vorwärts schritt, ward sie dennoch durch die unglückselige Neigung unserer Seele, sich ihre Hoffnungen im Sinnlosen zu suchen, nach der Promenade der Stadt gelenkt. Oft verwirklichen sich die unter der Herrschaft dieses Zaubers gefaßten Gedanken; aber dann schreibt man es der Macht zu, die man Vorahnung nennt, einer unerklärten, jedoch wirklichen Macht, die die Leidenschaften stets gefällig finden, einem Schmeichler gleich, der unter all seinen Lügen zuweilen auch die Wahrheit sagt.

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