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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070819
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Fünfzehntes Kapitel

Die Anwesenheit des Hauptmanns Merle war den Mitspielern dieses Trauerspiels unerklärlich. Alle sahen auf ihn und warfen einander fragende Blicke zu.

Merle gewahrte das Erstaunen der Royalisten und sprach, ohne seinen Charakter zu verleugnen, mit traurigem Lächeln:

»Ich denke nicht, meine Herren, daß Sie einem Manne, der einen weiten Weg vor sich hat, ein Glas Wein abschlagen werden.«

Gerade als die Gesellschaft sich unter diesen mit echt französischer Leichtfertigkeit hingeworfenen Worten beruhigte, die den Vendéern gefallen mußten, erschien Herr von Montauran wieder. Sein bleiches Gesicht, sein starrer Blick entsetzten alle Anwesenden.

»Sie werden sehen,« sagte der Hauptmann, »daß der Tod die Lebenden in Bewegung setzt.«

»Ha,« sprach der Marquis mit einer Bewegung, als erwache er soeben aus dem Traum, »da sind Sie ja, mein Kriegsrat!«

Er hielt ihm eine Flasche Wein hin, als wolle er ihm zu trinken einschenken.

»Nein, danke, Bürger Marquis. Ich könnte mich betäuben!«

Bei diesen Worten rief Frau von Gua den Gästen lachend zu:

»Wir wollen ihm doch den Nachtisch ersparen, nicht wahr!«

»Sie sind recht grausam in Ihrer Rachsucht, gnädige Frau,« entgegnete der Hauptmann. »Sie vergessen meinen ermordeten Freund, der mich erwartet. Ich pflege meine Verabredungen nicht zu versäumen.«

»Herr Hauptmann,« fiel da der Marquis ein und warf ihm seinen Handschuh zu, »Sie sind frei! Da nehmen Sie einen Reisepaß! Die Jäger des Königs wissen, daß nicht alles Wild getötet werden muß.«

»Es sei!« antwortete Merle. »Aber Sie tun unrecht daran. Denn ich stehe Ihnen dafür, daß ich Ihnen hart zusetzen und kein Erbarmen kennen werde. Sie mögen recht tüchtig sein, aber Gérard wiegen Sie nicht auf. Doch wenn Ihr Kopf mir seinen auch nie bezahlen kann, muß ich ihn doch haben, und ich werde ihn erlangen!«

»Er hatte es auch gar zu eilig!« sagte Herr von Montauran.

»Leben Sie wohl!« rief der Hauptmann. »Ich konnte mit meinen Henkern trinken, aber ich bleibe nicht bei den Mördern meines Freundes!«

Und er verließ die erstaunte Gesellschaft.

»Nun, meine Herren, was sagen Sie zu den Schöffen, Wundärzten und Advokaten, die die Republik regieren?« fragte der Gars kalt.

»Beim Henker, Marquis!« antwortete Graf Bauvan, »auf jeden Fall sind sie schlecht erzogen! Der hier hat uns, glaube ich, eine Unverschämtheit an den Kopf geworfen.«

Der plötzliche Aufbruch des Hauptmanns hatte seinen geheimen Grund. Das so verachtete, so erniedrigte Geschöpf, das eben in diesem Augenblick vielleicht den Todesstoß empfing, hatte ihm während jenes Auftrittes so schwer zu vergessende Reize enthüllt, daß er sich im Forteilen sagte: »Wenn es eine Dirne ist, so ist es gewiß keine gewöhnliche, und ich würde sie sicherlich zur Frau nehmen . . .«

Er verzweifelte so wenig daran, sie aus den Händen dieser Wilden zu erretten, daß sein erster Gedanke, als er das eigene Leben gesichert sah, war, sie von nun an unter seinen Schutz zu nehmen. Doch als er auf die Treppe kam, fand er den Hof zum Unglück leer. Er blickte umher und lauschte in die Stille, hörte aber nichts als das ferne, lärmende Gelächter der Chouans, die in den Gärten zechten und die Beute verteilten. Er wagte es, an der unheilvollen Stelle vorbeizugehen, wo seine Soldaten erschossen worden waren; und nun unterschied er im Winkel des Flügels, bei dem schwachen Schein einiger Kerzen, verschiedene von den königlichen Jägern gebildete Gruppen. Weder Pille-miche noch Marche-à-terre oder das junge Mädchen waren darunter. Doch in dieser Minute fühlte er sich sanft am Schoße seines Uniformrocks gezogen, und sah, als er sich umwandte, Francine vor sich knien.

»Wo ist sie?« fragte er.

»Ich weiß es nicht. Pierre hat mich fortgejagt und mir befohlen, mich nicht zu rühren.«

»Wohinaus sind sie gegangen?«

»Dorthinaus,« antwortete sie und deutete nach der Landstraße.

Der Hauptmann und Francine bemerkten nun in dieser Richtung ein paar dunkle Schatten, die der Mond auf das Wasser des Teiches warf, und erkannten zarte weibliche Formen darin, bei deren wenn auch undeutlichem Anblick ihr Herz klopfte.

»Oh, sie ist's!« rief Francine.

Fräulein von Verneuil schien, in ihr Geschick ergeben, inmitten einiger Gestalten zu stehen, deren Gesten auf einen Wortwechsel deuteten.

»Es sind mehrere,« sagte der Hauptmann. »Aber gleichviel. Gehen wir hin.«

»Sie suchen unnötigerweise den Tod auf,« wandte Francine ein.

»Das wäre heute nicht zum erstenmal,« rief er lustig.

So machten sich denn beide nach dem dunklen Tore auf, hinter welchem die Szene sich abspielte. Mitten auf der Straße blieb Francine jedoch stehen.

»Nein, ich gehe nicht weiter!« rief sie leise. »Pierre hat mir gesagt, ich solle aus dem Spiel bleiben. Ich kenne ihn, wir werden alles verderben. Tun Sie, was Sie wollen, Herr Offizier, aber gehen Sie fort. Wenn Pierre Sie bei mir sähe, würde er Sie töten!«

In diesem Augenblick erschien Pille-miche außerhalb des Tores, rief den im Pferdestall gebliebenen Postillon, gewahrte den Hauptmann und schrie, indem er auf ihn anlegte:

»Heilige Anna von Auray! Der Rektor von Autrain hatte recht, als er uns sagte, daß die Blauen mit dem Teufel im Bunde sind! Aber wart, ich will dich auferstehen lehren!«

»Halt, mein Leben gehört mir!« rief ihm Merle zu, als er sich bedroht sah. »Da ist der Handschuh deines Generals!«

»Jaja, da sind Geister!« rief der Chouan zurück. »Ich schenke dir das Leben nicht! Ave Maria!«

Er drückte ab. Der Schuß traf den Hauptmann in den Kopf und er fiel. Als Francine sich ihm näherte, hörte sie ihn murmeln:

»Ich bleibe doch lieber hier bei ihnen, statt ohne sie zurückzukehren.«

Der Chouan stürzte sich auf ihn, um ihn zu plündern.

»Das ist das Gute an diesen Geistern,« sagte er, »daß sie in voller Kleidung auferstehen.«

Doch als er in der Hand des Hauptmanns, mit der dieser ihm zugewinkt, den Handschuh des Gars erblickte, blieb er betroffen stehen. Im nächsten Augenblick verschwand er in größter Geschwindigkeit mit den Worten:

»O je! Steckte ich doch nicht in der Haut von meiner Mutter Sohn!«

Um das für den Hauptmann so verhängnisvolle Zusammentreffen mit Pille-miche zu verstehen, müssen wir Fräulein von Verneuil folgen, nachdem der Marquis sie in seiner Wut und Verzweiflung dem Chouan überlassen hatte. Francine hatte krampfhaft den Arm Marche-à-terres gepackt und ihn mit Tränen in den Augen an das Versprechen erinnert, das er ihr gegeben.

Wenige Schritte vor ihnen zerrte Pille-miche sein Opfer hinter sich her, als sei es eine schwere Last. Marie, deren Haare gelöst waren, hielt den Kopf gesenkt und blickte nach dem Teich; aber der Stahlgriff, der sie hielt, zwang sie, dem Chouan langsam zu folgen. Mehrmals drehte er sich um, um sie anzusehen oder zur Eile anzutreiben, und jedesmal verzerrte ein lustiger Gedanke seine Züge zu einem furchtbaren Lächeln.

»'s ist doch ein Prachtmädel!« rief er mit grober Betonung.

Als sie diese Worte hörte, fand Francine die Sprache wieder.

»Pierre?«

»Was gibt's?«

»Will er sie töten?«

»Nicht gleich,« antwortete Marche-à-terre.

»Aber sie wird sich das nicht geschehen lassen, und wenn sie stirbt, sterbe ich auch!«

»Du liebst sie zu sehr. Mag sie sterben!« sagte der Chouan.

»Wenn wir reich und glücklich werden, danken wir es ihr. Aber gleichviel. Hast du nicht versprochen, sie zu retten?«

»Ich werd's versuchen. Aber bleib du hier und rühr dich nicht.«

Sogleich ließ sie den Arm Marche-à-terres los und irrte nun in der fürchterlichsten Unruhe auf dem Hofe umher.

Marche-à-terre holte seinen Kameraden ein, als er gerade sein Opfer zwang, in dem Schuppen, in den er es geschleppt, den Wagen zu besteigen. Pille-miche verlangte, sein Gefährte solle ihm helfen, die Kutsche herauszuziehen.

»Was willst du mit alledem?« fragte Marche-à-terre.

»Na, die Große hat mir die Frau gegeben, und alles, was sie gehört, gehört mich auch.«

»Schön, für den Wagen kannst verhandeln. Aber die Frau springt dir ins Gesicht wie 'ne Katze!«

Pille-miche brach in ein schallendes Gelächter aus und gab zurück: »I wat! die nehm ich mit bei mich und bind' se an.«

»Meinetwegen. Woll'n anspannen.«

Einen Augenblick später fuhr Marche-à-terre, der Pille-miche seine Beute gelassen hatte, die Kutsche aus dem Tor hinaus und auf die Landstraße, und Pille-miche schwang sich zu Fräulein von Verneuil auf den Sitz, ohne zu bemerken, daß sie Anstalten traf, in den Teich zu springen.

»He, Pille-miche!«

»Was?«

»Ich kauf dir deine ganze Beute ab.«

»Willst mich foppen?« fragte Pille-miche und zog seine Gefangene an den Röcken näher zu sich.

»Zeig sie mir. Ich sag dir den Preis.«

Die Unglückliche wurde gezwungen, auszusteigen und sich zwischen die Chouans zu stellen. Jeder faßte sie an einer Hand und so betrachteten sie sie, wie die beiden Alten Susanna im Bade betrachtet haben mögen.

»Willst du«, sagte Marche-à-terre mit einem schmerzlichen Seufzer, »hundert Livres Rente und das Haus des Thomas in Ernée haben?«

»Is auch wahr?«

»Schlag ein,« antwortete Marche-à-terre und streckte ihm die Hand hin.

»Ja, ich schlag ein. Damit kann man Mädchen genug kaufen! Aber die Kutsch, wem gehört die?«

»Mir,« schrie Marche-à-terre mit fürchterlicher Stimme, worin sich die Art von Herrschaft kundgab, die sein grimmiger Charakter auf seine Gefährten ausübte.

»Wenn aber Gold drin is?«

»Hast du nicht eingeschlagen?«

»Is welches drin?« fragte Marche-à-terre in rohem Ton und schüttelte Marie beim Arm.

»Ich habe etwa hundert Taler,« antwortete sie. Bei diesen Worten sahen sich die beiden Chouans an.

»Ach was, Freund,« raunte Pille-miche dem andern zu, »warum tauchen wir sie nicht unter, mit 'nem Stein am Halse, und teilen dann die hundert Taler! Soll'n wir uns um eine Blaue zanken!«

»Ich geb dir meine hundert Taler von d'Orgemonts Lösegeld,« rief Marche-à-terre und unterdrückte einen Fluch über dieses notgedrungene Opfer.

Pille-miche stieß eine Art heiseren Schreies aus und ging, den Postillon zu holen. Seine Freude wurde der Tod des ihm begegnenden Hauptmanns.

Als Marche-à-terre den Schuß hörte, stürzte er nach der Stelle hin, wo Francine, von dem Anblick des Mordes ganz überwältigt, noch wie vernichtet mit gefalteten Händen neben dem Toten kniete und betete.

»Geh zu deiner Herrin,« sagte er rauh. »Sie ist gerettet und wir sind dafür ruiniert.«

Er rannte fort, um selbst den Postillon herbeizuholen, kam mit Blitzesschnelle wieder und erblickte, als er zum zweiten Male an der Leiche Merles stand, den Handschuh des Gars, den die tote Hand noch immer krampfhaft festhielt.

»Oho!« rief er, »da hat Pille-miche einen guten Streich verübt! Der wird wohl nicht dazu kommen, von seinen Renten zu leben!«

Er entriß dem Gemordeten den Handschuh und sagte zu Fräulein von Verneuil, die schon mit Francine in der Kutsche saß:

»Da, nehmen Sie den Handschuh. Und wenn unsere Leute Sie unterwegs anfallen, rufen Sie: ›Ho! der Gars!‹ und zeigen hier den Freipaß, dann geschieht Ihnen nichts.«

»Francine,« wandte er sich an seine Liebste und drückte ihr stark die Hand, »wir sind quitt mit der da. Geh mit mir und laß sie zum Teufel fahren!«

»Willst du denn, daß ich sie jetzt gleich verlasse!« rief Francine schmerzbewegt aus.

Marche-à-terre kratzte sich hinter dem Ohr und auf der Stirn. Dann hob er den Kopf und funkelte die beiden Frauen wild an: »'s is gut. Ich überlaß dich ihr noch acht Tage. Wenn du dann nicht zu mir kommst . . .«

Er sprach nicht zu Ende, sondern schlug nur heftig mit der Hand auf die Mündung seines Karabiners; dann machte er eine Bewegung, als lege er auf Francine an, und verschwand, ohne eine Erwiderung abzuwarten.

Kaum war er fort, so rief eine gedämpfte Stimme, die aus dem Teiche zu kommen schien:

»Madame! Madame!«

Der Postillon und die beiden Frauen erbebten vor Schrecken, denn mehrere Leichen waren bis zu dieser Stelle getrieben. Da sahen sie einen Soldaten hinter einem Baum sich hervorwagen: es war Beau-pied.

»Lassen Sie mich um Gottes willen hinten aufsitzen, oder ich bin ein Kind des Todes! Das verdammte Glas Wein, das La-clef-des-cœurs noch trinken wollte, hat mehr als eine Kanne Blut gekostet. Hätte er wie ich seine Runde gemacht, so schwämmen die armen Kameraden da nicht wie die Galioten!«

Und mit einem Seufzer schwang er sich auf den Wagen.

Während diese Vorgänge sich draußen abspielten, hielten die Führer der Königstreuen aus der Vendée und Bretagne, das Glas in der Hand, ihre Beratungen unter dem Vorsitz des Marquis von Montauran ab. Reichlicher Weingenuß belebte die Reden und Gegenreden, die beim Ende der Mahlzeit ernst und bedeutungsvoll wurden. Bei der Nachspeise, nachdem die allgemeinen Richtlinien der militärischen Operationen festgelegt waren, ließen die Royalisten die Bourbonen hochleben. Da dröhnte der Schuß Pille-miches gleich einem Echo des schaudervollen Krieges dazwischen, mit dem die jugendfrohen, hochgesinnten Verschwörer ihr Vaterland bedrohten.

Frau von Gua fuhr in die Höhe; bei der freudigen Bewegung, die sie nicht unterdrücken konnte, sahen die Gäste einander schweigend an. Der Marquis stand auf und verließ den Saal.

»Er hat sie doch geliebt,« sagte Frau von Gua ironisch. »Gehen Sie ihm nach und leisten Sie ihm Gesellschaft, Herr von Châtillon. Wenn er seinen schwarzen Gedanken nachhängt, wird er lästig wie eine Fliege.«

Sie trat an das Fenster, das nach dem Hofe ging, und konnte beim letzten Schimmer des untergehenden Mondes den mit äußerster Schnelligkeit die Straße hinauffahrenden Wagen erkennen. Mariens Schleier, den der Wind losgerissen hatte, flatterte aus der Kalesche.

Wütend verließ Frau von Gua bei diesem Anblick die Gesellschaft.

Der Marquis stand, an die Treppe gelehnt, in finsteren Gedanken da und sah auf die Chouans, die, etwa hundertfünfzig Mann an der Zahl, jetzt das Brot der ermordeten Republikaner verzehrten und deren Wein tranken, nachdem sie in den Gärten die Teilung der Beute vorgenommen hatten. Diese Soldaten von so neuer Art, auf die sich die Hoffnungen der Monarchie gründeten, hockten zechend in Gruppen beieinander, indes am Uferrande sieben oder acht andere sich damit belustigten, die mit Steinen beschwerten Leichen der Blauen ins Wasser zu stürzen. Dieser Anblick, noch merkwürdiger durch die mannigfaltigen Bilder, welche die sonderbaren Trachten und das wilde Gebaren der unbekümmerten, grimmen Gars boten, hatte für Herrn von Châtillon etwas so Neues und Außergewöhnliches, daß er, der an den Truppen der Vendée Zucht und Anstand gewöhnt war, sich nicht enthalten konnte, zum Marquis zu sagen:

»Was hoffen Sie mit diesen viehischen Kerlen ausrichten zu können?«

»Wohl nicht viel, was meinen Sie?« antwortete der Gars.

»Werden sie es jemals lernen, vor den Republikanern zu manövrieren?«

»Nie.«

»Werden sie dem Kanonenfeuer standhalten?«

»Nie.«

»Werden sie denn wenigstens Ihre Befehle begreifen und ausführen können?«

»Nie.«

»Wozu sind sie Ihnen dann nütze?«

»Um der Republik meinen Degen in das Eingeweide zu stoßen!« rief der Marquis mit Donnerstimme. »Um Fougères in drei und die ganze Bretagne in acht Tagen in meine Hand zu liefern! – Gehen Sie,« fuhr er milder fort, »kehren Sie nach der Vendée zurück und bewegen Sie Autichamp, Suzannet und den Abbé Bernier, so rasch vorzugehen wie ich, und nicht mit dem Ersten Konsul zu verhandeln, wie man mich fürchten machen will,« – hier drückte er heftig die Hand des jungen Vendéers –, »dann werden wir in drei Wochen dreißig Meilen vor Paris stehen.«

»Die Republik schickt uns aber sechzigtausend Mann und den General Brune entgegen!«

»Sechzigtausend Mann! wahrhaftig?« wiederholte der Marquis mit spöttischem Lachen. »Übrigens wird General Brune nicht kommen! Bonaparte hat ihn gegen die Engländer in Holland gesandt, und General Hédouville, der Freund unseres Freundes Barras, vertritt ihn hier. Verstehen Sie mich?«

Als Herr von Châtillon den Marquis so sprechen hörte, sah er ihn mit einer durchdringenden Miene an, die ihm vorzuwerfen schien, er begreife wohl selbst den Sinn der geheimnisvollen Worte nicht, die er soeben ausgesprochen. Plötzlich verstanden sie einander vollkommen. Der Marquis aber antwortete auf die Gedanken, die ihre Blicke austauschten, mit einem rätselhaften Lächeln:

»Herr von Châtillon, mein Wahlspruch ist: Ausharren bis zum Tode

»Sie sind jung, Marquis. Hören Sie mich an. Ihre Güter sind nicht alle verkauft . . .«

»Ach, glauben Sie, man könne sich dem Vaterlande weihen, ohne Opfer zu bringen?«

»Kennen Sie den König genau?«

»Ja!«

»Ich bewundere Sie!«

Sie trennten sich; der Vendéer von der Notwendigkeit sofortiger Unterwerfung überzeugt, der Marquis, um erbittert zu kämpfen und durch die Siege, von denen er träumte, die Vendéer zum Ausharren in ihrem Unternehmen zu zwingen.

 

Ende des ersten Teils.

 

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