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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

»Findest Du nicht auch, Merle, dass dieser Ort hier sich wie eine richtige Mausefalle ausnimmt?« fragte Gérard.

»Ja, ich sehe es,« gab der Hauptmann besorgt zurück.

Die beiden Offiziere beeilten sich, Schildwachen auszustellen, um sich der Landstraße und des Tores zu versichern, dann warfen sie mißtrauische Blicke auf die Uferhänge und die umgebende Landschaft.

»Pah!« sagte Merle dann. »Entweder müssen wir uns jetzt dieser Baracke in vollem Vertrauen überlassen oder überhaupt nicht hineingehen.«

»Gehen wir hinein!«

Die Soldaten entledigten sich auf das »Rührt euch!« ihres Führers schnell ihrer Gewehre, die sie in Pyramiden aufstellten, und bildeten eine Linie vor der Streu, in deren Mitte das Faß Wein lag. Dann teilten sie sich in Gruppen, an die zwei Bauern Butter und Roggenbrot auszuteilen begannen.

Der Marquis kam den Offizieren entgegen und führte sie in den Salon. Als Merle die Freitreppe hinaufgestiegen war und die beiden Flügel betrachtet hatte, wo die alten Lärchen dunkles Geäst ausbreiteten, rief er Beau-pied und La-clef-des-cœurs zu sich.

»Ihr beide macht einen Erkundungsgang durch die Gärten und durchstöbert die Hecken, verstanden? Dann stellt ihr eine Schildwache vor eurer Linie auf . . .«

»Können wir unser Feuer anzünden, ehe wir uns zur Jagd aufmachen, Herr Hauptmann?« fragte La-clef-des-cœurs.

Merle nickte mit dem Kopfe.

»Paß auf, La-clef-des-cœurs,« sagte Beau-pied, »der Hauptmann tut nicht gut daran, daß er sich in dieses Wespennest begibt. Wenn Hulot uns noch befehligte, der wäre nie und nimmer hier hereingekrochen. Wir stecken ja wie in einem Kochkessel!«

»Bist du dumm!« antwortete La-clef-des-cœurs. »Was, du Neunmalgescheit merkst nicht, daß dieses Schilderhaus das Schloß der liebenswürdigen Fremden ist, um die unser lustiger Merle, der beste aller Hauptleute, herumscharwenzelt? Er wird sie heiraten, das ist so klar wie ein blankgeputztes Bajonett. Und so eine Frau wie die kann der Halbbrigade auch nur Ehre machen.«

»Das ist wahr,« erwiderte Beau-pied. »Und du kannst außerdem noch sagen, daß es hier guten Obstwein gibt, trotzdem ich ihn nicht mit großem Genuß vor diesen verdammten Hecken da trinke. Es ist mir immer, als sähe ich Larose und Vieux-Chapeau in den Pellerinengraben rollen. Zeit meines Lebens werde ich den Zopf des armen Larose nicht vergessen, der an ihm hing, wie der Klopfer an einem Haustor.«

»Beau-pied, mein Lieber, du hast zu viel Phantasie für einen Soldaten,« entgegnete La-clef-des-cœurs, »du müßtest Lieder für das Nationalinstitut dichten.«

»Wenn ich zu viel Phantasie habe,« antwortete Beau-pied, »so hast du dafür gar keine, und du wirst gute Zeit brauchen, um es bis zum Konsul zu bringen.«

Das Lachen der Truppe beendete das Gespräch, denn La-clef-des-cœurs fand keine Antwort weiter auf die Stichelei seines Kameraden.

»Wollen wir jetzt die Runde machen? Ich werde die rechte Seite nehmen,« ergriff Beau-pied wieder das Wort.

»Also gut, dann nehme ich die linke,« antwortete sein Kamerad. »Doch halt! einen Augenblick! ich will erst noch ein Gläschen trinken, meine Kehle klebt wie das Wachstuch um Hulots famosen Hut.«

Die linke Seite der Gärten, die La-clef-des-cœurs gleich zu durchsuchen verabsäumte, war unglücklicherweise der gefährliche Uferhang, auf dem Francine eine Bewegung von Menschen beobachtet hatte.

Beim Eintreten in den Saal und während der Begrüßung warf Merle durchdringende Blicke auf die versammelte Gesellschaft. Sein Argwohn wurde stärker, und er ging ganz plötzlich auf Fräulein von Verneuil zu, um ihr leise zu sagen:

»Ich glaube, Sie sollten sich schnell zurückziehen, wir sind hier nicht in Sicherheit.«

Sie fing an zu lachen.

»Sollten Sie bei mir etwas fürchten?« fragte sie. »Sie sind hier sicherer, als Sie es in Mayenne waren.«

Eine Frau verbürgt sich immer vertrauensvoll für ihren Geliebten. Ganz verlegen trat Merle zurück, um Gérard zu beruhigen. In diesem Augenblick begaben die Anwesenden sich in den Speisesaal, obwohl von einem gewichtigen Gaste die Rede war, der noch kommen sollte.

Dank dem Stillschweigen, das beim Beginn einer Mahlzeit zu herrschen pflegt, konnte Fräulein von Verneuil ungestört ihr Augenmerk auf diese unter den gegebenen Umständen recht merkwürdige Gesellschaft richten, an der sie in gewisser Weise schuld war durch eine Unüberlegtheit, wie sie Frauen, gewohnt, mit allem ihr Spiel zu treiben, in den entscheidendsten Handlungen des Lebens oft bekunden.

Ein Umstand überraschte sie plötzlich. Die beiden republikanischen Offiziere beherrschten die Gesellschaft durch die Achtung gebietende Eigenart ihrer Physiognomien. Ihre zurückgestrichenen und am Hinterkopfe zu einem riesigen Zopfe zusammengebundenen Haare umrahmten Züge voll Offenheit und Adel. Ihre schäbigen blauen Uniformen mit den abgenutzten roten Aufschlägen – alles bis zu ihren Achselklappen, die infolge der Märsche hinten herabhingen und selbst bei den Befehlshabern von dem Fehlen der Mäntel zeugten, hob diese beiden Militärs aus den Männern hervor, in deren Mitte sie sich befanden.

»Hier ist das Volk, die Freiheit!« sprach sie bei sich. Dann warf sie einen Blick auf die Royalisten: »Und dort ein Mann, ein König, Vorrechte.«

Sie konnte nicht anders, als Merles Gesicht bewundern, so völlig entsprach der fröhliche Offizier den Vorstellungen, die man sich gern von jenen französischen Soldaten macht, die mitten im Kugelregen sich ein Liedchen pfeifen und auch nicht vergessen, über einen Kameraden, der schlecht zielt, einen Witz zu reißen. Gérard flößte Achtung ein. Ernst und kaltblütig, schien er eine dieser wahrhaft republikanischen Seelen zu haben, die sich zu jener Zeit in Menge beim französischen Heer fanden, und denen edel verschwiegene Opfer eine bis dahin nicht gekannte Tatkraft gaben.

»Das ist ein Mann von großen Gesichtspunkten,« dachte Fräulein von Verneuil. »Seinesgleichen zertrümmern die Vergangenheit zugunsten der Zukunft, indem sie sich auf die Gegenwart stützen, die sie beherrschen.«

Diese Erwägung machte sie traurig, weil sie sich nicht auf den geliebten Mann bezog, und so wandte sie sich ihm zu, um sich durch eine andere Art von Bewunderung an der Republik zu rächen, die sie schon haßte. Als sie den Marquis von Männern umringt sah, die kühn genug, fanatisch genug, vorausberechnend genug waren, eine siegreiche Republik anzugreifen, in der Hoffnung, eine tote Monarchie, eine vernichtete Religion, verbannte Fürsten und erloschene Vorrechte wieder einzusetzen, sagte sie sich:

»Dieser hier hat nicht minder hohe Absichten. Denn er will, auf einen Schutthaufen gebeugt, aus der Vergangenheit die Zukunft schaffen.«

Nun schwankte ihr Geist, der gewohnt war, in Bildern zu denken, zwischen den alten und den neuen Trümmern. Ihr Gewissen sagte ihr wohl laut genug, daß sich hier der eine für einen Menschen, der andere für ein Land schlage; aber schon war sie so gut wie überzeugt, daß das Glück eben dieses Landes von dem durch ihren Geliebten verteidigten System abhänge.

Der Marquis erhob sich. Er hatte die Schritte eines Mannes im Salon gehört und ging ihm entgegen. Es war der erwartete Gast, der, über die Gesellschaft erstaunt, reden wollte; doch der Gars machte ihm, von den Republikanern ungesehen, ein Zeichen, zu schweigen und an der Tafel Platz zu nehmen.

Je mehr die republikanischen Offiziere die Gesichter ihrer Wirte zu ergründen suchten, desto stärker machten sich die unterdrückten Zweifel wieder geltend. Das geistliche Gewand des Abbé Gudin und die Wunderlichkeit der Chouantrachten mahnten sie zur Vorsicht. Sie verschärften darum ihre Aufmerksamkeit und fanden ergötzliche Unterschiede zwischen den Manieren der einzelnen Gäste und ihren Reden heraus. So übertrieben der von einigen zur Schau getragene Republikanismus war, so aristokratisch war das Benehmen anderer. Gewisse von ihnen aufgefangene Blicke zwischen dem Marquis und seinen Gästen, gewisse unvorsichtig fallengelassene doppelsinnige Worte, vor allem aber der Bartgürtel, womit der Hals einiger Gäste versehen war, und den sie nicht richtig in ihren Halstüchern hatten verstecken können, klärten schließlich die beiden Offiziere über die wahre Sachlage auf, die sie nicht wenig erschreckte. Sie tauschten ihre Beobachtungen durch einen Blick aus, denn Frau von Gua hatte sie schlauer Weise getrennt, und so waren sie auf die Sprache ihrer Augen angewiesen. Ihre Lage erforderte ein kluges Verhalten, denn noch wußten sie nicht, ob sie die Herren dieses Schlosses seien oder ob man sie in einen Hinterhalt gelockt habe; ob Fräulein von Verneuil Mitwisserin dieses unerklärlichen Abenteuers oder selbst getäuscht worden sei. Doch ein unvorhergesehenes Ereignis führte den entscheidenden Augenblick unvermutet schnell herbei, noch bevor sie dessen ganzen Ernst ermessen konnten.

Der neuangekommene Gast gehörte zu jenen großen, vierschrötigen Menschen mit stark gerötetem Gesicht, die sich beim Gehen hintenüber beugen, viel Luft zu verdrängen scheinen und glauben, jedermann habe mehr als einen Blick nötig, um sie zu sehen. Trotzdem er adlig war, faßte er das Leben als einen Scherz auf, dem man trachten mußte, die beste Seite abzugewinnen. Und bei all seiner Selbstvergötterung war er gut, höflich und geistreich nach der Art jener Edelleute, die nach Vollendung ihrer höfischen Erziehung auf ihre Besitztümer zurückkehren und niemals glauben wollen, daß sie nach Verlauf von zwanzig Jahren daselbst eingerostet sind. Sie begehen mit unerschütterlicher Sicherheit fortwährend Verstöße gegen den Takt, bringen Nichtigkeiten geistreich vor, mißtrauen dem Guten, wo es ihnen begegnet, und geben sich die allergrößte Mühe, in Ungelegenheiten zu kommen.

Nachdem er durch kräftiges Hantieren mit der Gabel bewiesen, daß er kein Kostverächter sei, und die versäumte Zeit wieder eingebracht hatte, sah er sich die Gesellschaft an. Sein Erstaunen wuchs noch, als er die beiden Offiziere gewahrte, und durch einen Blick befragte er Frau von Gua, die ihn statt aller Antwort auf Fräulein von Verneuil hinwies. Als er die Sirene ansah, deren Schönheit begann, die durch Frau von Gua bei den Tischgenossen gegen sie erregten Gefühle zum Schweigen zu bringen, nahmen seine Züge ein unverschämtes, spöttisches Lächeln an, das eine ganze schmutzige Geschichte zu enthalten schien. Er neigte sich zum Ohre seines Nachbars und flüsterte ihm ein paar Worte zu. Und diese Worte, die nur für die beiden Offiziere und Fräulein von Verneuil ein Geheimnis blieben, gingen von Ohr zu Ohr, von Mund zu Mund, bis sie das Herz dessen erreichten, den sie zu Tode treffen sollten.

In grausamer Neugier wandten die Royalistenführer den Blick auf Herrn von Montauran, und die Augen der Frau von Gua, die Freudenblitze schleuderten, gingen zwischen dem Marquis und dem erstaunten Fräulein von Verneuil hin und her. Die beunruhigten Offiziere gingen mit sich selbst zu Rate, während sie das Ergebnis dieses sonderbaren Auftritts erwarteten. Plötzlich ruhten die Gabeln in allen Händen, Stillschweigen trat ein, und alle Blicke richteten sich auf den Gars. Eine unbeschreibliche Wut verbreitete sich auf seinem zornigen, hitzigen Gesicht, das sich wachsbleich färbte. Der junge General wandte sich dem Gaste zu, der diesen Schwärmer in Umlauf gesetzt hatte, und fragte ihn mit umflorter Stimme:

»Bei meinem Seelenheil, ist das wahr, Graf?«

»Auf meine Ehre,« antwortete der Graf, indem er ernst den Kopf neigte.

Der Marquis senkte die Augen, hob sie aber sofort wieder, um sie auf Fräulein von Verneuil zu richten, die dem Wortkampf gespannt gefolgt war und nun diesen mörderischen Blick auffing.

»Ich gäbe mein Leben darum,« sagte er leise, »wenn ich mich noch in dieser Stunde rächen könnte!«

Frau von Gua las dem jungen Manne diesen Satz von den Lippen ab und lächelte ihm zu, wie man einem Freunde zulächelt, dessen Verzweiflung man zu heilen verspricht. Die allgemeine Verachtung für Fräulein von Verneuil, die sich auf allen Gesichtern malte, steigerte die Empörung der beiden Republikaner aufs höchste, und sie standen heftig auf.

»Was wünschen Sie, Bürger?« fragte Frau von Gua.

»Unsere Degen, Bürgerin,« erwiderte Gérard ironisch.

»Die brauchen Sie bei Tische nicht,« entgegnete der Marquis kalt.

»Nein, aber hernach werden wir ein Spiel spielen, das Sie kennen,« sagte Gérard. »Wir werden einander hier ein wenig näher ansehen, als auf der Pellerine.«

Erstaunt schwieg die Gesellschaft. Da brach plötzlich eine furchtbare Salve los. Die beiden Offiziere und der Marquis stürzten auf die Freitreppe hinaus. Sie sahen etwa hundert Chouans auf einige Soldaten anlegen, die von den ersten Schüssen nicht getroffen worden waren, und auf die sie schossen, wie auf Hasen. Die Bretonen kamen von dem Ufer her, an dem Marche-à-terre sie unter Gefahr ihres Lebens aufgestellt hatte; denn man hörte bei dem Verlauf, den die Sache nahm, nach der ersten Salve zwischen dem Röcheln der Sterbenden mehrere der Königstreuen ins Wasser kollern wie Steine in einen Abgrund.

Pille-miche nahm Gérard aufs Korn, Marche-à-terre zielte auf Merle.

»Herr Hauptmann,« sagte der Marquis mit kalter Stimme, »sehen Sie: die Menschen sind wie die Mispeln, sie reifen auf dem Stroh

Und mit einer Handbewegung deutete er auf die Soldaten der Eskorte, die sämtlich blutend auf der Streu lagen, indes die Chouans den noch Lebenden den Rest gaben und die Toten mit unglaublicher Geschwindigkeit plünderten.

»Ich hatte wohl recht, wenn ich Ihnen sagte, daß Ihre Soldaten nicht bis zur Pellerine kommen würden,« fuhr der Marquis fort. »Auch glaube ich, daß Ihr Kopf vor dem meinen durch Blei gekühlt werden wird. Was halten Sie davon?«

Herr von Montauran fühlte nichts mehr als den furchtbaren Trieb, seine Rache zu stillen. Seine Verspottung der Unterliegenden, die Grausamkeit und Tücke dieser militärischen Exekution, die er nicht angeordnet hatte, aber nun guthieß, entsprachen den geheimen Wünschen seines Herzens. In seiner Wut hätte er ganz Frankreich vernichten mögen. Die hingeschlachteten Blauen, die beiden lebenden Offiziere, die alle unschuldig waren an dem Verbrechen, für das er Vergeltung forderte, sie alle waren unter seinen Händen nichts, als die Karten, die ein Spieler in seiner Verzweiflung verschlingt.

»Ich will lieber so umkommen als siegen, wie Sie es tun!« sagte Gérard.

Und mit einem Blick auf seine Soldaten:

»Sie so feige, so kaltblütig ermordet zu haben!«

»Gerade wie man es mit Ludwig XVI. gemacht hat, Herr Hauptmann,« versetzte der Marquis heftig.

»Mein Herr,« gab Gérard hochmütig zurück, »einem Königsprozeß liegen geheime Dinge zugrunde, die Sie niemals begreifen werden.«

»Sie klagen den König an!« rief der Marquis außer sich.

»Sie bekämpfen Frankreich!« entgegnete Gérard verachtungsvoll.

»Albernheit!« sagte der Marquis.

»Vaterlandsmörder!« der Republikaner.

»Königsmörder!«

»Was, willst du noch im Augenblick deines Todes streiten?« rief Merle spöttisch dazwischen.

»Es ist wahr,« sagte Gérard kalt. Dann wandte er sich an den Marquis:

»Mein Herr, wenn Sie beabsichtigen, uns zu töten, so seien Sie wenigstens barmherzig genug, uns auf der Stelle zu erschießen!«

»Das sieht dir ähnlich!« rief der Hauptmann. »Nie kannst du die Zeit erwarten. Aber, lieber Freund, wenn man weit zu gehen hat und am nächsten Morgen nicht frühstücken kann, so ißt man vorher noch zu Abend.«

Stolz und ohne ein Wort zu sagen stellte sich Gérard an die Mauer. Pille-miche zielte auf ihn und blickte nach dem Marquis hin. Als dieser sich nicht rührte, nahm er das Schweigen seines Vorgesetzten für einen Befehl und drückte los. Der Leutnant fiel wie ein Baum. Sofort stürzte Marche-à-terre herbei, die neue Beute mit seinem Genossen zu teilen. Sie stritten sich darum wie die Raben und zankten über dem noch warmen Leichnam.

»Wenn Sie zu Ende speisen wollen, Herr Hauptmann, steht es Ihnen frei, mit mir zu kommen,« sagte der Marquis zu Merle, den er am Leben zu erhalten beabsichtigte, um ihn gegen Chouans auszutauschen.

Willenlos folgte der Hauptmann dem Marquis ins Haus zurück und sagte leise, als mache er sich einen Vorwurf:

»Daran ist dieser Teufel von einer Dirne schuld! Was wird Hulot sagen!«

»Dirne!« rief der Marquis dumpf. »Es ist also doch eine Dirne!«

Die Worte des Hauptmanns schienen den Marquis zerschmettert zu haben, denn bleich, niedergeschlagen, finster und wankenden Schrittes ging er hinter ihm her.

Währenddessen hatte sich im Saale gleichfalls ein Auftritt abgespielt, der durch die Abwesenheit des Marquis einen so unheilvollen Charakter angenommen hatte, daß Fräulein von Verneuil, von ihrem Beschützer allein gelassen, schon ihr Todesurteil im Auge ihrer Nebenbuhlerin zu lesen glaubte.

Beim Krachen der Salve waren alle Gäste aufgesprungen, nur Frau von Gua nicht.

»Setzen Sie sich wieder,« sagte sie, »es ist weiter nichts. Unsere Leute erschießen nur die Blauen.«

Als sie sah, daß der Marquis nicht mehr im Saale war, erhob sie sich und rief mit der Ruhe verhaltener Wut:

»Das Fräulein hier wollte uns den Gars entreißen! Sie ist gekommen, um ihn der Republik auszuliefern!«

»Seit heute früh hätte ich ihn zwanzigmal ausliefern können,« entgegnete Fräulein von Verneuil. »Vielleicht habe ich ihm statt dessen das Leben gerettet.«

Da warf sich Frau von Gua mit Blitzesschnelle auf ihre Nebenbuhlerin. In ihrer sinnlosen Wut zerriß sie der völlig Überraschten die dünnen Schnüre ihres Leibchens, verletzte mit roher Hand die geheiligte Stelle, wo der Brief verborgen war, zerfetzte den Stoff, die Stickerei, das Mieder, das Hemd und schlug, um ihr Rachegelüste zu stillen, so treffsicher und rasend auf die Brust ihrer Feindin los, daß sie blutige Nagelspuren auf ihr zurückließ. Und diese widerliche Schändung bereitete ihr ein grimmiges Vergnügen.

Bei dem schwachen Widerstand, den Fräulein von Verneuil dem wutentbrannten Weibe entgegensetzte, fiel ihr der Hut vom Kopfe, ihre Haare lösten sich und wallten in üppigen Locken um ihr vor Scham gerötetes Gesicht. Dann rollten langsam zwei brennende Tränen über ihre Wangen und erhöhten das Feuer ihrer Augen. Sie erbebte unter der ihr angetanen Schmach, die sie den Augen der Gäste so preisgab. Selbst verhärtete Richter hätten angesichts dieses Schmerzes an ihre Unschuld glauben müssen.

Der Haß macht blind und taub, und so bemerkte Frau von Gua gar nicht, daß niemand ihr zuhörte, als sie jetzt ausrief:

»Sehen Sie her, meine Herren, und sagen Sie, ob ich dieses abscheuliche Geschöpf verleumdet habe!«

»Nicht gar so abscheulich,« bemerkte leise der dicke Gast, der Anstifter all des Unheils. »Ich wenigstens habe diese Abscheulichkeiten für mein Leben gern!«

»Hier«, fuhr die erbarmungslose Vendéerin fort, »ist ein von Laplace unterschriebener und von Dubois-Crancé und Fouché gegengezeichneter Befehl.«

Bei diesen Namen horchten einige der Anwesenden auf.

»Hören Sie seinen Inhalt,« sprach Frau von Gua weiter:

»Die Bürger Militärbefehlshaber aller Rangstufen, die Bezirksvorsteher, Generalprokuratoren usw. der aufständischen Départements, insbesondere die der Ortschaften, wo sich der ehemalige Marquis von Montauran finden kann, der Räuberhauptmann, jetzt Le Gars genannt, haben der Bürgerin Marie Verneuil Hilfe und Unterstützung zu gewähren und allen ihren Befehlen zu gehorchen, ihr in jeder Weise . . . usw.«

»Ein Opernmädchen maßt sich einen berühmten Namen an, um ihn durch den Schmutz zu ziehen!« setze sie hinzu.

Eine Bewegung der Überraschung lief durch die Versammelten.

»Die Partie ist nicht gleich, wenn die Republik so hübsche Frauen gegen uns verwendet,« scherzte der Chevalier de Renty.

»Insbesondere Mädchen, die nichts aufs Spiel setzen,« entgegnete Frau von Gua.

»Nichts?« fragte der Jagdverwalter. »Das Fräulein besitzt doch ein Gut, das ihr beträchtliche Renten abwerfen soll!«

»Der Republik muß wohl sehr fröhlich zumute sein, daß sie Freudenmädchen gegen uns ausschickt!« rief der Abbé Gudin.

»Das Fräulein sucht nur leider Freuden auf, die den Tod bringen,« sprach Frau von Gua mit einem furchtbaren Gesichtsausdruck, der auf das Ende der Scherzreden hindeutete.

»Wie kommt es dann nur, daß Sie noch leben, Madame?« fragte die Schwerbeleidigte und richtete sich auf, nachdem sie ihre Kleidung wieder geordnet.

Diese beißende Bemerkung flößte den Anwesenden eine gewisse Achtung für das stolze Mädchen ein und hatte ein allgemeines Verstummen zur Folge. Auf die Lippen der Chouans trat ein Lächeln, dessen Spott Frau von Gua in neue Wut versetzte. Sie wandte sich nach der Tür, an der sie in ihrem blinden Zorn weder den Marquis noch den Hauptmann, die stummen Beobachter des Auftrittes, stehen sah, »Pille-miche,« rief sie. Und sie deutete auf Fräulein von Verneuil.

»Sie ist mein Beuteanteil, ich schenke sie dir. Du darfst alles mit ihr tun, was du willst!«

Bei dem Worte »alles« erbebte die ganze Gesellschaft. Die hinter dem Marquis auftauchenden scheußlichen Köpfe Marche-à-terres und Pille-miches vollendeten das Bild und ließen die ganze Furchtbarkeit dessen ahnen, was die Feindin der Frau von Gua erwartete.

Francine, die mit gefalteten Händen und mit Tränen in den Augen dagestanden, ward wie vom Donner gerührt. Ihre Herrin aber fand in der Gefahr ihre ganze Geistesgegenwart wieder. Sie warf einen verachtungsvollen Blick auf die Versammelten, entriß Frau von Gua den Brief, den sie noch immer festhielt, hob den Kopf und eilte mit trockenen, aber funkelnden Augen auf die Tür zu, wo Merles Degen liegengeblieben war. Dort stieß sie auf den Marquis, der kalt und reglos wie eine Bildsäule dastand. Nichts sprach für sie in diesem Antlitz, in dem jeder Zug hart und starr war. Das traf sie ins innerste Herz und raubte ihr den Lebenswillen. Der Mann, der ihr soviel Liebe bewiesen, hatte also die Spöttereien gehört, mit denen man sie überschüttet hatte, war der unbewegte Zeuge der Schmach gewesen, die sie erdulden mußte, als die Reize, die eine Frau für die Liebe aufbewahrt, allen Blicken preisgegeben waren. Vielleicht hätte sie ihm seine Mißachtung verziehen, aber daß er sie in einer so schändenden Lage gesehen, empörte sie. Sie warf ihm einen stieren, haßerfüllten Blick zu, denn sie fühlte in ihrem Herzen ein furchtbares Verlangen nach Rache aufsteigen. Doch sie sah den Tod vor sich, und ihre Ohnmacht lähmte sie. In ihrem Kopfe erhob es sich wie ein Wirbel der Raserei, ihr kochendes Blut ließ ihr die Welt wie einen Feuerbrand erscheinen. Und so ergriff sie, anstatt sich selbst zu töten, den Degen, schwang ihn gegen den Marquis und stieß ihn bis an das Stichblatt durch seinen Rock. Aber die Waffe war zwischen Arm und Hüfte durchgeglitten. Der Marquis ergriff das Fräulein am Handgelenk und zog sie aus dem Saal, von Pille-miche unterstützt, der sich in dem Augenblick, als sie den Marquis zu töten suchte, auf die Rasende gestürzt hatte.

Bei diesem Anblick stieß Francine einen durchdringenden Schrei aus.

»Pierre! Pierre! Pierre!« rief sie jammernd.

Und schreiend folgte sie ihrer Herrin.

Der Marquis ließ den Hauptmann und die andern Anwesenden aufs höchste betreten zurück. Auf der Freitreppe angelangt, hielt er noch immer das Handgelenk des Mädchens fest und drückte es wie im Krampfe zusammen, während die nervigen Finger Pille-miches Marie fast den Arm zerbrachen. Doch sie spürte nur die glühend heiße Hand des jungen Mannes, den sie kalten Auges ansah.

»Sie tun mir weh, Herr Marquis!«

Statt aller Antwort blickte er sie einen Augenblick lang an.

»Haben Sie denn auch irgendeine niedrige Rache zu nehmen, wie diese Frau?« sagte sie.

Da gewahrte sie die auf der Streu hingestreckten Leichen und rief schaudernd aus:

»Das Wort eines Edelmannes! Hahaha . . .!«

Nach diesem furchtbaren Lachen setzte sie hinzu: »Welch schöner Tag!«

»Schön, ja,« antwortete er. »Aber ohne ein Morgen!« Er ließ ihre Hand los, nachdem er einen letzten, langen Blick auf das bezaubernde Geschöpf geworfen, das aufzugeben ihm fast unmöglich war. Keiner der beiden stolzen Geister wollte sich beugen. Vielleicht wartete der Marquis auf eine Träne. Die stolzen Augen des jungen Mädchens aber blieben trocken. Da wandte er sich heftig und überließ Pille-miche sein Opfer.

»So bedaure ich denn nicht, zu sterben,« sprach sie.

Pille-miche, den eine so schöne Beute fast verlegen machte, zog sie mit einer von Achtung und Spott untermischten Sanftheit fort.

Der Marquis stieß einen Seufzer aus und kehrte in den Saal zurück. Seinen Gästen erschien er wie ein Toter, dem keine erbarmende Hand die Augen zugedrückt.

*

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