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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Durch das Wagengerassel herbeigelockt, zeigten sich sieben oder acht Leute oben auf der Freitreppe und riefen aus:

»Der Gars! Ja, er ist's!«

Bei diesen Rufen liefen noch andere herbei, deren Gegenwart die Unterhaltung der Liebenden unterbrach. Der Marquis von Montauran eilte hastig auf die Edelleute zu und hieß sie durch einen gebieterischen Wink schweigen. Dann zeigte er auf die Höhe der Straße, von der die Blauen anrückten. Beim Anblick dieser wohlbekannten blauen Uniformen mit den roten Aufschlägen und der funkelnden Bajonette riefen die erstaunten Verschwörer:

»Sind Sie denn gekommen, uns zu verraten?«

»Dann würde ich Sie doch nicht auf die Gefahr hinweisen!« antwortete der Marquis bitter lächelnd.

»Die Blauen«, fuhr er fort, »bilden das Geleit dieser jungen Dame, deren Edelmut uns wunderbar aus einer Gefahr errettet hat, die uns im Gasthofe zu Alençon das Leben gekostet hätte. Wir erzählen später von diesem Abenteuer. Das gnädige Fräulein und ihre Eskorte sind auf mein Wort hier und müssen als Freunde empfangen werden.«

Als Frau von Gua und Francine an der Treppe angelangt waren, bot der Marquis Fräulein von Verneuil galant den Arm. Die Gruppe der Edelleute teilte sich in zwei Reihen, um sie durchzulassen. Alle suchten die Züge der Unbekannten zu erhaschen, denn Frau von Gua hatte ihre Neugier schon lebhaft erregt, indem sie ihnen heimlich Zeichen machte.

Fräulein von Verneuil erblickte in dem ersten Saale eine große vornehm gedeckte Tafel für etwa zwanzig Gäste. Dieser Speisesaal stieß an einen großen Salon, wo sich die Gesellschaft alsbald versammelte. Beide Räume stimmten zu dem Bilde der Zerstörung, wie es das Äußere des Schlosses bot. Die Täfelung, die von poliertem Nußbaumholz, aber von plumper, grober Form war, vorspringend und schlecht gearbeitet, war zerbrochen und drohte zu zerfallen. Ihre dunkle Farbe erhöhte noch die Traurigkeit dieser vorhang- und spiegellosen Säle, in denen ein paar Jahrhunderte alte morsche Möbelstücke im Einklang zu der Trümmerhaftigkeit des Ganzen standen. Auf einem großen Tische sah Fräulein von Verneuil Landkarten und aufgerollte Pläne, in den Ecken des Zimmers Waffen und Haufen von Karabinern. Alles zeugte von einer wichtigen Konferenz zwischen den Befehlshabern der Chouans und denen der Vendéer.

Der Marquis führte Fräulein von Verneuil zu einem riesigen wurmstichigen Lehnstuhl am Kamin, und Francine begab sich in die Nähe ihrer Herrin und stützte sich auf die Rücklehne dieses alten Möbelstücks.

»Sie erlauben mir wohl, daß ich für einen Augenblick den Hausherrn spiele,« sagte der Marquis, bevor er die beiden Fremden verließ, um sich unter die von seinen Gästen gebildeten Gruppen zu mischen. Francine sah, wie alle Befehlshaber auf Anweisung des Herrn von Montauran sich beeilten, ihre Waffen zu verbergen, ebenso wie die Karten und alles andere, was den Argwohn der republikanischen Offiziere erregen konnte. Einige entledigten sich der breiten Ledergürtel, in denen Pistolen und Weidmesser steckten. Der Marquis befahl ihnen größte Verschwiegenheit an und ging dann hinaus, mit der Erklärung, er müsse für die Unterkunft der unerwünschten Gäste sorgen, die der Zufall ihm beschert hatte.

Fräulein von Verneuil, die ihre Füße an das Kaminfeuer hielt und sie zu wärmen suchte, ließ den Marquis aus dem Zimmer gehen, ohne den Kopf zu wenden, und täuschte so die Erwartung der Anwesenden, die sie alle zu sehen wünschten. So ward denn Francine allein Zeugin der Veränderung, die die Abwesenheit des jungen Anführers unter den Versammelten hervorbrachte. Die Edelleute gruppierten sich um Frau von Gua, und während der nun folgenden leisen Unterredung, die sie mit ihnen hielt, war nicht einer, der sich nicht wiederholt nach den beiden Fremden umgesehen hätte.

»Sie kennen Montauran!« sagte sie zu ihnen. »Er hat sich im Handumdrehen in dieses Mädchen vernarrt, und so begreifen Sie wohl, daß auch die besten Ratschläge aus meinem Munde ihm verdächtig erschienen. Alle Freunde, die wir im Ministerium besitzen, haben ihn vor der Falle gewarnt, die man ihm stellen will, indem man ihm ein Frauenzimmer auf den Hals jagt, und er läßt sich gleich von dem ersten besten hereinlegen, das ihm begegnet, von einem Mädchen, das sich, nach meinen Erkundigungen, eines großen Namens bemächtigt hat, um ihn zu beschmutzen, das . . .« Und so ging es immer weiter fort.

Diese Frau, in der man die Dame wiedererkannt haben mag, die den Überfall auf die Turgotine bestimmte, wird von nun ab in dieser Geschichte den Namen beibehalten, dessen sie sich bediente, um auf ihrer Fahrt durch Alençon den ihr drohenden Gefahren zu entgehen. Die Bekanntgabe ihres wahren Namens würde nur eine edle Familie kränken, die schon genug Kummer erlebt hat durch die Verirrungen dieser jungen Dame, über deren Ende die zeitgenössische Geschichte noch nicht einmal mit Bestimmtheit unterrichtet ist.

Bald wurde die neugierige Haltung, die die Gesellschaft annahm, unverschämt, ja feindselig. Einige harte Worte drangen an das Ohr Francines, die sich, nachdem sie Fräulein von Verneuil ein paar Worte zugeflüstert, in einen Fensterbogen flüchtete. Ihre Herrin erhob sich, wandte sich nach der Gruppe ihrer Beleidiger um und warf ihr einige Blicke voller Würde und Verachtung zu. Ihre Schönheit, die Vornehmheit ihres Auftretens, ihr Stolz änderten plötzlich die Stimmung ihrer Feinde und entlockten ihnen ein schmeichelhaftes Gemurmel. Zwei oder drei Herren, deren Äußeres die Höflichkeit und Ritterlichkeit verriet, zu denen das Hofleben erzieht, näherten sich ihr mit Anstand. Mariens edles Benehmen nötigte ihnen Achtung ab, keiner von ihnen wagte, sie anzureden, und statt sie anzuklagen, schienen sie sich nunmehr willig ihrem Urteil zu unterwerfen.

Die Anführer dieses für Gott und den König eingegangenen Krieges glichen recht wenig den Phantasiebildern, die sie sich mit Vorliebe von ihnen gemacht. Dieser wirklich große Kampf verlor in ihren Augen und nahm dürftige Ausmaße an, als sie diese Provinzedelleute betrachtete, die, bis auf wenige kräftige Gestalten, jedes Ausdrucks, jedes Lebens entbehrten. Sie fiel aus der Poesie plötzlich in die Wirklichkeit zurück. Die Gesichter vor ihr schienen auf den ersten Blick viel eher Ränkeschmieden als Helden zu gehören; und es war auch in der Tat Eigennutz, was ihnen die Waffen in die Hand gedrückt hatte; aber im Kampfe wurden sie heroisch und zeigten sich erst dann in ihrer wahren Gestalt. Das Schwinden ihrer Illusionen machte Fräulein von Verneuil ungerecht und hinderte sie, die wahre Hingabe zu erkennen, die einigen unter diesen Männern besondern Wert verlieh. Die meisten von ihnen erhoben sich indes nicht über den Durchschnitt. Sofern sich einige originelle Köpfe vor den andern auszeichneten, so machten Formenwesen und höfische Etikette sie bald wieder den übrigen gleich. Und wenn sie ihnen auch im allgemeinen Adel und Geist zugestand, stellte sie dafür das völlige Fehlen jener Einfachheit und Großartigkeit fest, an die sie durch die Siege der Republik und deren Männer gewöhnt war. Sie brachte sie zum Lächeln, diese nächtliche Versammlung in dem alten baufälligen Schlosse mit seinem krummen und schiefen Zierat, zu dem diese Gestalten nicht übel paßten. Sie wollte darin ein Sinnbild der Monarchie erblicken. Und voller Entzücken dachte sie daran, daß Montauran wenigstens die erste Rolle unter diesen Leuten spielte, deren einziges Verdienst in ihren Augen darin bestand, daß sie sich an eine verlorene Sache hingaben. Sie hielt das Bild ihres Geliebten gegen diese Masse, gefiel sich darin, es aus ihr hervorzuheben, und sah bald in den mageren, langen Gestalten nur noch die Werkzeuge seiner edlen Absichten.

In diesem Augenblick hallten die Schritte des Marquis durch den anstoßenden Saal. Die Gäste teilten sich plötzlich in mehrere Gruppen, und das Geflüster hörte auf. Wie Schüler, die während der Abwesenheit ihres Lehrers einen Streich ausgeheckt haben, bemühten sie sich, Ordnung und Ruhe vorzutäuschen. Herr von Montauran trat ein, und Fräulein von Verneuil hatte nun die Freude, ihn unter all diesen Leuten zu bewundern, von denen er der Jüngste, der Schönste, der Erste war. Wie ein König ging er von Gruppe zu Gruppe, teilte hier ein leichtes Kopfnicken, einen Händedruck, dort einen Blick, ein Wort der Billigung oder des Vorwurfs aus und spielte seine Rolle als Führer mit einer Anmut und Gewandtheit, wie man sie kaum in diesem jungen Menschen vermuten konnte, den sie eben noch der Unbesonnenheit beschuldigt hatte.

Die Gegenwart des Marquis setzte der Neugier ein Ziel, die sich auf Fräulein von Verneuil gerichtet hatte. Bald jedoch zeigte sich die Wirkung der Bosheit ihrer Feindin. Ein junger Adeliger, der durch sein ungestümes Benehmen auffiel, und der vor allen Anwesenden, sei es durch seinen Namen, sei es durch seinen Rang, befugt schien, vertraulich mit Herrn von Montauran zu reden, faßte ihn am Arme und zog ihn in eine Ecke.

»Höre, mein lieber Marquis,« sagte er zu ihm, »wir alle sehen dich mit Kummer eine Riesendummheit begehen.«

»Was willst du damit sagen?«

»Weißt du denn, woher dieses Mädchen kommt, wer sie wirklich ist, und was für Absichten sie gegen dich hat?«

»Mein Lieber, unter uns gesagt, wird meine Grille morgen früh schon verflogen sein.«

»Schön. Aber wenn sie dich noch vor Tagesanbruch verrät?«

»Diese Frage beantworte ich dir, sobald du mir gesagt hast, warum sie es bis jetzt noch nicht getan hat,« versetzte Montauran und steckte zum Scherz eine eitle Miene auf.

»Nun, wenn du ihr gefällst, wird sie dich vielleicht erst verraten wollen, nachdem ihre eigenen Wünsche verflogen sind.«

»Mein Lieber, sieh dir dieses reizende Geschöpf an, beobachte ihr Auftreten, und dann wage zu sagen, daß sie keine vornehme Dame sei! Wenn sie einen freundlichen Blick für dich übrig hätte, würdest du zweifellos alsbald finden, daß sie höchst achtenswert sei. Eine andere Frau hat euch schon gegen sie aufgestachelt. Wenn sie aber trotz allem, was wir soeben gesprochen haben, eines von diesen verlorenen Geschöpfen sein sollte, von denen unsere Freunde uns gesagt haben, so würde ich sie töten . . .«

»Halten Sie denn«, fiel Frau von Gua ein, »Fouché für dumm genug, Ihnen ein von der Straße aufgelesenes Mädchen zu schicken? O nein, er hat die Versuchung Ihrer Person recht wohl angepaßt! Wenn Sie aber selbst blind sind, so werden dafür Ihre Freunde über Sie zu wachen wissen.«

»Gnädige Frau,« erwiderte der Marquis mit zornigen Blicken, »denken Sie nicht daran, etwas gegen die Dame oder ihre Eskorte zu unternehmen! Sonst würde nichts Sie vor meiner Rache schützen. Ich wünsche, daß das Fräulein mit der größten Zuvorkommenheit, und wie eine zu mir gehörige Dame behandelt werde: denn wir sind, soviel ich weiß, mit den Verneuil verwandt.«

Der Widerstand, auf den der Marquis stieß, tat die bei jungen Leuten, denen solche Hindernisse begegnen, übliche Wirkung. Obgleich er allem Anschein nach Fräulein von Verneuil sehr leichthin behandelt und vorgegeben hatte, seine Leidenschaft für sie sei nichts als eine Laune, hatte er nun in einer Regung des Stolzes eine weite Strecke durchmessen. Indem er sich zu dieser Frau bekannte, wurde es ihm zu einer Ehrensache, daß man ihr achtungsvoll begegne; und so ging er von Gruppe zu Gruppe, um, ein Mann, dem gegenüber jeder Widerstand gefährlich gewesen wäre, zu versichern, daß die Unbekannte wirklich Fräulein von Verneuil sei, worauf die Unruhe sich alsbald beschwichtigte.

Als Herr von Montauran eine Art Eintracht geschaffen und seinen Pflichten genügt hatte, näherte er sich der Geliebten rasch und flüsterte ihr zu:

»Diese Menschen haben mich um eine glückliche Minute gebracht.«

»Ich freue mich sehr, Sie bei mir zu haben,« erwiderte sie lachend. »Erfahren Sie hiermit, daß ich neugierig bin. Hoffentlich ermüden meine Fragen Sie nicht. Zunächst sagen Sie mir, wer dieser ziemlich gut aussehende junge Mann in der grünen Weste ist, mit dem Sie vorhin geplaudert haben.«

»Der Chevalier von Renty, der jüngste Sohn seiner Familie. Er hat große Passionen und kleine Einkünfte. Als die Revolution ausbrach, steckte er bis an den Hals in Schulden.«

»Abgezwungene Aufopferung also!« sagte Fräulein von Verneuil. »Aber wer ist der dicke Geistliche mit dem geröteten Gesicht, mit dem er sich eben jetzt über mich unterhält?«

»Wissen Sie denn, was sie sprechen?«

»Als ob ich es wissen wollte!«

»Ich könnte es Ihnen auch nicht sagen, ohne Sie zu beleidigen.«

»Nun dann: in dem Augenblick, wo Sie mich beleidigen lassen, ohne Rache dafür zu nehmen, daß ich in Ihrem Hause beschimpft werde, trennen sich unsere Wege, Herr Marquis! Keine Minute länger bleibe ich hier! Ich mache mir sowieso schon Gewissensbisse, daß ich diese armen, redlichen und vertrauensvollen Republikaner täusche.«

Sie tat ein paar Schritte, und der Marquis folgte ihr.

»Hören Sie mich an, meine liebe Marie! Auf mein Ehrenwort, ich habe alle Verleumdungen zum Schweigen gebracht, noch ehe ich wußte, ob es Verleumdungen waren. Wenn aber die Freunde, die wir in den Ministerien zu Paris haben, mich gerade soeben in Kenntnis gesetzt haben, daß ich jedweder Frau zu mißtrauen habe, die ich unterwegs träfe, weil Fouché eine Judith der Straße gegen mich aussenden wolle, so ist es meinen besten Freunden doch wohl erlaubt, zu denken, daß Sie zu schön sind, um eine ehrsame Frau zu sein . . .«

Beim Sprechen tauchte der Marquis seinen Blick in die Augen des Fräuleins von Verneuil, die errötete und die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten konnte.

»Ich habe diese Schmähungen verdient; Sie haben recht,« sagte sie. »Ich möchte Sie davon überzeugen, daß ich ein elendes Geschöpf bin, und mich doch geliebt wissen . . . dann würde ich nicht mehr an Ihnen zweifeln. Ich habe Ihnen geglaubt, als Sie mich täuschten, und Sie glauben mir nicht einmal, wenn ich die Wahrheit rede. Doch lassen wir es dabei bewenden,« schloß sie stirnrunzelnd und erblaßte, als wolle sie sterben. »Leben Sie wohl.«

Und sie stürzte voller Verzweiflung nach der Türe.

»Marie, mein Leben gehört Ihnen!«

Sie blieb stehen, sah ihn an.

»Nein, nein,« sagte sie, »ich will mutig sein. Leben Sie wohl. Ich dachte, als ich Ihnen folgte, weder an Vergangenheit noch an Zukunft. Ich war wahnsinnig.«

»Wie, Sie verlassen mich in dem Augenblick, da ich Ihnen mein Leben biete?«

»Es ist ja nur ein Augenblick der Leidenschaft, des Begehrens!«

»Ohne Reue und auf immer!«

Sie kam zurück.

Um seine Bewegung zu verbergen, setzte der Marquis das vorher begonnene Gespräch fort.

»Der Dicke, nach dessen Namen Sie mich fragten, ist ein furchtbarer Mann, der Abbé Gudin, einer von diesen Jesuiten, die hartnäckig, vielleicht auch aufopfernd genug sind, trotz des Bann-Edikts von 1763 in Frankreich zu bleiben. Er ist der Schürer des Krieges in diesen Gegenden und der Verbreiter der Religionsgemeinschaft von Sacré Cœur. Er ist's gewohnt, sich der Religion als eines Werkzeugs zu bedienen, überzeugt seine Affiliierten davon, daß sie auferstehen werden, und versteht es, ihren Fanatismus durch geschickte Predigten zu nähren. Sie sehen, man muß die besonderen Interessen eines jeden benutzen, um einen großen Zweck zu erreichen! Das ist das ganze Geheimnis der Politik.«

»Und dort der frischaussehende, kräftige Greis mit dem abstoßenden Gesicht? Sehen Sie, da, der Mann, der in die Fetzen eines Advokatenrockes gekleidet ist?«

»Advokat? er macht Anspruch auf den Titel eines Feldmarschalls. Haben Sie nicht von Longuy reden hören?«

»Der sollte es sein?« sagte Fräulein von Verneuil erschreckt. »Solcher Menschen bedienen Sie sich!«

»Still, er kann Sie hören. Sehen Sie diesen anderen, der eben mit Frau von Gua eine strafwürdige Unterredung führt . . .?«

»Diesen Menschen mit zerrissener Weste, der alle Finger seiner rechten Hand spreizt wie ein Bauer?« fiel Fräulein von Verneuil lachend ein.

»Sie beobachten wahrhaftig scharf. Es ist ein früherer Schmuggler.«

»Und der neben ihm, der gerade seine Tonpfeife stopft?«

»Das ist der ehemalige Jagdaufseher des seligen Gatten dieser Dame. Er befehligt eine der Kompagnien, die ich den mobilen Bataillonen entgegenwerfe. Vielleicht ist es der verlässigste Diener, den der König hier hat.«

»Und sie, wer ist sie?«

»Sie«, versetzte der Marquis, »ist die letzte Geliebte, die Charette gehabt hat. Sie hat großen Einfluß auf all diese Leute.«

»Ist sie ihm treu geblieben?«

Der Marquis machte eine etwas zweifelhafte Miene.

»Schätzen Sie sie?«

»Sie sind in der Tat sehr neugierig.«

»Sie ist meine Feindin, weil sie nicht meine Nebenbuhlerin sein kann,« sagte Fräulein von Verneuil lachend. »Ich verzeihe ihr ihre vergangenen Sünden, wenn sie mir meine verzeiht. Und dieser Offizier mit dem Schnurrbart?«

»Erlauben Sie, daß ich seinen Namen verschweige. Er will den Ersten Konsul durch Mord aus der Welt räumen. Ob es ihm nun gelingt oder nicht, Sie werden ihn kennenlernen, denn er wird berühmt werden.«

»Und Sie sind gekommen, um den Befehl über solche Menschen zu führen!« sagte sie schaudernd. »Das sind die Verteidiger des Königs! Wo sind denn die Edelleute und hohen Herren?«

»Die«, sprach der Marquis stolz, »sind ja über alle Höfe Europas verstreut. Sie sind es, die die Könige, ihre Kabinette und Armeen für die Bourbonen gewinnen und sie auf diese Republik werfen, die allen Monarchien den Tod ansagt und die öffentliche Ordnung mit gänzlicher Vernichtung bedroht.«

»Ach,« versetzte sie in edler Aufwallung, »seien Sie von nun an die reine Quelle, aus der ich die Ideen schöpfe, die ich mir noch aneignen muß! Das will ich gern. Aber lassen Sie mir den Glauben, daß Sie der einzige Edelmann sind, der seine Pflicht tut, indem er Frankreich durch Franzosen angreift und nicht mit der Hilfe des Auslandes. Ich bin eine Frau, und ich fühle, daß ich meinem Kinde verzeihen könnte, wenn es mich im Zorn schlüge; wenn es aber kaltblütig zusähe, wie ein Fremder mich zerreißt, würde ich es für ein Ungeheuer halten.«

»Sie werden immer Republikanerin bleiben,« sagte der Marquis, den die edlen Worte, die seine Mutmaßungen bestätigten, in einen köstlichen Rausch versetzt hatten.

»Republikanerin? Nein, das bin ich nicht mehr. Ich würde Sie nicht schätzen, wenn Sie sich dem Ersten Konsul unterwürfen. Aber ebensowenig möchte ich Sie an der Spitze von Leuten sehen, die einen Teil von Frankreich ausrauben, anstatt die ganze Republik anzugreifen. Für wen schlagen Sie sich? Was erwarten Sie sich von einem König, dem Ihre Hände wieder zum Thron verholfen haben? Dieses Meisterstück hat schon einmal eine Frau unternommen, und der befreite König hat sie dafür lebendigen Leibes verbrennen lassen. Könige sind ja die Gesalbten Gottes, und geweihte Dinge zu berühren, ist gefährlich. Überlassen Sie es Gott allein, sie einzusetzen, sie abzusetzen und wieder einzusetzen auf ihren Purpursitz. Wenn Sie den Lohn bedacht haben, der Ihnen zuteil werden wird, so sind Sie in meinen Augen noch zehnmal größer, als Sie mir schienen. Treten Sie mich dann ruhig unter Ihre Füße, wenn Sie wollen, Sie dürfen es, ich werde glücklich darüber sein.«

»Sie sind entzückend! Nehmen Sie diese Herren nur ja nicht in Ihre Schule, sonst stehe ich ohne Soldaten da.«

»Ach, wenn Sie mir erlauben wollten, Sie zu bekehren, würden wir tausend Meilen von hier fortgehen.«

»Diese Männer, die Sie zu verachten scheinen, wissen im Kampfe zu sterben,« erwiderte der Marquis in ernsterem Ton, »und das läßt all ihre Fehler vergessen. Und im übrigen, werden die Lorbeeren des Triumphs nicht alles zudecken, wenn meinen Anstrengungen Erfolg beschieden ist?«

»Sie sind hier der einzige, den ich etwas wagen sehe.«

»Ich bin nicht der einzige,« entgegnete er voll echter Bescheidenheit. »Dort sind zwei neue Anführer aus der Vendée. Und dies da ist der Marquis von P., der Unterhändler Englands; ich halte ihn für ehrlich.«

»Vergessen Sie denn Quiberon? Ach, Sie machen mich schaudern! Herr Marquis,« fuhr sie fort, und ihr Ton schien zu verraten, daß sie etwas verschwieg, was nur sie allein wußte, »ein Augenblick genügt, um eine Täuschung zu zerstören und Geheimnisse zu enthüllen, von denen Leben und Glück vieler Menschen abhängen.«

Sie hielt inne, als fürchtete sie zuviel zu sagen, und setzte dann hinzu: »Ich möchte die republikanischen Soldaten in Sicherheit wissen.«

»Ich werde vorsichtig sein,« sagte er und lächelte, um seine Bewegung zu verbergen, »aber sprechen Sie nun nicht mehr von Ihren Soldaten mit mir, denn ich habe Ihnen mein Manneswort für sie verpfändet.«

»Aber abgesehen von allem, welches Recht hätte ich denn, Sie zu leiten? Seien Sie nur immer der Herr. Habe ich Ihnen denn nicht gesagt, daß es mich zur Verzweiflung bringen würde, über einen Sklaven zu herrschen?«

»Herr Marquis,« unterbrach der Jagdaufseher ehrerbietig das Gespräch, »werden die Blauen lange hier bleiben?«

»Sie ziehen ab, sobald sie ausgeruht sind,« rief Fräulein von Verneuil.

Der Marquis warf forschende Blicke auf die Gesellschaft, bemerkte, daß etwas vorging, und verließ Fräulein von Verneuil. Frau von Gua vertrat seine Stelle. Sie zeigte eine lachende, heuchlerische Miene und ließ sich durch das bittere Lächeln des jungen Mannes durchaus nicht aus der Fassung bringen.

Plötzlich stieß Francine einen Schrei aus, den sie jedoch rasch unterdrückte. Erstaunt gewahrte ihre Herrin, wie sie nach dem Speisesaal eilte und verschwand. Sie wandte sich zu Frau von Gua, und ihr Erstaunen ward noch größer, als sie sah, wie das Gesicht ihrer Feindin sich mit Blässe überzog. Begierig zu erfahren, was der Grund dieses plötzlichen Hinausstürzens sein mochte, trat sie in eine Fensterwölbung. Ihre Nebenbuhlerin folgte ihr, um den Argwohn zu verscheuchen, dessen Grund eine Unvorsichtigkeit sein mochte.

Frau von Gua lächelte mit unerklärbarer, schwer zu deutender Bosheit, als sie zusammen an den Kamin zurückkehrten, nachdem sie beide einen Blick nach dem Teich hinuntergeworfen – Fräulein von Verneuil, ohne etwas gesehen zu haben, was Francines Flucht gerechtfertigt hätte, Frau von Gua zufrieden, weil ihr Befehl vollstreckt wurde. Der See, an dessen Ufer Marche-à-terre auf den Wink dieser Frau im Hofe erschienen war, stieß an den Graben, der die Gärten schützend umzog, indem er Krümmungen bildete, die bald breit wie Teiche, bald schmal wie die künstlichen Bäche in einem Park waren. Das jäh abfallende Ufer, das seine klaren Wasser umspülten, war ungefähr zwanzig Klafter von dem Fenster entfernt. Francine hatte sich damit unterhalten, auf dem Wasserspiegel die schwarzen Linien zu betrachten, die die Kronen der Lärchen und alten Weiden hineinzeichneten, und sorglos die gleichförmige Neigung beobachtet, in die ein leichter Wind ihr Zweigwerk versetzte. Da glaubte sie plötzlich zu sehen, wie eine dieser Baumgestalten sich auf dem Wasserspiegel mit einer heftigen, ruckweisen Bewegung rührte, die Leben verriet. Und diese Gestalt, so undeutlich sie war, schien die eines Mannes zu sein. Zunächst schrieb das Mädchen die Erscheinung den unvollkommenen Bildungen zu, die das Mondlicht zwischen den Bäumen erzeugte. Aber bald zeigte sich ein zweiter Kopf. Dann erschienen, in der Ferne noch andere. Das niedrige Strauchwerk des Ufers bog sich und schnellte heftig wieder empor. Und nun sah Francine, wie die ganze lange Hecke sich unmerklich bewegte, gleich einer jener großen, märchenhaft gewundenen indischen Schlangen. Da und dort in Ginster und Dorngestrüpp blitzten leuchtende Punkte auf und bewegten sich von der Stelle. Francine spannte nun ihre Aufmerksamkeit noch mehr an, und bald schien es ihr, als unterscheide sie deutlich die zuerst aufgetauchte von den schwarzen Gestalten, die die Tiefe des Ufers belebten. Wie undeutlich die Umrisse des Mannes auch waren, sagte ihr Herz ihr doch mit Bestimmtheit, daß sie Marche-à-terre vor sich habe. Eine Gebärde brachte ihr volle Gewißheit. Und so stürzte sie denn, voller Angst, daß dieser geheimnisvolle Aufbruch eine Tücke berge, nach dem Hof hinunter und sah, auf dem grünen Unkrautteppich stehend, abwechselnd auf die beiden Flügel des Gebäudes und die beiden Ufer, ohne jedoch auf dem vor den Fenstern des Saales liegenden noch eine Spur von der leisen Bewegung wahrzunehmen, die sie eben so erschreckt hatte. Sie versuchte daher, etwas zu erlauschen; und nicht lange, so hörte sie auch ein leichtes Rascheln, etwa wie ein Raubtier es in der Stille des Waldes erregt. Sie fuhr zusammen, erzitterte aber nicht. Trotz ihrer Jugend und Unschuld gab ihr die Neugier alsbald eine List ein. Sie bemerkte die Kalesche, lief rasch hin, kauerte sich darin nieder und hob den Kopf nur noch mit der Vorsichtigkeit des Hasen, der von weitem Jagdlärm hört. Jetzt sah sie Pille-miche aus dem Pferdestall kommen. Ihn begleiteten zwei Bauern; alle drei hielten sie Strohbündel in der Hand. Sie breiteten sie derart aus, daß sie ein langes Streulager vor dem unbewohnten Flügel bildeten, der dem Buschwerk des Uferrandes gegenüber lag, in welchem die Chouans sich so leise hin und her bewegten, daß Francine daraus auf die Vorbereitung zu einer furchtbaren Tat schloß.

»Du schüttest ihnen ja Streu auf, als sollten sie wirklich da schlafen. Genug, Pille-miche, genug,« sagte eine dumpfe, heisere Stimme, die Francine kannte.

»Sollen sie etwa nicht hier schlafen?« erwiderte der Angeredete mit einem groben Lachen. »Aber meinst du nicht, daß der Gars sich erzürnen wird?« setzte er so leise hinzu, daß Francine es nicht hören konnte.

»Nun gut, so soll er sich erzürnen!« antwortete Marche-à-terre halblaut. »Aber die Blauen sind wir dann los, das ist die Hauptsache. Da steht ein Wagen,« fuhr er fort, »den wir zusammen hineinschaffen müssen.«

Pille-miche faßte die Kalesche an der Deichsel, und Marche-à-terre stieß sie von hinten mit solcher Geschwindigkeit vorwärts, daß Francine sich im Schuppen befand und in Gefahr, eingeschlossen zu werden, ehe sie Zeit hatte, sich zu besinnen. Pille-miche entfernte sich, um das Faß Obstwein herbeischaffen zu helfen, das nach dem Befehle des Marquis an die Blauen verteilt werden sollte, und Marche-à-terre ging an der Kutsche vorbei, um ebenfalls den Schuppen zu verlassen und ihn abzuschließen, als er sich von einer Hand gefaßt und an den langen Haaren seines Ziegenfells zurückgehalten fühlte. Er sah in Augen, deren Sanftheit eine magnetische Gewalt auf ihn ausübte, und blieb einen Augenblick wie verzaubert stehen.

Hurtig sprang Francine aus dem Wagen und sagte mit der angriffslustigen Stimme, die einer erregten Frau so wunderbar anstehen kann: »Pierre, was für Nachrichten hast du unterwegs dieser Dame und ihrem Sohn überbracht? Was geht hier vor? Warum verbirgst du dich? Ich will alles wissen!«

Diese Worte riefen auf dem Gesicht des Chouans einen Ausdruck hervor, den Francine nicht an ihm kannte. Er führte die Geliebte auf die Schwelle des Tors, drehte sie gegen das weißliche Mondlicht und antwortete ihr mit einem furchtbaren Blick:

»Ja, bei meiner Verdammnis! Ich will es dir sagen, Francine, aber erst, nachdem du mir« – hier zog er einen abgenutzten Rosenkranz aus seinem Ziegenfell – »bei diesem Rosenkranz geschworen hast, mir eine einzige Frage wahrhaftig zu beantworten.«

Als Francine den Rosenkranz erblickte, ohne Zweifel ein Pfand ihrer Liebe, errötete sie.

»Hierauf«, fuhr der Chouan ganz gerührt fort, »hast du geschworen . . .«

Er redete nicht zu Ende. Das Mädchen legte die Hand auf die Lippen ihres wilden Liebsten, um ihm Schweigen zu gebieten.

»Ist es denn nötig, daß ich schwöre?«

Er faßte sie zart bei der Hand, blickte sie einen Augenblick an und gab zurück:

»Heißt das Fräulein, dem du dienst, wirklich de Verneuil?«

Francine blieb mit herabhängenden Armen, gesenkten Lidern, gebeugtem Kopfe stehen, bleich und sprachlos.

»Eine Hure ist es!« sprach der Chouan mit seiner schrecklichen Stimme.

Bei diesem Wort bedeckte die niedliche Hand von neuem seinen Mund, diesmal aber trat er heftig zurück. Die kleine Bretonin sah nicht mehr den Geliebten, sondern nur noch ein wildes Tier in seiner ganzen Furchtbarkeit. Die Brauen des Chouans waren heftig zusammengezogen, seine Lippen preßten sich fest aufeinander, und er zeigte die Zähne wie ein Hund, der seinen Herrn verteidigt.

»Ich habe dich als Blume verlassen und finde dich als Mist wieder! Ach, warum habe ich dich allein gelassen! Ihr kommt, uns zu verraten, den Gars auszuliefern.«

Er brüllte mehr, als er sprach. Obwohl Francine bei der letzten Anschuldigung von Angst erfaßt wurde, wagte sie doch das grimme Gesicht zu betrachten, hob ihre Engelsaugen zu ihm auf und antwortete ruhig:

»Ich verpfände meine Seligkeit dafür, daß das nicht wahr ist! Das sind die Einbildungen deiner Dame.«

Nun war es an ihm, den Kopf zu senken. Da faßte sie ihn bei der Hand, wandte sich ihm mit einer allerliebsten Bewegung zu und sagte:

»Pierre, warum denn nur all dieses? Höre, ich verstehe nicht, wie du irgend etwas hiervon begreifen kannst, denn ich begreife nichts! Aber denk daran, daß das schöne, edle Fräulein ein frommes Mädchen und meine Wohltäterin ist. So ist sie auch die deine. Wir leben fast wie zwei Schwestern miteinander. Es darf ihr niemals etwas Böses geschehen, wenn wir in ihrer Nähe sind, wenigstens, solange wir leben. Schwöre mir das! Nur zu dir habe ich Vertrauen.«

»Ich habe hier nicht zu befehlen,« entgegnete der Chouan bekümmert.

Sein Gesicht verfinsterte sich. Da nahm sie ihn bei seinen langen Hängeohren und drehte sie sanft herum, so wie man eine Katze hätschelt.

»Dann versprich mir wenigstens,« sagte sie, da sie ihn weniger streng sah, »zur Sicherheit meiner Herrin alles aufzubieten, was in deiner Macht steht.«

Er schüttelte den Kopf, als ob er an dem Erfolg zweifelte, und seine Gebärde ließ Francine erzittern.

In diesem kritischen Augenblick war die Eskorte auf der Landstraße angelangt. Die Tritte der Soldaten und das Klirren ihrer Waffen weckten das Echo im Hofe und schienen der Unschlüssigkeit Marche-à-terres ein Ende zu bereiten.

»Vielleicht kann ich sie retten,« sagte er zu seiner Geliebten, »wenn du dafür sorgst, daß sie im Haus drin bleibt. Und«, setzte er hinzu, »bleibe bei ihr und wahre das tiefste Stillschweigen. Sonst – nix!«

»Ich verspreche es dir,« erwiderte sie in ihrer Angst.

»Also! Dann geh hinein, geh augenblicks hinein und zeige deine Furcht nicht einmal deiner Herrin.«

»Ja.«

Sie drückte dem Chouan die Hand, und er sah ihr mit väterlicher Miene nach, wie sie mit vogelartiger Leichtigkeit auf die Freitreppe zueilte. Dann drückte er sich in sein Gebüsch, wie ein Schauspieler, der sich beim Aufgehen des Vorhangs schnell in die Kulisse zurückzieht.

*

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