Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20070819
modified20180223
projectid69ac2388
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel

»Nun sind wir schon getrennt!« sprach Fräulein von Verneuil zu sich. »Und doch hat niemand aus meiner Umgebung gesprochen. Sollte etwa Corentin . . .? Er hat kein Interesse daran. Wer mag nur als Ankläger gegen mich aufgetreten sein? Kaum geliebt, sehe ich mich wieder entsetzlich allein gelassen. Ich säe Liebe und ernte Verachtung. Wird es denn mein stetes Los bleiben, das Glück immer zu sehen und es immer wieder zu verlieren?«

In ihrem Herzen fühlte sie ungekannte Qualen, denn sie liebte wirklich und zum ersten Male. Indes hatte sie sich doch noch nicht so völlig selbst aufgegeben, um nicht in dem einer jungen, schönen Frau natürlichen Stolz ein Hilfsmittel gegen ihren Schmerz zu finden. Das Geständnis ihrer Liebe, dieses so oft unter Qualen bewahrte Geheimnis, war ihr nicht entschlüpft. So richtete sie sich denn auf, schüttelte lustig den Kopf und zeigte eine lachende Miene oder vielmehr Maske, beschämt darüber, durch ihren stummen Schmerz das Maß ihrer Leidenschaft verraten zu haben. Auch ihre Stimme beherrschte sie, um ihre Bewegung zu verbergen.

»Wo sind wir?« fragte sie den Hauptmann, der sich immer in einiger Entfernung von dem Wagen hielt.

»Drei und eine halbe Meile vor Fougères, gnädiges Fräulein.«

»Also sind wir bald dort?« erwiderte sie, um ihn zur Anknüpfung einer Unterhaltung zu ermutigen, womit sie dem jungen Hauptmann einen Beweis ihrer Achtung geben wollte.

»Es sind keine starken Meilen,« antwortete Merle erfreut, »nur ziehen sie sich in diesem Lande endlos hin. Von der Höhe des Abhanges, den Sie jetzt hinauffahren, werden Sie ein dem eben verlassenen ähnliches Tal erblicken, und dann können Sie auch den Gipfel der Pellerine sehen. Gebe Gott, daß die Chouans sich nicht vorgenommen haben, dort Rache zu nehmen! Nun, jedenfalls werden Sie verstehen, daß man bei dem steten Auf- und Absteigen nicht vorwärts kommt. Von der Pellerine sehen Sie dann auch noch . . .«

Bei diesem Worte fuhr der Unbekannte zum zweitenmal zusammen, jedoch so leicht, daß niemand außer Fräulein von Verneuil es bemerkte.

»Was ist denn eigentlich diese Pellerine?« unterbrach sie lebhaft den in seine bretonische Topographie vertieften Hauptmann.

»Die Pellerine ist der Gipfel eines Berges, von dem ein im Département Maine gelegenes Tal seinen Namen führt. Wir werden bald in dieses Tal kommen; es scheidet diese Provinz vom Couësnontale, an dessen Ende Fougères liegt, die erste bretonische Stadt. Ende Vendémiaire haben wir uns dort mit dem Gars und seinen Strauchdieben geschlagen. Wir hatten Rekruten mitgenommen, und sie wollten uns an der Grenze töten, um ihr Land nicht verlassen zu müssen. Aber Hulot machte nicht viel Federlesens und hat sie . . .«

»Dann haben Sie den Gars ja gesehen?« fragte sie. »Was für ein Mensch ist er?«

Ihre durchbohrenden Augen ruhten boshaft auf dem Gesicht des Marquis.

»Ach, gnädiges Fräulein,« versetzte der zum zweiten Male unterbrochene Merle, »er ähnelt dem Bürger du Gua dermaßen, daß ich wetten würde, er sei es, trüge er nicht die Uniform der Polytechnischen Schule.«

Fräulein von Verneuil ließ den Blick noch immer auf dem kalt und unbewegt dasitzenden jungen Mann ruhen, der sie so verachtungsvoll behandelte; aber sie bemerkte nichts an ihm, was irgend Furcht verraten hätte. Durch ein bitteres Lächeln teilte sie ihm die eben gemachte Entdeckung des von ihm so lügnerisch verhehlten Geheimnisses mit; dann wandte sie sich in spöttischem Tone, mit vor Freude zuckenden Nasenflügeln und auf die Seite gelegtem Kopfe – denn sie wollte zu gleicher Zeit den Marquis beobachten und Merle im Auge halten – an den Republikaner und sagte: »Dieser Royalist, Herr Hauptmann, macht dem Ersten Konsul viel zu schaffen. Er soll verwegen sein, wie man sagt. Nur läßt er sich mit etwas zu großer Dreistigkeit in manche Unternehmungen ein, besonders Frauen gegenüber.«

»Darauf zählen wir gerade,« war die Antwort des Hauptmanns, »um unsere Rechnung mit ihm zu begleichen. Wenn wir ihn nur zwei Stunden in unsere Gewalt bekommen, werden wir ihm schon eine Ladung Blei durch den Schädel jagen. Wenn er uns erwischte, würde der Kerl es genau so mit uns machen und uns ins Jenseits befördern. Also hart gegen hart . . .«

»Oh!« sagte der Gars – denn die Vermutung des Fräuleins war richtig gewesen – »wir haben nichts zu fürchten! . . . Ihre Soldaten sind zu müde, um noch bis zur Pellerine zu marschieren; wenn es Ihnen recht ist, könnten sie sich ein paar Schritt von hier ausruhen. Meine Mutter steigt in La Vivetière aus; gleich da vorn, ein paar Schuß weit, zweigt der Weg dorthin ab. Die beiden Damen werden sich ausruhen wollen, sie müssen sehr abgespannt sein, nachdem sie den Weg von Alençon bis hierher ohne Unterbrechung zurückgelegt haben. Da das Fräulein«, wandte er sich mit gezwungener Höflichkeit an Marie, »die große Güte gehabt hat, unsere Reise ebenso sicher wie angenehm zu gestalten, wird sie vielleicht einwilligen, mit meiner Mutter zu Nacht zu speisen. Und schließlich, Herr Hauptmann,« setzte er hinzu, »sind die Zeiten immerhin nicht so schlecht, daß man nicht in La Vivetière noch ein Fäßchen Wein für Ihre Leute zum Anstechen finden wird. Alles wird der Gars ja nicht eingesteckt haben; so glaubt wenigstens meine Mutter.«

»Ihre Mutter!« rief Fräulein von Verneuil voller Ironie und zu erregt, um ein Wort der Erwiderung auf die an sie ergangene merkwürdige Einladung zu finden.

»Mein Alter scheint Ihnen heute abend nicht mehr recht glaubhaft vorzukommen, mein Fräulein,« sagte Frau von Gua. »Ich hatte das Unglück, sehr jung verheiratet zu werden, und bekam meinen Sohn, als ich erst fünfzehn Jahre alt war.«

»Ist das nicht ein Irrtum, gnädige Frau? Sollten Sie nicht dreißig gewesen sein?«

Die Unbekannte erbleichte, als sie den Sarkasmus hinunterschlucken mußte, durch den das junge Mädchen sich an ihrem Beleidiger rächte. Am liebsten hätte sie die Widersacherin in Stücke zerrissen, und nun mußte sie ihr zulächeln, denn sie wollte ihre Gesinnung aus ihren Aussprüchen noch genauer kennenlernen. Darum stellte sie sich auch, als habe sie sie nicht verstanden, und sagte:

»Die Chouans haben noch nie einen so grausamen Anführer gehabt wie diesen, wenn man den Gerüchten glauben darf, die über ihn im Umlauf sind.«

»Oh, für grausam halte ich ihn nicht,« antwortete Fräulein von Verneuil. »Aber er versteht zu lügen und ist leichtgläubig; ein Parteiführer aber darf sich nie zum Werkzeug eines andern Menschen machen.«

»Kennen Sie ihn denn?« fragte der Marquis kalt.

»Nein,« antwortete sie und warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Ich glaubte ihn freilich zu kennen . . .«

»Ja, ja,« warf der Hauptmann kopfschüttelnd ein, »ein schwieriger Bursche ist er sicherlich! Diese alten Familien treiben mitunter kräftige Sprossen. Er kommt aus einem Lande, wo es die ehemaligen Adligen, so heißt es, nicht ganz leicht gehabt haben. Und sehen Sie, die Menschen sind wie die Mispeln; sie gedeihen auf dem Stroh. Ist dieser Bursche schlau, so können wir uns hübsch lange mit ihm herumärgern. Er hat es recht gut verstanden, unsern Freikompagnien leichte Kompagnien entgegenzustellen und die Anstrengungen der Regierung zunichte zu machen. Wenn man den Royalisten ein Dorf abbrennt, läßt er den Republikanern dafür ihrer zwei anzünden. Er entwickelt sich auf einer ungeheuer ausgedehnten Landstrecke und zwingt uns auf diese Weise, eine beträchtliche Truppenmenge gegen ihn einzusetzen, und das gerade in einem Augenblick, wo wir keine übrig haben! Oh – auf sein Handwerk versteht er sich schon!«

»Er mordet sein Vaterland!« unterbrach Gérard seinen Freund laut und heftig.

»So machen Sie ihm doch nur bald den Garaus, wenn sein Tod das Vaterland rettet!« sprach der Marquis.

Dann versuchte er durch einen Blick zu erkunden, was in der Seele des Fräuleins von Verneuil vorging.

Und nun spielte sich zwischen den beiden eine stumme Szene ab, deren dramatische Lebendigkeit und flüchtige Bewegtheit die Sprache nur unvollkommen wiedergeben kann.

Die Gefahr macht interessant. Wenn von seinem Tode die Rede ist, erregt auch der gräßlichste Verbrecher immer noch ein wenig Mitleid. Daher kam es, daß Fräulein von Verneuil, trotz der inzwischen erlangten Gewißheit, daß der Mann, der sie verschmähte, jener gefährliche Führer der Königstreuen war, sich doch noch nicht durch seinen Tod davon überzeugen mochte: sie hatte vielmehr eine ganz andere Neugier zu befriedigen. So zog sie es denn vor, je nach ihrer Leidenschaft zu zweifeln oder zu glauben, und begann mit der Gefahr zu spielen. Ihr aufreizend spöttischer Blick wies den Marquis triumphierend auf die Soldaten hin. Indem sie ihm auf diese Weise das Bild seiner Gefahr vorhielt, gefiel sie sich darin, ihn bitter fühlen zu lassen, daß ein einziges Wort von ihr sein Leben kosten würde, und dieses Wort schienen ihre Lippen schon aussprechen zu wollen. Einem wilden Eingeborenen ähnlich, durchforschte sie die Züge ihres an den Pfahl gebundenen Feindes und schwang die Mordkeule voller Anmut, kostete eine unschuldige Rache und strafte wie eine Frau, die trotz allem noch liebt.

»Hätte ich einen Sohn wie den Ihren, gnädige Frau,« sagte sie zu der sichtlich zu Tode erschreckenden Fremden, »– ich würde Trauer um ihn anlegen von dem Tage an, wo ich ihn gefährdet wüßte.«

Sie bekam keine Antwort. Nun wandte sie zwanzigmal den Kopf nach den Offizieren, um dann plötzlich wieder nach Frau von Gua herumzuschnellen. Doch gelang es ihr nicht, zwischen jener und dem Marquis irgendein geheimes Zeichen zu bemerken, das ihr die Vertraulichkeit bestätigt hätte, die sie argwöhnte und an die sie doch nicht glauben mochte. Eine Frau zaudert so gern im Kampfe auf Leben und Tod, wenn die Entscheidung darüber in ihrer Hand liegt!

Der junge General lächelte mit der ruhigsten Miene von der Welt und hielt ohne zu zittern unter der Folter stand, die Fräulein von Verneuil über ihn verhängte. Seine Haltung und sein Gesichtsausdruck waren die eines Mannes, den die Gefahren, denen er sich ausgesetzt, nicht bekümmerten, und manchmal schien er ihr sagen zu wollen: »Hier haben Sie ja die Gelegenheit, Ihre verletzte Eitelkeit zu rächen, ergreifen Sie sie doch! Nichts wäre mir schrecklicher, als wenn ich mit meiner Verachtung für Sie nicht recht behielte.«

Fräulein von Verneuil begann, ihn von der ganzen Höhe ihrer Stellung herab mit offensichtlichem Hochmut zu betrachten; im Grunde ihres Herzens aber bewunderte sie den Mut und die Ruhe des Geliebten. Sie freute sich nun zu wissen, daß er einen alten Namen trug, wie fast alle Frauen es an ihrer Stelle getan hätten. Sie stellte ihn immer wieder auf die Probe, wobei sie vielleicht jenem Instinkt gehorchte, der die Frau dazu treibt, mit ihrer Beute zu spielen, wie die Katze mit der Maus. So fragte sie den Hauptmann:

»Auf Grund welcher Gesetze verurteilen Sie eigentlich die Königstreuen zum Tode?«

»Nun, das vom letzten 14. Fructidor hebt doch für die aufständischen Provinzen das Zivilrecht auf und setzt Kriegsgerichte dort ein,« antwortete Gérard.

Dann wandte Marie sich plötzlich an den Marquis von Montauran, der sie aufmerksam betrachtete.

»Welchem Umstand verdanke ich augenblicklich die Ehre, Ihre Blicke auf mich zu ziehen?«

»Einem Gefühl, das ein ritterlicher Mann keiner Frau auf der Welt bekennen könnte,« antwortete er leise und neigte sich zu ihr. »Man muß wirklich«, fügte er mit lauter Stimme hinzu, »in dieser Zeit geboren sein, um zu erleben, daß Frauen das Amt des Henkers ausüben und ihn sogar noch überbieten, indem sie mit dem Beile spielen.«

Sie blickte ihn unverwandt an. Im Grunde bereitete es ihr Genuß, von diesem Manne, dessen Leben sie eben jetzt in der Hand hielt, beleidigt zu werden, und so lächelte sie ihn in zärtlichem Spotte an und flüsterte ihm zu:

»Sie haben keinen guten Kopf, der Büttel wird ihn nicht wollen, darum erhalte ich ihn.«

Aufs höchste erstaunt blickte der Marquis das rätselvolle Mädchen an, dessen Liebe selbst bei der empfindlichsten Beleidigung die Oberhand behielt, und das sich durch Verzeihen für eine Schmähung rächte, die Frauen sonst niemals vergeben. Sein Auge wurde weniger streng, weniger kalt, und ein Ausdruck der Wehmut glitt über seine Züge. Denn seine Leidenschaft war schon stärker, als er selbst es wußte.

Fräulein von Verneuil, die schon mit diesem geringfügigen Unterpfand der von ihr gesuchten Versöhnung zufrieden war, blickte ihn zärtlich an und warf ihm ein Lächeln zu, das einem Kusse glich. Dann lehnte sie sich tief in den Wagen zurück, um nicht die Fortsetzung dieses Liebesdramas zu gefährden, dessen Knoten sie durch ihr Lächeln wieder fester geschlungen zu haben glaubte. Sie war so schön! und verstand es so meisterlich, Liebeshindernisse zu überwinden! War sie es doch von jeher gewohnt, mit allem ihr Spiel zu treiben, auf den Zufall zu rechnen, liebte sie doch das Unvorhergesehene, die Stürme des Lebens so sehr!

Bald bog der Wagen auf Befehl des Marquis von der Landstraße ab und nahm die Richtung nach La Vivetière, wobei es durch einen Hohlweg ging, der von steilen, mit Apfelbäumen bestandene Böschungen eingefaßt war, so daß er mehr einem Graben als einer Straße glich. Die Reisenden ließen die Soldaten langsam zur Burg nachfolgen. Nur mit Mühe waren ihre grauen Türme jetzt ganz am Ende des Weges zu erkennen, dessen lehmiger Kot der Mannschaft der Eskorte mehr als einen Fluch entlockte.

»Diese Straße hat eine verdammte Ähnlichkeit mit dem Weg zum Paradies!« rief Beau-pied.

Dank der Erfahrung, die der Postillon mit derartigen Wegen hatte, kam nun sehr bald das Schloß La Vivetière selbst in Sicht. Es lag auf dem Rücken einer Art Vorgebirge und war von zwei tiefen Teichen derart umgeben und eingeschlossen, daß man nur auf einer schmalen Fahrstraße hingelangen konnte. Der Teil dieser Halbinsel, auf dem die Wohnhäuser und Gärten lagen, wurde in einiger Entfernung hinter dem Schlosse durch einen breiten Graben geschützt, in den sich das überschüssige Wasser aus den mit ihm in Verbindung stehenden Teichen ergoß. Er bildete so eine fast uneinnehmbare Insel und damit einen unschätzbaren Zufluchtsort für einen Soldatenführer, denn anders als durch Verrat konnte man hier nicht überrascht werden.

Als sie die rostigen Angeln des Tores kreischen hörte und durch den Spitzbogen eines im vorhergehenden Kriege zerschossenen Portals fuhr, streckte Fräulein von Verneuil den Kopf aus dem Wagen. Die düsteren Farben des Bildes vor ihren Augen verwischten fast die Gedanken an Liebe und Gefallenwollen, in denen sie sich wiegte.

Die Kutsche rollte in einen großen, fast viereckigen Hof, der von den abschüssigen Ufern der Teiche umschlossen war. Die einzige Zierde dieser wilden Abhänge, die von dem mit großen grünen Flecken bedeckten Wasser umspült wurden, bildeten blattlose Wasserbäume, deren verkrüppelte Stümpfe und eisgrau über Schilf und Gestrüpp ragende Kronen häßlichen Kobolden, grotesken Fratzen ähnelten. Die unwirtlichen Hecken schienen sich zu beleben und zu sprechen, als die Frösche sie jetzt quakend verließen und die vom Geräusch des Wagens aufgescheuchten Sumpfhühner schnatternd über die Wasserfläche dahinflogen.

Der mit hohem, welkem Grase, mit Ginsterstauden, Zwerggestrüpp und Schmarotzern angefüllte Hof schloß jeden Gedanken an Ordnung oder gar Pracht aus. Das Schloß schien seit langem unbewohnt zu sein. Die Dächer sahen aus, als bögen sie sich unter der Last des sie deckenden Mooses. Die Mauern, obwohl sie aus dem dauerhaften Schiefergestein bestanden, an dem die Gegend so reich ist, hatten zahlreiche, von Efeuwänden verdeckte Sprünge. Zwei im Winkel durch einen hohen Turm verbundene Flügel, die auf die Teiche sahen, bildeten das ganze Schloß, dessen hängende und morsche Türen, verrostete Balustraden, zertrümmerte Fenster beim ersten Windstoß zusammenzufallen drohten. Jetzt wehte ein rauher Nordost durch diese alten Ruinen, denen der Mond mit seinem unentschiedenen Lichte etwas Gespensterhaftes gab. Man muß mit dem Anblick solcher graublauen, durch schwarzbraunes Schiefergestein verbundenen Granitblöcke vertraut sein, um den Eindruck ermessen zu können, den dies leere, düstere Gestell hervorrief. Seine gelockerten Steine, seine scheibenlosen Fensterhöhlen, der zinnengekrönte Turm, die durchlöcherten Dächer verliehen ihm ganz das Aussehen eines Gerippes; und die kreischend auffliegenden Raubvögel vervollständigten diese Ähnlichkeit noch durch einen weiteren Zug.

Einzelne hinter dem Haus angepflanzte Fichten beschatteten die Dächer mit ihrem dunklen Astwerk, und ein paar beschnittene Taxushecken rahmten es in armseligen Bogen ein. Alles bis zu der Form der Tore, den plumpen Ornamenten, der geringen Einheitlichkeit der Gebäude verriet einen jener Herrensitze, an denen die Bretagne noch jetzt überreich ist, und die gleichsam geschichtliche Denkwürdigkeiten des Landes aus den grauen Zeiten bilden, die der Gründung der Monarchie vorangingen.

Fräulein von Verneuil, bei der das Wort »Schloß« stets gleich die landläufige Vorstellung erweckte, sprang, von dem leichenhaften Anblick dieses Bildes betroffen, leichtfüßig aus dem Wagen und schaute sich, allein dastehend, voller Schrecken um, indem sie überlegte, wozu sie sich entschließen sollte. Francine hörte, wie Frau von Gua einen Seufzer der Erleichterung ausstieß, als sie sich außerhalb des Bereichs der Blauen sah, und unwillkürlich entschlüpfte ihr ein Ausruf, als das Tor hinter ihnen zufiel und sie sich in dieser Art von natürlicher Festung sah.

Herr von Montauran ahnte die Gedanken, die Fräulein von Verneuil beschäftigten, und eilte lebhaft auf sie zu.

»Diese Burg«, sagte er mit einem Anflug von Traurigkeit, »ist durch den Krieg zerstört worden, wie es die Pläne, die ich für unser Glück schmiedete, durch Sie geworden sind.«

»Wie das?« fragte sie aufs höchste überrascht.

»Sind Sie eine schöne, edle und geistvolle Frau?« sagte er mit leichter Ironie, unter Wiederholung der Worte, die sie ihm bei ihrem Gespräch unterwegs so kokett zugeworfen hatte.

»Wer hat Ihnen das Gegenteil gesagt?«

»Glaubwürdige Freunde, denen meine Sicherheit am Herzen liegt, und die die Verrätereien vereiteln wollen, deren Opfer ich werden könnte.«

»Verrätereien?« rief sie mit spöttischer Miene. »Sind denn Alençon und Hulot so weit? Sie haben ein schlechtes Gedächtnis: ein gefährlicher Mangel für einen Parteiführer! – Aber erhalten Sie sich nur die Freunde, die Ihr Herz so mächtig regieren!« setzte sie fast ungezogen hinzu. »Nichts gleicht den Freuden der Freundschaft. Leben Sie wohl. Weder ich noch die republikanischen Soldaten werden hier bleiben.«

Sie eilte mit einer verachtungsvollen Gebärde gekränkten Stolzes auf das Tor zu; und ihr Auftreten, ihre Haltung zeugten von solchem Adel und solcher Verzweiflung, daß er darob ganz anderen Sinnes wurde. Auf seine Wünsche zu verzichten, würde ihn zuviel gekostet haben, als daß er nun nicht unvorsichtig und leichtgläubig gehandelt hätte. Auch er liebte schon: so waren denn beide nicht gewillt, lange uneins zu bleiben.

»Sagen Sie noch ein Wort, und ich glaube Ihnen,« sprach er in flehendem Tone.

»Ein Wort!« wiederholte sie voller Ironie und preßte die Lippen zusammen. »Ein Wort! Nicht einmal eine Bewegung.«

»Schelten Sie mich wenigstens,« bat er und versuchte, sie an der Hand zu fassen, die sie jedoch zurückzog, »wenn Sie noch mit einem Rebellenführer böse sein können, der jetzt ebenso mißtrauisch und finster ist, wie er zuvor froh und vertrauend war.«

Sie sah ihn jetzt ohne Zorn an, und so fügte er hinzu:

»Sie kennen mein Geheimnis, ich aber nicht das Ihre.«

Bei diesen Worten schien ihre Alabasterstirn sich zu verdüstern.

»Mein Geheimnis? Niemals.«

In der Liebe hat jedes Wort, jeder Blick seine Beredsamkeit; hier aber drückte Fräulein von Verneuil nichts Bestimmtes aus, und so blieb, wie findig Herr von Montauran auch sein mochte, die Bedeutung dieses Ausrufs ungelöst, obwohl die Stimme der Frau ungewöhnliche Gefühle verraten hatte, die seine Neugier anstacheln mußten.

»Sie haben«, versetzte er, »eine reizende Art, einem den Verdacht zu benehmen!«

»Hegen Sie denn einen?« fragte sie ihn und musterte ihn dabei, als wolle sie ihm sagen: »Haben Sie irgendwelche Rechte auf mich?«

»Mein Fräulein,« antwortete der junge Mann mit unterwürfiger, doch fester Miene, »die Macht, die Sie über diese republikanischen Soldaten ausüben, diese Eskorte . . .?«

»Ach, gut, daß Sie mich erinnern! Sind wohl meine Eskorte und ich – Ihre Beschützer! –« fragte sie mit leichter Ironie, »hier in Sicherheit?«

»Ja, auf das Wort eines Edelmannes! Wer Sie auch sein mögen, Sie und die Ihren haben nichts bei mir zu fürchten.«

Diese Versicherung wurde in so aufrichtigem und adligem Tone gegeben, daß Fräulein von Verneuil über das Schicksal der Republikaner ganz beruhigt sein mußte. Sie wollte etwas erwidern, als Frau von Gua dazwischentrat. Diese Frau hatte einen Teil der Unterredung der Liebenden gehört oder erraten und ward von nicht geringer Unruhe erfaßt, als sie die beiden so, ohne die mindeste Feindseligkeit mehr, beieinanderstehen sah. Kaum erblickte er sie, so bot der Marquis Fräulein von Verneuil den Arm und schritt rasch auf das Haus zu, wie um sich einer unerwünschten Gesellschaft zu entledigen.

»Ich bin ihnen im Wege,« sprach Frau von Gua bei sich, ohne sich vom Fleck zu rühren.

Sie sah, wie sie langsam auf die Freitreppe zugingen und, sobald sie einen genügenden Abstand von ihr erreicht hatten, wieder stehen blieben, um weiterzuplaudern.

»Ja, ja, ich bin ihnen im Wege,« fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort. »Mir aber wird dieses Geschöpf bald nicht mehr im Wege sein. Der Teich soll, bei Gott, ihr Grab werden! Ich will dein Ehrenwort schon gut halten! Was hat sie auch noch zu fürchten, wenn sie einmal auf dem Grunde dieses Wassers liegt? Da wird sie in guter Sicherheit sein!«

Starren Auges betrachtete sie den ruhigen Wasserspiegel des kleinen Sees zur Rechten, als sie plötzlich das Gebüsch des Abhangs rauschen hörte und im Mondlicht das Gesicht Marche-à-terres gewahrte, der sich aus der unförmigen Rinde einer alten Weide aufrichtete. Man mußte ihn kennen, um ihn inmitten dieser Gesellschaft von knorpeligen Köpfen zu unterscheiden, unter denen der seine so leicht verschwand. Frau von Gua warf zunächst einen mißtrauischen Blick um sich. Sie sah, wie der Postillon seine Gäule in einen Stall führte, der in demjenigen der beiden Flügel des Schlosses lag, der nach dem Ufer ging, wo Marche-à-terre versteckt war; sah, wie Francine auf die beiden Liebenden zutrat, die in diesem Augenblick die ganze Welt um sich her vergessen hatten. So wagte sie sich denn ein paar Schritte vor, indem sie zum Zeichen tiefsten Stillschweigens den Finger an die Lippen legte. Dann erriet der Chouan mehr, als er sie hörte, die Worte:

»Wie viele seid ihr?«

»Siebenundachtzig.«

»Sie sind nur fünfundsechzig, ich habe sie gezählt.«

»Gut,« antwortete der Wilde mit grimmiger Genugtuung.

Auf Francines geringste Gebärden aufmerksam, sank er wieder auf seinen Weidenstumpf zurück, da er sah, wie sie sich umblickte und mit den Augen die Feindin suchte, über die zu wachen ihr Instinkt ihr befahl.

*

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.