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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Bald hatte der Wagen die beiden Reisenden eingeholt, die ihre Plätze wieder einnahmen. Nun wurden einige Meilen in tiefstem Schweigen zurückgelegt, denn beide hatten sie reichen Stoff für Betrachtungen gefunden; ihre Augen aber fürchteten nicht mehr, einander zu begegnen.

Beiden schien es gleich angelegen zu sein, sich zu beobachten und sich ein wichtiges Geheimnis zu verbergen; aber sie fühlten sich durch das gleiche Verlangen zueinandergezogen, das nach ihrer Unterredung leidenschaftliche Stärke angenommen hatte. Denn sie hatten gegenseitig Eigenschaften aneinander kennengelernt, die die Freuden noch erhöhten, die sie sich von ihrer Gegnerschaft oder ihrer Vereinigung versprachen. Vielleicht war jeder von ihnen, nachdem er in ein abenteuerliches Leben hineingeraten, jetzt in der sonderbaren inneren Verfassung, in der man sich, sei es aus Ermüdung oder um das Schicksal herauszufordern, ernsthaften Betrachtungen verschließt und sich den Zufällen des Tages überläßt, zumal wenn eine Unternehmung keinen Ausweg erkennen läßt und man doch ihre Entwickelung verfolgen möchte. Hat nicht die sittliche Welt gleich der körperhaften ihre Schlünde und Abgründe, in die starke Naturen sich gern hineinstürzen, um ihr Leben zu wagen, so wie der Spieler sein Vermögen aufs Spiel zu setzen liebt?

Dem Marquis und Fräulein von Verneuil kamen jetzt, einer Offenbarung vergleichbar, diese Gedanken, die ihnen seit der Unterredung, deren Folge sie waren, gemeinsam gehörten, und so machten sie plötzlich einen Riesenschritt, denn die Sympathie der Seelen folgte auf die der Sinne. Je mehr sie sich derart verhängnisvoll zueinander hingezogen fühlten, um so größer wurde ihr Wunsch, einander zu durchforschen, wäre es auch nur gewesen, um durch unwillkürliche Berechnung die Summe ihrer künftigen Freuden zu erhöhen.

Noch immer erstaunt von der Tiefe, die dieses sonderbare Mädchen bewiesen hatte, fragte sich der Marquis zunächst, wie sie solche Erfahrungen mit soviel Frische und Jugend vereinigen könne. Nun glaubte er einen übertriebenen Wunsch, keusch zu erscheinen, in ihrer außergewöhnlichen Zurückhaltung zu bemerken; er hielt sie für eine Heuchlerin, schalt sich selbst wegen seiner Gefühle und wollte in der Unbekannten nichts anderes mehr sehen als eine geschickte Schauspielerin. Und er hatte recht. Fräulein von Verneuil war, wie alle Mädchen der großen Welt, um so bescheidener geworden, je mehr sie Gluten in sich entbrennen fühlte, und so nahm sie mit großer Selbstverständlichkeit jene spröde Haltung an, unter der die Frauen ihre heißen Wünsche so gut zu verbergen wissen. Alle möchten sich in der Liebe gern als Jungfrauen darbringen; und wenn sie es nicht sind, so ist ihre Verstellung immer eine Huldigung, die sie ihrem Geliebten erweisen. Diese Erwägungen zogen rasch durch die Seele des Marquis und erfreuten ihn. Für beide mußte diese Prüfung einen Fortschritt bedeuten, und er war denn auch bald bei jener Phase der Leidenschaft angelangt, in der ein Mann in den Mängeln seiner Geliebten nur noch mehr Gründe sieht, sie zu lieben.

Fräulein von Verneuil blieb länger nachdenklich als ihr Geliebter; vielleicht, weil ihre Phantasie sie eine weitere Strecke zurücklegen ließ. Der Marquis gehorchte nur einem der tausend Gefühle, die sein Mannesleben mit sich brachte, während sie ein ganzes Leben empfand. Sie gefiel sich darin, es schön einzurichten, es mit Freude zu erfüllen, mit großen und edlen Gefühlen, sie sah sich im Geiste glücklich, und ihre Luftschlösser taten es ihr ebensosehr an wie die Wirklichkeit, die Zukunft so sehr wie die Gegenwart. Dann versuchte sie, wieder ins Gleise zu kommen, wobei sie, wie alle Frauen, instinktmäßig handelte. Nachdem sie mit sich selbst eins geworden, sich ganz hinzugeben, wollte sie, sozusagen, sich stückweise vorenthalten. Sie hätte gern all ihre vergangenen Handlungen, ihre Worte, Blicke rückgängig gemacht, um sie der Würde einer Frau anzupassen, die geliebt wird. Und wenn sie an die eben geführte Unterhaltung dachte, bei der sie sich so angreiferisch gezeigt, drückten ihre Augen manchmal eine Art von Schrecken aus. Betrachtete sie dann aber das kraftvolle Gesicht ihres Gegenübers, so sagte sie sich, daß ein so starker Mensch auch großmütig sein müsse, und sie war stolz, einen besseren Gegner getroffen zu haben als viele andere Frauen. Denn sie hatte in ihrem Geliebten einen Mann von Charakter gefunden, einen zum Tode Verurteilten, der seinen eigenen Kopf aufs Spiel setzen und der Republik den Krieg machen wollte.

Der Gedanke, die Seele des jungen Mannes ungeteilt besitzen zu können, verlieh bald allen Dingen ein verändertes Aussehen. Der Unterschied zwischen dem fünf Stunden zurückliegenden Augenblick, wo sie ihr Gesicht und ihre Stimme darauf vorbereitete, den Marquis zu reizen, und dem jetzigen Augenblick, da sie ihn mit einem Blicke über den Haufen zu werfen vermochte, war der zwischen einem toten und einem belebten Weltall. Lachen und fröhliche Schelmereien bargen eine unendliche Leidenschaft, die, wie das Unglück, lächelnd auftrat. In der Seelenverfassung, in der sich Fräulein von Verneuil befand, nahm das äußere Leben sich für sie aus wie ein Blendwerk. Die Kalesche rollte an Dörfern, Tälern, Bergen vorüber, ohne daß ein einziges dieser Landschaftsbilder sich ihr eingeprägt hätte. Sie kam in Mayenne an, die sie geleitenden Soldaten wurden abgelöst, Merle sprach mit ihr, sie antwortete, durchquerte eine ganze Stadt, fuhr weiter; aber Gesichter, Straßen, Häuser, Landschaften, Menschen schwanden dahin wie die unklaren Gebilde eines Traumes.

Die Nacht kam. Sie fuhr unter einem diamantenen Himmel, in ein weiches Licht gehüllt, auf der Straße nach Fougères dahin, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, daß der Himmel sein Aussehen verändert hatte, ohne zu wissen, was Mayenne, was Fougères war, noch wo sie sich befand. Daß sie in wenigen Stunden den Mann ihrer Wahl verlassen könnte, von dem auch sie sich erwählt glaubte, war für sie eine Unmöglichkeit. Die Liebe ist die einzige Leidenschaft, die weder Vergangenheit noch Zukunft duldet. Wenn zuweilen ein Klang über ihre Lippen irrte, war es, um ihrem Geliebten ein paar Worte ohne Sinn hinzuwerfen, die in seiner Seele wie Glücksverheißungen widerhallten.

Diese aufkeimende Leidenschaft nahm für die beiden Zeugen, die sie beobachteten, einen furchtbaren Verlauf. Francine kannte Fräulein von Verneuil ebensogut, wie Frau von Gua den Marquis; und schweigend schienen sie alle beide irgendeine schreckliche Entwicklung vorauszuahnen. Und sie sahen auch wirklich bald dieses Drama zu Ende gehen, das Fräulein von Verneuil so wehmütig, vielleicht ohne es selbst zu wissen, eine Tragödie genannt hatte.

Als die vier Reisenden Mayenne etwa eine Meile hinter sich gelassen hatten, hörten sie einen Reiter, der sich ihnen mit außerordentlicher Schnelligkeit näherte. Als er den Wagen erreichte, beugte er sich vor, um nach Fräulein von Verneuil zu sehen. Es war Corentin. Der widerwärtige Mensch unterstand sich, ihr ein Zeichen des Einverständnisses zu machen, dessen Vertraulichkeit etwas Verletzendes für sie hatte, und galoppierte dann weiter, nachdem er sie durch dieses gemeine Zeichen zur Erstarrung gebracht.

Der Unbekannte schien von diesem Vorfall, der auch seiner angeblichen Mutter gewiß nicht entging, unangenehm berührt zu werden. Doch Fräulein von Verneuil drückte ihm leicht die Hand und schien sich durch einen Blick in sein Herz flüchten zu wollen als in die einzige Zuflucht, die sie auf Erden hatte. Da hellte sich die Stirn des jungen Mannes auf in der Wonne über diese Bewegung, durch die seine Geliebte ihm, wie von ungefähr, die ganze Größe ihrer Zuneigung verraten hatte. Eine unerklärliche Angst hatte alle Koketterie ausgelöscht, und einen Augenblick lang zeigte die Liebe sich unverhüllt. Sie schwiegen, wie um die Süßigkeit dieser Minute zu verlängern. Unglücklicherweise aber sah die in ihrer Mitte sitzende Frau von Gua alles; und wie ein Geizhals, der ein Festmahl gibt, schien sie ihnen die Bissen abzuzählen und das Leben zuzumessen.

Ganz in ihr Glück versunken, erreichten die Liebenden, ohne sich dessen zu versehen, die Stelle in der Tiefe des Tals von Ernée, die das erste der drei Becken bildet, wo sich die im ersten Teil dieser Erzählung geschilderten Vorgänge abgespielt hatten. Hier bemerkte Francine merkwürdige Gestalten, die sich schattenhaft zwischen den Bäumen und im Ginster der Felder bewegten, und zeigte sie auch den anderen. Als der Wagen in die Richtung der Schatten gelangte, belehrte indes eine Salve, deren Kugeln über die Köpfe hinpfiffen, die Reisenden, daß in dieser Erscheinung alles auf Wirklichkeit beruhe. Die Eskorte war in einen neuen Hinterhalt gefallen.

Angesichts dieses lebhaften Feuers bedauerte Hauptmann Merle sehr, daß er sich Fräulein von Verneuils irrige Ansicht zu eigen gemacht hatte, die, im Glauben an die Sicherheit einer raschen nächtlichen Reise, ihn nicht mehr als sechzig Mann hatte nehmen lassen. Sofort teilte der Hauptmann, von Gérard unterstützt, seine kleine Truppe in zwei Kolonnen, um die beiden Seiten der Straße halten zu können, und ließ sie im Laufschritt die Ginsterfelder durchqueren, um den Versuch zu machen, die Angreifer niederzukämpfen, noch ehe sie sie hatten zählen können. Die Blauen begannen, die dichten Gebüsche zur Rechten und Linken mit unvorsichtiger Furchtlosigkeit zu durchsuchen und erwiderten den Angriff der Chouans durch unausgesetztes Feuer in die Ginsterstauden, aus denen die Flintenschüsse kamen.

Fräulein von Verneuil war sofort aus dem Wagen gesprungen und hatte sich, nach hinten laufend, aus dem Kampfbereich entfernt; doch bald blieb sie stille stehen und versuchte, dem Kampf unerschrocken zuzusehen, denn sie schämte sich ihrer Furcht und empfand jetzt vielmehr das natürliche Verlangen, in den Augen des geliebten Menschen groß zu erscheinen.

Der Unbekannte folgte ihr, ergriff ihre Hand und legte sie auf sein Herz.

»Ich hatte Angst,« sprach sie lächelnd. »Aber nun . . .«

In diesem Augenblick rief ihr Kammermädchen ihr erschrocken zu:

»Marie, seien Sie vorsichtig!«

Als sie aber gleichfalls aus dem Wagen springen wollte, fühlte Francine sich von einer starken Faust zurückgehalten. Das Gewicht dieser riesigen Hand entlockte ihr einen heftigen Schrei. Sie drehte sich um und verstummte; denn sie erblickte Marche-à-terre.

»Ihrem Schrecken verdanke ich also die Enthüllung des süßesten Herzensgeheimnisses,«, sagte der Fremde zu Fräulein von Verneuil. »Durch Francine erfahre ich, daß Sie den holden Namen Maria tragen. Maria, den Namen, den ich in allen Ängsten angerufen; Maria, den Namen, den ich fortan nur noch in Freuden aussprechen werde und nie mehr, ohne eine Gotteslästerung zu begehen, denn Religion und Liebe fließen mir in eines zusammen! Aber ist es denn ein Verbrechen, zu gleicher Zeit zu beten und zu lieben?«

Bei diesen Worten drückten sie einander fest die Hand und sahen sich dann schweigend an, denn das Übermaß ihrer Empfindungen nahm ihnen Kraft und Fähigkeit, sie auszudrücken.

»Für euch andere hat's keine Gefahr!« sagte Marche-à-terre roh zu Francine, wobei er den heiseren Kehllauten seiner Stimme einen unheilverkündenden Ausdruck des Vorwurfs gab und jedes Wort mit einem derartigen Nachdruck aussprach, daß das harmlose Landmädchen von Entsetzen gepackt wurde.

Zum ersten Male sah das arme Kind die Wildheit im Blick Marche-à-terres. Für dieses Gesicht schien kein anderes Licht als das des Mondes zu passen. Eher wie eine Märchengestalt denn als Mensch von Fleisch und Blut erschien ihr der grimmige Bretone, wie er, in der einen Hand die Mütze, den schweren Karabiner in der anderen, koboldhaft kurz und gedrungen in dem weißen Lichtstrome stand, der allen Formen ein so wunderliches Aussehen lieh. Die Erscheinung und der Vorwurf, den sie ausgesprochen, hatten etwas gespensterhaft Flüchtiges. Nun wandte er sich an Frau von Gua und wechselte lebhafte Worte mit ihr, von denen Francine, die das Niederbretonische ein wenig verlernt hatte, nichts verstehen konnte. Die Dame schien Marche-à-terre mannigfache Befehle zu geben, worauf sie das kurze Gespräch mit einer herrischen Geste beschloß, die den Chouan auf die fünf Schritte von ihnen entfernten beiden Liebenden hinwies.

Bevor er gehorchte, warf Marche-à-terre einen letzten Blick auf Francine, die er zu bedauern schien. Gern hätte er ihr etwas gesagt; doch die Bretonin verstand, daß ihm Stillschweigen auferlegt war. Die rauhe, lederähnliche Haut des Mannes legte sich auf der Stirn in Falten, und seine Brauen zogen sich heftig zusammen. Widerstrebte er dem erneuten Befehl, Fräulein von Verneuil zu töten? In den Augen der Frau von Gua wurde er durch diese Fratze unstreitig noch abscheulicher, für Francine aber lag fast etwas Wohltuendes in dem Blitzen seiner Augen, denn sie erkannte daraus, daß es ihrem Frauenwillen vielleicht trotz allem gelingen möchte, seine Wildheit niederzuringen und, nächst Gott, über dieses rauhe Herz zu gebieten.

Die süße Unterredung der Liebenden ward durch Marche-à-terre und die ihm folgende Frau von Gua unterbrochen, welche zu schreien begann, als habe eine Kugel sie getroffen, nur um einen Vorwand zur Trennung Maries von dem Marquis zu haben. Das Feuer des Scharmützels war jetzt in vollstem Gange, ohne daß die Gegner dabei handgemein geworden wären.

»Herr Hauptmann,« sagte La-clef-des-cœurs, als er das Geschrei der Frau von Gua vernahm, »haben wir es nicht am Ende mit einem blinden Angriff zu tun, der nur die Absicht verfolgt, unsere Reisenden anzuhalten und ihnen ein Lösegeld aufzuerlegen?«

»Da hast du wahrhaftig recht, mein Junge, oder der Teufel soll mich holen!« antwortete Merle und eilte zur Landstraße zurück.

Der Hauptmann schaute die Straße entlang, sah Marche-à-terre sich vom Wagen auf Fräulein von Verneuil zu bewegen und kam mit solcher Schnelligkeit im Laufschritt bei dem Chouan an, daß dieser kaum Zeit fand, dem Marquis ein paar unverständliche Worte zuzurufen, die eher einem wilden Geschrei als menschlicher Rede glichen. Hierauf sprang er vogelartig schnell ins Ginstergebüsch und verschwand.

Wenige Minuten darauf ließ das Feuer von Seiten der Chouans nach, und Gérard, der jetzt ebenfalls auf die Straße zurückgekehrt war, sah, wie sie sich in geringer Anzahl quer durch die Hecken davonmachten. Da er es nicht für geraten hielt, sich unnützerweise in einen gefahrvollen Kampf einzulassen, rief er seine Leute zusammen. Sie hatten keine Verluste aufzuweisen. Die Eskorte sammelte sich dann wieder auf der Straße und setzte ihren Weg fort.

Der Hauptmann konnte Fräulein von Verneuil die Hand bieten, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein, denn der Marquis machte nicht im geringsten Miene, ihm dabei im Wege zu stehen; doch die erstaunte Pariserin stieg ein, ohne von der Höflichkeit des Republikaners Gebrauch zu machen. Sie wandte den Kopf nach dem geliebten Manne, sah ihn reglos dastehen und erstarrte vor Schrecken über die plötzliche Veränderung, die die geheimnisvollen Worte des Chouans in ihm hervorgebracht hatten. Langsam, mit gesenktem Kopfe, kehrte der junge Emigrant zum Wagen zurück, und seine Haltung drückte tiefen Abscheu aus.

»Hatte ich nicht recht?« sagte Frau von Gua zu ihm. »Wir befinden uns sicherlich in den Händen eines Geschöpfes, mit dem man um Ihren Kopf gefeilscht hat. Da sie aber nun die Dummheit begangen hat, sich in Sie zu vergaffen, so betragen Sie sich nicht wie ein Kind, sondern stellen Sie sich weiter, als liebten Sie sie, bis wir la Vivetière erreicht haben. Sind wir erst einmal da, so . . .«

»Doch sollte er sie wirklich schon lieben?« sprach sie zu sich selbst, als sie sah, wie der Marquis einem Traumbefangenen gleich seinen Platz im Wagen wieder einnahm.

Dumpf rollte die Kalesche auf der sandigen Straße dahin, und beim ersten Blicke, den Fräulein von Verneuil um sich warf, schien alles ihr verändert. Schon schlich der Tod sich in ihre Liebe ein. Vielleicht waren es nur leichte Abschattungen; aber in den Augen jeder liebenden Frau sind solche Abschattungen ebenso scharf wie lebhafte Farben. Francine hatte in dem Blick Marche-à-terres gelesen, daß das Geschick des Fräuleins von Verneuil, über das zu wachen sie ihm befohlen hatte, in anderen Händen als den seinen lag. Sie zeigte ein blasses Gesicht und konnte die Tränen nicht zurückhalten, wenn ihre Herrin sie nur ansah. Die unbekannte Dame aber barg die Bosheit weiblicher Rachsucht schlecht unter einem falschen Lächeln, und die plötzliche Veränderung, die sie durch kriechende Liebenswürdigkeit in Haltung, Stimme und Gesicht gegen Fräulein von Verneuil bekundete, war wohl dazu angetan, einem scharfsichtigen Beobachter Furcht einzuflößen. Es schauderte Fräulein von Verneuil denn auch instinktmäßig, obwohl sie sich fragte: »Warum schaudert mich denn? Es ist ja seine Mutter.« Plötzlich aber dachte sie: »Ist sie wirklich seine Mutter?« und begann an allen Gliedern zu zittern, denn ein letzter Blick auf die Unbekannte hatte einen Abgrund vor ihr aufgetan.

»Diese Frau liebt ihn!« sprach sie zu sich. »Warum aber spielt sie jetzt die Liebenswürdige gegen mich, nachdem sie mir zuvor so kalt begegnet ist? Bin ich verloren? oder sollte sie mich fürchten?«

Der Fremde seinerseits errötete und erblaßte abwechselnd. Er wahrte eine ruhige Haltung und senkte häufig die Augen, um die seltsame Gemütsbewegung zu verbergen, die ihn ergriffen hatte. Durch gewaltsames Zusammenpressen seiner Lippen hatte er ihnen die anmutige Biegung genommen, und sein frisches Gesicht hatte sich unter der Gewalt eines stürmischen Gedankens gelblich gefärbt. Fräulein von Verneuil konnte nicht einmal mehr enträtseln, ob in seiner Wut noch Liebe sei, denn der jetzt von Bäumen eingefaßte Weg wurde dunkel, so daß die stumm Dahinfahrenden einander nicht mehr mit den Augen zu befragen vermochten.

Das Murmeln des Windes; das Rauschen der Bäume, das taktmäßige Marschgeräusch der Eskorte gaben der Szene eine Feierlichkeit, die das Klopfen der Herzen beschleunigte. Nicht vergeblich suchte Fräulein von Verneuil nach dem Anlaß dieser Veränderung. Blitzartig tauchte die Erinnerung an Corentin in ihr auf und führte ihr das Bild ihrer wirklichen Bestimmung plötzlich wieder vor Augen; und zum ersten Male seit dem Morgen dachte sie jetzt ernsthaft über ihre Lage nach. Bis zu dieser Minute hätte sie sich ganz dem Glück zu lieben hingegeben, ohne sich mit ihr oder mit der Zukunft zu beschäftigen.

Unfähig, ihre Angst noch länger zu ertragen, suchte und erwartete sie mit der sanften Geduld der Liebe einen Blick des Marquis aufzufangen; und sie sah ihn so flehentlich an, ihre Blässe und ihr Zittern redeten eine so eindringliche Sprache, daß der junge Mann wankte. Doch wurde der Sturz aus ihrem Himmel dadurch nur um so tiefer.

»Fühlen Sie sich nicht wohl, mein Fräulein?« sagte er, aber mit so unsanfter Stimme, daß das arme Mädchen aus ihr wie aus der Frage selbst, der Gebärde, dem Blick die Überzeugung gewann, die Ereignisse des Tages seien nichts als eine Seelentäuschung gewesen, die sich verflüchtigen mußte gleich halb gestaltlosen Wolken, die der Wind entführt.

»Ob mir nicht wohl ist?« fragte sie zurück und lachte dabei gezwungen. »Die gleiche Frage wollte ich Ihnen stellen.«

»Ich glaubte doch, Sie verstünden einander,« sagte Frau von Gua mit falscher Gutmütigkeit.

Weder der Marquis noch Fräulein von Verneuil antworteten. Das junge Mädchen, das sich nun, doppelt beleidigt fühlte, kränkte sich darüber, daß ihre machtvolle Schönheit hier machtlos blieb. Sie wußte, daß sie es in der Hand hatte, in jedem beliebigen Augenblick die Ursache ihrer jetzigen Lage zu erfahren; aber sie trug wenig Verlangen danach, und zum ersten Male schreckte hier vielleicht eine Frau vor einem Geheimnis zurück.

Das menschliche Leben hat einen traurigen Reichtum an Situationen, in denen, sei es infolge zu angestrengten Nachdenkens, sei es durch eine gewaltsame Erschütterung, unsere Gedanken jeden festen Anhaltspunkt verlieren, Kraft und Richtung einbüßen und wo die Gegenwart alles verloren hat, was sie an das Vergangene, das Zukünftige knüpfen kann. Dies war der Zustand, in dem sich Fräulein von Verneuil befand. Tief in den Wagen zurückgelehnt, saß sie gebeugt da, reglos wie ein entwurzelter Strauch. Sie sah stumm und leidend aus, blickte niemand mehr an, hüllte sich ganz in ihren Schmerz und versenkte sich so tief in die unbekannte Welt, worein der Unglückliche sich flüchtet, daß sie nichts mehr um sich her gewahrte. Krächzend zogen Raben ihre Kreise über ihnen; doch obgleich sie, wie alle starken Seelen, in einem Winkel ihres Herzens abergläubisch war, achtete sie nicht darauf.

So setzten die Reisenden ihren Weg eine Zeitlang schweigend fort.

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