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Die Königstreuen

Honoré de Balzac: Die Königstreuen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleDie Königstreuen
publisherErnst Rowohlt Verlag
translatorMagda Kahn
correctorreuters@abc.de
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Zehntes Kapitel

Nachdem er Fräulein von Verneuil militärisch gegrüßt hatte, wagte der Hauptmann einen Blick auf sie, fand jedoch nichts anderes zu sagen als: »Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Fräulein!«

»Ah, Sie sind nach der Demission Ihres Halbbrigadeführers mein Beschützer geworden. Nicht wahr, so heißt Ihr Regiment doch? Hat denn Ihr Kommandant solche Angst vor mir?«

»Verzeihen Sie, Fräulein, Hulot hat keine Angst. Aber Frauen, sehen Sie, sind nun einmal nicht sein Fall. Und es hat ihn gewurmt, daß er einem General gehorchen sollte, der eine Haube trägt.«

»Dennoch,« wandte Fräulein von Verneuil ein, »war es seine Pflicht, seinem Vorgesetzten zu gehorchen. Ich liebe Subordination, das muß ich Ihnen sagen, und mag nicht, daß man sich mir widersetzt.«

»Das dürfte auch sehr schwer sein,« antwortete Merle.

»Wir wollen beraten. Sie haben frische Truppen hier, die werden mich nach Mayenne begleiten, wo ich heute abend sein kann. Werden wir dort wieder andere Soldaten vorfinden, damit wir ohne Verzug weiter können? Die Chouans wissen nichts von unserem kleinen Unternehmen. Wenn wir nächtlicherweise reisen, müßten wir schon außergewöhnliches Pech haben, um sie in so großer Anzahl zu treffen, daß sie uns angreifen könnten. Oder meinen Sie, daß dies doch möglich ist?«

»Jawohl, gnädiges Fräulein.«

»Wie ist der Weg von Mayenne nach Fougères?«

»Unangenehm. Man muß immer bergauf und bergab laufen, es ist ein wahres Eichhörnchenland.«

»Brechen wir schleunigst auf,« sagte sie. »Und gehen Sie voraus, da wir beim Verlassen von Alençon ja keine Gefahren zu befürchten haben. Wir holen Sie bald ein.«

»Man sollte meinen, sie sei ihre zehn Jahre lang Offizier gewesen,« dachte Merle im Hinausgehen. »Hulot irrt sich, dieses junge Mädchen gehört nicht zu denen, die sich mit ihrem Federbett eine Rente verdienen. Zum Kuckuck noch einmal! wenn der Herr Hauptmann Merle Halbbrigadeführer werden will, darf er den heiligen Michael nicht für den Teufel halten.«

Während der Unterredung ihrer Herrin mit dem Hauptmanne war Francine aus dem Zimmer gegangen, in der Absicht, aus einem Fenster des Ganges eine Stelle in dem Hofe zu beobachten, zu dem sie sich seit ihrer Einkehr im Gasthaus mit unwiderstehlicher Neugier hingezogen fühlte. Mit solch tiefer Aufmerksamkeit schaute sie nach dem Stroh im Pferdestalle hin, daß man hätte glauben mögen, sie bete andächtig zu einem Muttergottesbild. Sie stand noch nicht lange an ihrem Posten, als sie sah, wie Frau von Gua sich an Marche-à-terre heranschlich, vorsichtig wie eine Katze, die sich die Pfoten nicht naßmachen will. Bei ihrer Annäherung erhob sich der Chouan und blieb in der ehrfurchtvollsten Haltung vor ihr stehen. Dieser seltsame Vorfall steigerte Francines Neugier noch mehr. Leichtfüßig wie ein Vogel huschte sie in den Hof, drückte sich so, daß Frau von Gua sie nicht sehen konnte, an der Mauer vorbei und versuchte sich hinter der Stalltüre zu verbergen. Sie ging auf den Fußspitzen, hielt den Atem an, um auch das leiseste Geräusch zu vermeiden, und gelangte so unbemerkt ganz in die Nähe Marche-à-terres.

»Und wenn nach all diesen Erkundigungen,« sagte die Unbekannte gerade zu dem Chouan, »dies nicht ihr Name ist, hast du sie ohne Erbarmen wie einen tollen Hund niederzuschießen.«

»Habe verstanden,« antwortete Marche-à-terre.

Die Dame ging. Der Chouan setzte seine rotwollene Mütze wieder auf, blieb aber stehen und kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Da sah er Francine wie durch ein Wunder neben sich und schrie: »Heilige Anna von Auray!«

Er ließ die Peitsche fallen, faltete die Hände und blieb verzückt stehen. Eine schwache Röte lief über sein grobes Gesicht, und seine Augen strahlten wie Diamanten im Kot.

»Bist du es denn leibhaftig?« setzte er nach einer Weile hinzu. Und wieder nach einer Pause sagte er: »So schön! Ich wag's gar nicht, dich anzufassen!« wobei er gleichwohl seine breite Hand ausstreckte, um die Schwere einer dicken goldenen Kette zu befühlen, die von Francines Hals bis zu ihrer Taille hinabreichte.

»Und daran tust du gut, Pierre,« antwortete das Mädchen mit dem Instinkt, der eine Frau, sobald sie sich nicht unterdrückt fühlt, zur Despotin macht.

Stolz trat sie ein paar Schritte zurück, nachdem sie sich an der Betroffenheit des Chouans geweidet; doch dann machte sie die Härte ihrer Worte durch einen Blick voll Sanftmut wieder gut und näherte sich ihm von neuem.

»Pierre,« fing sie wieder an, »diese Dame hat von dem jungen Fräulein gesprochen, das ich begleite, nicht wahr?«

Marche-à-terre blieb stumm, und sein Gesicht kämpfte wie die Morgenröte zwischen Licht und Finsternis. Er sah abwechselnd auf Francine, die dicke Peitsche, die ihm entglitten war, und die Goldkette, die eine ebenso mächtige Anziehung für ihn zu haben schien wie das Gesicht der Bretonin. Dann bückte er sich, als wolle er seiner Unruhe ein Ende machen, nach seiner Peitsche, fuhr aber fort zu schweigen.

»Ach, es ist nicht schwer zu erraten, daß diese Frau dir befohlen hat, meine Herrin zu töten,« redete ihn Francine von neuem an, da sie die verschwiegene Treue des Gars kannte und seine Bedenken zerstreuen wollte.

Marche-à-terre nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe.

»Höre, Pierre! Wenn ihr das geringste Leid widerfährt, wenn ihr nur ein Haar gekrümmt wird, so haben wir uns heute zum letzten Male gesehen, hier so gut wie in der Ewigkeit, denn ich werde ins Paradies kommen, und du in die Hölle!«

Der Besessene, über den die Kirche ehemals in feierlichster Weise ihre Beschwörungsformeln aussprach, wurde sicherlich davon nicht tiefer bewegt als Marche-à-terre von dieser Prophezeiung, in die Francine durch die Gläubigkeit, mit der sie sie aussprach, eine Art von Gewißheit hineinlegte. Seine zuerst wild zärtlichen Blicke, die er dann kraft jenes Fanatismus bekämpft hatte, dessen Pflichten ebenso gebieterisch waren wie die der Liebe, wurden mit einem Male grimmig, als er die befehlende Miene der unschuldigen Liebsten gewahrte, der sein Herz schon lange gehörte.

Francine legte das Schweigen des Chouans auf ihre Weise aus.

»Du willst mir also nichts zuliebe tun?« fragte sie vorwurfsvoll.

Auf diese Worte hin warf er ihr einen Blick zu, der schwarz war wie die Nacht.

»Bist du frei?« fragte er in einem grunzenden Tone, den nur Francine verstand.

»Wäre ich sonst hier?« versetzte sie entrüstet. »Aber du – was tust du hier? Du hältst es noch immer mit den Königstreuen, läufst auf den Wegen umher wie ein wütendes Tier, das beißen will. O Pierre, wenn du klug wärst, kämest du mit mir! Das schöne Fräulein hat für uns gesorgt. Ich habe jetzt zweihundert Livres gute Renten, und sie hat mir das große Haus meines Onkels Thomas für fünfhundert Taler gekauft. Außerdem habe ich mir zweitausend Livres erspart.«

Aber ihr Lächeln und die Schilderung ihrer Schätze prallten an Marche-à-terres undurchdringlichem Ausdruck ab.

»Die Rektoren haben befohlen, daß wir uns in Marsch setzen sollen,« sagte er. »Für jeden Blauen gibt es einen Ablaß.«

»Aber die Blauen töten dich vielleicht!«

Seine ganze Antwort bestand in einem Fallenlassen der Arme, als bedaure er die Geringfügigkeit des Opfers, das er Gott und dem König damit darbringen würde.

»Und ich, was wird aus mir?« fragte das Mädchen schmerzerfüllt.

Marche-à-terre sah sie starr an. Seine Augen schienen sich zu erweitern, und es entrollten ihnen zwei Tränen, die nebeneinander von seinen behaarten Wangen auf die ihn deckenden Ziegenfelle flossen. Zugleich drang ein dumpfes Stöhnen aus seiner Brust.

»Heilige Muttergottes! Ist das alles, Pierre, was du mir nach einer zehnjährigen Trennung zu sagen hast! Du hast dich recht verändert.«

»Ich liebe dich noch immer!« antwortete der Chouan heftig.

»Nein,« flüsterte sie ihm ins Ohr, »der König ist dir mehr als ich!«

»Wenn du mir so kommst, gehe ich,« erwiderte er.

»Also leb wohl,« sagte sie traurig.

»Leb wohl,« wiederholte Marche-à-terre.

Er ergriff Francines Hand, drückte sie, küßte sie, machte das Kreuzzeichen und zog sich, wie ein Hund, der einen Knochen geraubt hat, rasch in den Stall zurück.

»Pille-miche,« sagte er zu seinem Gefährten, »ich sehe nicht die Hand vor Augen. Hast du dein Tabakshorn?«

»Oh, so eine schöne Kette!« erwiderte Pille-miche, während er in einer der Taschen seines Kitzfells herumsuchte.

Er hielt Marche-à-terre das kleine Rinderhorn hin, worin die Bretonen den feinen Tabak aufbewahren, den sie an den langen Winterabenden selbst zu Pulver reiben. Der Chouan reckte den Daumen, so daß sich an seinem Handgelenk die Höhlung bildete, in der die Invaliden ihre Tabaksprisen abzumessen pflegen, dann schüttelte er das von Pille-miche aufgeschraubte Tabakshorn gehörig, und sein staubfeiner Inhalt floß langsam durch das kleine Loch an der Spitze heraus. Das wiederholte er schweigend sieben- oder achtmal, gerade, als ob dieses Pulver die Kraft besessen hätte, ihn auf andere Gedanken zu bringen. Plötzlich entfuhr ihm eine verzweifelte Gebärde, er warf Pille-miche sein Tabakshorn wieder zu und ergriff einen im Stroh versteckten Karabiner.

»Sieben oder acht Prisen, hintereinander, is das nix?« sagte Pille-miche.

»Vorwärts!« rief Marche-à-terre mit heiserer Stimme, »'s gibt Arbeit!«

Etwa dreißig Chouans, die im Stroh und unter den Raufen schliefen, hoben den Kopf und verschwanden, als sie Marche-à-terre in Bereitschaft sahen, alsbald durch eine Tür, die auf die Felder hinaus führte.

Als Francine den Pferdestall verlassen hatte, fand sie die Kalesche zum Abfahren bereit vor. Fräulein von Verneuil und ihre beiden Reisegefährten waren bereits eingestiegen. Die Bretonin überlief es kalt, als sie ihre Herrin neben der Frau sitzen sah, die soeben ihren Tod befohlen. Der junge Offizier setzte sich Marie gegenüber, und sobald auch Francine ihren Platz eingenommen hatte, fuhr der Wagen in schnellem Trabe davon.

Die Sonne hatte die grauen Herbstwolken zerstreut, und ihre Strahlen gaben der Eintönigkeit der Felder einen jugendlich festlichen Schimmer. Viele Liebende halten solche Zufälligkeiten für Vorbedeutungen.

Francine wurde von dem anfänglich zwischen den Reisenden herrschenden Stillschweigen sonderbar berührt. Fräulein von Verneuil hatte ihre kalte Miene wieder angenommen und hielt die Augen gesenkt, den Kopf sanft geneigt und die Hände von einer Art Umhang verdeckt, in den sie sich gehüllt. Wenn sie den Blick hob, geschah es nur, um die Landschaftsbilder zu betrachten, die rasch an ihnen vorbeiflogen. Der Bewunderung sicher, entzog sie sich ihr. Aber ihre anscheinende Unbefangenheit zeugte eher von Koketterie als von Aufrichtigkeit. Die rührende Reinheit, die zarten Seelen in ihren mannigfachen Äußerungen eine solche Harmonie verleiht, schien ihren Zauber diesem Geschöpf versagt zu haben, das durch seine lebhafte Eindrucksfähigkeit für die Stürme der Liebe bestimmt war.

In der Freudigkeit der Gefühle, die der beginnende Liebeshandel in ihm weckte, versuchte der Unbekannte noch nicht, sich den Mißklang zu deuten, der zwischen der Gefallsucht dieses sonderbaren Mädchens und dem zuvor von ihr bewiesenen hohen Geistesschwung herrschte. Denn erlaubte ihm diese zur Schau getragene Offenheit nicht, ihr Gesicht nach Belieben zu betrachten, das jetzt in seiner Ruhe ebenso schön war wie kurz zuvor in der Erregung? Wir pflegen die Quelle unserer Genüsse nicht anzuklagen.

Es ist schwierig für eine schöne Frau, sich im Wagen den Blicken ihrer Mitreisenden zu entziehen, deren Augen sich auf sie richten, als suchten sie in ihr eine Ablenkung von der Einförmigkeit der Fahrt. Höchst erfreut, den Wünschen seiner aufkeimenden Leidenschaft Genüge tun zu können, ohne daß die Unbekannte seinen Blick vermieden oder sich über seine Hartnäckigkeit erzürnt hätte, gab sich der junge Offizier der Betrachtung der reinen, köstlichen Linien des Gesichtes hin, das es ihm angetan hatte. Es war ihm wie ein Gemälde. Bald ließ die Sonne die zarten Nasenflügel rosig aufleuchten und belebte den Doppelbogen, der die Nase mit der Oberlippe verband; bald hob ein schwacher Strahl die reiche Belebtheit der Haut hervor, die, unter den Augen und um den Mund herum perlmutterfarben, auf den Wangen rosig und auf Schläfen und Hals matt schimmerte. Er bewunderte die Gegensätze von Hell und Dunkel, welche die das Gesicht umrahmenden schwarzen Locken erzeugten, und wodurch sie den Zügen eine Anmut aufprägten, die sie bald nicht mehr besitzen sollten.

Wie ist an der Frau alles so flüchtig! Ihre Schönheit von heute ist oft nicht mehr die von gestern – glücklicherweise vielleicht! Der vermeintliche Seemann, der noch in dem Alter war, in dem der Mann seine Freude in all den kleinen Nichtigkeiten findet, die zusammen die Liebe ausmachen, wartete voller Seligkeit auf die Wiederkehr des verführerischen Spiels, in welches das Atmen die Brust versetzte, auf ein Aufschlagen und Senken der Lider. Manchmal gefiel es ihm auch, einen Einklang zwischen dem Ausdruck der Augen und der unmerklichen Biegung der Lippe zu finden. Jede Bewegung erschloß ihm eine neue Seele, jede Gebärde ein neues Gesicht. Sobald ein Gedanke diese lebhaften Züge erregte, eine plötzliche Röte sich über sie ergoß, ein Lächeln sie belebte, suchte er mit tausend Wonnen die Geheimnisse dieser Frau zu erraten und fürchtete bereits, sie nie wieder zu sehen. Alles an ihr nahm das Herz, nahm die Sinne gefangen; und selbst das Schweigen, weit entfernt, sich trennend zwischen den Herzen aufzurichten, wurde ein gemeinsames Band für die Gedanken.

Mehrere Blicke, bei denen ihre Augen denen des Fremden begegneten, belehrten Fräulein von Verneuil, daß sie sich durch längeres Schweigen etwas vergeben würde. So stellte sie denn, zu Frau von Gua gewendet, ein paar jener bedeutungslosen Fragen, wie man sie zur Einleitung eines Gesprächs benutzt; doch konnte sie es sich nicht versagen, auch ihren jungen Partner mit in die Unterhaltung zu ziehen.

»Gnädige Frau,« sagte sie, »wie konnten Sie sich nur entschließen, Ihren Herrn Sohn zur Marine zu geben? Sie setzen sich dadurch ja einer ewigen Angst aus.«

»Ach, das Schicksal der Frauen – der Mütter, will ich sagen, ist es ja nun einmal, für ihr Liebstes zu bangen!«

»Ihr Herr Sohn sieht Ihnen so ähnlich!«

»Finden Sie, Fräulein?«

Diese unschuldige Bestätigung des Alters, das Frau von Gua sich selbst gegeben, entlockte dem jungen Manne ein Lächeln und bereitete seiner angeblichen Mutter neuen Verdruß. Der Haß dieser Frau wuchs mit jedem leidenschaftlichen Blick, den ihr Sohn auf Fräulein von Verneuil warf. Schweigen oder Reden – alles weckte eine fürchterliche Wut in ihr, die sie jedoch unter dem liebevollsten Benehmen verbarg.

»Mein Fräulein,« sagte nun der Unbekannte, »Sie haben nicht recht. Wir Seeleute sind nicht mehr gefährdet als die andern Soldaten. Die Frauen sollten die Marine nicht hassen; haben wir vor den Landtruppen nicht den ungeheuren Vorteil, daß wir unsern Geliebten treu bleiben?«

»Nun ja, gezwungenermaßen!« erwiderte lachend Fräulein von Verneuil.

»Immerhin ist es Treue,« warf Frau von Gua beinahe finster ein.

Das Gespräch belebte sich und ging auf Gegenstände über, die nur für die drei Reisenden Bedeutung besaßen; denn unter solchen Umständen wissen geistreiche Menschen auch dem Gewöhnlichsten eine neue Bedeutung zu geben; aber die anscheinend tändelnde Unterhaltung, in deren Verlauf die einander Unbekannten sich gegenseitig auszufragen suchten, barg versteckte Begierden, Leidenschaften und Hoffnungen. Die Klugheit und Spottsucht des Fräuleins von Verneuil, die nicht vergaß, daß sie auf ihrer Hut sein mußte, überzeugten Frau von Gua, daß nur Verleumdung und Verrat ihr den Sieg über eine durch Geist wie Schönheit gleich furchtbare Nebenbuhlerin würden verschaffen können.

Die Reisenden hatten ihre Eskorte eingeholt, und der Wagen fuhr jetzt langsamer. Der junge Seemann bemerkte einen langgedehnten Abhang, den sie hinauf mußten, und schlug Fräulein von Verneuil einen Spaziergang vor. Sein feiner Takt, seine einnehmende Höflichkeit schienen sie zu bestimmen, und ihre Einwilligung schmeichelte ihm.

»Schließen Sie sich an, gnädige Frau?« wandte Marie sich an Frau von Gua. »Wollen Sie auch ein Stück spazierengehen?«

»Die Kokette!« murmelte die Angeredete beim Aussteigen.

Fräulein von Verneuil und der Unbekannte gingen nun miteinander, aber jeder für sich. Der schon heftig entbrannte Seemann konnte es kaum abwarten, bis er sich des Zwanges entledigen konnte, der ihm auferlegt wurde und den er recht gut bemerkt hatte. Er glaubte seinen Zweck am besten zu erreichen durch ein tändelndes Geplauder unter Zuhilfenahme seiner französischen Liebenswürdigkeit, jenes bisweilen leichten, bisweilen ernsten, jedoch immer ritterlichen, oft spottlustigen Geistes, der die hervorragenden Männer des vertriebenen Adels auszeichnete. Aber seine lachlustige Gefährtin neckte ihn so boshaft, verstand es, ihm seine Absicht zu tändeln so geringschätzig vorzuwerfen, und hielt sich dafür um so absichtlicher an den männlichen Gedankengang und die hohen Ideen, die trotz allem in seiner Rede zum Ausdruck kamen, daß er leicht das Geheimnis, ihr zu gefallen, erriet.

Die Unterhaltung änderte sich also, und der Fremde machte die Versprechungen wahr, die auf seinem ausdrucksvollen Gesicht standen. Von einer Minute zur andern stieß er auf neue Schwierigkeiten in der Beurteilung der Sirene, die es ihm immer mehr antat, und er sah sich gezwungen, seine Beurteilung des jungen Mädchens aufzugeben, das sich damit belustigte, all seine Schlüsse wieder umzustoßen. So kam es, daß er, der zuerst nur von Anblick ihrer Schönheit verführt worden war, sich nun mit einer von ihr selbst wissentlich erregten Neugier zu dieser unbekannten Seele hingezogen fühlte.

Das Gespräch nahm bald einen Ton von Vertrautheit an, der wenig zu dem Gepräge stimmte, das Fräulein von Verneuil sich bemüht hatte, ihm anfangs zu geben und aufrechtzuerhalten. Obwohl Frau von Gua ihnen gefolgt war, hatten die beiden doch unmerklich eine schnellere Gangart angenommen und sie nun etwa hundert Schritte hinter sich gelassen. So gingen sie über den feinen Sand der Landstraße, glücklich wie die Kinder, daß sie den leichten Hall ihrer Tritte vereinen konnten, glücklich, daß derselbe Strahl, der von der Frühlingssonne auszugehen schien, sie umschloß, glücklich, gemeinsam die Herbstdüfte zu atmen, die so voll Pflanzenmoder sind, daß sie wie eine der Melancholie durch die Luft zugeführte Nahrung scheinen. Wenn sie daher auch beide in ihrer flüchtigen Vereinigung nichts als ein galantes Abenteuer sahen, so teilten doch Himmel, Gegend und Jahreszeit ihren Empfindungen einen Hauch von Schwere mit, der ihnen den Anschein der Leidenschaft gab.

Sie begannen damit, den herrlichen Tag zu rühmen; dann sprachen sie über ihr seltsames Zusammentreffen, von dem bevorstehenden Bruch einer Vereinigung, die ihnen kostbar war, und von der Leichtigkeit, mit der man sich Menschen aufschließt, die man niemals wiedersehen soll. Bei dieser letzten Bemerkung machte der junge Mann Gebrauch von der Erlaubnis, vertraut mit ihr zu reden, die sie ihm stumm zu geben schien, und versuchte, als ein Mann, dem solche Umstände nichts Fremdes waren, ihr einige verhüllte Geständnisse zu machen.

»Ist es Ihnen aufgefallen, mein Fräulein,« sagte er, »wie die Gefühle in unserer schreckensvollen Zeit selten der abgetretenen Straße folgen? Verrät nicht alles um uns her eine unerklärliche Plötzlichkeit? Heutzutage lieben und hassen wir auf einen einzigen Blick hin. Man vereint sich fürs Leben oder verläßt einander mit der Schnelligkeit, mit der man zum Tode geht; man beeilt sich mit allem, genau so, wie es das Volk mit seinen Tumulten tut. Inmitten von Gefahren ketten sich die Geschicke fester aneinander, und in Paris hat ein jeder, wie auf dem Schlachtfeld, noch kürzlich erfahren können, was der Druck einer Hand wert sein kann.«

»Man fühlt eben die Notwendigkeit, rasch und viel zu leben,« antwortete sie, »vielleicht, weil man wenig Zeit zum Leben hat.«

Bei diesen Worten warf sie ihrem jungen Gefährten einen Blick zu, der ihm das Endziel ihrer kurzen Reise andeuten zu wollen schien.

»Was denken Sie von mir?« fragte er nach einem Augenblick des Schweigens. »Sagen Sie mir Ihre Meinung ohne Umschweif.«

»Auf diese Weise wollen Sie sich jedenfalls das Recht sichern, mir einiges über mich zu sagen,« erwiderte sie lachend.

»Sie antworten nicht?« fragte er nach einer leichten Pause. »Nehmen Sie sich in acht, keine Antwort ist oft auch eine Antwort.«

»Errate ich nicht schon alles, was Sie mir zu sagen hätten? Ach, mein Gott, Sie haben schon zu viel gesagt!«

»Oh, wenn wir uns verstehen,« versetzte er lachend, »so habe ich ja mehr erreicht, als ich zu hoffen wagte!«

Sie lächelte so reizend, daß es schien, als nehme sie den ritterlichen Kampf an, mit dem der Mann gerne die Frau bedroht. Nun überzeugten sie einander, ernsthaft wie im Scherz, davon, daß es ihnen unmöglich sei, sich jemals mehr zu werden, als was sie sich im Augenblicke waren; daß der junge Mann sich einer zukunftslosen Liebe überlassen und sie darüber lachen könnte. Und nachdem sie so eine eingebildete Schranke zwischen sich aufgerichtet, zeigten sie sich beide gleich eilig, die gefährliche Freiheit zu benutzen, die sie sich zugestanden hatten.

Fräulein von Verneuil stieß an einen Stein und vertrat sich den Fuß.

»Nehmen Sie meinen Arm,« sagte der Unbekannte.

»Das muß ich wohl, Sie Leichtsinn! Meine Weigerung würde Sie zu stolz machen. Denn sähe das nicht aus, als fürchtete ich Sie?«

»Ach, mein Fräulein,« sagte er und drückte ihren Arm an sein Herz, so daß sie dessen Schläge spürte. »Ihre Gunst wird mich stolz machen.«

»Nun, meine Bereitwilligkeit wird Sie recht enttäuschen.«

»Wollen Sie mich schon gegen die Gefahr der Gemütsbewegung verteidigen, die Sie erregen?«

»Ich bitte Sie, hören Sie auf, mich in diese Wortfechterei, diese Boudoirhöflichkeit einzuwickeln. Ich habe bei einem Mann von Charakter nicht gern den Geist, den auch ein Narr haben kann. Sehen Sie, wir sind unter einem hohen Himmel auf dem freien Lande! Vor uns und hinter uns ist alles groß. Sie wollen mir sagen, daß ich schön sei, nicht wahr? Ihre Augen sagen es mir besser. Außerdem weiß ich es, und ich gehöre nicht zu den Frauen, die Komplimente lieben. Von Ihren Gefühlen möchten Sie mir doch nicht etwa reden?« schloß sie mit spöttischem Nachdruck. »Glauben Sie denn, ich sei einfältig genug, an plötzliche Zuneigungen zu glauben, die stark genug wären, um ein ganzes Leben durch die Erinnerung an einen einzigen Morgen zu beherrschen?«

»Nicht an einen einzigen Morgen,« antwortete er, »sondern an eine schöne Frau, die sich großmütig gezeigt hat.«

»Sie vergessen viel größere Lockungen: eine unbekannte Frau, an der alles seltsam scheinen muß, der Name, die Art, die Lebenslage, die Freiheit des Geistes und des Benehmens . . .«

»Sie sind mir nicht unbekannt,« rief er, »ich habe verstanden, in Ihnen zu lesen, und ich möchte Ihren Vorzügen keinen hinzufügen als höchstens ein wenig mehr Vertrauen in die Liebe, die Sie sofort einflößen.«

»Oh, sprechen Sie schon von Liebe?« sagte sie lächelnd. »Nun gut, meinetwegen. Das ist ein guter Gesprächsgegenstand zwischen zwei Leuten, genau wie Regen und schönes Wetter. Ergreifen wir ihn also! Sie werden in mir weder falsche Bescheidenheit noch Kleinlichkeit finden. Ich kann dieses Wort hören, ohne zu erröten; es ist mir so oft ohne den Klang des Herzens gesagt worden, daß es beinahe bedeutungslos für mich geworden ist. Im Theater ist es mir wiederholt worden, in den Büchern, in der Gesellschaft, überall. Aber ich habe niemals etwas kennengelernt, was diesem herrlichen Gefühl entsprach.«

»Haben Sie es gesucht?«

»Ja.«

Sie sprach das kleine Wort mit so viel Gefühl aus, daß der junge Mann eine Gebärde des Erstaunens machte und Fräulein von Verneuil fest ansah, als hätte er seine Meinung über ihren Charakter und ihre wahre Lage plötzlich geändert. Mit schlecht verhehlter Bewegung fragte er:

»Sind Sie Mädchen oder Frau, Engel oder Teufel?«

»Ich bin das eine wie das andere,« erwiderte sie lachend. »Liegt nicht immer etwas Engelhaftes und etwas Teuflisches in einem jungen Mädchen, das nicht geliebt hat, nicht liebt und vielleicht niemals lieben wird?«

»Und Sie fühlen sich dabei glücklich?« sagte er mit freierem Ton und freierer Haltung, als empfinde er schon weniger Achtung für seine Befreierin.

»Glücklich,« antwortete sie, »ach nein. Wenn ich daran denke, daß ich allein bin und von gesellschaftlichen Rücksichten abhänge, die mich notgedrungen berechnet machen, beneide ich den Mann um seine Vorrechte. Denke ich aber all der Mittel, die uns die Natur gegeben hat, um die Männer uns dienstbar zu machen, sie in den unsichtbaren Netzen einer Macht zu verstricken, der keiner von ihnen zu widerstehen vermag, dann gefällt mir meine Rolle hier auf Erden ganz gut; bis sie mir dann plötzlich wieder kleinlich vorkommt und ich fühle, daß ich den Mann verachten würde, der sich durch die üblichen Verführungskünste täuschen ließe. Kurzum, bald spüre ich mein Joch, und es gefällt mir, dann wieder scheint es mir furchtbar, und ich sträube mich dagegen; bald empfinde ich den Wunsch nach Hingebung, der eine Frau so emporhebt, dann wieder ein verzehrendes Machtverlangen. Vielleicht ist das der Kampf zwischen Gut und Böse, der jedes irdische Geschöpf erfüllt. Engel und Teufel – Sie haben es gesagt. Ach, nicht erst heute erkenne ich meine Doppelnatur! Wir Frauen begreifen unsere eigene Unzulänglichkeit noch besser als ihr. Besitzen wir nicht einen Instinkt, vermöge dessen wir in allen Dingen eine Vollkommenheit ahnen, die zu erlangen zweifellos unmöglich ist? Aber«, schloß sie mit einem Seufzer, »was uns in den Augen des Mannes erhebt, ist der Kampf, den wir alle, mehr oder weniger, gegen ein unvollkommenes Geschick kämpfen.«

»Marie, warum trennen wir uns nur heute abend?«

»Ach,« sagte sie lachend auf den leidenschaftlichen Blick, den ihr Gesellschafter ihr zuwarf, »kehren wir zum Wagen zurück, die freie Luft tut uns nicht gut.«

Sie wandte sich rasch um; der Unbekannte folgte ihr und drückte ihren Arm in einer Weise, die zwar nicht von großer Ehrerbietung zeugte, dafür aber von herrischen Wünschen und von Bewunderung. Sie ging daraufhin schneller. Der Seemann erriet, daß sie einer ungelegenen Erklärung ausweichen wollte, und wurde dadurch nur um so leidenschaftlicher, wagte alles, um dieser Frau einen ersten Gunstbeweis zu entlocken, und sprach, indem er sie verschmitzt anblickte: »Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten?«

»O ja, schnell, wenn es Sie betrifft!«

»Ich stehe nicht im Dienste der Republik. Wohin gehen Sie? Ich werde mitgehen.«

Bei diesen Worten erzitterte sie heftig, entzog ihm ihren Arm und bedeckte das Gesicht mit den Händen, um ihn die Röte oder vielleicht auch Blässe nicht sehen zu lassen, die ihre Züge veränderte. Alsbald aber machte sie ihr Gesicht wieder frei und warf ihm einen aus Schrecken und Vorwurf gemischten Blick zu, worauf sie mit weichgewordener Stimme sprach:

»Sie haben also angefangen, wie Sie fast aufgehört haben würden, Sie haben mich betrogen?«

»Ja.«

Bei dieser Antwort drehte sie dem Wagen, dem sie sich näherten, den Rücken und begann mit seltsamer Hast vorwärts zu eilen.

»Sie sagten doch vorhin, die Luft sei Ihnen nicht zuträglich,« begann wieder der Fremde.

»Oh, sie hat sich geändert,« sagte sie in ernstem Ton und schritt, von stürmischen Gedanken angetrieben, weiter.

»Sie schweigen?« fragte ihr Begleiter, dessen Herz die süße Ahnung der Liebeserwartung erfüllte.

»Oh!« erwiderte sie kurz, »die Tragödie hat rasch angefangen!«

»Von welcher Tragödie sprechen Sie?«

Sie blieb stehen und musterte ihn zunächst mit einem Ausdruck, der zugleich Furcht und Neugier verriet; dann verbarg sie die erregenden Gefühle unter einer undurchdringlichen Ruhe und bewies damit, daß sie eine für ein junges Mädchen bemerkenswerte Lebensgewandtheit besaß.

»Wer sind Sie? Aber ich weiß es! Als ich Sie sah, ahnte ich es. Sie sind der royalistische Befehlshaber, der Gars? Der Bischof von Autun hat wohl recht, wenn er sagt, daß dem Unglück stets eine böse Ahnung vorhergehe.«

»Welches Interesse haben Sie nur daran, ihn kennenzulernen?«

»Welches Interesse hätte wohl er, sich vor mir zu verbergen, wenn ich ihm schon das Leben gerettet habe?«

Sie lachte, aber gezwungen.

»Ich habe weislich daran getan, Ihre Liebeserklärung zu verhindern. Wissen Sie denn, daß ich Sie hasse! Ich bin Republikanerin, Sie sind königstreu, und ich würde Sie ausliefern, wenn Sie nicht mein Wort hätten, wenn ich Sie nicht schon einmal gerettet hätte, und wenn . . .«

Sie hielt inne. Ihre heftige Selbstanklage, der innere Kampf, den zu verbergen sie sich nicht einmal Mühe gab, beunruhigten den Unbekannten, der vergebens versuchte, sie zu beobachten.

»Trennen wir uns augenblicklich, ich will es. Leben Sie wohl!«

Sie wandte sich heftig um, ging ein paar Schritte und kehrte dann wieder zurück.

»Doch nein, ich will und muß erfahren, wer Sie sind. Verhehlen Sie mir nichts, sagen Sie mir die Wahrheit. Wer sind Sie?«

»Ein Seemann, der bereit ist, dem Meere zu entsagen, um Ihnen überall zu folgen, wohin Ihre Phantasie mich zu führen wünscht. Wenn ich den Vorteil habe, daß Sie mich geheimnisvoll finden, werde ich mich wohl hüten, Ihnen Ihre Neugier zu nehmen. Warum sollten wir die ernsten Dinge des wirklichen Lebens mit dem Leben des Herzens in Berührung bringen, in dem wir anfingen, uns so gut zu verstehen?«

»Unsere Seelen hätten sich wohl verstehen können,« sprach sie ernst. »Aber ich habe nicht das Recht, Ihr Vertrauen zu verlangen, mein Herr. Sie werden niemals die Größe Ihrer Verpflichtungen gegen mich kennenlernen. Ich werde stumm bleiben.«

Im tiefsten Schweigen gingen sie ein paar Schritte.

»Welchen Anteil Sie an meinem Leben nehmen!« begann der Unbekannte von neuem.

»Verzeihen Sie, mein Herr! Ihren Namen, oder – schweigen Sie. Sie sind ein Kind«, setzte sie achselzuckend hinzu, »und tun mir leid.«

Die Hartnäckigkeit, mit der die Reisende darauf bestand, sein Geheimnis kennenzulernen, ließ den angeblichen Seemann zwischen der gebotenen Vorsicht und seinen Wünschen schwanken. Der Unwillen einer Frau, die man begehrt, ist sehr mächtig. Ihre Unterwerfung wie ihr Zorn ist gleich gebieterisch, sie greift alle Fibern im Herzen des Mannes an, durchdringt es, unterjocht es. War dies wiederum nur eine Koketterie des Fräuleins von Verneuil? Trotz seiner Leidenschaft hatte der Fremde die Kraft, einer Frau zu mißtrauen, die ihm mit Gewalt ein Geheimnis entreißen wollte, von dem sein Leben abhing.

»Warum«, fragte er und ergriff ihre Hand, die sie ihm in der Zerstreuung überließ, »hat meine Unbedachtsamkeit, die dem heutigen Tag eine Zukunft gab, seinen Zauber zerstört?«

Fräulein von Verneuil schien zu leiden, sie blieb stumm.

»Womit kann ich Sie betrüben?« fuhr er fort. »Was kann ich tun, um Sie zu besänftigen?«

»Sagen Sie mir Ihren Namen.«

Nun blieb er stumm, und sie gingen wieder einige Schritte weiter. Plötzlich stand Fräulein von Verneuil still, wie jemand, der einen bedeutsamen Entschluß gefaßt hat.

»Herr Marquis von Montauran,« sagte sie voller Würde, jedoch ohne daß es ihr gelang, der Erregung ganz Herr zu werden, die ihre Züge nervös erzittern ließ, »wie teuer es mich auch zu stehen kommen kann, ich bin glücklich, Ihnen einen guten Dienst zu erweisen. Hier werden wir uns trennen. Meine Eskorte und mein Wagen sind für Ihre Sicherheit zu notwendig, als daß Sie beides nicht annehmen müßten. Fürchten Sie nichts von den Republikanern; all diese Soldaten, sehen Sie, sind ehrenhafte Leute, und ich werde dem Hauptmann Merle Befehle geben, die er treulich ausführen wird. Ich für mein Teil kann mit meinem Kammermädchen zu Fuß nach Alençon zurückkehren; einige Soldaten werden uns geleiten. Hören Sie mich gut an, es handelt sich um Ihren Kopf! Sollten Sie, ehe Sie in Sicherheit sind, dem jungen Gecken begegnen, den Sie im Gasthofe gesehen haben, so fliehen Sie, denn er würde Sie sofort ausliefern. Was mich betrifft . . .« Sie machte eine Pause. »Ich stürze mich stolz wieder ins Elend des Daseins zurück,« endete sie mit Tränen in der Stimme. »Leben Sie wohl, und mögen Sie glücklich sein! Leben Sie wohl.«

Sie winkte dem Hauptmann Merle, der gerade die Höhe des Abhanges erstieg.

Da rief der junge Mann, der sich keiner so plötzlichen Lösung versehen hatte, mit gut gespielter Verzweiflung:

»Warten Sie!«

Die sonderbare Grille des Mädchens, für das er in diesem Augenblick sein Leben geopfert hätte, überraschte ihn so sehr, daß er eine bedauerliche List ersann, um ihr zugleich seinen Namen vorzuenthalten und ihre Neugier zu befriedigen.

»Sie haben beinahe richtig geraten,« sagte er. »Ich bin ein Emigrant, wurde zum Tode verurteilt und heiße Marquis von Marigny. Die Liebe zum Vaterland hat mich nach Frankreich zurückgetrieben. Ich hoffe, daß durch den Einfluß der Frau von Beauharnais, die heute die Gemahlin des Ersten Konsuls ist, mein Name von der Emigrantenliste gestrichen werden wird. Wenn mir dies jedoch nicht gelingt, so will ich neben meinem Freunde, dem Marquis von Montauran, kämpfen und auf heimatlicher Erde sterben. Zunächst werde ich indes mit Hilfe eines Passes, den er mir hat zukommen lassen, insgeheim in Erfahrung zu bringen suchen, ob mir von meinen bretonischen Besitzungen noch etwas übriggeblieben ist.«

Während er sprach, beobachtete ihn Fräulein von Verneuil mit durchbohrenden Blicken. Erst versuchte sie, an seinen Worten zu zweifeln; aber in ihrer vertrauensvollen Leichtgläubigkeit gewannen ihre Züge bald ihren heiteren Ausdruck wieder und sie rief: »Herr Marquis, ist das, was Sie da sagen, wirklich wahr?«

»Vollkommen wahr,« bestätigte der Unbekannte, der in seinem Umgang mit Frauen wenig rechtlich zu verfahren schien.

Fräulein von Verneuil seufzte schwer, wie jemand, der ins Leben zurückkehrt.

»Ach!« rief sie dann, »wie glücklich ich bin!«

»Sie scheinen meinen armen Montauran recht sehr zu hassen!«

»Nein,« sagte sie, »Sie können mich nicht verstehen. Ich hätte nur nicht gewollt, daß Sie von den Gefahren bedroht wären, vor denen ich ihn zu schützen suchen will, da er Ihr Freund ist.«

»Woher wissen Sie, daß Montauran . . .«

»Herr Marquis, ehren Sie mein Geheimnis und leihen Sie mir Ihre Achtung, bis ich Sie beide gerettet habe; dann mögen Sie mich beurteilen. Wie dann Ihr Spruch auch lauten möge, ich unterwerfe mich ihm zum voraus. Bis dahin aber verbiete ich Ihnen, mich zu verdächtigen und – mich zu hassen.«

»Sie hassen! Ich liebe Sie ja!«

»So schnell? Nein, Sie lieben mich nicht, Sie sehen in mir nur den Gegenstand einer flüchtigen Verliebtheit. Habe ich Sie nicht richtig erkannt? Wie könnte auch eine Frau, die mit den Gepflogenheiten der guten Gesellschaft vertraut ist, sich angesichts der jetzt herrschenden Sitten irren, wenn sie einen Schüler der Polytechnischen Schule in so gewählten Ausdrücken reden hört, noch dazu, wenn er die Manieren des großen Herrn so schlecht wie Sie unter der rauhen Schale des Republikaners verbirgt! Aber Ihre Haare zeigen noch Spuren von Puder, und Sie haben ein adeliges Etwas an sich, das einer Frau der großen Welt nicht entgehen kann. Und weil ich aus diesem Grunde zitterte, daß mein Beaufsichtiger, der von weiblicher Schlauheit ist, Sie erkennen würde, habe ich ihn fortgeschickt. Ein wirklicher Offizier aus der Militärschule würde nicht meinen, Glück bei mir zu machen, und mich nicht für eine hübsche Intrigantin halten. Gestatten Sie mir, Herr von Marigny, daß ich Ihnen bei dieser Gelegenheit eine kleine Gardinenpredigt halte. Sind Sie denn noch so jung, nicht zu wissen, daß von allen Geschöpfen unseres Geschlechtes die Frau am schwierigsten zu unterjochen ist, deren Wert beziffert und die des Vergnügens überdrüssig ist? Solch eine Frau, habe ich mir sagen lassen, stellt ungeheure Ansprüche an die Verführungskünste des Mannes und gibt nur ihren Launen nach. Sich bei ihr einschmeicheln zu wollen, wäre abgeschmackt. Wenn wir von der Klasse von Frauen absehen, in die Sie galant genug sind, mich einzureihen, so müssen Sie doch begreifen, daß eine vornehmgesinnte, schöne, geistvolle, junge Frau (diese Vorzüge gestehen Sie mir doch zu) sich nicht verkauft, sondern nur auf eine einzige Art zu erringen ist, durch Liebe. Sie verstehen mich? Wenn sie liebt und eine Torheit begehen will, muß sie durch einen großen Gesichtspunkt gerechtfertigt sein. Verzeihen Sie mir diesen bei Personen unseres Geschlechts so seltenen Aufwand an Logik, aber um Ihrer Ehre willen und – der meinen«, sagte sie und verbeugte sich leicht, »möchte ich nicht, daß wir uns über unsere Verdienste täuschten, und daß Sie glaubten, Fräulein von Verneuil, ob Engel oder Teufel, Mädchen oder Frau, ließe sich durch abgedroschene Schmeicheleien fangen.«

»Mein Fräulein,« sagte der Marquis, dessen Erstaunen, wenn er es auch verbarg, außerordentlich war, und der mit einem Schlage wieder der Mann von Welt wurde, »ich flehe Sie an, zu glauben, daß ich Sie für eine sehr edle, gütige Frau von hoher Gesinnung halte.«

»So viel verlange ich gar nicht, Herr Marquis,« erwiderte sie lachend. »Lassen Sie mir mein Inkognito. Meine Maske ist besser, als die Ihre es war, und mir gefällt es, sie beizubehalten, wäre es auch nur, um zu erfahren, ob ich von dem geliebt werde, der mir von Liebe spricht . . . Wagen Sie sich, also nicht leichtfertig in meine Nähe. – Hören Sie,« fuhr sie fort und faßte ihn heftig beim Arme: »wenn Sie mich von wirklicher Liebe zu überzeugen vermöchten, würde keine Macht auf Erden uns trennen. Ja, ich möchte mein Geschick an das eines großen Mannes knüpfen, einen ungeheuren Ehrgeiz, schöne Gedanken zu den meinen machen. Edle Herzen sind nicht untreu, denn sie besitzen die Kraft der Beständigkeit: ich würde somit immer geliebt werden, immer glücklich bleiben. Ich aber würde jederzeit bereit sein, mich zu einer Stufe zu machen, um den Mann, dem meine Liebe gehörte, ein wenig höher emporzuheben, mich für ihn aufzuopfern, alles von ihm zu ertragen, ihn immer zu lieben, selbst wenn er mich einmal nicht mehr liebte. Nie habe ich es gewagt, einem anderen Herzen die Wünsche meines eigenen oder die leidenschaftliche Glut der Begeisterung anzuvertrauen, die mich verzehrt; Ihnen jedoch mag ich wohl etwas davon sagen, da wir uns trennen werden, sobald Sie in Sicherheit sind.«

»Uns trennen! niemals,« sprach er, von dem Klange dieser lebensvollen Seele hingerissen, die gegen etwas Ungeheures anzustürmen schien.

»Sind Sie frei?« fragte sie und warf ihm einen verächtlichen Blick zu, der ihn herabsetzte.

»Oh, frei . . . ja, mit Ausnahme des Todesurteils.«

Da sagte sie mit einer Stimme voll bitterer Gefühle:

»Wie schön würde das Leben sein, wenn all dieses kein Traum wäre! aber wenn ich Torheiten geredet habe, so lassen Sie uns doch keine begehen. Stelle ich mir all das vor, was Sie sein müßten, um mich nach meinem wirklichen Werte zu schätzen, dann zweifle ich an allem.«

»Und ich würde an gar nichts zweifeln, wenn Sie mich . . .«

»Still!« rief sie, als sie diese Worte mit dem Tone echter Leidenschaft aussprechen hörte, und setzte ohne alle Bitterkeit hinzu: »Die Luft tut uns jetzt entschieden nicht mehr gut, wir wollen zu unseren Hüterinnen zurückkehren.«

*

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