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Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.

J. Tom Lewis, Fremden-Geschäftsträger.

Von allen Pariser Schlupfstätten, von allen Ali-Baba-Höhlen, mit denen die große Stadt miniert und gegenminiert ist, giebt es keine, die merkwürdiger wäre und ein so interessantes Gefüge aufzuweisen hätte, wie die Agentur Lewis. Der Leser kennt sie; es kennt sie jedermann, zum wenigsten doch von außen. Sie befindet sich in der Rue Royale, an der Ecke des Faubourg Saint-Honoré, mitten auf dem Wege, welchen die Kutschen fahren nach dem Wäldchen hin und vom Wäldchen zurück, ohne daß auch nur eine einzige sich der aufdringlichen Reklame dieses luxuriösen Hofparterres erwehren könnte, zu welchem acht Stufen hinaufführen, dieses Hoch-Parterres mit seinen hohen Fenstern aus einer einzigen Scheibe, deren jedes die in Karmesinrot, Azurblau und Gold gemalten Wappen der Hauptmächte Europas, Adler, Einhörner, Leoparden, die gesamte Menagerie der Heraldik, aufweist. Auf dreißig Meter Entfernung lenkt in der ganzen Breite dieser Straße, die einem Boulevard gleichkommt, die Agentur Lewis die Blicke auf sich auch solcher Leute, deren schwache Eigenschaft die Neugierde sonst nicht ist. Es fragt sich ein jeder: »Was wird denn dort verkauft?« – »Was wird dort nicht verkauft?« würde die Frage besser gestellt lauten. Auf jeder Scheibe liest man tatsächlich hier in schönen Goldbuchstaben: »Wein, Liköre, Nahrungsmittel, Pale-Ale, Kümmel, Raki, Kaviar, Stockfisch mariniert« oder auch: »Altes und neues Mobiliar, Tapeten, Blattgewächse, Smyrnaer und Ispahaner Teppiche«; ein paar Scheiben weiter: »Gemälde von berühmten Meistern, Marmor- und Terracotta-Waren, Luxuswaffen, Medaillen, Rüstungen«; an andrer Stelle: »Geld auf Gold, Wechsel-Diskont, ausländische Münzen«; oder auch: »Universal-Buchhandlung, Zeitschriften und Zeitungen aus allen Ländern, in allen Zungen«; und daneben: »Verkäufe, Vermietungen und Verpachtungen, Jagden, Grundstücke, Landsitze«; oder auch: »Auskünfte aller Art, Verschwiegenheit, Promptheit, Geschwindigkeit.«

Dieses Gewimmel von Aufschriften und blitzenden Wappen trübt das Licht der Schaufenster auf seltsame Weise und gestattet keinen rechten Blick auf die Gegenstände, die sich dahinter ausbreiten. Undeutlich unterscheidet man Flaschen von fremder Gestalt und in fremden Farben, Stühle aus geschnitztem Holz, Bilder, Pelze, sodann in Mulden und Schüsselchen Piaster in etwelchen losen Rollen und Papiergeld in allerhand Bündeln und Stößen. Aber die geräumigen Untergeschosse der Agentur, die durch vergitterte Guckfenster im Trottoir auf die Straße über ihnen den Blick öffnen, dienen den etwas schreierischen Schaufenstern und Auslagen des großen, weiten Ladens als solider und ernster Unterbau, vermitteln den Eindruck von wohlausgestatteten Magazinen der Londoner Altstadt, ohne den Chic und die Schneidigkeit eines Schaufensters vom Boulevard de la Madeleine vermissen zu lassen. Das schäumt dort unten in diesen Räumen über von Schätzen und Reichtümern aller Art, von Fässern und Fäßchen in Reih und Glied, von Stoffballen, Konservenbüchsen, Kisten und Kästen und Koffern bergehoch; Tiefen eröffnen sich dem Auge dort unten, daß einen Schwindel befällt, ganz so, wie wenn man auf der Brücke eines zur Abfahrt sich rüstenden Packetdampfers der Ozean-Linien steht und den Blick in den gähnenden Schiffsraum versenkt, mit dessen Stauung die Mannschaft beschäftigt ist.

In dieser Lage und dieser Beschaffenheit, fest und sicher ausgespannt mitten in dem Pariser Wogenschwall, erhascht die Reuse eine Menge von großen und kleinen Fischen, sogar den Stichling der Seine, den flinksten und heikelsten unter allen; und geht man an ihr in der Nachmittagsstunde vorbei, so wird man sie fast immer bis an den Rand gefüllt sehen.

An der hohen und hellen, von breitem Karnies aus geschnitztem Holzwerk überragten Glasthüre auf der Rue Royale – dem Eingange zum Magazin für Neuheiten und Moden – steht der militärisch galonnierte Hausjäger, der, sobald er einen sieht, den Knopf an der Thür dreht oder, wenn die Notwendigkeit hierzu vorhanden, dem aus dem Wagen steigenden Kunden den aufgespannten Regenschirm entgegenträgt.

Ein unermeßlicher Saal, durch Verschläge und Schiebegitter in eine Menge von Abteilungen, regelrechten Quadraten zur Rechten und Linken bis hinten ans Ende des Raums zerlegt, eröffnet sich dem Blicke des Eintretenden. Das blendende Tageslicht glitzert auf den gebohnten Parketts, auf dem Getäfel, auf den tadellosen Fracks und Kräuselfrisuren der Verkäufer und Bediensteten, die samt und sonders Muster von Eleganz und hübsche Erscheinungen sind, aber in Rede und Wesen den Ausländer verraten. Man sieht dort die olivbrauue Hautfarbe, die spitzigen Schädel und schmalen Schultern der Asiaten, amerikanische Bart-Halskrausen unter faienceblauen Augen, frischrote deutsche Fleischfarben; und in welchem Idiom auch der Käufer seine Bestellung macht, er darf sicher sein, verstanden zu werden, denn man spricht in dieser »Agentur« hier alle Sprachen der Welt, mit einziger Ausnahm der russischen, die übrigens recht überflüssig ist, da die Russen ja in allen Zungen reden, bloß nicht in der ihrigen. Die Menge kommt und geht an den Schaltern, sitzt wartend auf den bequemen Stühlen; Herren und Damen in Reisekleidern; ein Mischmasch von Astrachan-Mützen, schottischen Käppis, langen Schleiern, die über Regenmäntel, Staubmäntel, karrierte, beiden Geschlechtern unterschiedslos zur Bekleidung dienende Twinen herniederwallen, unter denen in Gurte geschnallte Packete, an Riemen getragene Ledertaschen zu sehen – kurz: ein echtes und rechtes Wartesaal-Publikum, das sich lebhaft gebärdet und laut redet mit der Ungeniertheit und Wichtigkeit von Leuten, die ihre vier Pfähle hinter sich gelassen haben, und in allerhand Zungen das nämliche wirre, buntscheckige Charivari hervorbringen, das man bei den Vogelhändlern auf dem Kai von Gèvres zu hören bekommt. Im nämlichen Augenblick knallen Pfropfen von Pale-Ale oder Selterser, rollen Goldhaufen über das Holz der Zähltische. Endloses Geklingel elektrischer Glocken, endloses Gepfeife mit Sprachrohren zwischen dem knisternden Geräusch, das beim Aufrollen eines Grundrisses von irgendeinem Hause hervorgerufen wird, oder einem Arpeggio, womit auf einem Piano Probe gespielt wird, oder den Ausrufungen einer Samojeden-Schar, die sich um die Photographie einer Kohlenzeichnung von mächtigem Umfange aufgestellt hat.

Und dann die Kommis! die einander Auskünste, eine Ziffer, einen Personen- oder Straßennamen zuwerfen, mir lächelnden Mienen und übergeschäftiger Eile, um plötzlich die Majestät selbst, kühl bis ans Herz hinan, gleichgiltig und teilnahmlos zu werden und eine Miene aufzusetzen, die mit den Angelegenheiten und Geschäften dieser Erdkugel in absolut keinem Zusammenhange mehr steht, sobald sich ein unglückliches, verstörtes, schon von Schalter zu Schalter gejagtes Subjekt zu einem vom ihnen herunterbückt, um mit ganz leiser Stimme eine Frage zu stellen über eine gewisse geheimnisvolle Sache, die sie vor Verwunderung und Staunen sozusagen auf den Kopf zu stellen scheint. Bisweilen verliert der Mann, der es satt hat, sich als Windhose oder Meteorstein ansehen zu lassen, die Geduld und verlangt darnach, J. Tom Lewis selbst zu sprechen, der doch ganz gewiß auf der Stelle wissen würde, um was es sich handelte. Da wird ihm mit erhabenem Lächeln geantwortet, daß J. Tom Lewis geschäftlich zu thun habe . . . daß J. Tom Lewis Gesellschaft bei sich habe! und keine solchen armen Nullen von Geschäften, wie Ihr welche treibt – keine so plunderige Gesellschaft, wie Ihr sie darstellt, mein guter Mann! . . . Da, seht mal dort hinunter, ganz im Hintergrunde. Eine Thüre hat sich dort eben aufgethan. J. Tom Lewis zeigt sich auf eine Sekunde, einen weit höheren Grad von Majestät in seiner Person allein zu Tage legend, als all sein Personal zusammen genommen dessen imstande ist – weit majestätischer wirkend, als dieses, durch sein kugelrundes Fettbäuchlein, weit majestätischer kraft seines Schädels, der glatt gewichst ist und schimmert und glänzt wie das Parkett der Agentur-Räume, majestätischer durch die Art, wie er den kleinen Kopf zurück zu werfen beflissen ist, durch seinen, Unnahbarkeit kündenden Blick, durch die gebieterische Gebärde seines kurzen Armes und die Feierlichkeit, mit welcher er, kreischend in seinem stark insularen Accent, die Frage durch den weiten Raum schallen läßt, ob man »die Sendung an Seine Königliche Hoheit den Herrn Prinzen von Wales schon effektuiert habe.« Zu gleicher Zeit hält er hierbei mit der anderen, freigebliebenen Hand die Thüre zu seinem Kabinett hermetisch verschlossen, um hierdurch zu verstehen zu geben, daß die dort eingeschlossene erhabene Persönlichkeit zu jenen Geschöpfen Gottes gehöre, die man unter keinerlei Vorwand in Störung oder Ungelegenheit setzen dürfe. Es versteht sich von selbst, daß der Prinz von Wales niemals einen Fuß in die Agentur gesetzt hat, und daß man an ihn nicht die geringste Sendung zu machen gehabt hat; aber erwäge man doch nur die Wirkung, welche dieser Name auf die in dem Kaufhause versammelte Menschheit und auf den vereinzelten Kunden hervorbringt! zu welchem Tom in seinem Kabinett eben erst die Aeußerung gethan hat: »Verzeihen Sie gütigst . . . eine einzige Minute . . . ich muß nur augenblicklich eine kleine Erkundigung einziehen.«

Windbeutelei über Windbeutelei! Es sitzt so wenig ein Prinz von Wales hinter der Thür des Kabinetts, als in den absonderlichen Flaschen der Glasschränke Raki oder Kümmel enthalten ist, oder in den im Untergeschosse kreisförmig aufgeschichteten Tonnen englisches oder Wiener Bier – sowenig als man Waren ausfährt in den mit Wappen geschmückten, vergoldeten, lackierten, mit dem Stempel J. T. L. versehenen Wagen, die im gestreckten Galopp, mit um so größerer Geschwindigkeit, je leerer sie sind, in den vornehmen Stadtvierteln von Paris herumkutschieren – als ambulante und lärmende Reklame, die mit jener rasenden Geschäftigkeit über das Pflaster hinsaust, welche das auszeichnende Merkmal von Mensch und Tier im Rahmen und Gefüge der Agentur Tom Lewis bildet.

Wenn's einmal irgend einem armen Teufel, der von all diesem Golde berauscht wurde, einfiele, mit einem Hiebe seiner Faust die Scheibe des Schaufensters zu zertrümmern, hinter welcher die Schüsseln mit den Piastern stehen, und gierig mit der blutigen Hand in das Gold hinein zu fassen, so würde er sie voller Spielmarken zurückziehen! Wenn er nach jenem ungeheuren Banknotenbündel griffe, das neben den Piaster-Schüsseln liegt, so würde er einen Schein über fünfundzwanzig Livres fassen, der über einen Stoß Kanzleipapier geklebt ist! Nichts, absolut nichts in all den Auslagen und Schaufenstern! nichts, absolut nichts im ganzen Untergeschoß! nichts, absolut nichts hier wie überall anderswo in den Räumen dieser Agentur! . . . Aber woher denn jenes Porter-Bier, welches dort die Engländer sich munden lassen? woher die kleine Münze, die dort jener Bojare gegen seine Rubel ausgezahlt erhält? woher denn die kleine antike Bronzefigur, die für jene Griechin von den Inseln dort eingepackt wird? O du meine Güte! es läßt sich ja etwas Einfacheres garnicht denken! Das englische Bier kommt aus der Bierstube nebenan; das Gold aus einem Geldwechsler-Laden auf dem Boulevard; die Nippsache aus dem Allerwelts-Bazar in der Rue du Quatre-Septembre. Es handelt sich um weiter nichts dabei als um einen raschen Lauf, den zwei oder drei Kommis zu machen haben, die unten im Erdgeschoß auf die ihnen durch die Sprachrohre übermittelten Befehle warten.

Durch den Hof des Nachbarhauses sind sie hinaus auf die Straße gelangt und kommen in wenigen Minuten zurück, um auf der Wendeltreppe mit durchbrochenem Geländer und Kristallknopf, welche die beiden Stockwerke zusammen verbindet, wieder emporzutauchen. Bitte, hier haben Sie den verlangten Gegenstand, garantiert von J. T. L. und etikettiert mit J. T. L. Und genieren Sie sich ja nicht, mein Fürst, wenn Ihnen dieser Gegenstand nicht recht ist, nicht gefällt, dann kann man ihn Ihnen umtauschen. Die Kellerräume der Agentur sind mit reichem Warenlager gefüllt. Die Sachen sind ja ein bischen teurer, als anderswo sonst, bloß um das Doppelte oder Dreifache. Aber das zahlt man ja doch weit lieber, als in den Kaufhäusern herumzulaufen, in denen man mit keinem Worte, das man spricht, verstanden wird, trotz der Verheißung, welche das Aushängeschild mit der Aufschrift: »English spoken« oder »man spricht deutsch« kündet – in jenen Boulevard-Magazinen, wo der überlaufene, übervorteilte Ausländer nie etwas anderes von Waren findet, als was in den Tiefen der Schachteln verborgen ruht, die Ladenhüter, den Ausschuß, jenen ausrangierter Pariser Kram, jenen Fehlposten des Kassabuchs, »die Sache, die nicht mehr in der Mode ist«, den Überschuß oder Übertrag aus dem verwichenen Jahre, der durch sein Alter noch mehr im Aussehen gelitten hat als durch den Staub oder durch die Sonnenstrahlen in der Auslage oder dem Schaufenster! O über den Pariser Laden-Inhaber, den untertänigen und schnippischen, geringschätziger und gewinnsüchtigen Pariser Krämer! mit ihm ist's nun vorbei – er hat ausgespielt – von ihm mag der Fremde, der Ausländer in Paris nichts mehr hören und sehen! Er ist's endlich doch überdrüssig geworden, auf so barbarische, jeglicher Rücksichtnahme bare Weise ausgebeutelt zu werden, und zwar nicht bloß durch den Pariser Kaufmann und Krämer, sondern durch den Gasthof, in welchem er schläft, durch das Speisehaus, in welchem er ißt, durch den Fiaker, den er auf der Straße anruft, durch den Billethändler, der ihn in leere Theater schickt, um sich dort müde zu gähnen. In dem Hause Lewis, in diesem großartigen Agenturgeschäft für Fremde und Ausländer, wo man alles findet, was das Herz begehrt, in diesem Hause ist man zum mindesten doch sicher, nicht über den Löffel barbiert zu werden, denn J. Tom Lewis ist Engländer, und die kaufmännische Rechtlichkeit und Loyalität des Engländers ist in den beiden Weltteilen bekannt.

Als Engländer ist J. Tom Lewis Engländer, wie es in höherm Grade zu sein garnicht gestattet ist, von der viereckigen Spitze seiner Quäkerschuhe hinauf bis zu seinem langen Gehrocke, der über das grünkarrierte Beinkleid niederfällt, bis zu seinem pyramidenförmigen Hute mit der winzig schmalen Krempe, die sein feistes, rötlich angehauchtes, biedermännisches Gesicht zur vollen Geltung gelangen läßt. Die Rechtlichkeit und Loyalität Albions steht auf diesem mit Beefsteaks gefütterten Antlitz zu lesen, steht auf diesem bis an die Ohren gespaltenen Munde zu lesen, steht auf der mattblonden Seide dieser zwei Backenbart-Enden von ungleicher Länge zu lesen, ungleich lang daher, weil ihrem Herrn und Besitzer die Manie eigentümlich ist, an dem einen, und zwar immer dem nämlichen Ende in Augenblicken der Verlegenheit oder Betretenheit zu kauen. Diese Rechtlichkeit und Loyalität läßt sich erraten aus der kurzen Hand, aus den mit rötlichem Flaume bestandenen, mit Ringen überladenen Fingern. Rechtlich und loyal erscheint auch der Blick unter einem paar Augengläsern in seiner Goldfassung, dermaßen rechtlich und loyal, daß wenn es J. Tom Lewis einmal geschieht, eine Lüge zu sagen – dieser Möglichkeit sind ja doch die besten Menschen ausgesetzt! – die Pupillen zufolge einer merkwürdigen nervösen Zuckung sich um sich selbst zu drehen anfangen wie kleine in die Perspektive eines Gyroskops gebrachte Räderchen.

Was der anglikanischen Physiognomie des Herrn J. Tom Lewis noch die rechte Vollständigkeit verschafft, das ist sein Cab: das erste Vehikel dieser Gattung, das man in Paris gesehen, das natürliche Gehäuse für dieses originelle Wesen. Hat er eine geschäftliche Angelegenheit von etwas wirrer Art zu erledigen, überkommt ihn einer von jenen Augenblicken, wie es ihrer im Handel und Wandel ja des öftern giebt, wo man sich bedrängt, beklommen, benommen fühlt, dann ruft Tom: »Ich fahre im Cab!« und ist sich seiner Sache sicher, dort irgend einen Gedanken zu finden. Er kombiniert, wägt, ergründet, während die Pariser in der durchsichtigen Schachtel, die auf ihren Rollrädchen fast dicht über dem Boden entlang läuft, jenen Schattenriß von vielbeschäftigtem Menschen vorbeigleiten sehen, der an der rechten Hälfte seines Cotelette-Bartes mit Macht herumkaut. Im Cab hat er seine schönsten Streiche ausgedacht, jene Streiche, die ihm gegen Ausgang des Kaiserreichs zu Namen und Ansehen verhalfen. Ach! das war damals die gute Zeit! Paris strotzend von Ausländern und Fremden, und nicht von solchen, die bloße Zugvögel sind, sondern die sich seßhaft machten, die eine richtige Kolonie ausländischer Krösusse darstellten, die auf nichts anderes sannen und dachten, nach nichts anderem begehrten als in dulci jubilo des Lebens zu genießen und ein Gelage, ein Fest nach dem andern zu feiern. Damals hatten wir in unseren Mauern den Türken Hussein Bei und den Ägypter Mehemet Pascha, ein Paar berühmter Feze in der Umgebung des Sees, und die Fürstin von Wertschakoff, die alles Silber des Ural-Gebirges zu den vierzehn Fenstern ihrer Bel-Etage auf dem Boulevard Malesherbes hinauswarf. – Wir hatten den Amerikaner Bergson, welchem Paris die unermeßlichen Erträgnisse seiner Petroleum-Quellen verschlang – Bergson ist seitdem in seine Hinterwälder zurückgekehrt! – hatten Nabobe hier, ganze Flotten von Naboben in allen Hautfarben, gelbe, braune, rote, von denen es auf den Promenaden und in den Theatern wimmelte, die es drängte und trieb zu vergeuden, zu genießen, als ob sie die Ahnung in ihrem Herzen trügen, daß sie bald das große Freuden-Wirtshaus würden fliehen müssen, um der furchtbaren Explosion zu entrinnen, die seine Dächer zerschellen, seine Ziegel und Fenster zertrümmern sollte . . .

Rechne man doch nur, daß J. Tom Lewis die unentbehrliche Mittelsperson aller dieser Vergnügungen und Freuden war, daß kein Louis'dor gewechselt wurde, ohne daß nicht er ihn zuvor beschnitten hätte, und daß sich zu den ausländischen Vertretern seiner Kundschaft einige Pariser Lebemänner von ehedem gesellten, Liebhaber von seltenem Wilde, Buschklepper, die auf eingezäunten Jagden wildschützten, die sich um Auskunft und Nachweisung an den Freund Tom wendeten als an den pfiffigsten, gewandtesten Vermittler sowohl wie auch darum, weil hinter seinem barbarischen Französisch, hinter seiner schwierigen Sprechweise, ihre Geheimnisse in größerer Sicherheit zu ruhen schienen. Das Petschaft J. T. L. hat den sämtlichen Skandalgeschichten dieser Schlußzeit des Kaiserreichs ihr Siegel aufgedrückt. Auf den Namen J. Tom Lewis wurde immer die Loge Nr. 9 der Komischen Oper reserviert, in welcher die Baronin Mils eine Stunde lang ihrem Herzens-Tenor zu lauschen kam, dessen von Schweiß und Kremserweiß gefeuchtetes Taschentuch sie nach der Cavatine in dem ihre Taille verdeckenden Spitzenfichu mit hinweg nahm. Auf den Namen J. Tom Lewis war das kleine Hotel in der Avenue Clichy gemietet, halbpart für das Brüderpaar Sismondi und für eine und dieselbe Dame, ohne daß die beiden Brüder eine Ahnung hiervon hatten, diese beiden Bankgeschäfts-Inhaber und Compagnons, die außerstande waren zusammen zur selben Stunde ihre Kontore zu verlassen. O! welch schöne Romane stehen aus diesem Zeitalter in den Büchern der Agentur Lewis auf dem Raume weniger Zeilen verzeichnet:

»Haus mit Doppeleingang auf der Straße nach Saint-Cloud. – Miete, Mobiliar, Entschädigung an den Mieter . . . . . . soviel..«

»Kommissionshonorar vom General Soundso . . . . . . soviel.«

»Landhäuschen im Petit-Valtin bei Plombières. – Garten, Remise, Doppeleingang, Entschädigung an den Vermieter . . . . soviel!«

Und allemal darunter:

»Kommissionshonorar vom General Soundso« . . .

Dieser General nahm in den Konten der Agentur eine erste Stelle ein.

Wenn Tom zu jener Zeit Schätze sammelte, so gab er auch Geld aus mit vollen Händen, nicht im Spiel, auch nicht für Pferde, noch weniger für Damen, sondern um Grillen und Launen Befriedigung zu schaffen, wie sie toller, verschrobener im Hirn eines Wilden oder eines Kindes nicht emporschießen konnten, um der verrücktesten, hanswurstigsten Phantasie den Willen zu thun, die einem menschlichen Auge nur irgend sichtbar werden konnte, und die zwischen dem Traum und seiner Verwirklichung niemals eine Pause gestattete. Das eine mal fiel ihm ein, am Ausgange seiner Besitzung in Courbevoie eine Akazien-Allee haben zu wollen, und da diese Bäume einer zu langen Zeit bedürfen, bis sie hochgewachsen sind, sah man acht Tage lang aus den in dieser Gegend sehr kahlen und vom Fabriken-Ruß geschwärzten Seine-Ufern große Leiterwagen langsamen Schritts einer hinter dem andern herfahren, jeden mit einer Akazie beladen, deren Büsche oder Stutze aus grünem Gezweig, im Takte der langsam sich drehenden Räder geschaukelt, in zitternden Schatten über dem Wasser tanzten. Dieses Besitztum im Bereiche der Pariser Bannmeile, wo J. Tom Lewis nach Art und Brauch der großen Londoner Handelsherren ein Jahr wie alle Jahre seine Wohnung nahm, das zuerst nichts weiter als ein kleines Gartenhaus war und aus nur einem Erdgeschoß und Speicherräumen bestand, wurde für ihn zu einer Quelle von ganz erschrecklichen Geldausgaben. Da seine Geschäfte gedeihlichen Fortgang nahmen und sich ausdehnten, hatte er dementsprechend sein Landgut vergrößert; und von Anbau zu Anbau, von Ankauf zu Ankauf, war er schließlich zum Besitz eines Parkes gelangt, der aus einem Anhängsel am andern zusammengesetzt war, Ackerboden im Durcheinander mit Wald- oder Buschflächen aufwies und ein ganz wunderlicher Grundbesitz war, in welchem sich seine Neigungen, seine englische excentrische Weise, durch spießbürgerliche Begriffe und verfehlte Kunstversuche noch verrenkt und versteift, so recht deutlich offenbarten. Auf dem Wohnhause ganz gewöhnlichen Schlages, mit den, für jedermanns Auge ersichtlich, erst aufgeklexten oberen Stockwerken dehnte sich eine Terrasse im italienischen Stil mit Marmor-Balustraden, flankiert von zwei gotischen Türmen und durch eine verdeckte Brücke mit einem andren Wohnhause in Verbindung gesetzt, das mit seinen durchbrochenen Altanen und seinem Epheu-Teppich über den Wänden den Eindruck eines Schweizerhäuschens erweckte oder erwecken sollte. Alles in Stuck, in Ziegelart gemalt, in Schwarzwälder Spielzeug-Manier gebaut, mit einem Luxus an Türmchen und Zinnen, an Wetterfähnchen und lauschigen Erkern; im Parke dann ein Kiosk neben dem andern, Schautürmchen, Lustwarten im hellen Durcheinander; Treibhäuser, die ihre Scheiben, Wasserbecken, die ihre Flächen im glitzernden Spiele der Sonne spiegelten; das pechschwarze Bastion eines Teiches von riesigem Umfange, dessen Wasser von einer richtigen Windmühle heraufgetrieben wird, deren für den leisesten Windhauch empfängliche Flügel mit unterbrochenem Knarren und Quietschen um ihre Achse sich drehen.

Gewiß, auf dem engen Raume, den die Züge der Pariser Vorortbahn durchlaufen, gleiten der Villen und Landhäuser viele im Rahmen eines Wagenfensters vorüber gleich Visionen, gespenstischen Alpdrücken: die Ausgeburt eines aus Rand und Band geratenen, über Stock und Stein rennenden Krämergehirns. Aber keine von ihnen läßt sich mit der Narrheit von Tom Lewis vergleichen, einzig und allein abgesehen von der Villa seines Nachbarn Spricht, des großen Spricht, des erlauchten Damenschneiders. Diese prachtliebende Persönlichkeit bleibt ebenfalls in Paris nur so lange, wie seine Geschäfte dauern, die drei Nachmittagsstunden, in denen er in seiner großen Boulevard-Werkstatt seine Konsultationen auf dem Gebiete der gefallsüchtigen Mode erteilt. Ist diese Zeit vorbei, dann kehrt er sofort wieder nach seiner Besitzung in Courbevoie zurück. Das Geheimnis dieser gezwungenen Zurückgezogenheit beruht darin, daß der »liebe und teure« Spricht, der »allerverehrteste« von all dieser Damenwelt, in seinen Fächern und Schiebladen, zwischen den wunderbaren Mustern seiner Lyoner Fabriken, Proben von enger zierlicher Schrift, Krähenfüßchen von allen am feinsten und besten behandschuhten Pariser Händchen besitzt, sich aber immer nur an diese Intimität im schriftlichen Verkehr hat halten müssen, und niemals in irgend einem der Häuser, die er mit Garderobe versieht, als Gast empfangen, niemals dorthin eingeladen worden ist; und daß seine Beziehungen zur schönen Welt ihm all und jede Beziehung zu der kaufmännischen Welt, der er doch angehört, verleidet haben. Darum lebt er auch sehr zurückgezogen wie alle Glückspilze überschwemmt von der Schar armer Verwandter, und verwendet seinen Luxus darauf, sie mit königlicher Noblesse zu bewirten. Das einzige, was ihn zerstreut, was einem solchen Dasein, das kaum in einer anderen, als in der Lebensweise eines aus der Gesellschaft gestoßenen Henkers oder Scharfrichters, sein Pendant findet, als notwendiger Sporn dient, das ist die Nachbarschaft und Nebenbuhlerschaft von Tom Lewis, der Haß und die Verachtung, die sie einander wechselseitig geschworen haben, ohne daß der eine wie der andre übrigens weiß, aus welcher Ursache – ein Umstand, der jegliche Versöhnung zur Unmöglichkeit macht.

Wenn Spricht ein Türmchen baut – Spricht ist ein Deutscher, liebt das Romantische, die Schlösser, die Thäler, die Ruinen, hat eine ausgesprochene Passion für das Mittelalter – so läßt J. Tom Lewis alsbald eine Verandah bauen. Reißt Tom eine Mauer ein, dann rodet Spricht alle seine Hecken und Zäune aus dem Erdboden. Es ist ein Geschichtchen im Umlaufe von einem Pavillon, der von Tom gebaut worden war, und der Spricht die Aussicht auf Saint-Cloud verdarb. Der Schneidermeister baute deswegen und daraufhin auf sein Taubenhaus die Galerie. Der andere blieb die Antwort hierauf nicht schuldig und setzte ein neues Stockwerk auf seinen Pavillon. Spricht hält sich aber nicht für geschlagen, und die beiden Bauten setzten mit großem Aufwand an Steinen und Arbeitskräften ihren Aufstieg unentwegt fort, bis in einer schönen Nacht der Sturm sie beide ohne jede Mühe und Anstrengung, in Anbetracht der Gebrechlichkeit ihrer Bauweise nicht eben verwunderlich, vom Boden hinwegfegte. Spricht bringt auf der Heimfahrt von einer Reise in Italien aus Venedig eine Gondel mit, eine richtige Gondel, die in dem kleinen Hafen am Fuße seines Besitztums beherbergt wird. Acht Tage darauf – paff! paff! – dampft eine allerliebste Dampf- und Segeljacht auf dem Kai von Tom Lewis daher, den Abglanz der Türme, Dächer, Zinnen seiner Villa im Wasser durcheinander rumorend.

Um ein solches Gebahren, einen solchen Wettlauf auszuhalten, hätte das Kaiserreich von Bestand und Dauer sein müssen – und doch war sein letztes Stündlein gekommen. Der Krieg, die Belagerung, der Auszug der Fremden und Ausländer waren für die beiden industriellen Männer ein wahrhaftiger Unsegen, besonders für Tom Lewis, dessen Besitztum durch die Invasion verwüstet worden, während dasjenige Spricht's verschont geblieben war. Nachdem aber der Friedensschluß vollzogen worden, begann der Wettkampf der beiden Nebenbuhler alsbald, und fröhlicher denn je, von neuem, und zwar diesesmal mit ungleich bemessenen Vermögenskräften; denn der große Modist hatte seine ganze Kundschaft wieder unter seine Fittiche zurückeilen sehen, während der arme Tom vergeblich nach der Rückkehr der seinigen Ausschau hielt. Der Passus: »Auskünfte und Nachweisungen; Verschwiegenheit; Geschwindigkeit« übte keine oder fast keine Wirkung mehr; und der geheimnisvolle General kam nicht mehr in die Lage, in den Bureaux der Agentur heimliche Gratifikationen zu verdienen. Jeder andere an Lewis' Stelle würde sich einen Hemmschuh angelegt haben; dieser Satansmensch besaß aber unbezwingliche Verschwender-Gewohnheiten – es lag etwas in seinen Händen, das sie behinderte, sich zu schließen. Und dann waren doch eben auch Sprichts da! Sprichts, die seit den großen Ereignissen der Kriegsjahre von unheimlicher, weltschmerzlicher Stimmung befallen waren und den Welt-Untergang als nahe bevorstehend verkündeten, weshalb sie sich weit hinten in ihrem Parke die Ruinen des Stadthauses in verjüngtem Maßstabe, zertrümmerte Mauern, von Rauch und Flammen geschwärzt, hatten aufbauen lassen. Sonntags zur Abendzeit wurde dieser Bau durch bengalisches Licht erhellt, und die ganze Spricht'sche Sippe stimmte ihre Klagelieder Jeremiä um die Trümmerstätte herum an. Das war gräßlich, entsetzlich. J. Tom Lewis hingegen, der aus Haß gegen seinen Nebenbuhler zum Republikaner geworden war, feierte das wiederauferstandene, das neugeborene Frankreich, veranstaltete Fischerstechen, Regattafahrten, krönte Rosen-Jungfrauen und entführte gelegentlich eines dieser Krönungsfeste, in einem Übermaß von Freudentaumel – an einem Sommerabend zur Konzertstunde, die Musik-Kapelle von den Champs-Elysées, die mittelst Yacht, unter vollen Segeln, nach Courbevoie kam und auf dem Wasser spielte.

Die Schulden wuchsen bei solchem Leben lawinenhaft; aber der Engländer machte sich hierüber keinerlei Beunruhigung. Es verstand sich niemand besser als er darauf, die Gläubiger durch Wichtigthuerei und unverschämtes Krösusgnadentum aus dem Konzepte zu bringen. Niemand – sogar die sonst doch so trefflich dressierten Angestellten und Bediensteten seiner Agentur nicht – besaß die Art und Weise, wie sie ihm zu eigen war, die Rechnungen mit wißbegieriger Miene zu prüfen, als seien sie die wertvollsten Inkunabeln oder Urschriften aus dem grauesten Altertum, um sie dann mit erhabener Gebärde wieder in eine Schublade zurückzuwerfen – niemandem standen im gleichen Maße wie ihm Kniffe und Pfiffe zu Gebote, um nicht zu bezahlen, um Zeit und Frist zu gewinnen. Zeit und Frist! Darauf einzig und allein richtete sich Tom's Sinnen und Denken, um endlich, endlich irgend eine lohnende fruchtbare Unternehmung wieder ausfindig zu machen, solch eine, die er im bilderreichen Rotwelsch der Geld- und Börsenmenschen »einen Kapitalzug« nannte. Aber er mochte sich noch so fleißig in sein Cab setzen, mochte Paris mit noch so fieberhafter Aufregung durchmessen, gespannten Auges, gespitzten Mundes, witternd nach Beute und lauernd auf Beute – es verstrichen die Jahre, und der »Kapital-Zug« kam noch immer nicht.

Eines Nachmittags, als es in der Agentur von Menschen wimmelte, trat ein großer junger Mann von blasiertem, abgelebtem Aussehen, mit schelmischem Auge, ein feines zierliches Schnurrbärtchen über der aufgedunsenen Blässe eines hübschen Gesichts, an den Hauptschalter und gab dem Begehr, Tom Lewis zu sprechen, Ausdruck. Der dort befindliche Kommis, den die kavaliermäßige Schärfe im Tone, welche dem Begehr Nachdruck lieh, irre zu führen suchte, vermeinte, einen Gläubiger vor sich zu haben, und schickte sich schon an, seine allergeringschätzigste Miene aufzusetzen, als der junge Mann mit schroffer Stimme, deren Ungezogenheit durch den näselnden Ton noch verdoppelt wurde, »diesem aufgeblasenen Subjekte« die Weisung gab, es habe seinen Brot- und Dienstherrn sofort davon in Kenntnis zu setzen, daß der König von Illyrien sofort mit ihm zu sprechen wünschte. – »Ach! Königliche Hoheit! Königliche Hoheit!« – In der kosmopolitischen Menschenflut, die sich hier versammelt befand, vollzog sich ein Drängen nach dem Helden von Ragusa hin, den jedermann neugierig war zu sehen. Sämtliche Schalter der Agentur öffneten sich und spieen einen Schwarm von Kommis aus, der sich über Seine Majestät her stürzte, der Seiner Majestät die Begleitschaft anbot, der Seine Majestät zu Tom Lewis führen wollte – zu Tom Lewis, der zwar noch nicht anwesend wäre, aber nicht ermangeln könnte, augenblicklich wieder in die Agentur zurückzukehren.

Es war dies das erste mal, daß Christian sich in der Agentur zeigte; denn bis zu diesem Augenblicke hatte der alte Herzog vom Rosen die sämtlichen Rechnungen des kleinen Hofstaates beglichen. Heute aber handelte es sich um eine so intime, so heikle Angelegenheit, daß der König sogar nicht gewagt hatte, sie den schwerfälligen Kinnbacken seines General-Adjutanten anzuvertrauen . . . Es war ein Häuschen zu mieten für eine Bereiterin, die den Platz von Amy Férat auszufüllen erkoren worden war, ein möblierter Pavillon, der binnen vierundzwanzig Stunden mit Dienerschaft, Stallung und gewissen Bequemlichkeiten und Erleichterungen im Zugange, auszurüsten und beziehbar zu machen sei. Eins von jenen Kraftstückchen, wie allein die Agentur Lewis sie zu vollbringen verstand und befähigt war.

In dem Salon, wo er wartete, standen zwei große Lehnsessel mit Moleskin-Bezug; ferner befand sich dort einer von jenen schmalen und schweigsamen Gasöfen, deren Reflektor aus einem nebenan befindlichen Zimmer das Feuer, die Wärme zu vermitteln scheint; ferner ein kleines Tischchen mit blauer Decke darüber, auf welchem der »Almanach Bottin«, das Pariser Stadt-Adreßbuch, lag. Zur Hälfte wurde das Zimmer von dem hohen, ebenfalls mit blauen Vorhängen drapierten Fächerwerk eines sorgfältig installierten Schreibtisches eingenommen; obenauf lag, weit aufgeschlagen und durch Briefbeschwerer beschützt, das große Hauptbuch mit Stahl-Ecken, umringt von Streusand, Radiermessern, Linealen, Tintenwischern; darüber erstreckte sich ein langes, hohes, mit Büchern der nämlichen Gewandung – den Büchern der Agentur! – angefülltes Fach, und sie standen dort mit ihren grünen Rücken in Reih und Glied aufmarschiert wie preußische Soldaten bei der Parade. Die Ordnung, welche über diesem in sich gekehrten Eckchen lag, die Frische und Sauberkeit der ihn anfüllenden Dinge machten dem alten Kassierer, der im Augenblicke abwesend war, dessen freudenarmes Knicker-Dasein sich hier vollbringen mußte, alle Ehre.

Der König, in seinen Lehnstuhl gestreckt und mit der in die Höhe gereckten Nase aus dem Pelzwerk seines Rockes herausguckend, saß da und wartete. Die Glasthüre, die nach den Warenräumen hinausführte, war durch einen großen algerischen Vorhang verdeckt, in welchem sich nach Art eines Bühnenvorhanges ein Guckloch befand. Plötzlich nun, während der König noch immer wartend saß, wurde hinter dem Gitterwerk des Schreibtischs, ohne daß die Glasthüre sich auch nur bewegt hätte, ein leichtes, flottes Gekritzel laut, wie nur eine Feder es verursachen konnte. Es saß jemand an dem Schreibtisch, und zwar nicht der alte Kommis mit dem weißen Wolfsschädel, für den die Nische wie gemacht zu sein schien, sondern die allerköstlichste kleine Person, die jemals in einem Kontobuche geblättert hat. Infolge der veränderten Gebärde, die Christian machte, drehte sie sich um und maß ihn mit einem weichen, lange nicht von ihm weichenden Blicke, während in dem Winkel einer jeden ihrer beiden Schläfen ein leuchtender Funken zu Grabe sank. Das ganze Zimmer wurde von diesem Blicke erleuchtet, als er durch eine ergriffene, fast zitternde Stimme melancholisch bezaubert wurde, die jetzt leise die Worte flüsterte:

»Mein Mann läßt Sie recht lange warten, Königliche Hoheit!«

Tom Lewis ihr Mann! . . . Der Mann dieses süßen, lieblichen Wesens mit dem feinen und blassen Profil, mit den fein gezeichneten und doch vollen Formen, mit dieser Büste gleich einer Marmorstatuette von Tanagra . . . Wie kam sie denn hierher, allein in diesen Käfig hinein, um in solch dicken Büchern zu blättern? deren weiße Farben sich auf ihrem matten Teint wiederspiegelten, deren Blätter ihre kleinen Fingerchen kaum umdrehen konnten? Und dazu noch an einem jener schönen sonnigen Februartage, wo sich am ganzen Boulevard entlang die lebendige Grazie der Spaziergängerinnen in reizenden Toiletten und lächelnden Blicken spiegelt? Er trat auf sie zu, irgend ein Schmeichelwort auf den Lippen, in welchem sich diese verschiedenen Eindrücke vereinigten; aber sein Herz behinderte ihn am Sprechen, so heftig klopfte ihm die Brust, die erregt war von einer jener zügellosen und plötzlich auftretenden Begierden, wie sich dieses verhätschelte und übersättigte Kind nicht zu erinnern vermochte, sie jemals bisher gefühlt zu haben. Es kam dies daher, daß ihm der Typus dieser Frau zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren etwas durchaus Neues war, daß dieser Typus ebenso weit abgelegen war von den widerharigen Locken der kleinen Colette von Rosen, wie von dem Dirnen-Selbstgefühl und der Schminke um die schamlosen Augen der Amy Férat, wie von der ihm genierlichen, so vornehm traurigen Hoheit der Königin. Weder Gefallsucht noch Keckheit noch stolze Zurückhaltung, nichts von alledem, was er in der richtigen Welt oder in seinen Beziehungen zur Gesellschaft des hohen Flittchentums angetroffen hatte! Diese niedliche Person mit der ruhigen und hausmütterlichen Miene, mit dem schönen, dunkel abgetönten Haar, das sie nach der Art von jenen Frauen, die sich des Morgens für den ganzen Tag frisieren, in glattem Scheitel trug, schlicht in ein Wollenkleid von violetter Farbe geschnürt, – diese niedliche Person, die man für die bescheidenste der Ladenjungfern angesehen haben würde, wenn nicht zwei riesige Brillanten an den beiden rosigen Ohrläppchen das einzige Hindernis hierfür gewesen wären, – diese niedliche Person war ihm in ihrer Gefangenschaft in dieser Schreibstube und über solcher Arbeit erschienen wie eine Karmeliternonne hinter einem Klostergitter, oder wie eine orientalische Sklavin, die durch das vergoldete Gitter ihrer Terrasse ihr Flehen hinaus in die Freiheit entsendet. Und von der Sklavin hatte sie auch so recht die unterwürfige Verschüchterung, das gebückte Profil, nicht minder auch die bernsteinartigen Farbentöne dort, wo ihr Haar anfing, die allzu gerade Linie der Brauen, den beim Atmen sich halb öffnenden Mund – alles dies waren Merkmale, die dieser Pariserin einen orientalischen Ursprung liehen. Christian vergegenwärtigte sich, als er ihr gegenüberstand, die kahle Stirn, die affenähnliche Haltung und Weise des Ehemanns. Wie geriet sie unter die Gewalt eines derartigen Hanswurstes? War dies nicht eine ganz schmähliche Spitzbüberei, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit?

Aber die süße, lieblich tönende Stimme fuhr langsam fort, Entschuldigungen zu sagen.

»Es ist recht garstig . . . Tom kommt noch immer nicht . . . Wenn Ihre Majestät vielleicht die Güte haben möchten, mir den Grund zu sagen, der Sie hierherführt . . . vielleicht wäre ich in der Lage . . .«

Er wurde rot; es überkam ihn eine gewisse Verlegenheit. Niemals würde er sich getraut haben, dieser lauteren Liebenswürdigkeit über den doch recht garstigen Quartierungsfall, der seine Gedanken beschäftigte, irgendwelche eingehendere oder gar vertrauliche Mitteilung zu machen. Sie aber ließ nun nicht ab, sondern redete weiter, während ein Lächeln auf ihre Mienen trat:

»O! Eure Majestät dürfen beruhigt sein! . . . Ich führe ja doch die Bücher der Agentur!«

Und freilich sah man ganz deutlich, daß ihre Person hier die Macht in den Händen hatte; denn alle Augenblicke kam an das kleine schräge Guckfenster, das den heimlichen Winkel der Kassiererin mit dem Kaufhause in Verbindung setzte, irgend ein Kommis, um sich im Flüstertone über die grundverschiedensten Dinge Auskunft oder Bescheid von ihr zu holen . . . »Es wird nach dem Flügel für Madame Karitides gefragt . . Die Person aus dem Hotel Bristol ist da!« Sie schien über alles und jedes Ding auf dem Laufenden zu sein, gab Bescheid mit einem einzigen Worte, durch eine einzige nackte Ziffer; und der König, vor Verwirrtheit ganz außer sich, stellte wieder und wieder die Frage an sich, ob dieser Engel im Kaufmannsladen, dieses ätherische Wesen denn wirklich und wahrhaftig die Schwindeleien und spitzbübischen Stückchen dieses Engländers kennen sollte.

»Nein, meine Gnädige! Die Angelegenheit, welche mich herführt, ist nicht dringender Natur . . . oder ist's wenigstens nicht mehr . . . Meine Gedanken haben sich seit einer Stunde ganz und gar einer ganz andern Richtung zugewendet . . .«

Er neigt sich, während er diese Worte stammelt, auf das Gitter hernieder, tief ergriffen; dann hält er inne, macht sich Vorwürfe über seine Verwegenheit dieser Dame gegenüber, die ihre gesetzte, friedliche Thätigkeit nicht auf die Zeit von einer Sekunde unterbricht, deren lange Wimpern die Kontoblätter berühren, deren Feder in regelmäßigen Reihen über das Papier hingleitet. O! wie gern hätte er sie aus seinem Gefängnisse befreit! sie in seinen Armen hinweggeführt, weit hinweg! sie einwiegen mögen mit jenen im Flüstertone gelallten zärtlichen Reden, durch welche man die kleinen Kinderchen zur Ruhe bringt. Die Versuchung wird so stark, daß er sich gezwungen sieht, von dannen zu fliehen, sich jäh, auf gröbliche Weise zu verabschieden, ohne J. Tom Lewis gesehen zu haben.

Die Nacht brach herein, eine neblige, naßkalte Nacht. Der König, der für gewöhnlich so frostig war, wurde nichts von dem Nebel und der Kälte gewahr, schickte seinen Wagen wieder nach Hause und begab sich zu Fuß nach dem ›Grand-Club‹ auf jenen breiten Straßen, welche von der Madeleine nach dem Vendôme-Platze führen, in solch schwärmerischer Begeisterung, in einem solchen Grade von Verzückung, daß er ganz laute Selbstgespräche mit sich führte, während ihm das feine Haar von der Stirne über die Augen fiel, vor denen ihm Flammen tanzten. Man geht zuweilen auf der Straße an solch einer leiblichen Verkörperung überschwenglichen Glücks vorbei – leichten Schrittes, erhobenen Hauptes wandeln solche Menschen, und es scheint, als ob von dem Glückstaumel, der sie ergriffen, demjenigen, der sie im Vorübergehen streift, ein phosphoreszierender Schimmer an den Kleidern haften bleibt. Christian setzte mit solch seligen Gefühlen den Fuß in den Klub. Die Traurigkeit, die zu dieser unbestimmten und unerquicklichen Dämmerstunde mit ihren sich häufenden Schatten über der langen Flucht von Salons lag, beeinflußte seine Stimmung nicht, trotzdem diese Traurigkeit ganz besonders stark wirkt an jenen Stätten des halböffentlichen Lebens, denen die Heimlichkeit, die Gewohnheit des Bewohntseins mangelt. Es wurden Lampen hereingetragen. Aus dem Hintergrunde drang das Geräusch einer ohne Verve gespielten Partie Billard zu ihm; mit dumpfem Schalle polterte das Elfenbein gegen die hölzernen Wandungen. Dazwischen ein Rascheln und Knistern von Zeitungsblättern, in denen gelesen ward; wohl auch das träge Schnarchen eines auf den Divan des großen Saales hingestreckten Schläfers, den der Eintritt des Königs gestört und vermocht hat, sich auf die andere Seite zu legen, mit einem Gähnen, das den zahnlosen Mund zeigt, mit einem, kein Ende findenden Recken der beiden mageren Arme, während zur gleichen Zeit eine Grabesstimme die Frage thut:

»Heut Abend soll's doch 'mal flott hergehen!«

Christian that einen Ausruf der Freude.

»Ach, mein Prinz! Sie suchte ich ja!«

Der Prinz von Axel, im engeren Vertrautenkreise als ›Hühnersterz‹ bekannt, trieb sich nun schon ein ganzes Jahrzehnt als ›Amateur‹ auf dem Pariser Pflaster umher und kannte dasselbe von innen und außen, von oben und unten, der Länge nach und der Breite nach wie seine Westentasche. Von Tortonis Treppe bis zum Rinnsteine hin wußte er über jedes Fleckchen Bescheid, und von ihm, meinte der König, würde er die Auskünfte, nach denen es ihn verlangte, am sichersten bekommen können. Es war ihm auch das einzige Mittel bekannt, wie man Seiner Hoheit die Zunge noch lösen konnte, wie man diesen erstarrten und schwerfälligen Geist von seinen Fesseln frei machen konnte, den auch die Weine Frankreichs, trotzdem er sie im Übermaße trank, nicht mehr aufzurütteln vermochten, wie ja auch die Nachgährung das eisenbereifte schwere Faß nicht mehr aufbläht und als Ballon zum Steigen bringt. Dieses einzige Mittel war ein Spiel Karten, und dies verlangte König Christian alsbald. Gleichwie die Heldinnen Molière's geistig arm sind, wenn ihrer Hand der Fächer fehlt, so fand auch von Axel kein Krümchen Leben anders wieder, als wenn er »Karten klopfte«. Seine gestürzte Majestät und der präsumptive »Thronerbe in Ungnade«, diese beiden Sterne des Klubs, setzten sich also vorm Diner zu einem »Bezigue à la chinois«, zu dem Spiele der Pariser ›Gomme‹ pr excellence, weil es die Kopfnerven nicht anstrengt und dem tölpelhaftesten Spieler die Möglichkeit gestattet, ohne die mindeste Anstrengung ein Vermögen zu verspielen.

»Ist denn Tom Lewis verheiratet?« fragte Christian der Zweite mit gleichgiltiger Miene, während er abhob.

Der andere sah ihn mit seinen leblosen, rotumrandeten Augen an:

»Keine Ahnung gehabt?«

»Nein. Wie verhält sich's mit dieser Frau?«

»Sephora Leemans . . . Stern . . . Berühmtheit . . .«

Bei dem Namen Sephora befiel den König ein Beben.

»Sie ist Jüdin?«

»Wahrscheinlich!«

Es trat einen Augenblick Stillschweigen ein. Und fürwahr! der Eindruck, der ihm von Sephora hinterblieben war, mußte sehr kräftiger Natur sein, das ovale und blasse Gesicht der Einsiedlerin der Agentur Lewis, ihre funkelnden Augäpfel, ihr glattgescheiteltes Haar außerordentlich verführerisch wirken, um Halt in diesem Sklaven- und Katholiken-Gedächtnis zu fassen, in welchem von Kindesbeinen an die teuflischen Spitzbübereien und boshaften Tücken der Wanderjuden seines Vaterlandes herumspukten. Zum Unglück verlor der Prinz; und nunmehr ganz beim Spiele, brummte er in seinen langen hellen Bart hinein:

»Ja! ich werde ja aber dämlich – ganz dämlich – ich werde dämlich –«

Es war absolut nicht möglich, ein andres Wort aus ihm herauszubringen.

»Ach, famos! Da kommt Wattelet . . . Wattelet! komm doch hierher!« rief der König einem langen Gesellen zu, der polternd und zappelnd wie ein junger Hund in den Salon hereingelaufen war.

Dieser Wattelet, der Maler des ›Grand-Club‹ und des High-Life, von weitem gesehen ziemlich hübsch von Gesicht, auf dessen Züge aber Anstrengung und Abspannung die Spuren eines überreizten Lebens verzeichnet hatten, war der richtige Vertreter der neuen Kunstrichtung, die mit der flammensprühenden Tradition von 1830 so sehr geringe Ähnlichkeit hat. In tadelloser Kleidung und Frisur, ›der Tages-Anzeiger‹ für die Salons und für die Kulissen, hatte er sich vom Atelier-Menschen unter seinem weltmännischen Frack nur die geschmeidige, ein bischen haltlose Art und Weise und im Geiste wie in der Rede die nämliche elegante Zwanglosigkeit bewahrt, einen losen Mund, der sich an nichts kehrte, dem es auf ein paar unbescheidene Worte nicht eben ankam. Er war eines Tags in den Klub gekommen, um im Speisesaal einige Dekorationen anzubringen, und hatte sich bei diesem Anlaß allen diesen Herrschaften hier so angenehm, so unentbehrlich gemacht, daß er von jener Zeit an als Mitglied im Hause verblieben, zum Festordner auf Lebenszeit für die vom Klub veranstalteten Festlichkeiten, die alle ein wenig eintöniger Natur waren, ernannt worden war und in diese Vergnügungen das unverhoffte Element einer malerischen Phantasie und einer durch alle Weltteile getragenen Erziehung und Bildung hinein brachte. »Mein lieber Wattelet . . . mein kleiner Wattelet« . . . hieß es an allen Ecken und Enden. Man konnte ihn nicht mehr missen. Er war der Intimus von allen Klub-Mitgliedern, der Liebling ihrer Frauen, das Schoßkindchen ihrer Maitressen; er zeichnete auf den Raum einer Karte das Kostüm der Herzogin von V . . . für den nächsten Botschaftsball, auf die Rückseite den wunderlichen Rock, den Fräulein Alzire, die kleine Moschusratte des Herzogs, über dem fleischfarbigen Trikot trug. Donnerstags stand sein Atelier für seine sämtlichen vornehmen Kunden offen, die sich glücklich schätzten in dem freien Tone, in der schwatzhaften, an Einfällen und Schnurren reichen Ungeniertheit, die in seinem Hause herrschte; die ihre Freude hatten an dem Durcheinander-Geschwirr von reichen und lieblichen Farben, die aus den Tapeten, Sammlungen, japanischen Möbeln des Künstlers atmeten – deren Gesamtheit ein Bild schuf, das Ähnlichkeit mit ihm selbst und seiner Art und seinem Wesen hatte, das vornehm und elegant war, aber eines Anfluges von Gewöhnlichkeit, Niedrigkeit nicht ermangelte – Frauenköpfe, die zumeist mit scharfer Kenntnis der überfeinerten Pariser Geschmacksrichtung ausgeführt waren, Teint-Färbungen, die der Natur wie der Kunst zu voller Geltung halfen, närrische Haarfrisuren, eine Kunst des kostspieligen, plätschernden, bauschigen, schleppenden Modeflitters, die Spricht mit der geringschätzigen Herablassung des den Erfolg hinter sich wissenden Geschäfts- und Handelsmenschen über den auf dem Wege zum Erfolg befindlichen Künstler die Meinung äußern läßt:

»Es giebt bloß einen einzigen, der es versteht, die Frauen zu malen, die ich kostümiere, und das ist dieser kleine Schäker da!«

Waltetet fängt beim ersten Worte, das der König redet, zu lachen an.

»Aber, Königliche Hoheit! das ist ja doch die kleine Sephora . . .«

»Du kennst sie?«

»Von innen und außen!«

»Zeige doch

Und während das Spiel zwischen den beiden großen Herren seinen Fortgang nahm, setzte sich der Maler, der über die vertrauliche Stellung, zu welcher er aufgerückt ist, von lebhaftem Stolze erfüllt ward, in Positur, hustete ein paarmal und fing dann an mit einer Stimme, deren Klang an den Schaubuden-Inhaber erinnert, welcher das Bild über seiner Bude erläutert, also zu sprechen:

»Sephora Leemans, geboren zu Paris Eintausendachthundertfünfundvierzig, sechs- oder siebenundvierzig . . . von Trödlers-Eheleuten der Rue Eginhard im Marais . . . in einem schmutzigen, schimmeligen Gäßchen zwischen der Passage Charlemagne und der Sankt-Pauls-Kirche, dem echten und rechten Judenviertel . . . Eure Majestät sollten einmal auf der Herfahrt von Saint-Mandé Ihren Kutscher in dieses Straßen-Gewirr einbiegen lassen . . Sie würden dort ein sehr erstaunliches Paris gewahren . . . Häuser, Köpfe, ein Kauderwelsch von Elsässisch und Hebräisch, Butiken, Trödelbuden, bis oben hinauf vor jeder Thüre mit Lumpen angefüllt, alte Weiber, die sie mit ihrer Hakennase durchstöbern oder von alten Regenschirmen losreißen, und Hunde, Ungeziefer, Gerüche, ein richtiges Ghetto aus dem Mittelalter, das in den Häusern von heute mit den eisernen Balkonen und den hohen Giebelfenstern krabbelt und wimmelt . . . – Der Vater Leemans ist indessen kein Jude. Er ist ein Belgier aus Gent, katholischen Glaubens, und der niedlichen Kleinen hilft's alles nicht, wenn sie sich auch noch so fleißig Sephora nennt: sie bleibt doch eine Misch-Jüdin, die wohl den Teint und die Augen, nicht aber die Raubvogelnase ihrer Rasse besitzt; im Gegenteil das niedlichste gerade Stumpfnäschen von der Welt! Ich weiß nicht, wo sie dies Näschen aufgefangen hat . . . Du mein Gott ja! Der Biedermann zeigt in einem Winkel der häßlichen Höhle in der Rue Eginhard, die er seinen Kramladen nennt, sein Brustbild, das am Fuße mit Wattelet gezeichnet ist – und's ist nicht eins der schlechtesten von mir! gewiß nicht! Eine Art und Weise, die ich ausfindig gemacht habe, mich in die Butike einzuschmuggeln und Sephora, an der ich einen von jenen Narren gefressen, den Hof zu machen . . .«

»Einen Narren?« wiederholte der König, dem das Pariser Spezialwörterbuch immer eine Art Erstaunen verursachte . . . »Ach ja! ich verstehe . . Sprich weiter!«

»Er war freilich, freilich nur auf mich beschränkt, der Narr!« fuhr der Künstler fort. »Den ganzen Tag über ging's wie eine Prozession in das Kaufhaus der Rue de la Paix hinein. Denn es muß hier bemerkt werden, Königliche Hoheit, daß der Vater Leemans zu jener Zeit zweierlei Niederlassungen besaß. Der Alte, der ein kluger und hämischer Mensch ist, hatte die Veränderung, die sich in dem Nippsachen- und Kinkerlitzchen-Kram während dieser letzten zwanzig Jahre vollzog, recht wohl begriffen. Der romantische Trödler aus den schwarzen Quartieren nach Art von Hoffmann oder auch von Balzac hat dem Kuriositätenhändler das Feld geräumt, der in Paris, in dem Paris des Luxus mit Schaufenstern und Gasbeleuchtung, seinen Sitz aufschlagen hat. Leemans behielt seinen schimmeligen Fleck in der Rue Eginhard für sich, und die ›Amateure‹, die Kenner, suchten ihn nach wie vor dort auf; für das Publikum aber, für die Laufkundschaft, für den flanierenden leichtgläubigen Pariser machte er mitten in der Rue de la Paix eine prächtige Kaufhalle von allerhand Antiquitäten-Kram auf, der mit den alten Juwelen und Kleinodien in mattem Gold oder getriebenem Silber, mit Spitzen, im Mumien-Tone gebräunt, die luxuriösen Läden mit modernen Galanterie- oder Goldschmiede-Waren, die in derselben Straße von Reichtümern und Schätzen überströmen, weit in Schatten stellte. Sephora war damals fünfzehn Jahre alt, und ihre jugendliche und gesetzte Schönheit paßte sehr gut in einen solchen Rahmen von alten Schmuck- und Kunstsachen.

Und eine so kluge und verständige, so geschäftsgewandte Person mit einem so sicheren Blicke und einem so scharfen Urteil für den wirklichen Wert einer Kunst- oder Nippsache, wie es der Vater selbst nicht besser besaß. O! es kamen Kunstliebhaber in den Laden um des Vergnügens willen, ihre Finger oder die moirierte Seide ihres Haares zu streifen, wenn sie sich mit ihr über den nämlichen Glaskasten bückten. Die Mutter war nicht hinderlich, sie war eine alte Frau mit so schwarzen Rändern um den Augen, daß sie aussah, als wenn sie eine Brille auf der Nase hätte; dabei immer mit Flickarbeit beschäftigt, immer mit der Nase über irgend einem Stück Spitze oder über alten Teppichstücken, aber um ihre Tochter sich keine Minute mehr bekümmernd . . . Und wie sehr hatte sie recht! Sephora war eine ernste und gesetzte Person, die nichts von ihrem Wege abwendig machen konnte.«

»Wirklich?« sagte der König, der hiervon entzückt zu sein schien.

»Eure Majestät mögen nach folgendem selbst urteilen! Die Mutter Leemans schlief im Kaufhause. Die Tochter aber kam gegen zehn Uhr abends in den Kramladen zurück, damit der alte Vater dort nicht ganz allein wäre. Nun! Dieses bewunderungswürdige Wesen, dessen Schönheit berühmt und in allen Zeitungen gefeiert war, die, wenn sie bloß ein »Ja« genickt hätte, Aschenbrödels Karosse vor sich aus dem Boden hätte steigen sehen, dieses weibliche Wesen wartete allabendlich auf den Omnibus bei der Madeleine-Kirche und kehrte schnurstracks nach dem Neste des väterlichen Uhu zurück. Des Morgens kam sie, weil die Omnibusse so früh, wie sie sich auf den Weg machte, noch nicht fuhren, bei Wind und Wetter, einen Regenmantel über ihrem schwarzen Kleide, nach dem Kaufhause; und ich versichere Sie gern und unter meinem Eide, daß in diesem Wust von Ladenjungfern, die teils im Baschlik, teils im Hut oder im bloßen Haar die Rue de Rivoli-Saint-Antoine hinunterkommen, von verblichenen oder neckischen Fratzen, frischen Mündchen, die im Frühnebel hüsteln, denen immer irgend ein galanter Liebhaber an den Fersen hängt, – daß keine einzige von ihnen mit ihr es hätte aufnehmen können.«

»Welch' Zeit Mädchen in der Rue?« grunzte der Königliche Prinz, der sich stark angeregt fühlte.

Aber Christian wurde ungeduldig.

»Lassen Sie ihn doch aussprechen! . . . Und nun?«

»Nun, Königliche Hoheit, war es mir gelungen, mir im Hause meines Engels Zutritt zu verschaffen, und ich steuerte meinem Ziele mit aller Behutsamkeit entgegen . . . Sonntags richtete man mit einigen Kleinkaufleuten aus der Passage Charlemagne kleine Hauslotterieen ein . . . Allerliebste Gesellschaft! Ich brachte von ihnen regelmäßig Flöhe mit nach Hause. Allein ich setzte mich neben Sephora und drückte ihr verstohlen die Hand, während sie mich mit einem Blicke bedachte von einem so himmlischen Ausdruck, daß ich in meiner Unwissenheit an die Reinheit und Lauterkeit einer wahren Tugend zu glauben bestimmt wurde. Da treffe ich eines Tages, als ich wieder in die Rue Eginhard komme, den Kramladen im tollsten Durcheinander, die Mutter weint, der Vater rast und fuchtelt mit einer alten Steinschloßflinte umher, deren er sich dazu bedienen will, den infamen Verführer zu zermalmen . . . Die Kleine hatte sich mit dem Baron Sala auf und davon gemacht, einem der reichsten Kunden, die Vater Leemans besaß; dieser Vater Leemans hatte aber, wie ich später erfuhr, seine Tochter selbst verschachert wie das erste beste Prachtstück antiker Kunstschlosserei . . Zwei, drei Jahre lang hielt Sephora sich mit ihrem Glück und ihrer Liebe zu diesem siebzigjährigen alten Herrn in der Schweiz, in Schottland und an den Ufern der blauen Seeen verborgen. Dann erfahre ich eines schönen Morgens, daß sie zurückgekehrt sei und ganz am Ausgange der Avenue d'Antin ein »Familien-Hotel« eingerichtet habe. Ich eile dorthin. Ich finde meine alte Liebe wieder, nach wie vor anbetungswürdig und gesetzt, am Ehrensitze einer wunderlichen Table d'hôte, die sich aus Brasilianern, Engländern und Damen der Halbwelt zusammensetzt. Die eine Hälfte der Gäste war noch beim Salat, während die andere schon das Tischtuch zurückschob, um ein Spielchen zu entrieren. Dort war es, wo sie J. Tom Lewis kennen lernte – J. Tom Lewis, der keine Schönheit, auch nicht mehr jung war und obendrein keinen Heller im Vermögen besaß. Wie J. Tom Lewis das zu Wege gebracht hat? Das wissen die Götter! Thatsache ist, daß sie um seinetwillen ihr Haus und ihr Geschäft verkauft hat, daß sie ihn geheiratet, daß sie ihm beigestanden hat, die Agentur einzurichten, die in der Anfangszeit sehr florierte und reich ausgestattet war, die aber jetzt in eine solche Mißlage geraten ist, daß Sephora, die man nie mit einem Blicke sah, die in dem possierlichen Herrschaftssitze, den Tom Lewis sich geleistet hat, als Einsiedlerin lebte, in der Gesellschaft neu aufgetaucht ist in der Figur und Rolle des reizendsten Buchhalters, der je in einem kaufmännischen Kontore gesessen hat . . . Saperlot! Die Kundschaft ist's bald gewahr geworden! Die Crême der Clubs fängt an, sich in der Rue Royale Rendezvous zu geben. Man charmiert am Kastengitter, wie ehedem im Raritätenladen oder im Bureau des ›Familien-Hotels.‹ Was mich angeht, so mag ich nichts mehr davon wissen. Dieses Weib jagt mir zu guter letzt noch Schrecken ein. Seit einem Jahrzehnt ewig die gleiche, ohne ein Fältchen, ohne eine Runzel, nie anders als die langen Wimpern gesenkt, die an den Enden sich wie Angelhaken nach oben krümmen – um die Partie unter den Augen immer jugendlich und voll – und dies alles, dies alles um dieses wunderlichen Exemplars willen von Ehemann, den sie anbetet! . . . Das ist doch eine Sache, die schließlich auch den verliebtesten Menschen stören und entmutigen muß!«

Der König zerknitterte verdrießlich die Karten.

»Aber rede doch nicht! Ist so etwas denn möglich? Solch ein häßlicher Affe, solch ein Fettbauch wie Tom Lewis! . . ein Kahlkopf, der um fünfzehn Jahre älter ist als sie . . . ein Gauner, ein Bauernfänger . . .«

»Es giebt Leute, die so etwas leiden mögen, Königliche Hoheit!«

Und der präsumptive Thronfolger bemerkte hierzu mit seinem schleppenden und an die Gasse mahnenden Accent:

»Nichts zu holen bei diesem Frauenzimmer . . geraume Zeit darnach geangelt . . nichts beißt . . Alles versperrt, verriegelt . . .«

»Schwerenot auch, d'Axel! Ihre Art, die Angel auszuwerfen, kennen wir doch,« sagte Christian, als er diesem in die Kunstsprache der hohen ›Gomme‹ angenommenen Ausdruck Verständnis abgewonnen . . . »Sie haben keine Geduld . . . wollen immer mit offenen Thüren empfangen sein . . . bei Ihnen wird das Veni, vidi, vici mit gar großen Buchstaben geschrieben! . . . Ich hingegen meine, daß ein Mann, der sich die Mühe nehmen möchte, Sephora für sich zu begeistern, der sich durch schweigsames Verhalten, durch Geringschätzigkeiten nicht irre machen ließe . . ., daß es bei ihm Sache von vier Wochen sein dürfte, den Weg zum Erfolge zu finden . . . Nicht länger!«

»Wette, es ist nichts!« sagte d'Axel.

»Wie hoch?«

»Zweitausend Louis.«

»Angenommen . . . Wattelet! Bitte um das Buch!«

Dieses Buch, in welches die Wetten des ›Grand-Club‹ eingezeichnet wurden, war so merkwürdig und lehrreich in seiner Art, wie die Kontobücher der Schlupfstätte Lewis. Die größten Namen der französischen Aristokratie setzen dort ihr gutheißendes Votum unter die verschrobensten, nichtigsten Wetten, solche beispielsweise wie die des Herzogs von Courson-Launay, welcher sein ganzes Haar verwettet und verspielt hat, der infolgedessen gezwungen war, sich jedes Haar auszurupfen bis er glatt und kahl war wie eine Odaliske und vierzehn Tage lang weder laufen noch sitzen konnte . . . Solcher erfinderischer Einfälle hat's noch andere, noch weit überspanntere gegeben, und es stehen Namen in diesem Buche der Narrheit, Namen von Helden auf hundert glorreichen Pergament-Blättern in häßlicher Gruppierung verzeichnet!

Es stellten sich mehrere Club-Mitglieder mit respektvoller Neugierde um die beiden Herren auf, welche die Wette entriert hatten. Und diese lächerliche cynische Wette, die im tollen Augenblick einer lustigen, überschäumenden Jugend vielleicht zu entschuldigen war, gewann angesichts des Ernstes und der Würde all dieser kahlen Schädel, in Anbetracht der socialen Würden, deren Träger sie waren, durch die heraldische Bedeutung der zum Pfande gesetzten Unterschriften, den Charakter eines die Geschicke Europas regelnden internationalen Vertrages.

Die Abmachung wurde wie folgt stipuliert:

»Am 3. Februar 1864 hat Seine Majestät Christian der Zweite zweitausend Louis gewettet, daß er noch vor Ablauf des gegenwärtigen Monats begünstigter Liebhaber von Sephora L . . . sein werde.«

»Seine Königliche Hoheit der Prinz d'Axel hält die Wette.«

 

»Es hätte sich vielleicht Gelegenheit geboten, mit Sumpfhuhn und Hühnersterz zu zeichnen,« sprach Wattelet vor sich hin, als er das Buch aus dem Saale trug; und über sein Gesicht, das den Eindruck eines Hanswurstes der feinen Gesellschaft machte, glitt das Beben eines boshaften Lächelns.

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