Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alphonse Daudet >

Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Der Hof zu Saint-Mandé.

Das im »Pyramiden-Hotel« einstweilig genommene Quartier hatte sich auf die Zeit zwischen drei und sechs Monaten ausgedehnt. Man hatte die Kisten und Koffer kaum ausgepackt, von den Reisetaschen kaum die Schlösser genommen. Tag für Tag trafen ausgezeichnet Nachrichten aus Illyrien ein. Der Wurzeln entblößt, auf einem neuen Boden, wo sie weder Vergangenheit noch Helden besaß, fand die Republik kein Gedeihen, kein Fortkommen. Das Volk erschlaffte; es that ihm leid um seine Fürsten, und Rechenexempel von unfehlbarer Richtigkeit fanden zu den Ohren der Verbannten den Weg: »Sich bereit halten . . . morgen geht's los!« Man schlug keinen Nagel ein in die Wohnzimmer, rückte kein einziges Stück Möbel vom Flecke, ohne daß man den Hoffnungsruf dabei that: »Es lohnt der Mühe nicht mehr!« Dennoch zog das Exil sich in die Länge, und die Königin säumte nicht zu begreifen, daß dieser Aufenthalt im Gasthofe inmitten von einem ewigen Fremdentrubel, einem ununterbrochenen Aus- und Einfliegen von Reisevögeln jeglichen Gefieders, der Würde ihres Standes sich unzuträglich erweisen würde. Man brach das Zelt ab, erwarb ein Haus käuflich und richtete sich in ihm wohnlich ein. Aus der nomadenhaften Natur des Exils wurde eine seßhafte Natur.

In Saint-Mandé, auf der Daumesnil-Avenue, dort wo die Rue Herbillon einmündet, in diesem an das »Bois« grenzenden Teile, der mit vornehmen Bauten eingefaßt ist, durch niedliche Gitter den Blick auf Gärten mit sauberen Kiespfaden, auf Freitreppen im Bogenstile, auf englische Rasenplätze gewährt, die einen in den Wahn hineinzaubern, als weile man in einem Winkelchen der Avenue des Bois-de-Boulogne – in Saint-Mandé stand das Wohnhaus des vertriebenen Königs.

In einem von diesen villen- oder palastähnlichen Häusern hatte schon der König und die Königin von Palermo Zuflucht gefunden, die über ein großes Vermögen nicht geboten, und hier sich dem Vergnügungszwange und dem Leben in den luxuriösen Stadtvierteln des High-Life entziehen konnten. Die Herzogin von Malines, die Schwester der Königin von Palermo, war ebenfalls vor kurzem nach Saint-Mandé gezogen, und den beiden Damen war es nicht schwer gefallen, ihre Cousine zur Wahl einer Wohnung in diesem Stadtviertel zu bestimmen. Mit einziger Ausnahme der freundschaftlichen Beziehungen, wünschte sich Friederike von dem Taumel des Pariser Lebens fernzuhalten; sie wünschte Verwahrung einzulegen gegen die neue Welt und gegen das Gedeihen und die Fortschritte des republikanischen Staatslebens, wünschte jener Neugierde aus dem Wege zu gehen, die sich an bekannte Personen hängt, und die ihr eine Beleidigung, ein Schimpf an ihrem Sturze zu sein bedünkte.

Der König hatte sich in der ersten Zeit gegen die Abgelegenheit der Wohnung gesträubt, sollte in diesem Umstande aber bald einen Vorwand für seine lange Abwesenheit von zu Haus und für seine häufige Heimkehr zu später Nachtzeit finden. Schließlich, und dieser Umstand hatte alle anderen überwogen, war das Leben dort minder kostspielig als überall anderswo, und man konnte dort seinen Luxus mit verhältnismäßig geringen Unkosten entfalten.

Die Einrichtung war wohnlich und behaglich. Das weiße, drei Etagen hohe und rechts und links von einem Türmchenpaar flankierte Haus blickte durch die Bäume seines kleinen Parkes hindurch auf den Wald. Auf der andern Seite, auf der Rue Herbillon, zwischen den Dienerschaftsgebäuden und den ihnen gegenüberliegenden Treibhäusern, zog sich ein großer, runder, besandeter Hof hin bis zur Freitreppe, die von einer mittelst zwei schräger Lanzen gestützten Markise in Form eines Zeltes überdacht wurde. Zehn Pferde im Marstall: Kutschpferde und Reitpferde (denn die Königin ritt alle Tage aus) – die Dienerschafts-Livree in den illyrischen Landesfarben, Haartracht im Perückenstil à la bourbon mit obligatem Puder, dazu ein Schweizer am Thor, dessen Hellebarde und goldgrünes Bandelier in Saint-Mandé und Vincennes so legendenhaft und sagenumkrönt wurden wie es der Stelzfuß der greisen Daumesnil war – dies alles zusammengenommen schuf einen leidlichen und fast neuartigen Luxus. Es war in Wirklichkeit kaum erst ein Jahr her, daß Tom Lewis die fürstliche Bühne, auf welcher sich die Erzählung unseres historischen Dramas abspielen wird, mit all ihrem Dekor und Zubehör improvisiert hatte.

Ei! du mein lieber Himmel, Tom Lewis! jawohl, Tom Lewis . . . Trotz alles Mißtrauens, das man gegen ihn hatte, trotz alles Abscheus, den man vor ihm fühlte, hatte man doch zu ihm seine Zuflucht nehmen müssen. Dieses ganz kleine rundliche Männchen war von einer Zähigkeit, von einer Biegsamkeit und Schmiegsamkeit, die erstaunlich waren. Und hatte soviel Ränke und Schliche im Sack, soviel Schlüssel und Dietriche und monseigneurliche Zangen und Zwicken, um Schlösser, die sich nicht schließen lassen wollten, schließlich doch aufzuschließen oder zu sprengen – ganz ungerechnet die Arten und Weisen, wie er sich die Herzen der Lieferanten, der Dienerschaft und der Kammerzofen zu gewinnen verstand. »Vor allen Dingen nichts mit Tom Lewis zu schaffen haben!« So hieß es immer zum Anfange. Aber dann nahm nichts einen Fortgang. Die Lieferanten schafften die Waren nicht richtig zur Stelle, die Dienerschaft lehnte sich so lange auf, bis der Mann in seinem Cab mit der goldenen Brille auf der Nase und den Berlocken an der Uhr auf der Bildfläche erschien. Da senkten sich die Vorhänge von selbst vom Plafond hernieder und streckten sich bis zu den Parkettböden hin und darüber hinweg – knüpften sich von selbst und legten sich von selbst in Falten und Wellen und verdichteten sich von selbst zu Portieren, zu Gardinen, zu Dekorationen und unterwattierten Tapeten. Die Dampfheizung setzte sich in Thätigkeit, die Kamelien wuchsen im Treibhause zu herrlicher Blüte, und die im Handumdrehen eingerichteten Besitzer des vornehmen Hauses hatten nichts weiter zu thun, als sich dem Genusse zu überlassen und auf die bequemen Sessel in den Salons sich zu strecken, und dort des Bündels Rechnungen zu harren, die alsbald aus allen Ecken und Winkeln von ganz Paris herbeigeströmt kamen. In der Rue Herbillon hauste der alte Rosen, der Chef des Civil- und Militär-Kabinetts, der die Rechnungen entgegennahm, die Dienerschaft ablohnte, das kleine Vermögen des Königs verwalte und so geschickt und klug zusammenhielt, daß Christian und Friederike, nachdem ihr Unglück in diesen vergoldeten Rahmen gefaßt worden war, noch immer bequem und reichlich zu leben hatten. Das auf Thronen geborene Königspaar hatte übrigens vom Werte irgendwelchen Gegenstandes absolut keine Kenntnis. Es war daran gewöhnt, sich in effigie auf allen Gold- und Silbermünzen geprägt zu sehen, Gold und Geld schlagen und prägen zu lassen nach ihrem Belieben und Gefallen – und statt sich nun über das Wohlleben, das ihnen bereitet wurde, zu verwundern oder zu erstaunen, empfanden sie im Gegenteil alles, was ihrem neuen Dasein noch fehlte, von der kältenden Leere gar nicht zu sprechen, welche gefallene Kronen auf und um Stirnen zu hinterlassen pflegen. Das Haus in Saint-Mandé, das nach außen hin so schlicht und einfach aussah, mochte in seinem Innern noch so sehr ein kleiner und schmucker Palast sein, das Zimmer der Königin durch seine blauen, mit alten Brügger Spitzen überkleideten Lampas-Tapeten noch so sehr an ihr Zimmer im Laibacher Schlosse erinnern, das Kabinett des Fürsten noch so identisch sein mit dem, das er dort unten geräumt hatte, ja alles bis auf die Reproduktionen der Statuen, die das Treppenhaus der Königsresidenz geschmückt hatten, bis auf die Affen-Kolonie, die sich im lauen Treibhause herumgetollt, bis auf die rankenden Glycinen, die für die allerhöchsten Herzenslieblinge, die Seidenäffchen, dort gepflanzt worden waren – alles mochte noch so sehr an die heimischen Räume erinnern: was war dieses alles, was waren alle diese winzigen Beweisteilchen zartsinniger Schmeichelei ihnen, den Eigentümern von vier historischen Schlössern! ihnen, denen jene sommerlichen Residenzen zivischen Himmel und Wasser zu eigen gehörten, deren samtweicher Rasen unter den Meereswellen dahinstarb auf den Inseln von herrlichem Grün, die man die »Gärten der Adriatica« nennt?!

In Saint-Mandé war die Adriatica der kleine See des Wäldchens, der den Fenstern der Königin gegenüberlag, und auf welchen die Königin so traurig hinübersah, wie Andromache in der Verbannung auf ihren falschen Simoïs. So beengt und eingeschränkt indes ihr Leben auch war, so widerfuhr es Christian, der welt- und geschäftserfahrener war als Friederike, doch zuweilen, daß er sich über diese verhältnismäßige Behaglichkeit und Eleganz verwunderte.

»Dieser Rosen ist ein ganz unglaubliches Genie . . . Ich weiß wirklich nicht, wie er es anfängt, um mit dem bischen, das uns noch gehört, alles zu bestreiten und nach allen Seiten hin auszulangen.«

Dann setzte er mit Lachen hinzu:

»Immerhin kann man darüber sicher sein, daß er von dem Seinigen nichts hinzubrocken wird!«

Thatsache ist, daß Rosen in Illyrien den Beinamen Harpagon führte. Nach Paris sogar war dem Herzog dieser Ruf von Filzigkeit gefolgt und hatte Bestätigung gefunden in der Verheiratung seines Sohnes – einer in den diesbezüglichen Vermittelungsbureaus geschlossenen Heirat, der die ganze Niedlichkeit und Nettigkeit im Aussehen und Wesen der kleinen Sauvadon den Charakter einer schmutzigen Mésalliance nicht zu nehmen vermocht hatte. Indessen war Rosen reich. Der alte Pandure, dem all seine habgierigen und geizigen Neigungen auf seinem Raubvogel-Profil eingeschrieben standen, hatte den Krieg gegen die Türken und gegen die Montenegriner nicht einzig und allein des Ruhmes halber geführt. Aus jedem Feldzuge kamen seine Bagagewagen vollgepfropft bis an den Rand nach Hause zurück. Das großartige Hotel, das er dicht neben dem Hotel Lambert, am Ausgange der Sankt-Ludwigs-Insel, bewohnte, strotzte von kostbaren Dingen aller Art, von orientalischen Teppichen, von Geräten aus dem Mittelalter und aus der Ritterzeit, von Gefäßen aus massivem Gold, Skulpturen, Reliquien-Schreinen, gewirkten und gestickten Stoffen; alles Beutestücke aus geplünderten Klöstern und Harems, die in einer Flucht von unermeßlichen Empfangs-Salons untergebracht und aufgestapelt standen – aber diese Salons hatten sich bislang der Pariser Gesellschaft ein einziges mal nur geöffnet und zwar gelegentlich der Vermählungs-Feier Herberts und der zu ihren Ehren mit dem Gelde des alten Sauvadon veranstalteten feenhaften Festlichkeit – seitdem hüteten sie, düster und hinter Schloß und Riegel, hinter zugezogenen Gardinen, dicht verschlossenen Jalousieen, als fürchteten sie sogar die Indiskretion eines Sonnenstrahls, ihre Reichtümer und Schätze. Der Biedermann führte dort ein richtiges Narrendasein; eingezwängt in eine einzige Etage des unermeßlichen Hotels, gestattete er sich für die gesamte Bedienung desselben und seiner eigenen Person den Luxus eines einzigen Dienstbotenpaars und übte in allen Dingen das strenge und karge Regiment eines Geizkragens aus der Provinz, während die geräumigen Küchen im Kellergeschoß ebenso streng verschlossen blieben, wie die Gala-Zimmer und weder ein Bratspieß dort gedreht, noch ein Herd dort gefeuert wurde.

Die Ankunft seiner Souveräne, die Ernennung aller Personen des Geschlechts und Namens Rosen zu Ämtern an der kleinen Hofhaltung hatten in die Gewohnheiten des alten Herzogs kleine Veränderungen gebracht. Zunächst waren die jungen Leute, deren Wohnung im Park Monceau – ein richtiger Käfig der Neuzeit mit vergoldeten Gittern – zu weit von Vincennes entfernt lag, zu ihm gezogen. Allmorgendlich um neun Uhr, gleichviel wie die Witterung war, hielt sich die Prinzessin Colette in Bereitschaft, der Königin beim Aufstehen aufzuwarten, bestieg an der Seite des Generals die Kutsche und fuhr in dem Nebel, der morgens, zur Winters- wie zur Sommerzeit und bis etwa um die Mittagsstunde, die Spitze der Insel umhüllt wie ein Schleier auf dem Zauberzierrat der Seine, zum königlichen Residenz-Gebäude hin. Zu dieser Stunde bemühte sich der Prinz Herbert regelmäßig, ein bischen von dem ihm im angestrengten Nachtdienste verloren gegangenen Schlafe wieder herein zu bringen. Der König Christian, der zehn Jahre seines Lebens hinten im Lande und hinter dem Kachelofen vertrödelt hatte und nun nachzuholen beflissen war, konnte sich von dem Pariser Nachtleben so wenig trennen, daß er, nach Schluß der Theater und Cafés, beim Heimgange aus den Clubs, einen besonderen Reiz darin fand, die leeren, öden und schallenden oder von Wasser schimmernden Boulevards mit ihrer endlosen Flucht von Laternen und Kandelabern, einer dicht am Rande der langen Fernsicht aufgestellten Feuerwache vergleichbar, entlang schritt.

Prinzeß Colette begab sich, sobald sie in Saint-Mandé mit ihrer Kutsche hielt, schnurstracks zur Königin. Der Herzog ließ sich in einem an die Dienerschafts-Gebäude stoßenden Schweizer-Pavillon nieder, allwo er für Dienerschaft und Lieferanten-Volk gleich zugänglich war. Man hatte diesen Pavillon mit der Bezeichnung »Intendantur« getauft, und es war rührend mit anzusehen, wie dieser hohe Greis auf seinem Glanzlederstuhle saß, zwischen Papierstößen und Akten und grünen Schachteln, und kleine Rechnungen von allerhand Bürgervolk entgegennahm und abwickelte – er, unter dessen Befehlen im Laibacher Königsschlosse ein ganzes Volk von galonierten Trabanten gezittert hatte. Er besaß einen so großen Geiz, daß ihm, selbst wenn er nicht für eigene Rechnung zahlte, doch jedesmal, wenn er Geld hergeben mußte, ein krampfhaftes Zucken das ganze Gesicht verrenkte, daß alle Falten und Runzeln desselben von nervösem Ruck befallen und einander näher gejagt wurden, ganz so als hätte man sie mit einer Sackschnur gebunden – sein starrer, strammer Körper erhob Einspruch dagegen, daß er Geld hergeben sollte, und zwar bis auf die automatischen Gebärden hinunter, mit welchen er den in die Mauer eingemauerten Geldkasten aufschloß. Trotz alledem richtete er alles so ein, daß er in fortwährender Bereitschaft stand und mit den bescheidenen Hülfsquellen des Fürsten-Hauses von Illyrien der in einer großen Haushaltung unvermeidlichen Verzettelung und Vergeudung von Material nicht minder gerecht werden konnte, als der Wohlthätigkeit der Königin und der freigebigen Ader des Königs, sogar seinen Neigungen und Zerstreuungen, die das Budget allerdings recht belasteten, denn Christian hatte das sich gegebene Wort redlich gehalten und verlebte die Zeit seines Exils in dulci jubilo.

Bei allen Pariser Festlichkeiten rege beteiligt, von den großen Klubs und Gesellschaften als Mitglied angenommen, in den Salons ein gern gesehener, gesuchter Gast, dessen schalkhaftes und pfiffiges Profil in dem regen Wirrwarr der vordersten Logen oder dem lärmenden Schwung einer Korso-Heimfahrt gewissermaßen stereotyp war und seinen Platz in den bekannten Medaillon-Bildern des »Tout Paris« gefunden hatte zwischen der kecken Haarfrisur einer beliebten Schauspielerin und dem zerrütteten Gesicht jenes in Ungnade gefallenen königlichen Prinzen, der sich in der Erwartung, daß die Stunde der Thronbesteigung in Bälde für ihn schlagen möge, in den Pariser Boulevard-Cafés herumdrückt. Christian führte das müßige und doch so stark besetzte, fast auf die Minute ausgenützte Leben der jugendlichen Welt der Pariser ›Gomme‹. Nachmittags beim Ballspiel oder beim Skating, dann eine Spazierfahrt ins Bois, ein Besuch noch zur Tageszeit in einem gewissen »Boudoir chic«, dessen üppige Natur der Ausstattung und dessen überschüssige Freiheit im Ausdruck ihm Spaß machte und seinen Beifall fand – abends in den kleinen Theatern, in den Foyers der Ballets und der Ballsäle, im Kasino und vornehmlich am Spieltische, wo man in der Art der Hantierung mit den Karten seinen slavischen Ursprung, die leidenschaftliche Liebe zum Wagnis und für alle hiermit im Zusammenhange stehenden Ahnungen und Vorempfindungen alsbald herausgefunden hatte. Er ging fast niemals mit der Königin aus, ausgenommen des Sonntags, wenn er sie nach der Kirche von Saint-Mandé führte. Er sah sie auch kaum zu anderen Tagesstunden, als zu den Mahlzeiten. Er hatte Furcht vor dem vernünftigen und geraden Wesen seiner Frau, die sich immer ihre Pflicht vor Augen hielt und deren verächtliche Kälte ihn gleich einem sichtbaren Gewissen bedrückte. Es war das leibhaftige Memento an die ihm als König obliegenden Pflichten, an die Handlungen des Ehrgeizes, deren er vergessen wollte; und da er zu schwach war, sich Auge in Auge gegen diese stumme Oberherrlichkeit aufzulehnen, bedünkte es ihm angenehmer, sich zu drücken, seine Zuflucht zur Lüge zu nehmen, sich zu verleugnen oder zu verstecken. Friederike ihrerseits kannte dieses glutvolle und weichliche, dies vibrierende und schwächliche Slaven-Temperament so gut; sie hatte soviel mal Anlaß gehabt, diesen Menschen, der halb Mann und halb Kind noch war, der alle Eigenschaften des Kindesalters, die Anmut, das Lachen, ja selbst die Grausamkeit des Eigensinns, der Laune noch an sich hatte; sie hatte ihn so oft vor sich auf den Knieen liegen sehen nach einem von jenen Fehltritten, über denen er sein Glück und seine Würde aufs Spiel setzte – daß sie an ihm als Ehemann und Mensch gänzlich verzweifelt war und nur noch Rücksichten für ihn als König kannte. Und dieser Kampf währte nun beinahe zehn Jahre, obwohl nach außen hin die königliche Ehe als höchst einmütig galt. Auf jenen Höhen menschlichen Daseins, in den großen geräumigen Wohnungen, bei der zahlreichen Hausdienerschaft, dem Ceremoniell, das die Abstände beseitigt und die Empfindungen zusammendrängt, sind solche Arten von Lügen möglich. Aber das Exil sollte zum Verräter an ihnen werden.

Friederike hatte zu Anfang die Hoffnung gehegt, daß diese harte Prüfung den Verstand des Königs zur Reife bringen, jene herrlichen Umwälzungen in ihm bewirken würde, welche die Männer zu Helden und Siegern gestalten. Statt dessen sah sie nun in seinen Augen einen Fest- und Freuden-Rausch, einen Taumel aufleuchten, den das Pariser Leben, sein satanisches Phosphorlicht, das Inkognito, die Versuchungen und die Leichtigkeit des Vergnügens und Genusses dort entzündet hatten. Ach! wenn sie ihm hätte folgen, wenn sie teil hätte nehmen wollen an diesem tollen Rennen mitten hinein in den Pariser Wirbeltanz; wenn es ihr beliebt hätte, ihre Schönheit, ihre Pferde, ihre Toiletten an die große Glocke hängen zu lassen, sich mit all ihren, ihr als treu anhaftenden Koketterien an die eitle hole Leichtsinnigkeit und Leichtlebigkeit des Herrn Gemahls zu hängen, dann würde eine Annäherung zwischen den beiden Eheleuten möglich gewesen sein. Aber sie blieb mehr denn je Königin, entsagte keinem Tüttelchen von ihrem Ehrgeiz, von ihren Rechten, von ihren Hoffnungen; und kampfesfroh auch fern der Heimath, schickte sie Schreiben auf Schreiben an die Freunde dort unten zu Lande, legte Verwahrung gegen das Thun und Treiben ihrer Feinde dort ein und sorgte bei allen Höfen Europas dafür, daß das Interesse an der schweren Unbilde, die über ihrem Schicksal lag, nicht kalt wurde. Der Rat Boscowich war ihr Geheimschreiber; sie diktierte ihm ihre Gedanken in die Feder; und mittags, wenn der König herunterkam, unterbreitete sie selbst ihm die Schriftstücke, die Briefe, die zur Post gebracht werden sollten, zur Unterschrift. Er unterzeichnete – fürwahr! er unterzeichnete alles was sie wollte, aber in seinen Lippenwinkeln zitterte es dabei immer wie von leiser Ironie. Die skeptische Anschauung, die in seiner zum Spott neigenden kalten Umgebung herrschte, hatte auch ihn angesteckt. Den Illusionen der Anfangszeit war eine bei solchen extremen Naturen gewöhnliche Reaktion gefolgt und hatte der festen Überzeugung Platz gemacht, daß das Exil sich bis aufs unendliche hinaus verlängern würde. Welche langweilige Miene, welche Ermüdung, welche Abgespanntheit brachte er darum auch zu jenen Unterhaltungen mit, in welchen Friederike es versuchte, ihn auf die Höhe des fieberhaften Zustandes zu schwingen, der sie beherrschte – wo sie in der Tiefe seiner Augen jene Aufmerksamkeit, jenes fortwährend sich auf dem qui-vive-Halten suchte, das sie in sie hineinzutragen, in ihnen zu festigen außer stande war! Anderswo mit seinen Gedanken, zerstreut, abgelenkt, den ersten besten dummen Kehrreim im Schädel, summte ihm dort immer der Wahn herum, dem er in der verwichenen Nacht nachgejagt, die Vision, die seinem geistigen Auge aus solchen Stunden des tollen Rausches, der faulen und doch so wohligen Freude seines Pariser Bummel-Lebens noch vorschwebte! Und welches »Uf!« der Erleichterung, der Erlösung, als er endlich draußen war! Welch ein erneutes Aufleben der Jugend und Lebenslust, das die Königin mit jedem male trauriger stimmte und verlassener, einsamer zurückließ!

Mit diesen schriftlichen Arbeiten wurden die Frühstunden des Tages ausgefüllt. Verbunden mit ihnen war die Absendung etwelcher von jenen beredten, kurzen Briefen, durch welche sie den fast im Sinken begriffenen Mut ihrer Freunde, die mehr und mehr zu ermatten drohende Anhänglichkeit an ihr Haus und ihre Sache wieder mit Leben befeuerte. Nächst dieser Beschäftigung bildete die Lektüre ihrer königlichen Bibliothek, die aus Memoiren, aus Briefen, aus Chroniken verwichener Zeiten oder hoher philosophisch-religiöser Tendenz sich zusammensetzte, ihre einzige Zerstreuung und Unterhaltung. Sie nahm auch teil an den Spielen, mit welchen ihr Knabe sich im Garten die Zeit vertrieb, ritt auch in den Vincenner Wald hinaus; diese Spazierritte aber wurden selten bis an seinen Saum hinausgedehnt, bis wohin sich die letzten Echos des Pariser Lärms und Lebens fortpflanzten; denn Paris verursachte ihr eine unüberwindliche Abneigung, eine Empfindung des Grausens, deren sie nicht Herrin zu werden vermochte. Kaum ein einziges mal im Monat unternahm sie in großer Gala eine Besuchsfahrt bei den exilierten Fürstlichkeiten. Ohne Lust und Freude fuhr sie aus, und auch die Nachhausekunft war immer unerquicklich; und ihr Mut war in den hierauf folgenden Stunden immer auf ein Minimum herabgesunken. Unter diesen, mit Anstand und Edelsinn getragenen, widrigen Königsschicksalen fühlte sie die gänzliche Verlassenheit, den vollständigen Verzicht, die im Stillen vollzogene, in Geduld hingenommene, zur Gewohnheit gewordene Abfindung mit dem Exil, so sehr man sich auch beflissen zeigte, sich durch allerhand Wahn, durch kindliches Treiben und Thun und manchmal noch schlimmere Dinge, darüber hinwegzutäuschen.

Die würdigste, stolzeste dieser gefallenen Majestäten, der König von Westphalen, ein armer, blinder Greis, der ein so rührendes ergreifendes Bild bot neben seiner Tochter, seiner blonden Antigone – der König von Westphalen wahrte die Pracht und alle durch seinen Rang gebotenen Rücksichten nach außen hin mit unentwegter Strenge, beschränkte seine Thätigkeit aber allein noch darauf, Dosen zu sammeln und Kuriositätenschränke in seinen Salons aufzustellen – ein verwunderlicher Hohn auf das körperliche Gebrechen, das ihn verhinderte, sich an dem Anblick seiner Schätze zu weiden. Bei dem Könige von Palermo der nämliche apathische Verzicht, verschärft durch Trauer über den Verlust des einzigen Kindes, durch Trübsinn, Geldmangel, zerrüttetes Eheleben, durch die infolge jenes Todesfalls überhand nehmende Ertötung jeglichen Ehrgeizes. Der König, der fast niemals zu Hause war, ließ seine Frau an ihrem Witttums- und Verbannungs-Herde hocken; während die üppige, für Zerstreuung und Vergnügen leidenschaftlich begeisterte Königin von Galicien ihrem lockeren Lebenswandel als exotische Majestät keinerlei Zwang auferlegte, und der Herzog von Parma von Zeit zu Zeit nach seinem Schießprügel griff, um einen Versuch zur Überschreitung seiner Landesgrenzen zu unternehmen, von dem er aber jedesmal und mit empfindlichen Verlusten in die erbärmliche Müßigkeit und Faulheit seines Lebens zurückgetrieben wurde. In der Hauptsache weit mehr Schmuggler und Schwärzer als Thronwerber, führte er Krieg kaum zu anderem Zwecke, als um sich Geld und Dirnen zu verschaffen, und bereitete seiner armen Herzogin all den Seelenschmerz und all die Aufregungen eines an solchen Banditen der Pyrenäen geketteten verheirateten unglücklichen Weibes, das immer erwarten muß, ihn auf einer Tragbahre heimgeschafft bringen zu sehen, wenn sich die Bande bis zur Frühdämmerung auf ihrem Raubzuge verspätet. Alle diese ihrer Throne verlustig gegangenen Personen führten bloß ein einziges Wort im Munde, kannten nur einen einzigen Wahlspruch, der an die Stelle der Wappensprüche tiefen Klanges über ihren Königsresidenzen getreten war: »Warum, 'was thun? . . wozu kann's dienen?« Für die schwunghafte Begeisterung, für den regen, thätigen Feuergeist Friederikes hatten die höflicheren unter ihnen ein Lächeln übrig; die Damen interessierten sich nur für Theater, Frömmigkeit, für Abenteuer von Moden; und allmähliche schrittweise bemächtigte sich diese stillschweigende Zerrüttung eines Grundsatzes, dieser langsame, fast unmerklich sich vollziehende Kräfteverfall auch der stolzen Dalmatinerin selbst. Zwischen diesem König, der gar nicht mehr König sein wollte, und dem armen schwächlichen Zara, der so langsam, so sehr langsam heranwuchs, wirkte alles schwächend, zersetzend auf sie. Der alte Rosen sprach kaum noch ein Wort und saß den ganzen Tag in seiner Kanzlei eingesperrt. Die Prinzessin war bloß ein Vögelchen, das den ganzen Tag über nichts anderes zu thun wußte, als an ihrem Gefieder herum zu putzen; Boscowich war ein Kind, und die Marquise eine Närrin. Es war wohl der Pater Alpheus noch da; aber dieser grimmige und verharschte Mönch würde kaum imstande gewesen sein, die das Herz erschütternden Empfindungen der Königin, die Zweifel, die sie erfüllten, die Befürchtungen, die sie zu beschleichen, sich ihrer zu bemächtigen drohten, zu verstehen und zu begreifen, wenn sie ihm nicht mit derben, deutlichen Worten erzählt würden. Die Jahreszeit that auch das ihrige. Dieser Wald von Saint-Mandé, dieser im vollen Grün, in voller Blüte stehende Sommer, der während der Woche verlassen und ruhig war wie ein Park, und an Sonntagen von volkstümlicher Freude und Lustigkeit erschallte, gewann über dem Herannahen des Winters, unter dem, Trauer erweckenden Einfluß der sich am Horizont lagernden Regenwolken, des über seinem See sich niedersenkenden Nebels, den trostlosen, aller Größe ermangelnden Anblick von Stätten der Freude. Scharen von Raben flogen über schwarzes Gestrüpp, über hohe knorrige, krumme Bäume, in deren entkrönten Wipfeln Krähennester, zottige Büschel schaukelten. Es war der zweite Winter, den Friederike in Paris verlebte. Warum bedünkte er ihr länger, unheimlicher zu sein als der andre? War es das geräuschvolle Gasthofsleben und Treiben, das ihr fehlte? das Getümmel der regen und reichen Stadt? Nein! Aber in dem Maße, wie die Königin sich auf und in sich selbst zurückzog, überkamen die Frau ihre Schwächen, ihr Weh und Leid als vergessene, verlassene Ehefrau – ihr Heimweh als aus dem Lande ihrer Geburt in die Fremde hinausgetriebenen Frau!

*           *
*

In der an den großen Salon stoßenden Glasgalerie, die zu einem kleinen Wintergarten hergerichtet worden war, hielt sie sich jetzt ganze Tage lang unthätig auf. Es war ein lauschiger Winkel, fernab vom häuslichen Getriebe und in allen Ecken und Eckchen mit hellen Tapeten und Vorhängen und immergrünen Pflanzen ausgeschmückt. Vor sich hatte sie den vom Regen in Beete und Furchen zerschnittenen Garten mit seinem dürren Geäst und Zweigicht, das sich wie eine Kupferstich-Platte vor den grauen Horizont legte, mit einem Mischmasch aus tiefgrünem, unverwüstlichem Laub, das Stechpalmen und Buchsbaum selbst unterm Schnee noch aufbewahrten. Durch seine weiße Decke herauf drangen die Zweige der beiden Pflanzen. Auf den drei übereinander gelagerten Becken des Springbrunnens schlug das niederfallende Wasser einen kalten Silberton an; und drüben über dem hohen Gitter, das sich längs der Avenue Daumesnil hinzog, sausten die Dampfbahnen vorbei, das Schweigen und die Einsamkeit des Bois auf zwei Meilen hin ruckweise unterbrechend. Lange Rauchschwänze zogen sie hinter sich her, und dieser Rauch verteilte sich in der gelben Luft so schwer, daß Friederike ihn lange verfolgen und sehen konnte, wie er sich nach und nach, langsam und glanzlos gleichwie das Leben, verlor.

Es war an einem regnerischen Morgen, als Elysée Méraut dem königlichen Kinde seine erste Unterrichtsstunde gab in diesem kleinen Winkel, wohin sich die Königin mit ihrer Trauer und ihren Träumen flüchtete, der aber an diesem Tage den Anblick eines Studierzimmerchens bot: Bücher und Karten lagen auf dein Tische ausgebreitet, ein gedämpftes Werk- oder Schulstubenlicht herrschte, die Mutter war schlicht und einfach in ihr schwarzes Tuchkleid gekleidet, das ihre hohe Gestalt prall umschloß; vor sich hatte sie einen kleinen Stickrahmen stehen, an dem sie ihre Kunst übte; und neben ihr saßen Lehrer und Schüler, einer ebenso befangen und ebenso erregt wie der andre bei dieser ihrer ersten Begegnung. Der kleine Prinz erkannte unbestimmt jenen mächtigen und Blitze schießenden Schädel wieder, den man ihm in der Christnacht in dem beschaulichen Dämmerlichte gezeigt hatte, und den seine, von Madame von Silvis mit Märchen überfütterte Einbildungskraft mit irgend einer Erscheinung des Riesen Robistor oder des Zauberers Merlin über einen Kamm geschoren hatte. Und der Eindruck, den Elysée gewann, war ganz ebenso schimärenhaft, denn ihm war es ganz zu Mute, als ob er in diesem schwächlichen, kleinen Knäblein, in diesem der Krankheit und in seiner frühesten Jugend schon dem Greisentume verfallenen Geschöpfe mit der in Runzeln gelegten Stirn, als lasteten die sechs Jahrhunderte seines Geschlechts auf ihm, einen Herrscher zu erblicken habe, den das Schicksal für seine hohe Stellung erkoren, einen Lenker von Menschen und Völkern. Ernst und mit zitternder Stimme richtete er das Wort an ihn:

»Königliche Hoheit! Eines Tages werden Sie die Krone tragen. Sie müssen darum lernen, was ein König ist . . . Hören Sie mich aufmerksam an! Sehen Sie mich aufmerksam an! und was mein Mund nicht klar und deutlich genug zum Ausdruck bringen wird, das wird Ihnen mein Auge mit seinem ehrfurchtsvollen Blicke begreiflich machen . . . .«

Dann beugte er sich nieder zu diesem schwachen Verstande, so daß sein Gesicht mit dem Halse des Kindes in fast gleicher Höhe stand, und setzte ihm mit Worten und Gleichnissen, wie sie seiner Fassungskraft angemessen waren, das Dogma vom Gottesgnadentum auseinander, schilderte ihm die Mission der Könige auf Erden als Mittler zwischen den Völkern und Gott, die mit Pflichten beladen sind und Verantwortlichkeit zu tragen haben von Kindesbeinen an, wie andere Menschen sie nicht kennen . . . Daß der kleine Prinz vollkommenes Verständnis besessen hätte für das, was man ihm sagte, ist nicht sehr wahrscheinlich. Vielleicht fühlte er sich eingehüllt von jener belebenden Wärme, mit welcher die Gärtner die zarte Faser, die kränkliche Knospe einer seltenen Pflanze, die sie abwarten und pflegen, umgeben.

Was die Königin anbetrifft, die niedergebeugt über ihrer Stickerei saß, so hörte sie mit wonnigem Erstaunen diese Rede zu ihren Ohren dringen, die sie voller Verzweiflung seit Jahren erwartete, die ihren geheimsten Gedanken Rechnung trug, sie wachrief, sie aufrüttelte . . . So lange hatte sie einsam und allein geträumt! Soviel der Dinge, die sie nicht zu sagen vermocht hätte, und wofür Elysée ihr die Ausdrucksform lieh! Vom ersten Tage an kam sie sich in seiner Gegenwart vor wie ein unbekannter Musikus, wie ein ruhm- und namenlos gebliebener Künstler gegenüber dem geschickten Impresario, der seinem Talente, seinem Werke Erfolg und Ansehen schafft. Ihre undeutlichen, losesten Empfindungen über diesen hehren Begriff vom Königtum gewannen Verkörperung und konsolidierten sich auf großartige, dabei doch ganz außerordentlich schlichte und harmlose Weise, da doch ein Kind, ein noch ganz kleines Kind, sie fassen und begreifen konnte. Während sie diesen Mann mit seinem großen, von Glauben und Beredtsamkeit durchglühten Angesicht betrachtete, sah sie im Gegensatz dazu das hübsche, empfindungsfaule Gesicht, jenes weder warme, noch kalte Lächeln Christians; sie hörte das ewige: »Wozu kann's nützen?« von allen diesen, ihrer Krone verlustig gegangenen Königen, das seichte Gewäsch fürstlicher Boudoirs. Und hier war es dieser Plebejer, dieser Weberssohn – dessen Geschichte ihr bekannt war – dieser von armem, niedrigem Volke geborene Mensch, der die abhanden gekommene Ueberlieferung gesammelt, die Reliquien und ihre Fassung, das geheiligte Feuer bewahrt hat, dessen Flamme in diesem Augenblick auf seiner, in der Glut seiner Rede Begeisterung einflößenden Stirne sichtbar wurde. Ach! wäre Christian so gewesen, dann würden sie noch auf dem Throne sitzen, oder beide zusammen unter seinen Trümmern verschwunden, begraben sein . . . Wunderliche Sache! In dieser Aufmerksamkeit, deren sie sich nicht erwehren konnte, verursachten ihr Elysée's Stimme und sein Gesicht einen Eindruck, als habe sie den Mann schon einmal in ihrem Leben gesehen. Aus welchem Schatten ihres Gedächtnisses erhoben sich die Stürme, auf welche der Genius seinen Stempel gedrückt hatte! erklangen die Töne dieser Stimme, die ans der tiefsten Tiefe ihres Seins, in irgendwelcher heimlichen Höhle des Herzens widerhallten? . . .

Jetzt hatte der Lehrer begonnen, Fragen an seinen Schüler zu richten, nicht über das, was er wußte – denn das, ach! war gleich nichts oder doch so wenig, so herzlich wenig! – sondern auf der Suche nach solchem, was man ihn lehren könnte. »Ja, Herr! . . . Nein, Herr!« . . . Der kleine Prinz brachte nur diese beiden Worte »Ja« und »Nein« über seine Lippen und wendete seine ganze Kraft auf, sie auszusprechen. Er sprach sie mit jener ängstlichen, schüchternen Artigkeit von Knaben die in den ersten Jahren ihres Kindesalters unter dem dauernden Einflusse von Frauen erzogen worden sind. Er versuchte indessen, das arme Püppchen! unter dem Wust von durcheinander gewürfeltem Wissen, das Frau von Silvis ihm vermittelt hatte, zwischen den Zwergen- und Feen-Abenteuern, die seine schwache, wie ein Zaubertheater zusammengeleimte Phantasie mit ihren Flittern und Flitterchen, Sternchen und Pünktchen gleich, besetzten. Von ihrem Platze aus lieh ihm die Königin Stütze und Beistand, flößte ihm Mut ein, führte ihn auf den Schwingen ihrer Seele aufwärts zu sich. Auf dem Wanderfluge der Schwalben nimmt die Mutter das kleinste Kücken im Nest, wenn's noch nicht flügge ist, ganz ebenso auf die eigenen Fittiche und schwingt es mit hinauf in den Äther. Wenn das Kind mit der Antwort stockte, nahm Friederikens in ihrem meergrünen Auge goldig schimmernder Blick einen tieferen Farbenton an, gleichwie die Wasserflut, über welche die Wolke ihre Schlagschatten senkt, wenn es aber richtige Antwort gegeben hatte, welche Siegesfreude, welcher Stolz lag dann in dem Lächeln, das sie dem Lehrer zuwandte! Seit vielen, vielen Monaten hatte sie eine solche Fülle des Wohlbehagens, der Freude nicht genossen! Der wachsfarbene Teint des kleinen Zara, der seinem Gesicht eigentümliche Ausdruck eines siechen Kindergemüts und kindlichen Körpers schienen mit neuem Blute durchsetzt; ja, die Landschaft sogar, die sich vor ihren Blicken aufthat, schob unter dem Zauber dieser Rede ihre traurigen Flächen und Ebenen beiseite und zeigte nur das Erhabene, Großartige, was dieser winterlichen Entkleidung des Alls zu eigen war. Und während die Königin aufmerksam, den Ellbogen stützend, die Büste vorneigend, dasaß, mit allen Fasern ihres Denkens und Seins sich in jene Zukunft versenkte, wo ihr das königliche Kind auf dem Siegeszuge der Heimkehr nach Laibach erschien, sah Elysée, erschauernd und von einer Vergeistigung berauscht und entzückt, deren Ursache er nicht kannte, auf dieser schönen, achaten glänzenden Stirn die kreuzweis gelegten Flechten der schweren Zöpfe sich zum königlichen Diadem drehen und rollen.

Überall läutete es Mittag, dieweil der Unterricht noch immer währte. In dem Haupt-Salon, wo sich der kleine Hof allmorgendlich versammelte, fing man an zu zischeln, sich zu verwundern, daß man weder den König noch die Königin mehr erscheinen sah. Die Eßlust und Leere dieses Augenblicks, in welchem die Mahlzeit auf sich warten läßt, mengten diesen mit leiser Stimme geführten Unterhaltungen eine gewisse Mißlaunigkeit bei. Boskowich, der vor Kälte und Hunger die Farbe wechselte und zwei Stunden lang die Büsche abgeklopft hatte, um irgend ein Blümchen der Nach-Saison aufzustöbern, stand vor dem hohen Kamin aus weißem Marmor in Altarsform, auf welchem der Pater Alpheus des Sonntags zuweilen eine Sondermesse hielt, und suchte sich die Finger aufzuwärmen. Die Marquise, die in majestätischer Haltung, steif wie ein Ladestock, in ihrem grünen Sammet-Gewande auf der Kante eines Divans saß, wiegte mit tragischer Miene auf ihrem langen, mageren, von einer Boa umschlungenen Halse den Kopf hin und her, während sie der Prinzessin Colette allerhand Dinge vertraulicher Art, unter dem Siegel der Verschwiegenheit natürlich, zu erzählen hatte. Die arme Frau war in Verzweiflung darüber, daß man ihr ihren Zögling genommen hatte, um ihn einer Spezies von . . ., einer wahrhaftigen Spezies von . . . anzuvertrauen –?! Heute morgen hatte sie ihn quer über den Hof schreiten sehen, diese Spezies von . . .

»Mein Herzchen! Sie hätten sich gefürchtet vor ihm! Haare so lang wie das hier – und Mienen und Wesen eines Narren . . . eines Irren . . . Zu solchem Funde gehört natürlich ein Pater Alpheus . . . Wer sonst wohl stöberte so etwas auf!«

»Es heißt, er sei sehr gelehrt . . .« bemerkte die Prinzessin zerstreut, mit ihren Gedanken ganz wo anders . . . .

Darüber nun geriet die andre Dame ganz außer sich. Sehr gelehrt! . . . sehr gelehrt! . . . Brauchte denn ein Königssohn mit Griechisch und Lateinisch vollgestopft zu werden wie ein leibhaftiges Wörterbuch? . . . »Nein, nein! sehen Sie, mein Liebling, die Erziehung solcher Kinder erheischt ganz besondere Kenntnisse, ganz besondere Anlagen . . ich besaß sie, diese Kenntnisse, diese Anlagen . . Ich war bereit und willig. Ich habe die Abhandlung des Abbé Diguet über ›Die Bildung und Erziehung eines Prinzen‹ von A bis Z durchgenommen, ich kenne die verschiedenen Mittel und Wege, die er zeigte, um den Menschen ins Herz zu sehen, auswendig – kenne auch die andren auswendig, die er angiebt, um den Schmeichlern aus dem Wege zu gehen. Die ersten sind der Zahl nach sechs, und von den zweiten rechnet man ihrer sieben . . . Da, hören Sie! in der folgenden Ordnung sind sie aufgeführt . . .«

Und sie machte sich darüber her, der Prinzessin, die für ihre Worte keine Ohren hatte, die im höchsten Grade nervös und mißlaunig, auf einem, aus mehreren zusammengeschobenen Kissen bestehenden ›Pouf-Sopha‹ saß, über das ihre Robe, nach der diesjährigen Mode von sehr blassem Blau, mit langer Schleppe herniederfiel. Den Blick wendete sie nicht von der Thüre hinweg, die zu den Gemächern des Königs führte; es war als ob an den Spitzen ihrer Wimpern Magnetfädchen hingen, die sie mit jener Thür in stetem Kontakte hielten, und auf ihrem Gesichte stand die ärgerliche, verdrießliche Miene einer hübschen Frau deutlich verzeichnet, die sich für jemand geputzt und geschmückt hat, der sich dann nicht sehen läßt. Stramm und streng in seinem, von dem breiten Bande seiner hofmeisterlichen Würde gestreiften Frack, schritt der alte Herzog von Rosen mit automatischem Schritte regelmäßig wie ein Uhrenpendel, lang und quer im Zimmer auf und nieder, blieb bald an diesem, bald an jenem Fenster stehen, die nach dem Garten oder dem Hofe hinaus sahen, und erweckte, wenn er von solchem Standpunkte aus den Blick unter der in Falten gezogenen Stirn aufschlug, ganz den Eindruck eines wachthabenden See-Offiziers, der die Verantwortlichkeit für Fahrt und Schiff zu tragen hat. Und wahrlich! Das Aussehen des Schiffes machte ihm alle Ehre. Die roten Ziegelsteine der Wirtschafts- und Dienerschafts-Gebäude und der Intendantur-Pavillon blinkten, vom Regen gewaschen, der auf die sauberen Freitreppen, auf den goldigen Kiessand plätschernd und knisternd niederschlug. In dem trüben Tageslicht, das jetzt herrschte, lagerte sich über die Ordnung, in der sich alles hier im Hause befand, eine Klarheit und Helligkeit von sehr entschiedenem Ausdruck, die ihren Widerschein bis in den großen Salon hinein warf, der durch die von den Teppichen und von der Dampfheizung ausgehende Wärme, nicht minder heiter gestimmt wurde als durch das in Weiß und Gold gehaltene Mobiliar im Stile des sechszehnten Ludwig mit den klassischen, auch am Holzwerk der Thürfelder und der sehr hohen Spiegel erscheinenden Ornamenten. In einer der Ecken des geräumigen Zimmers stand auf einem Eckbrett im Stile des nämlichen Zeitalters ein transparentes Kästchen, und in ihm lag die aus dem Schiffbruche gerettete Königskrone. Friederike hatte gewünscht, daß sie dort stehen bliebe; »damit man sich,« sagte sie, »ihrer erinnere!« Und trotz der Spott- und Witzreden Christians, der das für »rokoko« hielt, der das Gemach ein »Museum von zum Teufel gejagten Souveränen« nannte, warf das prächtige Juwel des Mittelalters mit dem in dies alte gaufrierte oder durchbrochene Gold gefaßten glitzernden Gestein einen Ton von antiker Ritterlichkeit mitten in die Gefallsüchtelei des achtzehnten Jahrhunderts und des vielseitigen Geschmacks unserer Zeit hinein.

Das Rollen eines bekannten Wagens über den Kies verkündete die Ankunft des Adjutanten. Schließlich war es doch immerhin jemand!

»Wie spät Du Deinen Dienst antrittst, Herbert!« sagte der Herzog mit Ernst und Würde.

Der Prinz, der, trotzdem er ein großer Bursch nun war, noch immer vor seinem Vater bebte und zitterte, wurde rot bis hinter die Ohren und stammelte ein paar Worte der Entschuldigung . . . trostlos . . . nicht seine Schuld . . . im Dienste gewesen die ganze Nacht . . .

»Deshalb also ist der König noch nicht heruntergekommen?« fragte die Prinzessin, die ihr schlaues Näschen mitten hinein in das Zwiegespräch der beiden Männer steckte.

Ein strenger Blick des Herzogs verschloß ihr den Mund. Die Aufführung des Königs ging keinem Menschen etwas an.

»Begieb Dich rasch hinauf, Herbert! Seine Majestät muß Deiner warten!«

Herbert gehorchte, nachdem er es versucht hatte, von seiner vielgeliebten Colette ein Lächeln zu erlangen. Die schlimme Laune der Prinzessin war, statt durch seinen Eintritt sich zu besänftigen, nur noch schlimmer geworden. Sie blieb schmollend auf ihrem Divan sitzen, die hübschen Locken hingen ihr wirr über die Stirn, und das blaue Kleid zerknüllte, zerknitterte sich unter dem Drucke einer zur Faust geballten Kindeshand. Und doch hatte er sich seit einigen Monaten zum schönen Manne verwandelt, der Prinz Herbert. Seine Frau hatte darauf bestanden, daß er sich in seiner Eigenschaft als Adjutant des Königs den Schnurrbart wachsen ließ; und dieser Schnurrbart gab seinem gutmütigen, mageren und durch die Nachtwachen, die Anstrengungen seines Dienstes in der Gesellschaft des Königs gebleichten Gesicht einen ganz erschrecklich martialischen Ausdruck . . . Außerdem hinkte er noch immer ein wenig, ging auf sein Rohr gestützt, wie ein echter Held jener Belagerung von Ragusa, deren Memoiren er geschrieben hatte; Memoiren, die schon vor ihrem Erscheinen Berühmtheit genossen, und ihrem Verfasser, als er sie eines Abends bei der Königin von Palermo zur Vorlesung gebracht hatte, neben einer flammenden Ovation weltlichen Charakters das förmliche Versprechen eines Preises der Akademie der Wissenschaft eingetragen hatte. Denke man nun, in welche Stellung der Gemahl von Colette hierdurch kam! welches Ansehen ihm alle diese Umstände verschafften! Aber er bewahrte sich nichtsdestoweniger sein gutmütiges, kindliches Wesen, blieb nach wie vor der täppische, schüchterne Gesell, besonders der Prinzessin gegenüber, die nicht aufhörte, ihn mit allerhuldvollster Verachtung zu behandeln. Wodurch bewiesen wird, daß es keinen großen Mann giebt vor seiner Frau.

»Nun, nun! was giebt's denn jetzt noch weiter?« sagte sie mit einem Tone leichter Impertinenz, als sie ihn mit verblüfftem Gesicht, ganz aus dem Häuschen, wieder in die Stube treten sah.

»Der König ist noch gar nicht nach Hause gekommen!«

Diese wenigen Worte Herberts brachten die Wirkung einer elektrischen Entladung in dem Salon hervor. Colette war die erste, die bleich wie der Kalk an der Wand, mit Thränen in den Augen, die Fähigkeit zum Sprechen wieder erlangte.

»Ist das denn möglich?« fragte sie.

Und der Herzog stieß mit kurzen, abgerissenen Lauten hervor:

»Noch nicht . . . nach Hause . . . gekommen? Wie kommt es, . . daß man . . mich nicht be . . nachrichtigt hat! . . .«

Die Boa der Frau von Silvis richtete sich in die Höhe und wand und drehte sich in Krämpfen.

»Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist!« . . . sagte die Prinzessin in einem Zustand von außerordentlicher Erregtheit.

Aber Herbert beruhigte sie. Lebeau, der Kammerdiener, wäre seit einer Stunde schon mit dem königlichen Mantelsacke unterwegs und müßte ganz gewiß bald mit Nachrichten hier sein.

In dem nun folgenden Stillschweigen lagerte sich über aller Gemüt der nämliche beunruhigende Gedanke, den der Herzog von Rosen plötzlich in die Worte zusammenfaßte:

»Was wird . . die Königin sagen?«

Und Boscowich, der am ganzen Leibe zitterte, meinte:

»Seine Majestät haben Ihrer Majestät vielleicht Nachricht zukommen lassen!«

»Nach meiner Ansicht ganz sicher nicht!« behauptete Colette – »denn die Königin sagte noch in diesem selbigen Augenblicke, daß sie dem König beim Frühstücke den neuen Lehrer und Gouverneur vorzustellen gedenke.«

Und zitternd und bebend zischte sie zwischen den Zähnen hervor, laut genug noch, um gehört zu werden:.

»Ich an ihrer Stelle – ich wüßte schon, was ich machen würde.«

Der Herzog wendete sich unwillig – flammenden Auges – diesem kleinen Weibchen aus dem Bürgerstande zu, die er nun einmal nicht von dem ihr anhaftenden philiströsen Schmutze sollte befreien können! – und hatte wahrscheinlich im Sinne, ihr eine sehr derbe Vorlesung über den, dem Monarchenhause schuldigen Respekt zu halten, als die Königin erschien, von Elysée gefolgt, der seinen königlichen Zögling an der Hand führte. Alles erhob sich von seinen Plätzen. Friederikes Gesicht zeigte ein schönes Lächeln, – ein Lächeln, das eine glückliche Frau verriet, und das man seit langer Zeit nicht an ihr wahrgenommen hatte. . . . Sie zeigte dies schöne Lächeln jetzt, als sie Herrn Méraut vorstellte . . . O! über die Begrüßung, welche die Frau Marquise dem neuen Gouverneur widmete! der Spott, der in ihr lag! die Geschraubtheit, mit welcher sie sich der Notwendigkeit eines Grußes entledigte! o! acht Tage lang hatte sie das schon wiederholt! . . . Die Prinzessin fand nicht einmal die Kraft, eine Bewegung, eine Gebärde zu machen . . . Tiefe Blässe wechselte mit purpurner Röte, als sie in dem neuen Lehrer den seltsamen langen Gesellen erkannte, an dessen Seite sie bei ihrem Onkel das Frühstück eingenommen und der für Herbert das Buch von der Belagerung Ragusa's geschrieben hatte! . . . Stand er denn wirklich hier, auf diesem Flecke, durch das Spiel des Zufalls oder infolge irgend einer teuflischen Machination? Welche Schande für ihren Mann! welch' neuer Fluch der Lächerlichkeit, wenn man hinter seine litterarischen Schwarz- und Schleich-Künste geriet! Sie beruhigte sich einigermaßen angesichts der kalten Begrüßung, die Elysée ihr widmete, trotzdem er sie doch erkannt haben mußte! . . . »Es ist ein Mann von Geist!« dachte sie. Zum Unglück wurde alles durch die Naivität Herberts verdorben, durch die Verblüfftheit, die er über dem Eintritte Herberts zeigte, durch den Händedruck, den er ihm mit einem vertraulichen: »Guten Morgen! na, wie geht's denn?« widmete.

»Sie kennen den Herrn wohl also?« fragte ihn die Königin, welche durch ihren Kaplan die Geschichte von der »Denkschrift über die Belagerung« erfahren hatte, und zeigte ein Lächeln. das nicht frei von Bosheit war.

Aber sie war zu gutherzig, um sich lange an einem grausamen Spiele zu weiden.

»Augenscheinlich vergißt uns der König!« sagte sie . . . »gehen Sie doch hinauf, Herr von Rosen! und sagen Sie ihm, daß wir auf ihn warten!«

Es mußte ihr nun die Wahrheit gesagt werden, daß der König noch nicht zurückgekehrt sei, daß er die Nacht außerhalb des Hauses zugebracht und Weisung geschickt hatte, ihm seinen Mantelsack zu schicken. Es war das erste mal, daß etwas dergleichen sich ereignet hatte – und man war auf einen heftigen Ausbruch dieser heißblütigen und stolzen Natur gefaßt, um so mehr als die Anwesenheit eines Fremden das Delikt noch verstärkte. Nein! sie blieb ruhig. Kaum daß sie einige Worte an den Adjutanten richtete, um sich zu erkundigen, zu welcher Zeit er Christian zuletzt gesehen habe.

Gegen drei Uhr in der Frühe . . . Seine Majestät wären mit seiner königlichen Hoheit dem Prinzen von Axel zu Fuße den Boulevard entlang gegangen.

»Ach ja, richtig! es ist ja wahr . . . ich habe ganz darauf vergessen . . . . sie hatten ja zusammen über etwas zu reden!«

In diesen, in ruhigem Tone gethanen Ausrufungen gelang es ihr, ihren Ernst, ihre Ruhe wieder zu finden. Aber niemand von den Anwesenden täuschte sich hierin. Es kannte ein jeder den Prinzen Axel – es wußte ein jeder, zu welcher Gattung dieses mit Seiner versumpften Hoheit verabredete Geschäft gehören mochte – wessen dieser unheimliche Wüstling in dieser Hinsicht fähig war!

»Gehen wir zu Tische!« sagte Friederike, mit erhabener Gebärde dem kleinen Kreise ihrer Umgebung die nämliche Ruhe auferlegend, die sie sich zu zeigen den Zwang auferlegte.

Es that ihr ein Arm not, um in den Saal zu treten.

Sie zauderte, da der König nicht zur Stelle war. Und plötzlich drehte sie sich herum nach dem kleinen Zara, der mit seinen großen Augen, mit dem ihm eigenen verständigen Ausdruck des kranken und frühreifen Kindes, diesem ganzen Auftritte folgte – und sagte mit tiefer, fast ehrfürchtiger Zärtlichkeit, mit einem ernsten und feierlichen Lächeln, das er nicht an ihr kannte:

»Kommen Sie, Königliche Hoheit!«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.