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Die Könige im Exil

Alphonse Daudet: Die Könige im Exil - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorAlphonse Daudet
translatorPaul Heichen
firstpub1879
yearca. 1900
publisherHugo Andres
addressFrankfurt a. O.
titleDie Könige im Exil
pages5-498
created20061227
sendergerd.bouillon
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Sechszehntes Kapitel.

Die schwarze Kammer.

»Es war einmal in dem Lande Oldenburg eine Dame, die hieß die Gräfin von Ponikan, und der hatten die Zwerge an ihrem Hochzeitstage drei kleine Brote aus Gold gegeben..«

Frau von Silvis ist's, die in der Dunkelheit einer schwarzen Kammer, hinter verschlossenen Fenstern, deren Vorhänge bis auf die Erde hinunter reichten, sitzt und erzählt. Der kleine König liegt ausgestreckt auf seinem Lager, die Königin sitzt neben ihm, wie ein Gespenst, und legt Eis auf diese mit einer Binde bedeckte Stirn, Eis, das sie aller zwei Minuten bei Nacht und bei Tage seit einer langen, langen Woche erneuert. Wie hat sie gelebt, ohne Schlaf, fast ohne Nahrung, auf ihrem Sitze neben diesem schmalen Pfühle? während sie in ihren Händen die Hände ihres Sohnes hielt in den Pausen, die während der Erneuerung der Umschläge eintraten, und mit der Frische des Eises das Fieber milderte, das sie in diesem matten Pulse des Kranken erspäht und fürchtet?

Der kleine König verlangt, daß seine Mutter bei ihm weile, immer bei ihm weile. Diese Nacht, die über dem großen Zimmer lagert, bevölkert sich für ihn mit unheimlichen Schatten, mit erschreckenden Erscheinungen. Dann hält ihn die Unmöglichkeit, sich mit Lesen zu beschäftigen, oder das geringfügigste Spielzeug anzurühren, in einer Schlaf- und Starrsucht, über welche sich Friederike Unruhe macht.

»Hast Du Schmerzen?« frägt sie ihn aller Augenblicke.

»Nein . . . ich langweile mich bloß . . .« antwortet das Kind mit weicher Stimme und um diese Langweile zu verjagen, um die traurigen Schatten des Zimmers mit leuchtenden Phantasie-Gebilden zu bevölkern, hat Madame von Silvis das phantastische Fabelbuch wieder aufgeschlagen, in welchem es von alten deutschen Schlössern wimmelt, von Kobolden, die am Fuße des Erkers tanzen, wo die Prinzessin des blauen Vögleins harrt und ihre gläserne Kunkel abspinnt.

Die Königin ist trostlos, wenn sie diese endlosen Geschichten anhört. Es scheint ihr, als ob man das Werk, das sie so mühsam geschaffen, zerschlisse, als ob sie der Zerbröckelung Stein um Stein einer schnurgeraden Säule anwohnte. Das ist's, was sie in der vor ihr liegenden Nacht erschaut, was ihr während der langen, langen Stunden ihres einsamen Aufenthalts in dem großen Zimmer vor Augen steht, da sie weit mehr bekümmert ist durch die Empfindung, ihr Kind wieder Frauenhänden überantwortet, wieder zu den Schwächen, die dem kleinen Zara eigentümlich waren, zurückgeführt zu sehen, als sie bekümmert ist über die Verletzung, über die Wunde selbst, deren ganzen Ernst, deren tiefe Tragweite sie noch nicht kennt. Als der Arzt auf einen Augenblick mit einer Lampe die gehäuften Schleier des Schattens zerreißt, die Binde aufhebt, mit einem Tropfen Atropin die Empfindsamkeit des getroffenen Auges wachzurufen versucht, beruhigt sich die Mutter dadurch, daß sie sieht, daß der kleine Kranke keinen Schrei gethan hat, seine Arme nicht vor sich streckt, um sich zu verteidigen, um dem Arzte zu wehren.

Es wagt niemand ihr zu sagen, daß dies im Gegenteil das Abgestorbensein des Organs bedeute, diese Empfindungslosigkeit, dieses Schweigen aller Nerven. Die Kugel hat in ihrem Rückprall, obgleich sie ihre Kraft verloren hatte, doch noch die Netzhaut des Auges treffen und zerreißen können. Das rechte Auge ist unwiderruflich verurteilt. Alle Vorsichtsmaßregeln, die man ergreift, reichen nur hin, das andre zu erhalten, das durch jene organische Wechselbeziehung bedroht ist, die aus dem Blicke ein einziges Werkzeug mit zwiefachem Strange macht. Ach! wenn die Königin Kunde besäße von der Ausdehnung ihres Unglücks! sie, die fest und zuversichtlich glaubt, daß der Unglücksfall dank ihrer Fürsorge, dank ihrer wachsamen Zärtlichkeit, keine Spur hinterlassen wird die schon dem Kinde erzählt von dem ersten Ausgange, den sie zusammen machen werden!

»Leopold! wird es Dir recht sein, wenn wir einen schönen Spaziergang im Walde machen?«

Ja! Leopold wird recht glücklich darüber sein! Er wünscht, daß man ihn dort hinunter führe, auf jenes Jahrmarktsfest, wohin er ein einziges mal gegangen ist zusammen mit seiner Mutter und dem Erzieher. Und plötzlich unterbricht er sich in seiner Rede:

»Wo ist er denn, Herr Elysée? . . . Warum kommt er denn gar niemals zu mir?«

Man antwortet ihm, daß sein Lehrer sich auf Reisen befinde und zwar für lange Zeit. Diese Erklärung genügt ihm. Denken greift ihn an, ermüdet ihn; Reden auch. Und er verfällt wieder in seine stumpfe Gleichgiltigkeit, kehrt wieder zurück nach dem schwimmenden, schwebenden Lande, das die Kranken vor ihre Blicke herauf rufen, indem sie ihre Träume mit den Orten verquicken, die ihre Umgebung bilden, mit den festen Außenseiten der Dinge zusammenbringen, deren Bewegung und Geräusch man für sie fürchtet. Man kommt herein, geht hinaus; Gezischel, heimliche Tritte kreuzen einander und antworten einander. Die Königin hört nichts, beschäftigt sich mit nichts als mit ihren Umschlägen. Manchmal stößt Christian die Thüre auf, die wegen der Hitze, die in diesem unter Klausur gehaltenen Raume herrscht, immer halb angelehnt steht, und sagt seinem Sohne mit einer Stimme, die er zu lustigem, sorglosem Klange zwingt, irgend einen liebenswürdigen Scherz, um ihn zum Lachen oder zum Sprechen zu bringen. Aber seine Stimme klingt schrill hinein in die frische Katastrophe, und der Vater verschüchtert das Kind. Dieses kleine verschwommene Gedächtnis, das der Knall des Flintenschusses mit dem Gewirr seines Rauches erfüllt hat, bewahrt von den verwichenen Vorgängen ein alle andern überwiegendes Moment: das sind die verzweifelten Stunden, in denen die Königin wartend gesessen hatte; das sind ihre empörten Reden an jenem Abend, an welchem wenig fehlte, daß sie sich mit ihm drei Stockwerke hinunter gestürzt hätte. Er antwortet ganz leise, mit zusammengepreßten Zähnen. Da wendet Christian das Wort an seine Frau:

»Du solltest Dich ein wenig ruhen, Friederike! Du wirst Dich noch umbringen... Im Interesse des Kindes selbst...«

Eindringlich flehend, umschließt mit scharfem Drucke die Hand des kleinen Prinzen diejenige seiner Mutter, und sie beruhigt ihn auf die nämliche, beredte und stumme Weise:

»Nein! nein! habe keine Furcht! ich werde Dich nimmer verlassen!«

Sie wechselt mit ihrem Manne ein paar Worte in kaltem Tone – dann überläßt sie ihn seinen unheimlichen Betrachtungen.

Der seinem Sohne zugestoßene Unglücksfall bildet für Christian das vervollständigende Glied zu einer wahren Reihenfolge von Blättern in Schwarz. Er fühlt sich mutterseelenallein in der Welt, verzweifelt, verblüfft, betäubt. Ach! wenn die Frau ihn doch wieder aufnehmen wollte!... Er empfindet jenen Drang der Schwachen im Unglück, sich an jemand anzuschließen, das Haupt gegen eine befreundete Brust zu lehnen, um sich durch Thränen, durch Bekenntnisse Erleichterung zu schaffen, um nachher mit desto größerer Leichtigkeit in neuen Festen, zu neuen Schurkenstreichen zurückzukehren. Aber Friederikes Herz ist ihm verloren für ewig; und nun macht sich auch das Kind seinen Liebkosungen abspenstig. Er sagt sich dies alles, während er aufrecht am Fuße des Bettes steht in der Nacht der schwarzen Kammer, während die Königin, achtsam auf die Minuten, das Eis in die Schüssel legt, es auf die genäßte Binde drückt, die Binde aufhebt und einen Kuß auf die kleine, kranke Stirne drückt, um ihre Temperatur zu messen während Frau von Silvis mit ernstem Tone dem rechtmäßigen Herrscher der Königreiche Illyrien und Dalmatien die Geschichte erzählt von den Brötchen aus Gold.

Ohne daß man von seinem Fortgange mehr Wesens macht als von seinem Eintritte, verläßt Christian das Zimmer, irrt trübsinnig durch das schweigsame und durch den alten Rosen in seiner strengen Ordnung, in seinem alltäglichen Ceremoniell erhaltene Haus durch den alten Rosen, den man in kerzengerader Haltung, mit wackelndem Oberkörper zwischen dem königlichen Wohnhause und dem Dienerschaftsgebände und der Intendantur aus- und eingehen sieht. Das Treibhaus, der Garten fahren fort zu grünen und zu blühen; die von der Wärme neubelebten Seidenäffchen füllen ihren Käfig mit Quietschen und Schreien und Sprüngen. Der Pony des Prinzen, den der Stallknecht am Zaume spazieren führt, macht sein tägliches Pensum von hundert Schritten in dem durch eine Strohmatte gedämpften Hofe, bleibt an der Freitreppe stehen, wendet traurig seine nußbraunen Augen nach der Seite hin, von wo ehedem der kleine König herunter gestiegen kam. Der Anblick, den das Hotel zeigt, ist immer elegant und behaglich; aber man wartet, man hoffte es ist ein Aufschub eingetreten in den täglichen Verlauf des Lebens ein Schweigen gleich jenen, die auf einen starken Wetterschlag folgen. Das ergreifendste, packendste sind jene drei unter hermetischem Verschlusse befindlichen Jalousieen dort oben die verschlossen bleiben, auch wenn alles andere sich der Luft und dem Lichte öffnet, die das Geheimnis des Schmerzes und der Krankheit in sich schließen.

Méraut, der sich, seitdem er aus dem königlichen Hause vertrieben worden, dicht in der Nähe einquartiert hat, und nicht aufhört um das Haus herumzustreichen, Méraut blickt voll tiefster Verzweiflung zu diesen geschlossenen Fenstern herauf. Sie sind seine Pein, seine Qual, sein Fegefeuer. Tag um Tag kommt er dorthin zurück voll der Furcht, diese Fenster eines Tages weit geöffnet zu finden, um zu ihnen heraus den Qualm einer erloschenen Kerze verdunsten zu lassen. Den Leuten, die gewöhnlich in diesem Teile von Saint-Mandé verkehren, fängt er an bekannt zu werden. Die Frau, die dort mit gerollten Oblatenkuchen handelt, läßt ihre Handklapper ruhen, wenn dieser lange Gesell mit dem kreuzunglücklichen Gesichte vorüber geht; die Kugelspieler und der in seinem Holzverschlage stationierte Tramway-Wärter halten ihn für einen Narren; und wahrlich! seine Verzweiflung schlägt auch in Narrheit um. Nicht der vom Liebeswahn Befallene ist's, der in ihm leidet. Die Königin hat wohlgethan daran, daß sie ihn von sich wies; er hat nichts andres verdient als dies; und die Leidenschaft ist verschwunden, verraucht in diesem großen Unstern, der seine Hoffnungen vernichtet hat; nachdem er sich in dem Traume gewiegt hatte, einen König zu schaffen, nachdem er sich dieser erhabenen Aufgabe unterzogen hat und nun alles, alles vernichtet alles zertrümmert sehen muß zertrümmert durch seine eigenen Hände! Der Vater und die Mutter, die mehr getroffen waren in ihrer Zärtlichkeit, waren in keiner schlimmeren Verzweiflung als er. Es blieb ihm nicht einmal jener Trost, seine Fürsorge aufgewandt, seinen Eifer stündlich bewiesen zu haben kaum daß er sich dann und wann einige Kunde verschaffen konnte, denn die Dienerschaft trug einen finstern Groll gegen ihn des unglücklichen Vorfalls wegen im Herzen. Indessen erzählte ihm ein im Wäldchen stationierter Polizei-Wachtmeister, der zu dem Hause Zutritt hatte, von dem Gerüchte, das unter der Dienerschaft umlief und das durch den, den Leuten aus dem Volke eigenen Drang nach dem Unheimlichen und Schauerlichen noch verstärkt worden war. Bald war der kleine König hiernach erblindet, bald von einem Gehirnleiden befallen, oder es hieß, die Königin hätte den Entschluß gefaßt, Hungers zu sterben; und der traurige Elysée fristete sein Leben einen Tag lang unter diesen trostlosen Gerüchten hin, irrte durch den Wald, so lange ihn die Beine tragen konnten, kam dann zurück, um am Waldessaume zu lauern, im hohen, blühenden Grase, das des Sonntags von Spaziergängern zertreten ward, in der Woche aber vereinsamt und öde lag, ein echter ländlicher Winkel.

Einmal, gegen Sonnenuntergang, hatte er sich in jene selbige Wiesenfrische hingestreckt, die Augen nach dem Hause dort unten gerichtet, wo in dem Gewirr der Zweige die Strahlen der scheidenden Sonne verlöschten; die Kugelspieler verließen ihre Plätze, die Wächter fingen an, ihre abendliche Runde zu machen; die Schwalben zogen in großen Kreisen über das höhere Gras hin, hinter den Mückenschwärmen her, die sich mit der Sonne hernieder ließen. Die Stunde war traurig und trüb. Elysée versenkte sich, müde an Geist und an Körper, tief hinein in diese Traurigkeit und Trübnis er ließ alle seine Erinnerungen an sich vorüberziehen, ließ alle seine Ängste und Bedrängnisse in seinem Herzen zu Worte kommen, wie es geschieht in jenen Augenblicken, da sich die Natur in tiefes Schweigen versenkt, da unsre inneren Kämpfe hoffen dürfen, sich vernehmlich zu machen. Plötzlich traf sein nichts suchender Blick vor sich auf die im schlechten Gleichgewicht gehaltene Gangweise, auf den Quäkerhut, die weiße Weste und die Gamaschen Boscowichs. Der Herr Rat bewegte sich im raschen Laufe vorwärts, mit kurzen, trippelnden Frauenschritten, war sehr erregt und hielt in der Hand mit ängstlicher Sorge einen Gegenstand, der in sein Taschentuch gewickelt war. Er schien nicht verwundert zu sein, daß er Elysée's ansichtig wurde, sprach ihn an, als sei gar nichts vorgefallen, mit dem natürlichen Wesen und in dem natürlichsten Tone von der Welt.

»Mein lieber Méraut! Sie sehen einen recht zufriedenen Menschen vor sich!«

»Ach du mein Gott! . . . Was denn! . . , Betrifft es den Zustand unsres königlichen Herrn?«

Der Pflanzensammler schnitt ein Gesicht, wie es den Umständen angepaßt war, als Antwort in dem Sinne, daß Seine königliche Hoheit sich noch immer so befände, wie sonst; noch immer in der nämlichen Ruhe verharren, noch immer in der schwarzen Kammer verweilen müsse daß noch immer die nämliche Ungewißheit herrsche eine Ungewißheit so schmerzlich! o, so sehr, so sehr schmerzlich! Dann setzte er, hastig, plötzlich, aus dem Zusammenhange gerissen, hinzu:

»Erraten Sie, was ich hier trage? . . . Nehmen Sie sich ja in Acht! Es ist gebrechlich, Sie werden die Erde davon losmachen... Einen Stengel von der Waldrebe... aber nicht von der gemeinen Waldrebe der Gärten hierzulande... Clematis Dalmatica... eine ganz besondere Zwergart, die man nur bei uns zu Lande, dort unten im Süden, antrifft... Ich zweifelte zuerst zauderte ich stöberte ihr seit dem Frühjahr nach... Aber sehen Sie nur den Stengel, die Blumenkrone! riechen Sie nur diesen Duft nach zerstoßenen Mandeln...«

Und während er mit unsäglicher Vorsicht sein Taschentuch auseinander faltete, brachte er eine zierliche, zusammengedrehte Pflanze mit milchichtweißer Blüte, die ihre Blässe bis zum Grün der Blätter hin fortsetzte, sich mit ihnen fast zu einem Ganzen verschmolz, zum Vorschein. Méraut versuchte ihn auszufragen, ihm andere Kunde zu entreißen; aber der wahnumnachtete Narr verharrte völlig bei seiner Blumen-Leidenschaft, bei seiner Entdeckung. Es war wirklich ein höchst seltsamer Zufall, daß dieses kleine Pflänzchen als einziges von seiner Gattung hier, sechshundert Meilen von seinem Vaterlande fern, gewachsen war. Die Blumen haben ihre Geschichte; aber sie haben auch ihren Roman. Und dieser Roman ist's wahrscheinlich, den der biedre Mensch sich hersagte in der Meinung, er erzähle ihn Méraut.

»Zufolge welcher wunderlichen Bodenlaune, zufolge welches geologischen Geheimnisses hat dieses kleine, reiselustige Samenkörnchen am Fuße einer Eiche von Saint-Mandé keimen können? Der Fall zeigt sich zuweilen. So hat ein mir befreundeter Botaniker in den Pyrenäen eine Blume aus Lapland gefunden. Das hängt mit Luftströmungen zusammen, mit an gewissen Stellen verirrten Bodenschichten... Aber das Wunder in unsrem Falle ist, daß dieses Pflanzen-Endchen unmittelbar in der Nachbarschaft seiner ebenfalls aus dem Lande verwiesenen Landsleute Wurzel gefaßt hat und aufgegangen ist... Und sehen Sie doch nur, wie es sich wohl befindet... Kaum ein wenig verblaßt durch das Exil, sondern mit allen seinen Sprößchen in voller Bereitschaft zu ranken...«

Er stand da im Dämmerlichte des scheidenden Tages, seine dalmatinische Waldrebe in der Hand haltend, stumm und starr vor glückseliger Betrachtung. Und plötzlich sagte er:

»Alle Wetter auch! Es wird spät... und nun heißt's machen, daß man nach Hause kommt... Leben Sie wohl!«

»Ich gehe mit Ihnen,« sagte Elysée.

Boscowich blieb verblüfft stehen. Er hatte dem Auftritte beigewohnt, wußte, auf welche Art der Hofmeister weggegangen war, wenn er anderseits auch seine Entlassung nur dem Unglücksfalle zuschrieb... Was würde man denken? Was würde die Königin sagen?

»Es wird mich niemand sehen, lieber Herr Rat... Sie werden mich von der Avenue aus herein lassen, und ich ich werde mich verstohlen bis zu dem Zimmer hinschleichen...«

»Wie! Sie wollen . . .?«

»Mich auf eine Minute in die Nähe von Majestät begeben ihn eine Minute nur sprechen hören ohne daß er ahnen soll, daß ich zugegen«

Der schwache Boscowich that einen Ausruf über den andern, wehrte und sträubte sich; aber er ging trotzdem voran, getrieben von dem Verlangen Elysée's, der ihm hinterher schritt, ohne sich um seine Einwendungen und Vorhaltungen zu bekümmern.

O! welche Erschütterung, als die kleine Pforte, die nach der Avenue hinausführte, sich in ihren Angeln drehte, und Méraut sich wieder an jener Stelle befand, wo sein Leben zermalmt, zerschmettert lag!

»Warten Sie hier auf mich,« sagte der Rat, am ganzen Leibe bebend »ich werde Ihnen Nachricht bringen, sobald die Dienerschaft beim Essen ist... Auf diese Weise werden Sie niemandem auf der Treppe begegnen...«

Man hatte seit dem verhängnisvollen Tage keinen Fuß mehr nach dem Schießplatze hin gesetzt. In den von wildem Laufen zertretenen Rasenrändern, in dem niedergestampften Sande spielte der Vorgang sich noch immer ab. Die nämlichen, mit Löchern durchsiebten Pappdeckel-Stücke hingen noch an den Gittern und Zäunen das Wasser floß aus der Schale gleich einem Bronnen von sprudelnden Thränen, deren Färbung unter dem Lichte der traurigen Dämmerstunde ins Graue spielte und es schien Elysée, als klänge ihm auch die Stimme der schluchzenden Königin in die Ohren und dieses »Hinweg! hinweg mit Dir!« nicht minder, das sich ihm in der Erinnerung noch anzuhören schien wie die Empfindung einer Verwundung und einer Liebkosung zugleich.

Als Boscowich zurückkam, glitten sie an den Gebüschen entlang bis hin zum Hause. In dem nach dem Garten führenden Glasgange, welcher als Studierzimmer diente, lagen die Bücher noch in Reihe und Ordnung auf dem Tische, standen die beiden Sessel des Lehrers und Schülers in Bereitschaft harrten Bücher und Sessel in grausamer Trägheit der Dinge der nächsten Lektion. Es war so peinigend, so nagend, so herzbrechend, wie die tiefe Stille in den Räumen, wo das Kind fehlt, das sang und trällerte und herumrannte, das an zehnmal am Tage ihren engen Raum unter Lachen und Singen durchmaß.

Von der hell erleuchteten Treppe aus führte ihn Boscowich der voraus ging, in das dem königlichen Zimmer voranliegende Zimmer, das dunkel war wie jenes, um auch den schwächsten Lichtspalt am Eindringen zu verhindern. Eine Nachtlampe brannte allein in einem Alkoven-Winkel, zwischen Arzneiflaschen und Medizinen.

»Die Königin und Frau von Silvis sind bei ihm... Reden Sie vor allen Dingen kein Wort... Und kommen Sie rasch zurück...«

Elysée hörte ihn nicht mehr. Er stand schon auf der Schwelle, schlagenden Herzens, andächtig gehobener Stimmung. Seine ungeübten Blicke vermochten den dichten Schatten nicht zu durchdringen. Er unterschied, erkannte nichts, hörte aber, aus dem Hintergrunde hervorkommend, eine Kinderstimme, die das Abendgebet hersagte und nachsang, und die man nur mit Schwierigkeit als diejenige des kleinen Königs wiedererkennen konnte, so müde, so verdrießlich, so gelangweilt klang sie. Zu einem der zahlreichen Amen gelangt, stockte das Kind in seiner Rede und fragte dann:

»Mutter! muß ich auch das Gebet der Könige noch hersagen?«

»Ja gewiß doch, mein süßer Liebling,« antwortete die schöne ernste Stimme, deren Klang auch ein andrer geworden war, denn an den Rändern seiner Wellen schwankte, erzitterte er leicht, wie ein von tropfenweis destilliertem Scheidewasser angefressenes Metallstück.

Der Prinz zauderte mit seiner Antwort. Dann sagte er:

»Ich glaubte bloß . . . Mir kam es so vor, als ob das jetzt der Mühe nicht mehr lohnte...«

Die Königin fragte lebhaft:

»Und warum denn das?«

»O!« sagte das königliche Kind mit einem Tone, der einen greisenhaften Klang, einen Klang höhern, über seine Jahre hinausreichenden Verständnisses an sich hatte »o! ich denke nur, ich hätte jetzt wohl Ursache, Gott um gar vieles mehr zu bitten als was in diesem Gebet enthalten ist...«

Aber mit einer kräftigen Regung seines gutmütig gearteten Knaben-Naturells setzte er alsbald hinzu:

»Gleich, gleich, liebe Mama! sobald Du es haben willst.«

Und langsam, mit ergebungsvoller und unsicher lallender Stimme begann er:

»O Du mein Herr! Herr! der Du mein Gott bist, Du hast Deinen Diener auf den Thron gesetzt; aber ich bin ein Kind, das sich selbst nicht zu lenken und leiten weiß, und bin doch betraut mit der Führung und Lenkung des Volks, das Du Dir auserlesen hast...«

Am Ende des Zimmers ein ersticktes Schluchzen – die Königin bebte

»Wer ist da? . . . Bist Du es, Christian?« setzte sie hinzu zu dem Geräusche, das die Thüre machte, als sie sich wieder schloß.

 

 

Gegen Ausgang der Woche gab der Arzt die Erklärung ab, daß man den kleinen Kranken nicht länger mehr zur Qual der schwarzen Kammer verurteilen könnte, daß es nun an der Zeit wäre, ein bischen Licht hereinzulassen.

»Schon!« sagte Friederike . . . »Man hatte mir doch ganz bestimmt gesagt, daß es länger als vier Wochen dauern würde.«

Der Arzt war nicht imstande, ihr die Antwort zu geben, daß diese Einsparung deshalb unnötig würde, weil das Auge erstorben, gänzlich erstorben und alle Hoffnung auf Aufleben desselben ausgeschlossen sei. Er zog sich durch eine jener unbestimmten, nichtssagenden Phrasen aus der Verlegenheit, zu deren Geheimnis in der Barmherzigkeit dieser Leute der Schlüssel liegt. Die Königin verstand den Sinn seiner Rede nicht, und niemand von ihrer Umgebung besaß die Kraft, ihr die Wahrheit zu sagen. Man wartete auf den Pater Alpheus, denn die Religion besitzt das Privilegium für alle Wunden, selbst für solche, welche sie nicht heilen kann. Mit seiner Grobheit und Derbheit, mit seinen rauhen Reden führte der Mönch, der sich des Wortes Gottes wie eines Knüppels bediente, diesen fürchterlichen Schlag, unter welchem sich alle stolzen Ideen und Pläne Friederikens beugen mußten. An dem Tage, da das Unglück geschah, hatte die Mutter gelitten, war durch das Geschrei, durch die Ohnmacht, durch das rinnende Blut des armen Kleinen in ihren zartesten Fibern getroffen worden. Dieser zweite Schmerz richtete sich unmittelbarer gegen die Königin. Ihr Sohn ein Krüppel! ihr Sohn entstellt fürs Leben! Sie, die ihn für den siegreichen Einzug so schön sehen wollte, sie sollte diesen gebrechlichen Knaben dem illyrischen Volke zuführen! Sie verzieh es dem Arzte nicht, daß er sie hintergangen hatte. Es würden also die Könige auch im Exil immer Opfer ihrer Größe sein und der menschlichen Feigheit!?

Um den zu jähen Übergang von der Dunkelheit zum Lichte zu vermeiden, hatte man über die Fenster grüne Sarsche gespannt. Dann wurden die Fenster wieder der freien Luft geöffnet, und als die Darsteller dieses grausigen Dramas imstande waren, sich im hellen Tageslichte zu betrachten, da geschah dies, um die während ihrer Abgeschlossenheit von der Außenwelt mit ihnen vorgegangenen Veränderungen zu taxieren. Friederike war alt geworden; sie war genötigt, ihre Haarfrisur zu ändern, ihre Haare gegen die Schläfe zurückzustreichen um die weißen Stellen zu verdecken. Der kleine König hielt, bleich wie der Kalk an der Wand, sein rechtes Auge unter dem Schutz einer Binde; und auf seinem ganzen Gesichte, das von kleinen Zuckungen, von frühreifen Runzeln gestreift war, schien die Last dieser Binde zu ruhen. Welch eine neue Lebensweise für ihn, dieses Blessierten-Leben! Bei Tische mußte er von neuem essen lernen, denn mit seinem schlecht geführten Löffel, seiner schlecht geführten Gabel stieß er sich, zufolge dieser Ungeschicklichkeit eines Sinnes, die alle andern Ungeschicklichkeiten nach sich zog, bald gegen die Stirne, bald gegen das Ohr. Er lachte mit seinem matten Lachen eines kranken Kindes, und die Königin wendete sich aller Augenblicke hinweg, um ihre Thränen zu verbergen. Sobald er nach dem Garten hinunter gehen konnte, stellten sich Ängste und Sorgen andrer Art ein.

Er zauderte, strauchelte bei einem jeden Schritte, nahm links für rechts, fiel sogar oder wich wohl auch, ganz ängstlich und furchtsam geworden, beim geringfügigen Hindernis zurück, hielt sich mit den Händen an seiner Mutter fest, lief um die bekannten Parkwinkel herum, als seien es ebensoviel aufgerichtete Hindernisse. Die Königin suchte zum mindesten seinen Geist zu erwecken; aber die Erschütterung war zweifelsohne zu stark gewesen; mit dem Sehstrahl, hätte man meinen können, war auch ein Denkstrahl erloschen. Er begriff die Mühe, die sein Zustand seiner Mutter machte, recht gut, der arme Kleine; wenn er mit ihr sprach, hob er mit Mühe den Kopf, richtete einen schüchternen, linkischen Blick auf sie, wie um sie seiner Schwäche willen um Verzeihung zu bitten. Aber er vermochte eine gewisse physische, schlecht begründete Schreckhaftigkeit nicht zu überwinden. So verursachte ihm der Knall eines Schusses am Waldessaume, der erste laute Ton, den er seit dem Unglück vernommen, fast einen Anfall von epileptischen Krämpfen. Ebenso fing er das erste mal, als man ihm davon sprach, daß er auf dem Pony reiten solle, am ganzen Leibe zu zittern an.

»Nein . . . nein! Ich bitte Dich,« sagte er und schmiegte sich eng an Friederike, »nimm mich mit in Deinem Landauer.. ich fürchte mich so sehr!«

»Wovor denn?«

»Ich fürchte mich . . . fürchte mich gar sehr . . .«

Weder Gründe noch Bitten, nichts half dagegen.

»Vorwärts denn!« befahl die Königin mit einer Regung von dumpfem Zorn »laßt anspannen!«

Es war ein schöner Sonntag gegen Herbstes-Ausgang, der die Erinnerung an jenen Mai-Sonntag zurückrief, wo sie nach Vincennes hinausgefahren waren. Im Gegensatz zu jenem Tage war Friederike heute des Volkshaufens, der sich auf den Alleen und Rasenplätzen ausbreitete, höchst überdrüssig. Diese Lustigkeit unter freiem Himmel, diese Düfte nach Lebensmitteln widerten sie an. Jetzt stiegen für sie Elend und Traurigkeit aus allen diesen Gruppen und Scharen zur Oberfläche, so sehr sie auch lachten und scherzten, und so sonntäglich auch ihre Kleidung war. Das Kind bestrebte sich, die Falten aus diesem schönen Angesicht zu bringen, dessen freudlosen, bekümmerten Ausdruck er sich zuschrieb, und umgab seine Mutter mit leidenschaftsvollen, schüchternen Schmeicheleien und Liebkosungen.

»Du bist mir böse, Mama, daß ich mich nicht auf den Pony gesetzt habe?«

Nein! sie war ihm nicht böse! Aber, wie würde er es am Krönungstage machen, wenn seine Unterthanen ihn zurückrufen würden? Ein König müßte doch reiten können!

Der kleine, runzlige Kopf drehte sich herum, die Königin mit seinem einzigen Auge anzusehen, und fragte:

»Glaubst Du denn wirklich, daß sie mich noch wollen, so wie ich jetzt bin?«

Sein Aussehen war sehr schwächlich, sehr greisenhaft. Friederike erzürnte indes ob dieses Zweifels, sprach von dem König von Westfalen, der ganz erblindet sei.

»O! ein König zum Lachen . . . man hat ihn hinweggejagt.«

Sie erzählte ihm nun die Geschichte von Johann von Böhmen, der in der Schlacht von Crécy seine Ritter aufforderte, ihn weit genug vorzuschaffen, daß er einen Schwertstreich führen könnte und so weit vor hatten sie ihn geführt, daß man sie am andren Morgen alle tot wiederfand, alle lagen sie hingestreckt im Sande, während ihre Pferde zusammen gekoppelt waren.

»Das ist schrecklich . . . . schrecklich!« sagte Leopold.

Und er saß da, von Schauder geschüttelt, in diese heldenmütige Erzählung versenkt gleichwie in ein Feenmärchen aus dem Munde der Frau von Silvis, so klein, so schwach, so gar gering als König! In diesem Augenblicke verließ der Wagen die Gestade des Sees, um in einen schmalen Gang einzubiegen, wo kaum Platz genug für die Räder war. Es stellte sich jemand, der dort ging, rasch auf die Seite ein Mann, den das Kind, durch seine Binde behindert, nicht sehen konnte, den aber die Königin die Königin! recht wohl erkannte. Ernst, mit harter Miene, mit einem Ruck ihres Kopfes zeigte sie ihm den armen Invaliden, der in seinen Kleidern schlotterte ihr beider zertrümmertes Hauptstück dieses Wrack, dieses arme Überbleibsel eines großen Geschlechts. Es war ihre letzte Begegnung; und Méraut verließ nun Saint-Mandé endgültig.

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